Maria Senz: Beachvolleyball – alles Kopfsache? Eine Retrospektive nach Tokio 2020

Wenn vier Sportler, aufgestellt als zwei gegen zwei, einen Ball über ein Netz baggern, pritschen, schlagen und dabei jeweils 64 qm feinste Sandfläche verteidigen, dann klingt das sehr verdächtig nach Beachvolleyball. Bei den Olympischen Spielen in Japan bot diese Sportart alles, auch aus mentaler Hinsicht. Denn wenn sich diese Sportler auch noch athletisch, technisch und taktisch auf Augenhöhe begegnen, dann entscheidet meist der Kopf über Gewinn oder Niederlage im Rahmen eines Wettbewerbs.

Zum Thema: Sportpsychologie im Beachvolleyball

Beachvolleyball: ein Frage-Antwort-Duell ohne Quiz, ein Schachspiel mit nur vier Figuren, ein Tanzbattle mit ohne Schuhe. Wer hat die überzeugendere Choreografie und hält sie konstant?

Es war ein Augenschmaus, all die überaus technisch, taktisch und athletisch souveränen Elite-Beacher durch den olympischen Sand in Tokio zu verfolgen. Danke für diese kostbaren Momente!

Anforderungen an Beachvolleyballspieler und -spielerinnen

Beim Verfolgen der Spiele kam ich immer wieder zu der Frage: Welche Atmosphäre brauchst du auf dem Beachfeld, um durch routinierte und intuitive Bewegungsabläufe fokussiert, konzentriert und wachsam Punkt für Punkt einzusammeln?

– Ruhe

– Entspannung

– Vertrauen

– Sicherheit

– Stabilität

– Gelassenheit

– Zielabsicht

– Mut

– Wachsamkeit

– Stolz

Greifen wir ein Beispiel aus dieser individuell unvollständigen Liste heraus – jenes rund um die Wachsamkeit. Wer dies beherrscht, kann ein Spiel Antizipieren und Lesen. Strategie, Lieblingsaktionen, Lieblingsschläge beim Gegner erkennen und mit entsprechenden Handlungen irritieren, stören und wegnehmen. Das steigert das eigene Selbstbewusstsein, Vertrauen und Sicherheit und führt zu Wohlfühlen auf dem Feld – es wird ein Heimspiel. [Kopfsache]

Den Gegner aus dem Konzept bringen

Um dein Ziel zu erreichen, das Spiel zu gewinnen, gilt es die gegnerische Strategie zu zerstören. Unruhe, Verwirrung, Ziellosigkeit führen zu Fehlern in den Aktionen.

Ein Beispiel: Druck im Aufschlag führt zum direkten Punkt oder zu einer unsauberen Annahme, die den Spielaufbau erschwert und den Angriff im schlimmsten Fall zu einer Rettungsaktion macht, so dass das Punkten aus dem eigenen Side out unmöglich wird. Eigenfehler und direkte Punkte durch das andere Team lösen Frust, Hadern und Zweifel aus. Der Kopf fängt an zu denken und die Bewegungsabläufe sind nicht mehr intuitiv. Denken lähmt den Körper: langsamer in Reaktion, Koordination und Bewegung führt zu Ballverlust. Dazu kommt Enttäuschung in den Gedanken und sichtbar in der Körpersprache: Blick in den Sand, gebeugte Haltung, fehlende Körperspannung, kein Abklatschen, keine Kommunikation, kein Lächeln. Im schlimmsten Fall vorwurfsvolle und ratlose Blicke zum Spielpartner. Leere und Talfahrt breiten sich aus und das Abrufen der eigenen Choreografie ist ferner liefen. [Kopfsache]

Ein Wettlauf mit der Zeit und die Herausforderung Selbstbestimmung

Während dein Selbstbewusstsein immer tiefer im Sand versinkt, steigt die Punkteskala beim Gegner. Druck blockiert deine Ideen und Lösungen für kluge Spielzüge. Gleichzeitig hast du Möglichkeiten, dir wertvolle Zeit zum Durchatmen, Sortieren, Taktik anpassen, Fokussieren, Durchstarten zu schaffen: Auszeiten, Challenge, Seitenwechsel, Brille putzen, Sand und Linien richten, uvm. Nutze es! [Kopfsache]

Solange du Regie führst, das Zepter in der Hand hältst und deine maximale Leistung abrufst, läuft dein Spiel. Mach dir bewusst, welche Atmosphäre dazu beiträgt, dass du voll und ganz bei dir bist. Was brauchst du, um diese Atmosphäre zu etablieren? [Kopfsache]

  • Kleidung: Was verbindest du mit deinem Outfit? Wer bist du mit deinem Outfit?
  • Glücksbringer: Kette, Ring, Kappe, Armstulpe, Tuch…
  • Rituale: beim Aufschlag, vor dem Spiel, in die Hände klatschen vorm Angriff, Motivationsrufe vom Mitspieler, Sand die Arme entlang rieseln lassen
  • Atmen: als zentrales Element zum Energie, Kraft und Mut tanken sowie Frust, Zweifel, Fehler loslassen

Teamwork makes the dream work

Ein ausgewogenes Teamwork: ein vertrautes Miteinander im Sand schafft Souveränität und Selbstbewusstsein – Unterstützen, Teilen, Punkt für Punkt feiern, Jubeln, Anpassen, Ausgleichen, Abklatschen, Kommunizieren. Gleichzeitig hat jeder seine Rolle auf dem Feld: die flink-füßige Abwehr und der strapazierfähige Block. Klare Abgrenzung von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung bringen Struktur, Ordnung und Fokus. [Kopfsache]

Und wenn es am Ende doch die Niederlage ist, sich gegenseitig aufbauen, frische Energie tanken und weitermachen. Zeit heilt wunden. This is Beachvolleyball… and life!

Kopfsache

Da der Kopf eine entscheidende Rolle spielt, hast du es auch selbst im Griff: Es ist dein Kopf und du selbst hast Einfluss auf deine Gedanken, deine Emotionen, deine Verhaltens- und Bewegungsabläufe. Und: du kannst es trainieren, parallel zu Technik, Taktik und Athletik. Trau dich!

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Maria Senzhttp://www.co-senz.de
Sportarten: Beachvolleyball, Volleyball, Kitesurfen, Leichtathletik

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