Dr. Hanspeter Gubelmann: Wenn der Olympia-Blues zuschlägt – ein Phänomen, das alle Olympia-Teilnehmer*innen betrifft!

Vergangene Woche schockte eine Mitteilung zum aktuellen Gesundheitszustand von Nina Christen die helvetische Sportöffentlichkeit. Die Schweizer Goldmedaillen-Gewinnerin von Tokio leidet an einer «post-olympischen Depression» und bestreitet bis auf Weiteres keine Wettkämpfe mehr. Handelt es sich beim Shooting-Star des Schiesssports um einen Einzelfall? Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse zum Verarbeiten von Erfolg und Höchstleistungen lässt sich am Beispiel des Olympia-Blues zeigen, welche Vorkehrungen und Massnahmen einem emotionalen Grounding entgegenwirken helfen.

Zum Thema: Psychische Gesundheit und Gesunderhaltung im Leistungssport 

Es sind Bilder, wie sie wohl nur der Sport produzieren kann: Da die überglückliche, freudenstrahlend jubelnde und gleichzeitig in Tränen aufgelöste Siegerin – dort der bitterlich weinende, zu Tode betrübte und unsäglich mit sich hadernde Verlierer. 

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Olympische Spiele leben von einer unglaublichen Bandbreite emotionaler Eruptionen ihrer Protagonist*innen. Die gewaltige Medialisierung dieses Events führt dazu, dass sich die epischen Höhenflüge und live am TV mitgelittenen Dramen tief in unser Bewusstsein einbrennen. Eine der eindrücklichsten Erfahrungen, die ich hierzu je hautnah miterleben musste, betraf die Tragödie um die Australierin Jane Saville. Die Geherin wurde an ihren Heimspielen in Sydney 2000 im 20km-Rennen nur 200 Meter vor dem Ziel – in Führung liegend – aus dem Rennen genommen. Einige Stunden später war ich im riesigen Mediacenter zugegen, wo die bedauernswerte Athletin von Station zu Station der internationalen Presse gereicht wurde. Immer und immer wieder wurde sie mit der Farce ihrer Disqualifikation konfrontiert, stammelte erst einige Wortbrocken um dann hemmungslos weinend zusammenzubrechen. Dieses Scenario wiederholte sich viele Male, bis zur völligen Erschöpfung der Athletin. In einem ihrer letzten Interviews in Sydney antwortete sie auf die Frage, was sie jetzt brauchen könne, mit: „Eine Waffe, um mich zu erschiessen“. Jahre später meinte sie: „Es war eine schlimme Erfahrung, langfristig gesehen aber eine lehrreiche.“

Es trifft (fast) alle…

Die Olympischen Spiele sind die größte Bühne, auf der sich Athlet*innen messen können. Aber auch die Zeit nach den Olympischen Spielen bedeutet für sie eine besondere Herausforderung, da sie oft vor lebensverändernden Entscheidungen stehen. Athlet*innen, die den Post Olympic Blues (POB) als besonders einschneidend erlebt haben, beschreiben sich als unmotiviert, isoliert und einsam. Aus wissenschaftlicher Sicht drängen sich Fragen nach ursächlichen Gründen und unterschiedlichen Prozessverläufen des POB-Phänomens auf. Howell & Lucassen (2018) untersuchten in ihrer Studie mit britischen Athletinnen, ob es sich bei diesem negativen Affekt um ein „normales“ kurzfristiges Phänomen handle oder es Hinweise auf ernstere und dauerhaftere Auswirkungen gebe. Die Erfahrungen der Athlet*innen in der olympischen und nacholympischen Zeit von Rio 2016 waren durch Hochs rund um die Olympischen Spiele und Tiefs nach ihrer Rückkehr ins Vereinigte Königreich gekennzeichnet. Es gab verschiedene zeitliche Perioden, die für die Betrachtung des “post-olympischen Blues” relevant waren: Die olympische Erfahrung, die Heimkehr und das Vorwärtskommen. Ein viertes Thema, die Berühmtheit (celebrity), umfasste eine ganzheitliche und dynamische Persönlichkeitsentwicklung im Laufe der Zeit. 

Die Studie kommt zum Schluss, dass alle Olympia-Teilnehmer*innen vom „Olympia-Blues“ betroffen seien – wenn auch in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Besonders relevant erscheinen dabei zwei Hauptbefunde, wonach alle Befragten ihre Heimkehr von den Spielen (auch) mit negativen Emotionen und Verhaltensweisen beschrieben. Diese negativen Erfahrungen wurden inhaltlich insbesondere mit fehlendem sozialen Support in Verbindung gebracht. Interessant auch: Die Prävalenz von POB war bei Athlet*innen, die mit ihrer Leistung unzufrieden waren, höher als bei jenen, die zufrieden waren. Und: die POB-Prävalenz war bei den Teilnehmer*innen höher, die nach den Olympischen Spielen nicht zurücktraten.

Die Phase nach Olympia will geplant sein!

Auffällig ist, wie wenig Beachtung dem Thema der „post-olympic-phase“ (POP) in der wissenschaftlichen Optik insgesamt geschenkt wird. Bennie et al. (2021) untersuchten in ihrer Studie die Erfahrungen australischer Olympia-Athleten nach Abschluss der Olympischen Spiele 2016 in Rio, einschließlich der Faktoren, die zu ihrem Wohlbefinden während dieser Zeit beigetragen oder dieses beeinträchtigt hatten. Die Autoren streichen die Bedeutsamkeit einer angemessenen Leistungsbeurteilung im Verhältnis zur gesetzten Leistungserwartung heraus. Viele Athleten, die von positiven Erfahrungen während des POP berichteten, hatten zudem im Voraus geplant, was sie während des POP tun wollten. Für diese Athleten schien allein das Vorhandensein eines Plans eine positive Einstellung zu fördern – unabhängig davon, ob sie einen Urlaub planten, in ihr gemütliches Zuhause zurückkehrten und/oder wieder an regulären Sportwettkämpfen teilnahmen. Zentrale Bedeutung in der Gestaltung der nach-olympischen Phase wird schliesslich dem Umfeld und der Verfügbarkeit von psychosozialer und finanzieller Unterstützung (bzw. deren Fehlen) durch Familie, Freunde, Trainer und Sportorganisationen beigemessen. 

Athlet*innen, die sich gestützt auf ein starkes Unterstützungsnetzwerk deutlich besser und stressresistenter bezeichnen, erlebten die POP bedeutend positiver als jene, die durch Umstrukturierungen, Trainerwechsel, Zukunftssorgen oder andere negative Einflüsse im Umfeld handicapiert waren. Aus der in Abbildung 1 dargestellten Übersicht bedeutsamer Themen in der Nach-Olympia-Phase lassen sich folgende anwendungsorientierte Leitideen formulieren: Normalisierung und Anpassung, Stärkung des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit, Umgang mit Enttäuschung und/oder Erfolg, soziale Unterstützung im Umfeld sowie Rückkehr in den vor-olympischen Alltag. 

Abbildung 1: Repräsentation der Themen in der Nach-Olympia-Phase nach Bennie et al. (2021)

Lessons learned in der Funktion eines (Sportpsychologie affinen) Managers

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schnell sich die Situation und die Perspektive auf die POP an Olympischen Spielen verändern kann. Ende 1998 wurde ich angefragt, als Sportpsychologe im Team der Schweizer Skisprung-Nationalmannschaft mitzuwirken. Im Februar 2002 krönte Simon Ammann seinen mirakulösen Auftritt an den Spielen in Salt Lake City mit seinem ersten Gold-Double. Noch im Olympischen Dorf entschied Simon und das Team, dass zukünftig ich ihn in der Funktion des Managers betreuen sollte. 

Niemand konnte damals ahnen, wie sehr sich sein und mein Leben ab Tag „Salt Lake City +1“ verändern würde. Aus diesen mehrjährigen Erfahrungen und gestützt auf die erörterten sportwissenschaftliche Befunde lassen sich eine Reihe praktischer Anregungen und Hilfestellungen für Personen ableiten, die sich für das Wohl olympischer Athleten in ihrer POP einsetzen möchten. 

  • Stichwort: Langfristige Planung: Tag X+1

Schon in der Vorbereitung auf Olympische Spiele ist darauf zu achten, dass der Planungs-Horizont über das Ende der Olympiade reicht!

  • Stichwort: Debriefing der Olympischen Kampagne

Eine detaillierte und umfassende Auswertung der individuellen „Olympia-Mission“ steigert nicht nur das subjektive Wohlbefinden, sondern vor allem auch das Selbstwertgefühl.

  • Stichwort: Nutzbarmachen der Erfahrung

Es heisst: Sieger wissen, wie man gewinnt. Diese Erkenntnisse nutzen Champions im Verlaufe ihrer Karriere immer wieder erfolgreich!

  • Stichwort: Erdung vs. Grounding

Der Prozess der Normalisierung und Wiederanpassung benötigt Zeit und aktives Engagement/Unterstützung.

  • Stichwort: Reduce to the max!

Im Umgang mit oftmals vielen Verpflichtungen im Umfeld des Spitzensports lohnt sich eine angemessene Zurückhaltung – vor allem auch langfristig!

  • Stichwort: Psychophysische Gesundheit

Die aktuelle Praxis im Höchstleistungsbereich des Olympischen Sports zeigt, dass Spitzensportler*innen zunehmend an ihre Grenzen stossen. Die Wahrung und Stärkung der psychischen Gesundheit aller Protagonisten muss im Vordergrund stehen.

  • Stichwort: Schutz der Intimsphäre und der Integrität

Spitzensportler*innen haben ein Anrecht auf Privatsphäre und respektvollen Umgang. Immer! Das gilt auch im Umgang mit Medien.

  • Stichwort: Selbstbestimmter Freiraum und grüne Inseln

Das höchste Gut im Spitzensport ist Zeit. Diese ist bemessen an der Karrieredauer im Spitzensport besonders wertvoll – insbesondere dort, wo Zeit auch Freiraum für den jungen Menschen bedeutet.

  • Stichwort: Unterstützungs-Netzwerk nutzen und entwickeln

Olympische Spiele bieten im Nachgang – eben auch in der POP – die Chance zur Entwicklung neuer oder alternativer Karriereoptionen für das Leben nach dem Spitzensport. Dazu hilft primär ein funktionales Unterstützungsnetzwerk.

Epilog 1: Apropos Unterstützungsnetzwerk: Sportlifeone – ein Netzwerk aus 8 Partnerorganisationen – bietet im Schweizer Spitzensport erstmalig ein kompetentes Umfeldmanagement an, dass sich auch um Sportler*innen kümmert, wenn der letzte Applaus verhallt ist. Am 16. September 2021 findet in Winterthur ein Community Day statt, an dem Kurzentschlossene herzlich willkommen sind. Hier geht’s zur Anmeldung:

https://sportlifeone.ch/community-day-vom-16-september/

Epilog 2: In der Sendung sportdate (Ausgabe 13.9.2021) spricht Olympiasiegerin Nina Christen davon, sich jetzt genügend Zeit zur Verarbeitung der vergangenen Spiele zu nehmen – auch um 2024 in Paris wieder motiviert an den Start gehen zu können.

https://www.sportdate.tv/sendungen/13-09-2021

Epilog 3: Ihr sucht sportpsychologische Betreuung? Dann schaut euch gern auf unseren Profilseiten um, sich findet sich eine passende Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner aus unseren Reihen – vielleicht sogar ganz in der Nähe: Profilinhaber Die Sportpsychologen

Mehr zum Thema:

Quellen:

Bennie, A., Walton, C.C., O’Connor, D., Fitzsimons, L. & Hammond, T. (2021). Exploring the Experiences and Well-Being of Australian Rio Olympians During the Post-Olympic Phase: A Qualitative Study. Front. Psychol. 12:685322. doi: 10.3389/fpsyg.2021.685322

Howells, K. & Lucassen, M. (2019). ‘Post-Olympic blues’ –The diminution of celebrity in Olympic athletes, Psychology of Sport and Exercise, 37,p. 67-78,

https://www.blick.ch/sport/olympia/tokio2020/schlaflosigkeit-massive-erschoepfung-schiess-pause-olympia-depression-trifft-gold-heldin-christen-hart-id16814103.html

https://www.sportdate.tv/sendungen/13-09-2021

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