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Johannes Wunder: Aktivation steuern, um Bestleistungen zu erreichen

Die letzten zwei Spielminuten sind angebrochen. Wir liegen mit zwei Punkten hinten. Im Basketball geht es jetzt um Alles. Das Spiel schreitet voran, niemand ist in der Lage sich abzusetzen. Kurz vor Ende des Spiels ertönt die Pfeife des Schiedsrichters. Foul! Wir liegen immer noch mit zwei Zählern zurück. Einer unserer Top-Spieler geht an die Linie. Zwei Würfe, zwei Treffer nötig – um auszugleichen und eine Chance auf Verlängerung zu haben. Der Sportler konzentriert sich, setzt zum Wurf an und – Treffer! Die Halle tobt, die Atmosphäre ohrenbetäubend. Noch ein Versuch, der Ball in den Händen des Schützen. Konzentration, Wurf, Ringberührung, Ball fällt seitlich auf den Boden. Spiel ist vorbei, wir verlieren mit einem Punkt unterschied. Kein Happy End! Wirklich nicht ?

Zum Thema: Parallelen von Business und Spitzensport

Meine Arbeit als selbständiger Berater und Coach im Leistungssport (www.johannes-wunder.de) gibt mir Einblicke in zweierlei Welten. Auf der einen Seite sind die Sportler, die tagtäglich an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus gehen. Auf der anderen Seite habe ich mit Personen zu tun, die mit beiden Beinen im Berufsleben stehen und nicht selten ähnliche Herausforderungen zu meistern haben wie meine Sportler. 

Ich mach es mal plastisch: Lange haben wir auf diesen Moment hingearbeitet. Wochenlange Vorbereitungen, Umzug ins neue Büro, Website, Flyer, erste Kundenkontakte. Nun sitzen wir hier in diesem Bürogebäude und reden bereits seit über eine Stunde mit dem Geschäftsführer einer großen Firma. Das Gespräch läuft gut, doch wir brauchen einen Abschluss. Als es ins Detail geht, werde ich zunehmend unsicherer. Ich beginne zu zweifeln, ob der Preis zu unserer Leistung stimmig ist. Tausendmal haben wir im Vorfeld alles durchdacht. Wir waren uns sicher, gut auf das Gespräch vorbereitet zu sein. Minuten später verlassen wir das Gebäude, die Absage kommt am nächsten Tag. Auch hier kein Happy End ?

Leistung und Performance 

Die zwei Beispiele zeigen eine Sache: Leistungserbringung und Performance können in allen Lagen des Lebens ein Thema sein. Der Fußballtrainer Nico Kovac äußerte sich erst jüngst zum Thema der Trainierbarkeit von Elfmetersituationen: „Das kann man gar nicht simulieren. Es sei, man sagt pro Fehlschuss 50.000 Euro.“ Wir sind uns alle im Klaren darüber, dass wir einem großen Druck ausgesetzt sein können, wenn es darauf ankommt, Leistung auf den Punkt zu bringen. Das haben wir in beiden Beispielen gesehen. Und doch gibt es ein paar interessante Werkzeuge, die hier absolut hilfreich sein können, auch bei vermeintlich untrainierbaren Situationen.

Wir sprechen in diesen Situationen auch gerne von Stress. Weniger geläufig ist der Begriff Aktivation. Betrachten wir uns also den körperlichen und geistigen Zustand der beiden Leistungserbringer an der Freiwurflinie oder am Verhandlungstisch: Fast ein ganzes Spiel steckt dem Sportler in den Knochen, Lärm und der Gedanke an eine mögliche Niederlage verursachen ein hohes Aktivationslevel. Gleiches Bild im Business: Eine lange Verhandlung, mit Unsicherheit und einem möglichen negativen Ausgang. Beides erzeugt Druck und überall spielt die Konsequenzerwartung eine entscheidende Rolle. Die Überlegungen, welche Auswirkungen die eigene Leistung haben könnte verursacht also eine Zunahme des Aktivationslevels.

Aktivationslevel und die Qualität der Leistungserbringung

Wissenschaftlich belegt gibt es übrigens einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Aktivationslevels und der Qualität der Leistungserbringung. Damit hat jeder von uns, egal ob Sportler oder Unternehmer/Angestellter/Selbstständiger bereits seine eigenen Erfahrungen gemacht: Frisch aus dem Bett gestiegen, sind wir nicht einmal im Ansatz so leistungsfähig, wie gewohnt (niedriges Aktivationslevel). Und manchmal geht in Extremsituationen gar nichts mehr (hohes Aktivationslevel). Letzteres kommt häufig in Prüfungssituationen vor – der berühmte „Black-Out“.

Fakt ist, dass wir bei mittlerer Aktivation die höchste Leistung erbringen können. Fakt ist aber auch, dass wir dieser Aktivation nicht hilflos ausgeliefert sind. Wäre es mit diesem Wissen nicht besonders elegant, das Aktivationspegel immer genau dann in die Mitte zu schieben, wenn wir Leistung bringen wollen? 

Umgang mit unserem Aktivationslevel

Schauen wir noch einmal auf einen gewöhnlichen Tag von uns. Wir schlafen, stehen auf, arbeiten, essen, gehen zum Sport und schlussendlich wieder ins Bett. So oder so ähnlich. In den meisten Fällen müssen wir uns um eine zu geringe Aktivation keine Gedanken machen. Die äußeren Einflüsse, Arbeit, Familie und auch Sport sorgen für eine hohe Aktivation. Auch das Nutzen von digitalen Medien ist alleine durch das helle Licht für unseren visuellen Sinn bereits ein „Aktivator“. Mal ganz abgesehen davon, dass für viele das „immer online sein“ ein weiterer Stressor ist. 

Es wird also klar: Wir sind häufig eher über- als unteraktiviert. Und: Wir verschenken so wichtige Punkte in der Leistungsfähigkeit und unserer Performance!

Johannes Wunder

Johannes Wunder bietet u.a. Kurse zum Thema Stressmanagement für Leistungssportler an. Über diesen Link erfahrt ihr mehr und könnt direkt Kontakt aufnehmen:

Informationen zum Kurs „Stressmanagement für Leistungssportler“

Zum Profil von Johannes Wunder bei Die Sportpsychologen:

https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Regulation des Aktivationslevels

Das Gute vorweg: Wir haben seit unserer Kindheit bereits viele Möglichkeiten eingespeichert, die uns helfen, unser Aktivationslevel zu regulieren. In der Psychologie wird hier von Coping gesprochen, also „alle kognitiven, emotionalen und behaviouralen Anstrengungen, die dazu dienen Belastung und Stress zu bewältigen!“ (Trautmann- Sponsel zit. nach Städtler, T. 1998, S, 124). (Stangl, 2019).

Nicht alle davon sind aber wirklich nachhaltig im Sinne der Aktivationsregulation, sondern geben kurzzeitig Entspannung. Dennoch können wir unsere Aktivation steuern – im Optimalfall sogar wie ein Pegel variabel hin und her verschieben. Nachfolgend möchte ich dir einige Methoden vorstellen, wie du deine Aktivation hoch und runter regulieren kannst.

Methoden zur entspannenden Regulation

  • Achtsamkeitstraining
  • Meditation
  • Progressive Muskelentspannung
  • Entspannungstraining mit Musik
  • Autogenes Training
  • Sport im aeroben Bereich 

Bei allen Methoden ist es jedoch wichtig zu lernen und zu erkennen, welchen Effekt sie auf den eigenen Körper haben. In der berühmten „VUKA“ Welt, die nicht nur im Business, sondern auch im Sport erkennbar ist, ist die Gefahr groß, den Zugang zum eigenen „Ich“ zu verlieren. Hier können vor allem Achtsamkeitsübungen helfen, um eine Verbindung mit dem eigenen Tun zu fördern und wiederherzustellen. In der Wissenschaft spricht man hier auch von Resonanz. Mit einer Sache in Verbindung treten, kann nicht nur Sportlern helfen. Für Sportler ist es wichtig, dass bei teilweise täglichem und stundenlangem Training keine derartige Routine entsteht, die das eigentliche Tun, nämlich die Ausführung der Sportart, an einem vorbeirauschen lässt. Auch im Business und speziell im Bereich StartUps steht ähnlich wie bei Profisportlern eine hohe Zielfokussierung im Vordergrund. Und der Weg zum Ziel, mit den kleinen Erfolgen oder Resonanzerlebnissen bleibt häufig unbeachtet. Schafft man es aber, diese Situationen und Momente zu begreifen beziehungsweise einzufangen, entsteht ungeahnte Energie und Zufriedenheit. Eine Art der Schleuse, die ich weiter unten nochmals näher beschreiben möchte. 

Generell ist festzuhalten, dass eine Regulation, in diesem Falle eine Entspannung sowohl körperlich als auch mental wirkt. Das wurde im Bereich Achtsamkeit inzwischen mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Die gegenseitige Wirkung von Körper und Geist bedingt sich und war auch für den Begründer der Progressiven Muskelentspannung Anlass dazu, zu vermuten, dass psychische Spannungszustände körperliche Reaktionen hervorrufen und umgekehrt die Reduktion von körperlicher Spannung ein psychisches Wohlbefinden verursacht. Das geht wissenschaftlich belegt sogar soweit, dass sich Angstzustände und Unwohlsein minimieren lassen.

Hinweis: Diese zwei Methoden der Spannungsregulation sind natürlich nur ein Bruchteil von dem, was alles möglich ist, geben aber einen guten Einblick in die Wirkungsweisen und sind aus eigener Erfahrung absolut zu empfehlen. Sowohl im Sport, als auch im Business.

Methoden zur aktivierenden Regulation

  • Schnelle und schwunghafte Bewegungen
  • Reizreiche Umwelt
  • Anregende Musik
  • Selbstgespräche

Wenn man doch mal kurz nach dem Aufstehen ein Meeting hat und sich absolut noch nicht im mittleren Aktivationslevel befindet, helfen die gerade genannten Methoden. Mein absoluter Favorit ist die Wirkung von Musik. Probier mal die selbe Runde zu joggen, einmal mit klassischer Musik und einmal mit Rock. 

Vorausgesetzt, Rock ist in Ordnung für dich. Alternativ einfach eine andere Musikrichtung mit etwas mehr „wums“ ?

Was unsere tägliche Performance mit der Schleuse zu tun hat

Abschließend also noch etwas zur Schleuse. Die Theorie geht soweit, dass wir nicht nur tagsüber unser Aktivationslevel aktiv steuern und regulieren sollten, um optimal und punktgenau leistungsfähig zu sein. Es empfiehlt sich dieses Wissen auch über einen größeren Zeitraum zu nutzen. Immer wenn es eine Belastung, also eine Erhöhung des Aktivationslevels gab, sollte danach auch eine aktive Entspannung folgen. Das hilft das natürliche Pegel, welches sich immer zwischen Tiefschlaf und maximaler Erregung befindet so zu steuern, dass weder dauerhafte Erschöpfung noch Unterforderung eintritt. Übrigens ist ein dauerhaft hohes Aktivationslevel ohne Ausgleich nicht nur eine Ursache für zurückgehende Leistung, sondern einer der Hauptgründe für chronischen Stress und damit auch Erkrankungen wie zum Beispiel Burn-Out.

Wichtig ist also, dass wir Werkzeuge haben, die es uns ermöglichen, unser Aktivationslevel zu beeinflussen. So schaffen wir den notwendigen Ausgleich, um überhaupt Top-Leistungen zu bringen. 

Wissen für Spielfeld und Verhandlungstisch

Mit diesem Wissen kann der Sportler an der Freiwurflinie die innere Spannung anders wahrnehmen und reduzieren und so seine Leistungsfähigkeit erhöhen. Und auch am Verhandlungstisch können regulierende Techniken das aufkommende Unwohlsein regulieren. Die Regulation kann aber in beiden Fällen durch regelmäßiges Training im Vorfeld auch so nachhaltig wirken, dass zwar die Situation die gleiche bleibt, aber die körperliche und geistige Reaktion eine andere ist. Denn jeder Mensch reagiert verschieden auf den gleichen Aktivator – spannend wird es dann, wenn wir selbst beeinflussen, wie!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer-optimal-aktiviert-zwischen-anspannung-und-entspannung/

https://www.die-sportpsychologen.de/johannes-wunder-stressmanagement-im-nachwuchsleistungssport/

https://www.die-sportpsychologen.de/dr-rene-paasch-unter-stress-leistung-bringen/

Literatur

Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Coping‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/36/coping/ (2019-08-17)

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Johanna Constantini: Dealing with the „shitty days“ – Von Sinn & Grenzen beim Tiroler Tag der Sportpsychologie

Wer sich für das Thema Sportpsychologie interessiert, der ist in der wunderbaren Situation, dass aktuell immer mehr hoch interessante Veranstaltungsformate das Licht der Sportwelt erblicken. Ich denke da an die VIRTUAL APPLIED SPORT PSYCHOLOGY SUMMIT 2019 vom 24. bis 27. September 2019 oder an unser Event „Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp“ vom 28. bis 29. September in Leipzig (mehr Infos). Aber auch die etablierten Konferenzen wie zum Beispiel die asp-Jahrestagung oder neue und wachsende Formate wie den Tag der Sportpsychologie NRW von Jürgen Walter gehören in diese Liste. Kürzlich war ich bei einer Veranstaltung, die für viele – mich inbegriffen – unverrückbar zum Jahreskalender gehört: Der Tag der Sportpsychologie in Innsbruck. Ein wunderbarer Ort zur Weiterbildung, zum Netzwerken und zum Erfahrungsaustausch.

Zum Thema: Rückblick auf den Tag der Sportpsychologie 2019

“Was muss passieren, wenn der Flow abreißt?”, diese Frage stellt Christopher Willis, Begründer und Ausbilder des Center of Mental Excellence zum Auftakt des Tages der Tiroler Sportpsychologie 2019.

“It’s about having a good shitty day” wurde dem jungen Willis diese Frage einst von Ken Ravizza beantwortet. Den Sportpsychologen und Supervisor lobt Willis in höchsten Tönen, hat der US-Amerikaner es zu Lebzeiten schließlich stets geschafft, über den Tellerrand zu blicken. Nämlich dorthin, wo die trainingsspezifischen Grenzen aufgezeigt werden und die Probleme des Lebens für den Athleten erst starten…

Unsere Herausforderungen

Um einige Erkenntnisse reiche - Ich bin froh mich als Freiwillige beim Workshop mit Markus Rogan gemeldet zu haben © privat
Um einige Erkenntnisse reicher – Ich bin froh mich als Freiwillige beim Workshop mit Markus Rogan gemeldet zu haben © privat

Ein wichtiger Einstieg in das jährliche Zusammentreffen von Psychologen, Trainern, Sportpsychologen & Athleten, denn die Sportpsychologie darf weit mehr sein, als mentales Training in verschlossenen Hallen. Einfach weil das Leben mit all seinen Herausforderungen vor dem Sport nicht Halt macht, sollte vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe mehr Gewicht bekommen. Darin sind sich auch die folgenden Referenten einig.

Ulf Haefelinger von Red Bull Salzburg fragt vor gespanntem Publikum nach dem Sinn. Nach dem Sinn der Sportpsychologie im Spitzenfußball nämlich. Inspiriert von Existentialist Viktor Frankl teilt er in Schaffens-, Erlebnis- und Einstellungswerte ein und die Botschaft dazu lautet: Es geht stets darum, SELBST aktiv zu werden, das eigene Erleben zu hinterfragen aber auch zu wissen, wie man persönlich mit Stillstand, mit schlechten Phasen umgehen kann. Weil die “letzte der menschlichen Freiheiten darin besteht, die Wahl der Einstellung zu den Dingen zu haben” sind es die EIGENEN Antworten, die entscheidend sind.

Klassenzimmerfetischismus

Dass wir den Athleten diese „Ver-Antwortung“ als Psychologen nicht abnehmen dürfen, verdeutlicht auch Schwimmstar Markus Rogan in seinem abschließenden Vortrag. Der Ausnahmeathlet plädiert dafür, die Expertenrolle inmitten eines „Klassenzimmerfetischismus“ abzulegen und sieht die größte Verantwortung darin, auch mal nichts zu tun. Dieses Nichtstun ist es nämlich, wodurch sich Athleten genügend Raum verschaffen können, um an sich selbst zu arbeiten. Unter dem Motto „Fuck the Flow“ – wie es Ravizza einst formulierte – gilt es vielmehr, als Psychologe, Sportpsychologe oder Coach die bedingungslose Wertschätzung auch dann zu vermitteln, wenn der gefürchtete „shitty day“ zur Realität wird…

Johanna Constantini, die-sportpsychologen.at

Johanna Constantini

Sportarten: Pferdesport, Laufsport, Wintersport, u.a.

Kontakt: j.constantini@die-sportpsychologen.at

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zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Dankeswort

Ein sehr erkenntnisreicher Tag mit vielen spannenden Einsichten in die Arbeit verschiedenster Experten. Vielen Dank an die Veranstalter vom Center of Mental Excellence und den Grillhof in Vill.

Der Beitrag ist am 13. September 2019 auf Johanna Constantinis Seite Constantini.at erschienen. (zum Original-Beitrag).

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/02/die-rote-couch-das-sportpsychologie-barcamp-jugendfussball-28-29-09-2019-in-leipzig
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/21/prof-dr-oliver-stoll-die-sportpsychologen-werden-immer-wichtiger
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/15/was-euch-erwartet-themenueberblick-fuer-die-rote-couch-das-sportpsychologie-barcamp-in-leipzig-28-29-9-2019

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Markus Gretz: Ein paar Gedanken zur Basketball-WM 2019

Die deutsche Basketball Nationalmannschaft ist mit viel Spott und Häme schon in der Vorrunde der Weltmeisterschaft in China aus dem Turnier ausgeschieden. Auch die großen Favoriten USA und Serbien sind früher gescheitert als gedacht. Einmal mehr hat die Sportart Basketball gezeigt, dass Tugenden wie Einsatz und Teamplay essentiell für den Erfolg einer Mannschaft sind und nicht allein die Individuelle Klasse einzelner Akteure ausreicht, um eine Mannschaft zum Erfolg zu führen.

Zum Thema: Einstellung als Schlüssel zum Erfolg

Besonders der Mangel an Intensität, Teamplay und Einsatz wurde nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in der Vorrunde gegen die Dominikanische Republik von der Presse und in den sozialen Medien bemängelt. Die „talentierteste deutsche Mannschaft aller Zeiten“ scheidet schon in der Vorrunde gegen den Underdog aus der Karibik aus. Auch die Serben und die US-Amerikaner scheiterten an vermeintlich schwächeren Gegnern. Natürlich spielt im Sport auch immer die Tagesform oder Zufall sowie Glück eine Rolle. Aber wenn man die betreffenden Spiele genau beobachtet hat, konnte man beim Underdog eine deutlich stärkere Intensität und mehr Einsatz in entscheidenden Situationen sehen. 

Intensität und Einsatz sind immer mit der Einstellung verknüpft, mit der man in ein Spiel geht. Als Favorit muss man sich die Einstellung, vollen Einsatz und hohe Intensität zu gehen, bewusst hervorrufen. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Es ist eine ganz natürliche menschliche Eigenschaft, nur das nötigste zu investieren, um zum Erfolg zu kommen. Ein Underdog hat vor dem Spiel automatisch und oft sogar unbewusst die Einstellung: „Um dieses Spiel gewinnen zu können, muss ich alles geben.“ Ein Favorit muss diese Einstellung bewusst und gezielt herstellen, um sich nicht auf seiner Stärke auszuruhen. 

Teamplay als wichtiger Faktor 

Genauso sieht es mit dem Teamplay aus. Bei den Favoriten mit herausragenden Individualisten verlässt sich die Mannschaft zu oft auf einzelne Spieler, wie zum Beispiel bei Deutschland auf den NBA Star Dennis Schröder. Dabei wird dann teilweise das Teamplay vernachlässigt und der Individualist nimmt alleine schwierige Würfe, anstatt mit der gesamten Mannschaft einen einfachen Wurf zu erarbeiten. Wenn die Einstellung aber vorher bewusst hergestellt wird, dass man das Spiel nur als Team gewinnen kann und die eigene Leistungsfähigkeit zwar selbstbewusst eingeschätzt aber nicht überschätzt wird, dann kann offensiv ein Teamplay entstehen, dass nur schwer zu verteidigen ist. So haben es auch die Überraschungsteams aus Argentinien, Tschechien und Polen eindrucksvoll gezeigt, die zwar auch überragende Einzelakteure haben und trotzdem vor allem als Team zusammen spielten.

Markus Gretz

Einer unserer Basketballexperten im Netzwerk ist ein echter Teamplayer. Holt ihn euch für Vorträge zu Themen wie Konfliktmanagement in Sportmannschaften, Wettkampfangst oder zum Pausenverhalten von Trainern ins Boot.

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Umgang mit Kritik

Natürlich ist es keine leichte Aufgabe, mit heftiger und teilweise ungerechtfertigter Kritik umzugehen. Spieler wollen ihren Selbstwert schützen und Trainer und Funktionäre wollen ihre Spieler und teilweise auch ihr Produkt schützen. In der Öffentlichkeit ist dies noch viel schwieriger. Wenn man von den Medien starke Kritik erfährt, steht man erst mal in der Defensive und ist es als Sportler gewohnt, abzuwehren. Gibt man dann, wie Dennis Schröder die Kritik öffentlich an seine Teamkollegen (die zu wenig angefeuert haben sollen) weiter, kann dies erstens zu Konflikten innerhalb der Mannschaft führen und zweitens ist die Wirkung nach außen eher unsympathisch, arrogant und führt zu noch mehr Kritik. 

Für die eigene Entwicklung und die öffentliche Anerkennung ist es deshalb deutlich zielführender, Schwächen und Missstände erst einmal offen anzunehmen. Demütige Spieler und eine Mannschaft, die sich der Kritik stellen und nicht sofort abwehren, werden dann öffentlich deutlich positiver wahrgenommen. Als nächster Schritt sollte man sich intern, mit sich selbst und innerhalb der Mannschaft, intensiv mit der Kritik beschäftigen. Manche Kritik erweist sich dann als richtig und der Spieler und die Mannschaft kann daraus lernen. Andere Kritik ist in der Innenansicht schlicht falsch und kann vernachlässigt werden. Auch wenn man nach guter Überlegung zu diesem Schluss gekommen ist, wäre es ratsam sich zu überlegen, ob man die Kritik im Nachhinein öffentlich abwehren muss, oder ob dies immer noch eine falsche defensive Wirkung nach außen haben kann. Wohl dosiert mit einer Mischung aus Kritik eingestehen und abwehren, kann die Wirkung aber deutlich verändert werden. Auch beim Umgang mit Kritik einem eine vorher erlernte Einstellung helfen. Wenn man Kritik als Geschenk und nicht als Angriff sieht, ist man nicht direkt in der Defensive und kann die Kritik viel besser zur eigenen Entwicklung nutzen.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/30/ole-fischer-als-trainer-eine-kadernominierung-optimal-kommunizieren-am-beispiel-der-basketball-wm-2019/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/03/markus-gretz-rituale-im-basketball/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/22/johannes-wunder-reflektion-im-teamsport/

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Philippe Müller: Physiotherapie und Sportpsychologie – Gemeinsam sind wir stark

Die Physiotherapie ist im Sport tief verwurzelt. Es gibt kaum Verbände, Vereine oder Athletinnen und Athleten, welche auf die Dienste der Physiotherapie verzichten. Gemäss Definition des Schweizer Physiotherapie Verbandes physioswiss sind Physiotherapeutinnen und -therapeuten Expertinnen und Experten für körperliche Funktionsstörungen und Schmerzen mit dem Ziel die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu steigern. Doch was hat die Physiotherapie mit der Sportpsychologie am Hut?

Zum Thema: Welche Berührungspunkte bestehen zwischen der Sportpsychologie und der Physiotherapie?

Die Professionalisierung der Physiotherapie schreitet in grossen Schritten voran. Ein wichtiger Pfeiler für die Anerkennung der Disziplin ist deshalb der Bezug zur eigenen Wissenschaft (Kuhn, 2007). Dass die Physiotherapiewissenschaften schon lange nicht mehr in den Kinderschuhen stecken, zeigen die zahlreichen etablierten Bachelor- und Masterstudiengänge an Fachhochschulen. Um der Komplexität des Feldes gerecht zu werden, befassen sich die Physiotherapiewissenschaften tiefgehend mit ihren Facetten. Die Sportphysiotherapie bildet dabei lediglich einen kleinen Teil ab.

Das Verständnis für das biopsychosoziale Modell (Engel, 1977) hat sich längst im Gesundheitswesen durchgesetzt. Der Mensch wir als körperlich-seelisches Wesen in seinem öko-sozialen Umfeld betrachtet. Daraus resultiert, dass eine getrennte Betrachtung von Körper und Geist nicht zielführend ist. Wirft man zum Beispiel einen Blick auf das Betreuungsteam in der Rehabilitation, ist dies ein interdisziplinäres Gefüge aus Ärzten, Psychologen, Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern, Ernährungswissenschaftlern, Masseuren und viele mehr. Auch im Bereich des Sportes sind zahlreiche Expertinnen und Experten, die auf Augenhöhe agieren, involviert. Eine starke Verknüpfung von Psychologie und Physiotherapie ist deshalb gegeben. Aufgrund der Nähe vieler Professionen im Gesundheitswesen ist es nicht überraschend, dass die Physiotherapiewissenschaften für ihre Erklärungsmodelle und Interventionskonzepte auf potentielle Bezugswissenschaften zurückgreift. Zu diesen gehören nach Geuter und Bollert (2007) die Medizin, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Gesundheitswissenschaften, Sportwissenschaften und die Philosophie.

Potential der Psychologie für die Physiotherapie am Beispiel der Zielsetzung

Die Psychologie bietet in unterschiedlichen Gebieten Grundlagen für die Interventionen in der Physiotherapie. So lassen sich zum Beispiel in Modellen zur Klärung von chronischen Schmerzen Ansätze der klassischen und operanten Konditionierung wiederfinden (Ehlert, 2003). Auch in der angewandten Tätigkeit sind zahlreiche psychologische Themenfelder, zum Beispiel Lern-, Motivations- und Zielsetzungstheorien, anzutreffen. Um die Qualität der Tätigkeit zu gewährleisten oder gar zu steigern, ist das Erkennen potentieller Situationen und das gezielte Nutzen der Theorien unvermeidlich. Aus diesem Grund benötigt es Plattformen zum Austausch von Wissen und Informationen. 

Philippe Müller

Der Schweizer ist Dozent für Sportpsychologie im Master Physiotherapie mit Schwerpunkt Sport an der ZHAW in Zürich.

Kontakt: +41 (0)79 910 39 40

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zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/philippe-mueller/

Ziele sind unerlässlich für menschliches Handeln. Denn nach ihnen wird eine Handlung  ausgerichtet und kann dadurch erst ausgeführt werden. Somit sind Ziele wichtig für den Therapieverlauf sowie dessen Erfolg. Nach der Goal Setting Theory von Locke und Latham (1990) haben Setzen von spezifischen und schwierigen Zielen einen positiven Einfluss auf die Anstrengung sowie die Ausdauer in der Zielverfolgung. Zudem wird die Selbstwirksamkeit – ein wichtiger Faktor für das kooperative Verhalten (Compliance) – gestärkt. Weitere Moderatoren im Zielsetzungsprozess sind die Zielbindung (Commitment), das Feedback als Standortbestimmung in Bezug auf das Erreichen eines bestimmten Zieles, sowie das Mitspracherecht der Betroffenen bei Entscheidungen, zum Beispiel über die Höhe des Zieles. Wie wichtig die Partizipation ist, also das Mitspracherecht bei der Zielsetzung, zeigen Studien aus der Rehabilitation (Thies et al., 2008). Diese dokumentieren eine starke Abweichung der Patientenerwartungen von Zielen der Ärzte und unterstreichen somit die Notwendigkeit der Erarbeitung eines im Konsens getroffenen individuellen Rehabilitationszieles.

Bedeutung der subjektiven Einschätzung

Wie wichtig die subjektive Einschätzung der betroffenen Person über die eigene Krankheit ist, spiegelt sich nicht nur in der Zielsetzung, sondern in der gesamten kognitiven Krankheitsrepräsentation wieder. In Laventhal’s Common Sense Model of Illness Representation (1980) werden fünf Kategorien unterschieden:

  • Identität: enthält konkretes Wissen bezüglich der Krankheitssymptome und die namentliche Laiendiagnose
  • zeitlicher Verlauf: Erwartungen zu Dauer und zeitlichem Verlauf (akut, zyklisch, chronisch) der Erkrankung
  • Ursachen: beinhaltet die vermuteten Ursachen für die eigene Krankheit
  • Konsequenzen: erwartete physische, soziale, emotionale und/oder ökonomische Auswirkungen der Erkrankung
  • Behandelbarkeit/Kontrollierbarkeit: meint die Beeinflussbarkeit der Erkrankung durch eigenes Verhalten sowie durch Experteninterventionen (Balck und Preuss 2008)

Aufgrund der Vielzahl an subjektiven Krankheitsannahmen ist jede Therapie einzigartig. Eine individuelle Verlaufsplanung bestimmt in hohem Masse die getreue Umsetzung der Interventionen, dem Einsatzverhalten sowie die emotionalen Reaktionen der Patienten. 

Die Chancen nutzen

Durch eine engere Zusammenarbeit ergeben sich neue Chancen für die Physiotherapie durch die Psychologie. Bollert et. al. (2009) halten fest: „Daher ist es unerlässlich, psychologische Theorien und Modelle systematisch im physiotherapeutischen Kontext zu beforschen und gegebenenfalls anzupassen oder sogar für diesen Bereich zu verwerfen und neu zu konzipieren“. 

Umgekehrt stellt sich die Frage, ob eine sportpsychologische Intervention ohne Berücksichtigung der biologischen Komponenten sinnvoll ist? Es gehört deshalb zur Steigerung der fachlichen Kompetenz sowie zur Sicherung der Qualität, sich mit den Partnern im Feld auszutauschen und von ihnen zu lernen.

Mehr zum Thema

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/08/25/thorsten-loch-sexy-wie-ein-zahnarzt-warum-sportpsychologen-in-der-rehabilitation-dennoch-so-wichtig-sind
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/26/andreas-meyer-sportpsychologie-und-sportverletzungen
https://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/02/wencke-schwarz-die-rolle-und-das-potential-der-sportpsychologie-im-deutschen-spitzensport

Literatur

Balck, F., & Preuss, M. (2008). Die unterschiedliche Wahrnehmung und kognitive Repräsentation von Erkrankungen. Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden, 57, 81-85.

Bollert, G., Dick, M., Geuter G., Klemme, B., Schmidt W., & Walkenhorst, U. (2009). Bezugswissenschaften der Physiotherapie: Pädagogik und Psychologie. Physioscience, 5(3), 124-132.

Ehlert, U. (Hrsg.) (2016). Verhaltensmedizin (2. Aufl.). Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.

Engel, G. L. (1977). The need for a new medical model: A challenge for biomedicine. Science, 8. 96(4286), 129-136.

Geuter, G., & Bollert, G. (2007). Das Rad nicht neu erfinden. Bezugswissenschaften unter der Lupe – was die Physiotherapie von anderen lernen kann. Zeitschrift für Physiotherapie, 59, 794-798.

Kuhn, T. S. (2007). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (2. rev. u. erg. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Leventhal, H., Meyer, D., & Nerenz, D. (1980). The common sense model of illness danger. In Rachman, S. (Hrsg.): Medical psychology 2 (S. 7-39): New York: Pergamon.

Locke, E.A., & Latham, G.O. (1990). A theory of goal setting and task performance. Englewood Cliffs: Prentice Hall. 

physioswiss (2019). Abgerufen am 07. September 2019, von https://www.physioswiss.ch/de/ profession/profession2.

Thies, S., Leibbrand, B., Barth, J., et al . (2008). Individuelle Rehabilitationsziele und Rehabilitationsmotivation in der onkologischen Rehabilitation. Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin, 18, 318-323. 

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Johanna Constantini. „Danke, Alexa!“ – Braucht der Einzelsportler das analoge Miteinander denn noch?

„Danke!“, dieses Wort erreicht die Lautsprecherboxen der berühmtesten virtuellen Assistentin Amazon Alexa am häufigsten. Wie kann das sein? Wer bedankt sich denn schon bei einem Roboter? Kann dieser denn ein „Danke“ adäquat einordnen und fühlt er sich dadurch tatsächlich bestätigt? Fragen, die wir uns im Zeitalter der digitalen Moderne ständig stellen. 

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Johanna Constantini Beitrag zum Hören

Auch im Sport sollten wir uns mit den Fragen zur Anwendung der digitalen Medien häufiger beschäftigen. So bringen sie uns zahlreiche Vorteile, machen jedoch auch vor Risiken nicht Halt. So trainieren wir mit allerhand digitaler Hilfsmittel: Von Geo-Tracking, über Videoanalyse bis hin zur durchgängigen Messung von Puls, Atem- und Herzfrequenz. In beinahe jeder Lebens- und Trainingssituation sind wir dank digitaler Gadgets unabhängig von zwischenmenschlichen Bewertungen, analogen Rücksprachen und Diskussionen. Und auch der Vergleich mit KonkurrentInnen erfolgt meist virtuell. Der Trend zur Singularisierung nimmt daher nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch im Sport stetig zu. Und immer mehr stellt sich die Frage: Brauchen wir unsere TeamkollegInnen denn noch?

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von Sozialen Medien wissen sollten

Was früher der analoge Austausch war, setzt sich heute über Social Media Kanäle wie Facebook und Instagram fort. Studien aus den USA belegen, dass die Zeit vor Bildschirmmedien von Acht- bis Zwölfjährigen heute bei rund sechs Stunden täglich liegt. Großteils verbracht mit Chatten und der virtuellen Kommunikation. Bei ihren erwachsenen Mitmenschen kann mit rund neun Stunden täglicher Bildschirmzeit nicht unbedingt von Vorbildwirkung die Rede sein. Viel Zeit für analogen Austausch bleibt also nicht. Und obwohl der Sport dazu noch am meisten Gelegenheit bietet, so verziehen sich die sogenannten „Smombies“ (Smartphone-Zombies) von heute gerne auch während ihrer Trainingseinheiten hinter das Smartphone-Display. 

Schade, ist der analoge Austausch doch auch für AthletInnen besonders wichtig! Schließlich bilden die vielen zwischenmenschlichen Begegnungen unseres Lebens so etwas wie den „Schmierstoff für unsere Gesellschaft“ (Spitzer, 2018). Vertrauen in die Welt, in der wir leben, schürt sich nämlich vor allem durch Zwischenmenschlichkeit. Und nirgendwo sonst bieten sich mehr Gelegenheiten dafür, als im Sport. Nationen kommen zusammen, AthletInnen bereisen fremde Länder, lernen neue Kulturen kennen. Könnte etwas an dieser Lebenszeit verlorener sein, als sie ständig vor dem eigenen Bildschirm zu verbringen? Vertrauen bestärkt uns in der Welt, verstärkt die gefühlte Sicherheit, bedingt, dass wir unsere Komfortzone verlassen. Wo denn sonst, wenn nicht im Sport?

Johanna Constantini, die-sportpsychologen.at

Johanna Constantini

Sportarten: Pferdesport, Laufsport, Wintersport, u.a.

Kontakt: j.constantini@die-sportpsychologen.at

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zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Miteinander im Sport: Geteilte Freude ist doppelte Freude!

Empathie – eine Fähigkeit, die uns Menschen so einzigartig macht, setzt sich aus einer kognitiven und einer emotionalen Komponente zusammen und ist ebenfalls von großer Bedeutung im Sport. Einerseits schaffen wir es, durch die Übernahme der Perspektive unseres Gegenübers, neue Seiten an uns selbst zu entdecken und unseren Horizont zu erweitern. Und andererseits gelingt durch Mitgefühl die Verstärkung des eigenen Wohlbefindens. Im Fachjargon übrigens „Altruismus“ genannt. Und noch besser – Empathie kommt zurück. Empathie wird nämlich größer, wenn man sie teilt. 

Um die anfängliche Frage nun zu beantworten: Ja! Auch der Einzelsportler – ganz abgesehen von dem Mannschaftssportler – braucht das analoge Miteinander unbedingt! Denn ganz abgesehen von der Stärkung des Vertrauens in die Welt und der Steigerung des eigenen Wohlbefindens durch Empathie (die menschlich und sportlich von großer Bedeutung sind) erfüllen zahlreiche SportlerInnen eine immense Vorbildfunktion. Nicht zuletzt deshalb sollten AthletInnen eine Lebensart vorleben, die von einem gesunden und vor allem analogen Miteinander geprägt ist!

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:

Literatur:

Spitzer, M. 2018. Die Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft. J.G. Cotta´sche Buchhandlung: Stuttgart

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Sache mit deinem „DNF“

„DNF“ steht für „Did not finish“, was so viel heißt wie „Ausgestiegen“ oder eben „Nicht im Ziel angekommen“. Dieses Kürzel, gut bekannt in der Ausdauersportszene und so gefürchtet wie das bekannte Weihwasser für den Teufel und sehr viel schmerzhafter als verlorene Fußnägel oder brennende Oberschenkelmuskeln, das z.B. beim Traillaufen zwar nicht schön ist, aber irgendwie dazu gehört. So ist mir am ersten Septemberwochenende beim Südthüringentrail ergangen. Eigentlich sollten es 47,5 Kilometer und 1950 positive Höhenmeter werden.  Geworden sind es dann aber nur 16,5 Kilometer und knapp 1000 Höhenmeter. Warum? Weil es mir nicht gut ging! Jetzt sagen Sie bestimmt: „Na das ist doch logisch! Niemanden kann es nach dieser Tortur gut gehen, also warum jammerst du da jetzt rum – selbst gewähltes Elend“! Tja, so einfach ist das nicht, denn erstens bereitet man sich ja auf so eine Veranstaltung systematisch vor und hat im Vorfeld ja auch viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie realistisch das Erreichen eines solchen Ziels und zweitens hat man ja auch im Trainingsprozess schon einiges an Erfahrungen mit Distanzen und Höhenmetern und den damit verbundenen Gedanken und Emotionen gesammelt. Und das bewegte mich eben auch dazu, diesen Beitrag zu schreiben. Also kommen wir zum Thema: Was hat es denn nun psychologisch betrachtet so auf sich mit dem berühmt-berücksichtigen „DNF“?

Zum Thema: DNF aus psychologischer Perspektive

Ein Ziel nicht zu erreichen, ist für den Ausdauerathleten genau so wichtig wie ein verlorenes Spiel für einen Fußballspieler. Wenn man damit nämlich funktional umgeht, hilft es einem jeden Athleten „zu wachsen“.  Und natürlich hat es mit den drei großen Konstrukten zu tun, mit denen sich Psychologen gerne beschäftigen: Kognition – Emotion – Motivation sowie den sozialen Prozessen. Schauen wir uns das doch einmal an meinem gerade erlebten Beispiel an: 

Ein Bild, das Schild, Person, Text, haltend enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Oliver Stoll am Tag vor dem Riesentrail

Geplant war also ein Finish des Riesentrails im Rahmen des Südthüringentrail (47,5km und 1950 positive Höhenmeter). Natürlich habe ich mich darauf vorbereitet und natürlich habe ich auch ein „Lauftagebuch“ (mittlerweile digital mit RUNALYZE und Garmin Connect). Hier kann ich alle relevanten und wichtigen Trainingsparameter (Distanzen, Höhenmeter, Herzfrequenz, VO2-max) speichern und auswerten – und wenn man sich ein wenig damit beschäftigt, auch Schlussfolgerungen für sein Training ziehen. Mir ging es bis zum Donnerstag vor dem Rennen super. Dann hatte ich ein leichtes Kratzen im Hals, das aber am nächsten Tag schon wieder weg war – also habe ich darüber nicht weiter Gedanken gemacht. Wir reisten am Freitag an. Die Stimmung war super. Ich war zwar fokussiert, aber gelassen. Abends dann die Nudelparty, dann zum Hotel und schlafen. Der Start war um sieben Uhr früh. Insgesamt fühlte sich das alles im Rahmen des „Erwarteten“ an. Die ersten acht Kilometer bis zum 1. Verpflegungsstand liefen gut. Dann ging es weiter in Richtung Verpflegungsstand 2 (VP2) bei Kilometer 16,5. Hier kamen zwar reichlich Höhenmeter dazu, aber meine Herzfrequenz fing an, total verrückt zu spielen. Selbst auf den relativ flachen Stücken und auch im Downhill bewegte sich meine Herzfrequenz nur noch selten unter 180. Meine Geschwindigkeit sank auf über elf Minuten pro Kilometer. Kurz vor VP2 fing ich an zu zittern, den letzten Downhill lief ich unsicher und am VP angekommen kam dann der Schüttelfrost und ein leichtes Schwindelgefühl. Dem Mann von der Bergwacht fiel das sofort auf und wir kamen ins Gespräch über meinen Zustand. Nach etwa drei Minuten dort, musste ich eine Entscheidung treffen. Mit noch 31 Kilometern und weiteren 1000 Höhenmetern fiel die dann zugunsten des DNF aus. Ich setze mich also hin, schlug die Rettungsdecke um mich, trank viel und wartete bis dann der nette Herr von der Bergwacht mich zurück in den Zielbereich fahren konnte. 

Die sportpsychologische Perspektive

Schauen wir uns dies nun mal aus sportpsychologischer Perspektive an. Im Vorfeld dominierten motivations- und kognitionspsychologische Aspekte. Trainingsdaten wurden protokolliert und ausgewertet (Kognition) und dies führte zu Motivation (Das Leistungsmotiv war ausgeprägt und der Anreiz, also das Finish beim Riesentrail war realistisch, überschaubar und herausfordernd) und passte zum vorliegenden Leistungsmotiv. Daraus erfolgte eine Wettkampfplanung (Überführung einer Zielintention in eine Ausführungsintention, was schon zum Volitions- also Willensprozess gehört). Es kam zur Handlung (also dem Wettkampf). Hier dominierten weiterhin kognitions- und motivationspsychologische Prozesse. Während des Laufes wurde die Aufmerksamkeit reguliert, die biologischen Parameter überprüft und mit Selbstgesprächen die Motivation und Volition stimuliert bis hin zum „DNF“.

Prof. Dr. Oliver Stoll

Sportarten: Eishockey, Handball, Ultralang- und Langstreckenlauf, Triathlon, Biathlon, Wasserspringen, Boxen, Leichtathletik, Schwimmen, Floorball

Kontakt:

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zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

Zunächst musste diese Entscheidung getroffen werden (was wirklich schwer war) und dann, spätestens im Zielbereich musste ich beginnen, „damit umzugehen“.  Das hat natürlich mit emotionsregulatorischen Prozessen zu tun. Die Enttäuschung eines DNF sitzt bei einem Läufer immer tief. Man beginnt zu Grübeln, und das führt nicht immer zu selbstwertdienlichen Selbstgesprächen und man beginnt sich „zurückzuziehen“. Dabei wäre das Gegenteil sinnvoll, denn wir wissen um die stressreduzierenden Effekte von sozialer Unterstützung (Fuchs & Klaperski, 2012). Also warten psychologisch betrachtet zwei Aufgaben: 

1.) Kausalattribution, oder übersetzt „Ursachenzuschreibung“ (Weiner, 1988). Hierbei ist es wichtig, das „Versagen“ nicht fehlender, stabiler Fähigkeiten zuzuschreiben, sondern eben situativen Faktoren, wie z.B. der Tagesform oder z.B. der ausnahmsweise, zu schweren Strecke dieses Wettkampfes. Alles andere würde den Selbstwert untergraben und zu weiterem Motivationsverlust führen. Wichtig hierbei: Immer schön realistisch bleiben und sich nicht selbst belügen! 

2.) Die Suche nach wichtigen Menschen aus deinem persönlichen Umfeld, die dir zum einen Trost spenden können (emotionale, soziale Unterstützung) sowie mit guten Ratschlägen und Tipps einen kommenden Lauf mit vorbereiten können (instrumentelle, soziale Unterstützung). Das führt zu wieder zunehmender, subjektiver Kontrolle der Situation und das wiederum mindert Stress. Genau das habe ich dann im Ziel gemacht. 

Persönliche Perspektive

Ich habe mir meine Bio- sowie Trackingdaten genau angeschaut. Das Ergebnis: Viel zu hoher Belastungspuls und schlechte Erholungswerte bei vergleichbarer leichter Anforderung, massiver Tempoverlust zwischen Kilometer acht und 16. Diese Daten gekoppelt mit meiner eigenen,  subjektiven Wahrnehmung (Schwindel und Schüttelfrost) zeigen eindeutig, dass dies nicht mein Tag war – sondern vermutlich der Infekt immer noch in mir steckte. Und außerdem suchte ich die Gegenwart meiner vielen lieben Lauffreunde dort, die wirklich beeindruckende Leistung zeigten. Vor allen Dingen erfreute ich mich an der Leistung meiner Frau, ohne dass ich gleich den „sozialen Leistungsvergleich suchte“. Ich wartete im Ziel, feuerte alle an und half das zwischenzeitlich zusammenfallende Finisher-Tor hochzuhalten, weil kurz der Strom ausfiel. Das lässt sich im Sinne einer Stressbewältigungsstrategie „Ablenkung“ sehr gut umsetzen und mindert ebenfalls Stress. Man kann damit alle anderen sehr glücklich machen und sich selbst ebenfalls wieder ein besseres Gefühl geben. 

Ein DNF muss keine Katastrophe sein. Im Gegenteil – wenn man damit vernünftig umgeht, kann man viel aus diesem Misserfolg lernen. Hinter dem bekannten Motto: „Aufstehen, Mund abwischen und weitermachen“ verstecken sich eigentlich komplexere Prozesse der Informationsverarbeitung, Handlungskontrolle, Motivations- und Emotionsregulation, die jedoch nur auf den ersten Blick komplex aussehen, aber eigentlich vielen von uns mehr als nur bekannt sind. Nur sind sie uns nicht ständig bewusst.  

Und bitte nehmen Sie das unten gezeigte Foto ernst!

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Weitere Informationen

Wenn Sie an einem auf dem Boden kriechenden oder liegenden Trail-Läufer vorbei kommen, bitte drücken Sie die Pause-Taste seine Garmin. Die Daten, die dann gespeichert werden sind wichtige Informationen, die man für eine funktionale Kausalattribution benötigt.

Ach so, und was macht man am Tag danach? Auch wenn ich heute einen „dicken Hals“ habe (nicht im übertragene Sinn, sondern in Wirklichkeit), auf alle Fälle Reserven wieder auffüllen, lange Schlafen, viel Essen und Trinken, ein bisschen Kuscheln und ganz wichtig: Nach der Analyse des Vortages, einen dicken und fetten, grünen Haken an den Wettkampf machen. Dann wird es beim nächsten Lauf ganz sicher wieder besser! Und der ist in schon in drei Wochen…

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/05/29/dr-hanspeter-gubelmann-productive-failure-wie-eine-bittere-niederlage-zum-sieg-fuehren-kann/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/05/prof-dr-oliver-stoll-wenn-heisse-gedanken-fehlen/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/11/johanna-constantini-likes-und-die-positive-psychologie/

Literatur

Fuchs, R. & Klaperski, S (2012). Körperliche Aktivität und Stressregulation. In R. Fuchs & W. Schlicht (Hrsg.), Seelische Gesundheit und körperliche Aktivität. Göttingen, Hogrefe.

Weiner, B. (1988). Attribution theory and attributional therapy: Some theoretical observations and suggestions. British Journal of Clinical Psychology, 27, 99-104.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Der Seele Zeit geben, bis sie nachkommen kann…

Was braucht es im Spitzensport, um langfristig erfolgreich sein zu können? «Mental toughness» lautet aus Sicht der angewandten Sportpsychologie die präferierte Antwort. Tatsächlich unternehmen wir im Rahmen des Trainings mentaler Fähigkeiten und Fertigkeiten viel, um jene Wettkampfqualitäten entwickeln zu helfen, die im entscheidenden Moment die Bestleistung ermöglichen. Wer aber ausschliesslich in diese Richtung verfährt, läuft Gefahr, eine zweite matchentscheidende Komponente zu vernachlässigen – die mentale Gesundheit von Athlet*innen und Betreuer*innen!

Zum Thema: Mentale Gesundheit im Sport

Szenenwechsel: Vom 10. bis 16. August 2019 nahm ich an der Mehretappen-Tour „Cycle Greater Yellowstone“ teil. Dies nach 2015 und 2018 schon zum dritten Mal. Es handelt sich dabei um eine veritable sportliche Herausforderung, galt es doch an fünf Tagen insgesamt 8000 Höhenmeter und einige Hundert Meilen zu bewältigen. Nebst physischer Fitness geht es mir insbesondere um meine persönliche mentale Robustheit, auch im Sinne von: Do we practice what we preach! Nach vollbrachter Leistung auf dem Rad verabschiedete ich mich – gleich wie in den Vorjahren – in die nordamerikanische Wildnis – nach Stanley, Idaho. Stanley? Where the f… is Stanley? Was ich dort suche? Abgeschiedenheit, Ruhe und ein bisschen Langeweile! In der Woche nach meiner Yellowstone-Challenge wollte ich für mich Antworten auf folgende Fragen erhalten: Kann ich gut mit mir – mich selbst aushalten? Und: Gebe ich mir in meinem Leben Zeit genug, damit meine Seele nachkommen kann?

Die sieben Tage in Stanley verbrachte ich mehrheitlich mit Wandern und Fischen. Meist begab ich mich an entlegenste Orte, um in aller Ruhe und fernab jeglicher Zivilisation meine Seele sprichwörtlich „baumeln zu lassen“. So verbrachte ich täglich viele Stunden in atemberaubend schöner Landschaft, ich spürte die Kraft der Natur (Sonne, Wind, Regen, spektakuläre Bergansichten usw.) und frönte einer meiner grösseren Leidenschaften – dem Fischen! Fortan gab es mindestens einmal pro Tag eine köstliche Fischmahlzeit, in Verbindung mit einem weiteren Hobby – dem Kochen. Gedanken zu mir und zu dem, was mich in meinem Leben bewegt, kamen und gingen; manchmal mit kleinen Antworten im Gepäck. Gegen Ende meiner Stanley-Woche tauchten vermehrt Gefühle der Langeweile auf. Es war aber keine „plagende“ sondern vielmehr eine „kreativ-aktivierende“ Langeweile, die mich mit ein paar pfiffigen Ideen zu meinen Freunden nach Park City, Utah zurückkehren liess. Dort angekommen, erhielt ich von einer geschätzten Kollegin einen aktuellen Artikel zugeschickt, der die Verbreitung von psychischen Störungen im Spitzensport zum Thema machte und auf die Hintergründe einging.

„Wir“ kümmern uns nicht um die mentale Gesundheit unserer Sportler*innen!

Was ich im Tagesanzeiger-Interview mit Sportpsychiater Malte Claussen zu lesen bekam, machte mich betroffen, stellenweise sogar wütend! Ich las: „Die seelische Gesundheit wird im Sport wenig thematisiert. Dabei ist sie zentral. (…) Viele der anderen Spezialisten (u.a. Sportpsycholog*innen und Mentaltrainer*innen, Anmerk hpg) sagen: Wer mental stark ist, ist seelisch gesund. (…) Ich hinterfrage, ob in einem Setting ohne Sportpsychiater eine seelische Erkrankung der Sportler adäquat behandelt werden kann. (…) Um etwas verhindern zu können, muss ich wissen, was ich verhindern will. Darum ist ein Sportpsychiater so wichtig.“

Hinsichtlich der grundsätzlichen Bedeutung der psychischen Gesundheit gebe ich Claussen Recht. Küttel & Larsen (2019) bezeichnen in ihrem kürzlich veröffentlichten Übersichtsartikel «mental health» „… as a resource for a successful and sustainable sports career. We advocate that future studies include the whole spectrum of the mental health continuum (i.e. from languishing to flourishing; Keyes, 2002) with an increased focus on the role of the (sport) environment and the athlete-environment fit.“ 

Abb. 1: Zum Zusammenspiel von Mentaler Stärke und Mentaler Gesundheit (in Anlehnung an Keyes, 2002)

Bedeutung der psychischen Gesundheit in der Praxis der angewandten Sportpsychologie

In der Praxis der angewandten Sportpsychologie gilt die Bedeutung der psychischen Gesundheit als unbestritten. Im Gegensatz zu Claussens Deutung wird die notwendige Koinzidenz von psychischer (seelischer) Gesundheit (gemessen an der Symptomstärke psychischer Störungen) und mentaler Stärke (mental toughness) schon seit vielen Jahren thematisiert (vgl. Abbildung 1). 

Der Athlet blüht dann auf (flourishing), wenn psychische Gesundheit und mentale Stärke gleichermassen hoch und positiv ausgeprägt sind. In dieser optimalen Konstellation wächst und entfaltet sich die Sportler-Persönlichkeit: er/sie entwickelt hohe Selbstkompetenzen, sein/ihr Wohlbefinden ist positiv-stabil und es zeigen sich keine Krankheitssymptome. Die angewandte Sportpsychologie geht davon aus, dass ein Sportler/eine Sportlerin auf dieser Grundlage besonders befähigt sei, sein/ihr sportliches Potential langfristig auszuschöpfen, auch um ein persönliches Leistungsoptimum zu erreichen.

Haltlos, wie wenn man fällt

Was passieren kann, wenn der Spitzensportler psychisch erkrankt (z.B. Erschöpfungsdepression), der Athlet aber weiterhin auf seine ihm eigene mentale Stärke baut und sich durch weitere Wettkampfeinsätze überfordert, lässt sich anhand der Aussagen von Langläufer Jonas Baumann (Link zum Schweizer Illustrierte-Interview) sehr gut nachvollziehen. Seine psychische Erkrankung raubte ihm die Basis, unter Einsatz seiner mentaler Fähigkeiten rang er weiterhin um sportlichen Erfolg (struggling). Er machte weiter, bis er keinen Halt in seinem Leben vollends verlor (floundering). Langläufer Baumann formulierte es damals so: „Wenn ich mal abschalten wollte, konnte ich nicht. Ich war rastlos, meine Gedanken kreisten, ich konnte schlecht schlafen, war permanent unter Stress.“

Die von Claussen geäusserten, inhaltlich nicht haltbaren und geradezu selbstgefälligen Vorstellungen, möchte ich zum Anlass nehmen, um an vier einfachen Beispielen zu beschreiben, wie ein Sportpsychologe – auch am eigenen Beispiel – dazu beitragen kann, die seelische Gesundheit massiv zu unterstützen. Sowohl Athleten wie Trainer/Betreuer können gleichermassen ihren eigenen Nutzen daraus ziehen! 

Retreat – sich zurückziehen hilft!

Sich zurückziehen (to retreat) bedeutet, sich aus dem alltäglichen Strom der Tätigkeiten auszuklinken, sich an einen Ort zu begeben, wo Ruhe, Gelassenheit und Wohlbefinden fernab vom Alltagsstress entstehen kann. Es handelt sich um eine aktive, selbstverantwortliche Massnahme mit dem Ziel, sich und der eigenen Seele Zeit zu schenken. Bekannt ist auch der „Jour de desert“ (retraite), der an einen „stillen Ort“ (ohne Kommunikation gegen aussen) führen will mit dem Ziel einer kontemplativen Selbstreflexion. 

Wenn ich als Fischer meinen Zapfen auf dem glatten See treiben sehe, umrahmt von Bergriesen, die sich an der Wasseroberfläche spiegeln, verwischen sich manchmal Aussen- und Innenwelt! 

Dr. Hanspeter Gubelmanns „safe place“

Auf der Suche nach dem eigenen Refugium

Als Refugium (oft auch als „safe place“ bezeichnet) wird ein Ort in der Vorstellung eines Individuums bezeichnet, der durch eine geführte Anleitung geschaffen oder aus eigenem Antrieb heraus entwickelt wird. Es kann sich dabei sowohl um die mentale Repräsentation einer real existierenden Umgebung oder um eine völlig fiktive Örtlichkeit („Fantasiereise“) handeln. An diesen Ort kann sich der Übende immer wieder zurückziehen um innere Kraft, Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit zu finden. Beispiele dafür sind ein einsamer Strand, eine Auenlandschaft, ein schützender Wald, u.a.m. Positive Emotionen, selbstwirksame Kognitionen und die autogen wirksam werdende körperliche Entspannung wird durch die zielgerichte, wiederholte und planmässige Durchführung dieser Vorstellungsübung erreicht. 

Mein persönliches Refugium liegt – wenn wundert’s – an einer für mich besonders eindrücklichen Stelle im Umland von Stanley, Idaho.

Langeweile – oder Zeit um wieder kreativ zu werden!

Tempo, vielfältige und Mehrfachbelastungen, Mangel an Zeit, Effizienzsteigerung: Wie Untersuchungen zeigen (vgl. Gubelmann 2011), wünschen sich viele Athleten*innen in ihrem anforderungsreichen Spitzensportalltag vor allem eines: mehr Zeit für sich selbst. Entspannungsinseln im Alltag können einen ersten Ausgleich schaffen, ebenso wichtig erscheinen mir eigentliche Zäsuren und längerwährende „Abwesenheiten“, die das Leben des Sportlers „entschleunigen“ können. Schon mehrfach lautete mein Interventionsvorschlag an hoch-belastete Athleten lapidar: geh’ in die Ferien, mach mal Pause, möglichst ohne grosses Programm! Give me a break! 

Davon profitierte ich in Stanley in der oben beschriebenen Weise, wobei ich die aufkommende „lange Weile“ tatsächlich dafür geniessen konnte, mein Dasein vorüberziehen zu sehen. Und ich merkte, wie meine Seele nachkam!

Erholungs-Belastungs-Monitoring

Die im Spitzensport immens gestiegene psycho-physische Beanspruchung durch Training und Wettkampf schränkt die erforderliche Erholungszeit der Sportlerinnen und Sportler immer mehr ein und erhöht die Gefahr, dass die durch Training und Wettkampf hervorgerufenen psycho-physischen Beanspruchungszustände nicht angemessen ausgeglichen werden und gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen (vgl. Allmer & Kleinert, 2001). Im Wissen um die hohe Bedeutung einer optimalen Regeneration (Erholungskonzept!) und einer effizienten Nutzung der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (Zeit, Massnahmen) erscheint der vermehrte Einsatz eines Erholungs-Belastungs-Monitorings (vgl. Kallus & Kellmann, 2016) äusserst ratsam. Eine verbesserte Selbsteinschätzung der eigenen Erholung seitens der Athleten sowie die Möglichkeit der Früherkennung kritischer Entwicklungen verbunden mit der Anordnung geeigneter Interventionen seitens der Betreuungsperson können einer ansonsten drohenden seelischen Erkrankung vorbeugen.

Nach einer Woche „Vollgas“ auf dem Rad folgte in Stanley eine Woche „slow go“. Noch bedeutsamer als körperliche Erholung war für mich die emotionale: Ich fühle mich lebendig und voller Tatendrang!

Ausblick

Es ist rufschädigend zu behaupten, die angewandte Sportpsychologie in der Schweiz würde sich nicht um die seelische Gesundheit der ihr anvertrauten Spitzensportler*innen kümmern! Gerade aus präventiver Sicht und mit Blick auf jugendliche Leistungssportler*innen ist diese Mitverantwortung zwingend notwendig. Wie ganz viele meiner Kolleg*innen auch, biete ich meine Dienstleistung im Austausch mit einem breiten Netzwerk therapeutisch geschulten und qualifizierten ExpertInnen an, um bei psychischen Erkrankungen unterstützend (und auch delegierend) weiterhelfen zu können. Eine Zusammenarbeit mit „gleichgesinnten“ Sportpsychiatern würde ich weiterhin begrüssen!

Auf der Suche nach dem passenden Refugium?

Hanspeter Gubelmann und Cristina Baldasarre haben dazu einen passenden Leitfaden entwickelt. Bitte bei den beiden AutorInnen anklopfen!

Zu den Kontaktdaten:

Dr. Hanspeter Gubelmann

Cristina Baldasarre

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/31/dr-hanspeter-gubelmann-inside-sport-psychology-do-we-practise-what-we-preach/
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/06/18/hilfe-fuer-sportler-mit-depressiven-problemen/
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/11/dr-hanspeter-gubelmann-kranker-spitzensport-wenn-koenige-zu-aengstlichen-maeusen-mutieren/

Quellen: 

Tagesanzeiger-Interview mit Malte Claussen, https://www.tagesanzeiger.ch/sport/weitere/wer-nach-der-tour-de-france-kuchen-ablehnt-hat-ein-problem/story/30490640

Allmer, H., & Kleinert, J. (2001). Psychische Erholung nach Erfolg und Misserfolg. in R. Seiler, D. Birrer, J. Schmid, & S. Valkanover (Hrsg.), Sportpsychologie: Anforderungen – Anwendungen – Auswirkungen. Internationale Fachtagung für Sportpsychologie 2001, 24.-26. Mai 2001 in Magglingen/Schweiz  (S. 57-59). bps-Verlag.

Gubelmann (2011). Die Analyse zentraler Aspekte der Umfeldgestaltung im Leistungssport. Eine Bedürfnisabklärung im Schweizer Spitzensport (2. Teil). ESK/ETH Zürich: unveröff. Forschungsbericht.

Kallus, K.W. & Kellmann, M. (2016). RESTQ: The Recovery-Stress Questionnaires. Frankfurt: Pearson.

Keyes, C.L.M. (2002). The mental health continuum: From languishing to flourishing in life. Journal of Health and Social Behavior, vol.43/2, pp.207-222.

Küttel, A. & Larsen, C.H. (2019). Factors affecting elite athletes’ health: a systematic review. In: Strauss, Halberschmidt et al. (Eds). Abstract Book of the 15. FEPSAC Kongress, 15.-19. Juli 2019 in Münster, p.184.

Zusätzliche Quellen:

https://www.cyclegreateryellowstone.com/route-overview

https://www.schweizer-illustrierte.ch/stars/schweiz/jonas-baumann-nach-depression-zurueck-in-der-spur

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Dr. René Paasch: Suchfenster im Fussball trainieren (Teil 4)

Im Fussball stehen die Spieler ständig unter Druck, in kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dieser Zeitdruck resultiert hauptsächlich daraus, dass Gegenspieler versuchen zu verhindern, dass ein Pass zu einem gut positionierten Mitspieler gespielt wird. In diesen Spiel- und Entscheidungssituationen reicht es oftmals nicht aus, auf die Aktionen des Gegners zu reagieren. Es ist notwendig, die wesentlichen Informationen für die Vorhersage frühzeitig zu erkennen und diese in die eigene Handlungsplanung zu integrieren, um erfolgreich zu handeln. Aus diesem spannendem Blickwinkel möchte ich Ihnen die Suchfenster von Fussballern vorstellen und Anregungen für eine Verbesserung liefern. 

Zum Thema: Aufmerksamkeitsschulung im Fussball (Teil 4)

Das menschliche Gehirn wurde in akribischer Kleinstarbeit über viele tausende Jahre entwickelt. Durch gezielte aufmerksamkeitsrelevante Schwerpunkte hat sich unser Gehirn aus einer riesigen Menge an Informationen entwickelt. Es hat gelernt, bewusst zu selektieren und zu verarbeiten, welche für das Überleben und situationsgerechte Handlungen im Alltag und Sport wichtig sind (Cohen, Nakayama, Konkle, Stantic, Alvarez, 2015). 

Die Aufmerksamkeit gilt als ein entscheidender Leistungsfaktor im Hinblick auf sportliche Leistungen (Abernethy et al., 2007). So benötigen Fußballer situationsgerechte Suchfenster bei Ein- und Mehrfachausführungen, um optimal Fussball spielen zu können. Beispielsweise muss dieser den Ball führen und ihn gleichzeitig vor gegnerischen Einflüssen abschirmen, während sie das Spiel nach Räumen und freien Spielern durchsuchen. In dem nun folgenden Abschnitt werden Trainingsformen und Übungsaufbauten präsentiert, die den Voraussetzungen für eine verbesserte Aufmerksamkeit nahekommen 

Siehe dazu: Der Footbonaut für Amateuere! 

Die Gefahr des Übersehens

Eine der Entwicklungen im modernen Fußballs ist, dass der Trainer situativ die Taktik ändern und die Mannschaft darauf reagieren muss. Furley, Memmert & Heller (2010) machen für dieses Phänomen die „Inattentional Blindness“, die Aufmerksamkeitsfokussierung verantwortlich. Diese beschreibt, dass Personen oder Mannschaften, wenn sie in einer Situation zu sehr auf eine bestimmte Sache fixiert sind oder feste saisonale taktische Ausrichtung fahren, häufig andere Dinge übersehen.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse legen eine Aufteilung der Aufmerksamkeit in vier Subprozesse nahe (Knudsen, 2007): 

  • Aufmerksamkeitsorientierung
  • selektive Aufmerksamkeit
  • geteilte Aufmerksamkeit
  • Konzentration 

Praktische Beispiele der vier Subprozesse im Fussball (Memmert, 2019, S. 42): 

Aufmerksamkeitsorientierung:  Ein Mitspieler auf der anderen Seite des Spielfelds signalisiert per Armheben seine Anspielbereitschaft, woraufhin der Ballhalter  seinen Aufmerksamkeitsfokus  auf diesen Spieler richtet, um einen langen Pass zu spielen. 

Selelektive Aufmerksamkeit: Ignorieren des „Pfeifkonzerts“ des  gegnerischen Publikums vor dem Ausführen  eines Eckballs, um den Ball präzise auf die starken Kopfballspieler zu spielen. 

Geteilte Aufmerksamkeit: Sicheres Abschirmen  kloijddes Balls, während man das Spielfeld nach freien Mitspielern „scannt“. 

Konzentration: Fixieren des Balls bei einem 60-m-Pass, um den Ball spielbar aus der Luft  annehmen zu können. 

Geteilte Aufmerksamkeit als zentrale Säule

Wenn die Aufmerksamkeit eines Spielers auf ein anderes Objekt gerichtet ist, dann wird eine unerwartete Situation auf dem Feld oft nicht wahrgenommen, obwohl es sich im visuellen Blickfeld befindet. Im Fussball ist daher die geteilte Aufmerksamkeit eine zentrale Säule für schnelles Aufassen, Reflektieren und situationsgerechtes Agieren. Das Wahrnehmen von unerwarteten Objekten kann jedoch durch eine stärkere Beachtung des Aufmerksamkeitstrainings erlernt werden. Dies ist insbesondere im Kinderbereich von zentraler Bedeutung, da sie unerwartete Objekte deutlich weniger gut wahrnehmen als Jugendliche und Erwachsene (Memmert, 2019). 

Zu den Beiträgen der Mini-Serie von Dr. René Paasch

Fazit

In einigen Spielsituationen ist es wichtig und notwendig, die Aufmerksamkeit gezielt und selektiv auf ein Objekt zu richten, hingegen erfordern andere Situationen mehrfach Subprozesse der Aufmerksamkeit. Die geteilte Aufmerksamkeit befähigt Spieler dazu, sich auf zwei oder mehrere Informationsquellen gleichzeitig zu konzentrieren. Diese Fähigkeit, ist nicht nur im Sport, sondern auch in verschiedenen Alltagssituationen relevant. Um originelle Lösungen auf dem Platz zu integrieren, benötigen Mannschaftssportler eine verstärkte geteilte Aufmerksamkeit. Deshalb stellen effiziente visuelle Aufmerksamkeitsprozesse eine wesentliche kognitive Voraussetzung für erfolgreiche Leistungen im Sport dar. Insbesondere in den Sportspielen, die sich durch ständig verändernde Umweltanforderungen auszeichnen, hat die flexible Ausrichtung der Aufmerksamkeit leistungsdeterminierenden Charakter. 

Ziel des Aufmerksamkeitstrainings ist daher, sowohl die Anweisungen des Trainers umzusetzen, als auch bei reduzierten Hinweise bessere Lösungen wahrzunehmen und ergänzend dies  videobasiert in Simulation zu trainieren. 

Komm zum Barcamp, um mit Dr. René Paasch und vielen anderen Gesichtern von Die Sportpsychologen an Details und dem großen Ganzen zu arbeiten:

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/26/janosch-daul-mentale-einstimmung-auf-ein-fussballspiel/
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/07/kathrin-seufert-wie-nachwuchsfussballer-das-entscheiden-wieder-lernen-koennen/

Literatur 

Abernethy, B., Maxwell, J. P., Masters, R. S. W., van der Kamp, J. & Jackson, R. C. (2007): Attentional processes in skill learning and expert performance. In G. Tenenbaum & R.  C. Eklund (Eds.), Handbook of sport psychology (3rd ed.). New Jersey: Wiley & Sons. 

Cohen, M. A., Nakayama, K., Konkle, T., Stantic, M. & Alvarez, G. A. (2015). Visual awareness is limited by the representational architecture of the visual system. Journal of  Cognitive Neuroscience, 27, 2240-2252. 

Furley, P., Memmert, D. & Heller, C. (2010): The dark side of visual awareness in sport – Inattentional blindness in a real-world basketball task. Attention, Perception & Psychophysics, 72 (5), 1327-1337.

Knudsen, E. (2007). Fundamental components of attention. Annual Review of Neuroscience, 30, 57-78. 

Memmert, D. (2019): Fußballspiele werden im Kopf entschieden: Kognitives Training, Kreativität und Spielintelligenz im Amateur- und Leistungsbereich Taschenbuch. Meyer & Meyer; Auflage: 1 

Internet: 

https://www.komm-mit.com/de/fussballforschung-aktuell/

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Ole Fischer: Als Trainer eine Kadernominierung optimal kommunizieren – Am Beispiel der Basketball WM 2019

Dass war gewiss keine einfache Aufgabe für Basketball-Bundestrainer Henrik Rödl. Unmittelbar vor Beginn der Weltmeisterschaft 2019 in China musste er den beiden NBA-Talenten Moritz Wagner und Isaac Bonga (beide Washington Wizards/NBA) mitteilen, dass sie nicht zum endgültigen 12-Kader des  Deutschen Basketball Bundes zählen. Als Trainer stehen auch Sie, liebe Leser, immer wieder vor dieser Art von Entscheidung. Wen nehme ich mit? Welche Entscheidung ist die richtige? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie kann ich dem enttäuschten Spieler trotzdem Mut machen? Bei der Beantwortung all diesen Fragen können Sie vom Basketball-Bundestrainer oder seinen Amtskollegen aus anderen Sportarten lernen. Im Text habe ich das zusammengefasst – Ihre nächste schwere Entscheidung kommt bestimmt. 

Zum Thema: Mit der Macht umzugehen, ein Team zu nominieren 

Wenn Sie als Trainer darüber bestimmen, ob ein Spieler mit zu einem Turnier, Spiel oder generell in den Kader kommt, entsteht zwangsläufig eine Abhängigkeit der Spieler von Ihrer Entscheidungsgewalt.

Im Gegenzug sind Sie abhängig von den Fähigkeiten und dem Einsatz der Spieler, welche letztlich auf dem Platz stehen und das Mannschaftskonzept umsetzen sollen. Diesen Umstand vergessen die meisten Spieler in der Nominierungssituation. Oft nehmen sie es persönlich und reflektieren nicht über die eigene Leistung. Dann gelten Sie als Trainer als der Schuldige. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass ein Spieler etwas egoistischer denken muss als Sie, damit er seinen Ehrgeiz behält.

Schwere leichte Entscheidungen

Diesen Ärger kriegen Sie als Trainer hin und wieder zu spüren, egal ob Sie es direkt vom Spieler hören, von Teamkameraden oder aus der Presse. Aber Sie wissen ja, als Trainer ist es unmöglich, sich mit allen Spielern gleich gut zu verstehen. Trotzdem sollte der Spieler merken, dass Ihnen die Entscheidung nicht egal gewesen ist, selbst wenn sie Ihnen leicht gefallen sein sollte.

Sie als Trainer arbeiten für das Wohl der Mannschaft und für den Erfolg der Gruppe. Sollte Ihre Entscheidung nicht funktionieren, dann sind Sie der Erste, der gehen muss. Der Druck ist hoch. Daher mein erster Tipp:

Seien Sie mutig und hören Sie auf ihr Bauchgefühl – Es gehört viel Courage dazu, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Beispiel Mario Götze

Die Umsetzung dieses Tipps hat auch zur Folge, dass im Falle des Erfolgs die Mannschaft Ihnen noch mehr Vertrauen schenkt, da sie sieht, dass Ihre Praktiken zum Erfolg führen.

Das Bauchgefühl spielt ebenso eine wichtige Rolle. 

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Weitere Informationen

Ein gutes Beispiel ist das Tor im WM Finale von Mario Götze. Bei der WM 2014 spielte er kein wirklich gutes Turnier, viele kleine Verletzungen hatten ihn zuvor zurückgeworfen. 88 Minuten saß er im Finalspiel auf der Bank, bis Joachim Löw das richtige Gespür hatte. „Und jetzt zeig der Welt, dass du besser bist als Messi“, flüsterte ihm der Bundestrainer noch ins Ohr. Und dann schoss er Deutschland zum Titel. Ohne das richtige Bauchgefühl, wäre das eventuell nicht passiert.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Als Trainer ist es wichtig, den Athleten genug Raum zu geben, um sich zu präsentieren. Das bedeutet, dass in diesem Fall, als Zeitpunkt der spätmöglichste für die endgültige Entscheidung der Beste ist. Ausnahme: Ein Spieler stört das Teamgefüge und gefährdet den Erfolg der Vorbereitung.

In seltenen Fällen ist es durchaus notwendig, schon früher den endgültigen Kader zu bestimmen. So ist ein konzentriertes Arbeiten mit Vorbereitung auf die gemeinsamen Ziele besser machbar, als wenn individuelle Ambitionen den Trainingsalltag stören.

Die Art und Weise der Bekanntgabe

Doch mal ehrlich, ist es besser, eine Nominierung vor der ganzen Mannschaft bekannt zu geben oder ist ein persönliches Gespräch im Vorfeld sinnvoller?

Beides kann seine Vor- und Nachteile haben! Ich bevorzuge das Vier-Augen-Gespräch, damit der Spieler Zeit hat, die Entscheidung zu verarbeiten und nicht aus dem Affekt und mit dem Druck, vor der Mannschaft bloßgestellt zu werden, reagiert. Oft nehmen Spieler eine persönliche Niederlage vor der gesamten Mannschaft als Demütigung wahr. Dies wird zwangsläufig zu einem schlechten Verhältnis zwischen Ihnen und dem Spieler führen. 

Wie sag ich es ihm oder ihr? 

Mein Tipp: Bleiben Sie so transparent wie möglich, begründen Sie Ihre Entscheidung und beweisen Sie Fingerspitzengefühl.

Auch wenn der Spieler Ihre Wahl nicht umgehend versteht, kann ihm diese Vorgehensweise dabei helfen, die Situation besser zu verarbeiten. Das Fingerspitzengefühl wird Sie dabei leiten, wie, wo und wann Sie Ihre Spieler darüber informieren.

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Weitere Informationen

Härtefall Moritz Wagner

Henrik Rödl hat mit Moritz Wagner vor seinem Interview (im Video) geredet und ihm innerhalb der Pressekonferenz nochmals den Rücken für zukünftige Einsätze bei der Nationalmannschaft gestärkt. Zudem hat er klare Beispiele wie die Spielpraxis und die Erfahrung als Ursachen für seine Entscheidung festgemacht. Einem klugen Spieler wie Wagner wird diese Begründung dabei helfen, sich zu verbessern und die Entscheidung zu verstehen.

Er hat Wagner außerdem bestätigt, dass er in Zukunft (innerhalb der Nationalmannschaft) noch viel vor sich hat und über ein „unglaubliches Talent“ verfügt. Dieser Ausblick ist die Grundlage für eine positive Zusammenarbeit in den nächsten Jahren. Rödl gibt seinem Spieler das Gefühl, trotzdem ein Teil des Teams zu sein und seine Entwicklung in der Zukunft weiter zu evaluieren. Damit bekommt Wagner auch eine Aufgabe, die seinen Ehrgeiz wecken soll.

Zur Profilseite von Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Wie mit den Aussortierten umgehen?

Mein Tipp: Bleiben Sie für den Spieler nahbar, zeigen Sie ihm, dass Sie trotzdem an ihn glauben (vorausgesetzt, dass es der Fall ist).

Wenn Sie die obenstehenden Tipps beachten, können Sie auch diese schwierige Ansprache als Trainer zu einer gelungenen Aktion für die Mannschaft machen, die daraus gestärkt hervorgeht. Denn denken Sie daran, dass sich immer viele Spieler über Ihre Entscheidung freuen. Nämlich die, die mitfahren dürfen.

Info Basketball-WM 2019:

Vom 31. August bis zum 15. September 2019 läuft die Basketball-WM in China. Mein Kollege Johannes Wunder (zum Profil) und ich (zum Profil von Ole Fischer) haben uns dazu entschieden, dieses Spektakel sportpsychologisch zu begleiten. Wenn ihr spezielle Themenideen oder Fragen habt, nehmt gern Kontakt auf.

Wir von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) wünschen eine tolle Basketball WM 2019 und viel Erfolg ans Deutsche Team!

#Koerbefuerd

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Lars Lienhard: Neuroathletik – Wie das Gehirn die sportliche Leistung beeinflusst

Lars Lienhard, der Ex-Leistungssportler, Sportwissenschaftler und Athletik-Trainer ist Mitbegründer von „Focus On Performance“ und gilt als Gesicht der Neuroathletik im deutschen Sport. Lars Lienhard arbeitet seit Jahren erfolgreich mit Weltklasse-Athleten aus den unterschiedlichsten Sportarten zusammen und hat Athleten auf Olympische Sommer- und Winterspiele sowie Welt- und Europameisterschaften vorbereitet. 2014 feierte er als erster Neuroathletik-Trainer in der Geschichte des DFB den Weltmeistertitel in Brasilien und begleitete den Deutschen-Leichtathletik-Verband auf die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio. 

Das Interview hat Katja Kramarczyk von Die Sportpsychologen (zur Profilseite) geführt.

Lars, du bietest deinen Sportlern mit Neuroathletik ein Trainingskonzept an, dass auf den neurologischen Grundlagen des Athleten basiert. Was steckt da genau dahinter? 

Lars Lienhard: Das Gehirn und das Nervensystem sind Systeme, die die sportliche Leistung maßgeblich bestimmen. Neuroathletik beschäftigt sich mit den ganzen zentralnervösen Prozessen, die sich im Hintergrund abspielen und die Grundlage bilden, mit denen unser Gehirn das Bewegungsprogramm entwirft, bevor es dann zu einer Handlung kommt. Das Gehirn und Nervensystem macht eigentlich nur drei Dinge: es empfängt Informationen aus den Sinnesorganen (Input), analysiert und interpretiert und integriert diese blitzschnell (Integration) und reagiert mit einer Handlung (Output). Ein Output kann eine motorische Bewegung, eine Muskelverhärtung, aber auch ein Gedanke oder Schmerz sein. Die klassische Herangehensweise orientiert sich fast immer nur am Output, Neuroathletiktraining beschäftigt sich deutlich mehr mit dem Input und der Interpretation. Das fängt bei den Rezeptoren an, wo die Informationen aufgenommen werden, über die peripheren Nerven, den spinalen Nerven bis hin zu allen Hirnarealen, die diese Informationen verarbeiten und integrieren, mit denen unser Gehirn dann die Entscheidung für die nächste Handlung trifft und das dementsprechende Bewegungsprogramm erstellt. 

Das entspricht nicht der Herangehensweise herkömmlicher Trainingskonzepte. Du plädierst für einen Perspektivwechsel?

Ja, denn wie präzise, kräftig, dynamisch oder koordiniert eine Bewegung erfolgt, ist das Endresultat aller Informationen, die im Gehirn ankommen, und ihrer Verarbeitung dort. Die Erkenntnisse über das Gehirn und Nervensystem als bewegungssteuernde Instanzen sowie deren praktische Umsetzung müssen in den Vordergrund rücken und in ein ganzheitliches Athletiktraining integriert werden. Unsere Leistungsfähigkeit ist immer davon abhängig, wie sich das Gehirn aufgrund der aktuellen Datenlage entscheidet. Bekommt das Gehirn also nicht ausreichende und hochwertige Informationen aus den bewegungssteuernden Systemen, werden Trainingsziele nur deutlich erschwert erreicht.

Umso besser die Informationen, umso besser dann auch die Leistung?

Ja. Das Gehirn ist evolutionsbiologisch ein Organ, das unser Überleben sichert und dafür zu jeder Zeit Umgebung und Körper scannt. Erscheint eine Situation nicht sicher und kontrollierbar, dann ergreift das Gehirn Schutzmaßnahmen, die immer leistungsmindernd wirken. Schutzmaßnahmen können das Reduzieren der Kraft, Bewegungseinschränkungen, aber auch muskuläre Verspannungen oder Schmerzen sein. Es entstehen hierdurch immer Kompensationsmuster. Es ist also wichtig zu verstehen, dass die Qualität der Leistung von der Qualität der Informationen abhängig ist. Hier sind vor allem drei Informationsquellen gefragt: das visuelle System (Sehen), das vestibuläre System (Gleichgewicht) und das propriozeptive System (Eigenwahrnehmung von Bewegung). 

Zum Profil von Katja Kramarczyk: https://www.die-sportpsychologen.de/katja-kramarczyk/

Wie sieht das in der Praxis aus? 

Ich kann aus Qualitätsgründen immer nur mit dem Gehirn und Nervensystem eines Athleten arbeiten, unser Nervensystem ist so individuell wie ein Fingerabdruck und ein gutes neurozentriertes Arbeiten ist zunächst immer im 1:1 Setting. Jede Position, jede Bewegung, jede Sportart oder Disziplin hat ein neuronales Anforderungsprofil an das Gehirn und das zentrale Nervensystem des Sportlers. Ich überprüfe, ob das zentrale Nervensystem des Sportlers überhaupt in der Lage ist, den Anforderungen, die an ihn gestellt werden, im vollen Umfang Rechnung zu tragen oder es im individuellen neuronalen Profil etwas gibt, was in der gegebenen Situation nicht ausreicht, um diese optimal zu bewältigen. Da treffe ich oft auf die Situation, dass ein Sportler an spezifischen technischen Dingen wie z.B. der Armarbeit seit Jahren arbeitet und sich keine wesentlichen Verbesserungen zeigen. Dann liegt nahezu immer ein Softwareproblem vor. 

Wie entsteht ein neuronales Anforderungsprofil?

Ich teste intensiv und ganzheitlich die Systeme des Sportlers und führe eine Anamnese durch, die mir zeigt, in welchem Kontext welche Verletzungen, Tonusprobleme, zugehende Muskeln etc. auftraten. Wenn beispielsweise alle Probleme auf der rechten Seite waren, gibt mir das bereits eine gute Orientierung, wo im Gehirn ich anfangen könnte. Zudem analysiere ich die Sportart oder Disziplin. Die neuronale Anforderung in den Spielsportarten ist zum Beispiel viel größer, weil die Athleten alles können müssen: stoppen, sich auf engstem Raum bewegen, springen, rotieren und es kommt zu wesentlich mehr Karambolagen, wodurch Gehirnerschütterungen auftreten. 

Wie überprüfst du die Trainingsergebnisse?

Wir machen alles über Assessments und Re-Assessments, die mir sofort Rückmeldung über die Auswirkung des Trainings geben. Was für Übungen der Sportler bekommt, ist von seinem Output abhängig. Wenn ich den Input durch eine Augenübung verändere, bekomme ich unmittelbar das Resultat und kann schnell einschätzen, was dem Sportler gut tut und in welchem Bereich wir trainieren müssen. 

Katja Kramarczyk und Lars Lienhard

Wieviel Zeit sollte ein Sportler in das Neuroathletiktraining investieren?

Es gibt neuroplastische Anpassungsgesetze und wir wissen heute, dass wir ungefähr 40 Stunden brauchen, um ein System neu zu strukturieren. Allerdings können wir mittlerweile gezielter Hirnareale ansteuern, indem wir aus verschiedenen Bereichen Informationen in ein Areal geben und somit mehr neuroplastische Kapazität erhalten (sogenanntes Priming). Laut Studien ist im motorischen Lernen somit eine bis zu 70% schnellere motorische Lernphase erreichbar. Soll heißen: Wir brauchen dann keine 40 Stunden mehr. Nichtsdestotrotz muss der Athlet 20-30 Minuten am Tag trainieren, wenn er Erfolge aufbauen will. Kurzfristig können wir tolle Wirkung erzielen, aber langfristige Leistung braucht Training. 

Gibt es einen optimalen Einstieg in das Neuroathletiktraining?

Neuroathletiktraining ist mit Kindern möglich, indem ich spielerisch den Fokus auf die Augen, das Gleichgewicht und Gelenksbewegungen richte. Das beste Alter, um gezielt neuroathletisches Training durchzuführen, ist jedoch, wenn der Sportler sich mit den Themen auseinandersetzen kann. Im Allgemeinen sollte der Einstieg während der Saisonpause- oder in der Saisonvorbereitung starten, da durch das neuroathletische Training neue Muster und Ansteuerungen stattfinden und der Sportler so eventuell aus seinen gewohnten Konzepten, Bewegungsmechanismen oder Ritualen herauskommt. Meist arbeite ich jedoch mit Athleten, die mich während der laufenden Saison kontaktieren, da irgendwas beim Sportler akut nicht mehr geht und dann müssen wir den Reiz der Übungen individuell anpassen, so dass sich das Symptom bestenfalls auflöst aber keine zu großen neuronalen Umstellungsprozesse bewirkt werden.

Wie lange arbeitest du in der Regel mit einem Sportler zusammen?

Ich werde oft noch so behandelt wie ein Arzt, zu dem man hingeht, mit einem Problem und wenn das Problem gelöst ist, braucht man mich nicht mehr. Sportler, die jedoch verstehen, was das System kann und das es um die Optimierung der kompletten Bewegungsprozesse geht, die begleite ich bereits seit vielen Jahren. Die Besten der Besten verhalten sich alle gleich, egal ob Individual- oder Mannschaftssportler. Sie haben gelernt, dass sie nur so gut funktionieren, wie sie sich selbst optimieren, wie sie sich selbst fühlen und wie sie an sich arbeiten. Diese Athleten wissen, dass es um Qualität geht.

Neuroathletiktraining benötigt ein individuelles Training. Vereine und Teams arbeiten meist nach dem „One fit for all“ Prinzip. Wie sieht deine Zusammenarbeit aus und wie kann ein neuroathletisches Training integriert sein?

Aktuell sieht die Zusammenarbeit meist so aus, dass ich privat geholt werde und mit den Sportlern dann in der zur freien Verfügung stehenden Zeit arbeite. Es ist schwer neuronal mit einem ganzen Team zu trainieren, weil das neuronale Profil so individuell wie ein Fingerabdruck ist. Irgendwann ist es das Ziel, dass Trainingssysteme auf den neuronalen Gesetzmäßigkeiten basierend aufbauen und nicht neuronale Prozesse in herkömmliche Trainingssysteme integriert werden. Dies wird sich jedoch nicht so schnell ändern, weil der Markt von symptomorientierten Prozessen dominiert wird.

Neuroathletik erfährt in den vergangenen Jahren immer mehr Interesse bei Sportlern und Trainern. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Trainer neurozentrierte Methoden oder Material wie die Rasterbrille in das eigene Training integrieren. Was sollte ein Trainer beachten, wenn er Neuroathletik in sein Training berücksichtigt?

Es ist eine gute Entwicklung, wenn Trainer das Potential von Neuroathletik erkennen, aber die Methoden und Tools im Sinne von „One fit for all“ zu integrieren, funktioniert nicht. Störungen sind individuell und genau deshalb erstellen wir das individuelle neuronale Profil eines Sportlers. Wenn ich kein neuronales Profil habe und Material wie die Rasterbrille einfach anwende, kann der Trainer damit auch Sportler „zerstören“. Neuroathletik bedarf einer guten Ausbildung wie das Z-Health von Dr. Eric Cobb. Ein guter Trainer sollte sich ein Team aus Experten um ihn herum aufbauen und die Kompetenz ins Boot holen, die er benötigt. 

Schniefen, Schielen oder die Zunge kreisen – Neuroathletisches Training sieht komisch aus. Wie hast du es geschafft, dass Neuroathletiktraining zu etablieren?

Das war keine einfache Zeit und nach wie vor betrachten viele Kräfte aus dem medizinisch-athletischen Bereichen die Neuroathletik mit Skepsis. Martin Weddemann, Mitbegründer von Fokus On Performance, und ich haben unsere Vision gegen sehr viele Widerstände platziert. Die Aufklärung durch ständigen Austausch, unsere Website www.fokus-on-performance.de und die ersten beiden Bücher über Neuroathletiktraining (siehe Tipps unten) waren wichtige Bausteine. Populär wurde das Neuroathletiktraining aber vor allem, weil sich Top-Sportlerinnen und -sportler wie Gina Lückenkemper, Per Mertesacker, Serge Gnabry, Tatjana Hüfner, Fabian Rießle, David Storl und weitere darüber in den Medien geäußert haben. 

#Neuroathletik

Katja Kramarczyk und Dr. Fabio Richlan sind sich einig: Es lohnt sich, aus sportpsychologischer Perspektive das Thema Neuroathletik zu beleuchten. In ihrem Schwerpunkt erklären sie, was sich hinter dem Modewort verbirgt. Zeigen auf, was Trainer, Betreuer, Eltern und Sportpsychologen über neurowissenschaftliche Grundlagen wissen sollten. Und lassen einen der Köpfe der Neuroathletik-Szene zu Wort kommen.

Katja Kramarczyk: Mit Neuroathletik Gehirn und Körper in Verbindung bringen

Dr. Fabio Richlan: Neurowissenschaftliches Grundwissen für Trainer, Betreuer und Eltern

Lars Lienhard: Neuroathletik: Wie das Gehirn die sportliche Leistung beeinflusst

ZDF-Beitrag: Neuro-Athletik – Training von Gehirn und Sinnen (Link)

Zu den Autoren: Katja Kramarczyk, Dr. Fabio Richlan

Bücher über Neuroathletiktraining:

  • Schmid-Fetzer, U. (2018). Neuroathletiktraining. Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings. München: Pflaum Verlag. 
  • Lienhard, L. (2019). Training beginnt im Gehirn. Mit Neuroathletik die sportliche Leistung verbessern. München: riva Verlag. 

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