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Dr. Christian Reinhardt: Entspannung für harte Jungs

Im Kampfsport wimmelt es nur so von ganz harten Jungs. Die Klischees kennen wir alle. Wer sich aber für die Menschen hinter den kantigen Erscheinungen interessiert, der weiß, was da für normale bis sensible Typen dahinterstecken. Nicht von ungefähr bin ich auf die Entspannungstechnik des Floatings erst durch den amerikanischen Mixed Martial Arts-Kommentator Joe Rogan aufmerksam geworden. Ein Werkzeug, was ich bis heute Kampfsportlern empfehle, mancher gestressten Fußballerseele ans Herz lege und auch selbst regelmäßig nutze. 

Zum Thema: Die Entspannungstechnik Floating 

Als Joe Rogan, der bekannte UFC-Kommentator und Comedian, vor Jahren in seinem Podcast vom Floating berichtete, löste er damit einen echten Hype unter US-amerikanischen MMA-Athleten aus. In Deutschland ist der Trend unter Kampfsportlern nur bedingt angekommen – hierzulande treffen sich rund um die Floatingtanks vornehmlich Workaholics auf Sinn- und Entspannungssuche.

Aus eigener Erfahrung kann ich unterstreichen: Floating ist ein überragendes Erlebnis! Einzigartig insofern, dass es außerhalb von Weltraummissionen nirgendwo mehr Reizarmut geben dürfte. Vielleicht kurz zur Erklärung: Ein Floating-Tank ist nichts anderes als eine große und meist überdachte Badewanne, die mit Wasser und einer besonderen Salzugabe gefüllt ist. Das Gemisch ist deckungsgleich mit der Haut-Außentemperatur, was euch weder Kälte noch Wärme empfinden lässt. Damit schwindet das Gefühl für die eigenen Körpergrenzen. Der Salzgehalt führt dazu, dass ihr wie schwerelos in der Wanne schwebt. Je nach Ausführung der Anlage lässt sich die Wanne mit einem Deckel schließen, so dass ihr zudem völlige Dunkelheit erlebt. Die Idee dahinter: Floating ermöglicht eine völlige Reizdeprivation. Euer Gehirn kann in dieser meist einstündigen Phase von keinerlei Reizen erreicht werden, die sonst in unserem Alltag auf uns einströmen. Mehr noch: Laut seriösen Untersuchungen werdet ihr sogar durch die Ausschüttung von Endorphinen belohnt!

Der Reset-Knopf

Mehr Infos zu Dr. Christian Reinhardt: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-reinhardt/

Einer meiner Sportler, die ich betreue, hat es so auf den Punkt gebracht: “Für mich ist das wie der Reset-Knopf meines inneren Computers. Ich fahre mein System komplett herunter und steige dann rundum erholt wieder ein.” Ich selbst wende die Technik übrigens auch an. Unregelmäßig zwar, aber ich bin jedesmal von der tief erlebten Entspannung, der danach deutlich verbesserten Schlafqualität und nachhallenden Erholung beeindruckt. Dabei will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich bei der ersten Anwendung einige Probleme hatte, mich auf das Setting einzulassen. Aber nach 15 Minuten Fremdeln konnte ich loslassen.

Für Sportler, allen voran Kampfsportler, bietet das Floating ein besonderes Plus: In der Schwerelosigkeit treten Schmerzen, die bei vielen Aktiven zu steten Begleitern geworden sind, fast komplett in den Hintergrund. 

Sinnvolle sportpsychologische Erweiterung 

Aus sportpsychologischer Perspektive gebe ich meinen Aktiven noch eine besondere Hausaufgabe mit. Undzwar sollen die Sportler die Zeit im Floating-Tank immer mal wieder nutzen, um Visualisierungen anzuwenden. Dieses Umfeld, welches äußere Reize minimiert bis gänzlich eliminiert, bietet dafür eine hervorragende Spielfläche.

Wer seine Floating-Erfahrung mit meinen Kollegen (zur Übersicht) oder mir (zum Profil von Dr. Christian Reinhardt) teilen oder um die sportpsychologische Ebene erweitern möchte, der darf gern Kontakt aufnehmen. Persönlich kann ich, wie deutlich gemacht, diese Entspannungstechnik nicht zuletzt Kampfsportlern empfehlen. Vielleicht denkt ihr als Teamsportler aber auch an diesen Text zurück, wenn ihr als Mannschaft zu Weihnachten eurem Trainer ein besonderes Geschenk machen wollt. 

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/24/johannes-wunder-anspannung-und-entspannung-leicht-gemacht/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/06/25/lea-fuerer-jeder-kampf-wird-im-kopf-gewonnen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2014/09/04/christian-reinhardt-the-walkout-der-richtige-weg-im-tunnel/

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Miriam Kohlhaas: Treat the Person! And not only the injury

Meine Verletzung ist nun einige Monate her. Die Ente hat wieder schwimmen gelernt und der Mensch unter dem Gefieder ist um eine sehr besondere Erfahrung reicher geworden. Nicht, dass ich diese Verletzungserfahrung mit monatelanger Reha jetzt unbedingt gebraucht hätte, aber ich habe einiges gelernt. Zuletzt – und damit beende ich meine kleine Serie zum Umgang mit Verletzungen -, was es heißt, mit dem Risiko einer neuerlichen Verletzung und der damit verbundenen Angst richtig umzugehen. Denn eine Verletzung hinterlässt nicht nur körperlich Spuren, auch mental gilt es einiges zu managen. In diesem Punkt können Sportler häufig Hilfe gebrauchen.

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

In meiner Reha hörte ich die Geschichte eines Patienten, der einen schweren Motorradunfall hatte und nun trotzdessen wieder fuhr. Unverständnis überall – wie kann er nur?

Ich erklärte es in der Runde wie folgt: Das Motorradfahren ist ein bewusst eingegangenes Risiko – genau wie bei eurer ausgeübten Sportart, liebe Sportler da draußen. Ihr wisst, dass ihr ein bestimmtes Verletzungsrisiko eingeht – mal mehr, mal weniger. Wichtig: Für unsere Psyche ist es leichter, eine Verletzung zu verarbeiten, die aus einem solch bewusst eingegangenes Risiko resultiert.

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Eine Frage des Risikos?

Und spielt ihr anschließend weiter – oder im Fall des Motorradfahrens, fahrt ihr danach weiter – so geht ihr dieses Risiko eben bewusst wieder ein. Anders sieht es aus, wenn man, wie ich zum Beispiel, einen unerwarteten Unfall hatte. Genauer gesagt: Bei einer Tätigkeit, die dieses Risiko nicht mit sich bringt (in einer Schießerei kann man schließlich andauernd und völlig unerwartet geraten, alle Hintergründe erfahrt ihr im ersten Beitrag der kleinen Serie). Dann fällt es uns schwerer, das Erlebte für uns einzuordnen und mit der Angst zu leben, dass es wieder passieren kann. Auch die individuelle Einschätzung der Schwere unserer Verletzung wird maßgeblich unsere Rehabilitationsdauer beeinflussen (Vgl. Smith et al.,1990).

Zusätzlich ist der Zeitpunkt der Verletzung ein wichtiger Faktor. Wesentlich höher ist der Frustrationsgrad vor Saisonhöhepunkten. Laut Kerr und Minden (1988) treten knapp 30% aller Verletzungen nämlich genau dann auf.

Effektive Hilfe

Eine Möglichkeit, sich der Angst nach Verletzungen zu stellen, ist die Desensibilisierung nach Wolpe. Diese wird der Verhaltenstherapie zugeordnet und geht davon aus, dass Anspannung (Angst) niemals gleichzeitig mit körperlicher Entspannung existieren kann. Dementsprechend würde der Athlet damit beginnen, eine Hierarchie seiner Angst anzufertigen. Also eine Liste, beginnend mit den Situationen, in denen er am meisten Angst verspürt. Bis hin zu den Punkten, wo er am wenigsten Angst hat.

Wann ist die Angst leicht, wann ist die maximale Angst erreicht!? Auf Basis dieser Antwort würde man gemeinsam eine Entspannungstechnik einüben – zum Beispiel eine progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Anschließend erarbeitet der Athlet eine optimale Vorstellung für sein Handeln in der betreffenden Situation. 

Geübte Entspannung

Und zu guter Letzt wird dieses Handeln mit Hilfe von mentalem Training in der Situation vorgestellt und eingeübt. Hierbei versucht der Sportler, die von ihm aufgestellte Angsthierarchie mental durchzugehen und wann immer ihm die Angst begegnet, mit eingeübter Entspannung dagegen zu arbeiten, bis er wieder vollkommen entspannt ist.

Dies ist eine Möglichkeit, die ihr gemeinsam mit einem Sportpsychologen einüben könnt. Aber auch im zuvor beschriebenen Prozess ist es eine große Stütze und Ressource, in einer solch schweren Zeit einen Fachmann bzw. eine Fachfrau an Eurer Seite zu haben. Meine Kollegen von die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Miriam Kohlhaas) stehen gern für euch bereit.

Liebe Verantwortliche und Mitarbeiter in Vereinen und Verbänden, liebe Trainer, in einer solchen Zeit ist eines das allerwichtigste: Treat the Person! And not only the injury!

All ihr fantastischen Athleten, ihr verletzten Sportler, wie schnell wollt ihr wieder zurückkommen?

Alle Teile der Serie:

Mehr zum Thema:

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Ole Fischer: „Kann man sein Kämpferherz trainieren, wenn ja, wie?“

Kürzlich habe ich auf meinem Instagramaccount (Link) eine Umfrage gestartet, um von meinem Publikum zu erfahren, was sie denn gerne von einem sportpsychologischen Experten wissen würden? Einige Sportler meldeten sich bei mir mit ihren Fragen. Ein/e Athlet/in schrieb folgendes: „Kann man sein Kämpferherz trainieren, wenn ja wie? Also, gezielte Aggressionen, Siegeswille…?“ 

Häufig konsultieren mich Kampfsportler, wenn es darum geht, was sie tun können, um im Wettkampf aggressiver zu sein. Doch ist dies überhaupt die Frage, welche zur besseren Performance führt? In diesem Artikel möchte ich, anhand eines Beispiels, erklären, was in der sportpsychologischen Beratung überhaupt geschieht. Außerdem möchte ich dem/derjenigen Sportler/in einige Tipps geben. Eines vorab: Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung, sondern schlägt lediglich mögliche Ansatzpunkte für Verbesserungen vor.

Zum Thema: Vom diagnostischen Prozess zur praktischen Arbeit – Der Weg von einer Athletenfrage via Instagram zur sportpsychologischen Betreuung

Eine pauschale Antwort ist nicht das Mittel der Wahl für den sportpsychologischen Beratungskontext. Kommt ein Athlet oder eine Athletin mit einer derartigen Fragestellung zu mir, so führe ich zunächst eine genaue Diagnostik durch. Beispielsweise im Rahmen eines Interviews. Auf meine Nachforschung hin schrieb mir der/die Athlet/in folgende Nachricht:

Zitat von Instagram (Bild: Adobe Stock, 232157641)

Begutachten wir die Nachricht von unserem/er Kickboxer/in mal etwas genauer, fällt doch einiges auf.

Thema Aggression:

Die Psychologie definiert Aggression als jegliches Verhalten, welches sich absichtlich gegen andere Lebewesen richtet, um ihnen weh zu tun oder sie zu verletzen. Das möchte unserer Sportler/Sportlerin im Normalfall nicht. Denn Sportler haben die moralische Verantwortung, klare Unterschiede zu machen, ob sie aggressiv sein möchten, um anderen zu schaden oder ob ihr Ziel Durchsetzungsvermögen ist.

Eine genaue Klärung des Sachverhalts ist der erste Schritt in eine gute Beratungssituation. 

Thema Zielsetzung:

Die hier angesprochene Zielsetzung ist sehr vage formuliert. „Etwas aggressiver kämpfen“ ist eine Phrase, die so mancher Sportler in seinem Sprachgebrauch hat. Im Rubikonmodell der Handlungsphasen (Heckhausen und Gollwitzer) wird schon in der Abwägephase klar: Ein oder mehrere eindeutige Ziele sind notwendig, um sich auf die Verfolgung und Verwirklichung dieser festlegen zu können. Sprich: Der Erfolg einer Handlung hängt mit ihrer exakten Planung zusammen.

Ein erster Schwerpunkt für eine Leistungsverbesserung wäre gelegt. 

Thema Aktivierungsregulation:

„Auf Turnieren habe ich oft das Gefühl einfach zu machen ohne, dass mein Kopf eigentlich bei der Sache ist.“ 

Ein Satz wie aus dem Lehrbuch. Der Athlet/die Athletin fragt sich, wo denn sein/ihr Kopf im Wettkampf sei? Manchmal hören wir als Experten auch Sätze wie: „Irgendwie lief der Wettkampf an mir vorbei.“ „Bevor ich richtig drin war, war schon alles zu spät.“ 

Ein Anzeichen für eine unzureichende Aktivierungsregulation. Ob nun eine gesteigerte Aktivierung oder eine Entspannung hilfreich wäre, ließe sich erst in der weiteren Diagnostik feststellen. Ich habe zum Thema Aktivierungsregulation bereits im vergangenen Jahr einen Artikel verfasst, der einige hilfreiche Tipps enthält: 

Mehr zum Thema Aktivierungsregulation: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/06/ole-fischer-optimal-aktiviert-zwischen-anspannung-und-entspannung/

Thema Handlungsorientierung:

„Ich bin dann auch unfähig meinen Kampfstil umzuschalten, wenn es mal nicht so läuft.“

Auch damit liebe/r Sportler/in bist du nicht allein! Hin und wieder kommt es vor, dass dir die eigene Lage zwar bewusst ist, du dich aber nicht in den notwendigen Zustand der Handlungsorientierung versetzen kannst. Was bedeutet das? 

Wir sprechen hier von der sogenannten Lageorientierung (du konzentrierst dich auf die Situation, in der du dich befindest, bspw. du verlierst den Kampf, bekommst Treffer ab etc.). Was dir helfen kann, ist Übung dabei zu erlangen, dich auch in schwierigen Situationen in die Handlungsorientierung zu versetzen (welche Handlung solltest du durchführen, um den Wettkampf zu gewinnen). Dieser Schwerpunkt ist eng mit der Zielsetzung verknüpft und erfordert sportpsychologisches Training.

Thema Selbstzweifel: 

„Aber anscheinend nicht genug?“

Ob der Athlet/die Athletin wirklich unter Selbstzweifeln leidet, bedarf einer genaueren Diagnostik. Dieser Satz kann ein Hinweis darauf sein, dass das Thema Selbstzweifel präsent ist – es muss aber nicht! Darum ist es wichtig, genau zu hinterfragen und die Selbsteinschätzung des gegenüber nicht in Frage zu stellen. Ein gutes Vertrauensverhältnis zu sich selbst und zum sportpsychologischen Berater ist notwendig, um diese Fragestellung zu bearbeiten. 

Einen tollen Text zum Umgang mit dem Thema Angst und Selbstzweifeln hat mein Kollege Dr. Gubelmann verfasst: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/01/07/dr-hanspeter-gubelmann-wenn-angst-mitfliegt/ 

Thema Mentales Training: 

„Mir fehlt oft der letzte Zentimeter an Streckung oder das letzte bisschen Konsequenz um den Treffer zu machen.“

Mithilfe der Technik des mentalen Trainings ist es möglich, eine Bewegungsoptimierung zu erlernen, sowie psychisch-limitierende Faktoren zu eliminieren. Ein weiterer Ansatzpunkt mit dem eine mögliche Leistungsverbesserung des Kickboxers/der Kickboxerin herbeigeführt werden könnte. Diese Technik erfordert einige Zeit für die Planung und Rücksprache mit dem jeweiligen Experten.

Zum Profil von Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Kein Ei ist wie das andere

Stellen Sie sich vor: Sie gehen auf eine Party und lernen einen Zahnarzt kennen. Sogleich fällt Ihnen ein, dass Sie ja seit Wochen dieses Problem mit dem Backenzahn haben. „Wissen Sie, was das sein könnte?“ fragen Sie. Was wird der Zahnarzt antworten? Sicher nicht: „Das ist ein altbekanntes Problem, den Zahn machen wir Ihnen hier auf der Stelle raus, dann sind Sie die Probleme los.“ Er würde wahrscheinlich konstatieren, dass es Karies, die Zahnwurzel oder Paradentose sein könnte, was da Probleme bereitet und Ihnen einen Termin in seiner Praxis vorschlagen.

Die Sorgfaltspflicht ist, dass was uns als zertifizierte Sportpsychologen und sportpsychologische Experten davor beschützen soll, diagnostische Schnellschüsse abzugeben oder eine Pauschaldiagnose zu stellen. Also wenn du lieber Kickboxer/liebe Kickboxerin eine genaue Diagnose haben möchtest, komm doch gerne in meine Sprechstunde in Hamburg oder vereinbare einen Skype-Termin mit mir. Hier geht es zu meinen Kontaktdaten, meine Kollegen aus allen Teilen Deutschlands, Österreich oder der Schweiz finden sich hier (zu den Profilen). Ich hoffe, dass ich Dir und auch den anderen Lesern eine Idee davon mitgeben konnte, wie die sportpsychologische Beratung bei einer solchen Frage aussehen kann.

Hinweis: Das Fallbeispiel wurde mit der schriftlichen Einwilligung der betreffenden Person veröffentlicht.

Mehr zum Thema:

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Dr. René Paasch: Videobeweis – und der richtige Umgang damit

Gleich zweimal kommt der Videobeweis im Frauen WM-Achtelfinale zwischen Deutschland gegen Nigeria zum Einsatz und sorgt für viel Unruhe. Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg äußerte sich dazu wie folgt: „Die vielen Unterbrechungen sind emotional schwierig. Vielleicht kommen wir in einen Prozess, bei dem alles ein bisschen schneller geht – die Kommunikation und die Entscheidung.“ Wie problematisch der Umgang mit schwierigen Entscheidungen sein kann, zeigen die Spielerinnen aus  Kamerun. Nach Videobeweis-Einsätzen in ihrem Achtelfinale gegen England wollten sie mehrfach in Streik treten. Lässt es sich üben, richtig auf solche Situationen zu reagieren?

Zum Thema: Der richtige Umgang mit Spielunterbrechungen und Schiedsrichterinnen-Entscheidungen

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Der bekannte Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Kollege Amos Tversky (2012) wiesen nach, dass Menschen sehr häufig Entscheidungen unter erschwerten Bedingungen treffen müssen. Ähnliches gilt für Fußballerinnen bei großen Turnieren, die mit Entscheidungen der Schiedsrichterinnen umgehen müssen. Ihnen stehen entweder nicht alle relevanten Informationen zur Verfügung (individuelle Wahrnehmung) oder es fehlt die Zeit. Allerdings lassen sich selbst unter Wettkampfbedingungen gute Entscheidungen treffen, indem Spielerinnen schnelle und vereinfachende Strategien anwenden, so genannte Heuristiken (Hüttermann, Memmert, Simons, 2014). Hintergrund: Die meisten Verzerrungen entstehen, wenn Spielerinnen bei ihren Entscheidungen Informationen heranziehen, die unter Stress gesammelt worden sind. Oft sind die Sportlerinnen sich dabei gar nicht bewusst, wie Nebensächlichkeiten ihr Verhalten auf dem Platz beeinflussen. 

Intuitive Entscheidungen führen, wie auch schon bei der WM zu beobachten, zu plötzlichen emotionalen Wutausbrüchen gegenüber der Schiedsrichterin, ohne diesen näher begründen zu können (bei Foulspiel, Strafstoß, Abseitsstellung etc.). Derartige Verhaltensweisen lassen sich konkret durch Feedback, Videosequenzen und Gespräche verbessern. Der regulative Lernerfolg hängt dabei maßgeblich von der zeitnahen Auseinandersetzung und entsprechenden Trainings ab: Sie sollte am besten unmittelbar im Anschluss des Spiels und möglichst präzise erfolgen. Eine weitere vielversprechende Möglichkeit ist das achtsamkeitsbasierte Training. 

Näheres zum Thema Bewertungen finden Sie hier: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/06/22/dr-rene-paasch-ruediger-und-der-hass/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/

Achtsamkeitstraining

Zugegeben, Achtsamkeit ist ein Modewort. So hat auch das achtsamkeitsbasierte Training das Interesse des Leistungssports geweckt. Dennoch galten im Sport die Praktiken der Achtsamkeit lange als unwissenschaftlich. Erst durch die Aufnahme achtsamkeitsbasierter Verfahren in der klinischen Psychologie und eine stetige Überprüfung ihrer Wirksamkeit hat sich ihr Ruf gewandelt. Dieses Training wird definiert als ein nicht bewertender Fokus der eigenen Aufmerksamkeit auf die augenblickliche Erfahrung. Das Ziel dabei ist ein Verweilen im Hier und Jetzt zu erreichen, ohne die empfundenen Gefühle, Gedanken oder Wahrnehmungen während des Spiels zu bewerten. Nach dem Modell von Dimidjian und Linehan (2003) beinhaltet Achtsamkeit zwei Dimensionen: “Was“ und “Wie“. Die Was-Dimension beschreibt, was die Achtsamkeit ausmacht und die Wie-Dimension bezieht sich auf die Art und Weise, wie vorgegangen wird. 

Weiteres dazu finden Sie hier: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/21/dr-rene-paasch-der-trend-zur-achtsamkeit/ 

Innerer Dialog und Gedankenstopp

Auch Techniken der Selbstgesprächsregulation können unseren Spielerinnen helfen, den Umgang mit schwierigen Schiedsrichterentscheidungen zu verbessern. In solchen Situationen sollten innere Gespräche handlungsfördernd sein und nicht hemmend oder eskalierend wirken, was sich relativ einfach trainieren lässt. Diese regulatorische Form der positiven Beeinflussung ist mächtig. Aber vielen Fußballerinnen ist gar nicht bewusst, welchen Einfluss ein schlechtes inneres Gespräch haben kann. 

Auch die Technik des “Gedankenstopps” kann effektiv zur Reduktion handlungsbegleitender negativer Gedanken vor und während des Wettkampfes oder Trainings eingesetzt werden. Hier lernen Fußballerinnen, das Aufkommen von negativen Gedanken durch die Konzentration auf positive Gedanken zu unterbinden und somit die negativen, störenden Kognitionen zu stoppen (= Gedankenstopp). Wesentlich für die Effektivität dieser Technik ist es, dass diese “Ersatzgedanken” positiv besetzt sind. Somit lernen Fußballerinnen, sich nicht auf die negativen Gedanken zu konzentrieren, sondern diese bewusst abschalten zu können und durch positive Kognitionen zu ersetzen.

Fazit 

Neben den bekannten Methoden der Sportpsychologie werden immer mehr achtsamkeitsbasierte Interventionsverfahren und Heuristiken im Fussball genutzt. Im Vordergrund stehen hier der reflektierende, achtsame und akzeptierende Umgang mit Schiedsrichterentscheidungen sowie förderliche Selbstgespräche. Gern helfen meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. René Paasch) bei der Anwendung weiter.

Mehr zum Thema:

Literatur 

  1. Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, Langsames Denken. Siedler Verlag, München, aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt, 27. Juni 2012, ISBN 978-3-88680-886-1 (Abgerufen am 4. April 2014). Original: Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow. Macmillan, 25. Oktober 2011, ISBN 978-1-4299-6935-2 (Abgerufen am 8. April 2012).  
  2. Hüttermann, S., Memmert, D. & Simons, D. J. (2014): The size and shape of the attentional “spotlight” varies with differences in sports expertise. Journal of Experimental. Psychology: Applied, 20, 147-157. doi: 10.1037/xap0000012
  3. Dimidjian, S., & Linehan, M. M. (2003). Defining an agenda for future research on the clinical application of mindfulness practice. Clinical Psychology: Science and Practice, 10(2), 166-171.

Internet: 

https://rp-online.de/sport/fussball/frauen/wm/frauen-wm-2019-dfb-frauen-profitieren-im-wm-achtelfinale-vom-videobeweis_aid-39607065

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Thorsten Loch: Sportpsychologie – Was ist das?

Sportpsychologie – 15 Jahre nachdem Dr. Hans-Dieter Hermann als Sportpsychologe in den Betreuerstab der Fußball-Nationalmannschaft berufen wurde, müsste doch längst klar sein, was es damit auf sich hat? Aber nicht doch. Immer wieder bekommen meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) von Die Sportpsychologen gespiegelt, wie wenig im Sport – angefangen von ambitionierten Nachwuchssportlern, über Trainer bis hin zu Profis aller möglichen Sportarten – tatsächlich von unserer Disziplin wissen.

Zum Thema: Multimediale Erklärung der Sportpsychologie

Also habe ich mich an einem kleinen Video versucht, welches die Sportpsychologie spielerisch erklärt:

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Weitere Informationen

Nehmt gern Kontakt auf, wenn ihr etwas ergänzen wollt oder ihr bestimmte Erfahrungen mit dem Video gesammelt habt. Ich werde es ab sofort mit Athleten, bei deren Eltern, Trainern und Funktionären ausprobieren, denen ich in einem ersten Schritt etwas über unsere Arbeit erklären möchte. Fühlt euch gern eingeladen, dass Video ebenso dafür zu nutzen!

Zur Profiseite von Thorsten Loch:

Mehr zum Thema:

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Lea Fürer: „Jeder Kampf wird im Kopf gewonnen“

Im Kampfsport wird stark mit Strategien des sportpsychologischen Trainings gearbeitet und dies ganz oft unbewusst. Kämpfer*innen imitieren ihre Trainer*innen und Vorbilder, kopieren deren Aktivierungs- und Entspannungstechniken. Die einen führen anspornende Selbstgespräche oder geben sich Ohrfeigen ins eigene Gesicht. Andere setzen auf tiefes Durchatmen oder einstudierte Rituale während des Aufwärmens. Grenzen sind hier kaum gesetzt. Auch ich als Muay Thai Athletin (Thaiboxerin) bin da keine Ausnahme. Vor rund einem Jahr absolvierte ich ein vierwöchiges Trainingslager auf der thailändischen Insel Koh Phangan, welches nicht nur meine Physis und Technik verbesserte, sondern auch meine mentale Stärke. 

Zum Thema: Sportpsychologie im Kampfsport

Meine Fertigkeiten in Muay Thai werden in diesem Camp täglich zweimal mit je zweieinhalb Stunden Training geschärft. Die intensiven Einheiten bringen mich an körperliche Grenzen: unzählige blaue Flecken, wunde Fingerknöchel und aufgeschlagene Knie, kein Muskel, der nicht schmerzt. 

Im Video: Die psychologische Ebene der körperlichen Erschöpfung

Ich führe unzählige Selbstgespräche vor dem Training, während des Trainings und nach dem Training. Immer wieder helfen mir einige einfache Sätze. Vor dem Training sage ich mir: «Lea, du hast hier eine einmalige Chance, viel zu lernen. Verpasse keine Minute davon.» Während des Trainings reicht manchmal ein: «Come on! Eine Runde dauert nur drei Minuten. Du schaffst das.» Nach dem Training versuche ich nicht nur Dinge zu sehen, bei denen ich versagt, sondern auch solche, die ich gut gemacht hatte.

Mein Mantra

Am meisten hilft mir aber mein Mantra, welches jeder Morgen ein fixer Bestandteil der Meditation am Strand ist. Dabei machen wir fünf Minuten Box Breathing, dann sagen wir fünf Minuten das Mantra auf: Beim Einatmen «I am…», beim Ausatmen z.B. «…powerful». Diese Sätze habe ich jeweils mit eigenen Bildern versehen, die zusätzlich das Mantra unterstützen. Die letzten fünf Minuten der Meditation verbringen wir jeweils mit der Visualisierung des bevorstehenden Tages. Bis ins Detail stellen wir uns mit all unseren Sinnen den Tag vor und fällen bereits Entscheidungen, wie z.B.: Werde ich zum Yoga gehen? Was esse ich zum Frühstück? Je näher der Tag des Kampfes rückt, desto öfter ergänze ich die Meditation um ein weiteres Element, das mir ebenfalls der Trainer empfohlen hat. Dieser lernte es wiederum von seinem Trainer.

Konkret: Ich muss mir den Kampf und seinen Ablauf rückwärts vorstellen: Der Film beginnt also beim ausgelassenen Feiern meines Sieges mit Freunden an der Strandbar; dann sehe ich, wie der Ringrichter meine Hand am Ende des Kampfes hebt und spüre, wie gross dabei die Freude und Erleichterung ist; stelle mir Szenen des Kampfes vor, wie ich auch Schläge aushalten und Ruhe bewahren muss; fühle in der Magengegend, wie ich aufgeregt, aber selbstbewusst in den Ring steige; rieche das Thai Öl auf meiner Haut; fühle, wie beim Aufwärmen das Tape an meinen Fingerknöcheln klebt etc. Heute sehe ich natürlich die Parallelen zum PETTLEP-Ansatz von Holmes und Collins (2001), bei welchem Emotionen und verschiedene Sinne ins Bewegungsvorstellungstraining einbezogen werden.

Im Video: Warum Meditation und Yoga für mich dazugehören

Ein Kampf als spezielle Herausforderung

Nach vier Wochen im Trainingslager kommt mein letzter Tag in Thailand. Der Tag des Kampfes. Es ist eine kleine Arena auf der Insel, aber dennoch von grosser Bedeutung für mich. Es ist schwierig zu erklären, was das Kämpfen in Thailand so besonders macht. Muay Thai ist dort Kultur, fester Bestandteil des Alltags, ernährt ganze Familien, lehrt nicht nur eine Kampfkunst, sondern eine Philosophie. Als Westliche hier zu kämpfen ist eine Ehre. Ich bin sehr nervös. Nicht, weil ich Angst habe, verletzt zu werden oder zu verlieren, sondern weil ich meinen Trainern und dem Gym keine Schande bereiten und sie stolz machen möchte.

Im Video: Atmung und Mantra in der Wettkampfvorbereitung

Als Kampfsportler*in ist man alleine im Ring. Die gesamte Vorbereitung ist so eng mit den Trainern verknüpft, vor allem in Thailand, wo man seinen Lehrern viel Respekt und Gehorsam entgegenbringt. Wenn dir dein «Kru» aufträgt, 300 Kicks und 300 Sit-ups zum Abschluss des Trainings zu machen, dann machst du das einfach. Weil er viel mehr Erfahrung hat (z.B. über 250 Kämpfe im Alter von 30 Jahren). Weil er es besser weiss. Weil du ihm vertraust. 

Im Video: Die besondere Beziehung zum Trainer

An Grenzen gehen – und darüber hinaus

Wenn ich kämpfe, geht es mir vor allem darum, Neues zu entdecken. Viele Personen können meine Leidenschaft für eine solch physische, aggressive Sportart nicht verstehen. Ich aber bin neugierig: Wie ist es, über den Sport, so tief in eine andere Kultur einzutauchen? Wie erlebe, verhalte und fühle ich mich in der Extremsituation im Ring? Was kann ich alles aushalten und mit meiner mentalen Stärke überstehen? Diese Neugierde ist bestimmt den meisten Sportler*innen bekannt, die gerne an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen – egal, welche Sportart sie ausüben.

Im Video: Highlights vom Kampf in Thailand

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Bedarf am Thema Kampfsport?

Bislang spielen Beiträge aus dem Themenbereich Kampfsport bei Die Sportpsychologen nur eine untergeordnete Rolle. Soll sich das ändern? Wenn ja, nehmt gern Kontakt auf und schreibt uns, womit wir uns befassen sollen:

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Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2014/09/04/christian-reinhardt-the-walkout-der-richtige-weg-im-tunnel/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/matthias-hofbauer-volle-kontrolle-beim-penalty/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/12/20/dr-christian-reinhardt-probleme-im-trainingslager/

Lea Fürer

Ich bin im letzten Semester meines Bachelorstudiums für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Seit Oktober 2018 darf ich bei Dr. Hanspeter Gubelmann ein sehr vielseitiges Praktikum machen, bei dem ich u.a. einen Athleten betreuen, ein sportpsychologisches Multimedia-Projekt lancieren, ein Netzwerk zu Sportpsychologen/innen aufbauen, viel Fachliteratur und vor allem Fachwissen aufsaugen darf. Ich arbeite seit rund zehn Jahren auch fürs Schweizer Radio und Fernsehen, davon fünf Jahre beim sportradio SRF und komme nicht nur dort mit  der Sportwelt in Kontakt: Ich war 2017 Schweizer Meisterin im Thaiboxen und arbeite zudem nebenbei als Trainerin.

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Uwe Knepel: Fokussierung im Spielsport

Diese Niederlage tat weh. Noch bevor der Finaltag der deutschen Meisterschaft im Floorball für U13-Teams so richtig begonnen hatte, war er für das Team des SC DHfK Leipzig gefühlt schon wieder vorbei. Im Halbfinale am frühen Sonntagmorgen endete der Traum vom ersten deutschen Meistertitel nach einer 4:5-Niederlage gegen den Gastgeber und Außenseiter BAT Berlin. In diesem Moment verstanden die Kids, was sie sich am Tag zuvor sportpsychologisch erarbeitet hatten. 

Zum Thema: Konzentration und Aufmerksamkeit

Spieltage bei Turnieren können lang werden. Warum also nicht längere Pausen mit gezieltem Input füllen? So entstand auf Seiten des SC DHfK Leipzig die Idee, in einer fünfstündigen Pause zwischen den beiden letzten Vorrundenspielen 90 Minuten für eine sportpsychologische Intervention freizuschaufeln. So kam ich also über unser Netzwerk Die Sportpsychologen zu meinem ersten Auftrag in der Sportart Floorball. Nach Rücksprache mit den Trainern, die bislang noch keine Erfahrung mit der Sportpsychologie gemacht haben, fiel die Entscheidung, etwas zum Thema Konzentration und Aufmerksamkeit zu machen. 

Nach einer kurzen Vorstellung und Erklärung der Sportpsychologie ging es mir darum, den Jungen und Mädchen bewusst zu machen, was Konzentration und Aufmerksamkeit eigentlich bedeutet. Dann übten wir sehr praxisnah die Möglichkeiten der Fokussierung auf den Ebenen weit-eng und außen-innen.

Floorball Team Sportpsychologie
Die U13 des SC DHfK Leipzig bei der Arbeit (Quelle: SC DHfK Leipzig)

Arbeit in Kleingruppen

In Kleingruppen haben die Spieler diese Unterteilung dann auf ihre Sportart angewandt. Die Offenheit der Floorballer war bemerkenswert. Die Trainer haben die Maßnahme voll unterstützt und so konnten wir beim Zusammentragen der Ergebnisse wirklich gut greifbare Strategien für alle möglichen Problemstellungen erarbeiten. Mein Ziel war es dabei, die Übung so konkret und praxisnah wie möglich zu gestalten, so dass Spieler und Trainer nicht nur kleine Ergebnisse mitnehmen sondern auch Handwerkszeug bekommen, um daran im Alltag weiter zu arbeiten. 

Wie ich später erfuhr, klappte die Anwendung mit einer kleineren Einschränkungen ganz gut. Kapitän Julius erklärte, dass die Spieler vor dem kleinen Finale sich genau auf die Vorgaben konzentrierten, die sie sich am Tag zuvor gegeben hatten. Und das habe sie dann echt stark gemacht. Ich wollte noch in Erfahrung bringen, wie er persönlich das Wissen anwendete: Dazu sagte er, dass er sich als Kapitän vor allem darauf fokussierte, den Mitspielern in seiner Reihe Sicherheit zu geben und voranzugehen. Was im Spiel um Platz drei beim 8:4-Sieg gegen die Red Hocks Kaufering offenbar sehr gut funktionierte, klappte am Sonntagmorgen hingegen mal gar nicht. Etwas kleinlaut war von Julius zu hören, dass jeder in seiner Mannschaft gedacht hatte, dass sie das Spiel ganz sicher gewinnen werden. Aber das kam ja anders. Auch eine Erfahrung, aber das ist ein anderes Thema.

Mehr Infos zu Uwe Knepel auf seiner Profilseite

Zur Profilseite von Uwe Knepel: https://www.die-sportpsychologen.de/uwe-knepel/

Trainerfeedback

Toll fand ich bei meinem ersten Ausflug in die recht neue Sportart Floorball auch das Feedback der Trainer. Sie erzählten mir, dass sie nach dem „verkorksten Halbfinale“ das Wissen von unserer Session dann effektiv für die Vorbereitung auf das Spiel um Platz drei nutzen konnten. So wie es ihr Kapitän bereits ausgeführt hatte. Wir bleiben in Kontakt und wollen besprechen, wie die Sportpsychologie auch im sportlichen Alltag begleitend eingesetzt werden kann. Für mich war es eine echt spannende Erfahrung und es hat Spaß gemacht, mit so offenen Kindern und Trainern in unserem Themenbereich zu arbeiten.

Mehr zum Thema:

Christian Hoverath: Internal oder external? Aufmerksamkeit lenken lernen

Kathrin Seufert: Der schwierige Umgang von Eltern und Trainern – und umgekehrt

Mila Hanke: Mentaltraining für Mountainbiker – Konzentration & Aufmerksamkeit verbessern

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Dr. René Paasch: Spielsituationen schneller erfassen und besser entscheiden

Unsere heutigen Leistungskicker müssen komplexe Spielsituationen schnell und angemessen lösen können. Dafür brauchen sie eine gute Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit. Wiewird diese gezielt trainiert? Welche Methoden wenden Trainer aus pädagogischer Sicht in der Praxis an und mit welchem Erfolg?

Zum Thema: Spielerzentrierter Lehransatz im Fussball

Im heutigen Leistungsfussball sind kognitive Prozesse ausschlaggebend für Sieg und Niederlage. Dazu gehört es, die Spielsituation unter Zeitdruck wahrzunehmen/zu verarbeiten, und vorausschauend auf mögliche Spielzüge, eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Doch wie lässt sich die Fähigkeit, schnell und effizient zu entscheiden, überhaupt trainieren? Zumindest die Wissenschaftler sind sich einig, dass die Ausbildung der Entscheidungsfindung einen ähnlich hohen Stellenwert haben sollte, wie die sportmotorischen Fähigkeiten. Vor allem im Nachwuchsfussball sollte taktisches Entscheidungshandeln ein fester Bestandteil der Trainingsarbeit sein. Dennoch gibt es noch keine klare Vorstellung, wie die Schulung der Entscheidungsfähigkeit praktisch aussehen könnte. Noch setzen viele Trainer im Nachwuchstraining auf einen trainerzentrierten Lehransatz. Meist setzen sie auf isolierte Übungen ohne Spielzusammenhang und geben dabei den Spielern direkte Handlungsanweisungen. Das zeigen bspw. Trainingsanalysen aus England (Partington, Cushion, Harvey, 2013/14).

Jedoch ist Weitsicht bei der Gabe von Feedback geboten, da einfachste Hinweise dazu führen können, dass der Aufmerksamkeitsfokus von Nachwuchsspielern verkleinert wird und dadurch wichtige Merkmale von Spielsituationen nicht berücksichtigt werden (Memmert, König, 2011). Die moderne Pädagogik empfiehlt dagegen einen spielerorientierten Lehransatz, damit Nachwuchsspieler handlungsschneller werden (Partington, Cushion, 2013).  Spieler werden demnach mit möglichst realen Bedingungen des Wettspiels konfrontiert, die sie in unterschiedlichen Konstellationen situativ lösen müssen.

Gefahr des „Over-Coachings“

Wichtig: Um taktische Fähigkeiten wie schnelles Entscheiden zu erlernen, brauchen Spieler eine Lernumgebung, die Raum für selbstständiges Denken und Handeln zulässt (Memmert, König, 2011). Statt ihren Spielern zu sagen, was sie tun sollen, sollten Trainer sie durch Methoden wie gezieltes Nachfragen, Stichworten oder Feedback dahingehend unterstützen, eigene Lösungen zu entwickeln (Light,  Harvey, Mouchet, 2014).

Noch aber hat dieser Lehransatz in der Trainingspraxis zur Schulung des Entscheidungshandelns wenig Raum (Partington M, Cushion C, Harvey, 2014). Die Häufigkeit der Coachingmaßnahmen durch den Trainer deutet auf ein „Over-Coaching“ hin. Raab wies nach, dass explizite Anweisungen des Trainers Anfängern zwar zu einem raschen Lernen in der Anfangsphase verhelfen, jedoch in komplexeren Wettkampfsituationen häufig nicht abgerufen werden können (Raab, 2003). Trainer sollten daher die Art und Weise, wie sie ihre Fragen oder Rückmeldungen gegenüber den Spielern formulieren, dahingehend ausrichten, dass sie die Spielsituation kritisch hinterfragen und eigene Lösungswege entwickeln.   

Fazit

Es gibt zwei pädagogische Anregungen, wie ein Trainer die Lernprozesse seiner Spieler beeinflussen kann: Der trainerzentrierte Ansatz setzt auf ein geführtes Lernumfeld, in dem die Spieler Anweisungen während der Trainingsform folgen und umsetzen. Der spielerorientierte Ansatz verlangt hingegen von den Spielern, Spielsituationen zu reflektieren, Optionen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Aufgabe des Trainers ist es, diesen Ablauf anzustoßen und zu lenken, damit die Spieler die gemachten Erfahrungen verinnerlichen und durch wiederholtes Trainieren festigen können.

Zum Profil von Dr. René Paasch

Literatur

  1. O’Connor, D., Larkin, P., & Williams, A. M. (2017): What learning environments help improve decision-making? Physical Education and Sport Pedagogy, 22(6), 647-660.
  2. Partington M, Cushion C. (2013): An Investigation of the Practice Activities and Coaching Behaviors of Professional Top-Level Youth Soccer Coaches.” Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports 23 (3): 374–382
  3. Partington M, Cushion C, Harvey S. (2014): An Investigation of the Effect of Athletes’ Age on the Coaching Behaviours of Professional Top-Level Youth Soccer Coaches. Journal of Sports Sciences (2014) 32 (5):403– 414
  4. Memmert D, König S. (2011): Zur Vermittlung einer allgemeinen Spielfähigkeit im Sportspiel, in: König S, Memmert D, Moosmann K. Das große Buch der Sportspiele. Wiebelsheim (2011): 18–37
  5. Light RL, Harvey S, Mouchet A. (2014): Improving ‘At-Action’ decision-making in Team Sports through a Holistic Coaching Approach. Sport, Education and Society (2014) 19 (3): 258–275
  6. Raab M. Decision Making in Sports: Influence of Complexity on Implicit and Explicit Learing. International Journal of Sport and Exercise Psychology (2003) 1 (4): 406-433

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Ole Fischer: Tipps für Trainer, die nach der Feuerwehr anrücken – Am Beispiel von Dieter Hecking beim Hamburger SV

Der Hamburger SV befindet sich seit Jahren in einem Teufelskreis: Neue Trainer, neue Spieler, alles steht auf Angriff. Kaum geht es richtig los, kommt die nächste Krise und die Spirale beginnt von vorn. Nun versucht sich mit Dieter Hecking ein erfahrener Bundesliga-Trainer am HSV. Und weil ich Hamburger bin und mir der Verein nicht egal ist, formuliere ich ungefragt einen kleinen Ratschlag, der unter ähnlichen Vorzeichen gern auch bei anderen Vereinen mit einer Drehtür zum Trainerzimmer angewendet werden darf. Eines Vorab: Es geht um Vertrauen.

Zum Thema: Vertrauensbildende Maßnahmen für Trainer

Mehr Infos zu Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Um es metaphorisch zu umschreiben: Das Haus dampft noch. Ein neuer Trainer wie Dieter Hecking kann sich also gerade zu Anfang noch ziemlich leicht die Füße verbrennen oder mit unüberlegten Handlungen sogar Brandherde neu entfachen. Deshalb müssen die Stellen, an denen es zuletzt „gefunkt“ hat, zunächst aufgeräumt werden. Setzen Sie sich am besten zu ehrlichen Gesprächen mit den Beteiligten an einen Tisch und beginnen mit der Problemanalyse der vergangenen Monate. Achten Sie dabei darauf, dass Problemfelder, die Sie auch betreffen, erkannt und bearbeitet werden. Oft geschieht es nämlich, dass neue Trainer sich in Angelegenheiten einmischen, die mit der Entlassung des Vorgängers schon Geschichte waren. Und das ist eine brandgefährliche Situation. Anschließend sollten die jeweiligen individuellen Ziele besprechen und dem Wohl des Vereins unterordnen. Kurzum: Nach einem Hausbrand ist eine umsichtige Sanierung notwendig.

Die Sportpsychologie ist für diese Thema übrigens ein guter Mediator. Konkret: Bei einem Krisengespräch helfe ich (zum Profil von Ole Fischer, zu  den Profilen der anderen Kollegen und Kolleginnen) als neutraler Vermittler dabei, eine sachliche Gesprächsführung zu garantieren und bemühe mich, eine konstruktive Beilegung des Konfliktes zu bewirken.

Für diesen ersten Schritt bedarf es sehr viel Mut aber auch Einfühlungsvermögen von Seiten des Trainers, der in einem neuen und zunächst fremden Umfeld für Struktur sorgen möchte.

Vertrauen entsteht durch Erfahrung

Als renommierter Bundesligatrainer bekommt Dieter Hecking vom neuen Team einen relativ großen Vertrauensvorschuss, der für Coaches, die vergleichsweise neu im Geschäft sind, natürlich weniger üppig ausfällt. Dennoch bleiben – einem ungeschriebenen Gesetz aus der Wirtschaft folgend – nicht mehr als 100 Tage Zeit, um den Grundstein für eine erfolgreiche Bindung zu legen und ein funktionierendes Teamgefüge aufzubauen. Frei nach dem Motto: „Mal sehen, was er so bewirken kann,“ werden Trainer in dieser Phase auf die Probe gestellt. Mein Tipp: Seien Sie wachsam, aber bleiben Sie authentisch. Wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, sprechen Sie es ruhig an!

Mein Kollege Lothar Linz beschreibt in seinem Buch „Erfolgreiches Teamcoaching“ die Prozesse der Vertrauensbildung innerhalb des Teams und zum Trainer. Als einen der Hauptfaktoren deklariert er die Authentizität. Wenn Sie sich dem Team so zeigen, wie Sie sind, mit Ihren Ideen vom Spiel, der Fürsorge für die einzelnen Mitglieder des Teams und der realistischen Selbsteinschätzung, der Richtige für den Job zu sein, haben Sie gute Chancen, dass die Spieler beginnen, Ihnen auch längerfristig zu vertrauen.

Entwicklung braucht Zeit

Fakt ist: Dinge brauchen Zeit, um zu wachsen. Diese Zeit haben neuer Trainer oft nicht – die Fans, der Verein, die Medien, die Spieler – alle machen Druck. Als Trainer stehen Sie unter Zugzwang. Versuchen Sie ab und an durchzuatmen, sich das Bild Ihrer Situationen einmal aus der Außenperspektive anzusehen und vergewissern Sie sich, dass alles nach Ihren Vorstellungen passiert.

Im Profisport muss Druck herrschen, um erfolgreich agieren zu können. Wichtig: Druck kann zu Höchstleistungen antreiben, wenn er richtig verarbeitet wird. Jede Partei sollte allerdings wissen, unter welcher Anspannung der andere steht und wie bei einzelnen Aufgaben Unterstützung aussehen kann, ohne dass dabei eigene Interessen komplett missachtet werden. Das wird schnell komplex. Als Trainer ist es Ihre Aufgabe, hier den Überblick zu bewahren. Viel Erfolg!

Mehr zum Thema:

Literatur:

Linz, L. (2004). Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer

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Miriam Kohlhaas: Wenn die Ente wieder schwimmen lernt – das Selbstexperiment

Wenn Sportler aus heiterem Himmel eine schwerwiegende Verletzung trifft, dann ist dies häufig ein derber Einschnitt. Was passiert aber, wenn einer sportpsychologischen Expertin ein vergleichbares Schicksal ereilt? So geschehen bei Miriam Kohlhaas, die am Umgang mit ihrer Verletzung und den damit verbundenen Weg zurück für euch, liebe Sportler, nutzen will. Aber lest mehr…

Wer übrigens die ersten beiden Teile der Mini-Serie verpasst hat, darf das hier nachholen: Teil 1: Miriam Kohlhaas: Officer Down – das Selbstexperiment (Link), Teil 2: Miriam Kohlhaas: Ich selbst bin die bewegende Kraft – das Selbstexperiment (Link).

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Direkt nach der Operation bekam ich für eine Woche eine Aircast Schiene, die vom Knöchel bis zum Oberschenkel ging. Na Bravo! Das war wie ein Holzbein, welches an mir dranhing. Besonders nachts ist diese riesige Schiene nicht zu empfehlen – was aber sein muss, muss eben sein. Und dennoch: Ich hasste sie! Sie nahm mir Freiheit, Eigenständigkeit und gutes Wohlbefinden.

Etwa eine Woche später, durfte ich auf eine Metallschiene wechseln, die sich immerhin 60 Grad beugen ließ. Ich erinnere mich gut daran, wie ich sie das erste Mal Wechseln durfte. Aber: Ich traute mir ohne Physio diese Beugung meines Knies nicht zu. Noch nicht einmal, die neue Schiene anzuprobieren. Zwischenstand: Dieses Bein war für mich mehr denn je wie ein Fremdkörper!

Wachsendes Verhältnis zur Schiene

Drei Wochen später durfte der Radius auf 90 Grad erweitert werden – welch eine Freude! Diese Einstellung begleitete mich nun wochenlang und die Schiene und ich wurden irgendwie, unerwartet, Freunde. Die zu Beginn so verhasste Einschränkung gab mir plötzlich Sicherheit. Die Vorstellung, ohne sie zu sein, machte mir Angst. Meine Gedanken zu dieser Zeit: Was, wenn ich falle, stolpere oder umknicke? Was, wenn ich mehr beugen würde als 90 Grad?

Und als der Arzt dann irgendwann zu mir sagte: „Jetzt muss die Ente wieder schwimmen lernen – leg deine Schiene ab!“ – löste das nicht etwa Freude in mir aus. Aber wie Recht er doch hatte! Die Ente ist dazu bestimmt, zu schwimmen, genau wie mein Bein dazu bestimmt ist, zu laufen.

100%-iges Vertrauen?

In dieser Phase wurde mir klar, wie es sich für die Athleten anfühlt, wenn jemand nach einer schweren Verletzung etwas von 100%-igem Vertrauen erzählt. Das Vertrauen muss erst wieder wachsen, so wie sich der Muskel wieder aufbaut. Es braucht Zeit und wichtige Erlebnisse wie das erste Training, das erste Spiel! Da geht es dann um das Gefühl und die Sicherheit, dass alles hält.

Und ich kann euch sagen: Erst als die Schiene ein paar Tage weg war, hatte ich überhaupt die Möglichkeit, mir und meinem Bein mehr und mehr zu vertrauen. Ich spürte, wie die Sicherheit wieder zurück in mich selbst wanderte und ich von einem äußeren Faktor unabhängig wurde.

Besonderer Talisman

In meiner Arbeit mit verletzten Athleten hatte ich schon mehrfach Anrufe, dass Sportler ihre Schiene zum Spiel mitnehmen wollten. Dies aber in einer Phase nach einer Verletzung, in der es eigentlich längst ohne Schiene ging. Sie hatten die Unsicherheit, die Schiene plötzlich brauchen zu müssen.

Und auch das Gefühl kenne ich nun aus eigener Erfahrung. Und ganz ehrlich, meine Schiene fährt nun immer in meinem Auto mit, falls ich sie plötzlich mal brauche. ?

Natürlich sage ich mir, was ich auch meinem Athleten in diesem Moment sage: Du wirst sie nicht brauchen! Aber gibt sie Dir Sicherheit, dann nimm sie mit! In diesem Sinne habe ich ab jetzt mein ausgepacktes Geschenk in mir fest verankert. Meine Schiene ist aber immer parat.

Und so schwimmt sie wieder, die Ente!

Und es fühlt sich so wahnsinnig gut an!

All ihr wundervollen verletzten Sportler, was gibt euch Sicherheit und Halt?

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