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Björn Korfmacher: Sport-Mentaltraining mit Kindern – weniger ist mehr

Ein nicht zu vernachlässigender Teil meiner Klienten sind Kinder – junge Nachwuchstalente aus den Bereichen Tennis, Fußball oder Eishockey. Jungen und Mädchen, die das Teenageralter noch nicht erreicht haben. Hier treten deren Eltern an mich heran, weil sie bei ihren Kindern mentale Defizite beobachten oder psychische Blockaden vermuten, die dem sportlichen Weiterkommen auf dem Weg zum Profi vermeintlich im Wege stehen könnten. Meistens lautet die erste Frage an mich: „Kann man in diesem Alter schon Sport-Mentaltraining machen?“ Meine Antwort lautet immer: „Ja, klar!“ Obgleich Sport-Mentaltraining bei Kindern anders ablaufen sollte als bei Teenagern oder Erwachsenen. 

Zum Thema: Kindgerechtes Mentaltraining im Hochleistungssport

Grundsätzlich kann Mentaltraining bei Kindern – den Begriff „Sport“ klammere ich hier  erst einmal mit Absicht aus – genauso sinnvoll sein wie für Jugendliche und Erwachsene. Mentaltraining hilft Kindern dabei, Selbstvertrauen aufzubauen und zu selbstbewussten, starken und optimistischen Persönlichkeiten heranzuwachsen und ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Kitas, Schulen und Internate, die dieses Thema in ihren Lehr- und Ausbildungsplänen berücksichtigen, haben zweifellos eine Vorbildfunktion und verdienen höchste Anerkennung – leider sind es hierzulande nur die allerwenigsten. 

Aber kommen wir zum Mentaltraining für Kinder im Sport. Hier geht es, wenn ich die Anzahl und die Art der Anfragen, die ich persönlich bekomme, als Grundlage nehme, zumindest von Seiten der Eltern weniger um Persönlichkeitsentwicklung und Lebensführung. Was hier im Vordergrund steht, ist Leistungsoptimierung. Eltern, die für ihre Kinder einen Sport-Mentaltrainer konsultieren, wollen ihren Schützlingen nicht unbedingt dabei helfen, Selbstachtung und Selbstliebe aufzubauen. Primär geht es ihnen darum, ihre Kinder beim Traum von einer Profikarriere zu unterstützen und ihnen dafür das mentale Rüstzeug mitzugeben: die Fähigkeit, in Drucksituationen zu funktionieren, starkes Selbstvertrauen, robuste Widerstandsfähigkeit, hohe Leistungsbereitschaft und anhaltende Motivation. Dies sind sicherlich die wesentlichen Faktoren der mentalen Stärke im sportlichen Kontext – ob für Kinder, Junioren oder Senioren. Dennoch genießt die Vorgehensweise beim Sport-Mentaltraining für Kinder eine Sonderstellung. Zu berücksichtigen sind hier vor allem der eingeschränkte Wortschatz, die noch begrenzten geistigen Fähigkeiten und die eingeschränkte Aufmerksamkeitsspanne.  


Kinder nicht überfordern

Aber wie ich gehe ich vor, um Kinder nicht zu überfordern? Atemübungen, Affirmationen oder Visualisierungen sind zum Beispiel geeignete Methoden, um Kinder ans Sport-Mentaltraining heranzuführen und schnell gute Ergebnisse zu erzielen. Wie spielerisch man mit diesen Techniken umgeht, hängt von der Persönlichkeit des Mentaltrainers und nicht zuletzt auch von der Persönlichkeit des Kindes ab. 

Kürzlich habe ich ein 11-jähriges Fußballtalent betreut und ein Stück weit auf seinem sportlichen Weg begleiten dürfen. Sein Anliegen: Leistungsblockade bei starken Gegnern. In der Regel blockieren wir dann, wenn wir glauben, etwas nicht zu können bzw. einer Situation nicht gewachsen zu sein. Kurz gesagt: Wenn das Selbstvertrauen fehlt. Gerade bei Kindern – wie im Falle des 11-jährigen Fußballers – kann man hier für den Anfang sehr gut mit Affirmationen, also mit kurzen, bestärkenden Sätzen arbeiten, durch die sich der Sportler bei regelmäßigem Aufsagen relativ einfach in eine starke mentale Verfassung bringen kann. Auch die Arbeit an der Körperhaltung hat sich in diesem Fall positiv auf das Selbstvertrauen ausgewirkt (Embodiment). Hierbei greife ich auch gerne auf Schauspiel- bzw. Improvisationsübungen zurück, um vor allem schüchterne und introvertierte Kinder aus ihrer Komfortzone zu holen und über ihren Schatten springen zu lassen.

Nicht zu viele Bälle

Je länger die Betreuung dauert, desto mehr Wissenschaftlichkeit, mehr Informationen und mehr Hintergründe über tiefergehende Zusammenhänge kann man natürlich in die weiteren Sitzungen einfließen lassen – Stück für Stück. Das gilt übrigens auch für die Arbeit mit Teenagern oder Erwachsenen. Auch ihnen sollte man nicht zu viele Bälle auf einmal zuwerfen. 

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Yvonne Dathe: Werte sind Steuerleinen des Lebens

Wer seine Werte kennt, hat eine gute Beziehung zu sich selbst, zu anderen und weiß ganz intuitiv, wohin es im Leben geht. Werte sind wie ein innerer Kompass, die bei jeder anstehenden Entscheidung die Richtung vorgeben. Metaphorisch gesprochen, sind Werte die Steuerleinen in deinem Leben.

Zum Thema: Zur Bedeutung von Werten im sportlichen Alltag 

Ziele können irgendwann erreicht werden. Wenn ich mir zum Ziel setze, einen Berg zu besteigen, dann habe ich mein Ziel erreicht, sobald ich am Gipfel stehe. Werte hingegen können nicht erreicht werden. Werte, wie „zuverlässig sein“ oder „teamfähig“ oder „in Freiheit leben“ können nicht einfach erreicht und abgehackt werden, Werte werden tagtäglich gelebt.

Wer nach seinen Werten lebt, führt ein in sich stimmiges und erfülltes Leben. Wohlbefinden und psychische Gesundheit sind mit einem Leben nach den eigenen Werten verbunden.

Werte helfen dabei, sich selbst mehr zu vertrauen

Das Leben ist oft verwirrend. Manchmal stecken wir in einem Entscheidungsprozess fest. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, doch keine ist zu 100% gut oder schlecht. Mit anderen Worten: Wir können uns einfach nicht entscheiden. Wenn du dir deiner Werte klar bist, dann sind sie dein innerer Kompass.

Selbst wenn der „beste“ Weg nicht klar zu erkennen ist, können wir unsere Werte nutzen, um unsere Entscheidungen voranzutreiben. Werte geben dir Klarheit und wenn du nach deinen Werten entscheidest, ist der nächste Schritt oft klar.

Deine Kernwerte bauen dein Selbstwertgefühl auf

Sich der Liebe würdig oder „gut genug“ zu fühlen, ist eine der Säulen des Selbstwertgefühls, und ich habe noch nie jemanden getroffen, der damit auf irgendeiner Ebene nicht zu kämpfen hat. Von Geburt an suchen wir im Außen, nach dem was wir brauchen: Nahrung, Liebe, Bestätigung. Habe ich im Test gut genug abgeschnitten? Habe ich im Wettbewerb eine ausreichend gute Platzierung erreicht? Habe ich die Beförderung bekommen? Wie wir alle wissen, kann jedes Ergebnis in beide Richtungen gehen, was bedeutet, dass wir in jedem Moment zu kurz kommen können.

Wenn wir stattdessen von innen nach außen schauen, unsere Werte als Maßstab für „gut genug“ verwenden und diese Werte mit höchster Integrität leben, haben wir die Kraft, uns von externen Ergebnissen zu isolieren. Selbst wenn das externe Ergebnis nicht ausreicht, wenn wir unser Bestes gegeben haben, wir mutig waren und wir freundlich waren, können wir in den Spiegel schauen und stolz sein. Wir hatten immer die Kontrolle über unsere Integrität mit unseren Werten.

Werte sind Brücken, nicht Mauern

Wenn wir tief genug gehen, teilen wir die Werte mit allen gesunden Menschen – sie sind mächtige Brücken, die uns verbinden, nicht Mauern, die uns voneinander trennen oder mit denen wir uns verteidigen. Beziehungen sind eines unserer Kernbedürfnisse im Leben. Studien zeigen, dass soziale Interaktion die wichtigste Aktivität im Zusammenhang mit der Langlebigkeit sind. Die Konzentration auf unsere Werte und die Werte anderer – und zu sehen, wie wir die Gemeinsamkeit finden können, auch wenn es unterschiedliche Hierarchien oder Wahrnehmungen gibt – ist ein starkes Werkzeug in unserem Streben nach Verbindung. 

Wenn du das nächste Mal in einem zwischenmenschlichen Konflikt bist, halte inne und frage dich, welche deiner Werte/Perspektive bestimmen diese Situation? Versuch dann, die Wertperspektive der anderen Person herauszufinden. Schließlich siehst du, wie du deinen Weg findest, um beide in einer möglichen Lösung zu vereinen.

Deine Grundwerte entlasten dich

Das Leben ist eine scheinbar konstante Quelle von Stress. Unsere Grundwerte können uns den Frieden, die Ruhe und die Erholung geben, die wir verzweifelt suchen. In Momenten von Schmerz und Kampf können wir uns auf die Grundwerte konzentrieren und die Praxis, die sie verkörpern, die uns erden und stärken können. Denke darüber nach, Dankbarkeit, Demut, Mitgefühl und Mut in den wirklich stressigen Momenten zu üben, und du wirst sehen, was ich meine. 

Es braucht Übung, weshalb ich immer empfehle, zu üben, wenn es einfach ist – damit es einfacher wird, wenn es schwer ist. Sobald du erkennst, dass du nicht mit dieser Praxis übereinstimmst, komm einfach wieder darauf zurück; wisse, dass die Rückkehr zu deinen Grundwerten, es beim nächsten Mal einfacher machen.

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Vier Kriterien von Werten

1. Steuerung von Prozessen, die zu deinem idealen Szenario führen

Die Werte sollten also kompatibel zu den Visionen sein, die wir haben und uns unserem erwünschten Ziel näher bringen.

2. Werte sollten Dogmatismus und Relativismus vermeiden

  • Dogmatismus unterdrückt die menschliche Vielfalt
  • ein kompletter Relativismus, also alles wird ins Verhältnis gesetzt, führt zu Paralysieren bzw. Ohnmacht

3. Werte sollten komplementär sein

Werte sollten in sich konsistent sein und zu anderen Werten passen.

4. Werte sollen die persönliche, kollektive und relationale Wellness fördern

  • Erfüllung individueller Vorstellungen
  • Schaffung nachhaltiger Beziehungen
  • Erleichterung von Zusammenarbeit

Es gibt nicht den einen richtigen Wert. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch andere Werte hat, hilft uns, Verständnis für deren Werte zu entwickeln und diese zu respektieren. Jeder hat seine eigenen Werte und Wertvorstellungen, doch es ist gut, sich seine Werte immer mal wieder bewusst zu machen, dann fällt uns auch die Kommunikation mit anderen leichter.

Was sind deine Grundwerte? Nach welchen Werten lebst du? Nimm dir etwas Zeit und notiere dir deine Werte, nach denen du lebst bzw. gerne leben möchtest.

Nun wünsche ich dir viel Aufwind in allen Lebensbereichen.

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Marius Schröder: Fehlt der Sportpsychologie der Zugang zum Gehörlosensport und Behindertensport?

Nach einer Befragung von hörbehinderten Spitzensportler*innen fiel auf, dass 86,5% noch nie Kontakt zu einem Sportpsychologen hatten (Glazer & Schliermann, 2020). Dies scheint verwunderlich, da auch für diese Gruppe Leistungsoptimierungen auf der Basis von sportwissenschaftlichen bzw. -psychologischen Untersuchungen notwendig sind. So stellte sich für mich die Frage, warum so wenig hörgeschädigte Sportler*innen Kontakt zu Sportpsychologen hatten und was wir in diesem Zusammenhang ändern können.

Zum Thema: Sportpsychologie im Behindertensport

Fakt ist, dass auch hörgeschädigte Spitzensportler*innen im Bereich der Leistungsoptimierung unterstützt werden müssen. Schauen wir rein auf die Ergebnisse und nehmen die diesjährigen Deaflympics (Olympischen Spiele der Gehörlosen) als Referenz, stehen nur 19 Medaillen für den deutschen Verband zu Buche. Dies ist nicht mehr und nicht weniger als ein Mittelfeldplatz. Dies lässt sich natürlich auf mehrere Faktoren zurückführen. So wurde die Vorbereitung durch die Coronapandemie beeinträchtigt und die gesamte Veranstaltung, wie die Olympischen Spiele in Tokio, um ein ganzes Jahr verschoben. Aber damit sind wir beim Punkt: Warum wurde, mit einem Jahr mehr Vorlauf, nicht im täglichen Training vermehrt auf sportpsychologische Betreuung gesetzt? 

Ein Grund mag sein, dass viele hörbehinderte Sportler eine kommunikative Barriere sehen und nicht wissen, wie sie ohne Hilfe durch einen Dolmetscher*in mit einem Sportpsychologen kommunizieren sollen. Vielleicht liegt ein weiterer Grund vor, dass auch im Bereich des hörgeschädigten Spitzensportes bisher keine Notwendigkeit für eine sportpsychologische Betreuung erkannt wird. In Gesprächen während der Deaflympics 2022 stellte ich fest, dass viele Sportler*innen den Mehrwert noch nicht sehen. Demgegenüber wurde die kommunikative Barriere kaum benannt. Schaue ich rein auf die von mir betreuten Sportler*innen, so kann ich trotz meiner Befangenheit sagen, dass diese in einer guten mentalen Verfassung waren. Dies haben wir dadurch erreicht, dass viele sportpsychologische Interventionen von mir auf deren Anwendbarkeit überprüft und zum Teil individuell angepasst wurden. 

Aufklärungsarbeit als Auftrag

Als Fazit ist festzuhalten, dass wir versuchen müssen, eine gewisse Aufklärungsarbeit in den jeweiligen Verbänden (wenn man nicht nur auf die hörgeschädigten Sportler*innen schaut) zu leisten. Dazu gehört zum einen, die Sportler*innen für den Bereich der Leistungsoptimierung und Sportpsychologie zu sensibilisieren. Hierdurch lässt sich eine gewisse Akzeptanz schaffen, die dazu führen kann, dass sich die Sportler*innen für die Sportpsychologie öffnen. Zum anderen muss auf Seiten der Sportpsychologie kritisch konstatiert werden, dass man hier einen größeren Forschungsaufwand betreiben muss, da sich bei den sportpsychologischen Interventionen anders gelagerte Fragen ergeben. 

Welche Fragen habt ihr an die Sportpsychologie? Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Marius Schröder) stehen euch dazu gern zur Verfügung. Darüber möchte ich persönlich die Frage klären, wie ihr die Akzeptanz und Verbreitung der sportpsychologischen Betreuung im übrigen Behindertensport – außerhalb meines Tätigkeitsschwerpunkts im Gehörlosensport – bewertet? Finden wir dort eine ähnliche oder sogar dieselbe Problematik vor? 

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Dr. Julia Boie: Den Druck rausnehmen – Tipps für den Leichtathletik-Nachwuchs

Die eigenen hohen Ansprüche an sich und die vermuteten Erwartungen anderer führen bei vielen Kindern und Jugendlichen dazu, dass die Aufregung beim Wettkampf überhand nimmt. So kann es sein, dass eine Athletin vor dem 100m-Lauf ihre Beine nicht mehr richtig spürt und das Gefühl hat, nicht mehr richtig laufen zu können. Bei einem anderen Athleten äußert sich die Aufregung vor dem Hochsprung dagegen in wütendem Weinen und lautem Schimpfen. Egal auf welche Art und Weise sich der Druck den Weg bahnt, es leidet die Freude am Sport und die Sportler*innen bleiben meist weit hinter ihren Trainingsleistungen zurück.

Zum Thema: Umgang mit Druck im Nachwuchsleistungssport

Die Athlet*innen machen sich den Druck oft selbst – sie wollen ihre Konkurrentin hinter sich lassen, wollen gewinnen, wollen sich für die nächste Meisterschaft qualifizieren, wollen in den Kader berufen werden. Sicher kann jeder Betroffene die Auflistung fortsetzen…

Aber nicht nur die eigenen Ansprüche, auch die spürbaren oder vermuteten Erwartungen anderer spielen eine Rolle. Die Kinder und Jugendlichen merken, wie die Eltern mitfiebern und sich über Erfolge mitfreuen. Diese positive Anteilnahme kann ungewollt die Sorge auslösen, mit einer nicht so guten Leistung die Eltern und /oder die Trainer*innen zu enttäuschen. Das muss gar nicht der Realität entsprechen (oder den Eltern bzw. den Trainer*innen bewusst sein) – allein das Gefühl des Sportlers bzw. der Sportlerin ist ausschlaggebend. Erwartungsdruck kann auch dadurch entstehen, dass die Sportler*innen zeigen möchten, dass die Unterstützung, die ihre Eltern leisten (Fahrten zu Trainings oder Wettkämpfen, finanzieller Aufwand etc.) sich „lohnt“ bzw. nicht vergebens ist. Die Sportler*innen wollen häufig etwas zurückgeben, wollen sich der Unterstützung würdig erweisen.

Druck rausnehmen – Eltern

Die Eltern können ganz grundlegend dazu beitragen, den Druck herauszunehmen, indem sie ihrem Kind immer vermitteln und ihm deutlich zeigen, dass es als Mensch wertvoll ist und geliebt wird – ganz unabhängig von der sportlichen Leistung. Auf diesem sicheren Fundament kann der Sportler bzw. die Sportlerin lockerer bei Wettkämpfen agieren und eher die Trainingsleistung abrufen. Gleichzeitig beeinträchtigen Misserfolge nicht so sehr das Selbstwertgefühl.

Darüber hinaus sollten keine Belohnungen für gutes Abschneiden in Aussicht gestellt werden, da dies ebenfalls den Druck erhöht. Belohnungen können zudem die innere Motivation der Sportler*innen schwächen. Das innere Streben danach, kompetent und erfolgreich zu sein sowie die Freude an der Bewegung verbunden mit dem Stolz über eine gute Leistung motivieren langfristig viel stärker als es äußere Belohnungen können.

In Phasen der Verunsicherung ist es auch sinnvoll, keine persönlich wichtigen Zuschauer*innen (wie bspw. die Oma) zum Wettkampf einzuladen. Der Wunsch, nun eine besonders gute Leistung zeigen zu wollen, befeuert die ohnehin zu große Aufregung noch weiter.

Druck rausnehmen – Sportler*innen

Mit Unterstützung der Eltern und Trainer*innen sowie, wenn möglich, eines Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin können Sportler*innen lernen, ihre Anspannung nicht zu groß werden zu lassen. So sollten sie sich im Wettbewerb nur auf das konzentrieren, was sie selbst kontrollieren können. Eine gute Zielsetzungsstrategie (siehe unten) ist dabei sehr hilfreich. Wenn es den Athlet*innen gelingt, mit der Konzentration im Hier und Jetzt zu bleiben und sich auf ihre Aufgabe zu fokussieren (anstatt darüber zu grübeln, was passiert, wenn sie hier gewinnen oder sich darum zu sorgen, dass sie einen Fehler machen könnten), haben sie die beste Chance, eine gute Leistung zu bringen. Das ist leichter gesagt als getan und braucht einiges an Übung.

Auch die Fähigkeit, die eigene Anspannung zu regulieren, ist wichtig, um mit Druck umgehen zu können. Verschiedene Entspannungsverfahren haben sich dafür bewährt, wie bspw. die tiefe Bauchatmung, die Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, aber auch Yoga oder Meditation. Durch regelmäßiges Üben können sich die Sportler*innen so regulieren, dass sie den Grad an Anspannung bzw. Entspannung erreichen, bei dem sie ihre beste Leistung abrufen können.

Darüber hinaus ist es für das Druckerleben von Bedeutung, wie die Athlet*innen mit sich reden. Schaffen sie es, ihre Selbstgespräche positiv und motivierend zu halten, so können sie ihre Leistung damit maßgeblich unterstützen. Wenn im anderen Falle Angstgedanken nicht kontrolliert werden können, tendieren diese dazu, sich aufzuschaukeln. Dies kann sich u. a. negativ auf die Muskelspannung, auf die Atmung und auf die Konzentration wirken, so dass die Leistung beeinträchtigt wird. Die Selbstgesprächsregulation ist unter Anleitung sehr gut trainierbar und ein wertvolles Tool für die Sportler*innen.

Druck rausnehmen – Trainer*innen

Auch die Trainer*innen haben die Möglichkeit, die Entstehung von Druckerleben positiv zu beeinflussen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist, dass sie – ebenso wie die Eltern – die Kids und Jugendlichen spüren lassen, dass sie sie unabhängig von ihrer Leistung als Mensch achten und schätzen. Und wenn die Sportler*innen merken, dass es den Trainer*innen nicht nur um das Gewinnen geht, sondern auch darum, dass sie die Sportler*innen bei ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen wollen. Zu den Entwicklungsaufgaben – als Sportler*innen und als Mensch – zählen hierbei u. a. das Erlernen von Selbstdisziplin, Autonomie und Selbstverantwortlichkeit. Mit der unbedingten Gunst der Trainer*innen im Rücken können die Athlet*innen selbstbewusster und freier ihr Potential ausschöpfen.

Gleichzeitig ist es hilfreich, konkrete Leistungsziele mit in den Wettkampf zu geben. Bei Leistungszielen handelt es sich um spezifische leistungsangepasste Ziele, deren Umsetzung die Athlet*innen selbst kontrollieren können. Das kann bspw. die korrekte Ausführung eines Technikdetails beim Speerwurf sein, der korrekte Wechsel der Aufmerksamkeit beim Hürdenlauf oder das Erreichen der individuellen optimalen Anlaufgeschwindigkeit beim Weitsprung. Der Fokus auf die Leistungsziele beim Wettkampf ermöglicht es den Sportler*innen, mit der Konzentration im Hier und Jetzt zu sein und ihre Trainingsleistung abzurufen. Im Gegensatz zu diesen Leistungszielen stehen die Ergebnisziele, wie das Erreichen eines bestimmten Platzes oder das Schlagen einer bestimmten Konkurrentin. Diese Ergebnisziele sind von den Sportler*innen nicht allein kontrollierbar, sondern hängen immer auch von äußeren Faktoren ab (wie der Leistung der Konkurrenten etc.) und können dadurch schnell Stress auslösen.

Schließlich kann von Seiten der Trainer*innen auch viel Druck herausgenommen werden, indem eine Trainingskultur etabliert wird, in der Fehler gemacht werden dürfen. Wenn Situationen, in denen es nicht gut läuft, als Lernchance gesehen werden und dies den Sportler*innen entsprechend vermittelt wird, trauen sich die Athlet*innen viel eher etwas auszuprobieren und können selbstbewusster in den Wettkampf gehen.

Fazit

Insgesamt können also verschiedene Seiten dazu beitragen, den Druck nicht zu groß werden zu lassen. Es gibt allerdings Situationen, in denen sich das Selbstbewusstsein und die Lockerheit dennoch nicht so leicht abrufen lassen. Für diesen Fall sind meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.

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Jan van der Koelen: Wie Fehlerfreundlichkeit zum Booster wird

Perfektionismus ist ein Thema, dass mich schon lange beschäftigt. Immer wieder erzählen mir Athleten und Athletinnen, dass sie viel Zeit und Energie in die Suche nach der perfekten Technik und dem perfekten Trainingsplan investieren. Als Sport-Mentaltrainer beobachte ich immer wieder, wie sehr sich Athleten und Athletinnen hierbei unter Druck setzen, um perfekt zu sein. 

Zum Thema: Hilfestellungen von Trainer und Athleten im Umgang mit Perfektionismus

Herkömmlicher Weise wird im Leistungssport versucht, so schnell und fehlerfrei wie möglich zu sein. Doch was ist, wenn man die Fehlerfreundlichkeit als Chance begreift? Wenn man bewusst Fehler macht und aus ihnen lernt? Diese Herangehensweise kann sich positiv auf die Leistung und das Selbstvertrauen auswirken.

In diesem Blogartikel möchte ich daher genauer auf die Themen Perfektionismus und Fehlerfreundlichkeit eingehen. Zunächst werde ich erklären, was Perfektionismus überhaupt ist und welche Auswirkungen diese Verhaltensmuster auf den Leistungssport haben. Anschließend werde ich aufzeigen, was Fehlerfreundlichkeit bedeutet und welche Auswirkungen sie auf den Gesamterfolg nehmen kann. Zuletzt betrachten wir, welches Wissen für Trainer hilfreich ist, um ihre AthletInnen bestmöglich zu unterstützen. 

Nützlicher und weniger nützlicher Perfektionismus

Perfektionismus ist die Sucht nach Fehlerfreiheit (Flett & Hewitt, 2002). Es ist eine Einstellung, die besagt, dass es immer möglich und notwendig ist, noch besser zu sein (Hamachek, 1978). Die Motivation für perfektionistisches Verhalten kann entweder intern oder extern sein. Intern motivierte Perfektionisten suchen nach Fehlerfreiheit, weil sie glauben, dass sie es sich selbst schuldig sind, immer ihr Bestes zu geben. Extern motivierte Perfektionisten hingegen suchen Fehlerfreiheit, weil sie glauben, dass andere Menschen sie nur dann respektieren oder anerkennen, wenn sie perfekt sind (Flett & Hewitt, 2002).

Perfektionismus kann sowohl positiv als auch negativ sein. Positiver Perfektionismus ist die Suche nach persönlicher Bestleistung und Selbstentwicklung. Negativer Perfektionismus hingegen ist die Suche nach Fehlerfreiheit auf Kosten von Lebensqualität und Gesundheit (Flett & Hewitt, 2002). Es ist also wichtig zu unterscheiden, ob das Streben nach Fehlerfreiheit eine positive oder negative Motivation hat. Bei einer positiven Motivation und einem entsprechend achtsamen Umgang kann der Perfektionismus ein starker Erfolgsfaktor sein. 

Fehlerfreundlichkeit im Leistungssport 

Im Leistungssport ist Fehlerfreundlichkeit eine wichtige Kompetenz (Duda & Whitehead, 1998). Athleten sollten lernen, mit Fehlern umzugehen und sie als Chance für die Verbesserung ihrer Leistung zu sehen (Duda & Whitehead, 1998). Dies ist jedoch oft leichter gesagt als getan. Viele Athleten neigen dazu, Fehler zu vermeiden oder häufig auch zu verbergen (Duda & Whitehead; Orlick & Partington 1988). Dies kann jedoch dazu führen, dass sie ihr volles Leistungspotenzial nicht entfalten können (Duda & Whitehead; Orlick & Partington 1988).

Jeder macht Fehler. Ganz egal wie gut man ist, in jedem Bereich lauern Fallen und Stolpersteine, die man überwinden muss. Dies gilt auch für den Leistungssport, wo angehende Profisportler unter immensem Druck stehen und sich oftmals ein schlechtes Gewissen machen, sobald etwas nicht nach Plan verläuft. Genau hier setzt die Fehlerfreundlichkeit im Sport an. Die Idee der Fehlerfreundlichkeit ist es, dass dem Sportler verziehen werden sollte – insbesondere solchen, die neu in ihrer Karriere sind oder noch auf der Suche nach dem für sie „perfekten Weg“ sind. Natürlich gibt es Regeln und Richtlinien, die eingehalten werden müssen; doch mit etwas mehr Flexibilität und Akzeptanz könnten sich viele Athleten besser entwickeln und mehr Erfolg haben.

Fehler als Teil des Lernprozesses

Der Fehler ist hierbei ein Teil des Lernprozesses und sollte als solcher betrachtet und behandelt werden. Ein fehlerfreundliches Umfeld zu schaffen, ist daher entscheidend, um die Leistung von Athleten zu verbessern. Dazu gehört es, dass insbesondere Trainer und Betreuer verstehen, dass Fehler Teil des Lernprozesses sind. Sie sollten den Athleten aktiv ermutigen, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Auch die Athleten selbst sollten lernen, Fehler als etwas Positives zu sehen. Statt sich über Fehler zu ärgern oder zu verzweifeln, sollten sie versuchen, aus ihnen zu lernen. 

Ich erlebe, dass die Fehlerfreundlichkeit eine Eigenschaft ist, die immer häufiger Anklang findet und dann auch verstärkt trainiert wird. Denn sie soll helfen, das individuelle Potential besser auszuschöpfen und die Leistungen konstant zu halten. Insbesondere im Bereich des Leistungssports gilt es hier, bestehende Blockaden zu überwinden und Hürden zu nehmen, um an die Spitze zu gelangen. Wie genau funktioniert also Fehlerfreundlichkeit und welche positiven Effekte bringt sie mit sich?

Positive Effekte von einem fehlerfreundlichen Umfeld

Fehlerfreundlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit Nachlässigkeit oder Unprofessionalität. Ganz im Gegenteil: Wer sich traut, Fehler zu machen, kann auch viel Neues ausprobieren und so seine Leistungen verbessern. Doch was ist Fehlerfreundlichkeit eigentlich genau? Wenn wir uns dieser Frage widmen, dann fällt auf, dass viele Menschen gerne perfektionistisch erscheinen – sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext. Ein gesellschaftlicher Wert, eine Tugend, die insbesondere im Kontext von Leistung angesehen ist. Doch was passiert, wenn man gar nicht erst versucht, etwas Neues auszuprobieren, weil man z.B. Angst hat zu scheitern? Dann strebt man bewusst oder unbewusst eine Null-Fehler-Quote an und blockiert sich selbst. Wer sich hingegen den Mut nimmt, Fehler zu machen, der kann nur gewinnen: Entweder die Aktion funktioniert und man hat etwas Neues gelernt und zusätzlich an Selbstvertrauen gewonnen oder aber man merkt schnell, dass es doch noch nicht so gut funktioniert und modifiziert sein Verhalten. In beiden Fällen hat man dazugelernt – warum also nicht einfach den Schritt wagen? Athleten und Athletinnen können lernen, mit Rückschlägen umzugehen und dadurch mental stärker zu werden. Auch die Kreativität und das Selbstvertrauen können gesteigert werden.

Das Trainerteam sollte ein großes Augenmerk auf die eigenen kommunikativen Fähigkeiten richten, um damit ein fehlerfreundliches und leistungsoptimierendes Umfeld zu schaffen. Sehr wirksam ist das aktive Kommunizieren von Fehlerfreundlichkeit und den einzelnen Sportlern zu erlauben, Fehler zu machen und diese positiv zu nutzen. In den Hilfestellungen gilt: Weniger von „lass das“ und hin zu „tue dies“ – klare und deutliche Instruktionen, was der Sportler tun kann, um ihn zu informieren, statt zu korrigieren. Stärken und Ressourcen sind die Grundlagen in einem fehlerfreundlichen Umfeld und machen somit weitere Entwicklungen möglich. 

Quick-Tipps: Welche Lernentwicklungsfelder von AthletInnen sich Trainer auf dem Weg zum Erfolg zu Nutze machen können?

Trainern ist es wichtig zu verstehen, was Perfektionismus ist und welche Auswirkungen er auf den Leistungssport hat. Dadurch können sie ihre perfektionistischen Athleten bestmöglich unterstützen. Hier sind einige Punkte, die Trainer, auch Sportler selbst, aus einer ressourcenorientierten Sicht beachten können:

  • Athleten sollten lernen, Fehler als Chance für die Verbesserung ihrer Leistung zu sehen und nicht als Versagen oder Schwäche. Dies kann zum Beispiel durch Feedback-Gespräche unterstützt werden. In diesen Gesprächen sollte das Augenmerk auf die Verbesserung der Leistung gelegt werden und nicht auf den Fehler an sich.
  • Athleten sollten lernen, mit Misserfolgen umzugehen. Sie sollten verstehen, dass Misserfolge Teil des Sports und des Lernprozesses sind. Sie sollten lernen, Rückschläge als Chance für die Weiterentwicklung zu sehen. Dies kann beispielsweise durch Visualisierungs- oder Mentaltraining-Techniken erreicht werden. 
  • Athleten sollten lernen, realistische Ziele zu setzen. Oft neigen perfektionistische Athleten dazu, sich unrealistische Ziele zu setzen, die sie entweder gar nicht erreichen können oder nur unter hohem Stress erreichen können. Realistische, auch kleinschrittige Zielklärung, kann helfen, Stress zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit zu steigern.
  • Athleten sollten lernen, ihre Ziele zu erreichen und sich auf die positiven Aspekte des Sports zu konzentrieren. Sie sollten erkennen, wann sie Erfolg haben und wann sie scheitern – unabhängig von Sieg oder Niederlage. Dies hilft ihnen bei der Entwicklung von Strategien, um diese Erfolge zu erzielen.
  • Athleten sollten lernen, effektiv mit Kritik umzugehen. Oft neigen perfektionistische Athleten dazu, Kritik persönlich zu nehmen und negativ auf sie zu reagieren. Sie sollten lernen, Kritik als wohlwollendes Feedback für die Weiterentwicklung ihrer Leistung zu sehen.
  • Athleten sollten lernen, ihre Erwartungen zu kontrollieren und anzupassen. Wenn sie zu hohe Erwartungen haben, können sie enttäuscht werden. Wenn sie jedoch niedrige Erwartungen haben, können sie unterfordert sein und ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen. 
  • Athleten sollten lernen, die Bedeutung von Leistungsvergleichen zu verstehen. Sie sollten erkennen, dass Leistungsvergleiche mit anderen Athleten oft negativ sein können und dass es besser ist, sich auf die eigenen Ziele zu konzentrieren.
  • Athleten sollten lernen, ihre Motivation zu steigern und aufrechtzuerhalten. Sie müssen erkennen, was sie antreibt und wann diese Motivation schwindet. Dies hilft ihnen bei der Entwicklung von Strategien, um diese Motivation aufrechtzuerhalten.
  • Athleten sollten lernen, mit dem Druck umzugehen. Der Druck ist ein Teil des Sports und kann nicht vermieden werden. Athleten können lernen, damit umzugehen und den Druck z.B. als motivierende Herausforderung anzusehen.
  • Athletinnen sollten lernen, das Spiel in der jeweiligen Sportart zu genießen. Das Spiel ist eine großartige Möglichkeit, Spaß zu haben, Freunde/ Herausforderer zu treffen und etwas Neues auszuprobieren.

Fazit

Ich bin davon überzeugt, dass die Fehlerfreundlichkeit im Leistungssport ein wichtiger Erfolgsfaktor ist. Durch sie lernt man nicht nur, sich selbst zu reflektieren und zu analysieren, sondern entwickelt auch eine positive Einstellung gegenüber Fehlern. So werden sie zu einem wertvollen Lernprozess und nicht zu einer Bedrohung. Durch die Fehlerfreundlichkeit im Leistungssport kann man sich selbst den nötigen Ansporn geben, um weiterzumachen und sich zu verbessern. Denn es ist kein Geheimnis, dass Fehler die besten Lehrer sind. Es sind hierbei die Lerner und Nicht-Lerner, die den Unterschied machen. 

Die Fehlerfreundlichkeit ist als Booster zu nutzen und kann so den Erfolg im Leistungssport unterstützen.

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Maria Senz und Prof. Dr. René Paasch: Pfiffe, Fouls und Fehlentscheidungen im Sport

Das Publikum – stressig oder motivierend? Die Spielweise – clever oder unfair? Die Entscheidungen des Schiedsgerichts – für oder gegen? Welchen Einfluss haben Publikum, Spielweise und Entscheidungen auf die Sportler*innen? Diese Fragen haben Maria Senz und Prof. Dr. René Paasch zum Nachdenken gebracht. Entstanden ist ein Beitrag aus systemischem Ansatz und sportpsychologischer Herangehensweise für all jene, die sich die Zeit nehmen können oder wollen, über sich, ihr Verhalten oder das der anderen nachzudenken. Und das lohnt sich, schließlich machen Pfiffe, Fouls und Fehlentscheidungen ja etwas mit uns.

Zum Thema: Äußere Einflussfaktoren im Sport

Im Mannschaftssport geht es turbulent zu – sowohl auf als auch neben dem Feld. Es wird gebrüllt, gejubelt, gepfiffen, applaudiert, gekontert, gefoult, gewonnen, verloren, entschieden, gezählt, gebettelt, geflucht, gefreut und vieles mehr. Gehen wir mal in die Vogelperspektive und schauen von oben auf die Szene: Ich sehe einen Sportplatz – z.B. aus Gras, Sand, Kunststoff – , wo sich zwei Mannschaften gegenüberstehen, mit dem Ziel Punkte zu jagen. Mittendrin oder außen rum verteilt sich das Schiedsgericht mit wachsamen Augen, um dem Spiel Fairness, Struktur und Regeleinhaltung zu verleihen. Und ganz außenrum formen Sitzplätze für Zuschauer eine Tribüne, die mit zunehmendem Leistungsvermögen gen Himmel emporsteigt. In Summe ein Kessel Buntes aus unterschiedlichen Charakteren mit ihren Aufgaben, Verantwortungen und Kompetenzen sowie einer Soundkulisse und Aromen, die einem Jahrmarkt ähneln.

Welche Auswirkungen hat diese Atmosphäre auf die Sportler*innen?

Gehen wir in die Perspektive auf dem Sportplatz. Als Team in eine derartige Arena einzulaufen ist beeindruckend, überwältigend und schön. Du läufst gemeinsam als Mannschaft ein, freust dich auf das was kommt und kannst deiner sportlichen Leidenschaft frönen. Im besten Fall „trägt“ dich das Publikum wie auf einer Sänfte aufs Feld, bejubelt, motiviert und stärkt dich gemäß dem Motto „Wir sind für euch hier!“. Ein Szenario, was ihr im Team als stabilisierend, stärkend und zur sportlichen Höchstleistung beitragend wahrnehmt.

Ein anderes Szenario kann sein, dass ihr als Mannschaft mit ähnlicher Vorfreude einlauft und euch nun eine stürmische Meute empfängt, die euch am liebsten zerfleischen möchte. Buhrufe, Pfiffe, unschöne Wortmeldungen tönen als Chor geballt in dein Ohr. Unruhe, Nervosität und Handlungsunfähigkeit können sich folglich in dir ausbreiten. Dein Körper scheint gelähmt und dein Kopf blockiert mit Blick auf deine erforderlichen Leistungen. Stress, Druck, wiederholte Fehler und Versagensangst können weitere Folgen sein.

Der Einfluss von Pfiffen und Buhrufen

Schwenken wir den Blick auf die Spielweise einer Mannschaft: Fair Play oder Foulspiel? Per Definition ist ein Foul eine Handlungsaktion, die gegen das Regelwerk verstößt – also unzulässig ist. Um eine derartige Aktion zu beurteilen, braucht es ein Schiedsgericht, die sogenannten Unparteiischen. Ich habe Respekt vor jedem Schiedsgericht. Ein Amt, dass entschlossene, überzeugte und vor allem schnelle Entscheidungen verlangt. Und dabei urteilen unzählige weitere Augen ebenso über die Situation und sind entsprechend empört, wenn die Wahrnehmungen auseinander gehen. Und dann geht das verbale Gewitter los. Die Beurteiler werden zu Verurteilten. Das Publikum schimpft wie die Rohrspatzen auf ihrer Singwarte, das Trainerteam gestikuliert wild am Rand oder in den Rängen und die Sportler weichen oder stellen sich der Diskussion mit dem Schiedsgericht. Hier braucht das Amt ein dickes Fell, eine stabil-errichtete Schutzhülle oder sonstige Abprallmechanismen, die weiterhin faire Entscheidungen ermöglichen. In manchen Sportarten und Leistungsleveln ist auch technische Unterstützung im Einsatz, die dem Schiedsgericht die Entscheidung aus weiteren Perspektiven und in Zeitlupe ermöglicht.

Der Psychologe Daniel Kahneman und sein Team (2012) wiesen nach, dass Menschen sehr häufig Entscheidungen unter schwierigen Bedingungen treffen müssen. Um so deutlicher wird dies im Leistungssport, wo unter hohem Druck zeitliche Entscheidungen getroffen werden müssen. In solchen Momenten stehen nicht alle relevanten Informationen zur Verfügung. Allerdings lassen sich selbst unter herausfordernden Bedingungen oft noch recht gute Entscheidungen treffen, indem man schnelle und vereinfachende Strategien anwendet, so genannte Heuristiken (Gigerenzer, Gaissmaier, 2011). Der Nachteil dabei: Es entsteht leicht eine Schräglage, Heuristiken neigen zu systematischen Urteilsverzerrungen (Wason,1968). Weiterführende Inhalte findest du hier:

https://www.die-sportpsychologen.de/2021/07/dr-rene-paasch-falsche-entscheidungen-in-fussball-nachwuchsleistungszentren-vermeiden/ 

https://www.die-sportpsychologen.de/2021/07/dr-rene-paasch-falsche-entscheidungen-in-fussball-nachwuchsleistungszentren-vermeiden/

Entscheidungen, Bewertungen und Verzerrungen

Die meisten Verzerrungen entstehen, wenn Menschen bei ihren Entscheidungen Informationen heranziehen, die eigentlich irrelevant sind. Beispielsweise die Bewertungen von Aussagen der Zuschauer*innen. Oft sind sich Sportler*innen dabei gar nicht bewusst, dass solche Nebensächlichkeiten das Verhalten im Wettkampf und im Alltag beeinflussen können. Einige Fehler fallen in diese Kategorie. Wovon hängt es ab, ob die Spieler*innen nach lauten Pfiffen und Buhrufen reagieren oder beeinflusst werden? In erster Linie davon, welche Erfahrungen vorliegen, die Selbstwirksamkeitserwartung (Short et. al., 2005) oder die entsprechende Erwartungshaltung. Je gravierender Pfiffe sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer beeinflussenden Reaktion (Epling et al., 2011). Dies wird häufig als erschwerte Bedingung der Akteure genannt. Was aber, wenn diese nicht eindeutig identifizierbar sind? 

In solchen Situationen spielt eine Reihe weiterer Faktoren hinein. Erfahrungen von Spielern*innen zufolge wird eine Beeinflussung umso eher gezeigt, je lauter das Publikum Verhaltensweisen im Wettkampf begleitet. Man könnte argumentieren, das sei doch eigentlich ganz nützlich. Warum sollten Spieler*innen nicht die Reaktionen der Zuschauer*innen in ihre Entscheidungsfindung nicht mit einbeziehen? Aber: Das hat Vor- und Nachteile und ist personenbezogen. Hinzu kommt, dass bei einem Wettkampf meist deutlich mehr unreflektierte und haltlose Pfiffe der gegnerischen Zuschauer zu hören sind.

Wie kannst du als Sportler*in mit Pfiffen, Fouls und scheinbaren Fehlentscheidungen umgehen?

Pfiffe sind Geräusche, die du mit deinem Hörsinn regulieren kannst. Im ersten Schritt entscheidest du, ob du es überhaupt in dein Ohr oder bereits vorher verstummen lässt und somit einflusslos auf dich wirkt. Falls du es in dein Ohr lässt, hast du die Wahl zwischen einem positiven oder negativen Einfluss auf dein System. Ein negativer Einfluss kann sein, dass es dich nervt, stresst und Einfluss auf deine Körperspannung sowie -haltung haben kann. Das Abrufen deiner sportlichen Leistung ist verhindert, was weiterhin zu Frust führen kann. Überlege dir, welche positive Bedeutung Pfiffe für dich haben können? Letztlich entscheidest du über die Bedeutung und damit über die Auswirkung der Geräusche auf dein System. Nimmst du diese Geräusche eher positiv wahr, kann es dich motivieren und begeistern, was deine körperlichen Aktionen antreibt und zu Höchstleistungen führt.

Zurück zu den Fouls. Quasi Hindernisse. Unterbrechungen, die den Spielfluss stören. Das können selbst erzeugte oder fremdverursachte Unterbrechungen sein. Final können sie dich aus dem Konzept bringen. Was kann hier ein guter Umgang für dich sein? 

Fehlentscheidungen als Ansichtssache

Was bleibt, ist die Akzeptanz für die Situation. Es ist passiert. Ein Zurückspulen, um es anders zu machen, bleibt aus. Um sich zu ärgern, ist keine Zeit. Daher erstmal imaginär irgendwo parken, weitermachen und bei Bedarf nach dem Spiel abholen und analysieren. Dadurch ermöglichst du dir geringe bis keine Unterbrechung und bleibst im Flow für deine Leistungen.

Fehlentscheidungen sind Ansichtssache. Nimmst du eine Entscheidung des Schiedsgerichts anders wahr, hast du die Möglichkeit, in die Diskussion zu gehen, um deine Wahrnehmung zu erläutern und zu argumentieren. Diese Möglichkeit kannst du schon mal als wertschätzend bewerten und dich damit beruhigen, dass du deine Sichtweise an dieser Stelle loswerden kannst. Mit diesem Weg kannst du eher den Spielfokus wieder aufnehmen und dich voll und ganz dem Spielziel widmen. Gleichzeitig kann dich eine Fehlentscheidung auch aus dem Konzept bringen. Du hängst der Chance nach, das Thema für dich aufzulösen. Es macht dich vielleicht wütend, du fühlst dich unfair behandelt. Dadurch verlierst du den Fokus auf das eigentliche Spiel, machst Fehler und deine Leistung ist ferner liefen. Das Schiedsgericht hat die Aufgabe, das Spiel gemäß Regelwerk zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen. Deine Aufgabe ist es, gemeinsam mit deinem Team das Spiel so clever zu gestalten, dass ihr gemäß Regeln Punkte sammelt und am Ende als Gewinner vom Feld geht. Daher fokussiere dich auf den Moment, der gerade Priorität hat. Finde einen Weg, deine Emotionen frei zu lassen – am besten genau in dem Moment, wo sie hingehören. Sie haben ihre Daseinsberechtigung. Bist du befreit, kannst du in den nächsten Spielmoment übergehen, behältst den Fokus und bleibst auf der Spur zum Sieg.

Lernerfolg im Blick

Um das Zuschauervotum richtig zu deuten, bedarf es einer Vielzahl von Informationen, die noch dazu sehr schnell abgewogen werden müssen. Typisch für sie ist, dass man plötzlich zu einem Schluss kommt, ohne diesen näher begründen zu können. Derartige Eingebungen lassen sich durch Rückmeldungen und eine offene Gesprächskultur innerhalb des Teams über zuvor getroffene Verhaltensweisen und Entscheidungen verbessern. Der Lernerfolg hängt dabei maßgeblich vom Zeitpunkt und von der Art der Rückmeldung ab: Sie sollte am besten unmittelbar im Anschluss und möglichst präzise erfolgen. Das hilft bei der Bewältigung der äußeren Faktoren. Findet die Reflexion dagegen zu spät statt oder fließen zu viele Informationen darin ein, bleibt der Lerneffekt gering. In einem auf intuitive Entscheidungen zugeschnittenen Trainingsprozess versuchen wir Sportpsychologen*innen & Sportpsychologischen Berater*innen, diese Erkenntnisse praktisch zu nutzen. Beispielsweise im Training der Exekutivfunktionen (Harris et al., 2018) oder in dem wir Gedanken hinterfragen und die Wahrnehmung zielgerichtet ausrichten. Wie wir das machen, zeigt der folgende Beitrag:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/

Weiterführende Inhalte zum Thema Zuschauer und deren Einflussmöglichkeiten sowie zu Exekutivfunktionen kannst du hier lesen:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/dr-rene-paasch-zum-teufel-mit-dem-12-mann/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/dr-rene-paasch-von-wegen-ein-einfacher-pass-exekutivfunktionen-im-fussball/ 

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/08/dr-rene-paasch-gedankenschnelligkeit-im-fussball-trainieren-teil-1/ 

Fazit

Pfiffe, Fouls und Fehlentscheidungen sind Einflussgrößen, die extern gegeben und somit unbeeinflussbar sind. Was du als Sportler*In beeinflussen kannst, ist dein Umgang mit diesen Gegebenheiten. Welchen Umgang damit brauchst du, dass du trotzdem deine erforderliche Leistung abrufen und zum Einsatz bringen kannst? Dabei können wir dich unterstützen und begleiten. Kontaktiere uns oder die Kollegen aus dem Netzwerk von Die Sportpsychologen (zur Übersicht).

Mehr zum Thema:

Literatur

  1. Epting, L. K., Riggs, K. N., Knowles, J. D., & Hanky, J. J. (2011): Cheers vs. Jeers: Effects of Audience Feedback on Individual Athletic Performance. North American Journal of Psychology, 13(2).
  2. Gigerenzer, G. & Gaissmaier, W. (2011): Heuristic decision making. Annual Review of Psychology, 62, 451-482.
  3. Goldstein, D. G. & Gigerenzer, G. (1999): The recognition heuristic: How ignorance makes us smart. In G. Gigerenzer, P. M. Todd & the ABC Research Group (Eds.), Simple heuristics that make us smart (pp. 37-58). New York: Oxford University Press.
  4. Harris, D., Wilson, M. R. & Vine, S. J. (2018): A systematic review of commercial cognitive  training devices: Implications for use in sport. Frontiers in Psychology, 9, 709. 
  5. Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, Langsames Denken. Siedler Verlag, München, aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt, 27. Juni 2012, ISBN 978-3-88680-886-1
  6. Short, S. E., Tenute, A. & Feltz, D. L. (2005): Imagery use in sport: Mediational effects for efficacy. Journal of Sport Sciences, 23(9), 951-960.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Safe Sport – die Expertise kommt auch aus der Sportpsychologie

Im Schweizer Spitzensport rumort es ganz beträchtlich. Was mit den Magglinger Protokollen und massiven Übergriffen bei jungen Turnerinnen landesweit publik wurde, versetzte auch andere Sportarten in Aufruhr. So auch Artistic Swimming (ehemals Synchronschwimmen), wo der Dachverband Swiss Swimming nach diversen Vorfällen die Reissleine zog und der Disziplin eine ganzheitliche Strukturanalyse verordnete. Der nun vorliegende Schlussbericht zeigt mit aller Deutlichkeit Schwachstellen auf und liefert einen detaillierten Massnahmenkatalog dazu, wie der notwendige Systemwechsel gelingen kann. Wird diese Systemanalyse einer Sportart auch zur Chance für die angewandte Sportpsychologie? Davon handelt der nachfolgende Werkstattbericht von mind2win (Link, Cristina Baldasarre, Dr. Hanspeter Gubelmann, Philippe Müller).

Mehr zum Thema: Praxisbeispiel einer Strukturanalyse von Swiss Aquatics durch mind2win

In der Wirtschaft gelten klare Regeln: kriselt eine Firma, wird für teures Geld eine Beratungsfirma eingesetzt, die dem Unternehmen neues Leben einhauchen soll. Grundlage dazu bildet meist eine aufwändig erstellte Analyse mit einem daraus abgeleiteten Massnahmenkatalog. Im Spitzensport ist dieses Vorgehen eher unüblich. Hierfür spezialisierte, unabhängige Anbieter wie z.B. «Lamprecht & Stamm Sozialforschung und Beratung AG» mit entsprechendem Knowhow und Netzwerk sind im Schweizer Sport rar.

Umso erfreuter waren wir von mind2win, als uns im vergangenen Mai Michael Schallhart, Generalsekretär Swiss Aquatics, kontaktierte und nach nur einer Arbeitssitzung mit einem umfangreichen Mandat ausstattete. Dieses umfasste neben einer eingehenden Prüfung der bestehenden Verbandsstrukturen, Zuständigkeiten und Prozessabläufe vor allem auch rund 30 halbstrukturierte Interviews mit allen Verbandsverantwortlichen, diversen Trainerinnen, Preisrichterinnen und Athletinnen. Neben der beabsichtigten Ursachenanalyse sollte mit einem detaillierten Massnahmenkatalog mit kurz-, mittel- und langfristigen Veränderungsvorschlägen ein Systemwechsel anvisiert werden. Diese Analyse hatte „subito“ zu erfolgen – Ende Juli musste unser Schlussbericht vorliegen, so der sehr ambitioniert anmutende Arbeitsauftrag.

So nicht, liebe Verantwortliche von Artistic Swimming

Warum es zu diesem Schritt kam, ja kommen musste, lässt sich mit dem von Sportministerin Viola Amherd in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht zu den Missbrauchvorfällen im Schweizer Sport in Verbindung setzen. In dieser über 800 Seiten starken Bestandesaufnahme im Schweizer Spitzensport ist der Grundtenor ein eindringlicher: «Wir wollen und fördern Leistungssport – aber nicht um jeden Preis». 

Obwohl der Ursprung dieser Untersuchung auf gravierende Übergriffe im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik zurückgeht (vgl. Magglinger Protokolle), wird explizit Artistic Swimming als weitere Problemsportart genannt: „Am schlechtesten schnitt in der Umfrage laut Bericht das Synchronschwimmen ab, mit signifikant höheren Werten bezüglich psychischer Gewalt (etwa Beschimpfungen und Drohungen), physischer Gewalt (etwa gewaltsames Dehnen und unterdrückte Grundbedürfnisse wie Trinken oder Toilettengang während des Trainings) und sexueller Belästigung (anzügliche Bemerkungen). Im Synchronschwimmen bestehe grundsätzlicher Handlungsbedarf.“

Aufräumen mit der „Vetternwirtschaft“

Der nun öffentlich zugängliche Bericht hält auf 28 Seiten fest, was die drei Autor:innen in monatelanger Recherchearbeit zusammengetragen haben. Das Kernstück der Arbeit bilden die intensiv geführten Interviews mit allen Involvierten. Die nachfolgenden zwei Zitate geben einen ungeschönten Einblick in die angetroffenen Missstände.

Studie im medialen Brennpunkt

Die im Bericht dargelegte Mängelliste ist lang, der Handlungsbedarf ist gravierend und die Dringlichkeit hinsichtlich notwendiger Veränderungen hoch. mind2win wurde schon im Verlaufe der Analyse gebeten, im Rahmen eines Zwischenberichts einen kurzfristigen Massnahmenkatalog zu erarbeiten, um den Verbandsbetrieb trotz Krisenstimmung zu gewährleisten. Darüber hinaus zielen die meisten vorgeschlagenen Massnahmen auf einen mittel- und langfristigen System- und Kulturwandel ab. Dem Verband und allen involvierten Personen steht die Herkulesaufgabe bevor, diesen Prozess auch im Scheinwerferlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit zu bewältigen. Bedeutend wird sein, wie Artistic Swimming auch von anderen Seiten Unterstützung erhält. So könnte es auch für diesen kleinen Verband zum Vorteil werden, dass z.B. die SASP (Swiss Association of Sport Psychology) das Thema „Safe Sport“ zu ihrer Kernaufgabe erklärt hat und in absehbarer Zeit Dienstleistungen und Unterstützungsmassnahmen anbieten will. In diesem Licht ist auch die Stellungnahme der SASP-Präsidention Katharina Albertin kürzlich im TagesAnzeiger zu werten. «Der Bericht von Artistic Swimming zeigt sehr klar auf, wie viel rundherum wichtig ist, damit Spitzensport funktioniert. Nämlich der ganze Überbau und die Organisation.» Deshalb sei es auch wichtig und richtig, bei der Struktur anzusetzen.“ In diesem Zusammenhang sind auch die 13 Regeln für sicheren Sport von jugendlichen Athlet:innen zu nennen, (siehe Gojanovic et al. 2021) die kürzlich von namhaften Vertreter:innen aus Sportpsychologie, Sportmedizin, Sporternährung und Sportphysiotherapie zusammengetragen und in einem Positionstatement veröffentlicht wurden. 

Erstes Fazit aus Sicht von uns von mind2win: Wir erachten es als höchst bemerkenswert, wie Swiss Aquatics an uns herangetreten ist und uns mit dieser anspruchsvollen Aufgabe betraut hat. Damit konnten wir uns in einem neuen Arbeitsbereich entwickeln und etablieren, was wir auch als Vertrauensbeweis in unsere breitgefächerte Expertise im Spitzensport werten.

Originalbericht zum Nachlesen:

https://www.swiss-aquatics.ch/wp-content/uploads/2022/09/T9_AS_Bericht_formatiert_def_D.pdf

Mehr zum Thema:

Literatur / Quellen

https://www.srf.ch/news/schweiz/missstaende-im-schweizer-sport-synchronschwimmen-so-will-der-verband-die-probleme-angehen

https://www.nzz.ch/sport/turnskandal-untersuchungsbericht-liegt-vor-amherd-aeussert-sich-ld.1655376

https://de.wikipedia.org/wiki/Magglingen-Protokolle

http://dx.doi.org/10.1136/bjsports-2021-104699

Gojanovic, B.; Albertin, K.; Bizzini, M. et al. 2021: Health4Sport: 13 safeguarding principles so that young athletes can thrive in multidisciplinary sporting environments.Br J Sports Med.55: 952-953

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Ich kann es nicht mehr, oder?

42,195 Kilometer laufen und zwar am Stück. Zu den Details meines persönlichen “Berlin-Marathon-2022-Erlebnisses” komme ich gleich, aber ich muss noch voranstellen, dass ich diese Distanz schon seit drei Jahren nicht mehr gelaufen bin. Viele, die hier lesen, wissen ja, dass ich zum Täglich-Läufer  mutiert bin. Streakrunning bedeutet zwar täglich laufen, dass dies etwas komplett anderes ist, als Marathonlaufen, das hat nicht nur etwas mit Training zu tun, sondern eben auch mit Psychologie – davon soll dieser Beitrag handeln.

Zum Thema: Leistungsmotivation im Ausdauersport

Da ist also ein Ausdauersportler, der eigentlich fast alles in seinem sportlichen Ausdauer-Leben erreicht hat, was man so erreichen kann – natürlich nur mit diesen, meinen eigenen, individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten und weit entfernt von dem historischen Rekord eines Eliud Kipchoge, der den Berlin-Marathon 2022 in 2 Stunden, 1 Minute und 9 Sekunden lief und damit im selben Rennen war, dem ich am vergangenen Sonntag beiwohnen durfte. In meinen jungen Jahren lief ich den Marathon unter 3 Stunden, die 10 Kilometer in 36 Minuten, den Halbmarathon in 1 Stunden und 17 Minuten und dann durfte ich sogar beim Ironman auf Hawaii starten (und ins Ziel kommen). Ich war immer „on fire“… Habe ich eine Startnummer getragen, dann galt immer und grundsätzlich „all in“. Die Jagd nach Bestzeiten trieb mich an. Der Anreiz für meine Leistungsmotivation war der Sieg – wenn nicht insgesamt, dann gegen mich selbst. Ob das immer gut war, sei mal dahingestellt, aber es hat mich geprägt und eine „Grundhaltung“ in mir entwickelt, die mein sportliches Handeln bis heute beeinflusst, obwohl ich heute unter anderen Vorzeichen unterwegs bin. Ich bin mittlerweile alt – 59 Jahre alt und im Februar dann schon 60. Der sportliche Leistungsabfall traf mich so richtig heftig vor etwa fünf Jahren. Trotz regelmäßigen Trainings wurde ich im Wettkampf immer langsamer. Ich erinnere mich noch intensiv an meinen ersten 10-Kilometer-Lauf, den ich nicht mehr unter 50 Minuten finishen konnte und in mir „zerbrach etwas“. In diesem Tempo habe ich im Alter von 25 Jahren eine lockere Laufeinheit hingelegt, ohne dass mich das irgendwie gefordert hätte. Möglicherweise war das dann auch der entscheidende Punkt hin zum Täglichlaufen, ohne Zeit-Limits oder Optimierungsgedanken. Einfach laufen gehen – so oft ich will, wann ich will, so schnell oder langsam ich will – just do it. 

Täglichlaufen und Laufen mit einer Startnummer (also „so schnell wie möglich“, um ein bestmögliches Ergebnis abzuliefern) schließt sich aus. Für eine schnelle Zeit in einem Wettkampf braucht es Erholungs- und Ruhetage und eine geplante und systematische Vorbereitung. So etwas gibt es beim täglichen Laufen nicht wirklich. Und dann kam die Pandemie und es gab ohnehin keine Wettkämpfe mehr und alles war gut. Ja, ich war bei einigen Trail-Läufen dabei, die mehr oder weniger gut liefen, aber hier gibt es ja ohnehin keine wirkliche inter-individuelle Vergleichsnorm. Das ist eben nicht vergleichbar mit einem Marathonlauf in der Stadt.

Was eine Startnummer ausmacht

Für dieses Jahr war es für mich wieder möglich, mich zum Berlin-Marathon anzumelden. Ich bin im Jubilee-Club, d.h. ich kann schon 10 oder mehr Teilnahmen an diesem Event nachweisen und das bedeutet, dass ich nicht mehr durch die Lotterie muss. Einfach anmelden, 150 Euro zahlen und du bist dabei – du bekommst eine Startnummer. Eine STRARTNUMMER! Und was hat das mit mir und meiner Psyche gemacht? Meine sonstige Gelassenheit verschwand und meine täglichen Läufe wurden schneller. Mein Lauf-Umfang stieg auf ca. 70 bis 80 Kilometer pro Woche und da waren dann auch mal wieder ein paar schnellere Läufe dabei. Meine Form verbesserte sich – meine Stimmung sank. 

Und dann kam der 25. September und ich stand in meinem Startblock mit dem Blick auf den Videobildschirm und der Siegessäule in etwa einem Kilometer Entfernung und meiner Hand an der Startnummer und als unser Block dann dran war mit dem Start ging es los und ich rannte los, als ging es um mein Leben. Der Blick auf die Uhr bei Kilometer 1 – deutlich unter 6 Minuten. Das war natürlich viel zu schnell – und der Schalter war komplett umgelegt – vor meinem inneren Auge lief der „junge Oliver“, der den Marathon so zwischen 3 und 4 Stunden lief – Unter 4 Stunden eigentlich grundsätzlich – mit der ohne zielgerichteten Training – alles andere wäre eine persönliche Schande für mich gewesen. 10 Kilometer in 56 Minuten, selbst beim Halbmarathon war ich noch auf unter 4-Stunden unterwegs. 

Mentales Rüstzeug

Und dann passierte natürlich das, was passieren musste – das „Alter“ schlug zu. Meine Herzfrequenz lag mit 164 am Maximum dessen, was ich aktuell noch erreichen kann (Mit 25 Jahren konnte ich 180er Puls locker über 2 Stunden halten) und das zog mir dann bei Km 25 komplett den Stecker. Ich brach auf einen Kilometer-Schnitt von 7:30 bis 8:30 ein und „schleppte mich so dahin“. In Läuferkreisen kennt man die alte Weisheit: „Hinten kackt die Ente“. Und für uns Alten gilt das glaube ich noch mehr, als für die Jungen. Hätte ich nicht eine Lauferfahrung von 36 Jahren und mehr als hundert Marathonläufe und würde ich nicht über das nötige mentale Rüstzeug verfügen, wäre ich bei Km 25 sicher ausgestiegen. Aber ich lief weiter, legte auch mal kurze Wandereinheiten ein und lief dann wieder. Die erwartbaren körperlichen Schmerzen waren natürlich schon da, meine Herzfrequenz hielt ich sicher im Auge zwischen 140 und 147. Das war dann machbar. 

Prof. Dr. Oliver Stoll beim Berlin Marathon 2022 (Foto: privat)

Die psychischen Schmerzen waren aber um so größer, denn es ging ja jetzt nur noch ums Ankommen, was sich jedoch für mich wie eine schwere Niederlage anfühlte. Und Niederlagen sind Gift für die Leistungsmotivation. Man kann Niederlagen leistungsmotivational nur dann abpuffern, wenn es  gelingt eine Ursache für die Niederlage zu finden, die variabel ist – und eben nicht stabil.  Aber was waren ab Kilometer 25 meine Gedanken? „Du kannst es nicht (mehr)“? So etwas nennt man eine stabile Ursachenzuschreibung – nein – nicht gut! Und der innere Dialog bewegte sich in eine immer destruktivere Richtung. Die gedanklichen Ursachenzuschreibungen für die Niederlage wurden immer stabiler und ich spürte wie ich immer mehr mentale Energie verlor. Es dauerte sicher mehr als eine Stunde (und 8 Kilometer) bis es mir gelang an meiner eingangs erwähnten „Grundhaltung“ zu kratzen, die mich so lange und so intensiv geprägt hat. Das Bild des „jungen und schnellen“ Oliver begann vor meinem inneren Auge zu verblassen. Intensiver wurde die Bilder des entspannten Laufens in der Natur mit meiner Frau oder mit meinen Studenten im Harz. Und mit jedem Kilometer, der mich dem Ziel näher brachte, kam auch die Laufmotivation wieder zurück – nur jetzt „unter anderen Vorzeichen“. Für mich ging es plötzlich nicht mehr darum, eine Leistung erbringen zu müssen, sondern nur noch um das Genießen des sich Bewegens inmitten einer Horde von „Party-Läuferinnen und Läufern“, die sich und das Leben auf den Straßen Berlins feierten. Das war purer Spaß am Laufen. Längst lag ich in der Laufgruppe, die so zwischen 4:40 und 4:50 im Ziel ankommen könnte, aber das interessierte hier wirklich niemanden. Und so führte ich noch das eine oder andere nette Gespräch unterwegs – traf den einen oder anderen Bekannten am Rande der Straße und unterhielt mich mit ihnen und genoss schließlich das Durchlaufen des Brandenburger Tors mit den anschließenden verbleibenden 300 Metern. „Ich kann es nicht (mehr)“. Ja, vielleicht kann ich es nicht mehr schnell, aber ich kann es noch. Und ich kann es noch immer genießen. Vielleicht sollte das in Zukunft mein Motto für mein verbleibendes Läufer-Leben sein.   

Mehr zum Thema:

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Marius Schröder: Demenz mit Sportpsychologie begegnen

In den vergangenen Jahren nahm die Zahl der Demenzpatienten drastisch zu. So wird prognostiziert, dass sich die Zahl der Demenzkranken (Stand 2019: 50 Mio) bis in das Jahr 2050 auf 152 Mio erhöhen wird (Alzheimer`s Disease International 2019). Hieraus entsteht die Frage, wie diese entstehenden Kosten finanziert und der Pflegebedarf gedeckt werden sollen (ebd.)? Unabhängig von dieser Frage müssen auch die Betroffenen selbst und die Angehörigen betrachtet werden. Hierzu kann die Sportwissenschaft zusammen mit der Sportpsychologie einen wichtigen Beitrag leisten. 

Zum Thema: Einsatz von sportpsychologischen Werkzeugen bei Demenzkranken

Sandra Trautwein macht  in Ihrem Artikel „Personen mit Demenz – eine besondere Zielgruppe in der Sportwissenschaft“ (Trautwein, 2022) deutlich, wie wichtig eine weitere Vertiefung dieser Forschung ist. Im Beitrag beschreibt Trautwein das Studiendesigns des Projektes „Bewegung gegen Demenz“ und die hier verwendeten motorischen Tests. In diesem Zusammenhang kann die Sportpsychologie Ihren Beitrag leisten. Wo die Ansatzpunkte liegen, lässt sich schon aus der allgemeinen Definition der Demenz ableiten:

Demenz als ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung uvm…..“(10.Revision, German Modifikation Version 2022)

Steigerung der Aufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsleistung

Konkret: Mit sportmotorischem Training können die kognitiven Fähigkeiten trainiert werden. So bietet sich als Testverfahren beispielsweise “Der Frankfurter Aufmerksamkeits-Inventar” an. Hierdurch kann die vorliegende Aufmerksamkeits- bzw. Konzentrationsleistung bestimmt werden, anhand derer dann die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsübungen angelegt werden. 

Meine praktische Erfahrung zeigt, dass eine Kombination aus motorischen Übungen wie Greifübungen oder Koordinationsübungen (zum Beispiels ein klassisches Lauf-ABC) gepaart mit Konzentrationsspielen wie der Gedankenreise „Spot an!“ bei den Betroffenen eine Verbesserung hervorruft. Durch diese Verbesserung konnte das Allgemeinbefinden der Patienten verbessert und so die Auswirkungen der Demenz „erträglicher“ gemacht werden.

Fazit

Legt man die Arbeit von Trautwein als Ausgangspunkt fest, so kann die Sportpsychologie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Demenz-Betroffenen und Angehörigen eine weitere Behandlungsmöglichkeit zu bieten. Jedoch ist weiter festzuhalten, dass man hier erst am Anfang einer Studie steht und es noch weitere Auswertungen und Tests geben muss. Dennoch kennt die Sportpsychologie Werkzeuge, die auch in diesem medizinischen Tätigkeitsfeld greifen.

Mehr zum Thema:

Quelle: 

Trautwein, S. (2022). Personen mit Demenz – eine besondere Zielgruppe in der Sportwissenschaft. Zeitschrift für Sportpsychologie, 29(1), 1–12. https://doi.org/10.1026/1612-5010/a000352

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Prof. Dr. René Paasch: Trainerpersönlichkeiten machen Karriere (Teil 3)

Nicht erst seit der Deutsche Fußballbund (DFB) und andere größere Verbände ihre Trainerlizenzen und Leitlinien zuletzt reformiert haben, spielen die Trainerperönlichkeiten im Leistungssport eine zentrale Rolle. Seit 2014 weisen wir vom Netzwerk „Die Sportpsychologen“ umfangreich in unseren Beiträgen darauf hin, wie wichtig soziale Kompetenzen in der Begleitung und Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind. Damals wurden wir für diese Themen belächelt und heute finden wir diese Inhalte in jeder Fort- und Weiterbildung oder im Studium wieder. Die Zeiten von „Drill Instructors“, Fremdsteuerung und von oben herab geführte Führungsstile sind nicht mehr zielführend. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft sowie im Sport hinein wird heute mehr auf Eigenverantwortung gesetzt. Das heißt aber auch: Viele Trainer*innen stehen vor der Aufgabe, nicht mehr nur für ihren kleinen Teil, sondern für das große Ganze verantwortlich zu sein. Diese Entwicklung bietet Chancen. Was es dafür braucht, ist der Blick nach innen und das gesteigerte Interesse an erlernbaren Eigenschaften und Kompetenzen. Mit dieser Überzeugung und jahrelanger Erfahrung im Leistungssport sowie im Business möchte ich Sie anregen, an Ihren sichtbaren oder verborgenen Möglichkeiten zu arbeiten. Darunter fallen zeitlose Werte wie Empathie, Volition und Selbstreflexion. Gleichzeitig sind auch Fähigkeiten wie Offenheit, Schlaf und soziale Kompetenzen heute sehr wichtig geworden.  

Zum Thema: Eigenschaften und Kompetenzen als Trainer*innen erkennen und entwickeln 

Starten möchte ich mit der Offenheit. Wir alle sind wahnsinnig aufgeschlossen, oder? Nun, zumindest würden das die meisten von uns wohl über sich selbst sagen. In zwischenmenschlichen Beziehungen oder in leistungsorientierten Vereinen stellt sich das oft ganz anders dar. Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat eine Erklärung dafür: Je weniger eine Information mit unserer Einstellung übereinstimmt, desto schwerer fällt es uns, sie zu verarbeiten. Meinungen, Ideen oder Lebensstile, die wir nicht kennen, empfinden wir daher oft sogar als Bedrohung. Dabei ist Offenheit heute eine wichtige Voraussetzung, um Karriere zu machen. Entwicklung lebt schließlich von Neugier. Die gute Nachricht: Offen zu sein, ist erlernbar. Die Stanford-Professorin Carol Dweck (2006) fand heraus, dass es zwei verschiedene Arten von Gedanken gibt: das fixed Mindset (starres Selbstbild) und das growth Mindset (dynamisches Selbstbild). Wir können und sollten uns darin üben, ein solches dynamischen Mindset zu entwickeln. Denn während Menschen mit flexiblem Mindset Krisen als Chance für Neues begreifen, sehen Menschen mit starrem Denken nur ein Problem, welches sie sofort lösen müssen, damit sie schnellstmöglich zum Status quo zurückkehren können. Verbände und Vereine suchen daher explizit nach Menschen mit hohen Offenheitswerten. Bei einigen ist Aufgeschlossenheit für neues Denken etwa das Einstellungskriterium Nummer eins. Denn offene Menschen mit einem flexiblen Mindset kommen in unserer heutigen Zeit besser zurecht als solche mit einer geistig starren Einstellung. 

Was ist aber das Gute an dem dynamischen Selbstbild? Man kann es lernen! Die einfachste Art und Weise dafür ist das Lesen. Ich lese durchschnittlich zwei Bücher im Monat. Wohin ich auch gehe (beim Fahrradfahren im Sportstudio, in der Bahn, in der Mittagspause, wenn meine Kids im Bett sind u.v.m.) – immer verbinde ich dies mit dem Lesen. Besonders wichtig ist mir dabei, dass das Lesen keine Grenzen hat und dass ich mich dabei durch alle möglichen Themen und Genres durcharbeite. Ein solches Lesen zeigt nicht nur von großer Offenheit, es macht auch offener und kreativer. Aber wem sagen wir das, Sie nutzen ja schließlich unser Netzwerk und die damit verbundenen Blogbeiträge für Ihre persönliche Weiterentwicklung. 

Selbstwahrnehmung

Potenzialentfaltung geht von denen aus, die selbst denken. Doch viele Trainer*innen sind daran gewöhnt, sich an anderen und deren Meinungen zu orientieren. Sie sollen also lernen, selbst nachzudenken. Aber worüber eigentlich? Zunächst einmal über sich selbst. Fragen, die Sie sich stellen können: 

  • Wer will ich sein und wie wirke ich auf andere? 
  • Welche Gewohnheiten finde ich gut an mir? 
  • Und welche Gewohnheiten halten mich von meiner persönlichen Entfaltung ab? 
  • Was kann ich richtig gut, was nicht?
  • Warum verhalte ich mich so?
  • Wo besteht Verbesserungspotenzial?
  • Was kann ich heute tun, um meine Ziele schrittweise zu erreichen?
  • Welche Personen können mich dabei unterstützen?

Eine gute Übung ist es, sich vorzustellen, was Sie Ihrem fünf Jahre älteren „Ich“ sagen würden, wenn es Sie besuchen käme und Ihr aktuelles Leben betrachten würde. Dieses Gedankenspiel kann Ihnen dabei helfen, negative Gewohnheiten zu erkennen, die Sie dann umgehend ablegen sollten. Denken ist aber nicht gleich Denken. Es besteht auch die Gefahr, zu viel über sich nachzudenken. Es ist nur ein schmaler Grat zwischen der sinnvollen Selbstwahrnehmung und destruktiver Grübelei. Denn wer grübelt, denkt nicht lösungsorientiert nach. Damit Sie nicht Tag für Tag in solch ein unproduktives Gedankenkarussel verfallen, sollten Sie zu festen Zeiten reflektieren (Michaelis, Nohe, Sonntag, 2012). In diesem Zusammenhang kann Ihnen auch die Meditation (Grossman et al., 2004) behilflich sein. Sie finden zur inneren Ruhe und gewinnen Klarheit im Geist. Mit ein wenig Übung können Sie dabei Antworten auf brennende Fragen finden sowie innere Stärke gewinnen. Ich reflektiere am liebsten mit einem guten Freund beim „Walk and Talk“ im Wald. Viele Menschen wählen den Morgen. Zentral ist, dass Sie die Zeit begrenzen, damit das Ganze nicht ausartet. Ihre Gedanken sollten unbedingt auch schriftlich in einem Tagebuch festgehalten werden, damit Sie später wieder auf diese zurückgreifen können. Wir neigen häufig dazu, negative Erfahrungen in den Fokus unseres Denkens zu rücken und positive Erlebnisse leichter zu vergessen. Diesem Verhalten kann eine Verschriftlichung entgegenwirken. Parallel dazu sollten Sie täglich drei Erfolgserlebnisse und kleine Momente des Glücks aufschreiben. Das Ganze hat den positiven Nebeneffekt, dass Sie ausgeglichener wirken, denn es wird Ihnen leichter gelingen, auch in stressigen Situationen den Blick für das Positive zu bewahren. Kommen wir zur nächsten wichtigen Kompetenz.

Volition 

Wie schauen Sie auf erfolgreiche Trainer*innen? Die meisten von uns neigen zu dem Glauben, Erfolg sei das, was nur einigen wenigen, besonders talentierten Menschen vorbehalten wäre. Ganz grundlos entsteht dieser Eindruck nicht. Nur selten sprechen derart erfolgreiche Trainer*innen  darüber, wie viel harte Arbeit, wie viele schlaflose Nächte sie gebraucht haben, um dahin zu kommen, wo sie jetzt sind.  Harte Arbeit gilt im Gegensatz zu Talent nämlich als wenig betrachtet. Doch genau diese Willenskraft, diesen Biss, braucht es. Ohne diesen hilft Talent rein gar nichts. Die Professorin in Psychologie und Autorin des Buches Grit, Angela Lee Duckworth (2018), fand heraus: Biss ist unter allen Erfolgsfaktoren der Entscheidende. Wichtiger als Intelligenz, Beziehungen oder Talent. Zu Beginn steht der unbedingte Wille, sein Ziel gegen alle Widerstände zu erreichen. Nur wer mit viel Biss und Ausdauer an seinen langfristigen Zielen arbeitet – und zwar nicht nur für Wochen und Monate, sondern für Jahre – wird am Ende mit Erfolg belohnt. Dies gilt für alle Berufe und Sparten – ob im Leistungssport, Forschung oder im Unternehmertum. Bitte nicht falsch verstehen. Das Talent spielt auch eine Rolle, ist aber dennoch ganz und gar überbewertet. So zeigen Duckworths (2018) Forschungsergebnisse, dass Talent überhaupt nur für diejenigen eine Rolle spielt, die genügend Willenskraft aufbringen können. 

Wie aber kommen wir zu mehr Volition? Aus meinen Erfahrungen heraus, indem wir daraus eine Gewohnheit machen. So wusste schon Aristoteles, dass besondere Fähigkeiten nicht von einzelnen Handlungen, sondern von Gewohnheiten abhängen. Und genau solche guten Gewohnheiten können wir uns aneignen, indem wir nach und nach winzige Verhaltensänderungen einführen. Wenn wir kleine Anstrengungen nur oft genug wiederholen, addieren sie sich auf. Harte Arbeit ist sehr wichtig, doch ohne den entsprechenden Schlaf nur schwer durchzuhalten. (Fogg, 2021).

Schlaf

Es ist ein ziemlich verbreiteter Glaube: Nur wer mehr arbeitet und weniger schläft und das sieben Tage die Woche, wer sich durchbeißt und immer dran bleibt, der wird es auch zu etwas bringen. Diese Konditionierung saß auch bei mir tief. Wann immer ich von anderen Kollegen*innen hörte, die tagsüber in der Lehre unterwegs waren, als Sportpsychologe*innen nebenbei praktizierten und nachts an ihrem Forschungsvorhaben schrieben, fühlte ich mich nicht gut dabei. Und manchmal sogar minderwertig. Um erfolgreich zu sein, hilft schließlich nur eins: Harte Arbeit und viele Entbehrungen! Viele von uns kennen solche Gedanken. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn wir das Gefühl haben, dass andere mehr leisten. Ein gewisser Biss gehört zur Entwicklung dazu. Doch es ist ein schmaler Grat zwischen gesundem Ehrgeiz und Überlastung. Schlaf ist dabei unfassbar wichtig (Schlafstudie TK, 2017). Viele Menschen missachten dies aber dennoch. Was viele Menschen dabei jedoch außer Acht lassen: Wenn wir uns zu wenig ausruhen, dann schaden wir mit diesem Verhalten nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch unserer Entwicklung. Das fand eine Studie der University of California, Berkeley heraus (Ben Simon et. al., 2022). Ihr Ergebnis: Sind wir ausgeschlafen, verhalten wir uns sozial verträglicher als unausgeschlafen. Und das fällt auch anderen auf. Die Studie förderte auch folgende Erkenntnis zutage: Andere nehmen uns als erfolgreicher wahr, wenn wir ausreichend geschlafen haben. Neben dem Schlaf spielt auch unser generelles Wohlbefinden eine entscheidende Rolle in Sachen Entwicklung. Wenn Sie sich stark mit Ihrer Arbeit identifizieren, kann das schnell zur Erschöpfung führen. Was dagegen hilft, sind soziale Beziehungen, und die wollen gepflegt werden. Berufliche Entwicklung hat auch etwas mit genügend erfülltem Ausgleich (Freunde, Familie, Freizeitaktivitäten) zu tun. Mehr dazu: 

  • https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/dr-rene-paasch-schlafqualitaet-im-fussball/ 
  • https://www.die-sportpsychologen.de/2020/03/dr-rene-paasch-warum-sich-trainer-gerade-jetzt-um-ihre-gesundheit-kuemmern-sollten/ 

Nun zu einem Thema, was mir persönlich eine Herzensangelegenheit ist: Empathie. Sie ist gerade im Leistungssport & in der Geschäftswelt eine sehr wichtige Größe geworden – besonders die soziale Empathie. Weiterführende Inhalte finden Sie hier:   

Soziale Kompetenzen 

Fazit

In den letzten Blogbeiträgen „Trainerpersönlichkeiten machen Karriere I – III“ habe ich Ihnen aus meiner Sicht die wichtigsten Trainer*innen-Kompetenzen vorgestellt. Diese können Ihnen zu mehr Potenzialentfaltung als Führungskraft, Trainer*innen oder als interessierter Mensch weiterhelfen. Am Ende kommt es darauf an, wie sehr Sie bereit sind, wachsen zu wollen. Egal in welchem Bereich. Wenn Ihr persönlicher Kurs auf stetige Weiterentwicklung ausgerichtet ist, dann können Sie auf Entwicklungsschübe und Veränderungen in Ihrem Leben hoffen. Denn ganz gleich, was Sie erreichen, geschafft oder verwirklicht haben, es steckt immer noch mehr in Ihnen. 

Mehr zum Thema:

Literatur 

  1. Dweck, C.S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. New York, NY: Random House Publishing Group
  2. Duckworth, A. L. (2018): Grit – The Power of Passion and Perseverance. ISBN: 978-1501111112
  3. Grossman, P., Niemann, L., Schmidt, S., Walach, H. (2004): Mindfulness-based stress reduction and health benefits: A meta-analysis.  https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0022399903005737
  4. Michaelis; B. Nohe, C.; Sonntag, KH, (2012):  Führungskräfteentwicklung im 21. Jahrhundert – Wo stehen wir und wo müssen (oder wollen) wir hin?
  5. BJ Fogg, BJ (2021): Die Tiny Habits-Methode: Kleine Schritte, große Wirkung. 
  6. TK-Schlafstudie (2017): Schlaf gut, Deutschland https://www.tk.de/resource/blob/2033604/118707bfcdd95b0b1ccdaf06b30226ea/schlaf-gut-deutschland-data.pdf 
  7. Ben Simon, E. B.,  Vallat, R., Aubrey Rossi,A.,  Walker, M. (2022): Sleep loss leads to the withdrawal of human helping across individuals, groups, and large-scale societies. https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3001733 

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