Prof. Dr. René Paasch: Beziehungsgestaltung im Fußball

„Jetzt stell dich mal nicht so an, du Weichei!“ Kommt Ihnen solch ein destruktiver Satz bekannt vor, wenn Sie mit sich selbst kommunizieren? So hart und unfair, wie Sie mit kaum einem anderen Menschen reden würden? Falls dem so ist, sind Sie kein Einzelfall. Das Problem dabei: Diese Beziehungsgestaltung, mit der wir uns selbst und unserem Umfeld häufig begegnen, ist nicht nur traurig, sondern auch ungesund. Sie führt dazu, dass wir unsere natürlichen Bedürfnisse unterdrücken und dadurch uns auf Dauer schwächen.  In diesem Blog zu Beziehungsgestaltung im Fußball werden wir die Angelegenheit von allen Seiten betrachten: Woher kommt der innere Kritiker? Was macht das mit uns? Und vor allem: Wie können wir es besser machen? Diese und viele andere Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen. Viel Spaß beim Lesen. 

Zum Thema: Eine gesunde Beziehung zu uns selbst und anderen führen?  

Hallo, liebe(r) Spieler*innen, Trainer*innen & Leser*innen! Ich weiß nicht viel über Sie, außer dass Sie sich für sportpsychologische Inhalte interessieren. Ich versuche daher, Ihre Zeit so sinnvoll und effektiv zu nutzen, Neues zu lernen und Sie bestenfalls für diese Inhalte zu begeistern. Mich freut es sehr, dass ich meine Gedanken mit Ihnen teilen darf! Allerdings hat diese Art zu denken, auch einen großen Nachteil: 

Ich meine dieses unbedingte gefallen wollen. Ständig sind wir damit beschäftigt, uns und unser Leben zu optimieren. Wir möchten einen tollen Job ergattern, verschiedene Sprachen sprechen, reisen, viel Geld verdienen, im Sport dauerhaft erfolgreich sein und dabei am besten noch von unseren Mitmenschen und Fans bewundert werden. An und für sich ist daran erst einmal auch nichts auszusetzen. Doch leider sind wir im Fußball in diese Richtung ein bisschen zu weit vorgeprescht. So ist es vollkommen üblich, sich so sehr anzustrengen, dass wir unsere natürlichen Bedürfnisse und auch die unserer Mitspieler*innen und Akteure im Fußball weitestgehend ignorieren. Das ist im Kontext von Leistungssport Fußball so normal, dass wir es nicht einmal mehr merken. Wir sind es gewohnt, unsere Bedürfnisse ständig zu missachten. Dieser Umstand hat uns als Leistungsoptimierer so produktiv gemacht, dass wir inzwischen den gläsernen Spieler entwickelt haben, ein riesiges Funktionsteam für bessere Leistungsoptimierung bereitstellen u.v.m. Aber der Preis ist hoch: Wir behandeln uns selbst und andere so hart, dass es unserer Gesundheit ernsthaft Schaden zufügt. Krankheiten wie Depressionen, regelmäßige Sportverletzungen oder Pflichterfüller auf dem Platz, werden nicht umsonst als  „Notwendiges Übel für Leistungsoptimierer“ bezeichnet. Sie kommen vor allem bei Manager*innen, Trainer*innen und Sportler*innen vor, die unter starkem Ergebnisdruck leiden und deswegen ständig ihre Bedürfnisse ignorieren. Das bedeutet: Im Leistungssport Fußball gilt es als völlig normal, die eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnisse zu ignorieren. Im Prinzip ist das alles längst bekannt. Trotzdem unternehmen wir nur sporadisch etwas dagegen. Wie kommt es, dass wir bei diesem Vorgehen mitmachen und immer mehr Akteure im Fußball – auch in anderen Sportarten – eine(n) Psychologen*innen bzw. Sportpsychologen*innen aufsuchen? Und die Ausgangsfrage lautet sehr häufig: Nicht Leistungsoptimierung sondern eher Gesunderhaltung und wie kann ich lernen, mit diesem System zurechtzukommen? Die Antwort liegt, wie so oft in unserer Kindheit und im ergebnisorientiertem Jugendfußball. 

Die Vorbildfunktion 

Es gibt ein paar Sätze, die wohl nahezu jede(r) Fußballertrainer*in schon zig mal ausgesprochen hat. „Sei nicht so laut!“, oder „Jetzt beruhig dich mal und reiß dich zusammen!“ Ist ja auch total verständlich, oder? Kinder sind schließlich oft anstrengend und aufgedreht. Sie müssen eben lernen, sich auf und neben dem Platz halbwegs sozial und mannschaftspezifisch verträglich zu benehmen. Da ist schon was dran. Allerdings übersehen wir häufig, was solche Sätze in den kleinen Kinderköpfen anrichten können. Ein Kind ist im Kontext von Fußball von seinen Trainern abhängig. Als soziales Wesen ist es darauf gepolt, Erwachsenen um jeden Preis zu gefallen. Es will unbedingt gesehen werden. Leider erfahren sehr viele Kinder, dass sie nur dann wirklich angenommen werden, wenn sie sich so verhalten, wie ihre Trainer*in es sich wünschen. Das gilt natürlich auch für die Erziehungsberichtigten. Eigentlich sogar für fast alle. 

Stellen Sie sich zum Beispiel ein kleinen Jungen (elf Jahre alt) vor, nennen wir ihn Justin. Justin möchte am liebsten beim Training ausgelassen toben und spielen. Der ergebnisorientiere Trainer bzw. die Trainerin will hingegen, dass Justin sich an die Regeln hält und die Vorgaben im Training erfüllt. Was passiert in dieser Situation? Wenn Justin nicht auf die Anweisungen hört, wird der/die Trainer*in ärgerlich und schimpft: „Nun reiß dich mal zusammen! Du bist doch schon ein großer Junge. Da kann man ja wohl erwarten, dass du dich 90 Minuten lang auf das Training konzentrierst. Verdammt noch mal!“ Bei Justin kommt aber etwas ganz anderes an. Sein unbewusster Gedankengang geht ungefähr so: 

Perspektivwechsel

„Ich möchte gerne toben und mit dem Ball spielen, aber mein Trainer bzw. Trainerin mögen mich nicht, wenn ich das tue. Sie wollen ein Kind, dass brav den Anweisungen folgt. Der Fehler liegt bestimmt bei mir.” Das Kind wird also angehalten, sich und sein Verhalten und seine Bedürfnisse grundlegend in Frage zu stellen.

Solche und ähnliche Situationen wiederholen sich tagtäglich auf den Sportplätzen und auch in den Familien. Und mit der Zeit lernt Justin, seine eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und stattdessen den Bedürfnissen seines Trainers/seiner Trainerin oberste Priorität einzuräumen. Das tut er, weil es weh tut, von ihnen Ablehnung zu erfahren. Mit den Jahren verlernt Justin seine Bedürfnisse überhaupt noch wahrzunehmen. Und so vererbt sich die fehlende Beziehungsgestaltung von einer Generation zur nächsten. Kurz gesagt: Wir lernen schon früh in der Kindheit, unsere Bedürfnisse zu ignorieren, sodass wir irgendwann taub für sie werden. Das Resultat: Justin wächst zu einem Erwachsenen heran, den wir für ganz normal halten – gesellschaftlich und dem Fußball gegenüber kompatibel, aber hart sich selbst gegenüber.

Verbundenheit 

Sie ahnen es schon: Wir sind alle ein bisschen wie Justin. Bleiben wir also noch kurz bei seinem Beispiel und sehen uns an, warum fehlende Beziehungsgestaltung mit den Jahren uns nicht gut tut. Justin hat sich immer artig an die Regeln gehalten und nun stehen in wenigen Wochen die Entwicklungsgespräche an. Übliches Prozedere im NLZ-Jugendfußball. Also leistet er auf dem Platz, was das Zeug hält. Seine Beine werden immer schwerer und er klagt über Kopf- und Bauchschmerzen und viele weitere gedankliche Verpflichtungen (bspw. Hausaufgaben, Klassenarbeiten u.v.m.). In Absprache mit Papa und Mama nimmt er sich vor, unbedingt nach den Gesprächen, sich freie Trainingstage zu ermöglichen und Freunde zu treffen. Eine ganz „normale“ Situation, wie wir sie wohl in anderen Lebensbereichen und Lebensstufen alle kennen. Aber schauen wir mal etwas genauer hin. Was passiert Justin in diesem Moment? Er hat sich so lange verausgabt, dass seine Füße und sein Rücken überlastet sind. Deswegen sendet er ein Signal an sein Gehirn: „Hallo Justin, diese Belastung ist auf Dauer nicht gut, schaffe dir eine Auszeit und Gegenwelten (Spielplatz, Freunde treffen u.v.m.). Die natürliche Reaktion auf dieses Bedürfnis wäre es, eine gesunde Erholung und Belastungssteuerung fern von dauerhafter Leistung zu suchen. Aber Justin nimmt dieses Bedürfnis überhaupt nicht wahr. Stattdessen ist er genervt, dass seine Füße und sein Rücken nicht so funktionieren, wie sie sollen, sondern ihn mit diesen lästigen Schmerzen vom Training ablenken. Dennoch gibt er weiterhin Vollgas auf dem Platz. Und die Füße, der Rücken und weitere Verpflichtungen? Die müssen mit ihren Problemen und Aufgaben alleine klarkommen und eine Lösung suchen, aber bedauerlicherweise wird dadurch die Balance im Körper und die Psyche gestört. Wo genau und in welcher Form es dann zum Vorschein kommt, hängt von der individuellen Veranlagung und Verfassung ab. Ignorierte Bedürfnisse führen immer zu einem Ungleichgewicht im Menschen. In Justins Fall war es sein Bedürfnis nach individueller Bewegung und gedanklichen Ruhephasen. 

Aber etwas Vergleichbares passiert auch, wenn wir unser Bedürfnis nach gesunder Ernährung und menschlicher Nähe unterdrücken: Indem wir unsere Bedürfnisse ignorieren, erzeugen wir ein Ungleichgewicht und werden langfristig unzufriedener. Der Grund dafür ist, dass ein Ungleichgewicht die natürlichen Wege in uns blockiert. Denn unser System verbraucht am wenigsten Energie, wenn alle Teile möglichst reibungslos zusammenarbeiten und es keine Konflikte mit der Umwelt gibt. Dieser Zustand heißt Kohärenz und er ist eine wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben.  

Kohärenz

Wir werden den Fußball auf die Schnelle nicht ändern können. Daher müssen Sie bei sich selbst beginnen, wenn Sie in Zukunft ein glücklicheres und gesünderes Leben führen möchten. Aber was bedeutet das konkret? Wie können Sie Ihre Psyche und Ihren Körper dabei unterstützen, ihr inneres Gleichgewicht zurückzuerlangen? Und wie sollten Sie all Ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne ein vollkommen unsoziales Wesen zu werden? Hier lohnt es sich einen Blick auf die Forschung des israelisch-amerikanischen Soziologen Aaron Antonovsky zu werfen. Er beschäftigte sich intensiv mit der Salutogenese, also der Wissenschaft von dem, was uns gesund macht. Eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Forschungen lautet, dass vor allem ein Gefühl der Kohärenz dazu beiträgt, dass sich unsere inneren Kräfte entfalten. Wie jedes Gefühl ist auch das der Kohärenz subjektiv. Es tritt ein, wenn wir empfinden, dass alles in Ordnung und an seinem Platz ist. Dabei handelt es sich um einen Idealzustand, den wir nie zu hundert Prozent erreichen werden, aber zumindest anstreben können. Laut Antonovsky beruht das Kohärenzgefühl vor allem auf drei Aspekten. Wir erfahren es, wenn wir erstens die Welt um uns herum verstehen, wenn wir zweitens den Eindruck haben, dass wir sie gestalten können und wenn wir drittens einen Sinn darin erkennen. Der Schlüssel zum inneren Gleichgewicht liegt also darin, einen für Sie sinnvollen Platz im Leben zu finden, anstatt zweifelhaften gesellschaftlichen und fußballspezifischen Idealen hinterher zu hecheln. Außerdem lohnt es sich, Ihre Gefühle besser zu verstehen, um konstruktiver mit ihnen umzugehen. 

Fazit

Im Leistungssport Fußball und unserer Gesellschaft sind bestimmte Auffassungen weit verbreitet, die unsere Kräfte schwächen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, dass unser Körper ähnlich wie eine Maschine funktioniert, bei der wir einfach einzelne Teile reparieren oder austauschen können. Auch die Vorstellung, dass wir um jeden Preis erfolgreich sein und uns ständig gegen andere durchsetzen müssen, schwächt die innere Balance. Sie führt dazu, dass wir uns zu stark auf die Leistung fokussieren, die wir angeblich permanent erbringen müssen. Wer Verständnis für die eigenen Bedürfnisse aufbringt, der behandelt auch andere Menschen wertschätzender. Aber wie könnte eine Alternative zu unserem bisherigen, beziehungslosen Zusammenleben im Kontext von Leistungssport Fußball aussehen? 

Einen ersten Blick darauf können wir an einer unerwarteten Stelle erhaschen: in modernen Fußballvereinen! Immer mehr von ihnen schaffen die alten hierarchischen Strukturen ab und setzen stattdessen auf Selbstverantwortung. In diesen modernen, agilen Vereinen übernimmt jeder Verantwortung für seine Performance, für sich selbst und für seine Kollegen*innen. Und es funktioniert – allerdings nur, wenn die Angestellten des Vereins einen Sinn in ihrer Arbeit erkennen. Wer weiß, vielleicht kann es auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft schon bald ähnlich aussehen? Es ist im Prinzip ganz einfach: Je mehr Sie lernen, sensibler auf ihre Bedürfnisse einzugehen, desto liebevoller und gesünder wird auch unser Zusammenleben im Leistungssport Fußball werden.

Mehr zum Thema:

Literatur 


Antonovsky, A. (1996): The salutogenic model as a theory to guide health promotion. In: Health Promotion International 11 (1), S. 11–18.

Seligman, M.E.P., Csikszentmihalyi, M. (2000): Positive psychology: An introduction. American Psychologist, 35, 5–14.

Seligman, M.E.P., Diener, E. (2002): Very Happy People. Studie: https://journals.sagepub.com/doi/10.1111/1467-9280.00415 

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Prof. Dr. René Paasch
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