Marius Schröder: Fehlt der Sportpsychologie der Zugang zum Gehörlosensport und Behindertensport?

Nach einer Befragung von hörbehinderten Spitzensportler*innen fiel auf, dass 86,5% noch nie Kontakt zu einem Sportpsychologen hatten (Glazer & Schliermann, 2020). Dies scheint verwunderlich, da auch für diese Gruppe Leistungsoptimierungen auf der Basis von sportwissenschaftlichen bzw. -psychologischen Untersuchungen notwendig sind. So stellte sich für mich die Frage, warum so wenig hörgeschädigte Sportler*innen Kontakt zu Sportpsychologen hatten und was wir in diesem Zusammenhang ändern können.

Zum Thema: Sportpsychologie im Behindertensport

Fakt ist, dass auch hörgeschädigte Spitzensportler*innen im Bereich der Leistungsoptimierung unterstützt werden müssen. Schauen wir rein auf die Ergebnisse und nehmen die diesjährigen Deaflympics (Olympischen Spiele der Gehörlosen) als Referenz, stehen nur 19 Medaillen für den deutschen Verband zu Buche. Dies ist nicht mehr und nicht weniger als ein Mittelfeldplatz. Dies lässt sich natürlich auf mehrere Faktoren zurückführen. So wurde die Vorbereitung durch die Coronapandemie beeinträchtigt und die gesamte Veranstaltung, wie die Olympischen Spiele in Tokio, um ein ganzes Jahr verschoben. Aber damit sind wir beim Punkt: Warum wurde, mit einem Jahr mehr Vorlauf, nicht im täglichen Training vermehrt auf sportpsychologische Betreuung gesetzt? 

Ein Grund mag sein, dass viele hörbehinderte Sportler eine kommunikative Barriere sehen und nicht wissen, wie sie ohne Hilfe durch einen Dolmetscher*in mit einem Sportpsychologen kommunizieren sollen. Vielleicht liegt ein weiterer Grund vor, dass auch im Bereich des hörgeschädigten Spitzensportes bisher keine Notwendigkeit für eine sportpsychologische Betreuung erkannt wird. In Gesprächen während der Deaflympics 2022 stellte ich fest, dass viele Sportler*innen den Mehrwert noch nicht sehen. Demgegenüber wurde die kommunikative Barriere kaum benannt. Schaue ich rein auf die von mir betreuten Sportler*innen, so kann ich trotz meiner Befangenheit sagen, dass diese in einer guten mentalen Verfassung waren. Dies haben wir dadurch erreicht, dass viele sportpsychologische Interventionen von mir auf deren Anwendbarkeit überprüft und zum Teil individuell angepasst wurden. 

Aufklärungsarbeit als Auftrag

Als Fazit ist festzuhalten, dass wir versuchen müssen, eine gewisse Aufklärungsarbeit in den jeweiligen Verbänden (wenn man nicht nur auf die hörgeschädigten Sportler*innen schaut) zu leisten. Dazu gehört zum einen, die Sportler*innen für den Bereich der Leistungsoptimierung und Sportpsychologie zu sensibilisieren. Hierdurch lässt sich eine gewisse Akzeptanz schaffen, die dazu führen kann, dass sich die Sportler*innen für die Sportpsychologie öffnen. Zum anderen muss auf Seiten der Sportpsychologie kritisch konstatiert werden, dass man hier einen größeren Forschungsaufwand betreiben muss, da sich bei den sportpsychologischen Interventionen anders gelagerte Fragen ergeben. 

Welche Fragen habt ihr an die Sportpsychologie? Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Marius Schröder) stehen euch dazu gern zur Verfügung. Darüber möchte ich persönlich die Frage klären, wie ihr die Akzeptanz und Verbreitung der sportpsychologischen Betreuung im übrigen Behindertensport – außerhalb meines Tätigkeitsschwerpunkts im Gehörlosensport – bewertet? Finden wir dort eine ähnliche oder sogar dieselbe Problematik vor? 

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