Wie bei jeder Binsenweisheit, ist natürlich auch an dieser etwas dran. Konzentriert man sich nicht voll und ganz auf eine Sache, kann man nicht zu 100% erfolgreich sein. Wenn man länger darüber nachdenkt, kann ein Plan B jedoch Sicherheit geben und das gefürchtete, viel beschriebene „Loch nach der Karriere“ vermeiden. Nicht selten sieht man Sportler*innen, die neben ihrem täglichen Training noch studieren, eine Ausbildung machen oder in anderen Bereichen hospitieren um sich so auf ihre Zeit nach dem Sport vorzubereiten. Viele übernehmen später einmal Trainer- und Managerpositionen oder setzen sich für die Nachwuchsförderung ein. Wie wichtig ein Plan B ist, habe ich auch in eigener Sache erfahren dürfen.
Zum Thema: Karriereplanung im Leistungssport
„Es kann nichts schiefgehen. Das einzige, was passieren kann, ist, dass die Dinge einen anderen Verlauf nehmen als geplant.“
Stephan Sarek
Dieses Zitat von Stephan Sarek, einem deutschen Schriftsteller, ist ein Gegenbeispiel zur Aussage in der Überschrift. Und natürlich hat er Recht: wir können nicht jede Kleinigkeit beeinflussen und den Lauf der Dinge zu 100% vorausplanen. Zu den jüngsten Beispielen dafür zählt die Corona-Pandemie Anfang des Jahres, in deren Folge sowohl große Sportveranstaltungen als auch kleine, regionale Wettkämpfe abgesagt wurden und die Sportler*innen plötzlich ohne Ziele dastanden, auf die sie hinarbeiten konnten. Für viele stellte sich die grundlegende Frage, wofür sie eigentlich trainieren? Für die meisten war das sicherlich nicht existenzbedrohend, aber für einige Profisportler*innen stand plötzlich alles auf dem Spiel: Sponsoren- und Prämiengelder von Wettbewerben fielen weg, Olympia rückte auf unbestimmte Zeit in weite Ferne und sie mussten für sich neue Ziele und Alltagsroutinen entwickeln.
Aber nicht nur historische Ereignisse wie eine Corona-Pandemie können solche krassen Karrierehürden mit sich bringen. Eine Verletzung oder eine Krankheit haben die Kraft, im schlimmsten Fall, zu einem abrupten Karriereende zu führen, ohne dass man sich darauf vorbereiten kann. Genau deshalb ist ein Plan B (C, D, E, …) so unerlässlich!
Früh übt sich, wer mal seine Zukunft planen will
Ein Plan B schafft Sicherheit, sowohl psychisch (man fühlt sich vorbereitet) als auch finanziell (man plant für die Zukunft). Man kann so das berühmt berüchtigte „Loch“ nach der aktiven Karriere vermeiden, wird abgefangen und kann sich einen fließenden Übergang zum Leben nach dem Leistungssport erarbeiten.
An Sportschulen wird schon früh auf eine solide Ausbildung neben dem Sport Wert gelegt. Als junge*r Sportler*in ist es ratsam, ernsthaft Zeit in die Schule, Praktika oder eine Ausbildung zu investieren. Professionelle Hilfen hierbei bieten in diesem System die Laufbahnberater*innen an den Sportschulen und Olympiastützpunkten. Denn so erfolgreich man als Newcomer*in auch ist, „das Einzige was passieren kann, ist, dass die Dinge einen anderen Lauf nehmen als geplant.“
Eigene Erfahrung
Das musste ich selbst als frisch gebackene Abiturientin und Skilangläuferin erfahren. Ein paar Titel und sehr gute Platzierungen im Jugendbereich verhalfen mir leider nicht in einen höheren Kader des Verbandes. Also musste ich mich umentscheiden und nutzte meinen Plan B in der Hinterhand: Dank meines guten Abiturs und sportlicher Leistungen, sowie rechtzeitiger Planung und Englischtests flog ich ein paar Monate später nach Amerika. Dort lief ich weitere vier Jahre für eine Langlauf-Universitätsmannschaft, schloss einen Bachelor in Psychologie ab und hatte eine unvergessliche Zeit.
Lisa König
Sportarten: Ski Nordisch, Ausdauersportarten, Volleyball, American Football, Basketball, Golf etc.
Das alles klappte, weil ich Unterstützer hatte. Eltern und Trainer natürlich ganz vornweg. Aber ganz wichtig zum Aufstellen eines Plan B sind auch die Lehrer*innen, Vereine, Sportpsychologen*innen, Manager*innen, Universitäten, Laufbahnberater*innen, NLZ- Berater*innen, das Arbeitsamt, die Betriebe, und und und. Das System um eine*n Sportler*in herum kann sehr gute Unterstützung und Ressourcen bieten, um die Karriere nach der Karriere zu planen.
Karriereübergang mit Unterstützung
Wir Sportpsychologen*innen können mit euch an der Nutzung eurer Ressourcen arbeiten und euch beim Karriereübergang begleiten, beraten und unterstützen. Wir helfen euch, Ängste und Unsicherheiten zu reduzieren und an neuen Routinen in schwierigen Zeiten zu arbeiten. Ihr könnt nie früh genug anfangen, für die Zukunft zu planen!
Rutschige Steilhänge, ausgesetzte Kehren, verblockte Geröllpassagen, hohe Stufen und Drops. Egal ob anspruchsvoller Freizeit-Trail, technische Marathonstrecken oder Sprünge im Bike-Park: Mountainbiken ist ein Risikosport und eine wiederkehrende Konfrontation mit Ängsten aller Art. Mit Mentaltraining können Biker lernen, die Gefühle und Gedanken zu kontrollieren, damit sie in Kopf und Körper keine Blockaden auslösen. Aber auch: im richtigen Moment auf die Angst zu hören.
Die Journalistin und Sportpsychologin Mila Hanke hat dem Mountainbike-Magazin „Freeride“ (www.freeride-magazine.com) ein spannendes Interview gegeben, das wir hier veröffentlichen dürfen. Ihre Tipps können Hobbysportlern ebenso helfen wie Profis.
Freeride: Ich will einen Drop wagen, habe aber Angst davor. Ein zermürbender Konflikt – warum tue ich mir das an?
Hanke: Weil das Gefühl, Kontrolle über eine riskante Situation zu gewinnen, sehr erfüllend ist. Außerdem bist du wahrscheinlich ein Sensation-Seeker: Das sind Menschen, die sich in einem hohen Erregungszustand wohl fühlen. Den erzeugen sie z.B. durch Situationen mit einer ordentlichen Portion Nervenkitzel. Sensation Seeking ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal und unter Risikosportlern sehr verbreitet. Für den Großteil der Bevölkerung ist hingegen schon ein Tatort-Abend aufregend genug.
Was ist Angst eigentlich genau?
Das Gefühl von Kontrollverlust und Überforderung. Das heißt: Du hast Angst bei Drops und Sprüngen, wenn du dir deiner Fähigkeiten und deiner Kontrolle über die Situation nicht sicher bist.
Auch Angst vor den Konsequenzen?
Die Gedanken an die Konsequenzen sind der eigentliche Auslöser für den sich hochschaukelnden Angstkreislauf: Was, wenn ich stürze und mich verletze? Was, wenn mich die anderen für einen Loser halten – oder ich mich selbst? Solche Gedanken setzten Stresshormone frei und steigern die Blockaden im Kopf und im Körper. Deshalb setzt mentales Training zur Angstbewältigung genau bei diesen negativen Selbstgesprächen an.
Muss ich die Angst ernst nehmen?
Definitiv. Angst ist ein überlebenswichtiges Urgefühl. Wer komplett angstlos ist, hat eine neurologische Störung und vermutlich ein kurzes Leben. Das Ziel von Mentaltraining ist nie, Angst ganz auszuschalten. Denn Angst schützt dich vor Gefahren. Deshalb spürst du auch körperlichen Reaktionen, die sogenannte somatische Angst: z.B. Herzklopfen, schnelles Atmen und angespannte Muskeln.
Haben diese Reaktionen einen evolutionsbiologischen Sinn?
Ja. Der Körper schüttet Adrenalin und das Stresshormon Cortisol aus und aktiviert so Energiereserven im Gehirn und in den Muskeln. Das ist die Vorbereitung auf entweder Kampf oder Flucht. Dabei steigt auch der Puls, um mehr Sauerstoff durch den Körper zu pumpen, geweitete Pupillen schärfen den Sehsinn und man schwitzt, damit der Körper nicht überhitzt.
Extrem-Sportler sprechen selten von Angst, eher von Konzentration.
Weil Konzentration ihr Weg ist, die Angst in Schach zu halten. Viele Menschen halten Extrem-Sportler für angstlos – aber das ist Quatsch. Egal ob Basejumper, Free Solo-Kletterer oder Rampage-Athleten (Anm. d. Red.: Die Red Bull Rampage ist ein extrem waghalsiger Downhill-Wettbewerb in der Wüste Utahs, USA): Sie haben die riskanten Situationen erstens extrem oft trainiert und sehr gute körperliche und fahrtechnische Fähigkeiten. Und zweitens haben sie gelernt, Angstgedanken und körperliche Reaktionen optimal zu kontrollieren.
Was heißt das genau?
Die meisten Sportler bringen ihre besten Leistungen, wenn Körper und Kopf etwa mittelstark aktiviert sind. Das belegen sportwissenschaftliche Studien. Man kann sich die Aktivierung durch Aufregung und Angst vorstellen wie eine Flamme: Ist sie zu groß, entsteht Panik und man ist wie gelähmt. Auf kleiner „Sparflamme“ wiederum ist man nicht genug bei der Sache. Ideal ist ein Mittelmaß an Aktivierung.
Sportarten: Derzeit vor allem Mountainbiken (von Marathon bis Downhill) und Klettern/Bouldern, aber auch Trailrunning/Berglauf, (Free-)Ski/Snowboard, Leichtathletik, (Wind-)Surfen … und jegliche andere Einzel- oder Mannschaftssportarten.
Genau. Wenn du bei einem hohen Drop zu entspannt bist, dann fehlen dir die nötige Konzentration und Körperspannung und du wirst wahrscheinlich stürzen. Bist du zu angespannt, hast also Angst, bist du im Kopf und im Körper blockiert, wirst also wahrscheinlich gar nicht springen – oder eine reflexartige Schreckreaktion mitten im Bewegungsablauf bringt dich zu Fall und du verletzt dich. Mit Mentaltraining kann man lernen, die Aktivierung im Kopf ebenso wie im Körper auf das ideale mittlere Level zu bringen – also nach oben oder nach unten zu regeln. Aber: Immer vorausgesetzt, du bist dir der Fahrtechnik für die betreffende Situation grundsätzlich sicher! Du wirst keinen 5-Meter-Drop landen, nur weil du deine Angst runter regelst und einfach springst!
Ich fühle mich bei einem 3-Meter-Drop wohl, doch der 5-Meter-Drop macht mir dennoch Angst. Warum?
Angst ist nie unbegründet. In diesem Fall weißt du noch nicht, ob deine Fähigkeiten für die 5 Meter ausreichen. Du hast noch keine positiven Lernerfahrungen mit dieser Höhe gesammelt. Also musst du dich erstmal herantasten: Deine Fahrtechnik am 3-Meter-Drop so oft optimieren und wiederholen bis du sie quasi im Schlaf abrufen kannst. Am besten mit unterschiedlichen Bedingungen bei Absprung und Landung (z.B. sehr trocken, feucht, steil o.ä.). Wage dich dann erstmal an einen 3,5- oder 4-Meter Drop und übe diesen genauso intensiv, um denselben Automatisierungsprozess zu durchlaufen. Du kannst den optimalen Bewegungsablauf auch zu Hause oder vor Ort visualisieren. Das heißt: Jeden Tag fünf bis zehn Minuten immer wieder und wieder mit geschlossenen Augen im Kopf durchgehen. Wenn du dann wieder vor dem 5-Meter-Drop stehst, hast du das fahrtechnische Selbstbewusstsein und damit ein Kontrollgefühl, auch wenn du die Höhe noch nicht kennst.
Angenommen ich habe die Technik ausgiebig antrainiert. Das ungute Gefühl vor dem Drop bleibt aber. Wie komme jetzt in den idealen Aktivierungszustand?
Als Erstes musst du deine körperlichen Reaktionen in den Griff bekommen. Vor allem: tief und ruhig atmen. So versorgst du Gehirn und Muskeln mit Sauerstoff und bringst den Puls runter. Folge: Du denkst klarer und verkrampfte Muskeln lösen sich. Dann helfen mentale Tricks: Wie beschrieben befeuern vor allem deine inneren Selbstgespräche die Angst.
Als Erstes musst du deine körperlichen Reaktionen in den Griff bekommen. Vor allem: tief und ruhig atmen. So versorgst du Gehirn und Muskeln mit Sauerstoff und bringst den Puls runter. Folge: Du denkst klarer und verkrampfte Muskeln lösen sich. Dann helfen mentale Tricks: Wie beschrieben befeuern vor allem deine inneren Selbstgespräche die Angst.
Schreibe dir in einer Bikepause mal genau auf, was du in der betreffenden Situation eigentlich denkst. Beispielhaft: „Scheiße, wenn ich jetzt stürze und mir das Schlüsselbein breche…“ Und überlege dir im Vorfeld ein ganz persönliches Code-Wort, das diese Gedanken stoppt und für dich persönlich ausdrückt, was du in diesem Moment brauchst: z.B. „Fokus“, „Mut“ oder „Go“. Dieses Codewort kannst du dir dann innerlich in Endlosschleife vorsagen, wenn du auf den Drop zufährst. So kannst du dabei gar nicht denken: „Shit, ich verbocke sicher die Landung…“ Dafür ist kognitiv keine Zeit und kein Platz.
Was kann ich sonst noch tun?
Zusätzlich kannst du dir schon vor dem Anfahren den optimalen Bewegungsablauf von deinen vielen gemeisterten kleineren Drops vorstellen. Also im Kopf schon mehrmals springen. So kannst du dich bewusst in das selbstbewusste Gefühl mit Situationskontrolle hineinversetzen und gelernte Bewegungsmuster noch besser abrufen.
Und was möchten Sie mir noch mit auf den Biker-Weg geben?
Mit schrittweisem Training – fahrtechnisch und mental – bist du für den 5-Meter-Drop bestens gewappnet. Aber: Wenn sich die Angst trotzdem laut meldet, hör drauf! Denn manchmal passt einfach die Tagesform nicht, du hast schlecht geschlafen, die Bodenbedingungen sind anders als sonst (zu nass oder zu trocken) oder du hast Arbeits- oder Beziehungsstress im Kopf. Dann ist es ziemlich mutig und schlau, es heute einfach mal sein zu lassen! Auch das ist ein cooler Umgang mit Angst.
Mila Hanke (Diplom-Psychologin und Sportpsychologin (asp) ist selbst begeisterte (und Verletzungsangst-erfahrene) Mountainbikerin. Sie begleitet u.a. Bikerinnen und Biker verschiedenster Könnerstufen mit Mentaltraining und Coaching, um Leistung und Spaß zu optimieren, Ängste zu überwinden oder verletzungsbedingte Auszeiten und den Wiedereinstieg zu meistern.
Wie die Berichterstattung über Rassismus-Vorwürfe im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des FC Bayern München des Hintergrundmagazins WDR Sport Inside nahelegt, kommt den dort arbeitenden Sportpsychologen eine offensichtlich besondere Rolle zu. Er oder sie sollte demnach anonym in Gesprächen mit Spielern Daten über den beschuldigten Trainer sammeln, um – so vermute ich zumindest – an Informationen zu gelangen, die diese Vorwürfe erhärten könnten. Nun mag man ja – als nicht ausgebildeter Sportpsychologe – im ersten Impuls die Frage stellen: „Ja und? Was ist denn daran problematisch? Das dient doch nur der Aufklärung“. Auf einen zweiten Blick – und mit dem professionellen Hintergrund auf unseren Berufsstand ist ein solches Vorgehen sowohl aus Sicht des Auftraggebers (in diesem Fall der FC Bayern), als auch aus Sicht des Auftragnehmers (des Sportpsychologen/der Sportpsychologin) mehr als nur problematisch. Ein solches „Ausspionieren“ kollidiert nämlich mit den für uns zugrundeliegenden berufsethischen Richtlinien.
Zum Thema: Was sind die Aufgaben und Rollen von Sportpsychologinnen und Sportpsychologen, die in Nachwuchsleistungszentren arbeiten
Ziel dieses Blog-Beitrags ist es also
1.) die Aufgaben und die Rollen eines Sportpsychologen in einem NLZ zu beschreiben
und
2.) daran im Anschluss unsere berufsethischen Richtlinien in den Blick zu nehmen. Abschließend soll deutlich werden, in welchem Dilemma sich unseren Kolleginnen und Kollegen befinden und welche Lösungsmöglichkeiten existieren, um dieses Dilemma aufzulösen.
Um es gleich vornweg zu betonen: Ich persönlich habe nie im Fußballbereich gearbeitet und war auch niemals an einem Nachwuchsleistungszentrum beschäftigt. Allerdings habe ich im Rahmen meines Master-Studiengangs „Angewandte Sportpsychologie“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Studierende ausgebildet, die nach ihrem Abschluss überwiegend in den Nachwuchsleistungszentren der Fußball-Bundesligisten ihre berufliche Karriere aufgenommen haben. Und da ich mit dem Großteil dieser Absolventen immer noch in Kontakt stehe, kann ich mir hier ein gutes Bild der Situation machen. Ich selbst habe jahrelang in Mannschaften anderer Sportarten gearbeitet und selbst wenn es hier um Mannschaften ging, die sich aus Einzelathleten zusammengesetzt haben, so sind die Dilemmata, in denen sich ein Sportpsychologe bewegt, aus berufs-ethischer Sicht gar nicht so unterschiedlich.
Sportpsychologisches Training und Coaching
Die Aufgaben und Rollen eines Sportpsychologen in einem NLZ sind vielfältig. Zum einen sind sie verantwortlich für zumeist mehrere Nachwuchsmannschaften und hier ergeben sich zum einen Aufgaben, die im engeren Sinne mit sportpsychologischem Training zu tun haben und zum anderen mit dem, was wir sportpsychologisches Coaching (oder auch Beratung) nennen. Sportpsychologisches Training umfasst zum Beispiel die Vermittlung und Umsetzung von z.B. Bewegungsvorstellungstraining, wenn es darum geht, neue fußballerische Techniken zu erlernen oder zu stabilisieren oder aber auch den Einsatz von Visualisierungstechniken zur Optimierung taktischer Handlungspläne. Zum Training gehört auch die Vermittlung und Übung von Entspannungs- und Aktivierungstechniken oder aber Trainings zum Erlernen von Stress-, Ärger und Angstbewältigung in spezifischen Situationen. Es gibt noch eine Vielzahl anderer Trainingsverfahren, deren Darstellung hier allerdings den Rahmen sprengen würde.
Unter sportpsychologischem Coaching verstehen wir die Umsetzung von individuellen oder auch kollektiven Beratungssituationen von Spielern, Trainern oder anderen Personen im Staff, die mit sehr individuellen Anliegen zu uns kommen und hier „nach Rat fragen“ (also z.B. könnte ein Spieler zu uns kommen und sagen: „Ich habe aktuell ein persönliches Problem mit meinem Trainer. Was soll ich tun? Wie gehe ich weiter damit um?“). Aus meiner Sicht zählen auch Teambuilding- und Teamentwicklungsaufgaben zu diesem Bereich, da hier z.B. neben Rollenspielen auch Reflektions- und Diskussionsrunden Inhalt sind, die für mich im Endeffekt eben eher eine Beratungsfunktion erfüllen. Hier kann man sicher auch anderer Meinung sein. Im Laufe des Trainingsalters der Spieler nehmen sportpsychologische Trainingsverfahren zugunsten von sportpsychologischen Coachingmaßnahmen ab. Das ist zumindest mein Eindruck aus den Gesprächen, die ich mit meinen Absolventen habe.
In manchen NLZ´s übernehmen Sportpsychologen auch pädagogische Aufgaben (also z.B. die Beratung und Betreuung von Spielern im Rahmen ihrer Persönlichkeitsentwicklung – Stichwort: Fleiß und Selbstmanagement im schulischen und außerfußballerischen Kontext). In anderen NLZ`s gibt es hierfür spezifisch ausgebildete pädagogische Mitarbeiter. Hinzu kommt insbesondere im Bereich der Nachwuchsmannschaften auch das „Eltern-Coaching“ der jungen Fußballtalente.
Diesen o.g. „Interventionen“, also den Trainings- und Betreuungsprozessen, geht immer eine Diagnostik vorweg. Denn wir müssen ja zunächst den aktuellen Stand zum jeweiligen Bereich kennen. Dies erfolgt entweder in Gesprächsform oder aber es werden hier manchmal auch (vor allen Dingen aus Gründen der Effizienz) Fragebogenverfahren genutzt (z.B. zur Erfassung der Erholungs-Belastungswahrnehmung der Spieler).
Teil des Systems
Halten wir also fest: Sportpsycholog/innen in Nachwuchsleistungszentren arbeiten in der Regel immer in einem System von Mitarbeiter/innen mit unterschiedlichen Aufgaben (und eben auch unterschiedlichen Erwartungen an die Athlet/innen). Sie erfassen und speichern persönliche Daten. Sie erfüllen eine Reihe verschiedener Rollen und Klienten (Sportler, Trainer, Staff) und sie sind mitunter auch in die Persönlichkeitsentwicklung der Sportler/innen eingebunden. Gerade die Tatsache, dass Sportpsychologen immer im sozialen System tätig sind und somit eben auch als Teil des Systems mit verschiedenen Erwartungen an den Klienten und die eigene Rolle konfrontiert sind, birgt eine hohe Gefahr, Manipulationsversuchen oder aber auch eigenen Wahrnehmungsverzerrungen ausgesetzt zu sein.
Ein Dilemma, in dem nun ein Sportpsychologe/eine Sportpsychologin hineingeraten kann, wäre das eingangs geschilderte Problem des „anonymen Ausspionierens der Spieler“ wegen der Rassismus-Vorwürfe gegen den Trainer. Wir haben es mit einer berufs-ethisch verzwickten Lage zu tun.
Im Blickpunkt: Die Berufsethik
Bevor wir hier „in medias res“ gehen, möchte ich schon mal auf einen hervorragenden und richtungsweisenden Artikel in einer Fachzeitschrift hinweisen, der in Kürze erscheint: Nämlich der unter dem Blog zitierte Beitrag von Lobinger, Reinhard & Querfurth (in Druck, Stand August 2020), der die hier dargelegten Informationen nicht nur vertieft, sondern auch die Ergebnisse einer Studie (Befragung) von Kolleginnen und Kollegen präsentiert und diskutiert (dazu im Fazit noch etwas mehr). Denn nicht erst seit 2020 beschäftigt sich die deutsche Sportpsychologie mit berufs-ethischen Fragen, sondern die o.g. Studie ist die erste, die Einstellungen und Verhaltensweisen von Sportpsychologen in Deutschland untersucht hat. In den letzten Jahren hat dieses Thema jedoch steigendes Interesse erfahren (Lobinger, Neumann & Mayer, 2019; Staufenbiel, Liesenfeld & Lobinger, 2019; Hermann, 2019).
Sportpsychologen/innen in Deutschland rekrutieren sich aus mindestens zwei Wissenschaftsdisziplinen, nämlich entweder aus der Sportwissenschaft oder aus der Psychologie. An drei Universitäten/Fachhochschulen lassen sich aktuell Master-Studiengänge im Bereich Sportpsychologie studieren. Die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (ASP) bietet darüber hinaus ein Weiterbildungsprogramm für Absolventen mit einem einschlägigen Masterabschluss entweder in Psychologie oder in Sportwissenschaft an. Sowohl in den Studiengängen, aber auch im Weiterbildungsprogramm der ASP spielt die berufs-ethische Ausbildung eine tragende Rolle. In diesen Ausbildungen werden zum einen eindeutige Verstöße thematisiert, andererseits aber auch auf sicher problematische, aber eben nicht eindeutig als Verstoß definierbare Verhaltensweisen diskutiert.
Ethische Grundlagen und Problemfelder
Eindeutige und gegen ethische Grundlagen verstoßende Verhaltensweise wären z.B.:
Lügen über Klienten zu verbreiten
stark „verinselt“ zu arbeiten
keinen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu suchen
zu viele Nähe zulassen (physisch oder digital)
sich Sportpsychologe zu nennen, obwohl man keine Berechtigung dazu hat bzw. nicht über die Qualifikation verfügt
Sportler in ihrer Leistungsfähigkeit von sich abhängig zu machen, um finanziellen Profit daraus zu schlagen
Verletzungen der Schweigepflicht aus persönlichen Motiven
unkollegiales Verhalten (Klienten abwerben, Kompetenz von Kollegen gegenüber Klienten anzweifeln).
Zu nicht eindeutigen, aber problematischen Verhaltensweisen gehören z.B.
Aussagen von betreuten Sportlern/innen für die eigene Werbung nutzen oder die Zugehörigkeit zu einer Institution (z.B. Olympiastützpunkt) für die Akquise privater Klienten nutzen.
Daten eines Sportlers mit einem Trainer teilen, ohne die Erlaubnis des Sportlers eingeholt zu haben bis hin zum Melden von Daten eines Sportlers, wenn er/sie ein Dopingvergehen in einem vertraulichen Gespräch zugegeben hat.
Das Arbeiten mit einem Klienten an Problemen, für die man nicht ausgebildet ist (Stichwort: Klinische Psychologie).
Die Anwendung von Interventionen und Methoden, für die keine oder widersprüchliche empirische Wirksamkeit nachgewiesen ist.
Das Arbeiten, ohne vorher zu klären, wer der Auftraggeber ist (Trainer? Verein? Manager? Sportler?).
Keine detaillierten Fallbeschreibungen oder regelmäßige Dokumentationen der eigenen Arbeit zu führen. Oder eben auch ohne Supervision bzw. Intervision zu arbeiten.
Andere Kollegen auf ihr unethisches Verhalten anzusprechen.
Als Orientierungshilfen gelten die Berufsethischen Richtlinien der drei Organisationen, die für Sportpsychologen/-innen in Frage kommen.
Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp)
Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs)
Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und Bund Deutscher Psychologen (bdp)
Das wären zum einen die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie – hier speziell das „asp-Statement III“ (www.asp-sportpsychologie.org). Dies betont folgende Aspekte:
Daneben existieren die Richtlinien der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) (www.dvs-sportwissenschaft.de). Dies fokussieren auf die Aspekte:
Und es gibt hierzu auch noch die Ethischen Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und des Bundes Deutscher Psychologen (bdp):
Grundsatz der Sachlichkeit, Grundsatz der Transparenz, Grundsatz der Fürsorgepflicht und Grundsatz der Kollegialität und Loyalität
Loyalität gegenüber dem Berufsstand – kollegiales Verhalten gegenüber Berufskollegen/innen, Angehörigen anderer Berufe sowie Mitarbeiter/innen, Schweigepflicht, Erhebung und Speicherung von Daten – Anforderungen an Gutachten und Untersuchungsberichte, Werbung und Auftreten in der Öffentlichkeit, Ausübung des Berufs in eigener Praxis, Pflicht zur Weiterbildung sowie zu Supervision.
Bedeutung für die Praxis
Praktisch bedeutet dies, dass Sportpsychologinnen und Sportpsychologen in ihrer Tätigkeit immer ihre eigenen Fähigkeiten und Grenzen kennen sollten, ihre Betreuung und Beratung von Klienten verantwortlich durchführen und vertreten, ihre Arbeit gewissenhaft und immer auf der Basis neuester, wissenschaftlicher Erkenntnisse ihres Berufsfeldes durchführen (und dies impliziert natürlich die eigene Fort- und Weiterbildung). Sportpsychologinnen und Sportpsychologen sind in ihrer Arbeit immer aufrichtig und ehrlich gegenüber ihren Klienten und Auftraggebern und verhalten sich ihnen gegenüber auch loyal. Das Auftreten in Öffentlichkeit ist sachlich und Eigenwerbung mit Versprechungen und Ergebnissen ihrer Arbeit, die unrealistisch sind, ist unredlich. Sportpsychologen reden nicht schlecht über Kolleginnen und Kollegen sowie auch nicht über deren Arbeit. Ganz im Gegenteil hierzu schützen sie sich selbst vor möglichen falschen Entscheidungen sowie zugunsten ihrer eigenen Psychohygiene, in dem sie Super- und Intervisionsangebote wahrnehmen. Darüber hinaus dokumentieren sie selbstverständlich ihre Arbeit systematisch und speichern diese Daten möglichst sicher. Damit zeigen sie Transparenz und Nachvollziehbarkeit ihres eigenen, beruflichen Handelns.
Unter Berücksichtigung der o.g. berufsethischen Richtlinien und ganz praktisch bedeutet das meines Erachtens für den Fall „Rassismusvorwurf bei Bayern München“ und in diesem Zusammenhang die Anweisung des Clubs and den Sportpsychologen, Daten zu sammeln und zu melden, dass zum einen die Verantwortlichen des Vereins den Sportpsychologen des NLZ in ein für ihn oder sie kaum auflösbares Dilemma gebracht haben. Denn wenn er (oder) sie sich geweigert hätte, hätte dies wahrscheinlich seiner Karriere bei dem Club geschadet. Beugt er sich dieser Anweisung, verstößt er gegen die Leitlinien eigenverantwortliches Verhalten (ist das denn die Aufgabe eigenverantwortliche Aufgabe eines Sportpsychologen?), loyales Verhalten (je nachdem, wer der Auftraggeber ist) sowie kollegiales Verhalten (denn der Trainer ist in diesem Zusammenhang ja auch ein Kollege im Staff).
Gewohnte Dilemmata
In solchen Dilemmata stecken wir Sportpsychologen und Sportpsychologinnen recht häufig. Womit hängt das zusammen? Zum einen mit der Tatsache, dass viele von uns nicht selbstständig sind und damit auch nicht selbst entscheiden, welchen Auftrag wir annehmen und welchen nicht. In einer Anstellung bei einem Fußballverein zum Beispiel ist dieser Verein mein Auftraggeber (und nicht unbedingt der Spieler – Sie erinnern sich an den Punkt „Loyales Verhalten“?). Oder wir sind selbstständig – stehen aber unter „Existenzdruck“, um genügend Honorare einzuspielen, damit wir leben können und nehmen somit „jeden Auftrag an, unter welchen Bedingungen auch immer“.
Beide Szenarien sind keine Grundlagen für gutes und berufsethisches Handeln in unserem Beruf. Da nimmt man es auch schon mal hin, wenn das Büro des Sportpsychologen genau neben dem Büro des Chef-Trainers ist und eine „Open-Door-Policy“ herrscht.
Fazit
Berufsethisches Handeln in der Sportpsychologie ist alles andere als trivial. Der Fall „Bayern München und Rassismus sowie die Rolle des Sportpsychologen in diesem Zusammenhang“ ist dabei nur ein Szenario von vielen, die ich in den vielen Jahren meiner Praxis kennengelernt habe und es kommen jährlich weitere dazu. Im unten genannten, sehr empfehlenswerten Artikel von Lobinger et al. (in Druck) finden sich eine Reihe verschiedener Methoden und Tools zu Qualitätssicherung für die eigene Arbeit sowie Hinweise zur Selbstreflexion als Sportpsychologin bzw. Sportpsychologen. Auf den Webseiten der Berufsverbände stehen weitere Informationen für ihre Mitglieder zu diesem Thema zur Verfügung.
Für Trainer, Sportverbände und weitere Personen, die einem Betreuungsverhältnis zu Leistungssportlerinnen und -sportlern stehen (also z.B. Manager, Spielervermittler oder -berater, Physiotherapeuten, Ärzte, Trainer, sonstige Betreuer, die immer mal wieder Ansprechpartner für solch sensible Informationen und Anliegen sind) müssen wir mehr Transparenz, Wissenstransfer und Vernetzung herstellen. Nur so gelingt es, notwendige Wissenslücken zu schließen und somit eben auch zukünftiges Verhalten zu verändern.
Aktuelle Studienergebnisse
Um abschließend noch ein paar wenige Ergebnisse der Befragung von Lobinger et al. (in Druck) zu erwähnen: Insgesamt nahmen 85 Personen an dieser Befragungsstudie teil, von denen 42 auf der BISp/DOSB Expertendatenbank gelistet sind. Alle anderen waren nicht weiter zertifiziert. Lediglich 11 Personen der befragten hatten einen ausschließlichen sportwissenschaftlichen, akademischen Hintergrund. Die Kolleginnen und Kollegen, die in der sportpsychologischen Praxis arbeiten sind sich der Problematik durchaus bewusst und fühlen sich gut informiert. Teilweise besteht jedoch auch Dissens zu den o.g. Themen von ethisch-problematischem Verhalten (z.B. das Zusammenarbeiten mit einem Athleten der andere Wertvorstellungen teilt oder das Melden von Dopingverhalten oder aber das Melden von sexualisierter Gewalt an Behörden oder wenn man gleichzeitig als Universitätsdozent mit einem studentischen Athleten arbeitet). Konsens besteht darin, dass Daten eines Athleten (ohne dessen Erlaubnis) nicht mit dem Trainer geteilt werden sollten oder dass z.B. romantische Beziehungen mit einem Klienten angefangen werden sollten, ehe die professionelle Beziehung beendet ist. Als ethisch vertretbar wird die Nutzung von digitalen Medien in der Beratungs- und Betreuungssituation eingeschätzt oder auch die Thematisierung religiöser oder spiritueller Überzeugungen.
Wir haben es in Deutschland noch mit einem recht jungen Berufsfeld zu tun. Dieses Berufsfeld professionell weiter zu entwickeln, ist eine unserer zentralen Aufgaben, wenn wir im Spannungsfeld von Psychologie und Leistungssport wirklich ernst genommen werden wollen.
Hermann, H.D. (2019). Sportpsychologische Ethik: Pflichte – Werte – Grenzen. In K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.), Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport (S. 59-71). Göttingen. Hogrefe.
Lobinger, B.H., Neumann, G. & Mayer, J. (2019). Etablierung der Angewandten Sportpsychologie im Leistungssport. In K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.), Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport (S. 30-45). Göttingen. Hogrefe.
Lobinger, B.H, Reinhard, M.L: & Querfurth, S. (in Druck). Berufsethische Leitlinien, Überzeugungen und Verhaltensweisen in der Angewandten Sportpsychologie. Zeitschrift für Sportpsychologie.Staufenbiel, K., Liesenfeld, M. & Lobinger, B. (2019). Konzeptionelles Rahmenmodell der Angewandten Sportpsychologie. In K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.), Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport (S. 15-29). Göttingen. Hogrefe.
Die deutsche Sportwelt ist erschüttert (oder auch nicht)! Mich jedenfalls schreckte die ARD Sportschau-Redaktion mit einer Nachricht auf, die angeblich besagt, dass im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Bayern München rassistische Tendenzen zu beobachten sind. Die Führung des Vereins bestätigt im Grundsatz den im Online-Beitrag postulierten Sachverhalt und spricht von einer „weitergehenden internen Untersuchung“, welche sich bis jetzt jedoch nur als „Privat-Fehde“ einzelner Eltern gegen einen Trainer herausstellt. Wer sich hier für vorläufige Details interessiert, sei vorab dieser Link empfohlen. Mir geht es hier im Text um die Lage, in die im konkreten Fall die Sportpsychologie gebracht wird.
Zum Thema: Sportpsychologie im Leistungssport – Dissonanzen auf Basis von Unwissen?
Man kann ja dazu stehen wie man will – und ich gehe jetzt auch gar nicht weiter auf den Wahrheitsgehalt oder die Vorwürfe ein. Ich habe erst einmal „nur“ die „Sportpsychologie-Brille“ auf. Und da fällt mir in dem Beitrag folgende Stelle auf:
„Die in den anonymen Briefen erhobenen Vorwürfe haben sich nicht bestätigt“, teilt der FC Bayern mit. So seien alle Spieler über den Sportpsychologen des Campuses turnusmäßig gebeten worden, ihren Trainern anonym ein Zeugnis auszustellen.
Zeugnis für den Trainer
Diese Aussage muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der Sportpsychologe soll – natürlich anonym – mit Hilfe der Aussagen der Spieler ihren Trainern anonym ein Zeugnis ausstellen!
Und wieder einmal habe ich – beim Reflektieren dieser Aussage – die Erkenntnis, dass
1.) professionelle Fußballvereine nicht wirklich wissen, was die Aufgaben eines Sportpsychologen sind,
2.) sich nicht um berufsethische Richtlinien unseres Berufsstandes kümmern und
3.) die Sportpsychologie offensichtlich gerne als letzte Möglichkeit nutzen, um aus einem kurzfristig und aktuell sehr sensiblen und nicht-lösbaren Problem, argumentativ herauszukommen.
Große Dissonanzen?
Leistungssport trifft auf Psychologie! Eine immer häufiger auftretende Dissonanz, dessen Auflösung sich nicht leicht bewerkstelligen lässt! Ich persönlich würde sehr gerne mit den Leserinnen und Lesern dieses Blog-Beitrags dazu ins Gespräch kommen.
Hast du schon mal gegen einen unfairen Spieler verloren? Nicht, weil der Gegner einfach besser war, sondern weil du dich so sehr über die fiesen Tricks des anderen aufgeregt hast? Ich selbst habe als junger Tischtennisspieler eine besondere Erfahrung gemacht, die mich ganz anders geprägt hat als es sich mein damaliger Trainer wohl vorgestellt haben dürfte.
Zum Thema: Die mentale Hornhaut gegen unfaire Gegner trainieren
Meine ersten Erfahrungen im Wettkampfsport habe ich parallel zum obligatorischen Fußball im Tischtennis gesammelt. Früh durfte ich mit 16 Jahren bei den Herren antreten und es gab deutlich mehr zu lernen als das reine Spiel. Im Training bei meinem, mit allen Wassern gewaschenen, Trainer Günther habe ich dreimal in der Woche an Technik und Taktik gearbeitet. Eines Tages war es dann soweit und ich bekam eine Lektion, die ich bis heute im Kopf behalten habe: Ich sollte üben, den Ball unauffällig nass zu machen und dann zwar mit der üblichen Aufschlagbewegung, allerdings extra etwas zu lang aufzuschlagen. Man muss wissen: Beim Tischtennis versucht man üblicherweise, kurz aufzuschlagen, so dass der Gegner nicht direkt in die Offensive gehen kann. Ein unabsichtlich zu lang geratener Aufschlag ist eine Einladung für den Gegner, mit einem Topspin die Initiative zu übernehmen und das Spielgeschehen zu diktieren. Mit einem nassen Ball funktioniert ein Topspin dann allerdings leider gar nicht.
Bis zum nächsten Meisterschaftsspiel hatte ich die Trainingseinheit eigentlich schon wieder vergessen und hielt die Episode für eine reine Spielerei. Als mich Günther dann später aber für das zweite Einzel vorbereitete, fragte er, ob ich mich noch an die Übung vom letzten Training erinnern könne? Ich konnte und erhielt die Instruktion, die geübte Aktion auf sein Zeichen hin durchzuführen. Für moralische Überlegungen war ich zu perplex und Zeit hatte ich auch keine mehr. Das Spiel begann und es ging lange ausgeglichen hin und her. Beim Stand von 19-19 im dritten und entscheidenden Satz (ja, das ist schon eine Weile her) erhielt ich das vereinbarte Signal meines Trainers. Ohne nachzudenken drehte ich mich von meinem Gegner weg und feuchtete den Ball unbemerkt ordentlich an. Dann schlug ich auf. Der Ball trudelte lang und harmlos auf die andere Plattenhälfte, mein Gegner sah seine Chance gekommen und zog mit schnellem Arm einen Vorhandtopspin an. Normalerweise hätte er mich damit sofort in der Defensive gehabt, aber durch den nassen Ball konnte er keinen Spin auf den Ball übertragen und der Ball fiel direkt vor ihm auf die Platte. Punkt für mich.
Mein verdutzter und nun auch etwas verunsicherter Gegner hat mir auch den nächsten Punkt mit einem leichten Fehler fast kampflos überlassen und das Spiel war vorbei. Wir hatten auch als Mannschaft gewonnen und die Mannschaftskollegen klopften mir besonders anerkennend auf die Schulter. Alle freuten sich, nur ich hatte ein schales Gefühl, weil sich dieser Sieg alles andere als richtig anfühlte.
Was ich gelernt habe: es funktioniert. Was ich damals für mich entschieden habe: so möchte ich nicht gewinnen. Was sich später herausstellte: gut, dass ich kennengelernt habe, was mir auch selbst passieren kann.
Das unfaire Spiel
Wenige Monate später bestritt ich ein Turnier. Früh spielte ich gegen einen erfahrenen Spieler und das Match wurde knapp. Und was machte mein Gegner „aus Versehen“, als es eng wurde? Er schlug mit einem nassen Ball zu lang in meine Vorhand auf. Ohne Günthers Lektion hätte ich nun den Topspin versucht und hätte mindestens den einen Punkt verloren. Vielleicht sogar verunsichert oder verärgert noch einen weiteren. Stattdessen gab ich den nassen Ball einfach ganz ohne Schnitt zurück. Mein verdutzter Gegner spielte auch nur zurück und tat dann so, als ob er gerade eben erst bemerkt hatte, dass der Ball nass sei. Wir wiederholten den Punkt und ich konnte das Spiel irgendwie gewinnen.
Seitdem gilt meine Aufmerksamkeit als Sportler, später auch als Trainer und heute als Sportpsychologe auch dem unfairen Spiel. Es gibt viele Beispiele für unfaires Spiel. Im Tennis und im Beachvolleyball spielt man weitgehend ohne Schiedsrichter auf dem Platz und die Spieler entscheiden selbst. Beim Tennis gilt dann die Regel, dass jeder auf seiner Seite entscheidet. Ein oder zwei bewusst falsche Entscheidungen bei knappen Bällen zu eigenen Gunsten beim richtigen Spielstand haben schon einige Spieler zur Verzweiflung gebracht. Es fängt aber schon beim Einspielen an. Es gibt Gegner, die versuchen erst gar keinen Schlagrhythmus aufkommen zu lassen. Anstatt sich gegenseitig und partnerschaftlich auf ein gutes Spiel vorzubereiten gibt es Spieler, die nur krumme Bälle spielen, die nicht zuspielen, sondern lieber den Gegner abschießen, wenn dieser am Netzt zum Volley steht. Auch während des Spiels gibt es einige Möglichkeiten: Man beobachtet den Rhythmus des Gegners und stört den dann ganz bewusst, indem man sich zum Beispiel immer wieder wegdreht, wenn der gerade bereit ist, aufzuschlagen.
Die mentale Hornhaut
Viele Spieler, die mit solchen oder ähnlichen Machenschaften konfrontiert werden, verlieren die Lust am Spiel. „So ein Spinner. Das macht doch keinen Spaß mehr. Dafür bin ich nicht aufgestanden.“ Und genau dann hat der unfaire Spieler sein Ziel erreicht. Wir ärgern uns über diese Mätzchen und sind nicht mehr bei unserem eigenen Spiel. Mancher ärgert sich dann auch noch darüber, dass er sich ärgert und es wird noch schlimmer. Meine Empfehlung ist es, an der mentalen Hornhaut zu arbeiten. Das Ziel ist es, unempfindlich zu werden.
Wie wäre es, wenn es gelingt, die unfairen Praktiken als Anerkennung umzudeuten? „Ach guck, der glaubt offenbar, dass er das gegen mich nötig hat“. Oder wie wäre ein Gedanke nach dem Motto: „Jetzt erst recht. Das soll nicht belohnt werden“. Eine Extraportion Motivation statt Frustration. Für den sportlichen Erfolg und die Matchbilanz ist es hilfreich, aufmerksam zu sein, für mögliche unfaire Tricks der Gegenseite. Es geht darum, diese zu erkennen und vielleicht sogar zum eigenen Vorteil zu wandeln. Dafür gibt es mentale Strategien.
Stichwort Fairness
Fairness ist ein hohes Gut. Nicht nur im Sport. Und genau deshalb darf ich mich auch auf unfaire Gegner vorbereiten. Ich jedenfalls möchte unfaire Gegner nicht einfach so davonkommen lassen.
Teambuilding-Maßnahmen zur Stärkung des Mannschaftsgeistes? Nicht nur im Fußball haben sich gemeinsame Ausflüge zum Rafting, Laser Tag oder Floßbau bis in die unteren Spielklassen verbreitet. Solchen gemeinsamen Aktivitäten wird mittlerweile ein großer Zauber zugesprochen, obwohl sie meist nur einmalig in der Sommerpause stattfinden. Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich mich mit zentralen Fragen zum Thema Teambuilding beschäftigt: Mit welchen Interventionen lässt sich der Mannschaftszusammenhalt positiv beeinflussen? Reicht dazu eine eintägige Veranstaltung außerhalb der Trainingsstätte? Eine weiterführende Studie steht im zweiten Halbjahr 2020 vor der Veröffentlichung, erste Erkenntnisse veröffentlichen wir schon hier.
Zum Thema: Gruppen- bzw. Mannschaftskohäsion im Sport
Vorab ein bisschen Grundwissen: Der umgangssprachlich im Sport und in den Medien benutzte Begriff “Mannschaftsgeist”meint die Gruppen- bzw. Mannschaftskohäsion. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Konstrukt, dem Teamsportler, vor allem zu Saisonbeginn, besonders hinterher eifern?
Der Begriff Kohäsion stammt vom Lateinischen “cohaerere” und kann mit den Worten miteinander “verbunden sein” oder “zusammenhängen” übersetzt werden. Die Gruppenkohäsion wird allgemein als eine Eigenschaft für ein funktionierendes Gruppengefüge betrachtet (Stoll, Pfeffer, & Alfermann, 2010). Lau (2005) definiert den Kohäsionsbegriff als ein Gruppenmerkmal, das die subjektive Einschätzung der Gruppenmitglieder bezüglich ihrer empfundenen Geschlossenheit darstellt. Vereinfacht gesagt: Gruppen – bzw. Mannschaftskohäsion stellt denZusammenhalt der Gruppe/Mannschaft dar.
Aufgabenbezogene und die sozialbezogene Kohäsion
Bei genauerer Betrachtung lässt sich die Gruppenkohäsion (u.a. West, 1994; Lau & Stoll, 2002, Schliermann & Hülß, 2016) untergliedern. Wir unterscheiden die aufgabenbezogeneund die sozialbezogene Kohäsion. Letztere ist durch eine große Sympathie unter den einzelnen Gruppenmitgliedern sowie gemeinsame Erlebnisse und emotionale Bindungen gekennzeichnet (Carron, 1982). Trainer können die Ausprägung unter anderem daran festmachen, ob es in der Gruppe Freundschaften gibt und gemeinsame außersportliche Aktivitäten unternommen werden (Schliermann & Hülß, 2016).
Die aufgabenbezogene Kohäsion beschreibt den Zusammenhalt in Bezug auf das Erreichen eines gemeinsamen Ziels. Eine hohe Anstrengungsbereitschaft der Gruppenmitglieder zugunsten eines Gruppenziels stellt ein Merkmal einer hohen Aufgabenkohäsion dar (Carron, 1982). Zudem wird eine ausgeprägte aufgabenorientierte Kohäsion dadurch deutlich, dass sich die Mitglieder dem Gruppenziel unterordnen und individuelle Bedürfnisse hinten anstellen (Schliermann & Hülß, 2016). Gerade dieser Aspekt der Gruppenkohäsion wird in den berühmten Teambuilding-Maßnahmen aber oft vernachlässigt.
Können die Sozial- und Aufgabenkohäsion positiv beeinflusst werden?
Die aktuelle Arbeit der Forschungsgruppe Stoll, Lau und Lenz untersucht, ob sich eine sportpsychologische Teambuilding-Maßnahme positiv auf die Wahrnehmung des Mannschaftszusammenhaltes auswirkt. Dabei werden nicht nur kurzfristige, sondern auch langfristige Effekte einer Teambuilding-Intervention erhoben.
Die bereits vorliegenden Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Teambuilding-Maßnahme der Studie kurzfristig positive Effekte auf die Sozial- und Aufgabenkohäsion hat. Langzeiteffekte konnte die Maßnahme jedoch nicht erzeugen. Alles in allem scheint auf Basis dieser Daten eine langfristige und kontinuierliche sportpsychologische Betreuung notwendig zu sein, um die positiven Effekte einer Teambuilding-Maßnahme hinsichtlich der Mannschaftskohäsion auch im Saisonverlauf aufrechterhalten zu können. Die Gesamtergebnisse der Studie werden noch in diesem Jahr veröffentlicht.
Feedback
Wenn Sie als Trainer ihre geplanten Teambuildingmaßnahmen einschätzen oder auch begleiten lassen wollen, nehmen Sie gern Kontakt auf. Meine Kollegen und Kolleginnen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Anne Lenz) helfen Ihnen gern.
Carron, A. V. (1982). Cohesiveness in sport groups: Interpretations and considerations. Journal of Sport Psychology, 4, 123-138.
Focus Online (2019, 04. Juni). Nationalmannschaft: Teambuilding auf dem Wasser. Zugriff unter https://www.focus.de/sport/fussball/fussball-nationalmannschaftnationalmannschaft-teambuilding-auf-dem-wasser_id_10791036.html
Lau, A. & Stoll, O. (2002). Validität und Reliabilität des Fragebogens zur Mannschaftskohäsion von Spielsportmannschaften (MAKO-02). In E. Van der Meer, H. B. Hagendorf, F. Krüger, A. Nuthmann, & S. Schulz, 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin, 2002 (S. 374). Lengerich: Papst Science Publisher.
Lau, A. (2005). Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift, Institut für Sportwissenschaften: Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg.
Schliermann, R. & Hülß, H. (2016). Mentaltraining im Fußball – Ein Handbuch für Trainer, Übungsleiter und Sportlehrer. Hamburg: Feldhaus Verlag.
Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.
West, M. A. (1994). Effective teamwork. BPC Wheatons Ltd.: Exeter.
Mein erstes Buch „Abseits Aus der Sicht einer Tochter“ stellt nicht nur ein Herzensprojekt, sondern auch eine wichtige Aufarbeitung für mich persönlich dar.
In dem im Seifert Verlag herausgebrachten Werk geht es um meinen persönlichen Umgang mit der Demenzerkrankung meines Papas. Es geht jedoch auch um Fragen, die sich eine immer schneller werdende Gesellschaft zu eben jenem Umgang stellen sollte. Ich bin gespannt wie das Buch gefällt und freue mich auf Rückmeldungen und Reaktionen. Vor allem hoffe ich aber, Menschen zu erreichen, die selbst in irgendeiner Form betroffen sind und denen ich mit meiner Sicht auf die Erkrankung Demenz auch ihren Umgang damit erleichtern kann.
Preis
Buch „Abseits – Aus der Sicht einer Tochter“, Hardcover
Das Thema Ernährung spielt für immer mehr Fußballer eine zentrale Rolle zur Gesunderhaltung und Leistungsoptimierung. Dies zeigt ein aktuelles Beispiel: Der frühere Fußballprofi Kevin Pannewitz ist im vergangenen Jahr von seinem Klub FC Carl Zeiss Jena entlassen worden. Einer der Vorwürfe: er wiege zu viel. Dieses Thema begleitet den Sportler, der sein fußballerisches Talent bislang nie dauerhaft nutzen konnte, seit Jahren. Früher trainierte er unter Felix Magath für den Sprung in die Bundesliga, heute kickt der 28-jährige beim Berliner Kreisligisten FC Amed. Nun will er zurück in die 3. Liga. Wie kann die Sportpsychologie helfen, damit man sein Körpergewicht nachhaltig reduzieren kann?
Zum Thema: Ernährungsumstellung im Leistungssport Fußball
Der Gewichtsabnahmeprozess ist eine komplexe Angelegenheit. Einerseits muss der Leistungskicker sein Gewicht reduzieren, auf seine Gesundheit und seine Ernährung achten und andererseits muss er einen erfolgreichen Saisonverlauf nachweisen, um gesehen zu werden. Vor allem dann, wenn das Körpergewicht vom persönlichen Erfolg abhängt, liegt eine besonders schwere Last auf den Schultern des Fußballers. Ein wissenschaftliches und erprobtes Programm in der Praxis kann helfen – das Motivations-Volitions-Konzept (MoVo). Dieses geht von der Erkenntnis aus, dass es vielen Menschen schwerfällt, das, was sie sich vorgenommen haben, in die Tat umzusetzen. Auch dann, wenn sie hoch motiviert sind, gelingt es ihnen oft nicht, die entsprechenden Handlungen folgen zu lassen. Was diesen Personen fehlt, sind nicht Slogans wie „Schlank in vier Wochen“ oder „Du musst nur daran glauben“, sondern konkrete Unterstützung bei der volitionalen Umsetzung ihrer Absichten. Dabei setzt sich dieses Konzept aus zwei Teilen zusammen: Dem Prozessmodell als dem theoretischen Rahmen der Lebensstiländerung sowie die damit verbundene Praxis. Das Zusammenspiel dieser Faktoren ist in der folgenden Abbildung 1 dargestellt.
Abb. 1.: MoVo-Prozessmodell (Fuchs, 2013a)
Das MoVo-Prozessmodell erklärt, dass der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Verhaltensänderung im Wesentlichen von fünf psychologischen Faktoren abhängig ist (Fuchs et al., 2017):
Vorliegen einer starken Zielintention
Hohe Selbstkonkordanz
Realistische Handlungspläne
Wirksame Strategien des Barrierenmanagements
Positive Konsequenzerfahrungen mit dem neuen Verhalten
Verhaltensänderung
Ausgangspunkt ist die Motivation zur Änderung eines spezifischen Verhaltens (z.B. Ernährungsumstellung), die eine Zielintention voraussetzt. Sie ist das Ergebnis motivationaler Prozesse des Abwägens und Auswählens. Dies hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: Von den erwarteten Vor- und Nachteilen des fraglichen Verhaltens und von den spezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen.
Beispielsweise sind Fußballer eher bei der Umstellung der Ernährung motiviert, wenn sie sich davon mehr Vor- als Nachteile erwarten und wenn sie davon überzeugt sind, die betreffenden Verhaltensweisen auch erfolgreich ausführen zu können. Stichwort: „Selbstwirksamkeit“. Für dieses Ziel ist aber nicht nur die Absicht wichtig, sondern auch eine hohe Selbstkonkordanz. Die spiegelt das Ausmaß wider, in dem eine Zielintention (Fuchs et al., 2017) mit den persönlichen Interessen und Werten des Fußballers übereinstimmt.
Vom Ziel zur Handlung
Damit aus einer konkreten Zielstellung aktives Tun wird, bedarf es einer konkreten Handlungsplanung. Dabei legt der Fußballer fest, wann, wo und wie er die beabsichtigte Handlung startet bzw. fortführen möchte. Durch das Konkretisieren der beabsichtigten Änderung wird die Handlungsinitiierung und Umsetzung unterstützt. Trotz aller Sorgfalt, können Veränderungen durch innere oder äußere Widrigkeiten ins Wanken geraten. In solchen Situationen steht der Fußballer vor der Aufgabe, die geplante Handlung gegenüber konkurrierenden Optionen zu widerstehen (bspw. ungewünschte Verhaltensweisen). Gefragt ist dann ein kreatives Barrierenmanagement, bei den volitionalen Strategien zum Einsatz kommen, wie z.B. die Aufmerksamkeits- und Motivationskontrolle.
Für die wiederholte Ausführung der geplanten Handlung sind Festigungsprozesse wirksam. Diese führen dazu, dass einzelne Verhaltensweisen, persönliche Erfahrungen und deren Auswirkungen ihren Fußabtritt hinterlassen. Die Herausbildung der anfänglichen Zielintention ist jetzt der Maßstab zur Beurteilung der gemachten tatsächlichen Erfahrungen mit dem neuen Verhalten. Mehr zum Motivationskonzept siehe unten im Quellenverweis.
Fazit
Auf der Grundlage des oben genannten Prozessmodells sind in den vergangenen Jahren verschiedene MoVo-Interventionsprogramme für unterschiedliche Zielgruppen und Settings entwickelt, in der Praxis erprobt und wissenschaftlich evaluiert worden. Es handelt sich um Interventionen, bei denen es nicht nur um den Aufbau einer starken Motivation zur Verhaltensänderung, sondern auch um den Erwerb volitionaler Umsetzungskompetenzen geht.
Des Weiteren bestätigen aktuelle Forschungsergebnisse die zukunftsweisende Rolle des Blended Care-Ansatzes, in dem face-to-face-Interventionen und digitale Interventionen miteinander verbunden werden (van der Weegen et al., 2015; Kloek et al., 2017). Für alle diejenigen, die dazu mehr wissen wollen: Nehmen Sie Kontakt auf! Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. René Paasch) sind gern bereit, Ihnen zu helfen.
Fuchs, R., Seelig, H., Göhner, W., Schlatterer, M. & Ntoumanis, N. (2017): The two sides of goal intentions: Intention self-concordance and intention strength as predictors of physical activity. Psychology & Health, 32, 110-126. DOI: 10.1080/08870446.2016.1247840
Kloek, C., Bossen, D., De Bakker, D. H., Veenhof, C., & Dekker, J. (2017): Blended interventions to change behavior in patients with chronic somatic disorders: systematic review. Journal of Medical Internet Research, 19, e418.
Sheeran, P., Milne, S., Webb, T., & Gollwitzer, P. (2005):Implementation intentions and health behaviours. In M. Conner & P. Norman (Eds.), Predicting health behaviour (2nd edition, pp. 276-323). Buckingham, UK: Open University Press.
van der Weegen, S., Verwey, R., Spreeuwenberg, M., Tange, H., van der Weijden, T., & de Witte, L. (2015): It’s LiFe! Mobile and web-based monitoring and feedback tool embedded in primary care increases physical activity: a cluster randomized controlled trial. Journal of Medical Internet Research, 17, e184.
In den vergangenen Jahren habe ich mit vielen Sportlern, aber auch mit einigen Trainern zusammengearbeitet. Ob Trainer im Fußball, im Tennis, im Volleyball oder im Hockey: Es gibt einige Themen, die eine Reflektion aus psychologischer Perspektive lohnenswert machen. Wie gestalte ich motivierende Trainingsformen? Wie trainiere ich psychologische Komponenten der sportlichen Leistungsfähigkeit? Wie kommuniziere ich zielgerichtet mit meinen Sportlern, zum Beispiel in Auszeiten unter Beachtung der beschränkten Aufnahmekapazität? Auch Ideen zum Teambuilding wurden auf dieser Seite schon besprochen. Zu oft kommen Trainer aber zu kurz!
Zum Thema: Ressourcen für den Trainer (Teil 1)
Um die Spieler kümmert man sich von allen Seiten. Über das Training hinaus gibt es die medizinische, die physiotherapeutische, die ernährungswissenschaftliche Betreuung. Und hoffentlich auch eine sportpsychologische Begleitung. Wer oft auf sich allein gestellt bleibt, ist der Trainer.
Der Beruf des Trainers ist komplex und stellt hohe Anforderungen an ein gutes Selbstmanagement und die eigene Stresskompetenz. Wie für jeden anderen Arbeitnehmer auch, geht es darum, die Energie und Begeisterung für den eigenen Beruf zu erhalten und auch langfristig gesund zu bleiben.
Clevere Pausen
Aus meiner Erfahrung habe ich vier Aspekte aus den drei Bereichen Abgrenzung, Ausgleich und Tagesabschluss ausgewählt, um ganz konkrete Tipps zu geben. Also, steigen wir ein:
Was Arbeit ist und was Freizeit, das ist nicht immer klar zu unterscheiden. Beispiel eins: Zum Beruf des Tennistrainers in einem Club gehört neben der Arbeit auf dem Platz natürlich auch viel Organisation und Abstimmung, zum Beispiel mit den Eltern der Spieler. Das ist das eine Mal schnell zwischen Tür und Angel erledigt, ein anderes Mal aber auch nicht und vielleicht gibt es im Einzelfall sogar intensiveren Diskussionsbedarf. Nun wissen wir aus der psychologischen Erholungsforschung, wie wichtig Pausen und Regeneration sind. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck hat einmal bemerkt: „Die Kunst der Pause ist ein Teil der Kunst der Arbeit.“ Wenn nun der Trainer einmal seinen Trainingsplatz verlässt, dann kann er die Zeit oft nicht für die benötigte Regeneration nutzen, sondern wird sofort in Beschlag genommen. Wenn er sich nicht bewusst abgrenzt, besteht die Gefahr, sofort mit Fragen und Organisationsaufgaben bombardiert zu werden. Die erste Empfehlung lautet also, sich einen geschützten Ort zu organisieren, der allen anderen deutlich macht, dass man hier nicht ansprechbar ist. Wenn das klar kommuniziert wird, dann wird das auch akzeptiert werden. Voraussetzung ist natürlich, dann auch Möglichkeiten und Zeiten anzubieten, wo man bewusst ansprechbar ist. Denn das gehört ja schließlich neben den bezahlten Stunden auf dem Platz auch zum Job.
Die zweite Empfehlung ist, eine zweite Mobilnummer zu nutzen, die der Kommunikation mit den „Kunden“ vorbehalten ist. Auch das gehört zur Abgrenzung. Wie schnell hat man am Feierabend noch in die E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten geguckt, um festzustellen, dass irgendwelche Termine verschoben werden müssen, oder dass noch irgendwas zu tun ist. Irgendwer will noch irgendwas von einem. Aber Feierabend ist Feierabend und sollte das auch bleiben. Eine für die berufliche Kommunikation reservierte Nummer, die man irgendwann auch einfach ausschalten kann, verhindert, dass die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit noch mehr verwischen, als das ohnehin oft der Fall ist. Und die Erfahrung lehrt, dass allein der Gedanke an to-do´s dafür sorgen kann, dass die Erholung nicht so gut verläuft, wie sie es ohne könnte.
Einem Außenstehenden mag es manchmal traumhaft vorkommen, wenn jemand sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Traum erfüllt? Zum Teil sicher ja. Allerdings darf man nicht vergessen, dass nun das Hobby als Ausgleich und regenerative Gegenwelt zum Beruf wegfällt. Der zweite Bereich ist der Ausgleich. Es ist ungemein wichtig, sich ganz bewusst eine alternative Beschäftigung für den Kopf und gerne auch eine alternative Belastung für den Körper zu suchen. Von Top-Trainer Julian Nagelsmann wissen wir, dass er sehr gerne mit dem Mountainbike unterwegs ist. Gerne auch an der eigenen Belastungsgrenze, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, zu viel nachzudenken. Was genau ein Ausgleich sein kann, ist sehr individuell. Wichtig ist es, Empfehlung Nummer drei, sich bewusst damit zu beschäftigen und zu prüfen und auszuprobieren, was gut tut und den Kopf wieder frei macht.
Bewusster Tagesabschluss
Ein Trainer ist immer auch Unternehmer in eigener Sache. Und er hat neben der Arbeit mit den Sportlern oft noch sehr viele weitere Aufgaben. Ein Fußballtrainer muss sich in sehr viele angrenzende Themengebiete einarbeiten. Er muss kein Experte für Ernährung, Sportmedizin, Spiroergometrie oder auch für die Sportpsychologie sein. Gute Grundkenntnisse in vielen Feldern dürfen aber der Anspruch sein. Vor allem, wenn es darum geht, auch externe Angebote bewerten zu können. Kurz: Es gibt immer etwas zu tun und immer etwas zu lernen. Und es ist nie genug. Je wissbegieriger und ehrgeiziger der Trainer ist, desto mehr ist ihm bewusst, was er noch tun könnte.
An dieser Stelle ist die vierte Empfehlung, einen bewussten Tagesabschluss zu gestalten. Es ist typisch menschlich und ein Teil der mentalen Reaktion auf Stress, einen Fokus auf das zu haben, was noch offen und was noch zu tun ist. Das ist gut und sinnvoll, wenn es dazu führt, dass man lose Enden im Kopf behält und nichts Wichtiges vergisst. Allerdings kann dieser mentale Zustand auch zu Unzufriedenheit führen, er kann belasten und er hat das Zeug dazu, sogar den Schlaf zu beeinträchtigen. Wenn der automatische Prozess ist, auf die nicht erledigten Dinge zu blicken, wie wäre es, bewusst auf das zu fokussieren, was man getan und was man erledigt hat? Für viele ist das hilfreich und rückt die Perspektive zurecht. Und mit der verdienten Anerkennung und Zufriedenheit lässt es sich möglicherweise deutlich besser schlafen, so dass der Akku für den nächsten Tag auch wieder gut geladen wird.
Fazit und Angebot
Der Trainer ist eine wichtige Ressource für den sportlichen Erfolg. Niemand hat etwas davon, wenn Trainer sich selbst ausbeuten und auf dem Zahnfleisch laufend das Training anleiten. Wir brauchen Trainer, die sich langfristig mit Freude weiterentwickeln – inhaltlich und persönlich. Erfolg und Gesundheit gehen hier Hand in Hand.
Tipp: Wenn Sie Lust haben, mehr für sich als Trainer zu tun, dann nutzen Sie unsere Expertise. Alle Experten von Die Sportpsychologen bieten Weiterbildungen an, die sich individuell auf Ihre Fragen und Probleme ausrichten. Schauen Sie sich das mal genauer an: https://www.die-sportpsychologen.de/weiterbildung/
Die schlimmen Geschichten über psychischen Missbrauch im Kunstturnen nehmen kein Ende. Dabei ist erst die Spitze des Eisbergs zum Vorschein gekommen, denn alle kompositorischen Sportarten sind besonders gefährdet, da dort schon kleine Kinder in inakzeptable Druck-Situationen gelangen können. Ich bin sehr froh, dass dieses schreckliche Thema öffentlich diskutiert wird.
Zum Thema: Emotionaler Missbrauch im Kinderleistungssport
Immer wieder stellt sich die Frage nach Veränderungsmöglichkeiten. Das ist leider ein komplex verworrenes und in der Regel auch ein verbandspolitisches Thema. Hierzu gibt es nach meinem Empfinden nur eine zweigleisige Strategie, die irgendwann Besserung verspricht. Nämlich bottom up, also von Eltern und Athletinnen gemeinsam!
Als Grundlage und Voraussetzung müsste erstmal das Wettkampfalter für nationale und internationale Wettkämpfe auf 18 Jahre angehoben werden. Darüber hinaus bräuchte es flächendeckende Elterncoachings.
Aus meiner Sicht sollten die Eltern bezüglich folgender Kernaspekte geschult werden:
Aufklärung über momentan herrschende Trainingssituationen
Aufzeigen von Zusammenhängen, was psychischer Missbrauch für gravierende Folgen auf das Leben, die Persönlichkeit und die physische Gesundheit hat
Erläuterungen zu rechtlichen Massnahmen, Rechte und Pflichten aller Beteiligten
Ermunterung, dass sich Eltern zusammen tun und gemeinsam Veränderungen anstreben
Sportpsychologische und therapeutische Unterstützung der Athletinnen mit dem Ziel der Stärkung der Persönlichkeit und Entwicklung des Selbstvertrauens. Um Möglichkeiten zu schaffen, gemeinsam als Athleten und Eltern hinzustehen und widrige Situationen anzusprechen und dagegen zu halten.
Wir von mind2win (zur Seite) und unsere Kolleginnen und Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) stehen für die Rechte der Kinder im Leistungssport ein und bieten Einzel- und Gruppen-Elterncoachings an.