Dr. Rita Regös: Sportliche Großveranstaltungen vor der Absage – Handlungssicherheit in der Unsicherheit

Seit einigen Tagen wird über die Eventualität der Verlegung bzw. der Absage von sportlichen Großveranstaltungen geschrieben. Einige sind bereits abgesagt, einige wurden verlegt oder werden ohne Publikum durchgeführt. All das führt zu Gerüchten und wie immer bei Hörensagen-Infos besteht wenig Bezug zu Realität. In solchen Situationen sind Sportler gut beraten, sich zu sortieren, innerlich auf Eventualitäten vorbereitet zu sein aber vor allem geht es darum, Fakten von Fake zu unterscheiden – in logischer Konsequenz sich an Fakten zu halten.

Zum Thema: Wie sich Sportler auf eine mögliche Absage von Großveranstaltungen vorbereiten können

Wenn ein Athlet sich eine lange Zeit auf einen sportlichen Höhepunkt vorbereitet, geschieht dies unter größter Anstrengung – das könnte Fakt Nummer 1 sein. Entsprechend relevant ist für ihn, ob er sein Ziel erreichen kann oder nicht. Und somit ist die Dramatik für oder gegen die Austragung der Wettkämpfe durchaus für sein subjektives Erleben und Handeln schwerwiegend und nachvollziehbar. Genauso schwerwiegend ist dies für andere Beteiligte im Leistungssport: Die Planung für Trainer, die Reiseformalitäten für den Verband, die Empfehlungen von Veranstaltern, die Pressekommunikation, um nur einige zu nennen. Alle sind ebenso hochgradig von der Unsicherheit betroffen. Manche dieser Verantwortungsträger stehen mit aller Wahrscheinlichkeit unter Zugzwang, zum Beispiel muss der Trainer seine Planung anpassen und einige wohl sogar unter Druck, wenn Entscheidungen trotzdem gefällt werden müssen.

Wie bei allen leistungssportlich relevanten Unsicherheiten und Entscheidungen mit Tragweite wenden sich Sportler an ihre Trainer, Trainer an ihren Verband, der Verband an den internationalen Dachverband und den DOSB bzw. ÖOC, die wiederum halten sich an das IOC. Es gibt Entwicklungen, die sich allerdings nicht mathematisch berechnen lassen und somit nicht vorherzusagen sind. Dementsprechend kann ganz oben in der Informationskette keine sichere Information bezüglich Zukünftigem formuliert werden und entsprechend auch keine Sicherheit nach unten weitergegeben werden. 

Die große Unsicherheit

Somit ist folgender Fakt entscheidend für das Verhalten auf der subjektiven Ebene der Athleten und aller Beteiligten im Sport  – und dieser Fakt ist: Unsicherheit.

In einem professionellen Umfeld geht man mit Fakten nüchtern um. Hier einige Empfehlungen:

  1. Fakten sind nicht zu bewerten. Eine Aussage, „wie die trauen sich nicht, was zu sagen“, schafft in diesem Fall des Empfindens von Unsicherheit weder Linderung, noch trägt es zur Klärung der Tatsachen hinsichtlich der Zukunft bei. Ebenso ist eine Aussage „zum Glück habe ich mich nicht qualifiziert“ eine subjektive Rationalisierungstechnik: Für einem selbst hilft es, den Misserfolg zu relativieren, für andere hingegen klingt es eher …, ist aber definitiv nicht objektiv – geschweige hilfreich.
  2. Jegliche subjektive Meinung, jeder Beisatz und jede Bemerkung, die mit den Fakten gemischt wird, schafft Realität und ist möglicherweise schädlich für das Gruppenempfinden, ganz sicher aber für die weitere sachliche Beschäftigung mit der Thematik. Nebenbei läuft man auch Gefahr, sich lächerlich zu machen oder später für den „lax daher gesagten Satz“ die Verantwortung tragen zu müssen, zumindest medial. Egal welche Position und Funktion man innehat, man sollte sich an die Fakten halten, was aus heutiger Sicht heißt: keiner kann verbindliche Aussagen treffen. Allgemeiner: Expertise kann reden, der Rest könnte schweigen. 
  3. Mit Information und Austausch wirkt man irrationalen Theorien und Ängsten entgegen und signalisiert, Athleten und Mitarbeiter für mündig zu halten. In der heutigen Zeit, wo es eine Fülle von Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, ist die Haltung des Schweigens antiquiert. Auch die Information, – nichts Genaues zu wissen, noch warten oder das aktuell keine Entscheidungen ausstehen – ist eine Information und zwar eine rationale, die Neutralität und Normalität signalisiert.
  4. Panik ist ein Zustand intensiver Angst: Somit ist alleine schon aufgrund der Definition der Begrifflichkeit die Verwendung des Begriffes mehr als übertrieben bei Unsicherheiten dieser Art. Die aktuell viel verwendete Aussage „wir verfallen nicht in Panik“ löst durch die Bedrohlichkeit des Begriffs Angst aus und degradiert nebenbei andere zu irrational panischen Hysterikern. Beides trägt mehr zu Panik und Gerede bei als gewollt. Ein „wir arbeiten weiter und reagieren und informieren, sobald etwas Neues gibt“ – sagt dasselbe, bewirkt allerdings mehr Ruhe.
  5. Nüchtern betrachtet gibt es drei Möglichkeiten: Erstere kann aus Sportlersicht vernachlässigt werden, denn wenn alles wie bis jetzt geplant durchgeführt wird, sind Anpassungen nicht notwendig. Sollten Großveranstaltungen örtlich verschoben werden, ergeben sich logistische Anpassungen. Diejenigen Athleten, die sich seit mehreren Jahren vorbereiten, bewältigen diese problemlos. Das gleiche gilt für zeitliche Terminverschiebungen, wo die Trainer mehr gefordert sind, jedoch ebenso kompetent, um auf Aktualitäten reagieren zu können. Die dritte Möglichkeit, dass Veranstaltungen gänzlich abgesagt werden, erfordert die meiste Sorgfalt. Aus objektiver Sicht muss jedem klar sein, dass keine Entscheidungen aufgrund von Eventualitäten gefällt werden können. Das heißt bis keine Absage erfolgt, wird am Plan festgehalten, der die Absage nicht inkludiert.

Dr. Rita Regös

Sportpsychologin, Mental Trainerin

Sportarten: Eisschnelllauf, Short Track, Ski Alpin, Snowboard, Eiskunstlauf, Kanuslalom, Judo, Schwimmen, Gras Ski, Pistole, Bogenschießen, u.a.

Kontakt:

+43 (0)650 7399721

r.regoes@die-sportpsychologen.at

Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Alternative Ziele

Nichtsdestotrotz behält man Eventualitäten im Hinterkopf und macht sich Gedanken, welche Möglichkeiten einem offen stehen und wie man mit Eventualitäten umgehen kann. „Ich soll mich voll motiviert vorbereiten oder voll motiviert meine Athleten vorbereiten und einen Plan B haben. Das eine eliminiert das andere“. Im Gegenteil: Zielgerichtetes Handeln zeichnet sich durch das Ziel aus, alternatives Handeln durch Alternativen, die eben bei Richtungswechsel aktiviert werden, welcher ausschließlich erfolgt, wenn eine Alternative zum Ziel wird. Mein ursprünglicher Plan samt Handeln verliert durch das Formulieren von Alternativen nicht an Relevanz. Wenn ein Wettkampf ansteht, ich mich auf den vorbereite, ist mein Ziel klar. Gibt es keinen Wettkampf, ist das Ziel eliminiert, nicht aber mein Handeln, ich habe trainiert und gearbeitet. Habe ich mich allerdings mit diese Möglichkeit auseinandergesetzt, kann ich mein alternatives Ziel gegebenenfalls sofort aktivieren, habe ich das nicht, brauche ich mehr oder minder Zeit, um mich neu zu orientieren und auch leider mehr Zeit, frustriert zu sein. Bei einem Ziel und gleichzeitig mehrere Alternativen liegt es in meiner Hand, ob ich mich auf mein Ziel fokussiere oder auf die Alternativen. In der Regel neigen wir dazu, uns mit dem Schlimmeren zu beschäftigen. Um diesen Mechanismus zu deaktivieren, ist es hilfreich, sich nüchtern damit auseinanderzusetzen und somit den Vorgang als „erledigt“ zu kennzeichnen. In Folge dieser Auseinandersetzung entschärft man die Alternative, womit sich diese nicht ständig ins Bewusstsein drängt. Nebenbei bekommt man das Gefühl, gut vorbereitet zu sein und schaufelt Kapazitäten frei für das Beschäftigen mit dem hier und jetzt und mit dem Ziel aktueller Geltung.

Nun klingt die Abhandlung der dritten Möglichkeit nur noch kalt. Selbstverständlich ist das extrem frustrierend für alle Beteiligten. Du hast Dich qualifiziert und somit dein Bestes gegeben, du kannst nichts dafür, – oder negativ getröstet, sei froh, so kannst du nicht verlieren, die Zeit heilt alle Wunden – diese tröstenden Worte sind wenig hilfreich, denn sie basieren auf die Distanzierung vom Geschehen. Genau das ist in dem Moment aber kaum möglich, sonst würde es ja nicht frustrieren. Sie gehören auch nicht in die Vorbereitung. Sich auf ein Gefühl vorzubereiten, erfolgt in reiner Rationalität, nämlich im Wissen, dass etwas einen frustriert und im Folgegedanken, wie man mit Frust umgeht. Dies stört die Vorbereitung auf Großereignisse nicht im Geringsten, im Gegenteil: Ein Tool mehr in der mentalen Werkzeugkiste.

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