Stephan Brauner: Passende Antworten auf Winning ugly-Strategien

Hast du schon mal gegen einen unfairen Spieler verloren? Nicht, weil der Gegner einfach besser war, sondern weil du dich so sehr über die fiesen Tricks des anderen aufgeregt hast? Ich selbst habe als junger Tischtennisspieler eine besondere Erfahrung gemacht, die mich ganz anders geprägt hat als es sich mein damaliger Trainer wohl vorgestellt haben dürfte.

Zum Thema: Die mentale Hornhaut gegen unfaire Gegner trainieren

Meine ersten Erfahrungen im Wettkampfsport habe ich parallel zum obligatorischen Fußball im Tischtennis gesammelt. Früh durfte ich mit 16 Jahren bei den Herren antreten und es gab deutlich mehr zu lernen als das reine Spiel. Im Training bei meinem, mit allen Wassern gewaschenen, Trainer Günther habe ich dreimal in der Woche an Technik und Taktik gearbeitet. Eines Tages war es dann soweit und ich bekam eine Lektion, die ich bis heute im Kopf behalten habe: Ich sollte üben, den Ball unauffällig nass zu machen und dann zwar mit der üblichen Aufschlagbewegung, allerdings extra etwas zu lang aufzuschlagen. Man muss wissen: Beim Tischtennis versucht man üblicherweise, kurz aufzuschlagen, so dass der Gegner nicht direkt in die Offensive gehen kann. Ein unabsichtlich zu lang geratener Aufschlag ist eine Einladung für den Gegner, mit einem Topspin die Initiative zu übernehmen und das Spielgeschehen zu diktieren. Mit einem nassen Ball funktioniert ein Topspin dann allerdings leider gar nicht.

Bis zum nächsten Meisterschaftsspiel hatte ich die Trainingseinheit eigentlich schon wieder vergessen und hielt die Episode für eine reine Spielerei. Als mich Günther dann später aber für das zweite Einzel vorbereitete, fragte er, ob ich mich noch an die Übung vom letzten Training erinnern könne? Ich konnte und erhielt die Instruktion, die geübte Aktion auf sein Zeichen hin durchzuführen. Für moralische Überlegungen war ich zu perplex und Zeit hatte ich auch keine mehr. Das Spiel begann und es ging lange ausgeglichen hin und her. Beim Stand von 19-19 im dritten und entscheidenden Satz (ja, das ist schon eine Weile her) erhielt ich das vereinbarte Signal meines Trainers. Ohne nachzudenken drehte ich mich von meinem Gegner weg und feuchtete den Ball unbemerkt ordentlich an. Dann schlug ich auf. Der Ball trudelte lang und harmlos auf die andere Plattenhälfte, mein Gegner sah seine Chance gekommen und zog mit schnellem Arm einen Vorhandtopspin an. Normalerweise hätte er mich damit sofort in der Defensive gehabt, aber durch den nassen Ball konnte er keinen Spin auf den Ball übertragen und der Ball fiel direkt vor ihm auf die Platte. Punkt für mich. 

Stephan Brauner

Stephan Brauner

Sportpsychologe aus Bergisch Gladbach

Sportarten: Volleyball, Beachvolleyball, Tennis, Fußball, Golf

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Schlechtes Gefühl

Mein verdutzter und nun auch etwas verunsicherter Gegner hat mir auch den nächsten Punkt mit einem leichten Fehler fast kampflos überlassen und das Spiel war vorbei. Wir hatten auch als Mannschaft gewonnen und die Mannschaftskollegen klopften mir besonders anerkennend auf die Schulter. Alle freuten sich, nur ich hatte ein schales Gefühl, weil sich dieser Sieg alles andere als richtig anfühlte.

Was ich gelernt habe: es funktioniert. Was ich damals für mich entschieden habe: so möchte ich nicht gewinnen. Was sich später herausstellte: gut, dass ich kennengelernt habe, was mir auch selbst passieren kann.

Das unfaire Spiel

Wenige Monate später bestritt ich ein Turnier. Früh spielte ich gegen einen erfahrenen Spieler und das Match wurde knapp. Und was machte mein Gegner „aus Versehen“, als es eng wurde? Er schlug mit einem nassen Ball zu lang in meine Vorhand auf. Ohne Günthers Lektion hätte ich nun den Topspin versucht und hätte mindestens den einen Punkt verloren. Vielleicht sogar verunsichert oder verärgert noch einen weiteren. Stattdessen gab ich den nassen Ball einfach ganz ohne Schnitt zurück. Mein verdutzter Gegner spielte auch nur zurück und tat dann so, als ob er gerade eben erst bemerkt hatte, dass der Ball nass sei. Wir wiederholten den Punkt und ich konnte das Spiel irgendwie gewinnen.

Seitdem gilt meine Aufmerksamkeit als Sportler, später auch als Trainer und heute als Sportpsychologe auch dem unfairen Spiel. Es gibt viele Beispiele für unfaires Spiel. Im Tennis und im Beachvolleyball spielt man weitgehend ohne Schiedsrichter auf dem Platz und die Spieler entscheiden selbst. Beim Tennis gilt dann die Regel, dass jeder auf seiner Seite entscheidet. Ein oder zwei bewusst falsche Entscheidungen bei knappen Bällen zu eigenen Gunsten beim richtigen Spielstand haben schon einige Spieler zur Verzweiflung gebracht. Es fängt aber schon beim Einspielen an. Es gibt Gegner, die versuchen erst gar keinen Schlagrhythmus aufkommen zu lassen. Anstatt sich gegenseitig und partnerschaftlich auf ein gutes Spiel vorzubereiten gibt es Spieler, die nur krumme Bälle spielen, die nicht zuspielen, sondern lieber den Gegner abschießen, wenn dieser am Netzt zum Volley steht. Auch während des Spiels gibt es einige Möglichkeiten: Man beobachtet den Rhythmus des Gegners und stört den dann ganz bewusst, indem man sich zum Beispiel immer wieder wegdreht, wenn der gerade bereit ist, aufzuschlagen.

Die mentale Hornhaut

Viele Spieler, die mit solchen oder ähnlichen Machenschaften konfrontiert werden, verlieren die Lust am Spiel. „So ein Spinner. Das macht doch keinen Spaß mehr. Dafür bin ich nicht aufgestanden.“ Und genau dann hat der unfaire Spieler sein Ziel erreicht. Wir ärgern uns über diese Mätzchen und sind nicht mehr bei unserem eigenen Spiel. Mancher ärgert sich dann auch noch darüber, dass er sich ärgert und es wird noch schlimmer. Meine Empfehlung ist es, an der mentalen Hornhaut zu arbeiten. Das Ziel ist es, unempfindlich zu werden.

Wie wäre es, wenn es gelingt, die unfairen Praktiken als Anerkennung umzudeuten? „Ach guck, der glaubt offenbar, dass er das gegen mich nötig hat“. Oder wie wäre ein Gedanke nach dem Motto: „Jetzt erst recht. Das soll nicht belohnt werden“. Eine Extraportion Motivation statt Frustration. Für den sportlichen Erfolg und die Matchbilanz ist es hilfreich, aufmerksam zu sein, für mögliche unfaire Tricks der Gegenseite. Es geht darum, diese zu erkennen und vielleicht sogar zum eigenen Vorteil zu wandeln. Dafür gibt es mentale Strategien.

Stichwort Fairness

Fairness ist ein hohes Gut. Nicht nur im Sport. Und genau deshalb darf ich mich auch auf unfaire Gegner vorbereiten. Ich jedenfalls möchte unfaire Gegner nicht einfach so davonkommen lassen.

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