In der Kabine kritisiert der Trainer einen Spieler. Es passiert also das normalste der Welt, könnten wir denken. Tatsächlich steckt in einer solchen scheinbar alltäglichen Situation unheimlich viel Brisanz. Im folgenden Beitrag entwerfe ich auf Basis dieses Beispiels eine Handreichung, die insbesondere Trainer dafür nutzen können, um effektiv an sich zu arbeiten. Die Sportpsychologie bietet dazu einige interessante Ansätze, die uns in der Praxis voranbringen können. Und warum sollten wir die aktuelle Corona-Pandemie und die für viele damit verbundene sportliche Ruhe nicht dazu nutzen?
Zum Thema: Selbst vs. ICH – Entwicklungspotentiale für Trainer nutzbar machen
Der Begriff „Selbst“ wird in der Psychologie als eine Art Oberbegriff für die Vorstellungen verstanden, die eine Person von sich hat oder andere von ihr haben. Hieraus folgt, dass jeder Mensch über ein individuell geprägtes Selbstkonzept verfügt. Dies speist sich aus persönlichen Erinnerungen, Annahmen über Eigenschaften, Motive, Werte und Fähigkeiten. Es steht für ein Idealbild, wie er am liebsten sein würde, den persönlichen Selbstwert (positive oder negative Bewertungen, die er an sich selbst vornimmt) sowie die Überzeugung darüber, wie ihn andere sehen. Kuhl (2001) verwendet den Begriff „Selbst“ für die intuitive Wahrnehmung oder Repräsentation der eigenen Person mit ihren Merkmalen. Neben dem intuitiven „Selbst“ unterschied Kuhl noch ein bewusst wahrgenommenes „Ich“ oder „Selbstkonzept“. Das Selbst umfasst alle beiläufigen und intuitiv durch Erfahrung erworbenen Repräsentationen über die eigene Person, die keineswegs alle bewusst sind. Sie bilden sozusagen den gefühlsmäßigen Hintergrund für das bewusst wahrgenommene „Ich“ oder „Selbstkonzept“, dessen Merkmale bewusst sind und sprachlich ausgedrückt werden können. Doch wie setzt sich das Selbstkonzept zusammen?
Die Informationen zur Erstellung unseres Selbstkonzeptes erhalten wir in erster Linie durch den Austausch mit anderen (soziale Interaktion). Diese soziale Interaktion konnten sehr wahrscheinlich viele Sportler mit ihren Mannschaftskameraden, Teampartnern, Trainern usw. aus den verschiedensten Gründen (bedingt durch die Pandemie) nicht in gewohnter Weise nachkommen. Nicht nur der sportliche Vergleich im Wettkampf, als auch das Messen innerhalb der Trainingsgruppen, die Gespräche/Austausch an den Trainingsstätten war und ist bis heute nur bedingt oder gar nicht möglich. Sicherlich bietet die heutige Technik eine Vielzahl an Möglichkeiten sich auszutauschen, jedoch kam diesbezüglich in meiner eigenen Wahrnehmung zunehmend eine Müdigkeit auf. War man noch zu Beginn hoch motiviert und engagiert bei allen Online-Trainings usw. dabei, so kippt die Stimmung mit der Zeit, weil ein Ende nicht in Sicht war bzw. immer weiter verschoben wurde. Nach der Meinung von Strober (2006) ist es im Coaching von besonderer Bedeutung, dass der Coach das Selbstbild seiner Klienten zu verstehen versucht, um sie bei der Entfaltung ihrer vollen Potentiale und Ressourcen unterstützen zu können. Hier findet sich eine Vielzahl von Parallelen zum Sport. Neben den gänzlichen Trainingsinhalten zählt der Austausch von Trainer zu seinen Sportlern mit zu den wichtigsten Aufgabengebieten.
Selbstbild, Selbstaufmerksamkeit, Selbstreflexion und Selbstexploration
Zur bewussten Reflexion des eigenen Selbstbildes ist es für den Sportler notwendig, sich selbst zu beobachten und dabei den eigenen Empfindungen und Gefühlen in konkreten Situationen nachzuspüren. Dieser Prozess, der im Coaching bewusst gefördert werden kann, bezeichnet man als „Selbstexploration“. Das reale Selbstkonzept bezieht sich auf alle bewussten Vorstellungen zu „wichtigen eigenen Zielen, Bedürfnissen, Merkmalen und Entwicklungspotentialen sowie Regeln und Standards der Personen, wie sich gegenwärtig sehen“ (Greif, 2008b). Im Gegensatz dazu basiert das ideale Selbstkonzept auf „Idealbildern der Person von sich selbst zu den angesprochenen Merkmalen“. Die Selbstreflexion beschreibt in diesem Zusammenhang den Vergleich zwischen dem realen und dem idealen Selbstkonzept.
Das bewusste Nachdenken einer Person über sich selbst wird als „Selbstreflexion“ bezeichnet. Bewusste Selbstreflexion setzt zunächst einmal Selbstaufmerksamkeit voraus. Die Förderung der Selbstreflexion wird oft idealisiert und zu absolut propagiert (Greif, 2008b). Jedoch ist nicht jedes Nachdenken über eigene Handlungen und Gefühlen in jeder Situation und für jede Person gleichermaßen förderlich. Beispielsweise ist gut und wichtig, dass Menschen auch die Fähigkeit besitzen (insbesondere im Kontext Wettkampfsport), sehr schnell und intuitiv reagieren zu können. Auf der anderen Seite ist das stundenlange ziellose Grübeln, ohne das sich daraus irgendwelche praktische Handlungen ergeben würden, problematisch. Aus diesen Überlegungen unterscheidet Greif dieses „Grübeln“ von der sogenannten „ergebnisorientieren Selbstreflexion“. Eine Reflexion wird dann als ergebnisorientiert eingestuft, wenn der Prozess systematisch abläuft und zu einem praktisch verwertbaren Ergebnis führt, das dann als Orientierung für künftige Handlungen oder Reflexionen dienen kann (ebd.). Im Coaching dienen solche Reflexionen zur Erarbeitung von Zielen oder Problemlösungen. Siehe folgende Beispiele:
Das Nachdenken über Ziele, was zur Neuordnung erreichbarer Ziele hinsichtlich ihrer persönlichen Priorität oder zur Verbesserung der Selbstorganisation bei der Zielerreichung führt.
Die Reflexion über problematisches Verhalten dient dazu, Veränderungsoptionen zu entwickeln, welche dem angestrebten Ideale nahe kommen.
Selbstreflexion können viele, Selbstexploration deutlich weniger
Um eigene Selbstreflexionsprozesse ergebnisorientiert organisieren zu können, muss eine Person Schablonen zur Beobachtung des eigenen Verhaltens aktivieren und ihre Beobachtung mit dem idealen Selbstkonzept vergleichen. Zudem ist es notwendig, dass sie über Handlungsmuster verfügt, die Ablenkungen bei der Reflexion sowie spontane Abwehrreaktionen bei unangenehmen Vorstellungen über sich selbst abzublocken. Darüber hinaus muss die Person dazu fähig sein, einen längeren strukturierten Dialog mit sich selbst über die eigenen Vorstellungen zum realen und idealen Selbstkonzept zu führen und daraus praktisch umsetzbare Folgerungen für die künftige Handlungen abzuleiten.
Nach Auffassung von Greif verfügen die meisten Menschen über solche Schemata zur Selbstreflexion, aber nur wenige scheinen dazu in der Lage zu sein, umfassende, ganzheitliche Selbstexploration durchzuführen und sie so zu strukturieren, dass dies zu praktisch umsetzbaren Ergebnissen führt. Dieser Prozess ist jedoch erlernbar und kann/sollte mittels eines Trainers/Sportpsychologen/usw. gesteuert/forciert werden. Wichtig ist dabei, dass der Coach/Sportpsychologe seinen Klienten/Sportler zur selbstständigen Anwendung der entsprechenden Schemata anhält und ihm Feedback gibt.
Praxisbeispiel:
Der Trainer kritisiert in einer Mannschaftsbesprechung seinen Kapitän, da er eine wichtige Aufgabe nicht umgesetzt (taktische Marschroute) und somit den ganzen Matchplan über den Haufen geworfen und im Ergebnis den Sieg gefährdet hat. Der in dem Meeting anwesende Sportpsychologe gibt den Trainer im Anschluss unter vier Augen ein Feedback. Er teilt ihm mit, dass seine Kritik zwar berechtigt, aber in der Art und Weise unangemessen hart war. Somit wird, wie im ersten Kasten des Modells dargestellt (vgl. Abb. 1), durch das Feedback die Selbstaufmerksamkeit des Trainers stimuliert und aktiviert (zweiter Kasten). Durch die erhöhte Selbstaufmerksamkeit aktualisiert und intensiviert er die beachteten Aspekte seines Selbstkonzeptes und gleicht sein „problematisches“ Verhalten in einem Reflexionsprozess mit seinen eigenen Idealvorstellungen (z.B. dass er nie einen Spieler so kritisieren wollte, wie er es selbst als Spieler in der Vergangenheit erlebt hatte) ab (dritter Kasten). Er nimmt nun eine Diskrepanz wahr und ist motiviert, diese zu verringern. Wie die Reaktionen aussehen könnten, zeigt der vierte oder fünfte Kasten.
Fazit:
Die aktuelle Lage fordert alle heraus und vermittelt dem Individuum (Trainer/Sportler) eine gefühlt erlebte Hilflosigkeit. Jedoch kann man auch aus einer solchen Krise immer ein Entwicklungspotential finden. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan. Der vorliegende Beitrag gibt dem Interessierten eine Möglichkeit an die Hand, wie bspw. ein Trainer seine Sportler handlungsdienlich unterstützen kann, trotz der aktuellen Einschränken. Wir von dem Netzwerk der Sportpsychologen stehen gern für Unterstützung zur Seite.
Sportlich geprägt von zahlreichen Niederlagen und finanziell in großer Not: Die Gesamtlage bei Königsblau ist brisant! Zudem kommt mit der angedachten Ausgliederung eine emotionale Zerreißprobe auf den Klub zu. Schalke 04 ist der taumelnde Riese im Ruhrgebiet. Die bange Frage lautet: Wohin führt nun der Weg des FC Schalke 04? Der Traditionsklub der uns alle bewegt, der nicht nur zu den mitgliederstärksten, sondern auch zu den wertvollsten Vereinen der Welt zählt, bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Abstieg und Ausgliederung. Er hat auf und neben dem Platz die Sicherheit und das Vertrauen in sich verloren.
Emotionale Verbundenheit, ein höhergestelltes Anliegen, das gelebte Glück, Begeisterungsfähigkeit auf allen Ebenen und weitere menschliche Vorgehensweisen könnten auf Schalke jedoch eine Wendung herbeiführen.
Blickt man auf Schalke, dann sehen wir wahrhaftige Tradition, eine große Anzahl von Mitgliedern und Unterstützern – regional, aber auch deutschlandweit. Dieses Potential ist gegenwärtig und wartet auf Abruf. Glück auf! Liebe Leser und Leserinnen, Ihr großartigen Schalker-Fans da draußen! Gemeinsam können wir jetzt vieles für unseren Verein tun!
Zum Thema: Ein Verein in einer tiefen Krise und auf der Suche nach einem Ausweg
Wir müssen im Fußball lernen, entweder als Menschen miteinander zu wachsenoder als Einzelner unterzugehen.
Dr. René Paasch
Glück auf! Der verbundene Wunsch, mit dem sich die Bergleute jahrzehntelang grüßten, spendet auch in Zeiten von Abstiegssorgen auf Schalke neue Hoffnung. Denn was heute nach Folklore klingt, war in Zeiten des Bergbaus ein Wunsch voller Hoffnung und Zuversicht. Aus der Dunkelheit des Schachtes hinaus ans Tageslicht. Die Erfahrung der Gefahr Untertage schweißte alle zusammen. Eingepfercht auf wenigen Metern, stickig, dunkel und ständig in der Gefahr, verletzt oder verschüttet zu werden. Wer diese Erfahrung gemacht hat, der weiß wie „Glück auf!“ gemeint ist! Es ist der zwischenmenschliche Wunsch, gesund und lebendig aus der Grube auszufahren. Die Familie und Freunde wiederzusehen und in die Arme nehmen zu können. Diese Freiheit, kurzzeitig genommen durch den Job unter Tage, wird zum neuen Versprechen. Glück auf! Das ist das Glück nach der Schicht. Die meisten Zuschauer auf Schalke wissen was damit gemeint ist und was echte Malocher sind. Nicht zuletzt deshalb, weil viele selbst schon geschwitzt haben, verletzt wurden oder Verluste erleben mussten. Diese einzigartige Verbundenheit und das Malochertum wünschen wir uns gerade in dieser schweren Zeit von unseren blau-weißen Jungs. Schweiß durch Kampf, Einsatzbereitschaft 90 plus 04min lang, emotionale Verbundenheit und persönlicher Wille. Eigenschaften wie sie von jeher von jedem Bergmann, Kumpel und Malocher Unter Tage gefordert und gelebt wurden. Leider ist die Zeit der Zechen Vergangenheit. Aber die tiefgründigen Werte und Traditionen werden immer noch gelebt und das zeigt sich in der Arena auf Schalke schon seit vielen Jahrzehnten durch das gemeinsame Singen des Steigerlieds. Schon oft wurde und wird das Steigerlied gemeinsam mit Vorstandsmanagern und dem gesamten Publikum voller Leidenschaft und Hingabe gesungen. Wie auch beim Abschied vom Bergbau vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen.
Lasst uns zusammenstehen und gemeinsam diese Herausforderung annehmen. Diese emotionale Leidenschaft auf und neben dem Platz überträgt sich auf jeden von uns. Eine innere Verbindung sondergleichen. Lassen Sie uns aber noch tiefer in der Historie wühlen, denn dort liegt die Ursache und die mögliche Volition, für eine bessere Zukunft auf Schalke. Der Mensch im Bergbau und das Vertrauen im eigenen und fremden Tun.
Menschen im Bergbau und deren Geschichten
Erinnerungen können sehr unterschiedlich sein, auch diejenigen an den Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet und in anderen Regionen. Der digitale Gedächtnisspeicher „Menschen im Bergbau“ dokumentiert die individuellen Erfahrungen und Erlebnisse derjenigen, die in den Jahrzehnten von 1945 bis heute den Bergbau geprägt haben und von ihm geprägt wurden: Bergleute, Untertagearbeiter und -angestellte, Zechendirektoren und Konzernmanager, Gewerkschafter, aber auch deren Familienangehörige.
In über 80 lebensgeschichtlichen Videointerviews wird mit den Mitteln der sogenannten „Oral History“ die Grundlage für eine Erfahrungsgeschichte des Steinkohlenbergbaus gelegt, auf die unsere Jungs auf dem Rasen und der gesamte Verein zugreifen kann. Nur so ist es möglich, die wahrhafte Liebe zum Verein und Verbundenheit als Schalker kennenzulernen, zu verstehen und zu spüren. Nach diesen bewegenden Wortmeldungen wäre die Auseinandersetzung von Fangesängen und deren Strahlkraft auf den Verein ein weiterer wichtiger Schritt -trotz Corona und Stadionverbot- füreinander einzustehen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Näheres dazu auf:
Fangesänge und -hymnen gehören zu den festen Ritualen auf Schalke wie auch in den meisten anderen Stadien der Welt. Trommeln, Klatschen, Pfeifen, Singen – bei Bundesligaspielen wird nicht nur auf dem Platz etwas geboten. Die Musik spielt vielmehr auf den Rängen: Lautstarkes Anfeuern und Singen der Zuschauer ist heute im Sport ein festes Ritual. Man kann davon ausgehen, dass es so etwas Ähnliches schon in der Antike gegeben hat. Und vor allem in den 1960er Jahren sind in England Hymnen vor und nach dem Spiel gesungen worden. Und zwar Rufe, rhythmisches Klatschen, Kurzgesänge und dann Lieder (Brunner, 2016). Fangesänge sind gelebte Kultur auf Schalke, ein Wirkfaktor für wahrhafte Verbindungen zu den Königsblauen. Gemeinsames Singen und Sprechchöre stärken das Gemeinschaftsgefühl.
Doch wie ist dies jetzt möglich zu Pandemiezeiten? Die Fans sollten sich überall in Deutschland solidarisieren und digital verbinden, um somit dem Club zur Seite stehen. Vieles wäre denkbar und möglich. Wohlwollende Briefe und E-Mails fertigen, Grußbotschaften per Video auf Großleinwände und bestärkende und vertrauensvolle Verhaltensweisen sichtbar machen. Grenzen entstehen nur dort, wo wir sie uns selbst auferlegen. Ein erster wichtiger Schritt war für mich die emotionale und motivierende Ansprache der Ultras vor dem Spiel gegen den FC Augsburg:
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Welche Möglichkeiten gibt es noch, um Denk- und Verhaltensweisen zielgerichtet nutzbar zu machen? Ich nenne es gern die Würze in unserem Tun: Begeisterung ist und wird die Aufgabe sein.
Selbst Zirkusdompteure, Hundehalter, Fußballtrainer und Eltern haben es längst erkannt: Wer Menschen und Tiere mit Strafe und Belohnung dressiert/erzieht, bekommt keine außergewöhnlichen Leistungen, sondern nur das Verlangte. Nicht mehr, nicht weniger. Das Gleiche gilt für unsere Jungs, die in der Krise angekommen sind. Statt extrinsischer Motivation (Neuverpflichtungen, Trainerwechsel, höhere Gehälter, Bonuszahlungen bei Klassenerhalt) müssen die Spieler auf Schalke jetzt ihr intrinsisches Motivationssystem aktivieren, um Großartiges zu leisten.
Wie wäre es beispielsweise mit etwas Ruhe oder mentalem Training? Daraus resultiert früher oder später, dass das Motivationssystem im Mittelhirn aktiv wird, das Dopamin ausschüttet und Impulse verstärkt, bis Erholung und Belastung im Alltag berücksichtigst oder das Gespräch mit einem Sportpsychologen gesucht wird. Es sorgt dafür, dass Bedürfnisse tatsächlich befriedigt werden. Dies geschieht ganz ohne Belohnung oder Strafandrohung.
Stolze Schalker (Quelle: Sina Paasch)
Das gleiche Prinzip wirkt auch, wenn wir einen Wunsch oder ein Anliegen haben. Haben wir gehandelt und unser Ziel erreicht, belohnt uns das Motivationssystem, indem es körpereigene Opiate freisetzt, die Freude und sogar ein euphorisches Gefühl in uns auslösen können. Dieser Mechanismus führt dazu, dass wir weitermachen und dass wir uns den Herausforderungen der jetzigen Situation stellen. Auf neurobiologischer Ebene dient der Mechanismus dazu, Kohärenz im Gehirn herzustellen. Kohärenz nennt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther (2018) den Zustand, wenn in einem selbstorganisierten System Harmonie herrscht und sich alles gut zusammenfügt. Diesen Zustand versucht unser Gehirn permanent aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen, denn dann verbraucht unser Organismus am wenigsten Energie. Haben nun die Schalker den Wunsch oder das Bedürfnis in der 1. Liga zu verweilen, ist die Kohärenz zerstört und ein Zustand der Inkohärenz tritt ein. Sie beginnen nach Wegen zu suchen, um dies zu beheben. Wenn der Impuls stark genug ist, springt unser Motivationssystem an und belohnt uns, sobald wir uns auf den Weg machen (Herausforderung meistern, gewonnene Spiele). Dank einer Mischung aus Dopamin und körpereigenen Opiaten, die unser Mittelhirn ausschüttet, fühlen wir uns dann zeitweise wie unbesiegbar. Ganz ohne Drogen. Um jetzt herausragende Teamleistungen auf Schalke zu erreichen, reicht es jedoch nicht, dass Einzelne ihre Belohnungssysteme aktivieren und in einen natürlichen Euphorierausch geraten. Es braucht eine bestimmte Zusammensetzung von Teammitgliedern. Genau das ist es, was ich in meinen bisherigen Erfahrungen im Fußball feststellen konnte, wenn Ungewöhnliches möglich wurde. Eine positiv gelebte Vereinskultur und das tiefe Interesse an menschlichem Verhalten trotz Negativserie und Leistungsschwächen waren tragfähige Unterstützer in Krisenzeiten.
Deshalb kommt es darauf an, nicht nur die strategische Veränderung in der Vereinsführung sowie mögliche Neuverpflichtungen herbeizuführen, sondern vielmehr die subjektive Bewertung des einzelnen Spielers und Mitarbeiters. Also das, was der Betreffende in dieser jeweiligen „Situation“ wichtig findet, wofür er sich einsetzen möchte und begeistert ist. Wenn wir also wissen wollen, wieso Spieler und Vereine sich in Krisen derartig verhalten, müssen wir herausfinden, was ihnen in ihrer bisherigen Karriere wichtig war, was ihnen jetzt wichtig ist und was ihnen in Zukunft möglicherweise besonders wichtig sein wird. Denn nur für das, was einem Verein, einer Mannschaft und dem Spieler wichtig ist, kann Begeisterung entfachen. Nur wenn sich ein Mensch und der Verein für etwas begeistert, werden all jene Netzwerke positiv verbessert, die der betreffenden Situation nutzen.
2014 gelang es unserer Nationalmannschaft nach vielen Rückschlägen, den WM-Pokal nach Deutschland zu holen. Man darf diese Mannschaft ohne Frage als „Die Mannschaft“ bezeichnen. Ihr gelang, was ihnen niemand zum damaligen Zeitpunkt zugetraut hätte. Sie unterscheiden sich von anderen da sie zwei – aus meiner Sicht – sehr wichtigen Eigenschaften aufwiesen: Die erste dieser beiden Eigenschaften finden wir auch bei Kreisliga-Mannschaften oder Klassengemeinschaften – Verbundenheit. Allein formt sie allerdings bloße Zusammenkünfte. Man mag sich, aber man macht sich nicht gemeinsam auf einen Weg. Man sitzt zusammen und verbringt eine lustige Zeit miteinander, aber man strebt nicht nach einem bestimmten Ziel. Wenn in solchen Verbindungen etwas umgesetzt werden soll, erledigen die Teammitglieder ihre Aufgaben nur so weit, wie es von ihnen gefordert wird. Denn sie teilen nicht die gleiche emotionale Verbindung zum Vorhaben wie derjenige, der ihnen den Auftrag gegeben hat. Das Ergebnis wird gut, aber nicht herausragend. Und je mehr Druck von außen ausgeübt wird, desto weniger Leistung wird erbracht.
Herausragende Ergebnisse entstehen, wenn wir etwas freiwillig und aus innerem Antrieb heraus tun. Bastian Schweinsteiger ist dafür ein sehr vorbildliches und passendes Beispiel. Mit einem tiefen Cut unter dem rechten Auge und stetigen Schmerzen in den Füßen kämpfte er wie ein großer Krieger für sein Team und für sein Land – Deutschland. Schweinsteiger war im Adler-Trikot immer ein Anführer und Optimist mit hohen Ansprüchen, auch an sich selbst. Aufgeben war nie eine Option für ihn. Trotz zahlreicher Blessuren und Schmerzen während des Spiels, lief er für sein Team immer wieder auf und polarisierte zu Höchstleistungen. Er ist nicht nur für mich eine lebende Legende. Aus dem Jungen vom Bolzplatz in Oberaudorf wurde der unvergessliche Held Bastian Schweinsteiger. Mit diesen Eigenschaften und demselben Bedürfnis sind unsere Blau-Weißen auch ausgestattet. Doch um dies zu leben, müssen die Schalker Entdecker und Forscher werden. Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt: Selber gestalten und umsetzen!
Greifbare Identität (Quelle: Sina Paasch)
Doch oft erleben wir uns – insbesondere im Fußball – nicht als Gestalter, sondern als Objekte von fremden Zielen der Funktionäre, den Trainern und deren Erwartungen, die wir zu erfüllen haben. Wir leisten dann nur so viel wie nötig, aber Freude macht es uns nicht mehr. Genau hier liegt die zweite notwendige Komponente von echten Teams. Sie zeigen nicht nur eine starke, gütige und emotionale Verbundenheit miteinander, sondern teilen auch ein gemeinsames Anliegen, das allen gleichermaßen Freude bereitet und am Herzen liegt. Erst diese Kombination ermöglicht, was keine Verpflichtung und Vereinbarung erzwingen kann: Die Einzelnen wachsen miteinander und über sich hinaus. Im Englischen existiert auch ein Begriff dafür, wenn sich bei Teams eine solche doppelte Verbindung aus Emotionen und einem gemeinsamen Anliegen einstellt: „team engagement“ (Alfes et al. 2013). Sind wir Teil eines solchen Teams, so verändern sich sehr zeitnah auch die Denk- und Verhaltensweisen aller Akteure auf und neben dem Platz.
Finanzielle Ängste! Dauerbeschuss durch die Medien! Abstiegssorgen! Ausgliederung! Krise! Die Königsblauen leben gerade in unbeständigen Zeiten. Vereinsmanager und Akteure auf dem Feld, die über Jahre Erfolge feierten, werden mit voller Wucht von Veränderungen und Krisen getroffen, während es manch anderen Vereinen gelingt, sich beständig neu zu erfinden. Die Lösung für das Problem dieses beständigen Wandels heißt Resilienz (Scharnhorst, 2012). Es geht hier nicht um ein Wundermittel oder eine geheime Formel: Resilientes Vereinsmanagement ist vielmehr ein dynamisches Konzept, das jeder Verein für sich selbst entwickeln sollte. Unsicherheit und Krisen sind keine Ausnahmen, sondern prägen unsere Zeit. Es gibt Ereignisse, die aus heiterem Himmel treffen und tief erschüttern. Der Terroranschlag vom 11. September 2001, die Nuklearkatastrophe in Fukushima und die aktuelle Corona-Pandemie sind nur drei unter vielen. Neben solchen globalen Schocks ist auch unser Alltag gespickt mit Krisen und Zwischenfällen wie Erfolglosigkeit, Teamkonflikten oder Shitstorms. Gern betrachten wir solche großen und kleinen Vorfälle als singulär und eher unwahrscheinlich, aber im Rückblick fällt auf: All diese Ereignisse haben und hatten großen Einfluss auf das Hier und Jetzt.
Hinzu kommen die horrenden Spielergehälter und überteuerte Transfersummen von Spielern, die uns ständig mit einer Unmenge an komplexen Zusammenhängen konfrontieren. Alles zu überblicken ist also unmöglich. Und selbst wenn wir es könnten: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Dinge immer so sind, wie sie scheinen. Das Leben und besonders die Vereine im Leistungssport Fußball müssen stetig große finanzielle Herausforderungen meistern. Unserer Zeit lässt sich deshalb am besten mit dem Akronym VUKA (Baltes, Freyth, 2017) beschreiben. Die vier Komponenten dieses Kurzworts lauten:
V= Volatilität bezieht sich auf die zunehmende Häufigkeit, Geschwindigkeit und das Ausmaß von (meist ungeplanten) Veränderungen
U = Unsicherheit bedeutet das generell abnehmende Maß an Vorhersagbarkeit von Ereignissen in unserem privaten und beruflichen Leben
K = Komplexität bezieht sich auf die steigende Anzahl von unterschiedlichen Verknüpfungen und Abhängigkeiten, welche viele Themen in unserem Leben undurchschaubar machen
A = Ambiguität beschreibt die Mehrdeutigkeit der Faktenlage, die falsche Interpretationen und Entscheidungen wahrscheinlicher macht.
VUKA macht Prognosen und stabile Regeln schwer oder sogar obsolet. Wie es beispielsweise bei vielen Vereinen im deutschen Fußball zu sehen ist. Kulturvereine konnten sich jahrzehntelang über Wasser halten und sich auf einen stabilen Vereinsverlauf und deutschlandweite Fans verlassen. Aber plötzlich wollen Spielerberater und Spieler mehr Geld und viele weitere Zusatzleistungen oder Fans wollen lieber ein Spiel streamen oder als Aufnahme genießen als ins Stadion zu gehen. Die rein reaktiven Maßnahmen der Vereine wirken oft verzweifelter: Spieler lieber im Ausland kaufen statt selbst zu entwickeln, 16-jährige Jugendliche, die zum Profifußballer gemacht werden, aber das eigentliche Nachwuchsproblem und die Entfremdung zu den Fans können sie damit langfristig nicht auffangen. Das Selbstbewusstsein und die Fan-Nähe strahlen sie nicht mehr aus.
Das reine Überleben in VUKA-Zeiten ist schon eine Herausforderung und jeder, dem das gelingt, hat Applaus verdient. Doch wer wirklich erfolgreich sein will, darf sich nicht nur von den Entwicklungen im Fußball treiben lassen. Er muss die eigene Veränderung eigenständig vorantreiben. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen abzufangen, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und an ihnen zu wachsen. Um wie Phönix aus der Asche zu steigen müssen wir aufhören, Krisen als Problem zu betrachten. Stattdessen sollten wir den Wandel akzeptieren und Chancen in ihm erblicken. Diese Einstellung ist die Basis der Resilienz.
Dies gilt ganz besonders für die Verantwortlichen. Ein resilienter Vereinsmanager lebt starke Werte vor und lässt seinen Mitarbeitern Spielraum zur Entfaltung. Eine der größten Herausforderungen für Führungskräfte ist es, für Stabilität zu sorgen und gleichzeitig genug Raum für Innovation und Wandel zu schaffen. Wie kann die Vereinsführung auf Schalke diese beiden Pole miteinander verbinden? Am besten funktioniert dies, wenn alle Menschen im Verein Vertrauen in ihre Fähigkeiten setzen und eine gemeinsame Mission verfolgen. Um diese Mission, die Werte und Ziele des Vereins, somit transparent wie möglich zu vermitteln, sollte die Führung ein klares Statement verfassen und eine Vereinsvision entwickeln. Auf diese Weise präsentiert der Verein, wohin er in Zukunft will und wofür sich die Arbeit lohnt.
In Stein gemeißelt. (Quelle: Sina Paasch)
So lautet zum Beispiel das „Mission Statement“ der Firma Google: „Das Ziel unseres Unternehmens ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen.“ Dieses Ziel wurde klar formuliert und weckt positive Emotionen. Es ist außerdem verknüpft mit starken Werten, hier zum Beispiel mit dem Wunsch, Wissen für viele Menschen zugänglich zu machen. Dies gibt allen Beteiligten Halt und Motivation, nicht nur in Krisenzeiten. Doch damit solche Werte mehr als nur hohle Phrasen sind, sollten die Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn Vorgesetzte die Spieler dazu anstacheln, mehr Leistung zu erbringen oder Werbeaufträge anzunehmen, als sie derzeit können, oder wenn von der Leitung aus Zahlen geschönt werden sollen, dann führt das zu einem geringeren Vertrauen, was auch die Motivation bremst.
Dass Vereinsmanager erfolgreich sind, wenn sie Härte zeigen, moralische Grenzen überschreiten und sich selbst in den Vordergrund stellen, ist übrigens ein Trugschluss. Die Resilienz-Forschung und bekannte Beispiele aus dem Fußball zeigen, dass solche Alleinherrscher einen Verein zwar in kurzer Zeit an die Spitze treiben, der Erfolg aber selten von Dauer ist. Resilienz bedeutet, diesen Erfolg auch auf lange Sicht zu erhalten. Dafür braucht ein Manager eine Kombination der Eigenschaften unternehmerische Intelligenz und Menschlichkeit. Solche Führungskräfte stellen sich und ihre Person hinter die Ziele des Vereins. Im Vordergrund steht dann das Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter. Um ihnen Raum für Eigeninitiative zu bieten, kann die Führung zum Beispiel einen Aufruf starten, dass sich Freiwillige gezielt um das „Horizon Scanning“ (Becker et al. 2017) kümmern sollen. Es werden sich Menschen verschiedener Abteilungen melden, die ihr spezielles Fachwissen teilen wollen. Eine Leitung der Gruppe ist meist gar nicht nötig. Denn Freiwillige, die eine gemeinsame Motivation spüren, arbeiten zielgerichtet und kompromissbereit. Bei der Auswertung der Ergebnisse sollten Führungskräfte dann unbedingt vermeiden, Fehler zu bestrafen. Denn nur in einer vertrauensvollen Umgebung entwickeln sich wirklich neue Ideen. Mithilfe der verschiedenen Betrachtungsweisen unternehmerischer Resilienz können Vereine Krisen nicht nur meistern, sondern an ihnen wachsen. Dazu ist es wichtig, alle Menschen im Verein einzubinden und zu motivieren. Wenn die Resilienz erst einmal in den Köpfen angekommen ist, verliert der Wandel seinen Schrecken und wird zur echten Chance.
Aufbruch, Umbruch oder Abbruch? (Quelle: Sina Paasch)
Was Schalke jetzt konkret umsetzen kann: Schalke sollte sich Inspiration von den Profis holen – Feuerwehr, Militär, Krankenhaus und Kriseninterventionsteams der Sportpsychologie „KITS“. Organisationen der sogenannten kritischen Infrastruktur sind echte Experten, wenn es um Notfallpläne und Übungen für den Ernstfall geht. Sie kombinieren die richtige Vorbereitung mit sofortiger Reaktions- und Handlungsfähigkeit.
Wie gut sind unsere Blau-Weißen Jungs derzeit aufgestellt? Wie groß sind die Reibungsverluste im Zusammenwirken der Spieler in der Mannschaft und dem Sportvorstand? An welchen Stellen und auf welche Weise lässt sich deren Zusammenarbeit noch nachhaltig verbessern? Das sind zum jetzigen Zeitpunkt entscheidende Fragen.
Beispielsweise mit Hilfe eines Verfahrens, das Aussagen über die Kohärenz, also die Qualität von Teams und Gemeinschaften ermöglicht. Ein solches Verfahren gibt es. Der „WeQ-Test“. Bis September 2021 wird dieser Online-Test in einer gemeinsamen Initiative zusammen mit der WeQ-Foundation zur Verfügung gestellt. Der Test kann von Teams, Vereinen und Gemeinschaften mit maximal 20 Mitgliedern kostenlos abgerufen und durchgeführt werden. Bei der persönlichen Interpretation stehen wir als Netzwerk „Die Sportpsychologen“ gerne zur Verfügung.
Damit Teams herausragende Leistungen bringen können, muss sich nicht nur die Mannschaft emotional verbunden fühlen, sondern jeder Einzelne muss sich für das gemeinsame Anliegen begeistern. Intrinsische Motivation wirkt stärker als jede Belohnung oder Bestrafung von außen. Das Belohnungssystem des Gehirns wird bei ersten Erfolgen aktiviert und motiviert jeden, über sich hinauszuwachsen. Teams, die sich außergewöhnlich auf den Weg machen, profitieren von der Unterschiedlichkeit ihrer Spieler, da somit neuen Ideen und Lösungen entstehen können. Herausragende Vereine streben nicht nach Harmonie oder Erfolg, sondern nach kontinuierlicher Weiterentwicklung. Auf diese Weise bleiben sie flexibel und sind in der Lage, sich neuen Anforderungen anzupassen, statt sich auf bisherige Strategien zu verlassen. Unsere Königsblauen brauchen jetzt ein offenes, angstfreies und resilientes Klima.
Jeder sollte ohne Angst vor negativen Konsequenzen seine Bewertungen und Befürchtungen aussprechen dürfen. Wissen alle Beteiligten auf Schalke, wie andere sie selbst und die Akteure bewerten, müssen sie ihr Verhalten nicht an Vermutungen und Verhaltensweisen anderer ausrichten. Erst dann wird echte Verbundenheit möglich. Wenn alles mit allem zusammenhängt, muss auch das menschliche und sportliche Wissen und Können jetzt auf Schalke zusammenfließen. Es braucht die Perspektiven und Fähigkeiten vieler, um tragfähige Vorstellungen zu entwickeln, was jetzt auf Schalke geschehen soll. Dabei geht es nicht darum nur Erfolge und den Klassenerhalt zu erzielen, sondern darum Ideen zum nachhaltigen Gelingen zu bringen.
Literatur
Alfes, K., Shantz, A. D., Truss, C., & Soane, E. C. (2013a): The link between perceived human resource management practices, engagement and employee behavior: A moderated mediation model. International journal of human resource management, 24(2), 330-351. https://doi.org/10.1080/09585192.2012.679950
Adams Becker, S., Cummins, M., Davis, A., Freeman, A., Hall Gieseinger, C., & Ananthanarayanan, V. (2017): NMC Horizon Report Higher Education Edition 2017. https://doi.org/ISBN 978-0-9977215-7-7
Brunner, G. (2016): Interview. „Alles im Baukastenprinzip“. Musikprofessor Prof. Dr. Georg Brunner spricht über Kurvenlieder und Schlachtgesänge, wie sie entstehen und was sie auszeichnet. Und weshalb wir kollektiv in der Schuld von Heino stehen.
Hüther, G., Müller, S.O., Bauer, N. (2018): Wie Träume wahr werden: Das Geheimnis der Potentialentfaltung. Goldmann Verlag
Baltes, G.H. Freyth, A. (2017): Veränderungsintelligenz – Agiler, innovativer, unternehmerischer den Wandel unserer Zeit meistern, Springer Gabler Verlag
Scharnhorst, J. (2012): Burnout. Präventionsstrategien und Handlungsoptionen für Unternehmen. 1. Auflage. Freiburg
Walter, J. (2016): Alles geschieht im Kopf. 65-min. Film zur Praxis der Sportpsychologie. www.walter-sportpsychologie.de
Nun sind wir im Jahr 2021 angekommen. Dem Jahr DER Sportler. Olympische Spiele, Paralympische Spiele, Fußball- und Basketballeuropaneisterschaft, Handball-WM und viele tollen weitere sportliche Veranstaltungen, bei denen es um Titel und Medaillen geht, stehen bevor. Ein Jahr voller Hoffnung. EIn Jahr, in dem alles besser werden soll und in dem die gewünschten Erfolge die harte Arbeit, die Strapazen und Entbehrungen vergessen machen sollen.
Zum Thema: Sorgen, Veränderungen und Anpassungen sowie die dazu passenden Tipps für das Sportlerjahr 2021
Aktuell erscheinen die Strapazen für viele Athleten allerdings größer denn je. Zum einen, weil das Jahr 2020 und die coronabedingten Verschiebungen der meisten sportlichen Höhepunkte an den meisten Athleten nicht spurlos vorbeigegangen ist. Zum anderen, weil auch 2021 voller Entbehrungen, einem unsicheren Fokus auf das, was im Sport kommen mag, beginnt.
Die Folge: Gedanken und Sorgen werden zum stetigen Begleiter. Denn die schwierige Situation trifft natürlich nicht nur die, die um ihre Teilnahme bei einem Großevent wie Olympia bangen, sondern auch die, die vor wichtigen Weichenstellungen im Sportlerleben stehen und diese nun in eine Sackgasse zu führen drohen. Vor allem für viele Nachwuchssportler wird es deutlich schwerer, den Übergang in den Erwachsenenbereich zu schaffen.
Probleme über Probleme
Mangelnde Trainingseinheiten, Einschnitte durch Quarantäne, veränderte Trainingsschwerpunkte durch Sportstättenschließungen und, und, und…
Und dann gelten auch noch bundesweit unterschiedliche Regeln. Wo in der einen Stadt Training möglich ist, müssen andere Athleten zuhause bleiben. Natürlich wurde unseren Kaderathleten deutschlandweit weitestgehend das Training unter Sonderbedingungen ermöglicht, doch eben nur dann, wenn auch die Sportstätten entsprechend mitgezogen haben. Und dann sind da eben auch der Faktor Gruppengröße und die besondere Situation der Kontaktsportarten. Nicht zuletzt fehlen dann neben dem Training auch Wettkämpfe und diese eben nicht nur national, sondern auch international, um in einem solchen Jahr in entsprechende Vorbereitungen zu gehen.
Ansätze für sportpsychologische Arbeit
Wir merken, dass es wahnsinnig viele Faktoren sind, die auf Athleten Einfluss haben. Doch wie viel Wert hätte dieser Artikel, wenn wir nur die Probleme und Hindernisse aufzeigen würden!? Stattdessen wollen auch Ansätze finden, wie eine psychologische Unterstützung aussehen kann.
Ein erster wichtiger Baustein ist es, sich nur mit der eigenen Lage zu befassen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn andere mehr trainieren können, andere Bedingungen haben oder sich auch einfach nicht so an Regeln halten, wie man das selbst möglicherweise tut. Aber inwiefern hilft dieser Ärger am Ende? Leider gar nicht. Daher befassen wir uns doch lieber mit den Dingen die WIR SELBST verändern und tun können! All das, was ich eigenverantwortlich beeinflussen kann und wo mein Handeln eine Veränderung bewirken kann.
Eigenverantwortungsmodus
Wie schaffe ich es aber nur, im Eigenverantwortungsmodus zu agieren? Vielleicht schaust du erst einmal in dich und suchst deinen inneren Antreiber? Was ist es eigentlich, was dich Tag für Tag, Woche für Woche voranbringt und wo sind dabei eigentlich unsere Grenzen und eigenen Hindernisse?
Stärkebaum
Zu Hilfe nehmen kannst du den Stärkebaum. Mit diesem gehst du nicht nur auf die Suche nach deinen Kraftquellen, sondern kannst auf deine bisherigen Erfolge zurückblicken und sammelst deine Stärken zusammen. Durch das Visualisieren und Vergegenwärtigen dieser drei Bereiche, schaffst du es, dich selbst neu zu motivieren und auch zu sehen, was für Stärken es vielleicht genau jetzt sind, die du nutzen kannst, um aus dem „Corona-Tief“ bestmöglich heraus zu kommen.
Üben, egal wann und wo
Es geht darum, bei der Zielsetzung nun immer nur Ziele zu kreieren, die ohne äußere Einflüsse erreichbar sind. Das kann schon damit anfangen, die eigene Reaktionsfähigkeit zu trainieren – und das schon morgens beim Zähneputzen, mit dem Fallenlassen und Auffangen der Zahnpastatube.
Was in jedem Fall empfehlenswert ist, ist den Austausch zu suchen. Sprecht mit anderen, wie sie die Situation erleben und wie es ihnen damit geht. Und findet möglicherweise gemeinsam Lösungen und packt eure Ideen zusammen. In dieser Zeit ist es eine große Sportfamilie, die zusammenhalten muss. Da kann sich auch der Fußballer mit dem Schwimmer, der Leichtathlet mit dem Skifahrer und der Judoka mit dem Radfahrer austauschen. Ich bin sicher, jeder wird daraus was mitnehmen, wenn er den Sport liebt.
Kontaktaufnahme
Für weitere und individuelle Hilfen in dieser schwierigen Zeit, kontaktiert gerne meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zur Profilseite von Kathrin Seufert). Tipp: Auf der Übersichtsseite könnt ihr entweder nach Experten für eure Sportart oder in eurer Nähe sorgen.
Darüber hinaus wünsche ich euch einen guten Start ins Jahr, haltet durch, beginnt bei euch und bleibt gesund!
Am 31.12.2020 stand sie nun da: Die Zahl 1097. Das sind die Tage, die ich mittlerweile „auf dem Tacho habe“, wenn es um das tägliche Laufen geht. 1097 Tage sind genau drei Jahre. Am 01.01.2018 begann ein persönliches Experiment, das ursprünglich mal auf ein Jahr ausgelegt war. Ich wollte wissen, ob es möglich ist, ein Jahr lang, jeden Tag (mindestens eine Meile weit) zu laufen. Ich war dann erstaunt, „wie einfach“ das eigentlich war und das ich diese eine Meile niemals ziehen musste, denn es waren eigentlich immer mindestens fünf Kilometer – eigentlich eher mehr. Und so war ich nach dem ersten Jahr 2900 Kilometer, im zweiten Jahr 2750 Kilometer und im nun absolvierten dritten Jahr 2800 Kilometer gelaufen. Das sind ca. 8,4 Kilometer im Schnitt pro Tag. Das sieht sehr nach Konstanz aus. Und so ist es vermutlich auch. Das scheint meine persönliche Komfortzone zu sein oder die Kritiker dieses Verhaltens würden es wahrscheinlich das Mindestmaß an Verhaltens-Sucht-Konsum nennen, damit ich weiter im Alltag funktionieren kann.
Zum Thema:Erfahrungsbericht zu drei Jahren Streakrunning
Zu dieser Frage gibt es in der Tat eine kontrovers geführte Diskussion. Ist das ein normales Verhalten? Ist das nicht eher eine Verhaltenssucht? Oder ist das Gegenteil (nämlich sich nicht täglich zu bewegen) ein normales Verhalten? Brauchen wir nicht Ruhe und Entspannung, um im Alltag weiter funktionieren zu können?
Ich könnte diese Diskussion hier natürlich weiterführen – wissenschaftliche Studien bemühen, die eine oder die andere Position stärker in den Fokus zu rücken, aber das ist weder mein Anliegen, noch würde es einem relativ kurzen Blog-Beitrag gerecht werden. Dennoch werde ich danach immer gefragt, denn ich bin ja nicht nur ein Streakrunner, sondern auch Sportwissenschaftler, der mitunter auch gerne mal in der Öffentlichkeit Position zu der einen oder anderen Frage bezieht (sofern diese meine Expertise betrifft). Und je häufiger ich hierzu Interviews gebe oder man mich – zumeist implizit – nach meinen möglichen Entzugserscheinungen fragt, wenn ich aufhören müsste, habe ich eigentlich gar keine Lust mehr, mich weiter dazu zu äußern. In der Tat habe ich ein fast fertiges Buch zum Streakrunning (und hier insbesondere zu meinen Erfahrungen, gekoppelt mit Ergebnissen und Erklärungsmodellen aus der sportpsychologischen Forschung „in der Schublade liegen“. Ich schaffe es aber derzeit nicht, es fertig zu schreiben. Warum? Wahrscheinlich, weil ich einfach noch nicht mit fertig bin – weder mit dem täglichen Laufen noch mit dem „mir darüber Gedanken machen“.
Besser durch die Pandemie?
Worüber ich sehr glücklich bin ist die Tatsache, dass ich zu diesem Verhalten „gefunden habe“. Es bereichert mich, es gibt mir (fast) jeden Tag neue Kraft und Mut mich den (gerade in Corona-Zeiten) Anforderungen des Berufs- und Familienalltages zu stellen. Es gibt die tägliche, ganz persönliche Zeit, die ich nur für mich brauche – wo es eben nur um mich und meine Belange, Wünsche und Gedanken geht. Es hält mich im Großen und Ganzen gesund und fit. Ich lerne tagtäglich dazu, so z.B. dieses Jahr, dass man auch mit einer Rippenprellung laufen kann, was dann zwar kein besonderer Spaß ist, aber Schmerz, nicht laufen zu können viel stärker ist als der Schmerz, der aus meinem Brustkorb kommt. Es macht mich im Wesentlichen gelassener und „aufgeräumter“ und es vermittelt mir immer wieder Erfahrungen, Wahrnehmungen und Emotionen, die ich wahrscheinlich nicht hätte, würde ich das nicht tun. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass ich durch das tägliche Laufen besser durch diese aktuelle Pandemie komme. Ich bin außerdem auch glücklich über die Menschen, die ich in diesem Zusammenhang kennen lernen durfte. Ich nenne jetzt keine Namen, weil ich sie jetzt nicht danach gefragt habe, ob ich sie nennen darf, aber die meisten wissen natürlich, dass sie gemeint sind, wenn sie das hier lesen. Danke an den „Sensei“ aus Leipzig, der für mich ein perfektes „Rollenmodell“ ist, was das tägliche Laufen betrifft (und der das im Vergleich zu mir – schon mehr als doppelt so lang macht). Danke auch an den verrückten Gleichgesinnten aus Wermelskirchen, der mich mit seinen Beiträgen in der Öffentlichkeit zum Thema immer wieder zum Lächeln bringt und danke auch für die Feedbacks und Gespräche mit der immer-wieder-mal-täglich-Läuferin aus Wandlitz, die ich führen konnte. Ihr habt mich nicht nur beeindruckt, sondern auch mit Eurem Tun nachhaltig beeinflusst.
Was mich nach wie vor sehr ärgert, ist die immer wieder vorkommende Stigmatisierung seitens einiger Medien, aber auch sehr undifferenzierte Aussagen aus der Öffentlichkeit zu diesem Thema. Es ist meistens irgendetwas zwischen einerseits großer „Bewunderung“ und andererseits abfälliger Bemerkungen hinsichtlich einer psycho-pathologischen Störung. Beide Positionen sind aus meiner Sicht überzogen. Man muss uns Täglichläufer weder dafür bewundern noch uns eine Suchterkrankung attestieren. Warum kann man das tägliche Laufen nicht einfach als das akzeptieren, was es ist. Einfaches und simples, systematisches und nachhaltiges Bewegungsverhalten einmal täglich. Punkt. Keiner zwingt uns dazu. Kein Arzt verschreibt es. Wir tun es freiwillig und in der Regel sind alle Täglichläufer davon und dadurch in irgendeiner Art und Weise „erfüllt“. Das ist es auch schon. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Eine gute Bildung ist entscheidend für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen. Das ist klar. Aber was genau ist gute Bildung im Fußball, vor allem in einer Zeit der stetigen Umbrüche, in der sich die Anforderungen an Fußballer stetig verändern? Was brauchen unsere Jüngsten von uns, damit sie sich Wissen und Können aneignen und gleichzeitig individuelle Orientierung im sportlichen Leben finden können? Wie lernen sie, wie das Zusammenleben im Verein, in der Mannschaft und im 21. Jahrhundert wirklich gelingen kann? Unsere Nachwuchsleistungszentren bekommen das nicht allein hin. Dafür braucht es jetzt uns alle. Dieser Beitrag ist ein Mutmacher für kleine Vereine, Trainer, Eltern und alle, denen unsere Kids am Herzen liegen.
Zum Thema: Bildung im Deutschen Fußball
Für ein gelingendes Fußball-Leben brauchen wir vor allem eins: Ein neues Bildungskonzept im Deutschen Fußball!
Dr. René Paasch
Um es gleich von Anfang an deutlich zu machen: Ich bin kein Fußball-Lehrer, Ausbildungsleiter der Fußball-Akademie und nicht festangestellt im Leistungsfußball. Ich bin Psychologe, freiberuflicher Sportpsychologe, Sportpädagoge und Sportwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Leistungssport. Aber vor allem bin ich ein lebendiger Mensch, ein Vater mit großer Verbindung zum Fußball und auf der Suche nach dem, was uns und unsere Kinder im Deutschen Fußball glücklich macht. Mit zahlreichen Akteuren aus dem Fußball und unserem Netzwerk „Die Sportpsychologen“ können wir uns das gegenwärtige Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit dem nötigen Abstand anschauen. Klar, dass wir so manches anders bewerten als diejenigen, die selbst Teil dieses Systems sind. Schauen wir uns dies näher an. Los geht’s…
Veränderung liegt in der Luft. Sogar der DFB, auch die in den Nachwuchsleistungszentren tätigen Personen und vor allem die um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern spüren es seit einigen Jahren immer deutlicher: So rasch hat sich der Fußball und die Welt noch nie verändert. Allen ist klar, dass sich dieser einhergehende Veränderungsprozess und die nachweisbaren Vorsprünge anderer Fußball-Nationen künftig noch weiter beschleunigen werden. Wer jetzt nicht aufwacht und sich lernend auf den Weg macht, wird schnell den Anschluss verlieren. Bezeichnen wir es also als unstrittig, wie wichtig eine möglichst gute Bildung für unsere Kinder und Jugendlichen auf und neben dem Platz ist.
Verändertes Training, Reform der Trainerausbildung und Individualität
Aber schon bei der Frage, wie diese optimale Bildung im Deutschen Fußball aussehen soll, scheiden sich die Geister. Manche fordern intensivere und verbesserte Trainingsinhalte oder die Reform der Trainerausbildung, andere meinen auf die Aneignung von individuellen fußballerischen Kompetenzen komme es vor allem an. Manche finden die Förderung der besonders Begabten als notwendig. Und so geht die Debatte im Deutschen Fußball dann auch munter weiter: Solange wie möglich in ihren Heimatvereinen verbleiben oder ab in die Nachwuchsleistungszentren, individuelle Förderung oder Fußballinternate und -schulen, Entwicklung in Teams oder einzeln. Kleiner oder großer Verein, Frühzeitiges Aussortieren und nur Talente fördern oder keinen Spieler zurücklassen…
Zu jeder Frage gibt es ebenso hitzige wie zermürbende Diskussionen darüber, was denn nun das geeignetere Vorgehen sei. Aber Uneinigkeit herrscht nicht nur hinsichtlich der Frage, wie eine optimale Entwicklung eines Kindes im Fußball auszusehen hat. Noch viel breiter wird das Spektrum an Vorschlägen und Ideen, wenn es darum geht, welche Inhalte in den Vereinen angeboten werden sollen. Trainingspläne und -umfänge abspecken sagen die einen, erfahrene Trainer in den jüngeren Jahrgängen, mehr individuelle Förderung oder die Entwicklung besonderer Charaktere, fordern die anderen. Persönlichkeitsentwicklung und fußballerische Fertigkeiten dürften nicht vernachlässigt werden, aber der Leistungsgedanke und das Gewinnen ebenso nicht. Und gleichzeitig wächst die Liste mit Vorschlägen, was noch alles in den Vereinen unterrichtet werden sollte: vom Sozialverhalten auf und neben dem Platz über vielfältige Sportangebote bis hin zu mentaler Stärke, Erziehung und selbstverständlich auch dem Umgang mit digitalen Trainingsmöglichkeiten. Die Aufzählung all der vielen Vorschläge und Forderungen, die alle entweder darauf abzielen wie künftig besser in den Vereinen trainiert und gelernt werden sollte, ließe sich noch beliebig erweitern. Und natürlich kann man dann auch trefflich darüber debattieren, was davon tatsächlich geeignet ist, um eine möglichst gute Bildung für möglichst viele Heranwachsende Spieler zu erreichen.
Meine Forderung: Mehr Mensch im Fußball
Wer dieses ganze Hin und Her und das ständige Für und Wider des deutschen Fußballs als unbefangener Beobachter von außen betrachtet, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, für mehr Mensch im Fußball. Nicht irgendetwas, sondern etwas ganz Grundsätzliches. Dieses Durcheinander ordnet sich erst dann, wenn die Mitglieder eines Verbandes sich über den Sinn und Zweck ihres Tuns einig geworden sind. Für das Bemühen um eine möglichst gute Bildung heißt das: Solange es nicht gelingt, uns miteinander darauf zu verständigen, wofür Bildung im Deutschen Fußball gebraucht wird, welche Ziele an der Basis umgesetzt werden sollen und wozu sie Kinder und Jugendliche befähigen sollen, werden wir uns auch weiterhin in einer ständig wachsenden Fülle an gut gemeinten Vorschlägen und wohl begründeten Forderungen zur Verbesserung der Bildung verheddern. Sollten wir deshalb nicht lieber bei denjenigen Rat suchen, denen weniger ihr Leistungspotential und ihre Karriere am Herzen liegen, sondern – so sehr es nur geht – die Zukunft der interessierten Kicker?
Das können auch Trainer, Vereinsmanager oder Mentoren sein, aber das sind immer und zuallererst diejenigen, die diesen Kindern ihr Leben geschenkt, die sie begleitet und so gut sie das vermochten, großgezogen haben. Und was antworten die meisten Spielereltern, wenn sie gefragt werden, was sie sich für ihre Kinder wünschen? „Glücklich sollen sie sein, jetzt schon, aber auch noch später als Erwachsene.“ Und wenn man die Eltern dann weiter befragt, was ihrer Meinung nach jedes Kind wirklich braucht, um sein sportliches Leben so gestalten zu können, dass es glücklich wird und viel spielen darf, kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen: eine Tätigkeit, die Freude macht, verlässliche Teamkollegen und fürsorgliche Trainer, die zu ihm halten und natürlich auch Geborgenheit, Vertrauen, Zuversicht, eine förderliche Sprachkultur sowie Herausforderungen und immer wieder ganz viel Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Tun. Finden wir solche Denk- und Verhaltensweisen im Deutschen Fußball? Nur vereinzelt!
Konkrete Ansätze
Möglicherweise kommt es gar nicht darauf an, eine erfolgreiche Fußball-Nation zu sein. „Denn aus meiner Sicht sind wir das“. Möglicherweise ist es viel wichtiger Talente zu entwickeln, damit einem möglichst vieles im Fußball gelingt. Nun sind wir endlich dort angekommen, wo die Frage nach dem Sinn der Bildung im Deutschen Fußball spannend wird: Wir können nicht in die Haut unserer Kinder und Jugendlichen schlüpfen, selbst wenn wir uns noch so sehr darum bemühen. Aber wir können ihnen ermöglichen, sich all das Notwendige anzueignen, damit sie ihr sportliches Leben so gestalten können, dass es gelingt. Und das, was sie dazu benötigen und was wir ihnen dafür mit auf den Weg geben können, ist Bildung. Bildung für ein gelingendes Fußball-Leben. Alles andere ist Ausbildung.
Hier einige Anregungen für eine verbesserte Bildung im Deutschen Fußball:
Wie sollten wir diese Bildung nun im Deutschen Fußball angehen? Der allerwichtigste Schritt wird es sein, dass die Vereine in ihrem Alltag die Bildung für ein gelingendes sportliches Fußball-Leben möglich machen, wie bspw. eine positive Fehlerkultur, Erlebnisse statt Ergebnisse, Mentorenprogramme für Spieler und Trainer, die Trainerausbildung für mehr Menschlichkeit und soziale Kompetenzen entwickeln, emotionale Verbundenheit und Autonomie ermöglichen u.v.m. Ob mit oder ohne Reformierung der Trainerausbildung im Deutschen Fußball und im Vereinssport – unsere Kinder und Jugendliche sind auf solche Erfahrungswelten im Fußball angewiesen.
Vier Wettkämpfe innerhalb weniger Tage. Dazu die stetigen Ortswechsel von Oberstdorf, über Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck bis nach Bischofshofen. Keine Frage, die Vierschanzentournee ist eine extreme Herausforderung für die internationale Skisprungelite. Im Corona-Winter 2020/2021 kommen aber noch zusätzliche Erschwernisse hinzu – nehmen wir den Umgang mit Covid19-Infektionen, Quarantänephasen und natürlich die Tatsache, dass alle Wettbewerbe der 69. Vierschanzentournee ohne Zuschauer ausgetragen werden.
Einige unserer Experten aus dem Netzwerk haben bereits sehr intensiv in der Sportart Skispringen gearbeitet. So nicht zuletzt Dr. Hanspeter Gubelmann, der viele Jahre den Schweizer Simon Ammann betreute. Wir haben den Experten gefragt, welche Rolle die Sportpsychologie in den Tagen der Vierschanzentournee spielt und was die Athleten, gerade unter Corona-Bedingungen leisten müssen:
Im deutschen Fußball wird über Veränderungen nachgedacht. Durchaus intensiv. Aber wo ansetzen? Susanne Amar, Bloggerin, Autorin und Coach, hat sich Dr. René Paasch in ihren Podcast eingeladen. Und beide tauchen ab in die Tiefen der Nachwuchsförderung. Paasch und Amar entwickelnim Gespräch zahlreiche Steilpässe, die gern von Verantwortlichen in Verbänden, Vereinen und Nachwuchsleistungszentren aufnehmen dürfen. Ganz im Sinne einer positiven Veränderung.
Podcasts sind eine hervorragende Bühne, um sportpsychologische Inhalte einem breiten Sportpublikum zu transportieren. Markus Gretz war Ende 2020 von den Kollegen von „Spindgespräch“ eingeladen. In 45 Minuten wird unser Mann aus Süddeutschland mit zahlreichen super praxisnahen Fragen gelöchert. Anfangs spielen Beispiele von großen Sportpersönlichkeiten eine große Rolle. Später geht es in die Tiefe von Markus praktischer Arbeit in seiner Praxis in Ulm. Hört mal rein:
Viele junge Trainer haben ein riesiges Interesse an sportpsychologischen Themen. Allerdings fehlt in vielen Sportarten ein wirklich einfacher Zugang zum Fachwissen. Entsprechend gern war Dr. René Paasch zu Gast im Video-Podcast Trainerevolution. Im knapp 40-minütigen Gespräch gibt es viel Input, es werden viele Mythen beiseite geräumt und spannende Fragen beantwortet. Schaut mal rein:
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Wir von Die Sportpsychologen werden immer häufiger von Unternehmen angesprochen. Deren Wunsch: Wir sollen unser Wissen aus dem Sport in das Wirtschaftsleben übersetzen. Ein Verstärker ist dabei sicher das Jahr 2020, welches uns alle – ganz egal, ob im Sport oder im “normalen” Berufsleben – vor ganz neue Herausforderungen gestellt hat. Die wohl gravierendste berufliche Veränderung, die Corona mit sich gebracht hat, ist das Arbeiten im Homeoffice. Während anfangs noch eine gewisse Faszination davon ausging, von zu Hause zu arbeiten, in Jogginghose beim Meeting zu sitzen oder die gewonnene Flexibilität zu nutzen, herrscht inzwischen eine alltägliche Tristesse. Viele Arbeitnehmer sehnen sich wieder nach ihrem Büro, allerdings ist trotz des nun zugelassen Impfstoffes nicht klar, wann und ob es so etwas wieder geben wird. Gleichzeitig haben Arbeitgeber sicherlich Interesse daran, weniger Büroräume vorhalten zu müssen. Es ist also in jedem Fall wichtig, die Arbeit im Homeoffice so angenehm und produktiv wie möglich zu gestalten. Wie das funktioniert erklärt Dr. Christian Reinhardt von Die Sportpsychologen, natürlich im Rückgriff auf das Wissen, welches im Sport allgegenwärtig sein sollte.
Zum Thema: Wissenstransfer zwischen Sport und Business
Zwei Faktoren beeinflussen, wie gerne und wie effektiv wir im Homeoffice arbeiten: Das Setup, also die Einrichtung des Arbeitsplatzes und die Struktur des Arbeitstages bzw. die Arbeitsweise.
Setup
Es ist wichtig einen Arbeitsplatz einzurichten. Dieser muss auch nicht besonders groß sein, aber eine Fläche bieten, die es erlaubt ergonomisch vor dem Rechner zu sitzen und ggf. Unterlagen abzulegen oder einsehbar zu platzieren. Einen festen und im Optimalfall abgegrenzten Arbeitsbereich zu haben ist von enormer Bedeutung, weil es das Arbeiten erleichtert und gleichzeitig vom sonstigen Privatleben abgrenzt.
Achten Sie auf eine gute Beleuchtung. Wie im Büro auch sollte der Heimarbeitsplatz so sauber und aufgeräumt wie möglich sein. Gleiches gilt auch für den Desktop. Der schöne Desktophintergrund, der Sie an einen großartigen Ort oder eine besondere Person erinnern soll, tut im Zweifel genau das, und zwar während Sie eigentlich arbeiten wollen. Alles, was nicht direkt mit der Arbeit zu tun hat, muss weg. Sonst werden wir Opfer des AIDA-Prinzips (Lewis, 1989). Letzteres hat nichts mit Kreuzfahrten zu tun. Vielmehr handelt es sich um eines der bekanntesten Marketing-Modelle. Das Akronym steht für Attention, Interest, Desire, Action und beschreibt so im Sinne eines Pre-Sales-Prinzips Stufen, die sukzessive durchlaufen werden müssen, damit es zu einer (Kauf-) Handlung kommt. Leider funktioniert dieser Mechanismus auch hervorragend am (Heim-) Arbeitsplatz. Ein Objekt, dass dort rumliegt, erweckt zwangsläufig unsere Aufmerksamkeit (Attention). Beispielsweise ein Handy. Klingelt oder brummt das Handy, ist das Interesse (Interest) endgültig geweckt und der Wunsch (Desire) nach dem Objekt ausgelöst. Sehr wahrscheinlich folgt dann die Handlung (Action) der Handynutzung. In Bezug auf das Setting ist also weniger auf jeden Fall mehr.
Struktur/Arbeitsweise
Im normalen Büroalltag wird die Struktur des Arbeitstages weitgehend vorgegeben. Das Wegfallen dieser Regelung kann eine Herausforderung darstellen. Wer unstrukturiert durch den Homeoffice-Tag schlendert, der erreicht weniger und arbeitet oft länger. Es ist daher zielführend, sich einen festen Tagesablauf zu gestalten. Optimaler Weise beginnt der Tag mit einer Routine bspw. Aufstehen, Badezimmer, ggf. Sport, Frühstück und/oder Kaffee und dann der Check-in im Homeoffice. Wer keinen Sport machen möchte, der kann kurz spazieren, um an die frische Luft zu kommen – ein Reiz, der fehlt – wenn es keinen Arbeitsweg gibt. Der Check in, also das Betreten des eigenen Büros ist zum einen wichtig, weil es mit dem späteren Check-out den Arbeitstag vom privaten klar abgrenzt und gleichzeitig ein Signal setzt ‚Jetzt beginnt der Arbeitstag‘. Zuvor sollte nichts Berufliches gemacht werden, also keine Mails beim Frühstück lesen etc. Ein möglicher Start kann auch ein virtueller Kaffee mit einem oder mehreren Kollegen sein. Ein solches informelles Meeting hat mehrere positive Effekte. So erinnert es uns an das Team, dessen Teil wir sind, und wirkt so dem Isolationsgefühl im Homeoffice entgegen. Gleichzeitig werden Informationen ausgetauscht, die wichtig sein können. Was machen die anderen, welche Entwicklungen gibt es, habe ich den gleichen Workload und Output wie der Rest?…
Nach dem Start empfiehlt es sich, eine To-Do-Liste für den Tag anzufertigen (wenn nicht schon vorhanden). In den meisten Fällen werden diesen Listen zu optimistisch zusammengestellt. Die Aufgaben sind zu umfangreich und am Ende des Tages, sind nur die Hälfte erledigt. So entsteht der Eindruck, dass man nicht produktiv war und die Arbeit nie ein Ende nehmen wird. Also besser realistisch, als zu optimistisch planen. Außerdem ist es sinnvoll, komplexe Punkte auf der To-Do-Liste zu untergliedern, da Sie sonst erst nach mehreren Stunden einen Haken hinter den entsprechenden Punkt machen können. Schließlich sollten die Punkte auf der Liste noch geordnet werden. Was muss zuerst erledigt sein (Deadline) und was ist besonders schwer? Wir neigen dazu, die unangenehmen oder schwierigen Aufgaben ans Ende zu stellen. Also an einen Zeitpunkt zu setzen, den wir entweder gar nicht mehr realisieren können oder zu dem wir eigentlich schon erschöpft sind und in den Feierabend wollen. Im Resultat verschieben wir auf den nächsten Tag, fühlen uns nicht gut, weil die Aufgabe immer noch im Hinterkopf ist, um dann morgen das Thema wieder hinten anzustellen… Insofern empfiehlt es sich, diese Aufgaben ganz nach oben auf die Liste zu setzen. Den Haken dann zu setzen, fühlt sich gut an und die anderen Punkte erledigen sich sehr viel einfacher.
Pausen als ein Muss, Präsenz als heißer Tipp
Wer arbeitet muss auch Pausen machen. Es ist ratsam, diese vorher zu planen und in den Pausen den Arbeitsplatz zu verlassen. Ebenfalls ratsam ist eine gesunde Ernährung. Im Homeoffice fällt das Kantinenessen weg. Inwiefern das tatsächlich fehlt, ist wahrscheinlich stark von der Kantine und den eigenen Ansprüchen abhängig. Zu Hause gibt es auf jeden Fall keine Ausrede, sich nicht gut und ausgewogen zu ernähren. Belohnen sie sich mit dem Essen (und ggf. auch schon dem Kochen) für Ihre Selbstdisziplin im Homeoffice.
Bleiben Sie bei Ihrem Chef und Ihren Kollegen präsent. Nutzen sie dazu die immer häufiger stattfindenden Videokonferenzen. Das Ausschalten von Kamera und Mikrofon ist sicherlich verlockend, hilft aber niemandem. Also Kamera an, Mikrofon an und aktiv beteiligen. Das sorgt für eine bessere Wahrnehmung Ihrer Person und gleichzeitig für mehr Zufriedenheit bei Ihnen. Falls Sie unsicher bei Videokonferenzen sind, ist hier ein hervorragendes Video zu den 10 wichtigsten Tipps für einen professionellen Auftritt in solchen Formaten: https://www.youtube.com/watch?v=VbOf7yCjE7g
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Der Homeoffice-Tag endet mit dem Check-out aus dem Heim-Büro. Jetzt müssen Sie der Versuchung widerstehen noch einmal kurz eine Mail zu schreiben oder schnell noch das Memo anzufertigen, was nicht einfach ist, da das neue Büro so einfach zu erreichen ist. Genau da liegt aber das Problem. Fakt ist, dass Sie nämlich nichts nur „kurz“ machen. So hat ein Bericht von Forbes gezeigt, dass die meisten Menschen dieser Versuchung erliegen und deutlich länger im Homeoffice arbeiten als im Büro. Aus dem gleichen Grund nimmt auch das Arbeiten an Feiertagen zu. Auch wenn es sich zunächst anders anfühlt, mit dem zusätzlichen Arbeitspensum insbesondere an Feiertagen tun Sie sich keinen Gefallen. Die Erholung und vor allem die Abgrenzung von Arbeit und Freizeit ist für unsere psychische Gesundheit wichtig. In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, wenn Sie sich für das Homeoffice „arbeitsgerecht“ anziehen. Es muss kein Designer-Anzug sein, aber eben auch keine Jogginghose. Nach dem offiziellen Feierabend darf es dann legerer zugehen. Dieser Unterschied erleichtert auch noch einmal die Trennung von Arbeits- und Privatleben.
Grundsätzlich gilt: Gestalten Sie Ihren Homeoffice-Arbeitsplatz und -Tag so angenehm wie möglich. Investieren sie lieber einige Stunden in die Gestaltung und arbeiten Sie danach jeden Tag in einer schöneren Atmosphäre.
Komponente Kinder
Eine besondere Komponente erhält das Homeoffice in Zeiten des Lockdowns, wenn Kinder im Haus sind. Ein Kind ist – bezogen auf die zu investierende Zeit – ein Job für sich. Insofern ist völlig klar, dass Homeoffice und Kinder eine besondere Strukturierung und vor allem jede Menge Flexibilität erfordern. Bezogen auf die Struktur heißt das, dass präzise geklärt sein muss, wer in einer Beziehung wann auf die Kinder aufpasst und wann im Homeoffice ist. Schichtbetrieb ist hier das Stichwort. Gleichzeitig müssen bei der Tagesplanung mehr Reserven gelassen werden. Es lässt sich fast nicht verhindern, dass die Kinder Vater oder Mutter kurz etwas erzählen möchten und in dem Zusammenhang gleich mal auf Löschen drücken, das Setting für die Videokonferenzen neu anordnen oder wichtiges Equipment für Spielzwecke rekrutieren. Insofern muss priorisiert werden, wann darf gestört werden und wann sollte wirklich Ruhe herrschen. Es bietet sich an, die Kinder in diesen Prozess einzubeziehen. Das oder die Kinder können bspw. ein schöne „Auf Sendung“- oder “On Air”-Schild basteln, das im Fall von Videokonferenzen (oder bei sensiblen Arbeitsaufgaben) außen an die Tür des Homeoffice gehangen wird.
Gern stehen meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Christian Reinhardt) zur Verfügung, wenn Sie mehr Wissen aus dem Sport in ihr normales oder berufliches Leben transferieren wollen. Einzel-Coachings, Weiterbildungen, Workshops oder Vorträge – vor Ort, digital oder beides – kommen Sie auf uns zu, um vom Sport zu lernen. Hier finden Sie eine Übersicht unserer Angebote: https://www.die-sportpsychologen.de/category/angebote/