Johannes Wunder: Flow in Sport und Business – kein zufälliger Zustand

Gerade im Ausdauersport sprechen wir immer wieder von Flow. Doch die Frage stellt sich, was ist Flow überhaupt? Und gibt es Flow nur im Sport oder auch im Business und Alltagsleben? Der freie Wissenschaftler und Coach Dr. Simon Sirch und ich haben uns vor einigen Wochen in Nürnberg getroffen, um genau diese Fragen zu beantworten. Dabei herausgekommen ist eine mehrteilige Videoserie, welche tiefe Einblicke in das Flow-Erleben gibt. Nachfolgend möchte ich auf einige Teilbereiche kurz eingehen. Die entsprechenden Videos und Mitschnitte sind natürlich auch verlinkt.

Zum Thema: Flow-Erleben in Sport und Business

Natürliche Bewusstseinszustände (Quelle: Dr. Simon Sirch)

Flow ist ein wissenschaftliches Phänomen welches messbar ist und sich im Bereich von 8-12 Herz der durchschnittlichen Gehirnfrequenz abspielt (Hornig, 2013). Das bedeutet, das für ein Flow-Erleben ein Aktivitätslevel notwendig ist, welches weder zu stark noch zu schwach ist. 

Abgesehen von der rein physischen Ebene, gibt es aber auch einige Merkmale, die sich mental wiederfinden lassen. Die drei Hauptkriterien zur Steigerung des Flow-Zustands sind:

  1. Voller Fokus im Hier und Jetzt
  2. Eine innige Verbindung mit der Tätigkeit
  3. Selbstwirksamkeit beim Tun

Sind alle drei Kriterien erfüllt, wird ein Flow-Erleben sehr wahrscheinlich. Klar ist auch: Bin ich in der Lage, die Kriterien willentlich zu beeinflussen, kann ich somit auch willentlich Flow-Momente herstellen. 

Der Weg zum „Hier und Jetzt“

Viele Athleten reden von Fokus und auch vom im „Hier und Jetzt“ sein. Doch immer wieder sind einige Sportler nicht in der Lage, diesen Zustand herzustellen. Ein Kernelement, welches direkte Auswirkungen auf dieses Kriterium hat, ist das Training der Achtsamkeit in Form von Übungen, wie zum Beispiel Meditation. Hier geht es vor allem darum, regelmäßig den Fokus herzustellen, zu bündeln und zu trainieren. Was in Ruhe praktiziert wird, kann Stück für Stück auch in den Alltag und schlussendlich in Wettkampfsituationen angewandt werden. Weitere interessante Beispiele haben wir in unserem Interview besprochen.

Resonanz und Selbstwirksamkeit

Wie sieht es hingegen mit dem zweiten Kriterium für Flow aus? Bei Sportlern ist die eigentliche Tätigkeit natürlich das Sporttreiben als solches – so weit, so klar. Doch wie schafft man es, hierzu eine innige Verbindung herzustellen? Das Stichwort ist Resonanz. Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa hat die Hintergründe von Resonanzbeziehungen hinreichend erforscht. Diese Verbindung zur Tätigkeit entsteht natürlich nicht immer von allein, auch hier können einige Tricks helfen. Ein sportliches Ziel und die Aufteilung in Teilziele macht es der Resonanz einfacher „vorbeizuschauen“. Aber nicht nur Ziele, sondern auch eine Vision generell – ob nun sportlich, privat oder persönlich. Wenn ich mir im Klaren bin, wo es hingehen soll, fällt die Motivation leichter und die Verbindung wird intensiver. Ähnliches natürlich auch im Mannschaftssport. Wenn jedes Teammitglied weiß, wofür es in der Halle oder auf dem Platz steht, wird das Flow-Erleben auch im Team wahrscheinlich.

Der dritte Punkt Selbstwirksamkeit kann hier wortwörtlich genommen werden. Es geht darum, mit seinem eigenen Tun wirksam zu sein. Sich selbst, wirksam zu erleben. Sportler müssen also in der Lage sein, ihr eigenes Tun zu beobachten, die resultierenden Wirkungen zu registrieren und entsprechend einzuordnen. Nicht umsonst, erleben viele Menschen in der Kunst unheimliche Selbstwirksamkeit: Das Ergebnis ist sofort sichtbar! Bei Sportlern ist das durch die einseitige Zielfokussierung nicht immer beobachtbar. Nehmen wir eine gewünschte Top-Platzierung bei einem Wettkampf als Ziel. Viele Athleten haben auf dem Weg dorthin nur das Endziel im Blick und sind nicht in der Lage, die Teilschritte so zu registrieren, dass auch hier Motivation und Energie gezogen wird. Neben der Tatsache, dass der unheimliche Zeitaufwand des Trainings bis zur Zielerreichung ungeachtet bleibt, wird es an einem Punkt kritisch: Was passiert, wenn das Ziel nicht erreicht wird, und währenddessen keine Selbstwirksamkeit erlebt wurde?

Parallelen zwischen Sport und Business

Simon Sirch und ich sprechen auch über die Parallelen zum Business. Denn auch hier herrscht eine große Zielfokussierung vor. Themen wie Resonanz und Achtsamkeit finden bei vielen Unternehmern keinen Platz im Alltag, können aber unheimlich hilfreich sein.

Denn eines ist in Sport und Business definitiv gleich: Die Akteure sind so genannte High-Performer. Es geht häufig nur um die Leistung, und diese muss auf den Punkt erbracht werden können. Für eine gesunde und nachhaltige Zielerreichung, aber auch generell Arbeitswelt sind Themen wie Flow deshalb von großer Bedeutung.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/19/jan-d-deneke-surfen-die-essenz-vom-hier-und-jetzt/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/09/mila-hanke-zielsetzung-vor-und-nach-grossen-erfolgen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/09/01/thorsten-loch-leistungsabfall-unter-druck/

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