Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Kunst, sich einmal am Tag die Laufschuhe zu binden

Am 31.12.2020 stand sie nun da: Die Zahl 1097. Das sind die Tage, die ich mittlerweile „auf dem Tacho habe“, wenn es um das tägliche Laufen geht. 1097 Tage sind genau drei Jahre. Am 01.01.2018 begann ein persönliches Experiment, das ursprünglich mal auf ein Jahr ausgelegt war. Ich wollte wissen, ob es möglich ist, ein Jahr lang, jeden Tag (mindestens eine Meile weit) zu laufen. Ich war dann erstaunt, „wie einfach“ das eigentlich war und das ich diese eine Meile niemals ziehen musste, denn es waren eigentlich immer mindestens fünf Kilometer – eigentlich eher mehr. Und so war ich nach dem ersten Jahr 2900 Kilometer, im zweiten Jahr 2750 Kilometer und im nun absolvierten dritten Jahr 2800 Kilometer gelaufen. Das sind ca. 8,4 Kilometer im Schnitt pro Tag. Das sieht sehr nach Konstanz aus. Und so ist es vermutlich auch. Das scheint meine persönliche Komfortzone zu sein oder die Kritiker dieses Verhaltens würden es wahrscheinlich das Mindestmaß an Verhaltens-Sucht-Konsum nennen, damit ich weiter im Alltag funktionieren kann.    

Zum Thema: Erfahrungsbericht zu drei Jahren Streakrunning

Zu dieser Frage gibt es in der Tat eine kontrovers geführte Diskussion. Ist das ein normales Verhalten? Ist das nicht eher eine Verhaltenssucht? Oder ist das Gegenteil (nämlich sich nicht täglich zu bewegen) ein normales Verhalten? Brauchen wir nicht Ruhe und Entspannung, um im Alltag weiter funktionieren zu können? 

Ich könnte diese Diskussion hier natürlich weiterführen – wissenschaftliche Studien bemühen, die eine oder die andere Position stärker in den Fokus zu rücken, aber das ist weder mein Anliegen, noch würde es einem relativ kurzen Blog-Beitrag gerecht werden. Dennoch werde ich danach immer gefragt, denn ich bin ja nicht nur ein Streakrunner, sondern auch Sportwissenschaftler, der mitunter auch gerne mal in der Öffentlichkeit Position zu der einen oder anderen Frage bezieht (sofern diese meine Expertise betrifft). Und je häufiger ich hierzu Interviews gebe oder man mich – zumeist implizit – nach meinen möglichen Entzugserscheinungen fragt, wenn ich aufhören müsste, habe ich eigentlich gar keine Lust mehr, mich weiter dazu zu äußern. In der Tat habe ich ein fast fertiges Buch zum Streakrunning (und hier insbesondere zu meinen Erfahrungen, gekoppelt mit Ergebnissen und Erklärungsmodellen aus der sportpsychologischen Forschung „in der Schublade liegen“. Ich schaffe es aber derzeit nicht, es fertig zu schreiben. Warum? Wahrscheinlich, weil ich einfach noch nicht mit fertig bin – weder mit dem täglichen Laufen noch mit dem „mir darüber Gedanken machen“. 

Besser durch die Pandemie?

Worüber ich sehr glücklich bin ist die Tatsache, dass ich zu diesem Verhalten „gefunden habe“. Es bereichert mich, es gibt mir (fast) jeden Tag neue Kraft und Mut mich den (gerade in Corona-Zeiten) Anforderungen des Berufs- und Familienalltages zu stellen. Es gibt die tägliche, ganz persönliche Zeit, die ich nur für mich brauche – wo es eben nur um mich und meine Belange, Wünsche und Gedanken geht. Es hält mich im Großen und Ganzen gesund und fit. Ich lerne tagtäglich dazu, so z.B. dieses Jahr, dass man auch mit einer Rippenprellung laufen kann, was dann zwar kein besonderer Spaß ist, aber Schmerz, nicht laufen zu können viel stärker ist als der Schmerz, der aus meinem Brustkorb kommt. Es macht mich im Wesentlichen gelassener und „aufgeräumter“ und es vermittelt mir immer wieder Erfahrungen, Wahrnehmungen und Emotionen, die ich wahrscheinlich nicht hätte, würde ich das nicht tun. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass ich durch das tägliche Laufen besser durch diese aktuelle Pandemie komme. Ich bin außerdem auch glücklich über die Menschen, die ich in diesem Zusammenhang kennen lernen durfte. Ich nenne jetzt keine Namen, weil ich sie jetzt nicht danach gefragt habe, ob ich sie nennen darf, aber die meisten wissen natürlich, dass sie gemeint sind, wenn sie das hier lesen. Danke an den „Sensei“ aus Leipzig, der für mich ein perfektes „Rollenmodell“ ist, was das tägliche Laufen betrifft (und der das im Vergleich zu mir – schon mehr als doppelt so lang macht). Danke auch an den verrückten Gleichgesinnten aus Wermelskirchen, der mich mit seinen Beiträgen in der Öffentlichkeit zum Thema immer wieder zum Lächeln bringt und danke auch für die Feedbacks und Gespräche mit der immer-wieder-mal-täglich-Läuferin aus Wandlitz, die ich führen konnte. Ihr habt mich nicht nur beeindruckt, sondern auch mit Eurem Tun nachhaltig beeinflusst.    

Was mich nach wie vor sehr ärgert, ist die immer wieder vorkommende Stigmatisierung seitens einiger Medien, aber auch sehr undifferenzierte Aussagen aus der Öffentlichkeit zu diesem Thema. Es ist meistens irgendetwas zwischen einerseits großer „Bewunderung“ und andererseits abfälliger Bemerkungen hinsichtlich einer psycho-pathologischen Störung. Beide Positionen sind aus meiner Sicht überzogen. Man muss uns Täglichläufer weder dafür bewundern noch uns eine Suchterkrankung attestieren. Warum kann man das tägliche Laufen nicht einfach als das akzeptieren, was es ist. Einfaches und simples, systematisches und nachhaltiges Bewegungsverhalten einmal täglich. Punkt. Keiner zwingt uns dazu. Kein Arzt verschreibt es. Wir tun es freiwillig und in der Regel sind alle Täglichläufer davon und dadurch in irgendeiner Art und Weise „erfüllt“. Das ist es auch schon. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Buchtipp:

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