Dr. René Paasch: Talententwicklung im Nachwuchsfussball

Die sportliche Leistungsfähigkeit eines Nachwuchsspielers wird durch physische, physiologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst. Wie sich diese Voraussetzungen entwickeln, ist immer noch schwer zu bestimmen. Wie aber lässt sich dennoch bestmöglich voraussagen, wer die Fähigkeit dazu hat und was können soziale Prädikatoren eines jungen Leistungskickers aussagen? Dieser spannenden Frage möchte ich in dem nun folgenden Beitrag näher auf den Grund gehen. 

Zum Thema: Soziale Prädikatoren für die Talententwicklung im Nachwuchsfussball 

Die sozialen Eigenschaften eines Nachwuchsspielers haben einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, was er aus seinen vorhandenen sportlichen Talenten und Fähigkeiten macht. Faktoren wie elterliche Unterstützung, Trainer-Spieler-Beziehung, Disziplin, Systematik oder der richtige Umgang mit Kritik und Misserfolg sind es, die letztlich den Unterschied ausmachen können. Diese sind im Sport nahezu ständig gefragt, in der täglichen Arbeit mit dem Trainer und dem Zusammenwirken mit den Mannschaftskameraden. Doch es gibt auch nachteilige Auswirkungen. In einer interessanten Recherche der Sportredaktion der ARD (Sportschau: Hype um junge Fussballer, 2018), wurden Zahlen aus den Nachwuchsleistungszentren veröffentlicht. Von insgesamt 5.736 ehemaligen U19-Nachwuchsspielern, seit dem Jahr 2010/11 stehen aktuell 198 Spieler (3,5 Prozent) im Kader eines Profivereins (Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich). Eine geringe Anzahl, die es zu verbessern gilt. 

Ein Problem stellt sich dar, dass die tatsächlichen Erfolgschancen eines talentierten Spielers im Profi-Fußball sich nicht leicht voraussagen lassen. Denn die individuelle Entwicklung ist von vielen verschiedenen Bedingungen abhängig. In diesem Zusammenhang gibt es ein spannendes Modell von Williams & Reilly (2000). Das Modell mit vier verschiedenen Dimensionen, ermöglicht eine wahrscheinliche Aussage über die Talentidentifikation und -entwicklung im Nachwuchsfussball (s. Abb. 1). 

Abb.1.  Modell der Prädikatoren in der Talentwicklung im Fussball. Mod. Reeves et. al. Soccer & Society, 2018 

Stand der Forschung

Forschungsarbeiten zu den Dimensionen „physische und physiologische Prädiktoren“ für die Talentidentifikation und Talententwicklung im Fußball gibt es reichlich (Dodd & Newans, 2018). Näheres über einzelne Prädikatoren finden Sie auch hier: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/09/dr-rene-paasch-von-wegen-ein-einfacher-pass-exekutivfunktionen-im-fussball/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/12/17/prof-dr-daniel-memmert-kreatives-taktisches-entscheiden-im-fussball/

Hingegen sind die sozialen Prädiktoren für die Talentidentifikation nur wenig erforscht und sind auch ansonsten weniger relevant in der Praxis. Aus diesem Grund versuche ich ein wenig Licht ins Dunkle zu bekommen. Inhaltlich konzentriere ich mich dabei auf folgende vier Faktoren: 

  • Stundenanzahl des Trainings, 
  • Trainer-Spieler-Beziehung
  • Einfluss der Eltern 
  • Schule

Der Einfluss des kulturellen sowie des sozio-ökonomischen Hintergrunds ist wissenschaftlich noch unbeleuchtet und daher nicht Gegenstand dieses Artikels. Starten möchte ich mit der Stundenanzahl des sportlichen Trainings, die sehr häufig in Verbindung mit der „10.000 – Stunden – Regel“ von Ericsson und Kollegen (1993) fällt.  

Stundenanzahl des sportlichen Trainings 

Wie viel Aufwand und Zeit ein Nachwuchskicker wiederkehrend für ein sportliches Training verwendet, wird allgegenwärtig kritisch diskutiert. Beispielsweise konnten Haugaasen, Tynke, Geir (2014) & Ford et al. (2009) nachweisen, dass spätere Profikicker in jungen Jahren im Alter zwischen sechs und zwölf bis zu 20 Prozent mehr fußballspezifisch trainierten. Allerdings sind diese Angaben nicht ganz unstrittig, weil die in den Studien verwendeten Begriffe nicht näher definiert sind (Profikicker, Elitespieler). Eine weitere Studie von Ford et al. (2012) zeigt, dass Kinder im weltweiten Durchschnitt mit knapp fünf Jahren mit dem Fußballspielen beginnen, mit sieben Jahren in den vereinsorganisierten Fußball eintreten und mit elf Jahren in das Training von Nachwuchsleistungszentren einsteigen. Was die Ergebnisse nicht zeigen, ob eine frühe Vielseitigkeit die Leistungsentwicklung auf dem Weg zum Profifussball positiv beeinflusst. Ein häufig kontrovers diskutiertes Thema ist in der Talententwicklung die Trainer-Spieler-Beziehung und die damit vorhandenen Strukturen.  

Trainer-Spieler-Beziehung und strukturelle Faktoren

Im Nachwuchsfussball ist der Trainer neben dem Spieler die zentrale Person. Seine Kompetenz und seine Arbeitsweise sind entscheidend für Erfolg oder Misserfolg  (Brand, Schmidt, Klinger, Ranze & Wieneke, 2000, S. 17). In struktureller Hinsicht ist die gelebte Vereinsphilosophie prägend sowie der individuelle Entwicklungsspielraum und die finanzielle Investition in den Spieler (Morris et al. 2016).  

In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert, dass die  Herausbildung von Offenheit, Sicherheit und Verlässlichkeit im Rahmen des Trainingsalltags und in den Vereinsstrukturen ihren Platz finden. Hierbei ist die Bereitschaft des Trainers vorausgesetzt, die Spieler als individuelle Subjekte zu akzeptieren und dass die Vereinsphilosophie Lust auf mehr macht. Näheres zum Thema Trainer-Spieler-Beziehung finden sie hier: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/10/12/dr-rene-paasch-empathiefaehigkeit-fuer-trainer/

Eltern 

Eltern haben grundsätzlich einen wichtigen Einfluss auf die Karriereentwicklung Ihrer Kinder. Clarke, Harwood, 2014 &  Clarke et al. 2016 haben das Elternverhalten näher erforscht. Ihre Ergebnisse sind relevant und können einen Anhaltspunkt für Verbesserungen liefern: Eltern durchlaufen ebenfalls einen Entwicklungsprozess, der sie in ihrer Rolle als Erziehungsberechtigter stärkt. Sie sind dem Vereinsleben ihres Kindes verbunden und somit emotional an den Erfolg oder Misserfolg beteiligt und fordern bei den Trainern eine realistische Einschätzung über dessen Erfolgschancen ein (Atkin et al. 2008.). Auch die Etablierung gemeinsamer Werte und Erwartungen im Rahmen der Talententwicklung sowie der Aufbau eines nachhaltigen Vertrauensverhältnisses zwischen Trainern und Eltern sind wichtige Themen (Clarke et al. 2016). Denken Sie bitte immer daran: Die Kindheit ist der entscheidendste und prägendste Abschnitt der körperlichen, seelischen und geistigen Reife eines jungen Spielers und Bedarf einer sensiblen Führung aller Beteiligten. Weiteres zum Thema Eltern und Trainer finden Sie hier: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/12/12/dr-rene-paasch-trainer-und-eltern-am-spielfeldrand/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/21/dr-rene-paasch-wenn-nachwuchsfussballer-den-traum-der-eltern-leben/

Häufig ist auf den Sportplätzen von ambitionierten Eltern zu hören, dass sich ihre Kinder entscheiden müssten zwischen Sport und Bildung, da beides nicht mit einer Profikarriere zu verbinden sei. Schauen wir uns das mal aus wissenschaftlicher Perspektive an. 

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Schule  

Die Trainer und Vereine der Nachwuchsleistungszentren in Deutschland erwarten einen hundertprozentigen Einsatz von ihren Nachwuchstalenten. Dieser Anspruch steht jedoch der zeitlichen Anforderung der Schule und Freizeit widersprüchlich gegenüber. Daher hat das dänische Bildungssystem ein besonders flexibles Schulkonzept entwickelt, um mit jungen Fussballern und deren Anforderungen des Nachwuchsfußballs (Zeitdruck, hohes Maß an Selbstdisziplin, psychologische Unterstützung) gerecht zu werden. Christensen und Sorensen (2009) stellten fest, dass die Schule zur Nebensächlichkeit wird, jedoch die Erwartung bei den Eltern an gute Noten steigt. Nicht selten wird daher die weiterführende Schule abgebrochen, um sich ganz der Fußballkarriere zu widmen. 

Zu weiteren Einflussfaktoren gehören die Nähe zum Verein und entsprechende Fahrzeiten sowie die Beziehungen zu Freunden. Kein einfaches Unterfangen und doch wird in den Nachwuchsleistungszentren halbjährlich das Zeugnis eingesammelt, überprüft und bei Bedarf pädagogisch unterstützt. Auch besitzen wir mittlerweile etwa 40 Eliteschulen in ganz Deutschland. Diese bieten derzeit ein flächendeckendes Netzwerk an speziellen Bildungs- und Fördereinrichtungen für Fußball-Talente an. Dieses System ist darauf ausgerichtet, schulische und sportliche Anforderungen optimal zu koordinieren.

Fazit

Soziologische Prädikatoren in der Talentwicklung sind mittlerweile immer mehr Gegenstand der Forschung. Sie sind ein wichtiger Baustein einer ganzheitlichen geprägten Talentförderung im Fußball. Auch erste empirische Evidenzen zur Bedeutung von soziologischen Prädikatoren im Nachwuchsfussball weisen immer stärker daraufhin, dass eine individuelle Talententwicklung eines Spielers, hoch komplex und wechselseitig ist und eine kompetente Führung bedingt. Die Wirkungsweisen von soziologischen Prädiktoren auf die Leistungsentwicklung sind bisher noch nicht vollständig untersucht, doch in der Praxis sind diese als stillschweigende Wirkmechanismen allgegenwärtig. 

Mehr zum Thema:

Literatur 

  1. Atkin AJ, et al. Critical Hours (2008): Physical Activity and Sedentary Behavior of Adolescents after School. Pediatric Exercise Science, 20, 4: 446–456
  2. Brand, H., Schmidt, P., Klinger, U., Ranze, H. & Wieneke, F. (2000): Trainer – Macher oder Mitläufer? Rolle und Stellenwert im neuen Jahrtausend. Leistungssport, 30 (6), 17.
  3. Clarke, NJ, Harwood CH. (2014): Parenting Experiences in Elite Youth Football: A Phenomenological Study. Psych of Sport and Exercise, 15, 5: 528–537
  4. Clarke et al. (2016): A Phenomenological Interpretation of the Parent–Child Relationship in Elite Youth Football. Sport, Exercise, and Performance Psychology, 5, 2: 125–143
  5. Christensen MK, Sorensen JK (2009): Sport or School? Dreams and Dilemmas for Talented Young Danish Football Players. Europ Phys Education Review, 15, 1: 115–133
  6. Dodd, K. D., & Newans, T. J. (2018): Talent identification for soccer: Physiological Aspects. Journal of science and medicine in sport.
  7. Ford PR et al. (2012): The Developmental Activities of Elite Soccer Players Aged under-16 Years from Brazil, England, France, Ghana, Mexico, Portugal and Sweden’. Journal of Sports Sciences, 30, 15: 1653–166
  8. Haugaasen M, Tynke T, Geir J. (2014): From Childhood to Senior Professional Football: A Multi-Level Approach to Elite Youth Football Players’ Engagement in Football-Specific Activities. Psychology of Sport and Exercise 15, 4: 336–344
  9. Morris R, et al. (2016): From Youth Team from Youth Team to First Team: An Investigation into the Transition Experiences of Young Professional Athletes in Soccer. Int Jour of Sport and Exercise Psychology, 15: 523–539
  10. Williams AM, Reilly, T. (2000): Talent Identification and Development in Soccer. Journal of Sports Sciences, 18, 9: 657–667
  11. Reeves, M. J., McRobert, A. P., Littlewood, M. A., & Roberts, S. J. (2018): A scoping review of the potential sociological predictors of talent in junior-elite football: 2000–2016. Soccer & Society, 1-21.

Internet

https://www.sportschau.de/fussball/allgemein/hype-um-junge-fussballer-100.html (veröffentlicht am 14.11.2018) 

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