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Wolfgang Seidl: Snus – Der unterschätzte Gegner im Fußball

Wer in diesen Tagen Kabinen von Fußballteams betritt, findet fast überall die gleiche Szenerie vor: In einer Ecke wird Musik gehört, daneben wird gescherzt, und irgendwo liegt ganz selbstverständlich eine kleine runde Dose. Snus. Was vor wenigen Jahren noch ein Nischenthema war, hat sich leise, aber deutlich zum Trend entwickelt. Durch alle Ligen. Besonders junge Spieler greifen immer häufiger zu den Nikotinbeuteln.

Zum Thema: Warum Nikotinbeutel die mentale Stärke vieler Spieler untergraben und wie man sich davon befreien kann

In meiner Arbeit mit Fußballern aus unterschiedlichen Leistungsstufen höre ich immer wieder, wie verbreitet Snus mittlerweile ist. Während es in Hobbyteams oft kein großes Thema ist, berichten Spieler aus Profivereinen von einer Konsumrate über 50 Prozent innerhalb der Mannschaft. Das zeigt deutlich: Snus ist längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil des Alltags vieler Spieler, quer durch die Leistungsniveaus.

Als Mentalcoach beobachte ich diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Denn Snus ist nicht nur ein gesundheitliches Risiko, sondern vor allem ein mentaler Stolperstein, der die Selbstwirksamkeit vieler Sportler untergräbt, ohne dass sie es merken.


Warum Fußballer überhaupt zu Snus greifen

Die Motive für den Griff zum Snus sind auf den ersten Blick nachvollziehbar. Vor wichtigen Spielen ist Nervosität ganz normal. Viele Spieler suchen dann nach einem Mittel, das kurzfristig beruhigt, fokussiert oder einfach Sicherheit gibt. Nikotin kann diese Effekte liefern: Es stimuliert das sympathische Nervensystem, steigert kurzfristig die Wachheit und wirkt gleichzeitig beruhigend. Für manche fühlt es sich an wie der perfekte mentale „Reset-Knopf“.

Hinzu kommt die soziale Komponente. In einigen Teams gehört Snus mittlerweile einfach dazu. Wer nicht mitmacht, hat schnell das Gefühl, außen vor zu sein. Gerade junge Spieler passen sich an, ohne die Konsequenzen zu hinterfragen. Nicht selten wird Snus sogar zu einem festen Bestandteil des persönlichen Vorbereitungsrituals, quasi als Startsignal für den „Wettkampfmodus“.


Der mentale Preis: Abhängigkeit statt Selbstvertrauen

Der gefährlichste Effekt spielt sich nicht nur im Körper, sondern im Kopf ab. Wer vor jedem Spiel einen Snus einlegt, konditioniert sich darauf, dass Leistung und Fokus nur mit dieser Substanz möglich sind. Viele Spieler berichten, dass sie ohne Snus „nicht richtig im Spiel“ sind.

Das ist kein Zufall. Es entsteht eine klassische Verknüpfung zwischen äußerem Reiz (Nikotin) und innerem Zustand (Fokus). Diese mentale Abhängigkeit schwächt langfristig das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, sich selbst in einen leistungsfähigen Zustand zu versetzen. Ein zentrales Element mentaler Stärke.


Körperliche Nebenwirkungen – oft unterschätzt

Snus gilt fälschlicherweise als „gesunde“ Alternative zur Zigarette. Tatsächlich enthält er aber Nikotin in teils sehr hoher Dosierung. Studien zeigen, dass Nikotin:

  • Blutdruck und Puls deutlich erhöht,
  • die Gefäße verengt und die Sauerstoffversorgung belastet,
  • bei regelmäßigem Konsum zu Schlafstörungen, Magenproblemen sowie Zahnfleisch- und Mundschäden führen kann.

Hinzu kommt, der Aktivierungseffekt ist nur kurzfristig. Nach etwa 20 bis 30 Minuten sinkt der Spiegel rapide, oft genau dann, wenn Konzentration und emotionale Stabilität auf dem Platz am wichtigsten wären. Reizbarkeit, Unruhe und Leistungstiefs sind die Folge. Um gegenzusteuern, wird häufig unbewusst die Dosis erhöht, der Einstieg in einen Kreislauf.


Mentale Alternativen, die wirklich tragen

Snus liefert kurzfristig einen Effekt, mentale Strategien hingegen stärken langfristig die Selbststeuerung. Hier einige bewährte Alternativen, die ich auch in meiner Arbeit mit Spielern regelmäßig einsetze:

1. Atemtechniken gegen Nervosität
Bewusste, tiefe Atmung (z.B. vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus) aktiviert den Parasympathikus und senkt den inneren Druck innerhalb weniger Minuten. Eine einfache, aber sehr effektive Methode, um vor Spielen Ruhe und Fokus herzustellen.

2. Mentale Routinen
Eine kurze innere Anweisung („Jetzt bin ich da“), eine aufrechte und selbstbewusste Körperhaltung oder Visualisierungen können den mentalen Startschuss setzen, ganz ohne Abhängigkeit. Solche individuellen Rituale schaffen Verlässlichkeit aus dem eigenen Inneren heraus.

3. Körperliche Aktivierung
Kaltes Wasser ins Gesicht, ein kurzer Sprint oder aktivierende Atemübungen bringen Energie, ganz natürlich. Gerade für Spieler, die vor Anpfiff einen „Kick“ suchen, kann das eine wertvolle Alternative sein.

4. „Ohne“-Training
Wer bewusst einige Einheiten oder Spiele ohne Snus bestreitet, macht oft eine überraschende Erfahrung: Die Leistung leidet nicht. Im Gegenteil, das Selbstvertrauen wächst, weil man wieder spürt, dass Fokus und Präsenz aus der eigenen mentalen Stärke kommen.


Fazit

Snus ist kein harmloser Trend, sondern ein leiser Gegner, der Körper und Geist gleichermaßen beeinflusst. Im Fußball, wo mentale Stabilität, Fokus und Selbstvertrauen oft über Sieg oder Niederlage entscheiden, ist Unabhängigkeit von solchen Hilfsmitteln ein zentraler Faktor.

Mentale Stärke entsteht nicht durch Substanzen. Sie wächst durch bewusste Routinen, innere Klarheit und das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, sich selbst in den optimalen Zustand zu bringen. Wer das erkennt und lebt, braucht keine Nikotinbeutel und spielt nicht nur freier, sondern auch selbstbestimmter.

Tipp

Wir von Die Sportpsychologen helfen Dir bei diesem Thema gern. Nimm gern Kontakt zu Wolfgang (zum Profil) oder einem Kollegen oder einer Kollegin von ihm in deiner Nähe auf (zur Übersicht).

Mehr zum Thema:

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Christian Bader: Warum „Ich will gewinnen!“ oft zur Niederlage führt

„Ich will unbedingt gewinnen!“ versus „Ich führe jeden Schlag mit perfekter Technik aus!“ – Welche Intention führt zu besserer Leistung? Die Antwort überrascht: Oft ist es die zweite. Warum? Weil Intention weit mehr ist als Wunschdenken. Sie ist der bewusste Dirigent unserer mentalen Prozesse – ein neurobiologisch messbares Phänomen, das unser Handeln orchestriert.

Zum Thema: Sportpsychologie – mehr als eine grosse Werkzeugkiste

Die drei Gesichter der Intention – oder: Wie unser „Wollen“ wirklich funktioniert:

1. Ergebnis-Intention: „Ich will das Tor treffen“ 

Fokus liegt auf dem Endergebnis. Problem: Erzeugt oft Druck und Verkrampfung, weil wir Dinge kontrollieren wollen, die ausserhalb unserer direkten Macht liegen.

2. Prozess-Intention: „Ich führe die Bewegung sauber aus“ 

Fokus liegt auf der Technik und Ausführung. Vorteil: Direkt kontrollierbar, reduziert Nervosität. Wie ein Uhrmacher, der sich auf jeden einzelnen Handgriff konzentriert, nicht auf die fertige Uhr.

3. Präsenz-Intention: „Ich bin voll da“ 

Fokus liegt auf der Aufmerksamkeit im Moment. Wirkung: Fördert Flow-Zustände und natürliche Reaktionen. Wie ein Jazz-Musiker, der völlig im Hier und Jetzt aufgeht.

Warum systemisches Denken die Sportpsychologie revolutioniert

Aus systemtheoretischer Sicht ist das faszinierend: Intention ist ein selbstorganisierender Prozess. Nicht wir steuern bewusst jeden Aspekt unserer Leistung, sondern wir schaffen Bedingungen, unter denen sich Spitzenleistung entwickeln kann.

Das klassische Mentaltraining denkt linear: „Richtiger Gedanke → richtige Leistung“. Die Systemtheorie weiss: Das System bestimmt, wie es auf unsere Intentionen reagiert. Wie ein Garten – wir können säen und giessen, aber das Wachstum passiert von selbst.

Das Ende der Illusion der Kontrolle

Hier wird’s spannend: Athleten, die sich auf Prozess- und Präsenz-Intentionen konzentrieren, erzielen oft bessere Ergebnisse als jene, die nur an das Gewinnen denken. Warum? Sie sind direkt kontrollierbar.

Eine Basketballspielerin kann ihre Wurftechnik kontrollieren, nicht aber ob der Ball ins Netz geht. Diese Kontrollierbarkeit reduziert Angst und ermöglicht paradoxerweise bessere Ergebnisse. Wie ein Bergsteiger, der nicht den Gipfel anstarrt, sondern jeden einzelnen Schritt bewusst setzt.

Praktische Integration ohne Zeitverlust

1. Intentions-Check vor jeder Übung (30 Sekunden) 

Frage: „Worauf konzentrierst du dich bei dieser Bewegung?“ Umformulieren:

  • „Ich will treffen“ → „Ich führe meinen Arm gerade durch“
  • „Ich will schnell sein“ → „Ich setze jeden Schritt kraftvoll auf“

2. Die 3-2-1 Regel (in bestehende Übungen integriert)

  • 3 Sekunden: Intention klar formulieren
  • 2 Sekunden: Einatmen und fokussieren
  • 1 Sekunde: Ausführung starten

Beispiel beim Freistoss:

  • 3: „Ich treffe den Ball mit der Innenseite in die rechte Ecke“
  • 2: Tief einatmen, Ball anschauen
  • 1: Anlauf beginnen

3. Schnelle Integration während der Aufwärmung

  • Vor jedem Lauf: „Ich laufe mit aufrechtem Oberkörper“
  • Vor Sprints: „Ich ziehe die Knie aktiv hoch“
  • Statt nur „nochmal“ → „nochmal mit Fokus auf…“

4. Partner-Intention (in Paarübungen) 

Ein Spieler sagt: „Ich will…“ (seine Intention) Der Partner bestätigt: „Du konzentrierst dich auf…“ (wiederholt die Intention) Effekt: Macht Intentionen bewusster, sozialer Druck hilft bei der Umsetzung.

Der systemische Durchbruch

Aus systemtheoretischer Sicht: Organisationen und Teams können nichts vermittelt bekommen – sie können es nur selbst entdecken. Die Kunst liegt darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Ihre Athleten ihre eigenen optimalen Intentionsmuster entwickeln.

Der Paradigmenwechsel

Statt „Du musst gewinnen wollen“ → „Du bist der bewusste Regisseur deiner Handlungen“ Statt „Fokus auf das Ergebnis“ → „Fokus auf das, was du direkt beeinflussen kannst“

Die systemische Kernfrage für Ihr Team: „Was von dem, was wir uns vornehmen, liegt wirklich in unserer Macht?“

Die Realität für gestresste Trainer

Gute Nachricht: Diese Techniken brauchen keine extra Trainingszeit. Sie verwandeln bestehende Übungen in Intentionslabore. Das Ergebnis: präzisere Bewegungen, weniger Nervosität und konstantere Leistung – auch unter Druck.

Intention ist wie ein innerer Trainer, der immer da ist. Mit wenig Aufwand können Sie Ihren Athleten beibringen, diesen inneren Trainer gezielt zu nutzen.

Lust auf mehr

Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Christian Bader) sind gern bereit, mit Ihnen, Ihrem Verein, Ihrem Verband oder Ihrem Unternehmen zu arbeiten. Nehmen Sie Kontakt auf. 

Mehr zum Thema:

Literatur:

  • Burton, D. et al. (2001). Goal setting in sport. In R. N. Singer et al. (Eds.), Handbook of sport psychology (pp. 497-528). John Wiley & Sons.
  • Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54, 493-503.
  • Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002). Building a theory of goal setting and task motivation. American Psychologist, 57, 705-717.
  • Zimmerman, B. J. (2008). Investigating self-regulation and motivation. American Educational Research Journal, 45, 166-183.

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Anke Precht: Pinkeln auf Befehl – die besten Tipps und Hacks

Wenn die Mitarbeiter der WADA morgens um fünf vor der Tür stehen, oder Athleten nach dem Wettkampf zum Dopingtest gebeten werden, entstehen leicht unangenehme Situationen. Man möchte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Gleichzeitig ist nach einem Rennen oder einem Wettkampf die Blase meistens komplett leer. Ähnliches kann auch morgens der Fall sein, wenn man gerade vorher auf der Toilette war und ja in der Nacht nichts getrunken hat. Dazu kommt, dass das Pinkeln unter strengster Beobachtung bei vielen zu einer Hemmung führt. Plötzlich geht nichts mehr.

Zum Thema: Legale Tipps und Tricks zum Wasserlassen bei Dopingproben

Woran liegt das, wenn nichts kommt? Viele kennen den Effekt vom Einschlafen oder von der Sexualität: Will man unbedingt, klappt es nicht mehr. Nun ist es ja bei einer Dopingkontrolle noch schlimmer: Man soll nicht nur wollen, sondern man muss. Vorher kommt man aus dem Zelt oder den Sanitärräumen der WADA nicht raus.

Neu bewerten

Im ersten Schritt kann die mentale Vorbereitung auf die Kontrollen in Angriff genommen werden. Wesentlich ist es dabei, dass in der realen Situation keine Fokussierung mehr auf das Müssen stattfindet. Ein Ansatz kann sein, der Kontrolle eine neue Bedeutung zu geben. Zum Beispiel:

–  Statt „Mist, auch das noch!“ zu: Die WADA gibt mir die Sicherheit, dass andere nicht tricksen. Ich kann beweisen, dass ich alles richtig gemacht habe und tue das gern.

– Eine innere Strichliste anlegen: Wenn im Schnitt fünf Kontrollen pro Jahr stattfinden, im Kopf fröhlich einen Haken machen. Nach dem Motto: Tschakka, wieder eine Kontrolle erledigt

Fokus lenken

Eine zweite Möglichkeit liegt darin, den Fokus von der zu erledigenden Aufgabe weg zu lenken.

– Mit der Kontrolleurin ein Thema suchen, dass beide wirklich interessiert und darüber dann gemeinsam ausgiebig sprechen. Das klappt auch, wenn die kontrollierende Person einem nicht sympathisch ist. Meine Erfahrung ist: Man teilt mit fast jedem Menschen irgendeine noch so kleine Leidenschaft. Sobald die gefunden ist, ist viel Druck raus, die Wartezeit kommt einem nicht mehr so lang und quälend vor, und wie durch ein Wunder verkürzt sie sich dann meistens. 

– Etwas tun, das lustig ist: zum Beispiel Videos des Lieblings-Comedians anschauen. Das lenkt einerseits ab, andererseits wird auch der Körper lockerer und das pinkeln geht leichter. Vor allem, wenn man richtig heftig lachen muss!

Ansteckungseffekt

Eine dritte Möglichkeit liegt darin, durch Wasser, die Blase anzuregen – sozusagen mit einer Art Ansteckungseffekt:

– Wasser plätschern lassen, ganz egal, was der Wasserhahn im Bad ist, oder ein plätscherndes Bächlein auf Spotify. Letzteres hat den Vorteil, dass es keine Ressourcen verschwendet, selbst wenn man es 20 Minuten laufen lässt.

– Wechselfußbäder. Wir kennen alle den Effekt, wenn wir in einen sehr kalten Pool steigen. Da reagiert sofort die Blase, selbst wenn man gerade auf der Toilette war.

Vorstellungskraft

Viertens lässt sich auch die Kraft der Imagination nutzen. In vielen Sportarten gehen Sportler und Sportlerinnen beim Training gemeinsam Pinkeln. Entweder in der Spielpause in den Gemeinschafts-Toiletten, wo man zwar nicht immer alles sehen, aber zumindest alles hören kann und das völlig natürlich findet. Oder beim Outdoor-Training zusammen hinter einem Gebüsch mit Blick über eine wunderschöne Landschaft. Hat man solche Erfahrungen gemacht, kann man sie sich während der Dopingkontrolle vorstellen, und der Körper reagiert dann auf die Vorstellung mehr als auf die reale Situation. Also Situationen suchen und erinnern, in denen man herzhaft pinkeln konnte und genau an diese Situationen denken. Inklusive des Gefühls, das man hatte, der Temperatur, dem Blick, der Gerüche, die in dieser Umgebung vorhanden waren. Auch so kann sich der Schließmuskel entkrampfen. 

Gerade Sportler, die schon Erfahrung gemacht haben mit Imagination in verschiedenen Situationen, können davon sehr profitieren.

Trainieren

Fünftens kann man das kontrollierte Abgeben von Urin auch als Training betrachten. Schließlich ist man Sportler. Also 110 ml abgeben, ruhig dann einmal tun, wenn man gerade nicht dringend muss. Und dann, wenn man dringend muss, mit dem Stopp nach 110 ml. Und dann mal, wenn man eigentlich gar nicht muss. 110 ml sind ja nicht die Welt. Danach, ganz wichtig, um im Körper einen Verstärker zu setzen: Sich selbst loben und feiern. Großartig gemacht! Stellt euch zusätzlich einen Regler oder ein Ventil vor, das man auf- und zumachen kann.

Feedback

Was davon am besten funktioniert? Das ist ganz unterschiedlich. Einfach ausprobieren. Meine Erfahrung: Es ist für jeden etwas dabei, zumindest als Anregung, die man dann ganz persönlich ausschmücken kann. Was du dabei gewinnst? Weniger Stress bei der Dopingkontrolle und eine ganz klare Zeitersparnis.

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Stefanie Gramlich: “Bewusstsein schärfen, Sportpsychologie erleben”

Neuzugang aus Süddeutschland. Wir von Die Sportpsychologen begrüßen mit Stefanie Gramlich eine neue Kollegin in unseren Reihen. Im Interview stellen wir Stefanie vor, die mit zwei Sportarten große Leidenschaft verbindet und zudem ein besonderes Band knüpfen will. 

Mehr Infos zu Stefanie Gramlich: zur Profilseite

Stefanie, was liebst du an deiner Sportart, dem Pferdesport?

Ich versuche mal, meine Gedanken in Stichpunkten zu fassen, um die Frage zu beantworten. Was liebe ich also am Pferdesport?

– Die tiefe Verbindung und Verbundenheit mit dem Pferd auf allen Ebenen des Seins (die mentale Verbindung auf der Bewusstseinsebene während des Reitens, die seelische Verbundenheit, die physische Verbindung auf dem Pferderücken zu sitzen, die sinnliche Nähe, Liebe, Wärme und Geborgenheit der Pferde)

– die feinfühlige Kommunikation mit den Pferden sowohl durch Körpersprache und Präsenz als auch durch das Erfahren der energetischen Komponente in der Partnerschaft mit dem Pferd, die emotionale Intelligenz der Pferde, das Herdenverhalten der Pferde

– die Lehre, die uns die Pferde geben (Führungsqualitäten, soziale Kompetenzen, die Lehre der Natur)

– die Freude und Leidenschaft mit einem so starken kraftvollen Lebewesen gemeinsam eine sportliche Leistung aufzubauen ist das größte Geschenk, das uns die Pferde machen (zwei unterschiedliche physische Körper erzeugen zusammen ein Leistungspotential) 

– der natürliche Rhythmus der Pferde basierend auf den Zyklen der Natur (Erdmagnetfeld, Sonneneinflüsse, Mondzyklus, Wetterfühligkeit) 

– die Intelligenz der Pferde (Spiegelbild unserer unterbewussten Prozesse): Pferde zeigen uns auf natürlichem Wege unsere Schwächen in der Persönlichkeit, aber auch unsere Stärken, Pferde verzeihen Fehler, aber lassen sie niemals unerkannt: Pferde fördern unser inneres Wachstum und unsere Persönlichkeitsentwicklung

– die Vielseitigkeit des Sports, die Verbundenheit und den Genuss in der Natur, die Eleganz des Dressursports,

– das Leistungspotential qualitativ hochwertiger Sportpferde

– die Sinnlichkeit, die Schönheit, Erhabenheit des Dressurreitens, die kreative Entfaltungskraft, die Verbindung von Sport und Musik (Dressur: Grand Prix)

– die Verbindung des Reiters zu seinem Pferd erfolgt immer gegenseitig: Körperlich, emotional, mental und sinnlich. Im idealen Zustand korrespondieren hier zwei Lebewesen und zwei Seelen aus verschiedenen Welten auf einem Terrain, das nur ihnen beiden gehört.

– die Lehre der alten Reitmeister, die bereits damals schon um die tiefe Verbindung des Pferdes mit seinem Reiter auf der reinen Bewusstseinsebene wussten

– das feine Dressurreiten, bei dem für den Zuschauer die Hilfengebung des Reiters zum Pferd unsichtbar bleibt – die Verschmelzung mit dem Pferd

– die Lehre des Dressurreitens übertragen auf das Leben: Durchhaltevermögen, Charakterstärke, Fairness, Mut, Liebe zum Leben, nie aufzugeben, tägliches routiniertes Training

– Partnerschaft mit dem Pferd im Training und beim Turnier, TEAMWORK, Flow-Erleben beim Reiten,….. und noch so vieles mehr

Auf welche Art von Unterstützung freust du dich: Mit welchen Themen können sich Sportler, Trainer oder Eltern bei dir melden?

Ich werde alle Fragen beantworten, sofern ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung aufklären, helfen und unterstützen kann. Egal ob Freizeitsportler oder Leistungssportler, alle sind herzlich willkommen. Ich schätze Personen, die ein gewisses Bewusstheitslevel erreicht haben, Freude daran haben, an sich selbst zu arbeiten und sowohl sich selbst als auch ihr Körpersystem besser verstehen lernen wollen. Leute, die Fokus und Orientierung im Leben haben; Wertschätzung und Wohlwollen gegenüber anderen und sich selbst in sich tragen, Urvertrauen ins Leben haben, Liebe und Mitgefühl in sich tragen. 

Mir ist wichtig, dass Sportler ihren Körper und ihr seelisches Wesen fühlen. Wissen, was ihr Sinn im Leben ist, wofür sie brennen, welche Ziele sie erreichen wollen und warum? Wenn ich Menschen Fragen stelle, bleibe ich nie an der Oberfläche, sondern gehe stets in die Tiefe, da im Unterbewusstsein meist verborgene Schätze liegen, die das Potential eines Menschen zur Entfaltung bringen können. Auch Fragen zur Gesundheit, langfristigen Leistungsaufbau und Erhalt, Freude und Genuss am Sport und an Bewegung, konsequentes Training, Disziplin, Selbstverständnis für den eigenen Körper und Zusammenhänge von Körper und Geist beantworte ich gerne und versuche, Lösungen zu entwickeln. 

Fragen zur Gedankenkontrolle und Emotionsregulation beantworte ich gerne, genauso wie Fragestellungen zu einem gesunden Körperbewusstsein und emotionaler Intelligenz oder auch zur Herz-Hirn-Kohärenz, … Kommt gern auf mich zu.

Dein zweites Leidenschaftsthema ist der Radsport. Was liebst du konkret am Rennrad? 

Das Gefühl von Freiheit, den Kopf komplett abschalten zu können (genau wie beim Reiten im Flow-Erleben zu sein), weite Strecken als Ausdauersport zurücklegen zu können und zu beobachten, was das mental und körperlich im eigenen Körpersystem bewirkt. Ich mag die Faszination, den eigenen Körper bis in die kleinste Energieebene zu spüren, zu erfahren und zu erleben. Für mich ist es eine Freude, in der Natur zu sein – denn draußen bin ich am liebsten. Kurz gesagt: Die Leichtigkeit des Rennrads gibt mir ein echtes Glücksgefühl.

Dich verbindet zum Radsport eine besondere Geschichte. Wie lange hast du nach deinem Verkehrsunfall gebraucht, um wieder Rennrad fahren zu können? Wie lang war der Weg, wieder auch auf der Straße zu fahren und den Unfall mental zu verarbeiten?

Neun Jahre! Die ersten vier Jahre konnte ich nur Rollentraining zu Hause machen, weil mein Körper noch zu schwach war und meine Schmerzschübe mich oft völlig lahm legten. Auch meine beiden Operationen am Kiefer änderten einiges an meinem Körpersystem, ich musste mein gesamtes Trainingskonzept ändern, meinen Körper neu fühlen lernen und neu herausfinden, über welche Grenze ich gehen kann und wie ich Geist und Körper in Einklang bringe. Ich bin noch wetterfühliger geworden, passe mein Training an mein körperliches Befinden an und versuche mich zu fordern. Aber immer so, dass ich mir die Freude und den Genuss am Fahren erhalte, denn je mehr Lust ich habe, desto besser fahre ich auch.

Welchen Wert hat die Osteopathie für dich und warum ist es deine Vision, beide Fachdisziplinen Sportpsychologie und Osteopathie miteinander zu verbinden?

Der Osteopathie habe ich so vieles zu verdanken: Dass ich heute nach meinem Unfall wieder Radfahren und Reiten kann, gelernt habe, mit meinen Schmerzschüben umzugehen und meinen Körper neu zu fühlen sowie meine Feinfühligkeit für mich und andere zu nutzen.  Mein Körperbewusstsein hat sich verbessert und ich verstehe auch die energetischen Zusammenhänge von Körper, Geist und Seele noch klarer. 

Die Osteopathie ist ein natürliches Heilverfahren, das den ganzen Körper miteinbezieht und auch die Bewusstseinsebene öffnet. Osteopathie vereint Physiologie und Psychologie Hand in Hand, Osteopathie ist wertvoll für jeden Sportler.

Zudem ergänzt die Osteopathie die Sportpsychologie, weil sie den gesamten Körper berücksichtigt und für mich lassen sich mentale Prozesse nur in Zusammenhang mit körperlichen Prozessen bearbeiten, verbessern und entschlüsseln. Es hilft aus meiner Erfahrung nichts, nur die mentale Komponente zu bearbeiten, wenn die emotionalen Prozesse oder körperliche Herausforderungen nicht mitbedacht oder ins Training integriert werden. Körper, Geist und Seele sind eine Einheit, sowohl im Training als auch im Wettkampf und im Leben. Körperliches und mentales Training sowie Emotionsregulation und Gedankenkontrolle gehören also zusammen: Bewusstsein schärfen, Sportpsychologie erleben.

Tipp:

Mein Buch: Osteopathie und Sportpsychologie – die Weisheit der emotionalen Körperintelligenz (Link zum Buch) – gibt Aufschluss darüber, warum Osteopathie und Sportpsychologie einen Mehrwert für Sportler und Patienten in sich tragen und beide Fachdisziplinen enorm von ihrem Wissen gegenseitig profitieren können.

Profilseite

zur Profilseite von Stefanie Gramlich: https://www.die-sportpsychologen.de/stefanie-gramlich/

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Julia Cetin: Wenn die Tage kürzer werden – Warum junge Athlet:innen im Herbst oft in ein Leistungsloch fallen

Du kennst es vielleicht: Kaum sind die Sommerferien vorbei, läuft es nicht mehr rund. Die Jugendlichen wirken müde, gereizt und unkonzentriert. Plötzlich schleichen sich Trainingsausfälle ein. Die Leistungen sinken – körperlich wie mental. Für viele Eltern und Trainer ist das schwer zu greifen. Schließlich ist doch „wieder Alltag“, das Training läuft regelmäßig, und die Wettkämpfe stehen vor der Tür. Und doch: Für viele junge Athlet:innen beginnt jetzt – im Herbst – eine der anspruchsvollsten Phasen des Jahres.

Zum Thema: Impulse für die Arbeit mit jugendlichen Sportler:innen im Herbst

Ich bin Julia Cetin, Sportpsychologin mit dem Schwerpunkt auf mentale Stärke bei jungen Athleten. Ich begleite Jugendliche durch genau diese Phasen – und auch mich selbst fordern sie jedes Jahr aufs Neue heraus. Dunkle Tage, frühes Aufstehen, Kälte. Das drückt aufs Gemüt – und auf die Leistung.

In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, warum der Herbst eine mentale Stolperfalle sein kann, was hinter dem plötzlichen Leistungsabfall steckt – und was du tun kannst, um die Jugendlichen in deinem Umfeld besser zu verstehen und zu stärken.

Zwischen Schulstress und Lichtmangel: Die unsichtbaren Gegner

Während der Sommerferien blühen viele Jugendliche auf: Kein Schulstress, längere Tage, mehr Sonnenlicht, mehr Zeit für sich. Sobald das neue Schuljahr startet, ändert sich das schlagartig. Die Tage werden kürzer, die Anforderungen steigen – besonders für Jugendliche, die in der Prüfungsvorbereitung stecken oder in neue Klassen, Schulen oder Internate wechseln.

Typische Stressoren im Herbst:
– Wiederaufnahme des Schulalltags: Frühes Aufstehen, Hausaufgaben, Klassenarbeiten.
– Dunkle Jahreszeit: Weniger Tageslicht, trübes Wetter – das schlägt auf die Stimmung.
– Kälteeinbruch: Training im Dunkeln, kalte Sportplätze oder Hallen.
– Sozialer Druck: Neue Klassengemeinschaften, schulische Unsicherheiten, Versagensängste.

All diese Faktoren wirken sich auf Konzentration, Motivation, Regeneration und Schlaf aus. Die mentale Belastung steigt – oft unbemerkt. Und weil mentale Energie eine begrenzte Ressource ist, hat sie direkten Einfluss auf die sportliche Leistung.

Mentale Ermüdung: Wenn das System überlastet

Ein Begriff, der in der Sportpsychologie zunehmend diskutiert wird, ist mentale Ermüdung. Sie beschreibt einen Zustand, in dem das Gehirn durch anhaltende kognitive Anforderungen erschöpft ist – also durch Konzentration, Planung, Druck, emotionale Anspannung oder innere Konflikte. Klingt harmlos, ist aber gerade für Jugendliche mit hohem Trainingspensum plus schulischen Anforderungen ein echtes Risiko.

Was passiert im Gehirn?

Mentale Ermüdung ist kein „Wille-Problem“, sondern eine neurobiologisch messbare Reaktion: Studien zeigen, dass unter anhaltender mentaler Belastung der präfrontale Kortex – zuständig für Fokus, Planung und Emotionsregulation – weniger aktiv wird. Gleichzeitig steigt die Aktivität in Hirnregionen, die mit Stressverarbeitung und Erschöpfung verknüpft sind. Die Folge: Jugendliche sind weniger entscheidungsfreudig, emotional instabiler und körperlich schneller „leer“.

Besonders kritisch: Mentale Ermüdung beeinflusst die sportliche Leistung unabhängig von der körperlichen Fitness. Ein junger Athlet kann also topfit sein – und trotzdem einbrechen, weil sein mentales System überlastet ist. Diese Diskrepanz wird häufig missverstanden und führt zu Frust auf beiden Seiten.

Typische Anzeichen:
– Konzentrationsprobleme im Training
– Erhöhte Reizbarkeit oder emotionale Rückzüge
– Unerklärliche Leistungseinbrüche trotz guten physischen Zustands
– Unlust aufs Training, obwohl der Sport eigentlich Freude macht
– Schlafprobleme, Gedankenkreisen, Grübeleien

Hier braucht es nicht mehr Druck, sondern mehr Verständnis – und einen Blick auf das große Ganze.

Resilienz stärken: Was jetzt wirklich hilft

Resilienz – also die psychische Widerstandskraft – ist nicht angeboren, sondern trainierbar. Gerade im Herbst kannst du gezielt kleine Routinen einbauen, die Jugendliche mental stabilisieren und ihnen helfen, besser durch diese Phase zu kommen.

Ich orientiere mich dabei gerne an den sogenannten „7 Säulen der Resilienz“, die sich auch im sportpsychologischen Kontext bewährt haben: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit, Verantwortung, Netzwerkorientierung und Zukunftsplanung.

Ein paar konkrete Impulse:

1. Licht tanken – bewusst!
Der Einfluss von Tageslicht auf Stimmung und Schlaf ist riesig. Achte darauf, dass die Jugendlichen jeden Tag Tageslicht bekommen, idealerweise morgens. Auch Tageslichtlampen können hier sinnvoll unterstützen – ich nutze sie selbst, um besser in den Tag zu kommen.

2. Schlaf zur Priorität machen
Schlafmangel ist ein unterschätzter Leistungsräuber. Feste Einschlafrituale, digitale Pausen am Abend, genug Schlafzeit trotz Schule und Training – das sind kleine Stellschrauben mit großer Wirkung.

3. Trainingsdosis feinjustieren
Mehr Training ist nicht immer besser. Gerade im Herbst kann es sinnvoll sein, die Intensität punktuell zu reduzieren, mentale Einheiten einzubauen oder bewusst Ruhephasen zu schaffen.

4. Raum für Reflexion schaffen
Ein kurzes Wochenjournal kann helfen, Gedanken zu sortieren: Was lief gut? Was war herausfordernd? Was brauche ich nächste Woche? Diese Art von Selbstführung stärkt die Selbstwirksamkeit und entlastet das Gehirn.

5. Gespräche anbieten – ohne Druck
Jugendliche brauchen in dieser Phase offene, wertschätzende Gespräche. Nicht über Leistungen, sondern über ihr Befinden. Sei da, wenn sie dich brauchen – nicht nur als Coach, sondern als Mensch.

Der Herbst ist kein Rückschritt – sondern ein Entwicklungsmoment

Der Leistungsabfall im Herbst ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein völlig natürlicher Prozess – wenn man ihn versteht. Diejenigen, die jetzt Verständnis zeigen, Raum für Anpassung lassen und bewusst gegensteuern, investieren in die mentale Gesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit ihrer Athlet:innen.

Vielleicht kannst du den nächsten vermeintlichen Durchhänger also anders betrachten: Nicht als Problem, sondern als Einladung zum Umdenken.

Zum Schluss – mein persönlicher Gedanke

Auch mich fordert diese Jahreszeit immer wieder heraus. Das frühe Aufstehen im Dunkeln, das Training bei Kälte, die Müdigkeit am Nachmittag. Aber ich habe gelernt, diese Phasen ernst zu nehmen – und mit kleinen, machbaren Ritualen gegenzusteuern. Eine Tageslichtlampe, bewusst eingesetzte Pausen, ein Spaziergang in der Sonne, wann immer es geht. Vielleicht ist das keine Wundermedizin – aber es ist ein Anfang.

Gönn auch du den Jugendlichen in deinem Umfeld diesen Anfang. Sie brauchen ihn mehr, als man auf den ersten Blick sieht.

Mehr zum Thema:

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Mythos: Mentale Techniken sind nur bei großen Wettkämpfen wichtig

Mythen zur Sportpsychologie gibt es einige. Nicht wenige stehen uns in unserer Arbeit dabei sogar im Weg. In dieser Serie haben wir mit vielen Mythen aufräumen können. Aber ein Irrglaube ist da noch: Viele glauben, sagt Chat GPT, dass mentale Techniken nur vor wichtigen Wettkämpfen von Bedeutung sind. 

Zum Thema: Mythen der Sportpsychologie

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Bei großen Wettkämpfen ist der Druck natürlich größer als bei kleineren Wettbewerben oder im Training. Aber In Frage stellt dieser Umstand die Sportpsychologie noch lange nicht. Denn durch mentales Training kann:

  • die Technik verbessert werden, 
  • die Motivation langfristig aufrecht erhalten werden, durch hilfreiche Zielsetzungen, 
  • die Konzentrationsfähigkeit verbessert werden
  • das Lösen von wenig hilfreichen Gedanken trainiert werden
  • das Selbstvertrauen gesteigert werden
  • der Umgang mit Ängsten trainiert werden
  • die Regeneration optimiert werden
  • der Umgang mit Stress verbessert werden
  • die Akzeptanz und der Umgang mit Rückschlägen verbessert werden
  • der Lernprozess positiv beeinflusst werden
  • uvm.

Diese Auswahl zeigt, dass mentale Techniken im Nachwuchsbereich genauso hilfreich sein können, wie im Training oder in der Vorbereitung. Oder eben bei ganz großen Wettbewerben. 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Yogi Berra, ein berühmter Baseball-Pitcher, soll einmal gesagt haben:

„Baseball is 90 percent mental.The other half is physical.“ 

Nathalie Klingebiel, Die Sportpsychologen
Nathalie Klingebiel, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

Antwort von: Nathalie Klingebiel (zum Profil) und Danijela Bradfisch (zum Profil):

Mentale Techniken sind grundsätzlich immer hilfreich und wichtig. In großen Wettkämpfen werden sie vielleicht etwas akuter gebraucht. Aber im Training, während der Vorbereitung und auch im Alltag werden sie geübt, angewandt, trainiert, optimiert und gefestigt – eben, damit sie in einem Wettkampf, wenn es drauf ankommt, optimal abgerufen werden können. Außerdem entwickeln sich Routinen und automatische Abläufe, indem mentale Techniken bereits im Training regelmäßig angewendet werden. Und wie viele Sportler wissen, sind Routinen das A und O im Leistungssport und generell in Wettkampfsituationen.

Mehr zum Thema:

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Björn Korfmacher: Kann KI auch Coaching?

KI-Tools wie Chat GPT werden in allen Lebensbereichen immer häufiger zu Rate gezogen – selbst bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen stehen digitale Helfer Rede und Antwort und sollen teilweise therapeutische Versorgungslücken füllen. Warum also nicht auch in der sportpsychologischen Betreuung? 

Zum Thema: Können KI-Lösungen Athleten mental unterstützen?

Es ist längst kein Geheimnis mehr – künstliche Intelligenz ist zum Beispiel in der Diagnostik schon jetzt präziser als mancher Arzt, und auch in Sachen Therapieauswahl liegt sie meistens richtig. Da drängt sich die Frage auf, ob KI nicht auch im Bereich der sportpsychologischen Betreuung wertvolle Dienste leisten kann? Für viele Sportpsychologen und Coaches mag diese Frage unangenehm sein – zielt sie doch darauf ab, möglicherweise ersetzt zu werden – aber sie ist berechtigt wie naheliegend. 

Befragt man Chat GPT nach einem gängigen sportpsychologischen Anliegen (z.B. Wettkampfschwäche oder Verletzungsangst), erhält man prompt ein paar sehr konkrete Lösungsvorschläge, damit umzugehen. Die Antworten sind zugegebenermaßen erstmal gut und richtig. Genauso gute Antworten erhält man auch auf Fragen zu praktischen Fertigkeitstrainings (wie kann ich meinen Tennisaufschlag verbessern? Wie kann ich meinen Schuss trainieren, damit er härter oder präziser wird?). Auch hier gibt dir KI nützliche Tipps an die Hand. Aber ersetzt das den praktischen Tennis-, Fußball- oder Eishockeytrainer? Noch lange nicht!

Künstliche Intelligenz in der Sportpsychologie: Nur schlau sein reicht nicht

Keiner weiß genau, was in 50 Jahren ist. Aber wir können durchaus davon ausgehen, dass die bis dahin voll ausgereifte künstliche Intelligenz einen noch viel größeren Teil unserer Lebenswelt ausmacht, als sie es jetzt schon tut. Vielleicht werden wir in ferner Zukunft ausschließlich von Roboter-Ärzten behandelt, von Roboter-Handwerkern besucht, von Roboterhänden massiert, von Roboter-Fußballtrainern ausgebildet oder von Tennismaschinen trainiert. Vielleicht treten die Maschinen auch gegeneinander an und der menschliche Sportler ist nur noch ein Relikt aus der Vergangenheit. Aber so weit ist es noch lange nicht. Noch menschelt es auf unserem Planeten. Und genau das ist der Punkt. 

KI-Programme sind vollgestopft mit Wissen – teilweise noch mit gefährlichem Halbwissen, aber oft schon richtig fundiert. Und dieses Wissen wird auf Anfrage in Sekundenschnelle ausgespuckt – ideal für jeden, der nach schnellen und vor allem einfachen Antworten sucht. 

Sportpsychologische Betreuung vs. künstliche Intelligenz

Sportpsychologische Betreuung bzw. Sport-Mentaltraining ist aber nicht auf Schnellschusslösungen ausgerichtet. Selbst akute Krisenintervention ist nicht mal eben so gemacht. Die Wörter „Betreuung“ oder „Coaching“ implizieren ja bereits eine Regelmäßigkeit, die es auch unbedingt braucht. Die Erfolge in der sportpsychologischen Betreuung passieren schrittweise über die Zeit. Entwicklungen müssen beobachtet und Maßnahmen immer wieder vertieft oder angepasst werden. In diesem Sinne sollte Sportmentaltraining immer individuell sein, zugeschnitten auf die Bedürfnisse, Anforderungen, Veranlagungen und vieles mehr. Mentaltrainer und Sportpsychologen nehmen Schwingungen wahr, lesen die Körpersprache, sind einfühlsam oder auch mal hart – je nachdem, was der Athlet braucht. 

KI dagegen wartet demgegenüber mit Pauschallösungen auf – Tipps und Tricks, die zwar oft richtig sind, aber tendenziell allgemein und unspezifisch. 

Fazit

Wenn es um gezielte Intervention geht, die das Übel an der Wurzel packt und beim Sportler nachhaltig verfängt, hat die Künstliche Intelligenz sicherlich (noch) nicht die Qualität wie die enge Betreuung von einem Sportpsychologen oder qualifizierten Sportmentaltrainer. 

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Prof. Dr. René Paasch: Psychologisches Kapital – Positive Psychologie als Schlüssel zum Erfolg im Sport

Sportler*innen und Trainer*innen sind ständig auf der Suche nach Wegen, um ihre Leistung zu optimieren und ihre Ziele zu erreichen. Ein oft übersehener Aspekt, der einen erheblichen Einfluss auf die sportliche Leistung haben kann, ist das psychologische Kapital (PsyCap). Dieses Konzept aus der Positiven Psychologie umfasst Hoffnung, Selbstvertrauen, Resilienz und Optimismus – Faktoren, die nicht nur das allgemeine Wohlbefinden verbessern, sondern auch die Leistungsfähigkeit im Sportbereich steigern können (Luthans, Youssef & Avolio, 2007).

Zum Thema: Psychologisches Kapital (PsyCap) und seine Bedeutung im Sport

Psychologisches Kapital, oft als PsyCap bezeichnet, ist definiert als ein positiver psychologischer Entwicklungsstand, der aus vier Kernkomponenten besteht: Hoffnung, Selbstvertrauen, Resilienz und Optimismus (Avey, Luthans & Youssef, 2010). Diese Komponenten sind veränderbar und können durch gezielte Interventionen gestärkt werden.

Die vier Dimensionen des PsyCap im Sport

  • Hoffnung: Eine Annäherungsorientierung, die Sportler*innen dazu motiviert, ihre Ziele durch konkrete Planungen und Strategien zu erreichen.
  • Selbstvertrauen: Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten, um Herausforderungen erfolgreich zu meistern und sportliche Höchstleistungen zu erbringen.
  • Resilienz: Die Fähigkeit, sich von Rückschlägen zu erholen, mental stark zu bleiben und trotz Widrigkeiten weiterzumachen.
  • Optimismus: Eine positive Erwartungshaltung, die es Sportler*innen ermöglicht, selbst in schwierigen Situationen eine günstige Zukunft zu antizipieren (Demerouti et al., 2011).

Faktoren, die in einem sportpsychologischen Workshop zu mehr PsyCap führen

Ein sportpsychologischer Workshop kann gezielt dazu beitragen, das psychologische Kapital (PsyCap) von Sportler*innen zu steigern, indem er auf die vier Kernkomponenten eingeht: Hoffnung, Optimismus, Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit. Die folgende Erklärung verdeutlicht, welche Mechanismen in einem solchen Workshop verwendet werden, um diese Komponenten zu stärken:

  • Hoffnung

Hoffnung im Sportkontext bedeutet, dass Athleten*innen eine Annäherungsorientierung anstatt einer Vermeidungsorientierung einnehmen. Sie werden ermutigt, durch die Festlegung von klaren und erreichbaren Zielen pragmatisch vorzugehen. Dies kann durch gezielte Zielsetzung und Planungsübungen im Workshop gefördert werden.

  • Optimismus

Optimismus wird durch Selbstgespräche gefördert, bei denen negative und selbstschädigende Gedanken umformuliert werden. Athleten*innen lernen, ihre innere Stimme positiv zu gestalten, was ihnen hilft, auch in schwierigen Situationen eine optimistische Einstellung zu bewahren. Diese Technik kann durch Übungen im Workshop vermittelt werden, bei denen die Teilnehmer*innen ihre Gedanken schriftlich festhalten und umformulieren.

  • Selbstvertrauen

Selbstvertrauen im Sport wird durch mehrere Faktoren gestärkt:

Aktive Bewältigung: Athleten*innen beteiligen sich aktiv an der Zielsetzungsübung und steigern ihre Wirksamkeit, indem sie erfolgreiche Szenarien visualisieren.

Vorbilder oder stellvertretendes Lernen: Die Teilnehmer*innen tauschen sich über ihre Ziele aus und machen Vorschläge. Das Lernen von den Erfolgen anderer stärkt das eigene Vertrauen.

Soziale Überzeugung und positives Feedback**: Der sportpsychologische Experte bzw. die Expertin und die anderen Teilnehmer*innen bieten positive Verstärkung für die Zielerreichung. Dies fördert ein unterstützendes Umfeld, das das Selbstvertrauen stärkt.

  • Widerstandsfähigkeit

Widerstandsfähigkeit im Sport wird durch kognitive, emotionale und Verhaltensprozesse gestärkt, die die Wahrnehmung der Athleten*innen hinsichtlich ihres Einflusses auf äußere Bedingungen verändern können.

Visualisierung und Vorwegnahme möglicher Rückschläge**: Dies ermöglicht es den Athleten*innen, ihre Fähigkeit zu verbessern, diese Umstände mental neu zu gestalten.

Strategien zur Stressbewältigung: Athleten*innen lernen Techniken, um mit Stress umzugehen und sich auf ihre Stärken zu konzentrieren, was ihre Resilienz fördert.

Durch die Anwendung dieser Mechanismen in einem sportpsychologischen Workshop können Athleten*innen ihr psychologisches Kapital erheblich steigern, was zu einer besseren sportlichen Leistung und einem höheren Wohlbefinden führt.

Broaden-and-Build-Theorie im Kontext von PsyCap

Die Broaden-and-Build-Theorie von Barbara Fredrickson beschreibt, wie positive Emotionen die Aufmerksamkeit und das Denken erweitern („broaden“) und so den Aufbau dauerhafter persönlicher Ressourcen („build“) fördern (Fredrickson & Cohn, 2008). Diese Theorie bietet ein wertvolles Rahmenwerk, um zu verstehen, wie positive Emotionen und psychologisches Kapital (PsyCap) miteinander interagieren können, auch wenn die Theorie die direkte Übertragung von PsyCap nicht explizit erwähnt.

Im Sportumfeld können positive Emotionen wie Freude, Zufriedenheit und Stolz nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden von Athleten*innen verbessern, sondern auch langfristig vorteilhafte Eigenschaften und Fähigkeiten fördern. Wenn ein*e Athlet*in positive Emotionen erlebt, sei es nach einem erfolgreichen Wettkampf oder einem intensiven Training, erweitert dies seine/ihre kognitive Flexibilität und Offenheit für neue Erfahrungen und Lernmöglichkeiten.

Positive Emotionen erweitern die Aufmerksamkeit und das Denken, was Athleten*innen hilft, ihre Umgebung und ihre eigenen Fähigkeiten aus einer breiteren Perspektive zu betrachten. Dies führt zu einer höheren Kreativität bei der Problemlösung und einer besseren Fähigkeit, neue Strategien und Techniken zu erlernen. Im Training und Wettkampf bedeutet dies, dass Athleten*innen offener für Feedback sind und eher bereit sind, innovative Ansätze auszuprobieren.

Aufbau dauerhafter persönlicher Ressourcen („Build“)

Durch das Erleben positiver Emotionen können Athleten*innen dauerhafte persönliche Ressourcen aufbauen. Diese Ressourcen umfassen nicht nur physische Fähigkeiten, sondern auch psychologische Stärken wie Resilienz, Selbstvertrauen und soziale Bindungen zu Teamkolleg*innen und Trainer*innen. Im Kontext des PsyCap bedeutet dies, dass Athleten*innen durch wiederholte positive Erfahrungen ihre Hoffnung, ihren Optimismus, ihr Selbstvertrauen und ihre Widerstandsfähigkeit stärken können. 

Die Broaden-and-Build-Theorie verdeutlicht, wie entscheidend positive Emotionen im Sport sind, nicht nur für das unmittelbare Wohlbefinden, sondern auch für die langfristige Entwicklung psychologischer Stärken. Durch die Förderung positiver Emotionen können Sportler*innen ihr psychologisches Kapital stärken und somit ihre Leistung und ihr Wohlbefinden auf nachhaltige Weise verbessern.

Praktische Anwendung: Journaling zur Steigerung des PsyCap

Journaling ist ein effektives Werkzeug, um das PsyCap zu stärken. Sportler*innen können durch regelmäßiges Schreiben ihre Gedanken und Gefühle reflektieren, Ziele festlegen und Erfolge feiern. Beispiele für Journaling-Übungen:

  • Hoffnung: Notiere dir täglich drei Schritte, die dich deinem sportlichen Ziel näherbringen.
  • Selbstvertrauen: Schreibe über eine Herausforderung, die du erfolgreich gemeistert hast, und welche Fähigkeiten dir dabei geholfen haben.
  • Resilienz: Dokumentiere einen Rückschlag und wie du diesen überwunden hast.
  • Optimismus**: Formuliere positive Selbstgespräche und Affirmationen für den Tag.

Fazit

Das Psychologische Kapital bietet eine wertvolle Ressource für Sportler*innen, um ihre mentale Stärke und Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Durch gezielte Trainingsmethoden und regelmäßiges Journaling können Sportler*innen ihre Hoffnung, Selbstvertrauen, Resilienz und Optimismus stärken, was sich positiv auf ihre sportlichen Leistungen auswirkt.

Take-Home Message

Das psychologische Kapital ist ein unterschätzter, aber entscheidender Faktor im Sport. Durch die Entwicklung von Hoffnung, Selbstvertrauen, Resilienz und Optimismus können Sportler*innen nicht nur ihre Leistung steigern, sondern auch ihr Wohlbefinden und ihre mentale Gesundheit verbessern.

Mehr zum Thema:

Literatur

– Luthans, F., Youssef, C. M., & Avolio, B. J. (2007). Psychological Capital: Developing the Human Competitive Edge. Oxford University Press.

– Avey, J. B., Luthans, F., & Youssef, C. M. (2010). The Additive Value of Positive Psychological Capital in Predicting Work Attitudes and Behaviors. Journal of Management.

– Demerouti, E., et al. (2011). Job Characteristics and Psychological Capital: The Role of Work Engagement. Journal of Occupational Health Psychology.

– Fredrickson, B. L., & Cohn, M. A. (2008). Positive Emotions. In M. Lewis, J. M. Haviland-Jones, & L. F. Barrett (Eds.), Handbook of Emotions (3rd ed.). The Guilford Press.

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Janosch Daul: Wie sich NLZ-Spieler individuell maßgeschneidert führen und unterstützen lassen

Trainer können ein Lied davon singen: Coach, Pädagoge, Psychologe, Freund, Mitspieler, Mediator, Fahrer, Trauerbegleiter… Situations- und personenabhängig nehmen Trainer in der Führung eines Spielers und Teams – mal bewusst, mal unbewusst – ganz spezifische Rollen ein. Als Sportpsychologischer Coach geht es mir da nicht viel anders: Um Spieler wirkungsvoll zu unterstützen, muss auch ich die Klaviatur verschiedenster Rollen bedienen wie beherrschen. Dieser Artikel zeigt auf, wie ich unsere NLZ-Spieler im Leistungsbereich individuell und bedürfnisorientiert unterstütze – auf Grundlage einer professionellen Auftragsklärung.

Zum Thema: Der Sportpsychologische Coach als „Rollenspieler“

Eine gute Zusammenarbeit mit Trainern und Spielern bedarf einer zwischenmenschlichen wie inhaltlichen Grundlage, es braucht einen Nährboden, aus dem Großes erwachsen kann. Aus diesem Grund investiere ich in jeder Saisonvorbereitung bewusst sehr viel Zeit in individuelle Gespräche, um Beziehungen zu den Trainern und Spielern aufzubauen, zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Daher biete ich den Spielern unserer Teams im Leistungsbereich (U16, U17, U19) ein zweiteiliges Gespräch an: Zunächst ein Kennenlerngespräch, bei Neuzugängen und mir noch unbekannten Spielern, sowie ein Austauschgespräch im Falle von Spielern, die ich schon mindestens eine halbe Saison lang begleitet habe. Dieses aktive Ausdrücken von Interesse durch das Stellen offener und nicht-wertender Fragen öffnet bei fast allen Spielern anschließend einen Raum, innerhalb dessen die Spieler mit mir inhaltlich zusammenarbeiten wollen. Aber wie soll diese Zusammenarbeit konkret mit Leben gefüllt werden? Antworten darauf ergeben sich im anschließenden Auftragsklärungsgespräch.

Auftragsklärung als Grundlage für eine stimmige Zusammenarbeit

In diesem Gespräch erarbeite ich gemeinsam mit dem Spieler einen Rahmen für eine stimmige Zusammenarbeit. Es geht darum, zu klären, was der Spieler von mir braucht, um am Saisonende sagen zu können: „Janosch hat für mich als Mensch einen Unterschied gemacht und mich inhaltlich-mental in meiner Weiterentwicklung vorangebracht.“ Die entscheidenden Fragen dabei lauten: Was ist dem Spieler wichtig? Wie will er Zusammenarbeit gestalten? Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, Gut oder Schlecht. Sondern der Spieler äußert das, was für ihn in der Zusammenarbeit eine Bedeutung hat. Diese Vorgehensweise passt hervorragend zu meiner systemischen Grundhaltung: Der Spieler – für mich in allererster Linie ein Mensch – ist der Experte für sich selbst und weiß selbst am besten, was er braucht. Ich als Sportpsychologischer Coach möchte auf seinem Weg ein anregender Impulsgeber sein. Wichtig bei der Auftragsklärung ist: Der definierte Rahmen stellt nicht etwa ein starres Gebilde dar, sondern ermöglicht einen flexiblen Handlungsspielraum und kann jederzeit im Saisonverlauf – an sich zum Beispiel verändernde Spielerbedürfnisse – angepasst werden. Mir persönlich gibt der Rahmen eine Orientierung, meinem Handeln sowie meiner Zusammenarbeit mit dem Spieler Sinnhaftigkeit und Struktur. Es entsteht eine stabile Grundlage, auf der sich Zusammenarbeit stimmig gestalten und diese auch immer wieder – gemeinsam mit dem Spieler – bewusst reflektieren lässt.

In unseren Auftragsklärungsgesprächen stelle ich den Spielern folgende Rollen vor, die ich für sie einnehmen kann:

Spiegel

Als Sportpsychologischer Coach bin ich regelmäßig bei den Trainingseinheiten und Spielen unserer Teams im Leistungsbereich dabei, aber auch bei sonstigen Maßnahmen wie z.B. Mittagessen und Teambesprechungen. In der Rolle des Spiegels bekommen die Spieler von mir, z.B. nach dem Training, ein Feedback per WhatsApp-Sprachnachricht unter mentalen und sozialen Gesichtspunkten: Wie habe ich den jeweiligen Spieler (im Teamkontext) wahrgenommen? Was ist aufgefallen? Durch dieses ehrliche Teilen meiner Wahrnehmungen bringe ich den Spieler in Kontakt mit seinem Verhalten und biete ihm eine Außenperspektive, die er wiederum für seine Reflexion nutzen kann. In einem lösungsorientierten Rückfeedback an mich innerhalb der 48 Stunden nach Erhalt der Sprachnachricht kommuniziert der Spieler, was er aus der Sprachnachricht für sich mitgenommen hat und was er sich konkret vornimmt, um mental weiter zu wachsen.

Coach 

Der Spiegel lässt sich kombinieren mit dem Coach. Sofern ein Spieler mich in der Rolle des Coaches sieht, kombiniere ich meine Sprachnachrichten mit anregenden Reflexionsfragen, die ihn noch zielgerichteter in eine bewusste Auseinandersetzung mit dem auf Feld Erlebten führen sollen. Diese Fragen helfen dem Spieler dabei, sich noch besser kennen und verstehen zu lernen, neue Sichtweisen zu entwickeln und selbst Lösungsimpulse in Bezug auf mentale und soziale Themen zu entwickeln. Als Coach stehe ich dem Spieler zudem in Coachingprozessen zur Verfügung – wenn er also im Einzelsetting gezielter an mentalen Themen arbeiten will. Coach kann sich aber auch auf die Teilnahme an einem Life Kinetik-Kleingruppentraining beziehen, in dem wir einmal wöchentlich vor dem Mannschaftstraining zielgerichtet die kognitiven Fähigkeiten der Spieler trainieren. 

Berater

Der Spiegel lässt sich zudem mit der Rolle des Beraters kombinieren. Sofern ein Spieler mich in dieser sieht, kombiniere ich meine Sprachnachrichten mit Tipps und Impulsen, bezogen auf mentale und soziale Auffälligkeiten. Diese Ratschläge helfen dem Spieler, mental noch stärker zu werden – eine fleißige Umsetzung und, falls nötig, eine entsprechende Anpassung der ausgesprochenen Tipps vorausgesetzt. 

Pädagoge

Als Pädagoge spiegele ich den Jungs ehrlich, direkt, aber respektvoll, wenn ich mit einem gezeigten Verhalten nicht einverstanden bin. Als Mensch mit mehr Lebenserfahrung möchte ich unseren Spielern ein Wegweiser, ein Anker, ein Orientierungspunkt sein und sie mit meinem individuellen Werteverständnis in Kontakt bringen – ohne ihnen dabei eine Wertvorstellung aufzuzwängen. 

Mediator

Als Mediator stehe ich den Jungs zur Verfügung, um in sich zuspitzenden Konfliktsituation durch Moderation zur Auflösung dieser beizutragen – oder durch das Geben von Hilfestellungen den Spieler zu befähigen, den Konflikt eigenverantwortlich anzugehen. 

Mentaler Mülleimer

Der Fußball hat für unsere Spieler eine emotionale Bedeutsamkeit. Für viele von ihnen ist er nichts anderes als die größte Leidenschaft und die wichtigste Sache in ihrer (Lebens-)Welt. Eine umso größere Emotionalität kann dann entstehen, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden und die Spieler ihre individuelle Zielerreichung in Gefahr wähnen. Und an genau dieser Stelle möchte ich ansetzen, indem ich den Jungs einen Raum biete, indem sie sich einfach mal „auskotzen“ können. Schließlich will die Emotion gefühlt und gesehen werden, um wieder in einen lösungsorientierteren Modus schalten zu können. Sofern mich der Spieler in dieser Rolle sieht, definieren wir, welche Situationen eintreten müssten, die ein bewusstes Zugehen auf mich zur Folge haben sollen. 

Trauerbegleiter

Auch jugendliche Fußballspieler sind vor individuell herausfordernden Situationen nicht gefeit, ganz egal, ob im Privatleben oder im Fußballkontext. Sofern mich der Spieler in der Rolle des Trauerbegleiters sieht, definieren wir auch hier, welche Situationen eintreten müssten, die ein bewusstes Zugehen auf mich zur Konsequenz haben sollten. Als Trauerbegleiter schaffe ich meinem Gegenüber einen Raum, die Emotion auszudrücken. Gemeinsam entwickeln wir anschließend – falls erwünscht – Wege, wie der Spieler mit der Emotion stimmig umgehen und Schritt für Schritt wieder in die Zukunft schreiten kann.

Karriereberater

In dieser Rolle möchte ich keinesfalls den klassischen „Spielerberater“ ersetzen. Vielmehr biete ich unseren Jungs an, sie, primär durch das Stellen von Fragen, im Falle einer zu fällenden Zukunftsentscheidung zu unterstützen, eine für sich möglichst stimmige Entscheidung zu treffen – ohne dabei in irgendeiner Form Stellung zu beziehen oder eine Meinung abzugeben. Das machen meiner Wahrnehmung nach ohnehin schon ausreichend Personen im direkten Umfeld des Spielers. 

Großer Bruder

Mit einem großen Bruder assoziiere ich jemanden, der für einen Mitmenschen vor allem dann da ist, wenn er gebraucht wird. Sofern mich ein Spieler in dieser Rolle sieht (genauso wie in der Rolle des Freundes, s. unten), frage ich immer nach: „Was wünschst du dir von mir in dieser Rolle in welcher Situation ganz genau?“ Und schon stellen wir auf der Handlungsebene Klarheit her. Manche Wünsche, falls ich sie als inkompatibel mit meiner übergeordneten Rolle als Sportpsychologischer Coach ansehe, weise ich allerdings auch ab oder wir passen den Wunsch gemeinsam an.

Freund 

Als Freund sehe ich mich in der Rolle desjenigen, der mit dem Spieler in passenden Momenten zwischenmenschlich locker interagiert und der einen Raum schafft, innerhalb dessen der Spieler auch mal kindlich-jugendlich drauf sein kann. Auch hier konkretisiere ich mit dem Spieler, was er sich von mir in dieser Rolle wünscht. 

Nachdem ich dem Spieler diese Rollen vorgestellt habe, bekommt er von mir Zeit, um für sich zu prüfen, in welchen Rollen er mich sieht und in welchen eher weniger. Anschließend kommen wir ins Gespräch und erfassen die genauen Spielerbedürfnisse, die mit der Einnahme einer bestimmten Rolle verbunden sind – so, dass ich eine konkrete Vorstellung davon erhalte, wie ich dem jeweiligen Spieler im Alltag auf der Handlungsebene der bestmögliche Unterstützer sein kann.

Wettkampfbegleitung

Anschließend schauen wir noch genauer auf das Thema Wettkampfbegleitung. Ich stelle dem Spieler einige Möglichkeiten vor, wie ich ihm auch am Spieltag selbst ein Unterstützer sein kann. Beispielhaft sei hier genannt: Das Erarbeiten von individuellen (mentalen) Zielstellungen für das Spiel, das Durchführen psychologischer Techniken oder ein persönliches Feedbackgespräch nach dem Spiel. Auch hier wählt dann der Spieler das für ihn Passende aus und kann zudem eigene Vorschläge einbringen. Schließlich brechen wir die entsprechenden Wünsche des Spielers auf die Handlungsebene herunter, so dass ich genau weiß, wie und wann ich am Spieltag für den jeweiligen Spieler wirksam werden kann. 

Ebenso Teil des Auftragsklärungsgespräches ist ein bewusster Blick auf die mentalen und sozialen Wachstumspotenziale des Spielers: Woran gilt es in der Wahrnehmung des Spielers (noch) zu arbeiten? Und was würden ihm wohl seine Trainer raten? Zudem spiegele ich dem Spieler, wenn ich ihn schon in der vorherigen Saison begleitet habe und somit einschätzen kann, meine Wahrnehmungen. Nicht selten öffnet dieser Austausch ein Feld für individuelle Coachingprozesse, in denen wir dann an dem jeweiligen Thema zielgerichtet arbeiten. Abschließend äußere ich, was ich vom Spieler für eine gelingende Zusammenarbeit brauche und gebe ihm Raum zu äußern, was ihm in dieser besonders wichtig ist. 

Herausforderungen in der Umsetzung dieser sehr bedürfnisorientierten Vorgehensweise

Diese Vorgehensweise über eine Saison hinweg konsequent mit Leben zu füllen, ist herausfordernd – allein, wenn bedacht wird, dass sich immerhin 60 der knapp über 70 Spieler im Leistungsbereich durch eine entsprechende Zusammenarbeit unterstützen lassen wollen. Entsprechend meiner Erfahrungen sind die folgenden Herausforderungen die größten: 

  1. Nicht umsetzbare Spielerwünsche
  • Manche Spielerwünsche sind entweder zeitlich nicht umsetzbar oder mit meiner übergeordneten Rolle als Sportpsychologischer Coach inkompatibel. Hier gilt es, realistische Erwartungshaltungen zu erzeugen bzw. den Wunsch des Spielers so zu verhandeln, dass dieser schließlich für beide Seiten passend umgesetzt werden kann.
  1. Kompetenzanforderungen
  • Wie brachte es einst schon Norbert Elgert so schön auf den Punkt: „Wasser predigen und Schnaps trinken funktioniert nicht.“ Dies bedeutet für meine Arbeit: Wenn dem Spieler eine bedürfnisorientierte Vorgehensweise angeboten und besprochen wird, muss ich dem mit meiner Arbeit auch Tag für Tag Rechnung tragen. Das erfordert ein Höchstmaß an Selbststruktur, Übersicht, Willen und Disziplin.

Fazit

Für meine Arbeit als Sportpsychologischer Coach hat sich diese Vorgehensweise im Laufe der vergangenen Saison als die stimmigste erwiesen – denn sie setzt direkt an der Lebenswelt des Spielers und seinen Bedürfnissen an. Sie passt zu meiner systemischen Grundhaltung, die besagt, dass der Spieler der Experte für sich selbst ist und lässt ihm somit Autonomie und Gestaltungsfreiheit in unserer Zusammenarbeit. Diese Herangehensweise entspricht zudem meiner demütigen Grundhaltung als Mensch, sich nicht zu wichtig zu nehmen – und aus dieser Grundhaltung heraus dennoch Aktivität, Offenheit und Unterstützergeist auszustrahlen. 

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Nathalie Klingebiel: Licht aus, Spot an – wie Du deinen Fokus steuern kannst und wieso Dir das im Fußball hilft

Stell Dir vor, Du bist mitten im Spiel und es beginnt, hitzig zu werden. Es ist die 85. Minute und es steht 1:1. Der Gegner ist am Drücker und hat gute Chancen auf das 2:1. Genau in dieser Situation solltest Du eigentlich total fokussiert auf dein eigenes Spiel sein, deinen direkten Gegenspieler immer im Blick haben und die Ruhe bewahren. Stattdessen lässt Du dich von der Unruhe am Spielfeldrand ablenken. Zuschauer und Trainerteam – alle rufen wild durcheinander. Du wirst unkonzentriert und läufst Gefahr, einen Fehler zu begehen. Nach dem Spiel fragst Du dich, wieso du dich einfach nicht gut konzentrieren und auf das Wesentliche fokussieren konntest? 

Zum Thema: Aufmerksamkeitslenkung im Fußball

Kommt Dir das bekannt vor? Dann hast Du vermutlich noch nichts von den vier Dimensionen der Aufmerksamkeit gehört und wie man diese bewusst für sich nutzen kann. Man kann natürlich nicht alle vier Dimensionen gleichzeitig einnehmen, aber entscheidend ist es, in der Lage zu sein, kontrolliert zwischen den Dimensionen hin und her zu switchen – je nachdem, welche Du gerade brauchst und welche in einer bestimmten Situation am hilfreichsten ist.

Bevor wir zu dem praktischen Wie kommen, erläutere ich kurz das theoretische Was: Grundsätzlich wird in die vier Dimensionen external-weit, external-eng, internal-weit und internal-eng unterschieden. 

Internat und external meint, ob der Fokus nach innen oder außen gerichtet ist und eng und weit beschreiben, ob der Fokus einen großen oder kleinen Bereich betrifft. Vorstellen kann man sich das wie den Lichtkegel einer Taschenlampe, der auch enger oder weiter gestellt werden kann und dementsprechend unterschiedliche Dinge in den beleuchteten Bereich fallen und fokussiert werden.

Praktisches Wissen

Wie aber sehen jetzt die unterschiedlichen Dimensionen konkret in der Praxis aus und wie kannst Du sie kontrolliert einnehmen und für dich nutzen? 

  • Im internal-engen Fokus konzentrierst Du dich auf einen ganz bestimmten Gedanken, ein Gefühl oder eine Körperempfindung. 
  • Beim internal-weiten Fokus bleibst Du weiterhin bei Dir im Inneren, aber weitest die Aufmerksamkeit auf dein generelles Wohlbefinden und deine Stimmung aus, d.h. fühlst Du dich gerade im Moment fit, müde, motiviert etc.? Darüber hinaus betrifft der internal-weite Fokus auch die Verarbeitung vieler Informationen aus dem Gedächtnis wie z.B. Analysen oder Taktiküberlegungen. 
  • Sobald Du in den external-engen Fokus kommst, richtest Du deinen Blick sehr fokussiert auf einen einzigen relevanten äußeren Reiz. Als Torwart richtest Du deine Aufmerksamkeit also z.B. ausschließlich auf den Ball oder als Feldspieler nimmst Du beim Freistoß ganz bewusst nur eine Torecke ins Visier. 
  • Willst Du möglichst viele Reize gleichzeitig im Äußeren wahrnehmen und Dir einen Überblick verschaffen, wechselt Du in den external-weiten Fokus. Dieser ist nützlich, um sich z.B. eine Spielübersicht zu verschaffen und Mitspieler sowie Gegner im Raum wahrzunehmen. 

Die Umsetzung

Die Unterscheidung der vier Dimensionen ist besonders hilfreich, um Dir bewusst zu machen, wann welcher Aufmerksamkeitsfokus optimal ist – und dass Probleme oft entstehen, wenn Du dich in einem nicht-förderlichen Fokus befindest oder den Fokus unpassend wechselst. Beispiele hierfür sind das Grübeln über einen Fehler oder die zu starke Fokussierung eines Schmerzpunktes (beides internal-eng), wenn eigentlich in dem Moment wichtiger wäre, deinen Gegner und dessen nächste Aktion im Fokus zu haben (external-weit sowie external-eng). Genauso kann es umgekehrt passieren, dass Du dich während des Spiels von den Zuschauern auf den Rängen ablenken lässt und fehleranfälliger wirst (external-weit). An diesem Punkt solltest Du bewusst in einen internalen Fokus wechseln, um deine Sinne wieder zu schärfen und hochkonzentriert wirst. 

Mentale Techniken, um in einen internalen Fokus zu kommen, können Visualisierung, Bodyscan, Atemübungen oder innere Selbstinstruktionen sein. Ist gerade ein externaler Fokus für dich hilfreicher, kannst Du diesen kontrolliert einnehmen durch beispielsweise die Technik „10 Dinge, die ich sehe“ oder eine ganz bewusste Fokussierung auf einen Gegenstand, den man sich gedanklich detailliert beschreibt (inklusive Form, Farbe, Größe etc.). Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Nathalie Klingebiel) helfen Dir gern, wenn Du daran arbeiten willst.

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