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Arthur Wachter: Wie geht es euch, junge Sportler? (Umfrage für Sportler, Trainer und Eltern)

Nicht nur durch meine Arbeit im Eishockey weiß ich, wie sehr die Corona-Einschränkungen von Trainings- und Wettkampfbetrieb die Kinder und Jugendlichen treffen. Vielen Teams fehlt seit März 2020 nahezu die komplette Eiszeit. In den meisten anderen Sportarten sieht es ähnlich aus, insbesondere bei den Hallensportarten. Um Kindern, Jugendlichen und deren Eltern sowie Trainern und Vereins- und Verantwortlichen helfen zu können, rufe ich mit Unterstützung von Die Sportpsychologen zu einer Umfrage auf. Es geht darum, dass wir im Einzelfall individuell unterstützen und darüber hinaus Hinweise für Teams, Vereine und Verbände ableiten können. 

Zum Thema: Umfrage zur Corona-bedingten Trainings- und Wettkampfausfällen im Kinder- und Nachwuchssport

Die Zahlen sind alarmierend: Laut einer Studie der Universität München geben 40% der befragten Eltern an, dass sich ihre Kinder weniger bewegen. Besonders hart treffe es Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren. Hier seien es 60 Prozent. So geht es aus der Arbeit von Prof. Berthold Koletzko hervor. 

Viele Trainer oder Vereinsverantwortliche gehen unterdessen davon aus, dass sie in jedem Jahrgang Kinder und Jugendliche verlieren. Nicht selten scheint vollkommen unklar, ob einzelne Vereinsteams überhaupt für den Spiel- oder Wettkampfbetrieb in der kommenden Saison gemeldet werden können. Der organisierte Sport steht vor einer schwierigen Phase.

Umfrage

Statt die Hände in den Schoss zu legen oder “nur” zum Gebet zu falten, wollen wir von Die Sportpsychologen hier konkret ansetzen: Wir haben eine Umfrage entwickelt, welche von Kindern und Jugendlichen im Altern zwischen sechs und 16 Jahren mit Unterstützung von ihren Eltern bearbeitet werden kann. Die Teilnehmer können entweder anonymisiert oder mit einer Kontaktaufnahme-Aufforderung antworten.

zur Umfrage: https://forms.gle/U5n2niFE3m2GmyaL9 

Hinweis: Der Aufruf zur Kontaktaufnahme richtet sich an Sportler und deren Eltern oder Trainer, die sich in der aktuellen Phase sportpsychologische Unterstützung wünschen oder spezielle Fragen haben. Das auf die Kontaktaufnahme folgende Erstgespräch ist kostenlos. Kosten entstehen erst dann, wenn es zu einer weiteren Zusammenarbeit kommt. Die Details dazu werden zwischen den KlientInnen und den SportpsychologInnen besprochen. 

Quelle:

https://www.br.de/nachrichten/sport/corona-pandemie-bewegungsmangel-bei-kindern-und-die-folgen,SU5d2Ry

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Kürzlich bin ich über einen aufwühlenden Text in der NZZ am Sonntag (17.4.2021) gestolpert. Darin schildert der bekannte Schweizer Radrennfahrer Silvan Dillier das harte Leben im Profi-Radrennsport. Angesichts der hohen Leistungsanforderungen und dem erheblichen Erwartungsdruck in dieser kommerzialisierten und mediatisierten Sportart erstaunt es wenig, wie sehr die Hauptakteure den Leidensdruck erdulden, welchen Schaden ihre mentale Gesundheit dabei nehmen kann. Umso mehr überrascht die Einschätzung des Sportlers, wonach mentale Probleme grundsätzlich tabuisiert sind. Aus Sicht der Sportpsychologie stellt sich die Frage hinsichtlich der Entstigmatisierung psychischer Leiden im Spitzensport: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Zum Thema: Psychische Gesundheit und die veränderte Rolle der Sportpsychologie

Mein persönlicher Bezug zum Radsport ist ambivalent. Einerseits bin ich begeistert von der Leidens- und Leistungsfähigkeit ihrer Protagonist*innen. Die beinahe epischen Rennverläufe an der Tour de France finde ich faszinierend. Aus eigener Erfahrung weiss ich um die besondere Gefühlslage, nach 200km im Sattel und mehreren Tausend überwundener Höhenmeter über eine Ziellinie zu rollen. Ich verstehe Silvan Dillier wenn er sagt: „Radprofi zu sein, gilt vielen als Traum. In der Realität ist es wahnsinnig hart.“

In meiner beruflichen Realität als Sportpsychologe mied ich den Kontakt zum Radsport über viele Jahre. Es war die Zeit des ewigen Dopingsumpfs und erschüttender Skandale. Einmal – es war Mitte der 90er Jahre – machte ich eine Ausnahme und betreute einen damals sehr jungen und sehr erfolgreichen Radsportler. Mit dem Wechsel in die Elitekategorie verschwand er in den Niederungen der Ranglisten. Mit knapp 22 Jahren beendete er seine Karriere vorzeitig mit dem Hinweis, dass alle Top-Leute seiner Kategorie „geladen“ – sprich: gedopt – wären. Er sollte Recht bekommen, sämtliche seiner damals erfolgreicheren „Widersacher“ wurden in den Folgejahren des Dopings überführt.

Radsportromantik (Quelle: Adobe Stock)

Die Welt von Strava-Bestzeiten und Wattzahlen

Schon damals fiel mir auf, was Silvan Dillier in seinen Aussagen heute noch spiegelt. Damals wie heute dreht sich im Betreuungsumfeld der Teams alles um Wattzahlen, Ernährung, Sitzposition, Höhentraining, Pulskontrolle, Sauerstoffsättigung und sportmedizinische Tests. Als ich vor zwei Jahren wieder vermehrt Einblick in die Arbeit eines World Pro-Teams erhielt, offenbarten sich mir die gleichen systemrelevanten Rahmenbedingungen. Sportmediziner und –wissenschaftler der Teams überwachen weiterhin die Strava-Bestzeiten und Wattrekorde. Um die Befindlichkeit der oftmals sehr jungen Athlet*innen kümmert sich im Team indes niemand. Noch schwerwiegender dürfte sich die Stigmatisierung psychischer Probleme in der Radsportszene auswirken. 

Auf die Tabuisierung angesprochen meint Dillier: „Das würde voraussetzen, Schwächen einzugestehen, Zweifel an der eigenen Leistung zu äussern. (…) Viele versuchen, mentale Schwächen auszublenden, indem sie sich einreden, sie hätten mit solchen Themen gar nichts am Hut. (…) Sie müssten sich eingestehen, dass mentale Probleme normal sind und über Sieg oder Niederlage entscheiden. Aber sie sind nicht ehrlich zu sich selbst.“

Corona als Chance – Themen jetzt ansprechen!

Es scheint, als würde sich im Radsport der Mythos des „eisernen Modellathleten“, der sich keine mentalen Schwächen eingestehen darf, standhaft halten. Vielleicht aber – und dies könnte ironischerweise auch der aktuellen Corona-Krisenzeit geschuldet sein – entwickelt sich in vielen Sportarten ein veränderter Diskussionsrahmen, der den psychischen Bedürfnissen der Sportler*innen mehr Bedeutung und Beachtung schenkt. Wie wichtig dieser bewusste Umgang ist, verdeutlicht das Beispiel des Schweizer Kunstturners Oliver Hegi, der seinen überraschenden Entscheid zum Rücktritt vom Spitzensport in diesen besonderen Kontext stellt: „Die noch anhaltende Pandemie sowie die Unsicherheit und das Risiko, welches sie bezüglich meines Physikstudiums birgt, ist ein Grund. Der ausschlaggebende Punkt war aber ein Wertewandel in den letzten Monaten.“ (gymedia.de). 

Der Hinweis des Reck-Europameisters auf den wahrgenommenen Wertewandels lässt den Schluss zu, dass viele Sportler*innen aktuell über die Sinnhaftigkeit ihres Engagements im Leistungs- und Spitzensport nachdenken. Aus Sicht der Sportpsychologie eröffnet sich die Chance, Themen wie psychische Gesundheit im Kontext des Spitzensports, die eigene Motivation für eine Spitzensportkarriere oder die Akzentuierung des Handlungsspielraums im Übergang in eine nachsportliche Karriere – frei von Tabus und Schamgefühlen – zu diskutieren. In welcher Art und Weise eine solche Standortbestimmung ausfallen könnte, skizzieren die Guidelines, welche die Europäische Vereinigung der Sportpsychologie FEPSAC kürzlich veröffentlicht hat.

Vier Handlungsfelder für aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie

Bezugnehmend auf den oben angesprochenen, auch durch die Pandemie veränderten Diskussionsrahmen erkenne ich mindestens vier bedeutsame Entwicklungsrichtungen.

1) Die Trainer*innen für diese Anliegen gewinnen: Die verantwortlichen Trainer*innen sind auch in dieser Thematik die primären Ansprech- und Vertrauenspersonen für die Athlet*innen. Sie gilt es in diesem Bereich zu unterstützen, zu informieren und gegebenenfalls auch zu entlasten. Das Beispiel von Silvan Dillier zeigt zudem, das fachspezifische Unterstützung seitens der Sportpsychologie einerseits von Athlet*innen aktiv gesucht, andererseits auf auch zugänglich gemacht werden muss.

2) Positionierung  der Sportpsychologie: Die vielfältigen und teilweise auch dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit junger Menschen hat die Bedeutung der psychischen Gesundheit akzentuiert. Die gestiegene Akzeptanz für psychologische Hilfestellungen zeigt sich u.a. darin, dass vermehrt auch staatliche Unterstützung gefordert wird, um psychischer Not im Spitzensport auch präventiv entgegenzuwirken. (Link: Watson) Ein indisziplinäres Vorgehen, insbesondere in Kooperation mit der Sportmedizin, wäre hierzu angezeigt.

3) Kompetenzerweiterung der Sportpsychologie im Bereich psychischer Gesundheit im Spitzensport: Die aktuellen Entwicklungen im Spitzensport bedingen eine verstärkte Berücksichtigung zentraler Aspekte der psychischen Gesundheit. Wohlbefinden, Zufriedenheit, intrinsische Motivation und Selbstwirksamkeit sind bedeutsame psychologische Aspekte einer erfolgreichen sportlichen Karriere und gehören ins Betreuungsrepertoire der Angewandten Sportpsychologie.

4) Komplexität des Spitzensports erfordert ein tragfähiges Netzwerk im Betreuungsumfeld der Athlet*innen: Den insgesamt gestiegenen Anforderungen im internationalen Leistungssport muss auch hinsichtlich der Professionalisierung im Umfeld des Spitzensportlers Rechnung getragen werden. In welche Richtung eine solche Netzwerkunterstützung gehen kann, lässt sich an der 2020 gegründeten Sportler*innen-Community-Organisation Sportlifeone erkennen. (Link zur Seite von Sportlifeone https://sportlifeone.ch)

Mehr zum Thema:

Quellen:

Stambulova, N.B., Schinke, R.J., Lavallee, D. & Wylleman, P. (2020). The COVID-19 pandemic and Olympic/Paralympic athletes’ developmental challenges and possibilities in times of a global crisis-transition, International Journal of Sport and Exercise Psychology, DOI: 10.1080/1612197X.2020.1810865

https://www.gymmedia.de/Geraetturnen/EX-Reck-Europameister-Oliver-Hegi-erklaert-Ruecktritt

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“Mit Mindance schaffen wir eine umfangreiche Erweiterung von Abliefern”

Begrifflichkeiten wie Mentalität, Flow, Visualisierungen, Motivation oder Selbstvertrauen gehören zum selbstverständlichen Sprachgebrauch von Sportlern und Sportlerinnen. Allerdings finden sich solche Skills in kaum einem Trainingsplan wieder. Wir von Die Sportpsychologen ändern dies mit unserem Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt”, indem wir konkrete Techniken aufzeigen, praktische Anwendungen erklären und mit echten Beispielen aus dem Spitzensport arbeiten. Nun erweitern wir unser Programm durch die Kooperation mit Mindance – alle Kunden können jetzt passende Übungen aus der beliebten App nutzen.  

Mehr zum Thema: Erweiterung des Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt”

Die Mindance App ist bei Sportlern und Trainern bereits sehr beliebt. Insbesondere deshalb, weil sie Achtsamkeitsmeditationen, Entspannungsübungen und weitere psychologische Techniken über das Smartphone überall verfügbar macht. “Dazu kenne ich keine App, die die Inhalte so gut erklärt. Daher bin ich sehr froh, dass wir unser Abliefern-Angebot so umfangreich erweitern können”, sagt Prof. Dr. Oliver Stoll, der das Online-Coachingprogramm “Abliefern, wenn es darauf ankommt” mit anderen Experten von Die Sportpsychologen und erfolgreichen Trainern und Sportlern entwickelt hat.

 

Lukas Stenzel, Mindance

Zu allen sieben Dimensionen des Abliefern-Programms – Zielsetzung, Selbstgespräche, Visualisierung, Emotionsregulation, Aufmerksamkeitskontrolle, Aktivierung/Entspannung und Automatismen – hat Sportpsychologe Lukas Stenzel von Mindance passende Übungen ausgewählt. Innerhalb der zweimonatigen Nutzungszeit des Online-Coachingprogramms “Abliefern, wenn es darauf ankommt” können die Sportler und Trainer auf diese Angebote ohne Zusatzkosten über die Mindance App zugreifen. Zudem ist über die App ein zusätzliches Diagnostik-Werkzeug nutzbar: Alle Abliefern-Kunden können täglich auf einer 5-stufigen Skala Energielevel, Stimmung, Vorhandensein von Schmerzen, Schlafqualität, Fokus und Erholung einschätzen und über eine Timeline visualisieren.

“Das erste digitale Sportpsychologie-Angebot im deutschsprachigen Raum”

„Das Programm „Abliefern, wenn es drauf ankommt“ vermittelt die wichtigsten Tools aus dem Bereich der angewandten Sportpsychologie – einfach und evidenzbasiert. Darüber hinaus ist es das erste digitale Sportpsychologie-Angebot im deutschsprachigen Raum. Dadurch gibt es erstmalig ein nachhaltiges und effektives Angebot, dass Sportlerinnen und Sportler von überall und zu jedem Zeitpunkt nutzen können. Wir sind sehr stolz, dass wir das Programm mit unserer App unterstützen dürfen!“, sagt Lukas Stenzel, Mitgründer von Mindance. 

Das Abliefern-Programm (Link) wird seit seinem Start im Frühjahr 2021 vor allem von Teamsportlern aus dem Fußball, Floorball und Feldhockey sowie Einzelsportlern aus dem Tennis, Badminton und Orientierungslauf genutzt. Darüber hinaus haben Trainer, Berater, Eltern und Mentalcoaches bereits Lizenzen gebucht. Aktuell laufen zudem Gespräche mit einigen Teams und Sportverbänden. 

Mehr zum Thema:

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Jürgen Walter: Wenn ein verletzter Spieler spielen will

Nicht nur im Fußball, auch im Basketball, Handball oder Eishockey ist die Corona-Saison 2020/2021 in den Top-Ligen auf die Zielgeraden eingebogen. In den alles entscheidenden Punktspielen, in den Playoffs oder Endspielen geht es um alles. Eine Phase, in der alle Beteiligten enorm unter Druck stehen und in der es besonders auf die jeweiligen Leistungsträger ankommt. Vieles wird überhöht. Für Verletzungen ist diese Saisonphase eine Unzeit. Dennoch kommen sie vor, gar nicht mal so selten. Aber wie sollten Sportler, Trainer und Verantwortliche damit bestmöglich umgehen?

Zum Thema: Umgang mit Sportverletzungen

Eine Verletzung im Sport, vor allem im Leistungssport ist zu keinem Zeitpunkt optimal. Besonders schmerzhaft – im doppelten Sinn – ist eine solche Situation vor wichtigen Entscheidungen. Ein Spiel entscheidet über Auf-und Abstieg, Athleten haben lange auf diesen Wettkampf trainiert oder das Ereignis ist ausschlaggebend für Verlängerung eines Vertrages.

Wenngleich eine Verletzung auch ein Warnsignal des Körpers sein kann: Durch diese Sportverletzung entsteht eine Konfliktsituation: Soll der Sportler am Spiel teilnehmen, auch wenn dadurch das Risiko entsteht, dass er sich eine schwerwiegendere Verletzung zuzieht, die ihn längerfristig außer Gefecht setzt? Oder soll er seine Genesung in den Vordergrund stellen und damit bei einem wichtigen sportlichen Ereignis nur Zuschauer zu sein?

Falsche Vorbilder

„Real men play hurt“, sagte der amerikanische Footballspieler London Fletcher im Jahre 2013. Diese Haltung haben möglicherweise viele Leistungssportler im Kopf, wenn es um Verletzungen im Sport geht. Durch die Interaktion mit anderen Sportlern, die trotz Verletzungen an Wettkämpfen teilnehmen, wird das Bild vermittelt, dass dies die Normalität sei und einen guten Leistungssportler ausmacht (Curry, 1993).

Es besteht nun die Gefahr, dass sich ein verletzter Spieler, der sich momentan in dieser Konfliktsituation befindet, durch die mediale Darstellung eines harten und widerstandsfähigen Leistungssportlers beeinflusst wird. Er meint, dass Verletzungen zum Sport dazu gehören und toleriert werden müssen. Aufgrund dessen verdrängt der Sportler, welche chronischen Schäden er durch diese Haltung davontragen kann und welche Spätfolgen ihn auf kurzem oder langem Wege erreichen werden.

Äußere Einflussfaktoren

Erschwerend kommen die äußeren Einflussfaktoren hinzu, die den Spieler zusätzlich unter Druck setzen, die richtige Entscheidung zu treffen und gleichzeitig niemanden zu enttäuschen. Vielleicht drängen die Sponsoren, die Mitspieler und auch der Trainer darauf, dass der Spieler am Spiel teilnimmt, da er selbst unter enormen Stress steht. Als Trainer steht man stets in der Öffentlichkeit und wird durch die Medien beeinflusst (Safai, 2003). Hinzu kommt die Last der Verantwortung für seine Spieler, die auf den Schultern des Trainers lastet. Dies wirkt sich auch auf den Spieler aus.

Aber nicht nur der Trainer setzt den verletzten Spieler unter Druck. Leistungssportler stehen meist selbst unter medialer Beobachtung. Das baut zusätzlich Druck auf die einzelnen Spieler auf, die um keinen Preis versagen möchten. Dies bewirkt eine Steigerung der mentalen Belastung und bringt alle Akteure dazu, sich gegen die Regeneration und für das Risiko einer längerfristigen Verletzung zu entscheiden nach dem Motto: „Es wird schon gutgehen“.

Die Konfliktlösung

Unter den gegebenen Umständen kristallisieren sich drei Lösungsmöglichkeiten heraus: 

  1. Der Verein entscheidet sich für die intensive Behandlung und gegen das Spiel, um die geschädigten Körperstrukturen des Spielers zu regenerieren und zum Beispiel mithilfe von Physiotherapie zu stärken, 
  2. oder der Spieler wird über die Folgen aufgeklärt, übernimmt die Verantwortung und nimmt trotz Risiko einer länger andauernden Sportverletzung an dem Spiel teil. 

Ersteres würde Unzufriedenheit beim Trainer und dem Sportler selbst auslösen, da ihre Erwartungen enttäuscht wären. Die zweite Möglichkeit wäre für den Spieler im ersten Moment zufriedenstellender, allerdings kämen im negativen Fall auf lange Sicht Komplikationen auf ihn zu, da er seine schon vorher geschädigten Strukturen überlasten könnte. 

Eine weitere Handlungsmöglichkeit wäre, dass 

  1. eine Alternative gefunden wird, die alle Beteiligten zu einem gewissen Grad zufrieden stellt. Wie zum Beispiel, dass der Sportler grundsätzlich am Spiel teilnimmt, aber nur wichtige Spielhandlungen absolviert, wie das Sieben-Meter-Werfen beim Handball. 

So könnte er seine Mannschaft unterstützen und gleichzeitig würden seine verletzten Körperstrukturen nicht so sehr belastet werden, wie es bei einer normalen Spielteilnahme der Fall wäre. 

Die letzte Vorgehensweise nähme den Druck vom Trainer und dem Spieler, da ein halbwegs normales Spiel garantiert wäre. Auch wäre gewährleistet, dass die Therapie zur Regeneration und Stärkung der verletzten Körperpartie nicht ausgesetzt werden müsste. Diese dritte Handlungsmöglichkeit wird jedoch nur in Einzelfällen zum Tragen kommen.

Fazit

Wichtig für solche Konfliktlösungen ist immer, dass der Sportler stets sein Recht darauf erhält, seine Meinung jederzeit zu ändern und offen seine Wünsche und Bedenken zu kommunizieren.

Letztendlich wird die Entscheidung jedoch der Trainer in Absprache mit der sportlichen Leitung, dem Sportmediziner und dem Physiotherapeuten – und idealerweise unter Einbeziehung eines Sportpsychologen – treffen. Nur wenn aus sportmedizinischer und physiotherapeutischer Sicht „grünes Licht“ gegeben wird, darf ein Athlet zum Einsatz kommen. Die Fürsorgepflicht, den Athleten vor weiteren Verletzungen zu schützen, muss gegenüber des Wunsches, zum Einsatz zu kommen, überwiegen.

Mehr zum Thema:

Sportpsychologie im Kinoformat:

Literaturverzeichnis:

Curry,T.J. (1993). A Little Pain Never Hurt Anyone: Athletic Career Socialization and the Normalization of Sports Injury. Symbolic Interaction, 16(3), 273–290. https://doi.org/10.1525/si.1993.16.3.273

Safai,P. (2003). Healing the Body in the “Culture of Risk”: Examining the Negotiation of Treatment between Sport Medicine Clinicians and Injured Athletes in Canadian Intercollegiate Sport. Sociology of Sport Journal, 20, S.127–146.

Schlesinger, N. (2021). Ein ethisches Dilemma bei Verletzungen im Leistungssport am physiotherapeutischen Fallbeispiel eines Profi-Handballspielers (Hausarbeit, Hochschule Döpfer). (unveröffentlicht)

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Maria Senz: Vom Mental-Break zum Punkte-Break im Beachvolleyball

Du bist ein Top-Spieler mit technisch, taktisch und strategisch klugen Spielzügen. Eigentlich… und nach einer 0:1-Niederlage und einem Rückstand von 8:14 im zweiten Satz fühlst du dich so klein, dass du weder Netz, noch sandigen Boden, noch Ball siehst. Dein Kopf rattert auf Hochtouren. Anstelle von Lösungen spuckt er nur Vorwürfe aus: Wie kannst du nur? Was ist los mit dir? Wie tief willst du noch fallen? Und so weiter… Und dann ist da noch der Gegner mit seinen nervigen Sprüchen, Eigenapplaus und Jubelschreien. Du wünschst dir eine STOPP-Taste, den Halt-die-Fresse-Lachs, den Schweige-Fuchs und am besten alles gleichzeitig! Alles soll einfach nur still sein. Du brauchst gerade deine Ruhe, damit du dich konzentrieren und fokussieren kannst. Nur so kannst du dein Beachvolleyballkönnen wieder abrufen, fühlen und loslegen. Doch wie schaffst du das?

Zum Thema: Mental das Comeback in scheinbar aussichtslosen Situationen schaffen

Vielleicht kennst du eine solche Situation, wie ich sie hier beschrieben habe. In der Sportart Beachvolleyball kommt es immer wieder zu solchen Konstellationen, in denen ein Duo, welches eigentlich alle Qualitäten mitbringt, sich in eine Situation manövriert, in der es mit dem Rücken zur Wand steht. Im Folgenden stelle ich dir einen möglichen Ansatz zum Umgang mit derartigen prekären Lagen vor.

Das Schöne an einer solchen Situation: Du „fühlst“ aktuell nur so… Du „bist“ es nicht! Mach dir das erstmal ganz bewusst – es ist nur ein Gefühl von dir, was momentan die Führung übernommen hat.

Der konkrete Lösungsansatz

Es lohnt sich, aber tiefer in die Thematik einzusteigen. Insbesondere dann, wenn sich solche Ereignisse wiederholen. Sobald du also mal wieder aus einem Spiel oder Turnier mit genau dieser beschriebenen Situation gehst, nimm dir genau diese Ruhe und probiere Folgendes aus:

  1. Mach dir das Gefühl greifbar:

– Wie sieht es aus (Farbe, Form, Größe…)?

– Welches Geräusch gibt es von sich (laut/leise, schrill/dumpf…)?

– Wenn du es in die Hand nehmen könntest, wie fühlte es sich an?

– Welchen Geschmack verbindest du mit dem Gefühl?

– Welchen Geruch verbindest du mit dem Gefühl?

  1. Betrachte dieses Gefühl als einen Persönlichkeitsanteil von dir mit einer positiven Absicht: Was ist die positive Absicht?
  1. Gib dem Gefühl einen Namen oder Titel – da dir diese Situationen bereits bekannt sind, wirst du recht flink ein passendes Wort finden.
  2. Begrüße das Gefühl einladend, so dass ihr in Kooperation treten könnt.
  3. Erkläre dem Gefühl, dass du künftig die Führung übernehmen möchtest und du dankbar für jegliche Unterstützung seitens des Gefühls bist.
  4. Teile dem Gefühl deine konkrete Botschaft und dein Vorgehen mit.
  5. Welche Körperbewegung geht mit dieser Botschaft einher?
  6. Wiederhole nun diese Botschaft laut und verbinde sie direkt mit deiner Körperbewegung (mind. 3x, ggf. vorm Spiegel)
  7. Zusätzlich kannst du dir dein Vorgehen speichern, so dass es im entscheidenden Moment abrufbar ist,
    zum Beispiel direkt in einem Druckpunkt an deinem Körper oder einem Talisman, den du im Spiel dabei hast.

Selbstgesprächsbeispiel

Ein Beispiel: „Hallo liebe Beschützerin, schön, dass es dich gibt und ich mich auf dich verlassen kann. Ich schätze dich sehr. Gleichzeitig möchte ich, dass es ab heute anders läuft. Schau gerne zu und vielleicht kannst du auch noch was lernen. Ab heute werde ich die Führung übernehmen und selbstbewusst, stabil und sicher meine Aktionen im Spiel umsetzen. Ich kann das!“

Ein Tipp zum Schluss, wenn du dich auf den beschriebenen Lösungsansatz eingelassen und dein Gefühl erstmals persönlich kennengelernt hast. Erlaube euch Zeit und Ehrenrunden zum Ausbau eurer Kooperation. Es ist, wie so vieles in unserem Leben ein Prozess, der Wiederholungen, Anpassungen und Akzeptanz braucht. Sei geduldig mit dir – es wird routinierter und leichter.

Fazit

Mit diesem Ansatz kannst du starten, um dich in derartigen Situationen wieder zu fokussieren. Sobald du merkst, dass sich dein Gefühl meldet, nutze die Auszeit, um mit Hilfe deines gespeicherten Vorgehens (Druckpunkt am Körper oder Talisman) in Kooperation zu gehen, so dass du die Führung beibehältst. Auch hier gilt: Es ist ein Prozess, der durch Anwenden und Üben Umsetzung findet. Viel Spaß dabei…

Wenn du bei dem Prozess Hilfe brauchst oder dich fragst, wie sich diese Lösung auch im Team angehen lässt, dann nimm gern Kontakt auf. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Maria Senz) stehen bereit.

Mehr zum Thema:

Mental trainieren mit Die Sportpsychologen:

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Lisa König: Was wir Sportpsychologen von Vorständen und Trainern verlangen (können)

Naja, ganz so dramatisch wie in der Überschrift muss man es vielleicht nicht formulieren. Aber als Sportpsychologen bekommen wir oft immer noch einen Stempel aufgedrückt und sind nicht selten der Unaufgeklärtheit derer ausgeliefert, für die wir eigentlich eine wichtige Dienstleistung darstellen sollten: die Sportler, Vereine und Trainer.

Was muss passieren also, damit die Sportpsychologie endlich den Stellenwert bekommt, den sie verdient? Wie bekommen wir es hin, dass wir sofort mit unserer Arbeit anfangen können, ohne den Klienten erstmal erklären zu müssen, was so ein sportpsychologisches Coaching überhaupt ist und welche Möglichkeiten es bietet? Wie können wir erreichen, dass sich auch der letzte Sportler von dem Gedanken löst, nur zu einem Sportpsychologen zu gehen, wenn es unbedingt notwendig wird?

Zum Thema: Wie bekommen wir das Image, das wir so lange schon wollen und wie bauen wir die Vorurteile ab, die uns leider immer noch verfolgen?

Wenn man einen Verein oder Trainer findet, der der Sportpsychologie völlig offen gegenübersteht, hat man riesiges Glück! Man kann ihren Schützlingen und Nachwuchsathleten schon von Beginn an die Grundlagen beibringen und die Berührungsängste mit unserer Disziplin nehmen. Spielerische Sensibilisierung ist das Zauberwort! Selbst wenn Kinder noch nicht wissen, dass das, was sie da gerade machen „Sportpsychologie“ genannt wird, so lernen sie trotzdem dazu und wir können eine Basis für spätere Coachings legen.

Der Deutsche Skiverband hat dazu beispielsweise das Projekt „Mental Stark“ ins Leben gerufen. Trainer sollen ausgebildet werden, um die Persönlichkeitsentwicklung ihrer sechs- bis zwölfjährigen Schützlinge zu unterstützen, wobei die soziale, emotionale und Selbstkompetenz im Vordergrund stehen. Solche Projekte sind wegweisend und unheimlich hilfreich für Vereine, und letztendlich auch für die Kinder. Wenn Sportverbände flächendeckend solche Weiterbildungen zur sportpsychologischen Entwicklung in ihre Ausbildung einfließen lassen könnten, wäre damit eine solide Grundlage für unsere weitere Coachingarbeit geschaffen. Wunschdenken?

Von Sportpsychologen lernen heißt fürs Leben lernen

Soziale und Emotionale Kompetenz, Stressbewältigung, Durchhaltevermögen oder Konzentration auf das Wesentliche… all das sind Beispiele für Anwendungsbereiche, die auch positive Auswirkungen auf das Leben nach der Sportkarriere haben können. Die Wenigsten werden Weltmeister und Olympiasieger. Aber alle sollten von uns profitieren können, denn Leistungsoptimierung und mentale Gesundheit sind und werden immer wichtig sein, nicht nur im Sport!

Wir unterstützen bei Karriereübergängen (z.B. von der Sportkarriere zum Berufsleben), helfen bei Entscheidungen und versuchen, das gesamte Umfeld des Sportlers nicht aus dem Auge zu verlieren. Dabei immer neutral zu bleiben, nicht zu bewerten und zu hinterfragen ist eine Herausforderung, der wir uns gerne annehmen.

Die Hürdenläufer in uns…

Eine Hürde auf die wir gerne verzichten würden, sind die Vorstände, die die Wichtigkeit der Sportpsychologie oft noch nicht richtig einschätzen können… auf Kosten der Athleten. Vielleicht haben wir hier aber auch noch nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet? 

In den zurückliegenden Jahrzehnten konnten wir uns vom Belächelt-Werden oder dem Feuerwehr-Dasein schon ganz gut emanzipieren, sind aber oft noch nicht auf gleicher Höhe mit Physiotherapeuten oder anderen im Betreuerstab angekommen. Wenn wir es schaffen würden, dass die Sportpsychologie genauso zum Trainingsalltag gehört wie die Erwärmung, dann hätten wir unsere selbst gesetzte Ziellinie fest vor Augen!

Mehr zum Thema:

Psychoedukation mit Hilfe unseres Online-Coachingsprogramms „Abliefern, wenn es darauf ankommt“

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Prof. Dr. Oliver Stoll: „Schwarmwissen ist unser dickes Pfund“

Seit 28 Jahren ist Prof. Dr. Oliver Stoll Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland (asp). Die Hälfte dieser Zeit hat er im Vorstand der Berufsvereinigung verbracht. Bei der bevorstehenden Jahrestagung, die zwischen dem 13. und 15. Mai 2021 in Tübingen organisiert aber online stattfinden wird, stellt sich der Leipziger nun zur Wahl für das Präsidentenamt. Stoll tritt mit einem Team an, zu dem Prof. Dr. Matthias Weigelt (Internationales und Forschung), Prof. Dr. Ines Pfeffer (Geschäftsführerin), Jun. Prof. Dr. Franziska Lautenbach (Wissenschaftlicher Nachwuchs), PD Dr. Jana Strahler (Gesundheit), PD Dr. Mirko Wegner (Gesundheit) und Dr. Christian Reinhardt (Leistungssport/Fußball) gehören. Was er mit seinen MitstreiterInnen und dem Verband vor hat, verrät er im Interview mit Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen.

Prof. Dr. Oliver Stoll, was willst du als zukünftiger Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland verändern?

Die ASP ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. Wir haben mittlerweile weit über 500 Mitglieder aus Wissenschaft, aber eben auch zunehmend aus der sportpsychologischen, praktischen Tätigkeit. Mit Matthias Weigelt haben wir im zur Wahl stehenden Präsidium einen hervorragenden Experten, der in beiden Bereichen ausgewiesen ist. Hier gilt es die Erkenntnisse aus Forschung und Praxis in eine schnelle und unkomplizierte Kommunikation zu bringen. Wir wollen darüber hinaus den Bereich „Gesundheit“ weiter ausbauen. Im Bereich Leistungssport haben wir in den letzten Jahren schon gute und zuverlässige Strukturen, vor allen Dingen im Bereich Aus- und Fortbildung aufgebaut. Ähnliches schwebt uns für den Gesundheitsbereich vor. Aus diesem Grund haben wir auch diesen Bereich mit Mirko Wegner und Jana Strahler, also zwei Expert*innen vorgesehen. Wir sehen außerdem im Bereich Kommunikation nach innen und nach außen noch „viel Luft nach oben“. Bewährte und wichtige Aufgaben sollen Franziska Lautenbach (Sportpsychologischer Nachwuchs) und Ines Pfeffer (Geschäftsführerin/Finanzen) verantworten. Wir möchten jedoch die anstehenden Aufgaben nicht alleine im dunklen Hinterzimmer angehen, sondern wir planen auch die Hinzunahmen von Expertise sowohl aus der Mitgliedschaft (ggf. mit Gründung von Ad-hoc Kommissionen) oder aber auch von außen (z.B. von Experten für Öffentlichkeitsarbeit und Medien). Es gilt natürlich die schon vorhandenen Netzwerke und Kooperationspartner weiterhin zu pflegen und zu unterstützen. Das beginnt bei der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft und dem Deutschen Olympischen Sportbund, geht über den Bund Deutscher Psychologen, der Deutschen Gesellschaft für Psychologie bis hin zum Bundesinstitut für Sportwissenschaft und unseren Partner-Organisationen im deutschsprachigen Ausland. Wir arbeiten auch an einer Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund.   

Fragt man den Suchmaschinenriesen Google nach dem Kürzel „asp“ kommt die Antwort, dass es ein Akronym für Anwendungsdienstleister sei. Oder eine mäßig erfolgreiche Gothic-Rockband aus Frankfurt. Wer weiter sucht, findet dann noch etwas zur afrikanischen Schweinepest. Der Vermerk zur asp-Homepage taucht erst am Ende der zweiten Trefferseite auf. Hat die organisierte deutsche Sportpsychologie das Internet und die Digitalisierung verschlafen?

Ganz schön freche Frage, Herr Liebing 😊. Nein, im Ernst – das ist wirklich eine große Aufgabe, die wir – ich würde mal sagen – nicht unbedingt verschlafen haben, aber die Homepage und vor allen Dingen unsere Social-Media Aktivitäten (die es eigentlich noch gar nicht gibt) sind die ersten Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Ich hatte es ja schon in der ersten Frage gesagt: Kommunikation nach innen und nach außen – das ist Luft nach oben. Das wir hier vielleicht noch nicht so weit wie andere vergleichbare sportpsychologische Organisationen sind, hängt vermutlich damit zusammen, dass die asp bis jetzt in erster Linie eine Interessengemeinschaft war und überwiegend von Wissenschaftler*innen organisiert, verwaltet und entwickelt wurde. Wissenschaftler*innen sehen hier nicht unbedingt eine Priorität. Vieles davon (also z.B. Twitter und Co) fühlt sich für einen Wissenschaftler oft erst einmal ungewohnt und fremd an, da in diesem Bereich anders kommuniziert wird. Aber das wird sich sicher bald ändern. 

Inwiefern steht deine Präsidentschaftskandidatur in Konflikt zu deiner Rolle bei Die Sportpsychologen? Schließlich bist du für die 2014 gestartete Plattform der Gründungsvater und eines der bekannten Gesichter.   

Ich denke, die Tatsache, dass ich Mitbegründer der Internet-Plattform www.die-sportpsychologen.de bin, muss nicht automatisch zu einem Konflikt mit den Aufgaben und Zielen der asp führen. Die Ziele dieser beiden Institutionen sind durchaus unterscheidbar, auch wenn wir uns im selben Feld bewegen. Während es auf der Plattform mehr um sportpsychologische Inhalte der praktischen Tätigkeit geht – ganz im Sinne von: Wissenstransfer, Transparenz, Vernetzung, haben wir es bei der asp ja schon fast mit einem Berufsverband zu tun, der sich neben der Gemeinsamkeit „Netzwerken“, eher mit berufspolitischen Aspekten oder auch mit Fragen der Qualitätssicherung in der Aus- und Weiterbildung befasst. Bei der asp geht es also nicht so sehr vordergründig um Wissensvermittlung. Um Transparenz geht es bei der asp sicherlich auch, aber eben in einem anderen Zusammenhang. Hinzu kommt bei der asp, dass wir es dort auch mit Wissenschaftler*innen zu tun haben. Das spielt auf der Plattform auch eher eine untergeordnete Rolle. Und es sagt ja niemand, dass man miteinander ins Gespräch kommen könnte. Das müsste jedoch von beiden Seiten auch gewollt sein. Ähnliches gilt übrigens meines Erachtens auch für alle andere informellen Netzwerke, die in der Sportpsychologie tätig sind.   

In deinem Konzeptpapier (Link) wird deutlich, dass du die Akteure im Arbeitsbereich Sportpsychologie zusammenführen willst. Warum ist das nötig, wenn wir an Wissenschaft und Praxis denken oder die wenigen aber starken Gruppen von etablierten SportpsychologInnen im Feld? Und inwiefern soll eine Abgrenzung oder eine Einbindung von Mentaltrainern erfolgen, von denen einige seit Jahren sehr erfolgreich im Sport arbeiten, andere aber eher lauter als nachhaltiger unterwegs sind?

Das Thema Mentaltrainer*innen ist ganz sicher ein schwieriges. Die Frage, die es da zunächst zu beantworten gilt wäre, ob sich die asp dafür verantwortlich fühlt oder fühlen sollte. Es gibt sowohl Gründe die dafür, aber auch die dagegen sprechen. Qualitätssicherung ist für mich in diesem Zusammenhang immer noch das zentrale Argument. „Laut sein“ ist nicht immer ein Argument für Qualität oder auch nachhaltige Arbeit. Wir werden diese Diskussion aber sicher führen (müssen). Der Ansatz, ein mittlerweile so ausdifferenziertes Feld wie die Sportpsychologie und die im Feld aktiven Menschen zusammenführen zu wollen, ist meines Erachtens durchaus einer, der uns weiterbringen kann. Wir alle kennen die positiven Aspekte von „Schwarmwissen“ und darüber hinaus haben wir mit der hohen Expertise aus dem Bereich Wissenschaft und Forschung etwas zu bieten, was andere Protagonisten im Anwendungsfeld Sportpsychologie nicht zu bieten haben. Das ist ein echt „dickes Pfund“, mit dem wir wuchern können. 

Wo siehst du das größte Entwicklungspotential für die Sportpsychologie in den kommenden Jahren und an welchen Stellen erwartest du die schwierigsten Hürden?

Großes Entwicklungspotenzial sehe ich im Fokus auf den Bereich Gesundheit in den nächsten beiden Jahren. Wir wollen natürlich weiter wachsen und hier können wir sicher noch einige Kolleg*innen „abholen“. Unsere Jahrestagungen werden hoffentlich ebenfalls weiter wachsen, so wie schon in den vergangenen Jahren. Hier haben wir schon gute Strukturen, und wir haben mittlerweile auch viele, sehr gut ausgebildete, junge Kolleg*innen auf ihrem Weg unterstützen können, aber wir müssen auch hier weiter „investieren“. Die Praxis-Workshops sind schon nach wenigen Stunden nach Öffnung der Anmeldung ausgebucht. Hier ist die Nachfrage sehr viel größer als das Angebot. Weiterhin ist das wohl größte Potential darin zu sehen, Wissenschaft und Anwendung in einen stetigen Dialog zu bringen. Wissenschaft ist nach wie vor eine große Stärke der asp. Wir sind auch international gut vernetzt und die Europäische Organisation, die FEPSAC,  hat mit Markus Raab einen deutschen Präsidenten. Dieses Potenzial gilt es weiter auszubauen.

Die schwierigsten Hürden sind wahrscheinlich die immer noch nicht vorliegende vollständige Akzeptanz unseres Faches in allen Bereichen des Leistungs- und wettkampforientierten Hobbysports. Interesse für unser Fach ist zwar da, aber eine systematische Einbindung qualifizierter Sportpsycholog*innen außerhalb des Fußballs ist weiterhin eher die Ausnahme und nicht die Regel. 

Das zur Wahl stehende Präsidium ist jedenfalls hoch motiviert diese Aufgaben anzugehen und ich würde mich über eine Wahl sehr freuen.

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Dr. René Paasch: Wie Fußballer und Trainer ihre Gewohnheiten verändern können

Der böse Blick des Stürmers nach einem zu spät gespielten Pass, das Abwinken des Trainers nach einer misslungenen Standardsituation oder die Mecker-Arie des Kapitäns gegenüber dem Schiedsrichter, die ihm pro Saison an die zehn gelbe Karten einbringt. Was haben diese – vor allem im Fußball recht weit verbreiteten – Gewohnheiten gemeinsam? Richtig, sie bringen niemanden ein Stück ein weiter. Daran lässt sich aber durchaus etwas ändern.

Zum Thema: Der Dominoeffekt im Fußball 

Wir sind, was wir wiederholt tun. Daher ist Exzellenz kein einmaliger Akt, sondern eine Gewohnheit.“

Aristoteles

Tagtäglich führen wir hunderte Handlungen aus. Fast die Hälfte davon sind sich immer wieder wiederholende Gewohnheiten. Diese können von simplen Tätigkeiten wie Kleidung anziehen bis zu komplexeren Verhaltensweisen reichen. Gewohnheiten finden wir in allen Bereichen des Lebens: beim Kommunizieren, beim Sporttreiben oder beim Fortbewegen. Ausschlaggebend ist, dass es trainierte Handlungsabläufe sind, die dem Gehirn wenig Energie abverlangen. Diese automatisierte Routine heißt „chunking“ (Cowan, 2001). Sie ist die Grundlage aller automatisierten Verhaltensweisen. Evolutionär gesehen ist dieser Prozess vor allem deshalb großartig, weil das Gehirn Energie sparen kann, wenn es wiederkehrende Aufgaben effizient ausführt. Eine aussagekräftige Studie von Verplaken und Wood (2006) weist daraufhin, dass mindestens 40 Prozent der von uns täglich ausgeführten Handlungen auf Gewohnheiten beruhen. Im Allgemeinen kann jede Gewohnheit in eine dreiteilige Prozessschleife untergliedert werden: 

  • Zuerst nehmen Sie den externen Auslöser wahr, etwa die motivierenden Worte des Trainers an der Seitenlinie. 
  • Ihr Gehirn wird dadurch veranlasst, nach einer für diese Situation angemessenen Gewohnheit zu suchen. 
  • Anschließend setzt die Routine ein: Sie reagieren mit einer für diesen spezifischen Auslöser typischen Handlung. Sie verhalten sich auf dem Platz gestärkt und optimistisch, während sich Ihr Gehirn gewissermaßen im Autopilot-Modus befindet. Das Erfolgserlebnis ist in diesem Fall motivierendes und zielgerechtes Verhalten auf dem Platz. Die allgemeine Hirnaktivität nimmt zu, sobald Ihr Gehirn die erfolgreiche Ausführung der Tätigkeit registriert. Dadurch wird die Verbindung zwischen Auslösereiz und Routine verstärkt. 

Beständigkeit von Gewohnheiten

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Im Laufe des vergangenen Jahres haben Sie sich als Belohnung für einen harten Trainings- und Wettkampftag immer ein Menü im Schnellrestaurant gekauft und es mit viel Genuss gegessen. Leider haben Sie dadurch etwas zugenommen – was auch einige Ihrer Spielerkollegen und der Trainer bereits bemerkt haben. Also beschließen Sie, auf diese Köstlichkeit zu verzichten. Doch am nächsten harten Trainingstag stehen Sie am Eingang zum Schnellrestaurant und hadern mit sich. Entweder laufen Sie hinein, um „nur noch ein letztes Menü“ zu verzehren oder Sie gehen mit schlechter Laune nach Hause. 

Eine solche Angewohnheit ist nur schwer zu überwinden, weil man ein Verlangen nach der Belohnung am Ende der Gewohnheitsschleife entwickelt hat. Die gute Nachricht ist: Gute Gewohnheiten produzieren ebenfalls Gelüste. Sportler, die sich regelmäßig zum Sport motivieren, entwickeln ein Verlangen nach einem Endorphinausstoß im Gehirn oder einem Erfolgserlebnis. Gewohnheiten verfestigen sich auf diese Weise. 

Veränderung von Gewohnheiten

Wir allen wissen: Kommt das Verlangen nach alten Gewohnheiten auf, lässt es sich nur sehr schwer ignorieren. Die goldene Regel aller Gewohnheitsveränderungen lautet daher: „Versuchen Sie nicht, der Lust zu widerstehen, sondern lenken Sie diese in ihre gewünschte Richtung“. Behalte den Auslöser und die Belohnung bei, aber ändere den Weg zur Belohnung. 

Erfahrungen mit Leistungskickern zeigen, dass sie am ehesten hoch motiviert bleiben, wenn sie die Auslöser für den Wunsch nach kontinuierlicher Verbesserung und den genauen Belohnungseffekt kennen. Dann kann das Verlangen durch eine Gewohnheit ersetzt werden, die eine ähnliche Belohnung verspricht. Man kann ein paar Liegestütze machen, gute Gespräche führen oder ein paar Minuten entspannen. 

Schmerzmittelmissbrauch

Eine ähnliche Herangehensweise wird mit großem Erfolg bei Leistungssportlern eingesetzt, die zum Schmerzmittelmissbrauch neigen. Sie notieren in einer Liste, was sie sich von der Verhaltensänderung erhoffen. Meist sind Aspekte wie Wachstum, Torerfolge, Spielzeiten, Vertragsangebote wichtiger als die Schmerzlinderung durch Tabletten. Sie schlagen anschließend neue Routinen vor, die diese Sehnsüchte erfüllen. Interessierte können sich dazu direkt an uns  Sportpsychologen (zur Übersicht, zum Profil von Dr. René Paasch) wenden. Es geht darum, die Perspektive von Gesunderhaltung im Leistungssport durch weniger schädliche Verhaltensmuster zu ersetzen. Auch wenn diese Vorgehensweise gut funktioniert, können stressige Situationen (Verletzungen, Leistungsminderung) schnell einen Rückfall bewirken. 

Eigene Erfahrungswerte deuten darauf hin, dass das Konzept des Glaubens einen Unterschied zwischen Rückfall und anhaltender Abstinenz machen kann. Spiritualität und Gott nehmen seit jeher viel Raum in der Philosophie der Fußballer ein (Kadel, 2012), aber es ist nicht zwingend die religiöse Komponente, die den Spielern dabei helfen, ohne Medikamenten auszukommen. Der Glaube an Gott unterstützt die Betroffenen lediglich: Die Möglichkeit einer Veränderung besteht und sie müssen die Aufgabe nicht allein bewältigen. Ein starker Glaube kann auch in schwierigen Zeiten viel Kraft spenden. 

Dominoeffekt

Der Dominoeffekt spielt bei Sportlern und ihrem Willen zu Veränderungen eine große Rolle. Trainerkollegen berichten, dass sich schwierige Spieler allein mit Argumenten nur schwerlich zu einer grundlegenden Veränderung ihrer Verhaltensweisen auf und neben dem Platz bewegen können. Doch wenn Sie ein Verhaltenstagebuch (Friese et al. (2017) führen, sich somit auf die Entwicklung einzelner Schlüsselgewohnheiten konzentrieren, verfestigen Sie bald weitere positive Gewohnheiten. 

Der Austausch mit Teamkollegen oder das Interesse, gemeinsam zu wachsen, könnten hier Beispiele sein. Diese lassen sich einfach umsetzen, weil sich schnell Erfolge einstellen. Wenn es mit dem Erreichen von Schlüsselgewohnheiten klappt, glaubt man leichter, dass ein Wandel auch in anderen Lebensbereichen möglich ist – das ist der sogenannte „Dominoeffekt“. 

Willenskraft 

In den 1960er-Jahren führten Forscher der Stanford University eine Langzeitstudie durch, die große Berühmtheit erlangte (Mischel, 1974) und von Falk, Kosse, Pinger (2018) bestätigt wurde. Darin wurden Vierjährige einzeln in einen Raum geführt, in dem ein Tisch mit einem Marshmallow platziert war. Die Wissenschaftler gaben jedem Kind die Wahl: entweder das Marshmallow direkt essen oder ein paar Minuten warten und dafür zwei Marshmallows bekommen. Dann verließen sie den Raum für 15 Minuten. Nur etwa 30 Prozent der Kinder schafften es, auf den zweiten Marshmallow zu warten. Als die Forscher Jahre später die inzwischen erwachsenen Teilnehmer der Studie wieder aufspürten, kamen sie zu einigen interessanten Ergebnissen: Die Kinder, die sich durch ihre Ausdauer das zweite Marshmallow verdient hatten, waren im akademischen und sozialen Bereich erfolgreicher als ihre weniger willensstarken Altersgenossen. Willenskraft schien danach eine Schlüsselgewohnheit zu sein, die sich auf andere Lebensbereiche auswirkt. 

Wichtig ist, dass Spieler je nach Tagesform mal mehr, mal weniger Willenskraft besitzen. An manchen Tagen fällt es uns leicht, Änderungen vorzunehmen, während an anderen Tagen nahezu unmöglich erscheint. Das liegt daran, dass Willenskraft wie ein Muskel ist: Sie kann sich erschöpfen. Wenn wir sie stark beanspruchen, etwa bei niederschwelligen und unwichtigen Tätigkeiten, bleibt uns manchmal keine Willenskraft mehr übrig. Doch der Muskelvergleich reicht noch weiter: Indem wir Gewohnheiten nachgehen, die Entschlossenheit erfordern, z.B. ein Mentales Training, um unsere Willenskraft zu stärken. Gewissermaßen wie ein Willenskraft-Training. Bekannte Trainerkollegen berichten davon, dass ein Mangel an Autonomie unsere Willenskraft beeinträchtigt. Wenn Spieler etwas nicht freiwillig tun, sondern nur auf Befehl hin, erschöpfen sich ihre Willenskraft-Muskeln viel schneller.

Fazit 

Das Befolgen von Gewohnheiten ist nicht nur ein elementarer Bestandteil unseres Lebens, sondern auch ein wichtiger Aspekt im Fußball. Alle Gewohnheiten funktionieren über eine Auslöser-Routine-Belohnungs-Schleife. Der einfachste Weg diese Schleife zu verändern, besteht darin, eine Routine durch eine andere zu ersetzen, während der Auslösereiz derselbe bleibt und man die Belohnung unverändert lässt. Beständige Veränderungen sind nicht einfach zu erreichen, sie lassen sich aber durch die Konzentration auf wichtige Schlüsselgewohnheiten wie die Willenskraft verwirklichen.

Mehr zum Thema:

Literatur

  1. Cowan, N. (2001): The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. DOI:10.1017/S0140525X01003922
  2. Chödrön, P. (2013): Den Sprung wagen. 7. Auflage. Wilhelm Goldmann Verlag: München
  3. Duhigg, Charles (2019): Die Macht der Gewohnheit. 7. Auflage. Piper Verlag: München
  4. Falk, A., Kosse, F., Pinger, P. (2018): Re-Revisiting the Marshmallow Test. A Direct Comparison of Studies by Shoda, Mischel, and Peake (1990) and Watts, Duncan, and Quan. Link: https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0956797619861720
  5. Friese, M., Frankenbach, J., Job, V., & Loschelder, D. (2017): Does Self-Control Training Improve Self-Control? A Meta-Analysis. Perspectives on Psychological Science, 12, 1077-1099. 
  6. Kadel, D. (2012): Die Fußball-Bibel. Gerth Medien; 1., Aufl. Edition (15. Januar 2012)
  7. Martens, J. U. (2012): Praxis der Selbstmotivierung. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart. 
  8. Mischel, W. (1974). Process in delay of gratification. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (S. 249-292). New York: Academic Press. 
  9. Schulz-Wimmer, H. (2010): Reite das Gewohnheitstier. Kösel Verlag: München.
  10. Verplaken, B., Wood, W. (2006): Interventions to break and create consumer habits. American Marketing Association 25: 90-103

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Johanna Constantini: Vom Ärger zum Sieg – Emotionsregulation als Wettkampfstrategie

In einer Zeit, in der alles um uns zunehmend außer Kontrolle zu geraten droht, scheint es umso wichtiger, mit uns selbst ins Reine zu kommen. Mit am besten gelingt das dann, wenn wir unsere Emotionen kennen und vor allem kontrollieren lernen. Im Sport, wie im Leben stellt die sogenannte Emotionsregulation den wichtigsten Mechanismus dar, um unsere psychische Gesundheit erhalten zu können. Doch wenn wir schon von Mechanismus sprechen, dann wo nur die Schrauben ansetzen? 

Zum Thema: Emotionsregulation im Sport

Emotionen – synonym wird dafür gern der Begriff „Gefühle“ verwendet – zeigen unsere Bedürfnisse auf. Sowohl die Bedürfnisse, wie wir sie für uns selbst erfüllen wollen, als auch jene, denen unsere Mitmenschen gerecht werden sollten. Emotionen gehen dabei letztlich auf den lateinischen Begriff „emovere“ zurück, was so viel wie „herausbewegen“ bedeutet und wiederum mit jenen geweckten Bedürfnisse in Zusammenhang gebracht werden kann. Nicht zuletzt deshalb sind und bleiben Emotionen vor allem im Sport ein großes und wichtiges Thema. Schließlich schaffen es diese uns ureigenen Antriebssysteme auch, uns zu Höchstleistungen zu bewegen, Entbehrungen auszuhalten, an unsere Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Ebenso wie sie uns in jedem Lebensbereich im Weg stehen, uns blockieren oder missmutig stimmen können. 

Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Emotionen, mehr noch die Bedürfnisse die dahinter stehen, besser kennen lernen:

1. Emotionen kennen und benennen

Ein erster Schritt dazu ist, die eigenen Emotionen in verschiedensten Bereichen erst einmal für sich benennen zu können. Schließlich tun wir das alle viel zu selten. Oder wissen wir tatsächlich, wann wir traurig, enttäuscht, leichtfüßig, beschwingt, missmutig, eifersüchtig, überfordert oder gelangweilt sind?  

Viel lieber beziehen wir uns da doch auf die vielzitierten Basisemotionen nach Ekmann (1992) und nennen beispielsweise Freude oder Trauer als uns bewusste Gefühle. Doch Emotionen gibt es viele und je detaillierter wir uns auch der eigenen Gefühlswelt bewusst werden, umso eher erkennen wir auch die Bedürfnisse, die dahinterstehen. 

Emotionslisten können helfen, sich der vielen eigenen Emotionen bewusster zu werden. Ich habe dazu ein Beispiel angefertigt: 

2. Zusammenhänge erkennen

Erst wenn sich Emotionen bewusst machen und im besten Fall benennen lassen, so können sie auch in einem größeren Kontext verstanden werden. Dann gilt es nämlich zu hinterfragen, ob gewissen Situationen ständig dieselben Emotionen hervorrufen? Es geht darum, dahinter stehende Bedürfnisse erkennen zu können. Ist man beispielsweise bei Trainings in den Abendstunden durchwegs unmotiviert und steht dahinter womöglich das Bedürfnis einer Ruhephase, so sollte man versuchen, den Emotionen Beachtung zu schenken. Oder „triggert“ eine Person scheinbar ständig das Auftreten so mancher negativen Emotionen und wird einem dies bewusst, so lassen sich auch möglicherweise hemmende Zusammenhänge im Trainings- und Wettkampfalltag ändern oder Konflikte mit den betreffenden Personen ansprechen.

3. Emotionen einordnen 

Neben den Emotionen und Situationen oder Personen, die sich womöglich in einen Zusammenhang bringen lassen, unterscheiden sich Emotionen auch per se. Dabei spricht man auch von Ursprungs- und Deckgefühlen oder von primären und sekundären Emotionen (Greenberg u. Paivio 1997). Ursprünglich oder primär fühlen wir im Training beispielsweise Überforderung, weil der lang geübte Schlag einfach nicht gelingen mag. Aus der Angst heraus, Überforderung – zum Beispiel vor dem Team – nicht zeigen zu dürfen, reagieren wir (sekundär) mit Wut. Vor allem auf uns selbst, aber auch gegenüber TrainerInnen, KollegInnen oder BetreuerInnen. 

Bedeutung für Training und Wettkampf

Und hier schließt sich wiederum der Kreis der Emotionsregulation: Kennen wir unsere ursprünglichen, primären Emotionen besser und wissen, welchen Bedürfnissen sie vorausgehen, so können wir uns selbst nicht nur anders ausdrücken, sondern auch zielführender regulieren lernen. Auch sportpsychologische Unterstützung kann hier ansetzen!

Meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Johanna Constantini) freuen uns über eine Kontaktaufnahme.

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Lea Schairer: „Musik sollten Skateboarder am besten ausblenden“

Skateboarding und Musik gehören zusammen. So zusammen wie einst elf Freunde und der Fußball, Harz und Handball oder neuerdings E-Sport und dunkle Keller. Stimmt aber gar nicht so richtig. Denn obwohl bei jedem Event dieser nun olympischen Disziplin fette Beats dazugehören, kann diese Einflussgröße für einige Athleten und Athletinnen störend wirken. Vor allem dann, wenn die Klänge die geplanten Abläufe stören.

Zum Thema: Automatismen im Sport

Bei den verschobenen Olympischen Spielen von Tokio, die im Sommer 2021 ausgetragen werden sollen, zählt Skateboarding mit zwei Teildisziplinen erstmals zum Wettkampfprogramm. Dies ist zum einen ein wahnsinniger Spagat für einen Sport, der seine Wurzeln in einer alternativen Jugendkultur hat. Zum anderen bedeutet es aber auch echte Pionierarbeit, die Athleten und Athletinnen auf einen vollkommen anderen Wettbewerb, den die Spiele für die Skateboarding-Elite darstellen werden, vorzubereiten. Was das konkret bedeutet, verrät Bundestrainerin Lea Schairer im Interview:

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Weitere Informationen

Gemeinsam mit ihrem Amtskollegen Jürgen Horrwarth trägt Lea Schairer als Bundestrainerin die Verantwortung dafür, dass die deutschen Skateboarder und Skateboarderinnen bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und Paris 2024 bestmöglich abliefern. Eine riesige Herausforderung, welche die frühere Top-Athletin auch mit einem großen Interesse für das Thema Sportpsychologie angeht. Im Gespräch wurde deutlich, dass vermeintlich selbstverständliches Handwerkszeug aus der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung noch nicht wirklich im Skatebaording angekommen ist. Demgegenüber sind Automatismen auf dem Brett so selbstverständlich, dass etablierte Übungen aus der Sportpsychologie unter Umständen sogar ins Leere laufen…

Spannend sind die Aussagen von Lea Schairer auch bezüglich möglicher Störgrößen, mit den Skateboarder etwa durch Musik oder ungeübte Moderatoren konfrontiert sind. Um hierzu mehr zu erfahren, lohnt es, sich die 20 Minuten Zeit zu nehmen.

„Abliefern, wenn es darauf ankommt“

In jedem Fall sind wir unheimlich froh, dass Thorsten Loch von Die Sportpsychologen dafür gesorgt hat, dass Lea Schairer eine von 14 ExpertInnen unseres Online-Coachingprogramms „Abliefern, wenn es darauf ankommt“ wurde. Die Innensicht aus einer in der olympischen Welt noch ganz neuen Sportart auf die Sportpsychologie rundet unserer Programm, an dem wir unter anderem mit prominenten Sportlern und Trainern aus dem Schwimmsport, dem Handball, dem Biathlon, dem Ausdauersport oder dem Wasserspringen gearbeitet haben, unheimlich ab.

Das Angebot richtet sich an leistungsorientierte Sportler und Trainer, die sportpsychologische Techniken und Methoden kennenlernen wollen, um dieses Wissen für die Vorbereitung auf den nächsten großen Wettkampf nutzen wollen. Sichert euch, um das gesamte Online-Coachingprogramm mit Erklärungen, Anwendungshinweisen und Praxistipps zu nutzen, hier euren Zugang: https://www.die-sportpsychologen.de/2021/02/abliefern/

Abliefern, wenn es darauf ankommt

Innovatives Online-Coachingprogramm für Sportler, Vereine und Verbände:

Mehr zum Thema:

Foto: Lea Schairer (Quelle: Henrik Biemer)

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