Dr. Hanspeter Gubelmann: Aus dem Leben eines Sportpsychologen – ein persönlicher Zwischenhalt

Kürzlich durfte ich ein längeres Gespräch mit Rainer Sommerhalder führen, einem bekannten und angesehenen Sportjournalisten, den ich schon seit mehr als 20 Jahren kenne, seine kompetente Schreibe ausserordentlich schätze. Rainer hat auch eine Vergangenheit als Trainer. Deshalb scheinen ihn sportpsychologische Themen immer auch zu interessieren. In seiner zunächst per Mail an mich adressierten Anfrage schrieb er: „Hast du mal Zeit für ein Hintergrundgespräch?“ Ja, dafür wollte ich mir Zeit nehmen. Entstanden ist ein Gespräch, was mir einiges deutlich machte.  

Zum Thema: Sportpsychologie zwischen Vergangenheit, Pandemie und Zukunft

Ich mag es, mit interessierten und interessanten Menschen vertieft über Dinge nachzudenken und zu diskutieren. Rainer mag das auch. Er schrieb: „Ich nutze die momentane Beschränkung, indem ich mit verschiedenen Repräsentanten aus der Sportwelt Gespräche über aktuelle Themen, Entwicklungen und Fragen führe. Ich versuche damit auch den Boden zu legen für allfällige Ideen zu hintergründigen Sportberichterstattungen. Darf ich mit dir über deine Themen sprechen, die dich gerade beschäftigen?“

Wir vereinbarten einen Termin und ich bat ihn, mir seine Hauptfragen schriftlich zuzustellen, damit ich mich entsprechend vorbereiten konnte. Zudem eröffnete ich ihm die Idee, meine Vorbereitungen zum Gespräch als Grundlage für einen Blog auf unserer Plattform Die Sportpsychologen zu verwenden. Aus den Reflexionen zu Rainers drei Hauptfragen ist dieser Blog entstanden. 

Welche Themen beschäftigen dich gerade in deiner Arbeit? 

Rainer: „Weißt du eigentlich, was Simon gerade macht?“ Als ich ihm diese Frage mit „ja, selbstverständlich!“ beantwortete, war gut zu spüren, wie seine journalistische Neugier schlagartig geweckt war. Die Aussicht auf interessante Neuigkeiten vom Doppel-Doppel-Olympiasieger dämpfte ich mit dem Hinweis, dass ich im Rahmen einer Recherche für einen Fachartikel zum Thema „Eltern im Leistungssport“, interessante Gespräche mit diversen Sporteltern führen durfte, etwa mit Robbie und Lynette Federer – oder eben auch mit Heiri Ammann, Simons Vater. Mein Gegenüber wollte mehr über diesem Beitrag wissen, ich vertröstete ihn mit dem Hinweis, dass dieser Text zusammen mit weiteren Beiträgen zu einem Themenheft «Sportpsychologie Schweiz» in der Mai-Ausgabe von SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland) erscheinen würde.

Simon Amman am 18.Juli 2002 im Trainingscamp Oberhof mit Dr. Hanspeter Gubelmann. (Photo/Christian Seeling)

Ich verwies zudem auf die ebenso aktuelle wie akute Thematik „Nachwuchsleistungssport in der Krise?“, die durch die «Magglingen Protokolle» auch in der Schweiz neu entbrannt ist. Dazu war an der kürzlichen Mitgliederversammlung der Swiss Association of Sport Psychology (SASP) auch die Rede, nämlich von einem notwendigen Kulturwandel in Richtung eines möglichst auf Prävention, Gesundheits- und Persönlichkeitsstärkung ausgerichtetes Nachwuchsspitzensportsystem – eine Forderung, die ich in meiner Funktion als Vorstandsmitglied der Föderation Schweizer Psychologinnen (FSP) nur allzu gern unterstützen werde!  

Apropos FSP: für die CH-Dachorganisation der Psycholog*innen waren die vergangenen Tage äusserst erfolgreich. Unser Bundesrat beschloss nämlich, das veraltete Delegationsmodell durch das Anordnungsmodell zu ersetzen, wodurch Menschen in psychischer Not besseren und schnelleren Zugang zu therapeutischer Unterstützung finden werden. Aber auch aus Sicht der Sportpsychologie ist diese Entwicklung wegweisend. Sie hilft, die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten voranzutreiben sowie grundsätzliche Vorurteile gegenüber der Psychologie abzubauen. Vor allem aber anerkennt diese Entwicklung die Expertise von sehr gut ausgebildeten psychologischen Fachkräften, was letztlich auch den Schweizer Sportpsycholog*innen zugutekommen wird! Und wie gross die Not auch von erfolgreichen Sportler*innen ist, zeigt sich mir in meiner aktuellen Betreuungsarbeit einer Golfspielerin, die nach mehrmonatiger Krise mit privaten und sportlichen Rückschlägen sowie überstandener Corona-Erkrankung sich anschickt, Anfang April wieder in die internationale Turnierszene zurückzukehren.

Ich merke, wie mein Zuhörer ungeduldig wird, das Thema «Corona» ermüdend wirkt. Die Idee unseres Austauschs lautete ja: Hintergründe und Entwicklungen! 

Gibt es in der Sportpsychologie vergleichbare Entwicklungen und Fortschritte wie in der Medizin? Was geht man heute anders an als vor 20 Jahren?

Die Psyche des Menschen hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. Was sich weiterentwickelt hat, sind mentale Trainingsmethoden und Anwendungsformen, die das Repertoire des psychologischen Trainings heute ergänzen. Ich denke da an achtsamkeitsbasierte Trainingsformen, vermehrter Einbezug des Embodiment-Konzepts oder Betreuungsangebote auf der Grundlage der Ego-State Therapie u.a.m. Während in medizinischen oder physiotherapeutischen Bereichen Behandlungsfortschritte auch aufgrund eines grossen technologischen Fortschritts erzielt wurden, scheint der anwendungsorientierte Nutzen z.B. neurowissenschaftliche Errungenschaften für den Spitzensport vergleichsweise bescheiden. Dies dürfte sich schlagartig ändern, sobald apparative Trainingsmittel dereinst in handlicher Form im Training eingesetzt werden können. Ein derartiges Forschungsprojekt wird momentan an der ETH Zürich lanciert, wo meine Chefin, Prof. Dr. Nici Wenderoth zusammen mit ihrem Team eine neuartige Neurofeedbackmethode entwickelt, die auf den besonderen Eigenschaften menschlicher Pupillen und ihren Veränderungen basiert. Anhand dieses neurowissenschaftlichen Modell sollen die Sportler*innen lernen, ihren Arousal-Zustand bewusst und zielgenau zu regulieren. Mit Hilfe einer Virtual-Reality Brille taucht die Sportlerin in ihre Welt ein, um dann mittels Neurofeedbacktrainings ihre mentale Stärke zu trainieren. Dabei dient die Messung und das unmittelbare Sichtbarmachen der Pupillenveränderung via Eye-Tracker als Indikator für die gezielt und bewusst herbeigeführten psychischen Anpassungen. Sehr spannende Anwendungsmöglichkeiten sehe ich im aktuell boomenden e-sport. Ebenso könnte ich mir im Rahmen meines ETH-Seminars «Flow» vorstellen, uns unter Anwendung dieser Methode an die „psychischen Fersen“ des Flow-Zustandes zu heften. 

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Derweil erzählte ich Rainer noch von weiteren Eindrücken meines kürzlichen Besuchs im ETH-Testlabor und den Besonderheiten meiner beruflichen Situation. Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie privilegiert ich als Mitarbeiter dieser Institution bin. Kaum hatte ich das Wort „privilegiert“ ausgesprochen, konterte Rainer mit einer nächsten Frage.

Wie hat dich die Pandemie getroffen? Woran hast du in dieser Zeit gearbeitet?

Wahrscheinlich wie die meisten: ziemlich überrascht, eingebremst, schnell aber wieder „back to online-business“ – mit gelegentlichen Momenten der Frustration. Eigentlich hatte ich vor, 2021 ein Sabbatical in Neuseeland zu verbringen. Dass dies nicht möglich sein würde, war mir indes schnell klar. Andererseits habe ich viele Interessen, sehe im Schwierigen gerne auch die Herausforderung. Wenn das eine nicht geht, dann gelingt vielleicht das andere. 2020 war für mich das „Jahr der Vernetzung“. Zusammen mit Cristina Baldasarre und Philippe Müller haben wir mind2win (Link) gegründet. Der fachliche Austausch mit Cristina und Philippe, die Entwicklung gemeinsamer Projekte und die regelmässigen Kontakte geben meiner Arbeit Richtung und inhaltliche Tiefe. Im Dezember 2020 sind wir mit mind2win dem professionellen Netzwerk sportlifeone.ch (Link, lesen Sie auch einen aktuellen Text über die Arbeit von sportlifeone.ch: Link) beigetreten. Zusammen mit sieben anderen Dienstleistern bieten wir ein umfassendes Angebot – quasi ein Rundum-Paket des Umfeldmanagements im Spitzensport. In Verbindung mit der Plattform die-sportpsychologen haben wir uns nun so aufgestellt und im Arbeitsfeld der Angewandten Sportpsychologie positioniert, wie ich es mir vor 20 Jahren besser nicht hätte vorstellen können.

Eine schöne Aufmerksamkeit von der Chefin.

Das Gespräch mit Rainer nimmt noch ein paar Kurven und kommt schliesslich zu einem stimmigen Halt. Sportpsychologie langweilt auch in diesen speziellen Zeiten nicht. Als ich kurz darauf im Briefkasten einen Karton mit ETH-Aufschrift vorfinde, steigt meine Neugier. Der Inhalt des Päckleins entpuppt sich als Dienstaltersgeschenk meiner Chefin – mit Ansage: Angelabenteuer [für echte Kerle]. Vor 25 Jahren durfte ich an der ETH meine erste Vorlesung als Dozent halten: «Training und Coaching» [für motivierte Student*innen].

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Dr. Hanspeter Gubelmannhttp://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

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