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Umgang mit Stress im Nachwuchsfußball (Teil 1): Stressreaktionen, Stressfaktoren und Persönlichkeitsmerkmale

Lennert Klause ist ein Spieler der U17-Mannschaft des Halleschen FC. Im Nachwuchszentrum des Fußball-Drittligisten arbeitet er mit dem Sportpsychologen Janosch Daul (zum Profil) zusammen. Lennert Klause gehört zur neuen Spielergeneration, die quasi mit der Sportpsychologie aufwächst. So lag es für den Zehntklässler des Gymnasiums Landsberg nahe, sich im Rahmen einer Facharbeit mit einem sportpsychologischen Thema auseinanderzusetzen. Der Titel seiner Arbeit lautet: „Stressbewältigung in Situationen im Nachwuchsleistungsbereich Fußball und wie ein Sportpsychologe darauf einwirken kann.“ Dieses spezielle Thema hält der junge Kicker für besonders interessant: „Zum einen weiß ich selbst relativ wenig darüber und zum anderen lassen sich durch eine passende Stressbewältigung meiner Meinung nach noch viele Potenziale ausschöpfen. Durch die Facharbeit erhoffe ich mir, für mein Team und mich einige neue Kenntnisse zu gewinnen sowie Methoden kennenzulernen, die im besten Fall – durch eine Anwendung – zu einer Leistungssteigerung führen.“ 

Basierend auf dieser Zielstellung hat Lennert im Zuge seiner Facharbeit insgesamt zehn offene Fragen entwickelt, um zu erheben, wie seine Mannschaftskameraden Stress empfinden, wie sich dieser äußert und wie sie damit umgehen. Auf Grundlage der Antworten hat der Nachwuchsspieler dem Sportpsychologen Janosch Daul konkrete Fragen gestellt, die wir in insgesamt zwei Beiträgen im Januar 2022 veröffentlichen.  

Lennert Klause: Laut den Umfrageergebnissen äußert sich bei den meisten Stress nicht nur psychisch, sondern auch physisch: als Unruhegefühl, Schwitzen, schwere Beine oder Hautprobleme. Ist das normal? Deckt sich das mit deinen Erfahrungen?

Janosch Daul (zum Profil): Physische, körperliche Symptome bzw. Reaktionen als Teil des Stressempfindens sind ganz normal. Wenn uns etwas psychisch stresst, wird unser Sympathikus aktiviert, jener Teil des Nervensystems, der uns in einen „Fight-Modus“ versetzt. Er sorgt beispielsweise dafür, dass unser Herz schneller schlägt und Stresshormone ausgeschüttet werden, sodass unser Organismus auf die Anforderungssituation vorbereitet wird. Oftmals nehmen wir diese körperlichen Veränderungen als „unangenehm“ wahr, sodass sich unser psychischer Stress zusätzlich verstärkt. Es handelt sich also nicht selten um einen Kreislauf. 

Lennert Klause: Verschiedene äußere Einflüsse verursachen bei den Spielern Stress, z.B. Verletzungen, Krankheiten oder auch ein Trainingsverbot durch die Eltern beziehungsweise die Schule. Was kann man dagegen tun? Wieviel Einfluss haben die Spieler darauf?

Janosch Daul (zum Profil): Ein allgemeines „Rezept“ auszusprechen, wie man mit solchen Rückschlägen umgehen sollte, ist nicht empfehlenswert, da jeder Spieler eine solche Situation individuell unterschiedlich erlebt und unterschiedlich darauf reagiert. Hilfreiche Möglichkeiten, um mit einem solchen Rückschlag umzugehen, bestehen beispielsweise darin, die Situation, die nun mal jetzt so ist, wie sie ist, als solche zu akzeptieren und sich dessen bewusst zu werden, dass Rückschläge einen normaler Teil des Lebens und auch einer Sportlerkarrieren darstellen. Weltweit gibt es wohl keinen einzigen Profisportler, der von sich behaupten kann, eine Karriere ohne jeglichen Rückschlag erlebt zu haben. Eine Situation als solche zu akzeptieren, hilft dabei, Stressempfinden zu reduzieren. Anschließend macht es Sinn, sich beispielsweise Gedanken darüber zu machen, wie man die gegebene Situation bestmöglich für sich nutzen kann, im persönlichen Bereich, aber auch bezogen auf die sportliche Weiterentwicklung. Hilfreiche Fragen dabei können sein:

  • Wofür finde ich jetzt vielleicht Zeit, die ich sonst eher nicht habe?
  • Was kann ich konkret aus dem Rückschlag lernen? Was kann ich ggfs. zukünftig verändern, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein solcher Rückschlag nicht mehr auftritt?
  • Wie kann ich die Zeit für sportliche Weiterentwicklung nutzen, beispielsweise indem ich mich mit leistungsrelevanten Themen wie dem Gehirn, Ernährung, Schlaf etc. auseinandersetze?

Auch die Frage, wie sich solche Rückschläge verhindern lassen, ist nicht pauschal zu beantworten. Ein adäquates Sozialverhalten im Verein, in der Schule und generell im Leben, ein adäquater Lebensstil und ein professionelles Verhalten auf und neben dem Platz sind in diesem Zusammenhang aber mit Sicherheit beachtenswerte Aspekte.

Lennert Klause: Innere Einflüsse sind enorm relevant für Stressempfinden, z.B. misslungene Aktionen, eine hohe Erwartungshaltung oder Angst vor Fehlern. Was können die Spieler dagegen tun? Welche Mechanismen helfen bei der Stressbewältigung? Was kann der Sportpsychologe tun?

Janosch Daul (zum Profil): Zunächst einmal braucht es aus meiner Sicht hier eine Differenzierung zwischen Situationen bzw. Stressoren, die auf dem Feld Stress auslösen und solchen, die außerhalb des Platzes Stressempfinden hervorrufen. 

In Bezug auf Stressoren auf dem Feld kann der Sportpsychologe den Spieler dabei unterstützen, adäquat mit diesen umzugehen, sodass der Spieler schnellstmöglich wieder leistungsfähig ist, indem er einen Aufgaben- und Handlungsfokus wiederherstellt. Helfen können z.B. Ärger- oder Stressroutinen, beispielsweise bestehend aus einem körperlichen Trigger und einem passenden Selbstgespräch.

Auch der Umgang mit Erwartungshaltungen und z.B. Ängsten vor Fehlern ist höchst individuell zu betrachten. Oftmals kann es helfen, sich wieder dessen bewusst zu werden – gern mit Unterstützung des Sportpsychologen – was man am Kicken eigentlich ursprünglich liebt – z.B. das Schießen von Toren, der gemeinsame Jubel, sich am Ball auszuprobieren, Skills zu erlernen etc. Dies hilft dabei, nicht die Leistung, sondern das Fußballspielen an sich in den Mittelpunkt des Denkens zu rücken. Dies kann Druck reduzieren, indem eine andere Perspektive eingenommen wird. 

In Bezug auf den Umgang mit Fehlern ist es sinnvoll, sich dessen bewusst zu werden, dass Fußball ein Fehlerspiel ist und Fehler somit ein normaler und zu akzeptierender Teil des Spiels sind. Selbst absoluten Weltstars passieren immer wieder gravierende Fehler! Die Entwicklung einer Grundhaltung von „Es ist okay, wenn ich mal einen Fehler mache!“ wäre also hilfreich. Zudem bietet es sich an, Fehler als Lern- und Wachstumsmöglichkeit zu begreifen. 

Bezüglich des Themas Angst vor Fehlern sind aber auch insbesondere die Trainer gefragt! Schaffen sie es, eine Kultur zu entwickeln, die den Spielern das Gefühl gibt, dass Fehlermachen in Ordnung ist und dass nicht auf jeden Fehler prompt eine negative Rückmeldung folgt oder ein solcher beispielsweise eine Auswechslung nach sich zieht, werden sich die Spieler mehr (zu)trauen und letztlich weniger Angst vor Fehlern bzw. deren Konsequenzen haben. 

Lennert Klause: Auch andere Faktoren werden als stressig empfunden, zum Beispiel Streit mit Mannschaftskameraden, Trainer, Familie oder Freund/in sowie Corona-Tests. Welche Mittel zur Bewältigung gibt es hier? Wo muss man ansetzen?

Janosch Daul (zum Profil): Auch hier gibt es keine Pauschalantwort. Gerade bei Konflikten oder in Streitsituationen ist es oftmals hilfreich, die Situation erstmal so stehen zu lassen, sich und seine Gefühle sowie Gedanken zu sortieren, um zu einem späteren Zeitpunkt nochmal auf den Gegenüber zuzugehen. Also ein höchst aktiver Weg, um mit seinem Stress umzugehen. Zielstellungen eines Gesprächs könnten dahingehend bestehen, die Situation zu klären und das Streitthema aus der Welt zu räumen, um wieder gemeinsam die Beziehung gestalten zu können – was de facto Stress reduziert, vor allem wenn die Person, mit der man gestritten hat, eine hohe Bedeutung für den Menschen hat. 

In Bezug auf die Auflösung eines Streits oder Konflikts hilft das Konzept der gewaltfreien Konzeption als Orientierung, bei dem es darum geht, in Form von Ich-Botschaften die Wahrnehmung der Situation, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu formulieren, um anschließend einen Wunsch zu äußern. 

Lennert Klause: Die Mehrheit der Spieler hat angegeben, auf Stresseinfluss laut und gereizt zu reagieren, ein paar haben angegeben, auf leise und eher kleinlaute Art zu reagieren. Hängt das von der jeweiligen Persönlichkeit ab? Womit hängt das zusammen? Was kann man tun?

Janosch Daul (zum Profil): Definitiv besteht ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und der jeweiligen Reaktion auf Stress. Jeder nimmt die Welt durch „seine Brille“ wahr, also auch Situationen, die Stress auslösen (können). Auch der Umgang mit Stress bzw. die Reaktionen darauf sind höchst unterschiedlich und vor allem abhängig von Persönlichkeitsmerkmalen, die zwar ein Stück weit genetisch vorgegeben, aber auch veränder- und entwickelbar sind. Gerade extrovertierte, impulsive Persönlichkeiten neigen dazu, infolge des Stresserlebens lautstark zu artikulieren, wohingegen introvertierte und eher ruhige Persönlichkeiten tendenziell Stress eher „in sich hineinfressen“.

Neben Persönlichkeitsmerkmalen spielen auch gelernte Verhaltens- und Reaktionsmuster eine entscheidende Rolle dabei, wie man mit Stress umgeht. Menschen neigen dazu, oftmals auf ähnliche Art und Weise auf Stress zu reagieren. Je öfter man auf eine bestimmte Art und Weise auf Stress reagiert, umso mehr wird das Gehirn darauf „konditioniert“, beim nächsten Mal genau auf eine gleiche oder zumindest ähnliche Art und Weise mit diesem Stress umzugehen, im Sinne einer Bewältigung des Stresses. 

Im zweiten Teil des Interviews befragt Lennert Klause den HFC-Sportpsychologen Janosch Daul zu Themen wie unmittelbare Spielvorbereitung, Werkzeuge zur Stressbewältigung und Wettkampfroutinen. Der Beitrag wird am 25. Januar 2022 auf Die Sportpsychologen veröffentlicht. 

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Johanna Constantini: Wenn Hass im Netz auf SportlerInnen trifft

Hass im Netz kann jeden treffen. Sowohl im Alltag und Berufsleben und eben auch im Sport. Der Kriminalität im Internet kann jeder und jede zum Opfer fallen. Dabei hat Hass im Netz wahrlich viele Facetten. Von Cybermobbing angefangen, über Betrug bis hin zu sexueller Belästigung um nur einige davon zu nennen.

Zum Thema: Hass im Netz

In der München TV  Sport Arena vom 6. Dezember 2021 wurde genau jene Art von Kriminalität thematisiert. Nicht zuletzt um aufzuzeigen, was sie vor allem im Sport an persönlichem Schaden sowie Leistungseinbrüchen bei ihren Opfern nach sich ziehen kann. Netzwerkpartnerin Johanna Constantini beleuchtete dabei die psychologischen Aspekte. 

Ihr Auftritt in der Sendung, die wir euch aber aufgrund der Monothematik auch gern in kompletter Länge empfehlen, beginnt ab Minute 32:30:

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Andreas Humbert: Im Sportverein kommt es darauf an, wie offen und verständnisvoll die Menschen sind

Im Sport ist es immer noch eines der großen Tabu-Themen: Depressionen. Dies gilt nicht nur für den Profibereich, sondern auch für den Freizeit- und Breitensport. Dabei ist unumstösslich, dass sportliche Aktivität ein wichtiger Baustein für Betroffene ist, mit ihrer Krankheit umgehen zu lernen. Wir haben die Chance genutzt und den Blogger Andreas Humbert für ein Interview gewonnen, der auf seinen Seiten (Link: https://www.meinwegausderangst.de) als Betroffener über seine Depressionserkrankung schreibt.

Zum Thema: Depression und Sport

Andreas, welche Rolle hat für dich der Sport vor deiner Erkrankung gespielt? Was war dein schönstes oder auch schlimmstes sportliches Erlebnis?

Ich war schon von klein auf immer sportbegeistert. Bis ins junge Erwachsenenalter habe ich Fußball und Tennis gespielt. Da ich gerade in der Jugend relativ erfolgreich im Fußball gewesen bin (zumindest bei uns im Verein ;-), zog ich daraus auch immer einen Teil meines Selbstbewusstseins. Auch Tennis habe ich oft und gerne mit meinen Freunden aus dem Ort gespielt. 

Im jungen Erwachsenenalter konnte ich dann im Fußball den Anschluss nicht so finden, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vermehrte Verletzungen und das beginnende Studium führten dann dazu, dass ich die Fußballschuhe an den Nagel hängte. Auch Tennis war kein Thema mehr, nachdem auch viele Freunde damit aufgehört hatten. Stattdessen ging ich ins Fitnessstudio und machte viel Ausdauersport in Form von Joggen, Schwimmen und Radfahren.

Eines meiner schönsten Erlebnisse war der Gewinn der Vereinsmeisterschaft in unserem örtlichen Tennisclub als Kind. Auch die Aufstiege mit der Tennismannschaft waren sehr schön. Und natürlich war es immer super, wenn ich viele Tore geschossen hatte. Einmal hatten wir 6:5 gewonnen – und fünf Tore gingen auf mein Konto. Daran kann ich mich noch heute gut erinnern.

Das schlimmste Erlebnis, an das ich mich gut erinnern kann, war, als ich als Jugendlicher im Pokalfinale verletzungsbedingt ausgeschieden bin. Ich hatte zuvor noch das 1:0 erzielt und wir haben dann noch 1:4 verloren. Schlimmer fand ich aber, dass das meine erste ernste Verletzung gewesen ist, die sich ein paar Monate hinzog. Ein Physiotherapeut meinte, es war eine Bänderdehnung und eine Meniskusreizung im Knie gewesen. Ich weiß immer noch, wie verzweifelt ich damals war, dass es einfach nicht besser werden wollte und wie ich aus Angst das Knie auch im Alltag geschont hatte.

Wie hast du später ganz persönlich erlebt, dass sportliche Betätigung für psychisch Erkrankte zu einem Schlüssel werden können?

Das war, als ich nach meiner ersten depressiven Phase, als es mir schon besser ging, zum Tischtennis gekommen bin. Eigentlich wollte ich erstmal bei den Hobbyspielern „probieren“, bin dann aber doch bei den „Aktiven“ gelandet, die mich ganz herzlich aufgenommen haben. Da kam dann auch die soziale Komponente hinzu. Ich hatte mich wirklich sehr wohl in der Gruppe gefühlt und auch der Zusammenhalt war wirklich super gewesen. Nach dem Training oder nach den Spielen sind wir regelmäßig ins gegenüberliegende inoffizielle Vereinsrestaurant gegangen und haben den Abend ausklingen lassen.

Hast du ganz konkrete Tipps, die sich gegen deinen inneren Schweinehund bewährt haben? Gerade in Phasen der Antriebslosigkeit…

Wenn es mir (körperlich wie psychisch) gut geht, habe ich generell gar keine Probleme mit der Motivation. Aber in antriebslosen Phasen ist es wirklich eine super Hilfe, wenn man regelmäßige Termine zum Training oder Spiel hat, bei denen man sich mit anderen trifft.

Geht es körperlich gerade nicht so gut mit einer bestimmten Sportart, ist es auch gut, wenn man auf eine andere Sportart ausweichen kann. Z.B. kann man bei Überlastungserscheinungen vom Joggen aus Radfahren oder auf’s Schwimmen ausweichen, was einfach viel schonender ist.

Mit deiner Erkrankung gehst du sehr freizügig um. Welche Absicht steckt dahinter und welche Art von Feedback bekommst du?

Ich finde es wichtig, dass andere Menschen erfahren, dass sie nicht alleine mit ihrer (psychischen) Erkrankung sind. Ein Blog ist für mich persönlich das beste Ausdrucksmittel, da ich mich meiner Einschätzung nach schriftlich am besten ausdrücken kann. Im Mündlichen oder gar vor der Kamera z.B. bei YouTube sehe ich mich persönlich nicht so. 

Ich bekomme sehr viel Feedback und Rückfragen v.a. zu meinen persönlichen Erfahrungsberichten: zu der Einnahme und zum Absetzen von Antidepressiva oder gar zum Absetzen von Benzodiazepinen. Auch zur Einnahme von CBD und der Dosierung werde ich sehr viel gefragt. Diese Fragen sind nicht immer ganz einfach zu beantworten und viele Fragen darf und sollte ich auch nicht beantworten, weil ich ja auch kein Psychiater bin. Ich biete zusätzlich auch eine Facebook-Gruppe und eine Telegramm Gruppe an, die ich gegründet habe und auf die ich von meiner Webseite aus verweise. Dort tauschen sich viele meiner Leser aus. 

Der offene Umgang mit psychischen Erkrankungen ist immer noch nicht selbstverständlich. Warum ist aus deiner Sicht der eigene Sportverein vielleicht so etwas wie der ideale Ort, um über eigene Probleme zu sprechen? 

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob der eigene Sportverein immer der ideale Ort dazu ist. Das hängt meiner Meinung nach vielmehr von der Gruppe der Leute ab, wie offen und verständnisvoll die ist. Es ist aber auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, sich in dieser Hinsicht mal ranzutasten und zu schauen, wie das Verständnis ist und wer ein offenes Ohr hat.

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Lisa König: Die smarte WOOP-Methode

Woop was? Ja, die smarte WOOP-Methode gibt’s wirklich! Zurzeit bereiten sich die American Football Spieler der European League of Football schon auf die zweite Saison der Liga vor. Alles wird noch professioneller, es werden immer mehr Fans und die neu dazugekommenen Teams versprechen Spiele auf hohem Niveau. Viele Spieler „quälen“ sich gerade durch die Off-Season; die Teammates wohnen in Deutschland verteilt, der Job fordert vor Weihnachten nochmal alles ab und allein trainieren ist sowieso irgendwie nicht das Gleiche. Sportlern hilft in einer solchen Phase sportpsychologisches Handwerkszeug.

Zum Thema: Zielsetzung in der Off-Season

Einen Schlüssel stellen Ziele dar. Ziele sind für jeden Spieler treue Begleiter, geben dem Handeln eine Richtung und einen Sinn und können auch in den letzten Monaten, bevor die Team Practice wieder losgeht, stark motivieren. Die WOOP-Methode (nach Gabriele Öttingen) kann Struktur in deine Zielsetzung bringen.

Vielleicht hast du schon von sogenannten SMARTen Zielen gehört, wobei jeder Buchstabe für ein Adjektiv steht, was dein Ziel beschreibt. Spezifische, messbare, attraktive, realistische und terminierte Ziele sind das kleine 1×1 des Zielesetzens. (schaut euch dazu mal den Text von Miriam Kohlhaas an: Link). Für die WOOP-Methode sind smarte Ziele die Grundlage.

Das “W” steht für Wünsche 

Wenn du ein SMARTes Ziel gesetzt hast, hast du schon das „W“ der WOOP-Methode sicher. Ein Ziel oder ein „Wish“ sollte immer am Anfang eines jeden Weges stehen. Wichtig dabei ist, dass das gesetzte Ziel in deinem eigenen Handlungsbereich liegt. Das bedeutet, dass du selber aktiv werden kannst, um es zu erreichen.

Ein Wide Receiver könnte sich zum Beispiel das Ziel setzen: „Ich will zum Ende der nächsten ELF Saison mindestens 300 Receiving Yards sammeln.“

Die „O’s“ stehen für Outcome und Obstacle

Der nächste Schritt besteht darin, dir lebhaft vorzustellen, was das Schönste wäre, wenn du dein Ziel endlich erreicht hast. Wie fühlst du dich? Was geht in dir vor? Wie möchtest du dich belohnen? Versuch dir auszumalen, was das mit dir macht und nimm dir Zeit, dieses gute Gefühl zu spüren.

Zum zweiten “O”: Das steht für Obstacles, also Hindernisse und Stolpersteine, die dir bei der Erreichung deines Ziels im Weg stehen könnten. Der Fokus liegt hierbei auf inneren Hindernissen, dass heisst bestimmte Verhaltensweisen, Denkmuster oder Angewohnheiten. Was hält dich davon ab, die 300 Rec Yards zu erreichen? Möglicherweise hast du Probleme, pünktlich beim Training zu sein oder du bist während des Spiels oft unkonzentriert an der Sideline. Vielleicht fehlen dir auch die materiellen oder zeitlichen Ressourcen? Wenn du schon vorher darüber nachdenkst, was dir im Weg stehen könnte, kannst du nicht davon überrascht werden.

„P“ steht für Plan

Dieser Plan soll dir dabei helfen, die Obstacles anzugehen, bevor sie überhaupt auftreten. Nimm dir Zeit und überlege dir konkrete Strategien, um die Widerstände zu überwinden, damit du gut darauf vorbereitet bist. Wie kannst du deine Zeit besser einteilen, um pünktlich zu sein? Gibt es Wege an deiner Konzentration am Spieltag zu arbeiten?

Wenn du deine Ideen gesammelt hast, ist der letzte Schritt sogenannte „Wenn-Dann-Pläne“ aufzustellen (Wenn Obstacle X, dann Plan X). Beispielsweise kann einer davon lauten: „Wenn ich am Spieltag merke, dass ich nicht zu 100% konzentriert bin, dann versuche ich auf meinen Atem zu achten und meine Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zu lenken.“

Loslegen

Wenn du mehr zum Thema erfahren möchtest, dann klick dich hier rein: https://woopmylife.org/ Oder nimm zu uns Kontakt auf. Meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Lisa König) helfen dir gern. 

Mehr zum Thema:

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Thorsten Loch: Finde dein WARUM – aber Warum?

Weißt du, warum du morgens aufstehst, zur Arbeit fährst, dein Training absolvierst, abends ins Bett gehst und am nächsten Tag von Neuem beginnst? Insbesondere dann, wenn die Tage immer kürzer werden und die Temperaturen in Richtung Gefrierpunkt oder sogar darunter sinken? Oder anders gefragt: Hast du eine konkrete Vorstellung von der Richtung, in die sich dein privates, sportliches und berufliches Leben entwickeln soll? Du kannst keine dieser beiden Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten? Dann gehörst du zur Mehrheit der Menschen, die ohne klare Vorstellungen von einem konkreten WARUM durch den Tag geht und sich daher abends vergebens nach Erfüllung sehnt.

Doch das ist noch kein Grund zu verzagen und den Kopf in den Sand zu stecken. Der folgende Beitrag soll dir Impulse geben, um Stück für Stück herauszufinden, warum du genau morgens aufstehst und tust, was du tust. Er zeigt dir, wie du diesen Beweggrund zur Energiequelle machst, die dich antreibt und inspiriert. 

Zum Thema: Warum Genauigkeit der Schlüssel zu einer erfolgreichen Umsetzung der WARUM-Strategie ist und auf welche Weise die Frage „Wie?“ zu den konkreten Handlungen führt, mit denen du dein WARUM in dein Leben integrierst. 

Wir alle kennen das Gefühl, dass irgendetwas in unserm Leben fehlt oder fühlen uns manchmal verloren und planlos. Diese lähmende Leere entsteht, wenn wir keinen Sinn in dem sehen, was wir tun. Sinek beschreibt es wie folgt: „Uns fehlt unser WARUM.“ Der Gedanke ist auf der einen Seite so einfach, wie gleichzeitig bestechend: Dein WARUM ist der Grund, für den du dich morgens aus dem Bett quälst, für den du deine Arbeit erledigst und deine anstrengenden Trainingseinheiten abspulst. Natürlich kann es schwierig sein, das eigene WARUM zu finden, aber es lohnt sich.

Ein klares WARUM verleiht dir außerdem eine Mischung aus Integrität und Charisma, die dich für andere interessant macht. Wenn du dein WARUM kennst, dann kannst du auch danach handeln. Dies hat zur Folge, dass du authentisch bist und dich nicht hinter irgendwelchen Fassaden zu verstecken versuchst. Du fühlst dich „echt“ und dies bemerkt auch dein Gegenüber. 

Der Schlüssel zu deinem WARUM liegt womöglich in deiner Vergangenheit

„Schaffe schaffe, Häusle baue“ – das ist wohl der typische Spruch, der beinahe jedem Deutschen über die Lippen geht, wenn von Schwaben die Rede ist. Im Ländle gibt es nicht nur die meisten Bausparkassen, sondern auch die meisten Bausparer. Geld für Miete „rauszuwerfen“ ist dem Schwaben zuwider. Fürs eigene Häusle wird dann auch mal gern auf Urlaub verzichtet und eisern gespart. Warum schreibe ich jetzt hier über das Ländle? Als gebürtiger Schwabe kann ich diese Einstellung nur zu gut nachvollziehen. Dies soll jetzt nicht in einem Loblied enden, sondern vielmehr den Bogen zu der eingangs beschrieben Thematik schlagen. Täglich die Brötchen verdienen zu müssen, macht oftmals mächtig müde und mürbe. Aber mit einem klaren WARUM im Kopf lassen sich selbst die banalsten Routinetätigkeiten leichter ertragen oder man spart für sein Häulse, indem man auch Urlaub verzichtet. 

Wie aber gehst du sie an, die Suche nach deinem WARUM? Um seinem WARUM auf die Spur zu gelangen, entwickelte Sinek sein Modell des Goldenen Kreises. Dieser Kreis ist so etwas wie eine vereinfachte Darstellung menschlichen Handelns und besteht aus insgesamt drei konzentrischen Kreisen. Der äußerste Kreis steht für das, WAS wir in unserem Leben tun. Der mittlere Kreis beschreibt, WIE genau wir etwas tun und der innere Kreis steht für das WARUM. Sinek stellte fest, dass Menschen ihre Leidenschaft und Lebenslust wiederentdeckten, wenn sie zum Kern dieses Kreises gelangten. Auch du kannst dein WARUM auf die Spur kommen, indem du deine ganz persönliche Geschichte mit anderen Menschen teilst. Der Schlüssel zu unserem Leben liegt oft in der Vergangenheit. 

Genauigkeit als Grundlage

Ein offenherziger Blick in die Vergangenheit kann helfen, Verhaltensmuster und rote Fäden zu erkennen, und wertvolle neue Perspektiven eröffnen. Es verdeutlicht auch, dass du dein Gegenüber nicht einmal unbedingt kennen musst. Die besten Gesprächspartner sind die, die deine Geschichte zum ersten Mal hören, generell gut zuhören können und zudem aufmerksame Fragen stellen. Solche Menschen bringen dich mit ihrer Neugier dazu, deine Gedanken klar und präzise zu fassen. Sie haken nach, wollen Dinge ganz genau wissen und interessieren sich für deine inneren Beweggründe und wahren Gefühle. Diese Genauigkeit ist einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg der WARUM-Methode. 

Bislang haben wir uns vor allem auf die Suche nach dem WARUM im Kern des Kreises konzentriert. Wenn du deinem Leben mehr Sinn geben möchtest, brauchst du allerdings auch die anderen Ebenen. Das WIE steht dafür, wie du dein WARUM konkret im Alltag leben kannst.

Deine WIEs zu kennen, hilft dir, die richtigen Entscheidungen zu treffen

Mit Sicherheit hast auch du dich schon mehrfach in deinem Leben mit einer Entscheidung schwer getan. Die Wahl eines passenden Projektes oder Jobs kann uns vor gewaltige Herausforderungen stellen. Wenn du dir aber über deine WIEs bewusst bist, wählst du Wege, die dich wirklich weiterbringen. Der erste Schritt zur Destillation eines glasklaren WIEs ist das Herunterbrechen vager Formulierungen. 

Merke: Wenn du dein WIE kennst, kannst du leichter erkennen, welchen Möglichkeiten du nachgehen solltest und welchen nicht.

Wenn du also dein WARUM gefunden und deine WIEs artikuliert hast, sind die ersten Schritte getan. Jetzt kommt vermutlich der schwierigste Aufgabe: Du musst dich trauen, der Welt von deinem WARUM zu erzählen.

Dein WARUM öffentlich machen

Wenn dir z.B. jemand die übliche Frage stellt, was du so „tust“ oder „machst“, antworte einfach mit der Geschichte zu deinem WARUM. Egal ob Sitznachbar im Flieger, entfernt bekannter Partygast oder Unbekannter im Wartezimmer – das Gute an der Sache mit Fremden ist, dass du sie vermutlich nie wieder siehst, falls dein kleiner Vortrag nicht so gut läuft. Anschließend kannst du es jederzeit mit einer anderen Person erneut probieren.

Ein weiterer Vorteil ist, dass dich der Schritt in die Öffentlichkeit anhalten wird, immer mehr nach deinem WARUM zu leben. Stell dir vor, du sprichst offen über dein WARUM, „anderen Menschen helfen zu wollen, das Beste aus sich herauszuholen“. Damit du dich selbst und andere von deiner Mission überzeugst, müssen sich deine Werte in deinen Handlungen und Entscheidungen widerspiegeln. Du musst also auf Worte Taten folgen lassen und anderen wirklich helfen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Und je mehr Menschen du einweihst, desto mehr Wegbegleiter werden da sein, um dich an deinen Taten zu messen und in der Spur zu halten. 

Fazit

Das Fehlen einer klaren Vision oder Zielvorgabe führt früher oder später sowohl beruflich als auch privat zu Frust und Demotivation. Besonders zufriedener und erfolgreicher sind die Menschen, welche klar artikulieren können, warum genau sie das tun, was sie tun. Dieses WARUM gibt der Arbeit Sinn und Orientierung. Es ist der Kompass, nach dem sich Jeder in seinen täglichen Aufgaben und Entscheidungen richten kann. Auch du wirst beruflich und privat dein volles Potential entfalten können, sobald du dir über dein ganz persönliches WARUM bewusst wirst.

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Emin da Silva: Vom Flüchtling zum Laufkünstler

Vor 30 Jahren kam Emin da Silva als Flüchtling nach Deutschland. Eigentlich hatte er die Hoffnung, als Fußballer in seiner neuen Heimat durchzustarten. Doch daraus wurde nichts, insbesondere infolge einer Verletzung. Aber Aufgeben, dass passt nicht zu Emin da Silva, dessen Geschichte euch sicher genauso begeistern und bewegen wird wie uns. Deshalb veröffentlichen wir hier das komplette Interview von unserem Experten Markus Gretz (zur Profilseite) mit Emin da Silva in Textform sowie als Audio-Mitschnitt.   

Zum Thema: Leistungsmotivation im Sport 

Das komplette Interview von Markus Gretz mit Emin da Silva zum Anhören

(Hinweis: Das Interview wurde mit digitaler Unterstützung transkribiert und redaktionell überarbeitet, ohne inhaltliche Änderungen vorzunehmen)

Markus Gretz, Die Sportpsychologen: Wie bist du auf die Idee gekommen, so extreme Läufe wie 45h oder mehrere Marathons hintereinander zu laufen? Und auch jetzt diese Idee mit dem Marathon auf einem Bein hüpfend. Wie kam es zu dieser Idee? 

Emin da Silva: Ja also, sowas entsteht ja sicherlich nicht über Nacht. Es ist vieles passiert oder es musste vieles passieren. Bis man sich irgendwo selbst entdeckt und sich neue Ziele setzt. 

Eigentlich, wenn man mich nicht so richtig kennt, kann man sich nicht hineinversetzen, um zu wissen was einem passiert ist – wie kommt ein Mensch auf diese Ideen? Folgendes: ich habe eine brisante Geschichte, die mich prägt und [die erklärt] wie ich dann überhaupt mit dem Laufen in Berührung gekommen bin. 

Dabei spielt vieles eine Rolle und zwar – ich bin seit 30 Jahren hier in Deutschland und die ersten 10 Jahre davon war ich in Asylbewerberheimen, ich bin als Flüchtling hier angekommen. Und ich hatte viel Zeit und keine Perspektive, kein Ziel. 

Und da wurde ich nur geduldet in diesen 10 Jahren, eine Arbeitserlaubnis, ein Studium oder eine Ausbildung und sowas waren mir nicht gestattet. Man ist in einem Heim als 18-jähriger junger Mann – als erstes kommt man natürlich von einem Land, das weder kulturell noch mental [mit dem hier] passt, keineswegs passt irgendetwas zusammen. 

Ich komme ursprünglich aus der Türkei und dann bin ich hier – nun, was passiert, was machst du, du bist so ein junger Mann, könntest Bäume ausreißen, aber du darfst sie nicht ausreißen? Das ist noch das Problem gewesen. 

Dann in den Heimen, der Alltag, die Strukturlosigkeit, Leute, die zurückfallen, die keine Geduld haben, die hoffen, etwas voranzukommen. Alles, was man hinterlassen hat, ist eine Sache die einen schmerzt. Man hat seine ganzen Wurzeln in der Heimat verlassen, dann kommt man hierher und hat keine Wurzeln mehr. 

Da hat man bildlich gesprochen den halben Stamm, der aber noch Wurzeln entwickeln muss. Das waren so ganz, ganz schwierige Zeiten, die mich geprägt hatten und der Sport war und ist und wird auch – oder war zumindest in den Zeiten mein einziger Anker. Mein Anker, durch den ich dann überhaupt eine Richtung hatte, womit ich teilweise meine Zeiten damit füllen konnte. Und mein Gedanke war, dass ich dadurch neue Idee fassen konnte und dem Alltag entkommen konnte. Und in den Heimen waren so viele, viele Flüchtlinge, Menschen, die auch in der gleichen Situation waren wie ich. 

So ohne Ziel, ohne Hoffnung, so viele davon sind abgerutscht und abgeschoben worden oder sogar im Gefängnis gelandet. Und also leider Gottes kann man sagen, wenn man dann kein Ziel hat, sich auch keine Ziele setzen kann, dann passieren sehr viele Dinge. Der Boden war glatt, Gefahren, lauerten an jeder Ecke Fehler zu machen. Und dadurch war der Sport für mich so der Hauptanker, womit ich mir dann in der Gesellschaft einen gewissen Platz erarbeiten konnte. Und nach und nach konnte in den ersten Vereinen Kontakte und Freundschaften knüpfen und meine ersten deutschen Worte lernen. 

Und so merkte ich Schritt für Schritt, es passiert was, aber du musst selbst auch dran glauben und das selbst ansteuern, keiner kommt so richtig auf dich zu. Wenn man in diesen Heimen ist, ist man eine halbwegs verlorene Person. Keinen interessiert es so wirklich. Ich habe auch immer wieder Menschen kennengelernt – wenn ich dann mit meinem gebrochenen Deutsch in 3 Sätzen etwas versucht habe zu erklären kam: „Ja, was machst du, wer bist du und woher kommst du?“ 

Sobald man dann sagte, man hat keine Arbeit, ich spreche nicht Deutsch, dann war sofort das Interesse der Menschen weg und so musste ich mir immer neue Hoffnung schöpfen, neue Menschen kennenlernen, neue Mechanismen entdecken: Wie komme ich voran? In diesen Zeiten war es so, dass ich durch mein Eigenengagement und dann durch den Sport überlebt habe – und meinen ersten Marathon machen konnte.

Foto: Eike Nienaber

Ich war ein guter Fußballer zuerst in der Türkei und ich hatte auch gute Hoffnungen weit nach oben zu kommen – und durch diese Flucht hierher war alles kaputt, der Kopf war voll, ich konnte erst mal keinen Sport machen und mir keine richtigen Ziele setzen. 

Zuerst habe ich in Bremen weiterhin Fußball gespielt bei einigen Vereinen und durch eine Verletzung musste ich leider lange pausieren und dann habe ich irgendwie nicht mehr den Anschluss gefunden zum Fußball. Dann habe ich ein kleinere Laufeinheiten gemacht, durch das Fußballtraining hatte ich gewisse Grundlagen. 

Dann habe ich mich bei ein paar kleinen City-Läufen hier in Bremen angemeldet und mitgemacht und gemerkt – das geht schon irgendwie, 5 Kilometer auf 17 Minuten, das hat mich dann motiviert, dadurch kam ich Schritt für Schritt in dieses Gefühl hinein. Als ich dann auch die ersten kleinen Wettbewerbe hatte, wovon ich auch einige gewann, meine erste Medaille, mein erster Pokal, die erste schöne Urkunde, die Anerkennung der Leute um mich herum hat mich plötzlich so von den Schattenseiten in die Sonnenseite gezogen. 

Ich leckte Blut, mehr und mehr daraus zu machen und es wurde immer mehr und jedes Wochenende war halbwegs was geplant. Die Leute mochten mich, haben mich mitgenommen mit ihren Autos zu Wettbewerben. Ich war dann irgendwann doch in einem ersten Leichtathletik Verein angemeldet und dort entstanden Freundschaften. 

Die 10 Jahre konnte ich so füllen, mit dem Sport, in dieser Zeit. – 91 bin ich nach Deutschland gekommen und 96 habe ich meinen ersten Marathon gemacht in Hamburg. Und das war das Bitterste meines Lebens. Ich hatte keinerlei Ahnung, was Marathon ist oder wie lange es dauert oder – ich habe bisher wirklich nur 5 Kilometer Wettkämpfe gemacht, ohne richtiges Training und das war’s, nicht mal 10 Kilometer. Und so habe ich den Marathon gemacht, aber die Lehre meines Lebens daraus gezogen – mir ging es drei Wochen lang beschissen auf Deutsch gesagt. 

Und das war so die erste Berührung damit – die Zeit zu füllen, in Deutschland einen Sinn zu finden, Kontakte zu knüpfen und Deutsch zu lernen. Zu deiner Frage, wie ich dann irgendwann auf die Idee gekommen bin, solche extremen Sachen zu machen – nach diesen 10 Jahren wurde mein Asyl anerkannt. Ich habe eine Ausbildung machen dürfen zum Tischlergeselle, ich habe eine Tischler-Ausbildung absolviert und mein Asyl wurde anerkannt und schließlich hat sich das Blatt zu meinen Gunsten gewendet. Dass ich dann diese Strecke geschafft habe

Ja, man dachte so, es gibt kein Licht am Ende des Tunnels und das war ein sehr langer Tunnel, durch den ich durchgegangen bin und am Ende kam ich doch irgendwie zum Licht. Durch diese Motivation, jetzt ein neues Leben entdeckt zu haben und mein erstes Gehalt zu bekommen – also sonst gab es ja Sozialhilfe Leistungen und die waren begrenzt, als junger Mann hat man gewisse Bedürfnisse, denen man nicht so nachgehen konnte. 

Und durch die Asyl-Anerkennung, durch meine Ausbildung zum Tischler-Gesellen habe ich meinen ersten Job bekommen, wodurch ich auf einmal selbstständig war und auch das Bundesland verlassen durfte, denn 10 Jahre lang war es ja so, dass ich das Bundesland Bremen eigentlich nicht verlassen durfte, dennoch bin ich zwischendurch immer wieder mal zu Wettkämpfen woanders hingegangen. 

Ja, aber dann habe ich meinen ersten Urlaub geplant und irgendwie – plötzlich war ich Teil der Gesellschaft, hatte einen Arbeitsplatz, war im Sportverein, so konnte ich mitreden und war mittendrin. Und so habe ich es als Anlass genommen – 2002, nach den 10 Jahren Asyl-Zeiten, die ich hatte – als Botschaft zurückzugeben, versperrt die Menschen nicht, das Wasser findet seinen Weg, der Mensch muss seinen Weg zu gehen finden, bitte nicht sperren. Und aus dem Anlass habe ich einen Friedenslauf gemacht 2002. Durch diese ganze Euphorie und Motivation habe ich mit Freunden, aus einem Fußballverein einen Lauf organisiert von Hamburg nach Berlin, 10 Marathons in 10 Tagen. 

Ich wollte die 10 Jahre, in denen ich hier halbwegs nichts tun konnte, als Botschaft geben und einen Friedenslauf machen. Und so begann insgeheim plötzlich eine andere Art von Energie in mir, dass ich da irgendwie etwas machen sollte. Das habe ich gemacht und es hat eine ganz große Anerkennung gefunden.

Auf die 10 Marathons in 10 Tagen habe ich mich ein halbes/dreiviertel Jahr gut vorbereitet gehabt, statt 5km habe ich dann längere Dauerläufe gemacht. Und in 10 Tagen bin ich von Hamburg nach Berlin gelaufen, das war quasi der Durchbruch und so richtig das Ankommen in Deutschland. 

Und dann war auch lange Schluss, also dann im Nachhinein habe ich gemerkt ok, jetzt hast du die Anerkennung, jetzt hast du deinen Beruf, jetzt kannst du das und jenes machen, aber dennoch reichte es nicht in der Gesellschaft weiter anzukommen. Und ich habe einen befristeten Arbeitsvertrag gehabt bei der Uni Bremen. Und nach einem Jahr war Schluss, wurde nicht verlängert und dann stand ich wieder da, als dreißigjähriger Mensch, der eine schulischen Ausbildung gemacht hat und bekam überall, wo ich mich beworben hatte, Absagen oder wenn dann befristet oder über das Jobcenter.

Also das war wieder ein Kampf, trotz einiger Fortschritte. Und wiederum habe ich immer wieder weiterhin die Energie aus dem Sport geschöpft, den Sport habe ich Gott sei Dank nie aufgegeben, habe weiterhin irgendwas gemacht und auch zwischendurch wieder einmal Fußball. Aber beruflich gab es immer wieder Hindernisse, bis ich dann gemerkt hatte – was mach ich denn jetzt, immer kleine Gehälter, Aushilfsjobs oder befristet, bis 2008 dauerte das. 

Dann habe ich angefangen, meinen Job zu wechseln vom Tischler – ich hatte einen Traum irgendwann als Fitness Trainer zu arbeiten, mit dem Sport etwas zu bewegen. Und es gelang mir ohne Kenntnisse, in einem Fitnessstudio in Bremen. Da habe ich auf Teilzeit einen Job gefunden und im Nachhinein meinen Trainerschein gemacht. Von 0 Kenntnissen wurde ich dann Studioleiter, kann man sagen, ich habe alles auf die Beine gestellt, Kurse geleitet und dann plötzlich stand das Studio im Rampenlicht. Und da habe ich angefangen, meinen ersten großen internationalen Lauf zu machen, das war mein Traum irgendwie. 

Ich hatte in meinen Asylheimen reichlich viele afrikanische Mitbewohner gehabt und es war immer mein Traum, irgendwann mal in Afrika zu sein. Und durch diese Kontakte habe ich irgendwann beschlossen einen Lauf in Afrika zu machen. Und nach Recherchen habe ich mir den Namib-Wüsten-Lauf ausgesucht. 

Von meinem Gefühl heraus etwas tun zu müssen, einen besonderen Lauf zu machen, bin ich diesen Lauf ganz, ganz, ganz besonders angegangen und habe ganz viel und hart trainiert. Die Medien haben plötzlich Interesse gezeigt, Sponsoren haben Interesse gezeigt. Ich habe dann in Bremen reichlich Werbung gemacht, das kam sehr gut an und nachdem ich diesen Lauf gemacht hatte und auch eine gute Platzierung hatte, kam ich zurück und plötzlich wurde ich in Bremen wie ein kleiner Star empfangen. 

Und von dort an habe ich, ganz ehrlich muss ich sagen – bei dem ersten großen Lauf durch die Namib-Wüste, auf der höchsten Düne der Welt. Wenn man da lang läuft durch die Dünen, durch über 50 Grad Hitze. In diesen Momenten, auf der höchsten Düne der Welt, habe ich plötzlich außergewöhnliche Energien entdeckt, die ich gar nicht mehr in Worte fassen kann. Von dort an dachte ich mir, ich bin der mächtigste Mensch der Welt. Dass ich so viel in diese Welt wieder zurück geben kann, war meine Gedanke, ich kann in dieser Welt so viel Positives tun, ich kann so vieles jetzt – ich weiß nicht, woher die Kräfte kamen. Warum? 

Plötzlich dort durch die Wüste, wo man eigentlich leidet, wo man kämpft, wo man heult. Alles schwer, aber trotzdem ich komme auf die Idee – ich kann dieser Welt helfen, ich kann die Welt retten und so ich habe mich als Retter entdeckt. Und durch den Sport – ich habe gesagt nicht irgendwie als Politiker oder irgendwie sonst – durch den Sport. In mir so eine Wärme entstanden, jetzt kann ich alles geben für die Welt. Und mit dieser Euphorie kam ich nach Deutschland. 

Dann begann mein Gedanke, du bist ein Brückenbauer, du bist ein Botschafter, du bist nicht einfach ein klassischer Läufer. Klassische Läufe haben mich dann irgendwann nicht mehr interessiert, einfach nur mit der Masse rein in den Marathon, um 3 Minuten schneller zu sein, oder, oder, oder. Dann habe ich gemerkt- jetzt ist es an der Zeit, dass du der Welt etwas zurückgibst.

Du hast eine besondere Aufgabe bekommen, du hast irgendwie ein besonderes Talent – mach was. Das hat mir Druck gemacht, das hat mich so katapultiert, das hat mich so gestärkt in dem, was ich tue. Und dann wurde aus dem Laufen Liebe. Dass ich beim Laufen ein bisschen Schmerzen hatte, das hat mich dann nicht mehr interessiert. Eher habe ich dann die Liebe entdeckt, etwas zurückzugeben, etwas den Menschen zurückzugeben, die an der Schattenseite stehen, die unsere Hilfe brauchen – über den Tellerrand hinauszuschauen.

Das war der Anfang, der Durchbruch meiner bisherigen Karriere – was ich dann alles gemacht habe, um etwas sozial, gesellschaftlich zurückzugeben, Menschen zueinander zu bringen, Brücken zu bauen, Dialoge herzustellen, Kulturen miteinander in Berührung bringen. Diese Aufgabe habe ich einfach in meinem Herzen getragen.

Von dort an begann diese Mission, dieser Gedanke, jetzt machst du mehr, alles was du machst widmest du einem guten Zweck und sammelst Spendengelder. Für den ersten Lauf in Afrika habe ich letztendlich reichlich Gelder sammeln können. Und dort war die Idee, wenn ich dann dort hingehe, einen guten Zweck zu unterstützen. Dort gab es eine Schule mit 140 Kindern, die Aids-Waisen waren, die wurden ehrenamtlich von Studenten durch einen Verein begleitet

Und ich habe dann Gelder aus Deutschland dorthin gebracht, um diese Schule zu unterstützen. So habe ich in mir eine neue Person entdeckt. Dann ging es los, wie gesagt von dem Zeitpunkt an. 2010/2009 habe ich angefangen, seit 12/13 Jahren geht es jedes Jahr permanent immer höher und höher. Nicht höher und höher – ich habe mich auch als Sportkünstler oder als Laufkünstler benannt. Ich mache das, um auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen. Mache gewisse unterschiedliche Läufe, so etwas Besonderes, etwas Kreatives. 

Somit kam ich auf die Ideen, alle mögliche Laufstile zu praktizieren, um der Sache zu dienen, dem guten Zweck zu dienen, und besondere Aufmerksamkeit auf die Botschaft zu lenken, nicht auf meine Person. Das sind Sachen, die mir im Nachhinein Jahr für Jahr immer gelungen sind. Durch den ersten Lauf in der Wüste begann die mediale Entwicklung und auch Sponsoren hatten Interesse gehabt.

Auch Leute haben gerne gespendet, weil sie wussten, was ich vorhabe, für was ich es tue. Dann kam so mein inneres Feuer etwas zu tun. Und je mehr ich tat, umso mehr wollte ich tun. Keine Müdigkeit, kein – jetzt reicht es, von wegen drei Mal reicht, das Feuer brennt unendlich in mir und dieses Gefühl etwas zu tun, etwas für die Gesellschaft zu tun, ist unendlich groß und das kriege ich nicht klein. 

Und man denkt eigentlich noch, welche Auswirkungen gibt es von dieser Art von Läufen, aber ich fühle mich immer noch gut, ich bin jetzt 48 ½, bald werde ich 49. Und jetzt in diesem Alter habe ich mehr Energie, mehr Kraft als damals mit 25. Ja, wie gesagt, jetzt nimmt alles seinen Lauf. Und dann war Ihre Frage, wie kommt man auf solche Ideen, also was spielt da alles eine Rolle. Als letzten Punkt: Ich komme aus einer ganz großen Familie, wir sind 15 Geschwister, 5 sind mittlerweile schon längst gestorben als wir noch Kinder waren und wir 10 sind noch am Leben. Mein Vater arbeitet als Landwirt und wir Kinder gingen in einer kleinen Kreisstadt in ein Internat, nicht alle natürlich, so 2-3. Und das Leben bei uns war sehr beschwerlich.

In der eigenen Familie mit so vielen Kindern hat man gelernt, seinen Platz zu finden, hat ständig um das kleinste Stück Brot, um eine Mahlzeit kämpfen müssen. Es kann sein, dass mir das auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit oder irgendwie ein Kämpfergefühl gegeben hat. 

Und durch das Asyljahr in Deutschland war ich natürlich auch noch mehr geprägt, habe noch mehr einen anderen Sinn in meinem Leben entdeckt. Und so kommt eben etwas raus aus mir und das ist kein Zufallsprodukt, es ist mein Weg kann man sagen. 

Okay. Interessant ist ja auch diese kreative Art zu laufen, dass das ein großer Antrieb ist, da was Besonderes zu machen. – Spiegelt diese Kreativität auch einen Teil deiner Persönlichkeit wider, die du bist?

Ja, ja, ja in der Tat, weil für mich ist eigentlich so – immer wieder höre ich von vielen Leuten „ach, der möchte irgendwie im Rampenlicht stehen“, der eine oder andere Mensch ist darüber auch nicht unbedingt erfreut. Oder sieht es so, wie man es sehen kann.

Aber meine Antwort ist folgende – viele sagen, wozu, Laufen ist ja Laufen, Laufen hat mit seitwärts, rückwärts mit sonst was nichts zu tun. Meine Antwort ist, dass ich mich dann als Laufkünstler bezeichne. Ich sage Fußball hat mit „Fußball“ zu tun, also Fuß gegen Ball. Und ein Künstler, ein Fußballer benutzt seinen Kopf, um Tore zu schießen, der kann mit dem Hacken ein Tor machen, der kann mit seiner Brust ein Tor schießen. Der kann keine Ahnung mit dem Hintern ein Tor machen. Alles zählt gut, aber ein Läufer sollte so etwas nicht tun? 

Wie kommt man auf die Idee? Warum kann nicht ein Läufer auch ein bisschen kreativ und künstlerisch denken? Ich denke, ein Künstler, ein Maler, ein Picasso hat auch seine Bilder nicht mit einem einzigen Pinsel gemalt, man braucht verschiedene Techniken, Materialien und sonst was. Und warum soll ein Läufer, ein Lauf-Botschafter, ein Lauf-Künstler nicht auch irgendwie das Laufen ein bisschen bunt gestalten? Das ist meine Antwort.

Es ist nicht so üblich, es ist nicht so zu empfehlen, dass das jedermann tun soll und kann, aber ein bisschen eigener Mut ist wichtig, ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen ist wichtig. Ein paar Schmerzen gehören dazu, die man durch die Euphorie und Freude ein bisschen wegdenkt. Das sind so Sachen, die mir sehr wichtig sind und dadurch mache ich auch sowas und lasse mich auch gar nicht so ablenken, gar nicht so irritieren davon, wenn jemand sagt „ach das hat mit Laufen nichts zu tun“ –es hat damit zu tun.

Und ich denke vielleicht, der ein oder andere Mensch würde das auch gerne tun, aber lieber erstmal Steine werfen, statt es zu gönnen oder zu würdigen. Es ist so, ich lasse mich keineswegs von meinem Weg abzulenken. Das kommt vollkommen von meinem Herzen, ich mache das und das ist meine Person, glaube ich und das ist das Wichtigste – dass man selbst überzeugt ist von dem, was man tut. 

Und dieses Rampenlicht, in das du gerückt wurdest, nachdem du diesen ersten Lauf gemacht hast, hat dir das auch neue Motivation gegeben? Also dadurch, dass du die Anerkennung von anderen Personen bekommen hast und sie dich bewundert haben, war das auch ein weiterer Antrieb, neue Läufe zu machen, andere Sachen auszuprobieren? 

Ich denke, das spielt auch sicherlich eine Rolle – wenn das, was du tust, dann auch eine gewisse Resonanz hat und auch in der Gesellschaft ankommt und wenn jemand dann dafür auch noch spendet. Das spielt denke ich schon eine ganz große Rolle solche Sachen zu machen.

In der Sportpsychologie spricht man von Selbstwirksamkeit, wenn man merkt, dass das, was man tut eine Wirkung hat und dass man dadurch etwas bewegen kann, indem man trainiert – und das Training hat eine Funktion und man wird besser, dass man das merkt und dann diese Selbstwirksamkeit erfährt. War das auch so bei dir, könntest du das auf dich übertragen? 

Ja, in der Tat, genau, das denke ich schon, das spielt eine Rolle für mich diese Art von Läufen zu machen. Das hat mich gestärkt in dem, was ich eigentlich auch selbst gedacht habe, selbst initiiert habe und das ist auch eine mega Aufgabe – das ist nicht so ohne, sich der Herausforderung zu stellen und selbst eine eigene Idee zu verwirklichen, das Training, die Medien zu bewegen, die Spenden zu akquirieren, Sponsoren zu überzeugen

Die ganze Arbeit im Vorfeld ist genauso schwer wie das Laufen bzw. die Aktion selbst. Also bis man den Ball rollt, so weit bringt bis zur Startlinie und dann zur Ziellinie trägt – sind zwei verschiedene Sachen.

Und da denke ich, das macht einen so richtig stark. Und wenn man dann solche Aktionen bewältigt hat und angekommen ist – und viele dachten bei meinen Aktionen von wegen „der hat sich wieder ein großes Ziel vorgenommen, das wird er nicht schaffen, das geht gar nicht, das wird er aufhören“, ständig, immer wieder wird gemunkelt, immer wieder sagen die Leute, auch irgendwelche Experten, das geht nicht. Aber das ist auch logisch, das ist okay, das ist auch nicht jedermanns Sache. Wenn man wirklich – ich habe es festgestellt – wenn du von dem, was du tust, dich keineswegs irritieren lässt und wirklich daran glaubst, auch das Training, die Schmerzen und alles was dazu gehört, dich der Herausforderung wirklich stellst, fokussiert bist auf das Ziel – nichts ist unmöglich, habe ich gelernt, nichts ist unmöglich.

Ich habe mehrmals meine Grenzen gesucht – dieses Wort „Grenzen“ gibt es einfach nicht, die kann man sich selbst stellen, indem man sich selbst Steine in den Weg legt. Man kann sagen, ja dieser Stein ist mir zu hoch, den kann ich nicht hochspringen. Das geht, man kann Mechanismen finden, nicht dauerhaft auf den gleichen Stein hochzuspringen –Mechanismen finden, Wege um den Stein herum zu finden, wie etwas machbar ist, wie du etwas erreichen kann. 

Alle meine Projekte, die ich bis jetzt gemacht habe, haben größtenteils mit der eigenen Psyche, mit eigener Stärke, mit dem Glauben an sich selbst zu tun. Ohne diese Mechanismen, ohne dieses hundert Prozent davon überzeugt sein, dass alles was kommt, kommen kann – nicht daran zu glauben, dass es schief läuft, sondern daran zu glauben, dass es gut läuft, das stärkt mich sehr. Und immer wieder wurde ich überzeugt davon, dass das der Fall war.  

Die Leute haben gesagt – von wegen mach lieber einen Schritt kürzer oder statt einem Marathon, mach mal einen Halbmarathon oder statt Halbmarathon mal 10 Kilometer oder mach mal alle 2 Tage Pause dazwischen. Jeder hat aus seinem Blickwinkel eine Empfehlung gemacht, aber ich habe mich auf den Kernpunkt fokussiert, darauf, was ich will, und nicht was der andere will. Es ist sehr wichtig, dass man auch sich gut kennt, sich gut einschätzt, nicht einfach so große Töne von sich geben und jede zweite Aktion in den Sand setzen, weil man sich selbst nicht kennt, das geht gar nicht. Solche Leistungen zu erbringen hat sehr viel mit Selbstbewusstsein und fokussiert sein, der Glaube an sich, dass man es schafft zu tun – und dafür natürlich auch etwas tut, also von nichts kommt ja nichts. 

Wenn du jetzt an Grenzen stößt, wenn du merkst, dass es irgendwo wirklich schwierig wird und der Schmerz vielleicht sehr groß ist auch in solchen Situationen – wie gehst du dann mit Grenzen und mit Schmerzerfahrungen um, also wie hast du das mental geschafft, damit umzugehen, wenn es mal schwierig wird? 

Also ganz unterschiedlich natürlich bei all den Läufen, ob bei dem in der Wüste, bei dem Lauf Bremen-Istanbul, Rückwärtslauf oder Seitwärtslauf – ich sage einfach es gibt Schlimmeres im Leben, das ist ja eine Sache, die ich selbst steuere, dass ich noch unter den besten Bedingungen eine Sache angehen. 

Ich sage mal einfach so, wie schlimm muss ein Krieg gewesen sein, wie schlimm ist es, dass eine Frau 9 Monate lang eine Schwangerschaft erträgt und noch das Kind auf die Welt bekommt – mein Schmerz kann nie so groß sein wie dieser.

Es gibt schlimmere Dinge im Leben und so motiviere ich mich in solchen Situationen selbst, indem ich dann auch Selbstgespräche führe, dass ich sage „komm, das ist doch machbar, das ist möglich“, ich setze mich kleine Schritte, ich versuche auch bei Marathons oder Ultramarathons die Strecke in kleinen Abschnitten zu bewältigen. Ich versuche erstmal nicht den ganzen Marathons im Kopf zu haben, ich will zwar schon zum Ziel, aber ich gehe in 5 Kilometer Schritten voran. Ich sage mir „okay, wenn du jetzt die 5 Kilometer gehst, dann fokussiere dich auf die 10, und wenn du 10 Kilometer geschafft hast, dann sind auf jeden Fall auch noch die 20 drinnen. Wenn du zur Hälfte gekommen bist, die Hälfte ist um, dann geht es den Berg runter. Zwischendurch kommt ein kleines Tief, aber das ist bald vorbei, du schaffst das, zieh durch – du bist ja nicht gekommen, um halbe Sachen zu machen.“ So bin ich ständig mit mir am Reden. Ich versuche mir zu sagen, du bist jetzt mitten im Wasser, willst du überleben? – ja – und wenn du überleben willst, was musst du machen – schwimmen. 

Und das Ziel ist, am Ufer anzukommen, und wenn du hier aufgibst, gehst du unter. In verschiedenen Situationen kann ich mich so überzeugen, kann ich meine Schmerzen ignorieren oder meine Schmerzen überdenken, so „du schaffst das“, Schmerzen sind eine Sache und dann ist teilweise meine Energie stärker als mein Schmerz. 

Und irgendwie komme ich an, auch wenn ich vielleicht mal eine Minute stehen geblieben bin, mir vielleicht sogar Seitenstechen rausgepustet habe, mir vielleicht die Wage kurz massiert habe. Statt blind mit Schmerzen weiterzumachen, habe ich vielleicht noch so Hilfsmittel, schnell dehnen oder mal an der Getränkestation ein Glas Wasser trinken oder ein paar Meter gegebenenfalls auch mal zu gehen – statt aufzugeben. Das wäre mir jetzt zu schade – ein Jahr lang hast du trainiert, keine Ahnung wie viele Trainingseinheiten du hinter dir hast, wie viel du da durchgehalten hast, und jetzt willst du gerade hier aufgeben, das ist doch dann Kinderkram, rede ich mir ein.

Und das gelingt. Vielleicht kommt dann nicht die erwünschte Zeit raus. Mein Ziel ist es, das Ziel zu erreichen, ich gucke gar nicht mehr auf die Uhr, ich, ich gucke rechts und links, ich nutze die Stimmung, ich begrüße die Leute und gegebenenfalls den ein oder anderen Mensch auf der Strecke, den ich sehe, also bei den Veranstaltungen ziehe ich mit, motiviere ihn, „komm, komm, komm, du schaffst das“, das alles spielt für mich eine Rolle. 

Beim Training habe ich keine Uhr, keine Musik, bin komplett mit mir und der Natur verbunden, begrüße die Leute, höre mich in meinem Umfeld um. Jedes Training ist für mich wie ein Kino, ich laufe und da ist eine Leinwand vor meinem Gesicht wie im Kino, die geht mit, ständig gucke ich mir immer wieder irgendwelche Ereignisse, irgendwelche tollen Strecken, die ich gelaufen bin, irgendwelche tollen Zieleinläufe, visualisiere ich in meinem Kopf, das zieht mich zwischendurch – meine Seele ist unterwegs und mein Körper ist anders unterwegs, da trenne ich die voneinander, da lenke ich meine Schmerzen ab, da habe ich keine großen Schmerzen in dem Sinne. Die habe ich zwar, aber durch die Visualisierung und die Fokussierung auf das Schöne, wenn du über die Ziellinie kommst, du bekommst vielleicht eine Medaille oder hast das Gefühl „es hat sich gelohnt, die ganzen Trainingseinheiten, dass du es jetzt geschafft hast“ und es tut mir tatsächlich gut, wenn ich über die Ziellinie ankomme.

Dann bin ich nicht mehr zu stoppen von den Euphorien, also du hast vor ein paar Minuten noch geheult von den ganzen Schmerzen, und jetzt bist du über die Ziellinie und wo sind die Schmerzen geblieben? So stellt man sich das vor. 

Jetzt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es bei dir auch mal Tage gibt, wo du mal unmotiviert bist, wo du mal nichts machen kannst. Gibt es solche Zeiten auch, wo du denkst „eigentlich müsste ich trainieren, aber heute mach ich mal nichts“?

Allerdings, genau das ist meine Stärke. Ich bin in der Tat ein trainingsfauler Mensch. Also wenn man jetzt denkt, ich habe jetzt einige Sachen gemacht, dann geht man davon aus, dass ich 24 Stunden irgendwo am Trainieren bin oder jede Woche 6-mal am Trainieren bin, solche Sachen – gar nicht.

Es gibt viele Tage, wo mir nicht danach ist, und Laufen ist auch nicht unbedingt der Hauptbestandteil meines Lebens. Das ist ein sehr, sehr schönes Hobby für mich, das ich gelegentlich betreibe, wofür ich aber keineswegs einen Trainingsplan habe. Ich habe auch keineswegs jetzt den Zwang für mich, heute ist ein Trainingstag, heute musst du trainieren, ich habe meinen Trainingsplan beiseite gelegt, ich praktiziere keinen Trainingsplan, ich gucke nach meinem Befinden. Ich mache nicht nur Laufen, ich mache verschiedene Sportarten als Alternativtraining oder als Ablenkung. Ich möchte keine Langeweile haben, einfach nur geradeaus Laufen, nur Laufen wäre nicht mein Sport. 

Dadurch versuche ich an einem Tag je nach meinem Empfinden zu entscheiden – wenn das Wetter schön ist und mir nach Inlineskaten ist, dann gehe ich inlineskaten und nicht laufen. Ich fahre regelmäßig mit dem Fahrrad zu Arbeit oder zwischendurch gehe ich gerne zum Schwimmen, mache zuhause ein paar Workouts, Eislaufen tue ich im Winter sehr gerne, immer nach einem Empfinden, nach meinem Gefühl.

Das Lauftraining kommt sicherlich auch mit in das Training rein, zwischendurch habe ich Lust 3 Stunden am Stück zu laufen, manchmal habe ich Lust 10 Kilometer schnell zu laufen. Oder wenn ich mal einen Tag habe, an dem ich vielleicht inlineskate, dann bringe ich die nach Hause und laufe danach noch 10 Kilometer, danach noch 2 Stunden Radfahren, mache so ein Kombitraining, aber nicht so zwanghaft, nicht so krampfhaft – nicht, weil der Trainer das so gesagt hat oder die Uhr das sagt oder der Trainingsplan so ist, nix, also da bin ich vollkommen mein eigener Boss, mein eigener Ideengeber, ich dosiere, wann was ist. Wenn mir heute nicht danach ist.

Manchmal, wenn ich rausgehe, vielleicht will ich einen Halbmarathon laufen, nach 10 Kilometer sage ich „es reicht heute“, so höre ich auf mein Gefühl. Aber wenn es darauf ankommt, auf diese Projekte, die ich initiiere, da bin ich ehrgeizig, da habe ich so viele gute Grundlagen seit Jahren, die ich immer wieder abrufen kann, da brauche ich nicht so viel Training. Und ich bin mir sicher, wenn ich das tun würde, wäre ich kaputt. Ich kenne einige Leute hier in Bremen, die sind kurzfristig sehr gut, können sofort bei der deutschen Meisterschaft teilnehmen, aber nur für ein oder zwei Jahre, dann sind sie weg vom Fenster, weil sie komplett den Trainingsplan hart umgesetzt haben, keine richtige Regeneration hatten und ständig einseitig trainiert haben. Mit Bänderriss, Ermüdungsbruch oder Lustlosigkeit, sowas – und ich spüre das nicht. 

Für mich ist jetzt, wenn ich eine große Aktion beendet habe, diese Zufriedenheit, dieses Gefühl, diese positiven Energien um mich herum bei der Veranstaltung – alles insgesamt, die ganze Motivation, die Zufriedenheit die Sachen abgeschlossen zu haben, nehme ich so mit, adé ist gut. Und dann nehme ich mir fast einen Monat Zeit, tue gar nichts, fahre zwischendurch entspannt Fahrrad, mache zuhause ein paar Dehnübungen. So einen Monat komme ich ganz runter, vielleicht mache ich komplett eine andere Sportart statt Laufen, so läuft meine Saison. Ich mache das so wie ein Bär.

In der Winterzeit ist meistens die Zeit, in der ich passiv bin, nicht ganz in den Winterschlaf gehe, aber fast, da regeneriere ich mich, mein Körper erholt sich, da nehme ich 1-2 Pfunde zu, gönne mir auch immer wieder etwas Fettiges bzw. Fast Food, ich habe ja auch keinen festen Plan und esse alles – Gott sei Dank. 

Dann beginnt meine Saison, so ab Ende März, Anfang April, wenn die Sonnenstrahlen da sind, dann beginne ich bis Ende Oktober ungefähr zu trainieren. Das ist für mich die Jahreszeit, um zu trainieren oder eine Veranstaltung zu initiieren. In den Trainingszeiten fange ich an zu fantasieren, kreativ zu denken, was könntest du dieses Jahr für dich als Motto nehmen? Was juckt dich? Was könnte dir passen, zu meiner Person, zu der Veranstaltung? Dann bin ich fast 2, 3, 4 Monate in diesen Gedanken, 3, 4, 5 Ideen produziere ich, versuche jedes Mal die ein oder andere Ideen zu eliminieren, Vor- und Nachteile abzuwägen – bis ich dann bei einer oder zwei Sachen bleibe, dann versuche ich nochmal etwas intensiver zu denken. Wenn ich mich zu einer Sache entschieden habe, kommt das Gefühl, diese Energie, jetzt fokussierst du dich auf diesen einzigen Punkt. 

Dann komme ich nach Hause und rede mit meiner Frau, frage sie, was sie dazu denkt, ob sie eine Idee dazu hat, ob das okay ist oder nicht. So reden wir darüber und wenn ich merke, dass mein Herz schlägt, mein Kopf gut ist, mein Gefühl macht das, meine Füße sind bereit, dann mache ich eine Ankündigung in der Öffentlichkeit. Dann sage ich, was mein Motto ist, wo ich laufe und mit welchem Laufstil. 

Ganz entspannt, ohne Zwang, ohne Druck – alles läuft einfach so, wie es sein soll. Ich habe von niemandem Druck, keine bestimmte Dosis. Alles läuft, auch mit den Sponsoren, den Medien, den Spenden, dem guten Zweck läuft alles entspannt. Und die Menschen auf der Straße würdigen das, viele in Bremen kennen mich sehr gut, wir machen ein Foto oder einen kurzen Smalltalk oder sie laden mich ein in ihre Schule, in ihren Verein. Das Rundumpaket ist so angenehm, so schön, dass ich dann wieder Freude daran habe, jedes Jahr meine Zeit einem guten Zweck zu widmen und eine Mission, eine Aufgabe erfüllt zu haben. Das ist die Freude daran.

Ja, vielen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast, deine Geschichte zu erzählen und mir näher zu berichten, was dich angetrieben hat, was dich motiviert, wie du dich auch in schwierigen Situationen durchkämpfen kannst. Ich denke, da kann man aus sportpsychologischer Sicht sehr viel mitnehmen. 

Ich danke dir auch für diese Presse, dieses Interview und für diese Fragestellung, das freut mich auch sehr.

Foto: Eike Nienaber

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Die Motivation ist ein großes Thema in der Sportpsychologie. Zahlreiche Studien, Methoden und Theorien gibt es in dieser thematischen Ecke. In diesem Text wollen wir uns aber nicht nur von einer wissenschaftlichen Seite dem Thema Motivation annehmen, sondern ein extrem außergewöhnliches Praxisbeispiel nutzen. Es geht um einen Sportler, der als Rückwärtsläufer oder Ein-Bein-Hüpfender Höchstleistungen vollbringt.

Zum Thema: Leistungsmotivation im Sport 

Emin da Silva hat 2021 den Marathon in Wien auf einem Bein hüpfend durchgestanden. Auch vorher hat er schon spezielle Langdistanzläufe z.B. rückwärts, oder an mehreren Tagen in Folge absolviert und sieht sich selbst als „Laufkünstler“. An seiner Lebensgeschichte und aus seinen Schilderung kann man gut nachvollziehen, wozu wir Menschen in der Lage sind, und was uns dabei vor allem antreibt.

In einem längeren Gespräch, das hier (Link zum Interview) vollständig nachzulesen und nachzuhören ist, erklärte mir Emin wie er vor 30 Jahren als 18-jähriger Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist. Vor allem die ersten zehn Jahre in Deutschland beschreibt er als schwierige Zeit, die ihn sehr stark geprägt und in der ihm der Sport viel Halt gegeben hat. Ohne Arbeit und mit wenig Perspektiven suchte und fand Emin im Sport Freude, Freundschaften und Ziele, zunächst als Fußballspieler und schließlich auch beim Laufen: „Der Sport war für mich der Hauptanker, womit ich mir dann in der Gesellschaft einen gewissen Platz erarbeiten konnte.“

Wie Emins erstes Ziel entstand

An seinem Beispiel sehen wir eindrücklich, dass Sport gerade für junge Menschen ein Potential besitzt, Orientierung an Werten und Zielen zu finden und sich in einer Gesellschaft zu positionieren. Emin nutzte diese Chance, indem er nach zehn schwierigen Jahren in Deutschland als Asylbewerber 2002 einen Friedenslauf veranstaltete:

„Ich wollte die zehn Jahre, in denen ich hier halbwegs nichts tun konnte, als Botschaft geben und einen Friedenslauf machen. Und so begann insgeheim plötzlich eine andere Art von Energie in mir, dass ich da irgendwie etwas machen sollte. Das habe ich gemacht und es hat eine ganz große Anerkennung gefunden. Auf die zehn Marathons in zehn Tagen habe ich mich ein halbes/dreiviertel Jahr gut vorbereitet gehabt, statt fünf km habe ich dann längere Dauerläufe gemacht. Und in zehn Tagen bin ich von Hamburg nach Berlin gelaufen, das war quasi der Durchbruch und so richtig das Ankommen in Deutschland.“ 

Motivation und Antrieb

An diesem Beispiel kann man aus sportpsychologischer Sicht sehen, dass Motivation und Antrieb besonders gut wirken können, wenn sie sich perfekt in die eigene Lebensgeschichte einbinden lassen und mit den eigenen Werten verknüpft sind. Für Emin scheinen der Frieden und das Gefühl der Befreiung nach zehn harten Jahren wichtige Empfindungen gewesen zu sein. Diese konnte er in sportliche Motivation umwandeln und nutzen. Er verknüpfte mit dem Durchstehen des extremen Laufs nicht nur den sportlichen Erfolg, sondern auch ein symbolisches Ankommen in der neuen Heimat.

Als Emin nach einer beruflich harten Zeit, in der ihm wiederum der Sport viel Halt gegeben hat, schließlich die Studioleitung eines Fitnessstudios übernahm, ergab sich die nächste große sportliche Herausforderung. Er wollte einen großen internationalen Lauf machen und kam durch afrikanische Freunde aus der Asylbewerberunterkunft auf einen Lauf in der Namib-Wüste.

Die Kraft der Anerkennung

„Von meinem Gefühl heraus etwas tun zu müssen, einen besonderen Lauf zu machen, bin ich diesen Lauf ganz, ganz, ganz besonders angegangen und habe ganz viel und hart trainiert. Die Medien haben plötzlich Interesse gezeigt, Sponsoren haben Interesse gezeigt. Ich habe dann in Bremen reichlich Werbung gemacht, das kam sehr gut an und nachdem ich diesen Lauf gemacht hatte und auch eine gute Platzierung hatte, kam ich zurück und plötzlich wurde ich in Bremen wie ein kleiner Star empfangen.“

Die Anerkennung und das Interesse der Mitmenschen, Medien und Sponsoren kann ein besonderer Antreiber sein, da wir Menschen als soziale Wesen immer auf der Suche nach Anerkennung und Wertschätzung sind. Dieses Grundbedürfnis kann man auch im Sport immer wieder beobachten und auch für sich selbst zunutze machen, indem man anderen von seinen sportlichen Herausforderungen berichtet.

Unbeschreibliche Energien in Ausnahmesituationen

„Wenn man da lang läuft durch die Dünen, durch über 50 Grad Hitze. In diesen Momenten, auf der höchsten Düne der Welt, habe ich plötzlich außergewöhnliche Energien entdeckt, die ich gar nicht mehr in Worte fassen kann. Von dort an dachte ich mir, ich bin der mächtigste Mensch der Welt. Dass ich so viel in diese Welt wieder zurückgeben kann, war mein Gedanke. Ich kann in dieser Welt so viel Positives tun. Ich kann so vieles jetzt – Ich weiß nicht, woher die Kräfte kamen. Warum?“ 

In Ausnahmesituationen kann der Mensch durch die körpereigenen Hormone Höchstleistungen vollbringen. Adrenalin, Noradrenalin und andere Botenstoffe und Stoffwechselprozesse helfen dem menschlichen Körper über seine normale Leistungsfähigkeit hinaus zu gehen. Auch im Gehirn wird diese zusätzliche Energie positiv wahrgenommen. Die Erfahrung dieser Phänomene lässt schließlich auch die Selbstwirksamkeitserwartung wachsen. Man erlebt sich dann als besonders stark und kann diese Stärke auch in der Zukunft in neuen herausfordernden Situationen nutzen, wenn man sich immer wieder daran erinnert.

Immer neue Herausforderungen für den guten Zweck

Anschließend folgten viele weitere extreme Läufe, bei denen Emin durch seine gefundene außergewöhnliche Kraft, Spenden für Hilfsorganisationen sammeln wollte. Auch bei dem Lauf durch die Namib-Wüste sammelte er schon Spenden für eine Organisation in der Region. Emin verknüpfte also die Leistungsmotivation im Sport mit einem Ziel, dass seinen Werten entsprach und mit dem er nicht nur sich selbst sondern auch für andere nützlich war. Auch hier ist der soziale Aspekt der menschlichen Psyche besonders auffällig. Wenn wir Menschen eine Leistung für andere vollbringen, fällt es uns oft deutlich leichter und wir fühlen uns im Nachhinein auch meist noch wesentlich besser. 

„Das war der Anfang, der Durchbruch meiner bisherigen Karriere – was ich dann alles gemacht habe, um etwas sozial, gesellschaftlich zurückzugeben, Menschen zueinander zu bringen, Brücken zu bauen, Dialoge herzustellen, Kulturen miteinander in Berührung bringen. Diese Aufgabe habe ich einfach in meinem Herzen getragen. Von dort an begann diese Mission, dieser Gedanke, jetzt machst du mehr, alles was du machst widmest du einem guten Zweck und sammelst Spendengelder.“

Freiheit ist ein großer Motor

Emin hat in seinem Leben schon oft erfahren, was es bedeutet, nicht frei zu sein. Als Asylbewerber durfte er zum Beispiel lange Zeit das Bundesland Bremen nicht verlassen. Wir Menschen haben aber ein sehr großes Autonomiebedürfnis. Wir wollen über uns selbst entscheiden und eigene Wege gehen. Wenn andere ihm gesagt, haben, dass etwas nicht geht, hat ihn das oft noch mehr angespornt, es zu versuchen.

„Die Leute haben gesagt – von wegen, mach lieber einen Schritt kürzer oder statt einem Marathon, mach mal einen Halbmarathon oder statt Halbmarathon mal zehn Kilometer oder mach mal alle zwei Tage Pause dazwischen. Jeder hat aus seinem Blickwinkel eine Empfehlung gemacht, aber ich habe mich auf den Kernpunkt fokussiert, darauf, was ich will, und nicht was der andere will. Es ist sehr wichtig, dass man auch sich gut kennt, sich gut einschätzt, nicht einfach so große Töne von sich geben und jede zweite Aktion in den Sand setzen, weil man sich selbst nicht kennt, das geht gar nicht. Solche Leistungen zu erbringen, hat sehr viel mit Selbstbewusstsein und fokussiert sein, der Glaube an sich, dass man es schafft zu tun – und dafür natürlich auch etwas tut, also von nichts kommt ja nichts.“

Eigene Fähigkeiten einschätzen lernen

Selbstbewusstsein heißt also, seine eigenen Fähigkeiten einschätzen zu lernen und die Möglichkeit zu erkennen, dass diese Fähigkeiten auch teilweise veränderbar sind.

„Wenn du von dem, was du tust, dich keineswegs irritieren lässt und wirklich daran glaubst, auch das Training, die Schmerzen und alles was dazu gehört, dich der Herausforderung wirklich stellst, fokussiert bist auf das Ziel ist nichts unmöglich. Das habe ich gelernt: Nichts ist unmöglich. Ich habe mehrmals meine Grenzen gesucht – aber dieses Wort „Grenzen“ gibt es einfach nicht, die kann man sich selbst stellen, indem man sich selbst Steine in den Weg legt. Man kann sagen, ja dieser Stein ist mir zu hoch, den kann ich nicht hochspringen. Das geht, man kann Mechanismen finden, Wege um den Stein herum zu finden.”

Ein Laufkünstler und Laufbotschafter

Emin nutzte dieses Streben nach Selbstbestimmung schließlich auch in seiner Kreativität. Er sieht sich selbst als Laufkünstler und Laufbotschafter. Dabei will er immer wieder etwas Besonderes machen und lässt sich dabei durch seine eigenen Gefühle treiben.

Und so läuft er für seine Botschaften vorwärts, rückwärts, seitwärts und einbeinig durch die Welt und sucht nach neuen „Grenzen“, die er überwinden kann. Vielen Dank für diesen Einblick und die Inspiration!

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Jemandem ein Kompliment zu machen, ist heutzutage leider etwas Seltenes geworden. Gleichzeitig kann es so eine mächtige und wertvolle Wirkung haben. Nicht zuletzt in Mannschaften und Teamgefügen. Um das Ganze etwas spielerisch zu gestalten, habe ich mir den etwas anderen Adventskalender ausgedacht. Probiere es im Rahmen deiner Mannschaft aus.

Zum Thema: Den Teamspirit stärken

Bereits die Sportfreunde Stiller haben es uns schon vor Jahren vorgesungen:

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Weitere Informationen

„Wenn man so will

Bist du das Ziel einer langen Reise

Die Perfektion der besten Art und Weise

In stillen Momenten leise

Die Schaumkrone der Woge der Begeisterung

Bergauf, mein Antrieb und Schwung

Ich wollte dir nur mal eben sagen

Dass du das Größte für mich bist

Und sichergehen, ob du denn dasselbe für mich fühlst

Für mich fühlst

…“

Komplimente fühlen sich gut an, oder? Also machen wir was draus und bedienen uns einem Werkzeug, was wir alle kennen. Wobei wir es etwas umnutzen. Denn die Logik klassischer Adventskalender ist eigentlich derart gestaltet, dass vom ersten bis zum 24. Tag im Dezember täglich eine Überraschung hinter einem „Türchen“ auf dich wartet. Mein Adventskalender macht es aber andersherum. Du hast die Möglichkeit für jemand anderen etwas hinter ein Türchen zu packen und gleichzeitig bist auch du Teil des Kalenders, bei dem für dich jemand etwas hinterlegt.

Wie sieht das im Detail aus?

Im besten Fall bist du Teil einer Mannschaft – eines Sportteams, wobei alle in der Mannschaft ein Trikot mit einer Nummer haben, die im noch besseren Fall zwischen 0 und 25 liegt. Als nächstes gestaltet jedes Mannschaftsmitglied ein individuelles Gefäß, zum Beispiel ein Marmeladenglas oder ähnliches, wobei Name und Trikotnummer Minimum im Rahmen der Kreativität sind. Das Trainerteam kann selbstverständlich auch mitmachen und bekommt zufällig eine Nummer zugelost, die noch nicht vergeben ist und auch zwischen 0 und 25 liegt.

Nun abwarten, bis der erste Tag im Dezember eintritt. Genau dann ist Mitglied mit Trikotnummer 1 quasi das erste Türchen. Alle anderen Mitglieder und das Trainerteam sind aufgefordert, folgende Frage für Trikotnummer 1 zu beantworten: Welche drei Ressourcen/Stärken/Fähigkeiten kommen dir spontan für Nr. 1 in den Sinn?

Ein teaminternes Weihnachtswunder

Jeder notiert die Antworten auf einen Zettel und packt diesen in das Glas mit der Nr. 1. Je mehr mitmachen, desto voller wird das Glas. Für jeden Tag im Dezember, für den es ein Glas gibt, wird diese Frage auf Zetteln beantwortet und in das Glas gepackt.

Am 24. Tag im Dezember ist Bescherung. Das heißt, die Gläser dürfen geöffnet werden und in der stillen Nacht wird es Komplimente regnen – dein ganz erlesenes Weihnachtswunder.

Tipp: Wer durch einen Lockdown oder einer Absage des Spielbetriebs aktuell wieder seltener zusammenkommt, der kann sich auch technischen Hilfsmitteln bedienen. Der Trainer kann zum Beispiel jeden Tag per WhatsApp um die Zusendung der “Komplimente” bitten oder eine Umfrage bei Google Drive erstellen, um die digitalen Zusendungen einzusammeln. 

Mary Christmas!

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Frage und Antwort: Die Handbremse nach Verletzungen lösen

#Comebackstronger ist so ein Hashtag, der unter Sportlern und Sportlerinnen kräftig kursiert, wenn es irgendjemanden mal schlimmer erwischt hat. Die guten Wünsche kommen nicht von ungefähr. Denn Jede oder Jeder mit einer schweren Verletzung in der Vita weiß, wie schwer der Weg zurück sein kann. Gerade, wenn wir an die mentale Komponente der Bewältigung der Verletzung denken. Ein Riesenthema für die Sportpsychologie – auch wenn viele Sportler und Sportlerinnen diesbezüglich noch allzu oft zu viel mit sich ausmachen.

Zum Thema: Verletzungen im Sport

Im Rahmen unserer neuen Rubrik: “Du fragst, wir antworten” hat uns nun eine Frage genau zu diesem Thema erreicht. Gefragt hat ein erfolgreicher Kampfsportler aus dem Leistungssportbereich, der Jahre nach seiner Verletzung noch gewisse Schwierigkeiten hat. Schaut euch an, wie Anke Precht (zum Profil) und Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) auf die folgende Anfrage geantwortet haben: 

“Bei unserer Disziplin Freestyle sind auch Saltos mit Schrauben gefordert. Ich habe früher diese Bewegungen immer leicht gemacht und hatte keine Probleme damit. Nachdem ich zwei Sprunggelenksverletzungen (2015 und 2016) hatte, habe ich mich zwar erfolgreich zurückgekämpft und weiter Erfolge gehabt, allerdings sind diese Schraubensaltos noch immer Elemente, die ich nur mit angezogener Handbremse schaffe. Ich habe sie teilweise gemacht und auch gut geschafft, aber ich spüre immer noch diese Handbremse und weiß, dass ich sie viel lockerer und sicherer könnte. Ich vermute, dass diese Handbremse immer noch eine unbewusste Angst ist, dass ich mich wieder verletze. Ironischerweise ist genau diese Handbremse das, was das Verletzungsrisiko erst erhöht. Ich habe auch viel mit Visualisierung gearbeitet, aber das war noch kein richtiger Game Changer.

Die Frage: Wie kann ich diese Handbremse lösen und meine alte Lockerheit von früher wiederfinden und die Bewegungen „einfach machen“?”

Anke Precht

Antwort von Anke Precht (Link zum Profil)

Verletzungen während des Sports können vom Gehirn traumatypisch verarbeitet werden. Das bedeutet: Speicherung im so genannten “heißen” Gedächtnis. Ziel: Weitere Verletzungen vermeiden, durch reflexartige Vermeidung all dessen, was dahin führen kann. Dadurch wird quasi automatisch das vermieden, was zu der Verletzung geführt hat. In Ihrem Fall die Schraubensaltos – selbst wenn sie körperlich beherrschbar wären und der Verstand weiß, dass sie mit größter Wahrscheinlichkeit gut ausgehen, dafür vielleicht sogar die Voraussetzungen verbessert wurden (zum Beispiel durch die physische Vorbereitung oder mentale Techniken, wie zum Beispiel das Imaginieren in Zeitlupe, besonders des sicheren Aufkommens und des dafür notwendigen Bewegungsablaufs), “bremst” der Körper automatisch ab. Hilfreich beim Lösen der Bremse sind in diesem Fall Techniken, die auch bei anderen Traumata wirksam sind. Einige Sportpsychologen (und ein Teil der Psychotherapeuten) beherrschen sie, es handelt sich dabei um körperorientierte Verfahren (weil die Bremse ja im Körper sitzt, nicht im Kopf) wie EMDR, EMI, Somatic Experiencing oder auch Methoden aus der Klopfakupunktur. Letztere kann man auch selbst anwenden. Dazu empfehle ich das Buch von Fred Gallo: Energetische Selbstbehandlung; Durch Meridianklopfen traumatische Erfahrungen heilen. Im Zweifel lohnt es sich bei einem solchen Thema aber, für zwei oder drei Termine den Spezialisten oder die Spezialistin aufzusuchen.

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (Link zum Profil)

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass alle größeren Verletzungen, die zu einer Einschränkung der Ausübung der Sporttätigkeit führen, oder zu einer längeren Pausierung, auch ein “psychisches” Trauma beinhalten. Dies ist gerade bei Erstverletzungen wahrscheinlich und vor allem bei sich wiederholenden Verletzungen, insbesondere derselben Körperregion und Struktur.

Dieses Thema ist dann jedoch sowohl ein körperliches als auch eine psychisches. Denn sowohl die körperlichen Strukturen sind nach der Verletzung verändert und brauchen eine Anpassung, wie auch die veränderte Muster im Bewußtsein und Vorbewußtsein.

Neben den von der Kollegin Precht schon aufgeführten Techniken zur Traumatherapie, sind neuroathletische Übungen hilfreich. Ergänzend kommen noch neben der reinen Technickimagination, die über formale Trancen induzierte Ressourcenaktivierung der Angstreduktion, ggf. Auflösung von entstandenen oder aktivierten Glaubenssätzen und das Erlernen der Selbsthypnose zur erhöhten Achtsamkeitsschulung und Entspannungsmöglichkeit hinzu.

Letztendlich sitzt die Bremse sowohl im Körper als auch im Kopf, wenn wir in dem Bild bleiben wollen und jeder Sportler muss den eigenen Zugang finden, um wieder in den funktionierenden Ablauf zurück zu kehren. Doch letztendlich gilt es wieder in eine selbstverständliche Lockerheit, manchmal auch als Flow bezeichnet, zu kommen.

Hierbei sind sicherlich Unterstützung durch erfahrene Begleitung für den ersten Zeitraum hilfreich.

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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    Thorsten Loch: Wie mentale Stärke entsteht

    “Ich wäre gern mental stärker.” Mit diesem Wunsch kommen immer wieder Sportler und Sportlerinnen auf mich zu. Was als Wunsch leicht ausformuliert ist, bedarf in der Umsetzung etwas Arbeit. Aber spannende Arbeit, wie ich finde. Ich liebe es, SportlerInnen auf diesem Weg zu begleiten und zu unterstützen. Um mal etwas genauer zu erklären, was auf dem Weg zu mentaler Stärke alles auf dich zukommt, habe ich versucht, die Hintergründe zu erklären. Schaut euch das gern an und nehmt gern zu meinen KollegInnen oder mir Kontakt auf, wenn ihr an eurer mentalen Stärke arbeiten wollt.

    Zum Thema: Mentale Stärke im Sport

    Zu Beginn ein kleines Experiment: Schließe einmal die Augen und atme ruhig ein und aus. Nimm dir gern etwas Zeit. Fühlst du dich entspannt? Woran hast du gerade gedacht? 

    Vermutlich entweder an dich selbst, an andere Menschen oder an deine Beziehungen zu anderen Menschen. Woher ich das weiß? Eigentlich ist es nicht schwer zu erraten, denn im Leerlauf springt im menschlichen Gehirn automatisch die Abteilung für Soziales an. Sprich, immer wenn wir aktuell nichts Besonderes tun, beginnen unsere Gedanken ganz von allein, um uns und andere zu kreisen. Denn der Wunsch nach Verbundenheit und Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis und tief in unser Gehirn eingeschrieben. Vor die Wahl gestellt, entscheiden sich die meisten Menschen dafür, mit anderen zu kooperieren – selbst dann, wenn es ihnen Nachteile bringt. Dies ist ein logisches Verhalten, denn unser Gehirn belohnt kooperatives Verhalten. Folgen wir unserem Bedürfnis nach Verbundenheit und verhalten uns sozial, rührt sich der Nucleus accumbens, das Belohnungszentrum des Gehirns. Darum fühlt es sich auch so gut an, anderen zu helfen. 

    Fast wie körperlicher Schmerz

    Umgekehrt empfinden wir Verluste, Trennungen und ausgeschlossen sein beinahe wie körperlichen Schmerz. Unterzieht man Menschen, die gerade jemanden verloren haben, einem Hirnscan und lässt sie dabei Fotos der verlorenen Person ansehen, zeigt sich deutliche Aktivität im dorsalen anterioren cingulären Cortex, kurz dACC. Diese Hirnstruktur ist an der Schmerzwahrnehmung beteiligt und wird auch aktiv, wenn wir uns in den Finger schneiden oder mit dem dicken Zeh gegen eine Stuhlkante donnern. Weil der dACC nicht zwischen seelischen und körperlichen Schmerzen unterscheidet, können sich Trennung und Verlust manchmal tatsächlich anfühlen wie körperliche Schmerz. Paradoxerweise kann das Schmerzempfinden aber auch sinken, wenn wir uns von anderen isoliert fühlen. Schon die bloße Aussicht, ausgeschlossen und allein zu sein, löst in manchen Fällen einen Schutzmechanismus aus. Dann werden wir unempfindlich gegen körperlichen Schmerz, verlieren unser Einfühlungsvermögen und können uns nicht mehr richtig freuen. Kurz: Wir stumpfen innerlich ab. Darüber hinaus veranlasst der dACC bei fehlender Verbundenheit die Ausschüttung von Entzündungsmarkern, ähnlich wie im Falle einer Verletzung oder Grippe. Einsamkeit und mangelnde soziale Akzeptanz können uns also regelrecht krank machen, denn die Entzündungen schädigen langfristig unser Herz-Kreislauf-System. Die erfreuliche Nachricht ist, dass wir das Gefühl von Verbundenheit aktiv herbeiführen können. Paradoxerweise gelingt uns dies am besten, wenn wir allein sind. 

    Merke: Das Gefühl von Verbundenheit lässt uns glücklicher, gesünder und empathischer werden. Fühlen wir uns hingegen verlassen oder ausgeschlossen, empfinden wir Schmerz, werden krank oder stumpfen ab.

    Buddhismus meets Neurowissenschaft – wie du den G-Punkt deines Gehirns aktivierst

    Wie wir zuvor erfahren haben, ist Verbundenheit enorm wichtig für unser Gehirn – und natürlich auch für uns. Leider können Vorurteile und Bewertungen die Nähe zwischen Menschen verhindern oder zerstören. Schnelle Vorurteile können auf den ersten Blick einen Menschen in unseren Augen sehr schlecht aussehen lassen. Wir betrachten ausschließlich das Verhalten und setzen dies im Bezug zu unseren eigenen Normen und Werten. Passen diese nicht überein, sprich es entsteht eine Diskrepanz, so empfinden wir es „unmöglich, wie kann der sich nur so in verhalten“. Erfahren wir dann die Beweggründe oder erhalten „Hintergrundinformationen“ zu der jeweiligen Personen – möglicherweise hat er gerade eine traurige Nachricht erhalten – erschließt sich uns sein Verhalten und wir beginnen zu verstehen. Sicherlich kennst du solche Situationen. Ist dir dabei schon einmal aufgefallen, wie schnell du deine Meinung über einen anderen Menschen verändert hast, wenn du die Hintergründe seines Verhaltens kennst? Wenn wir unsere Meinungen über andere beiseite schieben, können wir uns selbst wildfremden Menschen verbunden fühlen. 

    Einer, der das bestens beherrscht, ist Matthieu Ricard, ein enger Vertrauter des Dalai Lama. Seit der buddhistische Mönch sein Gehirn von Neurowissenschaftlern untersuchen ließ, gilt er als der glücklichste Mensch der Welt (vgl. Purps-Pardigol, 2021). Denn die Messungen ergaben, dass die Hirnströme – insbesondere die für höheres Bewusstsein und Fokus verantwortlichen Gammawellen  – bei Ricard dreißigmal stärker ausschlagen als bei gewöhnlichen Menschen. Zudem ist sein linker präfrontaler Cortex außergewöhnlich gut vernetzt – also der Teil, der mit Glück und Wohlbefinden assoziiert wird. Aber was ist das Geheimnis des Mönchs? Müssen wir uns erst für ein Leben in einem Kloster entscheiden, um ein vergleichbares Glückslevel zu erreichen? Glücklicherweise nein. Mit der richtigen Technik und Training können wir auch in unseren eigenen vier Wänden an diesem Punkt arbeiten.

    Auf Vorurteile verzichten

    Erinnerst du dich noch an den Nucleus accumbens? Dies ist das Belohnungszentrum mit der Vorliebe für Verbundenheit und lässt sich bewusst stimulieren. Das Geheimnis ist, dich in einen Zustand des bedingungslosen Wohlwollens zu versetzen, das alle Menschen umfasst – auch dich selbst. Ricard praktiziert dies in Form einer Mitgefühlsmeditation (eine Audiodatei dazu erhältst du auf Anfrage bei dem Autor; nutz dafür bitte das Kontaktformular). Der Zustand des reinen Wohlwollens macht übrigens nicht nur glücklich, sondern lässt uns auch gelassener mit schwierigen Menschen und Situationen umgehen, denn er erweitert unser neuronales Potenzial. 

    Merke: Wenn wir unsere Vorurteile beiseite schieben und uns selbst und anderen Wohlwollen entgegenbringen, erfahren wir heilende Verbundenheit und damit Glück und Zufriedenheit. Das lässt sich durch Meditation nachweislich verstärken (vgl. Seidl et al., 2018) 

    Vom Spielball zum Spielmacher – wie Mitgestaltung das Gehirn beflügelt

    Folgendes Szenario: Sicherlich kennst du ähnliche Situationen aus deinem Leben. Es kann aus dem Sport- als auch aus dem Alltagsbereich stimmen. Ich kann dies sehr gut an dem Verhalten bzw. der Motivation meiner Kinder sehen. Planen wir beispielsweise einen Kuchen zu backen und die Kinder dürfen aktiv daran „mitarbeiten“, so steigt deren Eifer ins schier unermessliche. Sind sie dagegen nur stille Beobachter und dürfen keinerlei Arbeitsschritte selbst durchführen, so stehe ich nach relativ kurzer Zeit alleine vor der Schüssel und aus der gemeinsamen Aktion ist schnell eine „one-man-show“ geworden. Dieses Mitmach-Phänomen, auch bekannt als IKEA-Effekt, geht auf ein weiteres neurologisches Grundbedürfnis zurück: unseren Wunsch nach Mitbestimmung und Wachstum. Wenn wir unser Lebensumfeld aktiv mitgestalten, erwachen die emotionalen Zentren im Mittelhirn. Das Gefühl von Kontrolle beruhigt das Gehirn, verringert Stress und lässt uns selbstbewusster mit Schwierigkeiten umgehen. Klar, denn was stresst mehr: ein Problem, dem du hilflos ausgeliefert bist, oder eines, an dem du selbst etwas ändern kannst?

    Außerdem beschert das Gefühl von Handlungsmacht/Kontrolle unserem Gehirn einen wahren Regen sogenannter neuroplastischer Botenstoffe, unter anderem den Botenstoffen wie Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und Endorphine. Und jetzt wird es richtig interessant, denn wie der Name schon sagt, beeinflussen diese Stoffe unsere Gehirnstruktur, genauer gesagt, unseren präfrontalen Cortex (PFC). Durch die Ausschüttung dieser Stoffe, haben wir besseren Zugriff auf unsere neuronalen Netzwerke, können also bestehende Fähigkeiten schneller abrufen. Die Flut an neuroplastischen Botenstoffen sorgt zusätzlich für die Entwicklung ganz neuer synaptische Verbindungen. Das heißt im Klartext, unser Gehirn entwickelt und vernetzt sich weiter. 

    Strategie für die Praxis

    Um dieses Potenzial maximal auszuschöpfen, hilft die folgende Strategie:

    • Schritt eins: Visualisieren. Überlege dir ein persönliches Ziel und stelle es dir möglichst detailliert vor. Frag dich, was sich positiv in deinem Leben verändert, wenn du es erreichst. 
    • Bevor du dich aber ganz in Wunschvorstellungen verlierst, geht es an den zweiten Schritt: Antizipieren. Welche Widerstände und Hürden können dir bei der Umsetzung begegnen?
    • Damit deine individuellen Stolpersteine keine unüberwindbaren Hindernisse werden, benötigst du noch einen dritten Schritt: die Wenn-dann-Strategie. Lege für jeden möglichen Stolperstein eine konkrete Verhaltensweise fest (vgl. Engbert/Kossak, 2021). Wenn X eintritt, tue ich Y. (wer hier tiefer einsteigen will, dem kann ich gern ein Arbeitsblatt zur Verfügung stellen – nutzt wiederum das Kontaktformular)

    Dieser Vorgehensweise ermöglicht dir, dass du in stressreichen Wettkampfsituationen bereits aus konkrete Handlungspläne zurückgreifen kannst. Somit umgehen wir das Gefühl einer erlebten Hilflosigkeit. Du hast deine für dich typischen Stolpersteine definiert und entsprechende Handlungspläne aus deinen eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickelt. Du hast dir sozusagen eine eigene „Bauanleitungen“ geschrieben, die idealerweise verständlicher ist, als jene aus einer großen schwedischen Möbelkette. Damit gewinnst du die Kontrolle wieder und eine zuvor ausweglose Situation entwickelt sich für dich zu einer bewältigen Aufgabe.

    Fazit

    Wenden wir uns noch einmal der Frage aus dem letzten Beitrag zurück. Wie kann ich in schwierigen Situationen mental stark bleiben und meine Potenziale entfalten? Wie wir gesehen haben, sind die Antworten sind so vielseitig wie das Gehirn selbst. Aus diesem Grund kann aus der Ferne nie eine allgemeine Antwort geben. Ich weiß von vielen Sportlern und Sportlerinnen oder auch Trainerinnen, dass diese Ausklammerung von Pauschalantworten erst einmal wenig einladend klingt. Aber darin liegt am Ende der Zauber der Sportpsychologie: Individuelle Antworten auf deine Fragen gibt es eben nicht von der Stange, sondern werden für dich entwickelt. Dafür sind meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) für dich da.  

    In konkreten Stresssituationen ist es sinnvoll, sich ganz auf das Wesentliche zu fokussieren und alle emotionalen Bewertungen vorerst beiseite zu schieben. Später können dir Neubewertungsmethoden wie Affect Labelling und Normalisieren helfen, dass Erlebte zu verarbeiten. Um auf lange Sicht gelassener, klarer und zufriedener zu werden, sollten wir täglich Dankbarkeit praktizieren, die Verbundenheit zu anderen Menschen pflegen und ein Gefühl des Wohlwollens gegenüber allen Lebewesen etablieren.

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