Markus Gretz: Teams motivieren – vor und nach der Pandemie

Eine Studie an der University of Kansas von Chelsi E. Scott, Troy O. Wineinger, Susumu Iwasaki & Mary D. Fry untersuchte das motivationale Team Klima in College Mannschaften. Daraus lassen sich Tipps und Hinweise schließen, wie Trainer*innen ein Klima entwickeln können, das nicht nur bei der Bewältigung einer Pandemie hilft, sondern auch sonst eine nachhaltige Motivation und gesunde Atmosphäre in einer Mannschaft erzeugt.

Zum Thema: Wie Trainer*innen ihren Athlet*innen und Teams durch die Pandemie und darüber hinaus motivieren und unterstützen können

Die Corona-Pandemie stellte das Leben und den Sport auf der ganzen Welt vom einen auf den anderen Tag auf den Kopf. Inzwischen haben wir schon über ein Jahr und mehrere Lockdowns mit einer außergewöhnlichen und belastenden Situation zu kämpfen. Auch ich habe vor kurzem bei einer Umfrage unter ca. 100 jugendlichen Sportlern herausgefunden, dass vor allem der fehlende Kontakt zu den Teamkollegen eine Belastung darstellt und daraus Langeweile, Motivationsverlust aber auch Angst, Sorgen und Traurigkeit entstehen können. Die Autoren der oben erwähnten Studie beschreiben außerdem erhöhte Belastungen durch Online-Unterricht, familiäre finanzielle Probleme und weitere außersportliche Stressoren.

Es zeigte sich aber, dass Trainer ihre Athleten in solch schwierigen Phasen unterstützen können. Die sportpsychologische Forschung bietet dafür gute theoretische Grundlagen (Achievement Goal Perspective Theory (Nicholls, 1989) und Caring Framework (Newton et al., 2007) die ein fürsorgliches und aufgabenbezogenes Klima als besonders förderlich für die Motivation und das Wohlbefinden der Athlet*innen herausstellen. Darunter fallen laut Fry et al., (2019) vor allem folgende fünf Verhaltensweisen der Trainer*innen:

  1. Sie schätzen und erkennen die Anstrengungen und Verbesserungen der Athlet*innen. 
  2. Sie pflegen einen Geist der Zusammenarbeit zwischen allen Mitgliedern des Teams. 
  3. Sie helfen allen Athlet*innen, ihre bedeutende Rolle zu erkennen, die sie im Team spielen. 
  4. Sie helfen Sportler*innen, Fehler als Wege zu sehen, um zu wachsen und zu lernen. 
  5. Sie schaffen eine Atmosphäre, in der sich alle Athlet*innen willkommen, geschätzt und als Teil einer fürsorglichen Gemeinschaft fühlen.

(vgl. Scott et al., 2021)

Vier Empfehlungen für Trainer*innen

Laut den Autoren hilft dieses fürsorgliche und aufgabenbezogene Klima gerade jugendlichen Sportler*innen mit den zusätzlichen Belastungen der Corona-Pandemie besser zurecht zu kommen als in einem selbstbezogenen Klima, wo der Erfolg des Einzelnen im Vordergrund steht und die besten Athlet*innen bevorzugt behandelt werden. Die Autoren haben aus ihrer quantitativen und qualitativen Untersuchung an College Athlet*innen in den USA folgende vier Handlungsempfehlungen für Trainer*innen während der Corona-Pandemie herausgearbeitet:

  1. Unterstützung für den Sport und das Privatleben: Trainer*innen sollten sich regelmäßig bei ihren Athlet*innen melden und nachfragen, wie es ihnen geht. Dabei wird es von den Athlet*innen als positiv erlebt, wenn auch Themen abseits des Sport angesprochen werden können und die Sportler*innen in Teamentscheidungen, wie zum Beispiel, wann und wie das Training wieder startet, einbezogen werden. Dies kann in Einzelgesprächen per Telefon oder Videocall oder in einer Videokonferenz mit dem gesamten Team geschehen.
  1. Die Gesundheit in den Vordergrund stellen: Athlet*innen sehen es als sehr positiv an, wenn Trainer sie dazu ermuntern, sich gut um sich selbst und die eigene Gesundheit zu kümmern. Dabei können Trainer*innen Informationen über gute Ernährung, Schlaf, Erholung und andere gesundheitlich relevanten Themen mit ihren Teams teilen. Außerdem sollten Verletzungen und Krankheiten von den Trainern ernst genommen und zur Rehabilitation ermutigt werden, anstatt Sportler zu früh wieder zum Training zu zwingen. Dabei ist gerade eine überstandene Covid-19 Erkrankung mit Vorsicht zu betrachten. Es sollte den Sportlern keine Vorwürfe für Verletzungen oder Erkrankungen gemacht werden.
  1. Motivation erhalten und Optimismus fördern: Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist die Corona-Pandemie die erste große Krise, die sie erleben. Da ist es wichtig, ihnen zu verdeutlichen, dass diese Krise irgendwann vorüber sein wird und dass sie durch die Schwierigkeiten, die sie dadurch durchstehen mussten, auch gestärkt werden können. Trainer*innen sollten auch in ihren Ansprachen immer wieder den Fokus auf eine Zeit nach der Krise legen: „Wenn wir wieder trainieren können…“. Außerdem können Trainer*innen ihre Sportler*innen mit kleinen Gesten motivieren und bei Laune halten, indem zum Beispiel aufmunternde und motivierende Sprüche oder sogar Gegenstände wie z.B. Sticker oder Armbänder verschickt werden. Außerdem sollten die Trainer die einzelne Leistung der Sportler anerkennen und für den Teamerfolg wertschätzen. „Ich sehe, dass du dich anstrengst, das wird unserem Team in der nächsten Saison sehr helfen.“ Denn Zielsetzung ist ein wichtiges Thema, wo Trainer*innen ihre Sportler*innen unterstützen können und sollten. Es geht darum, für das Training zuhause spezifische, messbare, attraktive, realistische und terminierte (SMART) Ziele zu setzen. Auch andere mentale Strategien und Fertigkeiten können in der zusätzlichen Zeit erarbeitet werden. Zum Beispiel könnten Trainer*innen mit ihren Mannschaften gemeinsam ein mentales Vorstellungstraining entwickeln, um Techniken oder Taktiken mental zu trainieren. Die Vorteile hierfür liegen auf der Hand.
  1. Den Zusammenhalt und Kontakt zwischen Teammitgliedern fördern: Neben dem Kontakt mit den Trainer*innen ist für die Sportler*innen vor allem auch der Kontakt zu den Teamkolleg*innen wichtig. Das kann ganz automatisch passieren, indem sich Sportler untereinander verabreden oder miteinander telefonieren und schreiben. Man sollte aber darauf achten, dass keine Sportler vergessen oder ausgeschlossen werden. Deshalb ist es sinnvoll, auch mal Aufgaben in Kleingruppen zu geben, die der Trainer einteilt. Außerdem sind hier ein paar Ideen für soziale Interaktionen gesammelt. Wichtig dabei ist, die Sportler*innen auch nicht mit zu vielen Videokonferenzen zu überfüllen, da sie auch in Schule, Studium und Beruf oft damit täglich für mehrere Stunden konfrontiert werden.
  • Buddy system: Jede oder jeder erhält einen zugelosten Buddy, mit dem sie oder er sich regelmäßig austauschen muss und um dessen Wohlbefinden man sich gegenseitig kümmert.
  • Online-Spieleabende: Es gibt viele Spiele, die man online miteinander spielen kann, wo man sich teilweise auch über einen Voice-Chat unterhalten kann.
  • Telefonspiele: wie z.B. Stille Post – eine Person erzählt eine Geschichte, die dann am Telefon einer anderen Person weitererzählt werden muss. Der oder die Erste und Letzte nehmen die Geschichte als Sprachnachricht auf, damit man die beiden Versionen miteinander vergleichen kann.
  • Positive Briefe: Man schreibt für jeden Buchstaben des Vornamens eine positive Eigenschaft einer Mitspieler*in oder eines Mitspielers auf und schick das auf einem schön gestalteten Blatt als Brief (es können auch Fotos aufgeklebt werden usw.)
  • Das Team kümmert sich gemeinsam um einen Social Media Kanal.
  • Buchclub: Man tauscht sich über Bücher oder andere Themen aus, die gerade aktuell sind.
  • Vortragsredner einladen: Online-Vorträge zu Ernährung, Gesundheit, Taktik, Technik oder Sportpsychologie (zur Übersicht) können leicht organisiert werden. Entweder man lädt sich einen externen Redner oder eine Rednerin ein oder einzelne Athlet*innen bereiten selbst ein Thema vor und stellen es der Mannschaft vor.
  • Gemeinsame Workouts, die alle gleichzeitig online vor der Kamera machen oder Team-Challenges, die jeder filmen muss.
  • Gemeinsame Abendessen oder Frühstücks, wo vorher Rezepte ausgetauscht werden
  • Filmabende, wo alle gleichzeitig einen (Sport)Film anschauen und sich dann im Anschluss darüber austauschen.
  • uvm.

Fazit

Neben diesen vier Verhaltensweisen kennen die Trainer*innen ihre Teams und ihre Voraussetzungen natürlich am besten und sollten auch immer ihre eigene physische und mentale Gesundheit im Blick behalten, um ihre Sportler*innen bestmöglich unterstützen zu können. 

Wenn man für sich zu jedem der vier Punkte ein bis drei konkrete Ideen aufschreibt, hat man einen guten Plan wie man seine Athlet*innen unterstützen kann. Diese Verhaltensweisen können auch nach der Pandemie sinnvoll sein um ein gutes fürsorgliches und aufgabenbezogenes Klima zu erzeugen, das die Motivation der Athlet*innen nachhaltig beeinflusst.

Mehr zum Thema:

Wie haben auch eine aktuelle Umfrage zum Thema zu bieten:

Quellen:

Fry, M., Gano-Overway, L., Guivernau, M., Kim, M.-S., & Newton, M. (2019). A Coach’s Guide to Maximizing the Youth Sport Experience: Work Hard, Be Kind (1. Aufl.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429287688

Newton, M., Fry, M., Watson, D., Gano-Overway, L., Kim, M.-S., & Magyar, M. (2007). PSYCHOMETRIC PROPERTIES OF THE CARING CLIMATE SCALE IN A PHYSICAL ACTIVITY SETTING. Revista de Psicología Del Deporte., 16(17), 18.

Nicholls, J. G. (1989). The competitive ethos and democratic education. Harvard University Press.

Scott, C. E., Wineinger, T. O., Iwasaki, S., & Fry, M. D. (2021). Creating an Optimal Motivational Team Climate to Help Collegiate Athletes Thrive during the COVID-19 Pandemic. Journal of Sport Psychology in Action, 12(2), 127–141. https://doi.org/10.1080/21520704.2021.1876194

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Markus Gretzhttp://www.die-sportpsychologen.de/markus-gretz/

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