Hate Speech und Cybermobbing – Was Sportler, Trainer und Eltern wissen müssen

Die wüsten Beschimpfungen, dumpfen Androhungen oder indiskutablen Suizidaufforderungen, die zahlreiche Fußballstars im Rahmen einer Kampagne öffentlich gemacht haben, gehen viral. Gut so, denn im Netz ist Hass und Mobbing nicht erst seit gestern allgegenwärtig – und dies gilt nicht nur für den Profi-Sport. Nutzen wir also die Steilvorlage und fragen bei unseren Experten von Die Sportpsychologen, welche Strategien es gibt, für den Einzelnen oder die Einzelne damit umzugehen.

Interview mit Johanna Constantini und Dr. René Paasch

Früher lautete ein Tipp, einfach ein paar Tage nicht in die Zeitung gucken. Das funktioniert im Internet aber kaum. Wie sollen Sportler also reagieren, wenn sie mit Hasskommentaren im Netz konfrontiert werden? 

Antwort von: Johanna Constantini (zur Profilseite

Obwohl sich im Gegensatz zur Zeit der reinen Printmedien viel geändert hat, hilft es auch heute noch, Kanäle schlichtweg abzuschalten. Ein erster Schritt kann sein, Benachrichtigungen auszustellen, Apps zu deinstallieren und nur zu gewissen, eingeschränkten Zeiten die eigenen Kanäle abzurufen. Zudem ist es wichtig, dass sich SportlerInnen, die von Mobbing und Hass im Netz betroffen sind, an TrainerInnen und andere Vertrauenspersonen wenden können! Solche im Verein oder der Mannschaft zu integrieren, stellt einen wichtigen Schritt zur Prävention solcher virtueller Attacken dar! Die Chancen aber auch die Herausforderungen jener Medien sollten zudem in jedem Sportverein zum Thema gemacht werden. Auch, wie soziale Medien grundsätzlich funktionieren. Angefangen von Algorithmen bis hin zu KI basierten Technologien. 

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Spieler können sich gegen Diffamierungen schützen. Ein Schlüssel ist die Art und Weise, wie Sportler Informationen wahrnehmen, interpretieren und bewerten. Dies beeinflusst ihre Gefühle und ihr Handeln. Die kognitive Umstrukturierung kann dabei Unterstützung bieten! Sie konzentriert sich auf gegenwärtige Probleme und bietet Lösungsansätze, wie beispielsweise die Rational-Emotive Therapie von Ellis. Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen Bewertungen und Bewertungsmuster, insbesondere die irrationalen Bewertungsmuster. 

Näheres dazu: Siehe “Mehr zum Thema” unter dem Text. 

Allen voran Instagram-Accounts bespielen Profi-Sportler häufig selbst. Welche Tipps habt ihr für die Athleten und Athletinnen, die Ihnen das Bewegen im Netz leichter machen könnten?

Antwort von: Johanna Constantini (zur Profilseite 

Die Pflege der eigenen Kanäle, auch die eines Instagram Accounts, sollte so in den Tagesablauf eingebaut werden, wie bestimmte Trainingszeiten auch. Das bedeutet: konkrete Zeiteinheiten zur Eigenvermarktung verwenden, um im sonstigen Tages- und Trainingsablauf nicht Gefahr zu laufen, alle zwei Minuten die eigenen Feeds zu checken. Das passiert ohne Struktur nämlich schnell und führt nachweislich zu Ablenkung, Abhängigkeit und infolgedessen auch zu schlechteren Leistungen in Training und Wettkampf.

Was die inhaltliche Gestaltung angeht, so hängt diese stark von Sport, Zielgruppe und Persönlichkeit des jeweiligen Athleten ab. Dazu empfiehlt es sich ebenfalls, sich eine individuelle Strategie der geposteten Inhalte im Vorfeld zu überlegen, um diese auch mit TrainerInnen, Betreuerteam und etwaigen Sponsoren abstimmen zu können.

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Viele Sportler lernen fälschlicherweise schon sehr früh, negative Filter, zum Beispiel bei Konflikten oder schlechten Spielen, anzuwenden und dabei das Positive auszublenden. Ein großer Teil dieser gefilterten Wahrnehmungen vollzieht sich auf einer unbewussten Ebene in Form automatischer Gedanken. Sie können zu kognitiven Verzerrungen oder dysfunktionalen Überzeugungen führen. Hier setzt die kognitive Umstrukturierung ein. Sie zielt darauf ab, belastende Denkmuster aufzudecken und umzustrukturieren. Nur wenn sich der einzelne Sportler über seine Gedankenmuster und deren Auswirkungen bewusst ist, kann er gezielt entgegensteuern. Hier können nicht zuletzt Sportpsychologen helfen, denen Methoden wie unter anderem die Rational-Emotive Therapie nach Ellis vertraut sind, um speziell und zielgerichtet auf den Einzelfall zu reagieren. Wichtig ist, dass das Bewusstsein im Fußball wächst, dass auch diese ganz kleinen Schrauben gibt, an denen gedreht werden kann.

 

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Welche speziellen Hinweise habt ihr für leistungsorientierte Nachwuchssportler, die in NLZ`s oder Sportinternaten leben?

Antwort von: Dr. René Paasch (zur Profilseite)

Cybermobbing ist keine Kleinigkeit, sondern eine ernstzunehmende Attacke, die beim Opfer oft seelische Verletzungen verursacht und strafbar ist. Es ist wichtig, dass Internatsleiter, Sportliche Leiter, Trainer und Eltern sich darüber informieren, aufmerksam sind und Verhaltensregeln mit ihrem Schützling besprechen. Sie müssen deutlich machen, welche Folgen Cybermobbing haben kann und sie darin bestärken, sich für andere einzusetzen. Wichtig ist, Regeln zu vereinbaren und respektvoll zu sein. Hinter jedem Nutzer stehen echte Menschen! Werden Spieler in der Mannschaft oder online gemobbt, können Mannschaftskollegen auch selbst Courage zeigen und sich gegen Hetze aussprechen. Allerdings sollten sie behutsam und überlegt vorgehen, um sich nicht selbst zu gefährden. Vereinsverantwortliche und Eltern sollten gemeinsam mit ihrem Heranwachsenden das Internet entdecken und über mögliche Belästigungen sprechen, schon bevor etwas passiert ist. Sie müssen wissen, dass sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden und Hilfe erfahren. Hilfreich kann es auch sein, den Sportlichen Leiter anzusprechen, damit Cybermobbing im NLZ oder Internat zum Thema gemacht wird. Sich gegen Cybermobbing auszusprechen, ist selbstverständlich. Auch größere Aktionen wie ein Aktionstag „Nachwuchsfußball gegen Cybermobbing“ hilft und sensibilisiert für das Thema.

Antwort von: Johanna Constantini (zur Profilseite

Wer sich im Zuge einer gemeinsamen Tagesstruktur mit anderen SportlerInnen abstimmen muss, der sollte mit der Gruppe auch Social Media und Eigenvermarktungsstrategien kommunizieren können. Wann wird trainiert? Wie wird trainiert? Wann gelten offline Zeiten? Diese Fragen lassen sich stets individuell abstimmen. Wichtig ist, dass sie thematisiert werden. Zudem kann es einzelnen Sportlern helfen, sich zu der eigenen Postingstrategie abzustimmen. Vertrauensverhältnisse, die sich über diesen Austausch aufbauen, helfen in Teams vor allem dann, wenn es zu Hass im Netz kommt. 

 

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Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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