Heute schon gefaulenzt? Nein? Warum auch, denn schließlich bekommt man doch überall gesagt, dass nur derjenige erfolgreich sein wird, welcher buckelt und so richtig mit anpacken kann. Der Slogan „höher, weiter, schneller“ prangert überall und man kann sich dem ganzen nicht entziehen. Gefühlsmäßig ist man heutzutage nur en vogue, wenn man gestresst ist. Stress ist aus meinem Empfinden eine Art Modewort geworden, welches die Botschaft inkludiert, dass man wichtig ist. Aber ist das wirklich so? Wie ist diese Haltung überhaupt entstanden und sollten wir als verantwortungsbewussten Menschen nicht lieber dringlich dafür Sorge tragen, dass man sich hin und wieder langweilt? Solltest du jetzt zu denjenigen gehören, welche das Gewissen beißt, dann kann ich dich beruhigen. Es gibt dafür keinen Grund, vielmehr möchte ich mit dem vorliegenden Beitrag eine Lanze für die Muße brechen.
Zum Thema: Wer die Ruhe nicht zu schätzen weiß und Müßiggänger verurteilt, kennt den wahren Wert der Muße nicht.
Unsere vorliegende Leistungsgesellschaft ist geprägt vom Effizienzdenken. Reine Untätigkeit ist eine echte Rarität geworden und daher umso wertvoller. Sie ist der Nährboden großartiger Werke und Ideen und ein Wundermittel gegen Stress. Für unser geschundenes Gehirn ist sie quasi die Ferieninsel und Entspannung pur.
Also: Nichts wie ausgeruht. Doch weshalb gelingt es dem Großteil unserer Mitmenschen nicht? Wann hast du dich das letzte Mal gelangweilt?
Definition von Muße
Was bedeutet überhaupt Muße? Früher verstand man darunter die Zeit, in der man nicht gearbeitet hat. Heute definiert der Duden Muße als „…freie Zeit und Ruhe, um etwas zu tun, was den eigenen Interessen entspricht“. Muße ist also gleich Freizeit, aber nicht jede Freizeit ist Muße. So viel steht fest. Muße braucht Zeit. Das entscheidende Kriterium ist allerdings nicht, dass es sich hierbei um freie Zeit handelt, sondern, dass man sie frei einteilen darf. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass die autonome Zeiteinteilung ein wesentlicher Faktor ist, der bestimmt, wie gestresst oder entspannt sich Menschen fühlen. Wie so oft im Leben gibt es jedoch auch Hindernisse auf dem Weg. In dem vorliegenden Fall der Muße ist es die ständige Erwartungshaltung. Wir müssen dieses und jenes Sinnvolles mit unserer Zeit anfangen. Müßig kann nur derjenige sein, der es schafft, sich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren und sich vorübergehend von seinen Erwartungen zu befreien. Muße ist nämlich die Zeit, die ihren Wert in sich selbst trägt und keinem festgelegten Zweck dient.
Vergiss also den Sinn und Zweck deiner Tätigkeit und denke ausnahmsweise nicht darüber nach, wie wertschöpfend sie ist. Leichter gesagt als getan. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist dann getan, wenn es dir gelingt, dich von meist über Jahre etablierten Gedanken zu befreien: Du musst nicht dauernd nach Optimierung streben und Optionen abwägen. So kann beispielsweise das Lesen eines Buches eine wunderbare Form von Müßiggang sein – aber nur, wenn du dabei nicht ständig darüber nachdenkst, ob es nicht vielleicht noch eine bessere Literatur zum Thema gäbe oder wie nützlich die Lektüre für deine Karriere ist.
Von Wegen Zeitersparnis
Die Idee, Zeit als ein begrenztes Gut zu betrachten, kam mit dem Übergang vom Mittelalter in die Renaissance auf. Befördert vom technischen Fortschritt und seinen Errungenschaften (z.B. der Turmuhr), verloren die alten Autoritäten an Einfluss. Die Zeit der Menschen begann, eine immer größere Rolle zu spielen und vor allem immer wertvoller zu werden. Die messbare Zeit ließ sich nun auch ein fester Wert zuschreiben, und zwar in Form von Geld. Dadurch wurde Geld zu einer Art Speichermedium für Zeit.
Daraus folgt in einer Gesellschaft, in der Zeit gleich Geld ist, dass Muße keinen Wert besitzt. Das ist der Grund dafür, dass die Moderne ihr Versprechen von der Zeitersparnis nicht halten konnte. Durch technischen Fortschritt und gesteigerte Effizienz, so hieß es, sollten die Menschen mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben bekommen. Daraus ist nur leider nichts geworden, denn Fakt ist: Menschen in der westlichen Welt fühlen sich gestresster denn je. Anders als versprochen haben Industrialisierung und Digitalisierung keine Zeitersparnis gebracht, sondern lediglich den Alltag und die Arbeitsabläufe beschleunigt.
Fazit
Beschleunigung, Verdichtung und Stress kennen wir alle. Und weithin gilt die Devise „Zeit ist Geld“ und Muße wird als Verschwendung fehlgedeutet. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Müßiggang ist extrem wichtig für die Regeneration von Körper und Geist. Sie sorgt für Gelassenheit, fördert die Kreativität und erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Damit es einem möglich wird, Muße zu erleben, muss man dem Drang zur Optimierung widerstehen, dass Effizienzdenken abstellen, sich beschränken lernen (Stichwort Selbstfürsorge) und selbstbestimmt über seine Zeit entscheiden.
Die vor uns liegende Weihnachtszeit ist der ideale Zeitpunkt, um Muße zu erleben. Denn schließlich steht jene Zeit für ein „zur Ruhe kommen“ und Besinnlichkeit. Doch Hand aufs Herz: Schauen wir uns jetzt genauer um, so sehen wir vielerorts eher das Gegenteilige. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen und der Müßigkeit Gehör verschaffen.
Seit 2004 begleitet Dr. Hans-Dieter Hermann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Sportpsychologe. Damit fallen sowohl das Sommermärchen, einige Halbfinal- und Finalteilnahmen bei EM- und WM-Endrunden wie auch der Titel bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien in seine Amtszeit. Wobei er sich überzeugend von Zuschreibungen von Erfolgen des Teams auf seine Person distanziert. Vielmehr sieht er sich als Helfer im Hintergrund. Er gilt als eine Grundfeste in der zweiten Reihe des Teams hinter dem Team, als einer, der wenig Aufhebens um seine Person mache und im System auch nicht anecke. Demgegenüber hat er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) innerhalb seiner 18-jährigen Dienstzeit beim Nationalteam eine zentrale Position, was beispielsweise die Besetzung von sportpsychologischen Stellen etwas in den U-Mannschaften angeht. Mit dem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußball-WM 2022 wächst nun auch die Kritik an seinem Arbeitsbereich, schließlich werden von den Experten und Expertinnen insbesondere das Auftreten, Wille, Einsatz, Kommunikation, Körpersprache und der Teamzusammenhalt negativ bewertet. Wie groß der Einfluss von Dr. Hans-Dieter Hermann eben auf diese Punkte ist, lässt sich aus der Außenperspektive nicht bewerten. Aber es stellen sich andere Fragen, die wir im Kreis von Die Sportpsychologen offen, konstruktiv und wertschätzend diskutieren. Muss sich die Sportpsychologie anders präsentieren, welche Lehren bietet das erneute WM-Vorrunden-Aus auch aus sportpsychologischer Sicht und inwiefern sollten wir versuchen, das System Profi-Fußball zu verändern?
In der Sportpsychologie gehört Zurückhaltung zu den Basisqualifikationen. Dr. Hans-Dieter Hermann hat diesen Stil in seinen bisherigen 18 Jahren im Dienste des DFB geprägt und ist dennoch zum Gesicht der Sportpsychologie im Fußball geworden. Er hat wesentlich zur Verbreitung der Sportpsychologie im deutschen Profisport beigetragen. Warum ist es so wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren?
Damit hat Hans-Dieter Hermann absolut recht. Denn die Leistung wird von den Sportlern erbracht, und ein guter Sportpsychologe kann aus einem Fußballer wie auch aus einer Mannschaft nur rausholen, was auch drinsteckt. Daher ist die Leistung, die auf dem Feld gezeigt wird, nie das Verdienst des Sportpsychologen. Die eine tolle Motivationsrede, an deren Vorbereitung er mitgewirkt hat, wird nicht dazu führen, dass aus Maultieren plötzlich rassige Rennpferde werden. Die Sportpsychologie ist deshalb im Hintergrund gut aufgehoben. Sie wirkt wie ein Zahnrad in einem gut geölten Mechanismus. Macht sie ihre Arbeit gut, merkt man es nicht. Fehlt etwas, kann an allen Ecken und Enden etwas wackeln.
Aus meiner Sicht hat das gar nichts mit “Zurückhaltung” zu tun. Wenn man dabei das “gezeigt werden, z.B. im Fernsehen” meint. Sportpsycholog*innen haben schlichtweg nichts auf dem Platz oder auf einer Ersatzbank zu suchen. Was sollen sie denn auch dort machen? Athletiktrainer müssen das Aufwärmen umsetzen. Physiotherapeuten und Ärzte werden mitunter auch mal schnell auf dem Spielfeld gebraucht, aber wir Sportpsychologie*innen? Wann werden wir denn einmal akut gebraucht? Wir müssen unseren Job vor dem Wettkampf erledigen. Umsetzen müssen das dann die Athlet*innen alleine auf dem Platz. Wenn ich dann mal bei Wettkämpfen bei von mir betreuten Athlet*inne dabei war, habe ich immer auf der Zuschauertribüne gesessen und das war auch gut so. Dass sich ein Psychologe nicht in den Medien zu seinem Klienten äußert, versteht sich aus berufsethischen Gründen von selbst.
Als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer ist es wichtig, in einem System Zurückhaltung zu wahren, weil es sonst schwer fällt, die Objektivität zu wahren, was als fester Teil eines Systems häufig schon genügend Herausforderungen mit sich bringt.
Wenn die eigene Identifikation mit einem Verein oder einer Mannschaft zu hoch ist, erhöht dies die Gefahr, den Überblick über die Situation zu verlieren und das wiederum beeinflusst den Umgang und auch die zu treffenden Entscheidungen. Denn insbesondere der Blick von „Außen“, der Abstand zur emotionalisierten Situation, ist das wertvolle und bereichernde, wenn Menschen vor Herausforderungen stehen, die sie noch nicht bewältigen können.
Zurückhaltung bedeutet jedoch keineswegs, dass keine Leidenschaft für den Sport zu spüren ist oder auch keine Sympathien für Vereine und Verbände existieren dürfen. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass man als Sportpsychologe/Sport-Mentaltrainer viel Leidenschaft für den Sport entwickeln muss. Nur so kann man die Spieler authentisch erreichen, motivieren und ihnen helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Prinzipiell halte ich es, im Sinne der Zurückhaltung, mit Dr. Hans-Dieter Hermann, wenn er sagt: „Erfolg hat der, der andere erfolgreich macht!“
Welche Alternativen gibt es, um in einem System wie einem Verband oder einer Nationalmannschaft aber nachdrücklicher aufzutreten, damit auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen und Veränderungen anzuregen? Und welche Gefahren verbinden sich damit, die Rolle des Beobachters zu verlassen?
Aus meiner Sicht gibt es in der sportpsychologischen Betreuung einer Nationalmannschaft zwingend zwei unterschiedliche Funktionen, die strikt voneinander zu trennen sind. Jene der Unterstützung des Staffs und insbesondere des Cheftrainers. Dieser könnte sich ein persönliches Coach-the-coach „anschnallen“, was zum einen sein persönliches Commitment hinsichtlich der Sportpsychologie offensichtlich machen und zum anderen auch der Wahrung der Intimsphäre der Spieler dienen würde. Die Spieler müssten demzufolge von einer anderen Person sportpsychologisch begleitet und betreut werden. Im Netzwerk haben wir dazu einige spannende Erfahrungen gemacht und entwickeln dazu auch Angebote für den Spitzensport.
Dr. Hanspeter Gubelmann
Maria Senz
Antwort von: Maria Senz (zum Profil)
Im besten Fall ist der Sportpsychologe Teil des Systems mit klar abgegrenzten Aufgaben- sowie Verantwortungsbereichen. Alle Beteiligten haben die gleiche Möglichkeit, vom Einsatz eines Sportpsychologen zu profitieren. Das Trainerteam, die Athleten und weitere Akteure bringen ihre unterschiedlichen Themen als Team oder einzeln vor und der Sportpsychologe kann als Teil des Systems agieren und aus dieser Perspektive Fragen, Vorschläge und Anregungen einbringen. Kommunikationshürden fallen weg, da der Sportpsychologe in direktem Kontakt mit den Teilnehmern steht, ohne den Umweg über andere Personen zu gehen. Das mindert den Abstimmungsaufwand und die Teilnehmer können ihre Gespräche eigenständig und frei organisieren. Vielleicht fördert diese Art der Geheimhaltung den Weg zum Sportpsychologen. Im optimalen Fall kann der Sportpsychologe sogar die Abrechnung anonym einreichen, so dass die Teilnehmer namentlich unerwähnt bleiben.
Eine Gefahr kann dann eintreten, wenn der Sportpsychologe seinen Aufgaben- und Verantwortungsbereich aus den Augen verliert. Als Teil eines Systems verschwimmen oft Grenzen. Eine der wichtigsten Grenzen ist Geheimhaltung. Diese und weitere Grenzen sollte sich der Sportpsychologe regelmäßig bewusst machen und in seinen unterschiedlichen Rollen achtsam einsetzen, so dass eine professionelle und souveräne Begleitung jederzeit gewährleistet ist.
Die Möglichkeit, nachdrücklicher aufzutreten, besteht immer, wenn man Teil eines Systems ist. Meiner Erfahrung nach wollte der Bundestrainer immer meine Meinung zu bestimmten Ereignissen hören. Die Antwort war dann nicht immer ganz leicht, weil ich ja auch die Privatsphäre meiner Sportler*innen achten muss, aber nach meiner Meinung wurde ich eigentlich immer gefragt. Dann allerdings erst im Debriefing eines Wettkampfes, eher selten im Briefing.
Generell sehe ich die Sportpsychologen/Sport-Mentaltrainer mit ihren Kompetenzen als eine unterstützende und hilfreiche Instanz, um solche Prozesse zu begleiten. Aus meiner Sicht ist die Arbeit mit Menschen auch immer unter Einbezug des jeweiligen Systems zu berücksichtigen. Daher verläuft parallel zur Arbeit mit dem/der SportlerIn stets auch ein Organisationsentwicklungs-ausgerichteter Blick. Dieser Blick ist wertvoll, um auf strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse hinzuweisen, die suboptimal erscheinen und den Gesamterfolg erschweren.
Allerdings gilt es an dieser Stelle, die Rollen zu klären. Sicherlich kann dies mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von den fest involvierten Sportpsychologen in Personalunion geschehen, also zuständig für die Spieler und Mannschaft und gleichzeitig auf Meta-Ebene auf mögliche Fehlentwicklungen aufmerksam machen und Veränderungen anregen. Es birgt die Gefahr, dass der Input von einer Person stammt, die bereits zu sehr Teil des Systems ist und dies gelegentlich nicht als bereichernde Fremdwahrnehmung aufgefasst wird.
Sinnvoller erachte ich es allerdings, wenn im Verband oder in der Nationalmannschaft die Haltung entsteht, dass der unabhängige Blick von außen, von einem Experten für strukturelle-, kommunikative- und beziehungsorientierte Prozesse, unabdingbar ist, um tiefgreifende Reflektion zu erzeugen, die in Selbsterneuerung und positiver Veränderung mündet. Ich werbe dafür, dass wir die Überzeugung, dass es hilfreich ist, emotionale Verstrickungen von einem Dritten begleiten zu lassen, nicht nur auf der Ebene der Sportler leben, sondern diese Haltung auch auf der Ebene der Trainer, Funktionäre und Vorstände übertragen.
In der Sportpsychologie gilt in der Regel die Maßgabe der Freiwilligkeit. Sportler und Sportlerinnen, allen voran im Teamsport, werden nicht zur Sportpsychologie gezwungen. Welche Wege gibt es, innerhalb eines Systems auf die eigene Dienstleistung aufmerksam zu machen und wo sind vielleicht auch ethische Grenzen gesetzt? Wann und wo können Grenzen neu gezogen werden?
Die Freiwilligkeit gilt auch für mich als „oberste Massgabe“. Für die Aufmerksamkeit der sportpsychologischen Dienstleistung ist aber grundsätzlich ein anderer zuständig: der Cheftrainer! Dieser MUSS zwingend eine klare Erwartungshaltung gegenüber dem Team und den Einzelspielern äussern und ihnen den engen und direkten Austausch mit dem sportpsychologischen Personal wirklich ans Herz legen. Vielleicht kann er auch aus eigener Erfahrung als Spieler berichten und/oder zusammen mit dem Team-Sportpsychologen gemeinsame Strategien und Vorgehensweisen erläutern. Damit drückt er Vertrauen und Wertschätzung gegenüber den Sportpsychologie aus. Wenn Hansi Flick in Zukunft vermehrt auf sportpsychologische Unterstützung bauen will, muss er zu 100% hinter dieser Dienstleistung stehen. Ansonsten sehe ich für unsere Anliegen im Hinblick auf 2024 keine wirkliche Chance.
Vielleicht würde es Sinn machen, diese Maßgabe in Ruhe zu diskutieren. Denn es ist ja so: Gibt es eine Politik der offenen Tür, also “jeder, der den Sportpsychologen oder die Sportpsychologin braucht oder will, kann kommen”, kann sich eine Dynamik entwickeln, die SportlerInnen daran hindert, dieses Angebot auch zu nutzen. Wer will dann schon den Eindruck erwecken, das zu brauchen? Ich habe in meiner Laufbahn schon mehrere Male erlebt, dass Fußballer zu mir kamen, die im Verein ein sportpsychologisches Angebot hatten, nach dem Motto der offenen Tür. Sie haben es aber nicht genutzt, weil sie nicht wollten, dass jemand denken könnte, dass… Manchmal auch auf die Ansage ihres Managements. Es stehen ja manchmal auch Vertragsverhandlungen an, und wenn ein Profi dann ständig beim Sportpsychologen ein und aus geht, kann der Eindruck entstehen, er hätte vielleicht ein Problem. Nicht, dass das der Realität entsprechen muss. Aber Verhandlungen werden häufig auch aufgrund von Vermutungen geführt, von Prognosen, sie sind Wetten auf die Zukunft. Und da kann es je nach Verein auch wirklich Probleme geben. Manche Manager sind ja immer noch der Meinung, dass nur die “Weicheier” die Sportpsychologie brauchen, obwohl sie einen Sportpsychologen beschäftigen, weil man das jetzt halt irgendwie müsse, im Leistungssport.
Sagt man stattdessen: Alle zwei Wochen schaut jeder Spieler für eine halbe Stunde in der Sportpsychologie vorbei, auf Wunsch auch häufiger, dann entfällt das Stigma für jene, die das eh tun würden. Und die anderen, die sich nicht getraut hätten, aber doch gerne würden, haben dann die Möglichkeiten, ihre Themen zu besprechen. Und jene, die nicht wollen, brauchen ja nicht ihr Inneres nach außen kehren. Sie können auch sagen: Alles in Ordnung bei mir, ich laufe mental komplett rund. Dann kann man zusammen mit dem Psychologieprofi schauen: Was kann ich für mein Team tun, für einen bestimmten Mitspieler, der vielleicht weniger stabil ist, wie kann ich kommunikativ möglichst hilfreich für die Mannschaft sein? Auch das ist möglich und liegt in unserer Kompetenz.
Dafür ist natürlich eine Rollendefinition Voraussetzung, die nicht sagt: “Zur Sportpsychologin gehst du, wenn du ein psychisches Problem hast, dass du nicht alleine in den Griff bekommst, und dann redet ihr mal drüber”, sondern: “Zur Sportpsychologin gehst du, weil mentale Fitness ein wichtiger Baustein für die Professionalität ist. Auch SpielerInnen, die kein akutes “Problem” haben, profitieren von mentalen Strategien. Dann geht es um Leistungssteigerung, Regeneration, Verletzungsprävention, und dann kann man sagen: Die Beschäftigung mit der eigenen Psychologie ist Teil des professionellen Trainings, genauso wie das Athletiktraining oder das Ausdauertraining und der Check beim Arzt. Da geht man ja auch nicht erst hin, wenn was kaputt ist. Meine Erfahrung mit diesem Setting ist gut. Selbst SpielerInnen, die erst skeptisch waren, entdecken bald, dass die Sportpsychologie viel bietet, was ihnen weiterhilft. Die eigenen Emotionen besser steuern, damit vielleicht sogar eine gelbe Karte vermeiden. Die mentale Spannung optimal einstellen. Selbst bei ganz starken Spielern zeigt sich: Ein bisschen geht immer noch. Und das ist ja im Spitzensport manchmal das Zünglein an der Waage.
Mein Plädoyer: Befreit die Sportpsychologie von der Idee, sie müsse freiwillig sein, weil das die Vorstellung verstärkt, das brauchen nur manche. Fakt ist: Jeder Mensch, der Sport auf einer professionellen Ebene betreibt, profitiert davon, und das Angebot der SportpsychologInnen sollte Teil des selbstverständlichen Trainings werden. So steigt auch die Akzeptanz, weil Sportler und Vereine schnell merken: Wow, da geht was!
Leistung setzt sich aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen. Einer davon ist die mentale Komponente. Sie ist aus meiner Sicht, und hier teile ich die Gedanken von meiner Kollegin Anke Precht, ihrer Bedeutung gleichrangig zu sehen, wie z.B. die taktische Schulung, technische Fertigkeiten oder Kraft- und Ausdauerkomponenten. Sportpsychologisches Training ist demnach immens Unterschiedsbildend, wenn es organisch im Trainingsplan implementiert ist.
Die Idee der Freiwilligkeit ist weit verbreitet und ich kann dem auch vieles abgewinnen, dass mit solchen Themen rund um die Psyche sensibel umgegangen werden möchte. Dennoch ist es aus meiner Sicht von Vorteil, sportpsychologische Einheiten und mentales Training, zumindest im Jugendbereich organisch, wie auch andere Trainingsformen, einzuführen, damit jede junge Leistungssportlerin und jeder junge Leistungssportler die Möglichkeit hat, wichtige Kernkompetenzen in diesen Bereichen zu erlangen, die nicht nur für das sportliche Leben nützlich sind, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen hineinwirken. Im Freiwilligenkontext gibt es nachvollziehbare Faktoren, die den Zugang zur Sportpsychologie erschweren. Neben Zeitmangel durch die Doppelbelastung Schule/Familie/Ausbildung und Sport führt auch die fehlende Erfahrung mit mentalem Training dazu, noch keinen Zugang zu diesem Thema und das Bewusstsein zu haben, was damit zu erreichen ist.
Zurück zum Profisport: Auch hier kann es von Vorteil sein, gewisse Aspekte der Sportpsychologie organisch in den Trainingsplan einfließen zu lassen, denn vielmehr geht es hier um eine gesunde, stabilisierende und förderliche Haltung zur eigenen Person, zu anderen und zu äußeren Umständen. Wie ich finde, beinhaltet genau das wichtige Copingstrategien, um im Leistungssport lange gesund und glücklich zu bleiben.
Für das Gelingen ist es essentiell wichtig, dass Trainer im Verein die sportpsychologische Begleitung nicht nur proaktiv befürworten, sondern diese auch selbst in Anspruch nehmen. Das dient der eigenen Entwicklung als Trainer und ebenso aktiviert es das „Lernen am Modell“ bei den Leistungssportlern.
Freiwilligkeit ist für mich immer eine Grundvoraussetzung. Es wird ja auch kein Sportler gezwungen, zum Arzt oder zum Physio oder zum Athletiktrainer zu gehen. Man kann das ja empfehlen, aber die Entscheidung trifft der Athlet selbst. Wir alle wollen doch den mündigen Athleten. Über Möglichkeiten und Grenzen kläre ich die Athlet*nnen zu Beginn, also bei meinem Eintritt “in das System” auf. Und das sollte dann eigentlich auch genügen.
Prof. Dr. René Paasch bei Sky Sport News HD (Quelle: Sky)
Wir als Die Sportpsychologen stellen immer wieder fest, dass auch im Profi-Sport wenig Wissen über die Sportpsychologie vorhanden ist und wie schwierig es sein kann, bestimmte Systeme zu erreichen. Muss die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und seine Potentiale zu werben?
Wissen zu bekommen, ist eine Holschuld, keine Bringschuld von uns. Es ist ja nicht so, dass man zu diesem Thema keine guten und seriösen Informationen finden kann. Ich denke nicht, dass wir offensiver werden müssen.
Das ist ein schwieriges Thema. Offensiver – in wie fern? Ich denke, wir dürfen gerne mehr Präsenz zeigen, wir dürfen unsere Themen gerne noch sichtbarer machen über Blogs, Podcasts, Videos, Vorträge… Und dabei vielleicht weniger die Problemseite aufzeigen, sondern auch die Möglichkeiten und Chancen aufdecken, wenn alles rund läuft. In der Sportpsychologie geht es ja nicht nur darum, mentale Blockaden zu lösen oder Stress und Ängste abzubauen, sondern es geht auch um proaktives Vorgehen, Entspannung & Regeneration, Fokussierung und den Erhalt der Freude bzw. der Motivation am Sport.
Je mehr Aufmerksamkeit man erregt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man von den entsprechenden Entscheidungsträgern wahrgenommen wird. Also, ja, ich denke, die Sportpsychologie sollte offensiver werden, um für sich und ihr Potential zu werben. Ich glaube an große Synergieeffekte, wenn engagierte Menschen, Verbände und Arbeitsgemeinschaften durch gelingende Kooperationen ihre Kräfte bündeln und gemeinsam handeln, um für die uns anvertrauten Menschen im Sport bestmögliche Lösungen zu finden.
Ich sehe unsere Arbeit als gesellschaftlichen Beitrag an: Nämlich den Menschen, der Leistungssport betreibt, in den Mittelpunkt zu stellen. Durch die humanistisch ausgerichtete Haltung in Vereinen und Verbänden gelingt es, dass sich weniger schädliche Symptome, wie z.B. Depression oder Burnout ausprägen, sondern stattdessen die psychische Gesundheit gestärkt wird, welche auf und neben dem Platz von zentraler Bedeutung ist. Das kann nur im Sinne aller Entscheidungsträger sein. Weiter gedacht hört das natürlich nicht bei den Vereinen auf, sondern es tangiert auch die Medienlandschaft und die Art und Weise der kritischen Berichterstattungen.
Es gilt das zu stärken, was im Verein und in den Mannschaften bereits vorhanden ist und da zu ergänzen, wo Probleme oder Defizite im strukturellen und Zwischenmenschlichen uns einen Hinweis auf ungenutzte Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten geben.
Für mich stellt sich eher die Frage, wie kann die Sportpsychologie offensiver werden, um für sich und ihre Potenziale zu werben? In “offensiv” steckt das Wort offen. Die Sportpsychologie sollte im ersten Schritt verständlich, anschaulich und sichtbar für ihre Potenziale werben und zeigen, was möglich werden kann.
Die aktuelle Situation erscheint mir derart, dass das Angebot an sportpsychologischem Coaching die Nachfrage übersteigt, zumindest macht es nach außen den Anschein. Wie schafft es also die Sportpsychologie das Angebot lukrativ zu gestalten, dass eine intrinsische und freiwillige Nachfrage eintritt?
Aufklärungsarbeit:
Aufzeigen, was durch Einsatz von Sportpsychologie möglich werden kann
Berichten von Referenzbeispielen (anonym oder offen)
Beschreiben von Methoden/Vorgehensweisen, verständlich für die Zielgruppe
Einsatz geeigneter Sprache/Wording/Begriffe
Aufzeigen eines Entwicklungsprozesses, den ein Athlet durchläuft und an welchem Punkt, welche Themen auftreten können
Abgrenzen der Themen:
Welche Themen sind im Rahmen der Sportpsychologie machbar?
Definieren der Zielgruppen:
Welche Zielgruppen sind im System?
Wer profitiert vom Einsatz der Sportpsychologie?
Womit kann welche Zielgruppe erreicht/überzeugt werden?
Ein Thema im Rahmen der Sportpsychologie ist Zielearbeit. Die Sportpsychologie sollte sich auch Ziele setzen, zum Beispiel die Gleichstellung zu Athletik-, Technik- und Taktiktraining. Ein erster Schritt hierbei: Etablieren von Mentaltraining als regelmäßige Trainingseinheit im Trainingsplan. Nicht als Zusatz, sondern anstelle einer körperlichen Trainingseinheit.
Was können wir als Beobachter vom Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Katar lernen?
Lernen? Ich habe mir überlegt, welche Frage(n) ich dem Nationaltrainer stellen könnte, um sich dem Grund des frühzeitigen Ausscheidens zu nähern. In einem weiteren Schritt müsste dann erörtert werden, was im Hinblick auf die EM 2024 im eigenen Land unbedingt unternommen werden müsste, um in die Erfolgsspur zurückzukehren?
Als Schweizer drängt sich hierzu ein netter Vergleich auf. Die „Schweizer Nati“ besteht vorwiegend aus Bundesliga-erprobten Spielern, die – in der Aussensicht – nominell einer „B-Auswahl der DFB-Elf“ entsprechen würde. Wie kann es nun sein, dass die Schweiz in den vergangenen drei Turnieren (WM 2018, EM 2020 und WM 2022) immer erfolgreicher abgeschnitten hat als die vermeintlich deutlich stärker besetzte DFB-Auswahl?
Früher galt ja: „… und am Ende siegen die Deutschen“. Daran hat sich offensichtlich etwas Grundlegendes geändert, wie es der Hoffnungsträger im deutschen Team, Kai Havertz, in seiner Analyse beschrieb. „Wir sind keine Turniermannschaft mehr!“ Tatsächlich unterscheidet sich Deutschland hier insbesondere in einem spannenden Merkmal von den kecken Eidgenossen: Deutschland hat seit 2018 alle seine Auftaktspiele in der Gruppenphase verloren, die Schweiz dagegen keines! Sodann würde meine Frage an Hansi Flick lauten: Wo steckt hier der „mentale Wurm“ drin? Und noch viel entscheidender: Wie werden seine Kicker im ersten Spiel an der Heim-EM 2024 auftreten, wo aber wirklich ALLE einen erfolgreichen Start des Teams erwarten werden?
Lauscht man den vielen Interviews an diesen Tagen, dann höre ich immer wieder die Floskel: „Am Ende des Tages …“. Ja, ich weiß schon, das gehört zu einer gelungenen Ursachenzuschreibung für die Aufrechterhaltung der Leistungsmotivation. Mich hätte aber viel mehr interessiert, was am „Anfang des Tages…“ Thema war… Ich persönlich habe nichts “gelernt”. Ich habe beobachtet und natürlich bestimmte Hypothesen darüber generiert, warum Deutschland so früh ausgeschieden ist. Da ich aber nicht dabei war und keine Interna kenne, bleibt das alles auch hypothetisch. Die Mannschaft hat das erste Spiel verloren und die beiden anderen Spiele haben eben nicht gereicht, um im Turnier zu bleiben. Das ist die Realität. Man sollte sich also niemals zu sicher sein und bei jedem Spiel alles geben. Ob das die deutsche Mannschaft gemacht hat, wissen auch nur diejenigen, die auf dem Platz standen. Wenn das so war, dann muss sich niemand grämen. Man kann immer im Sport verlieren, wenn man weiß, dass man alles gegeben hat. Das ist keine Schande.
Aus meiner entfernten Beobachtung stellt sich mir die Frage: wo sind eigentlich unsere Messis, Asanos & Co geblieben? Spieler, die Vertrauen und Sicherheit vermitteln. So, dass ein ruhiger, strukturierter Spielaufbau möglich wird, um am Ende diese Spielermagneten vorm Tor zu avisieren, bereit für den Ball und mit einer gekonnten Berührung durch Fuß, Schulter oder Kopf das ersehnte Tor erzielen.
Mein Learning: Wir brauchen wieder eine Mannschaft, die mit Leidenschaft und Spaß Fußball spielt. Eine Mannschaft mit eigenem Siegeswillen, Ehrgeiz und Antrieb. Eine Mannschaft, die sich stabil und souverän über den Rasen bewegt, routiniert und mutig ihre Taktik aufs Feld bringt und Tore schießt. Eine Mannschaft, die Ziele hat – Ziele mit Fokus auf eine Halbzeit, ein Spiel, eine Vorrunde, eine Weltmeisterschaft. Ziele sind wie ein 5-Sterne-Menü: Je kleiner und feiner die Portionen, desto bekömmlicher.
Eine spannende Frage, was wir von der WM lernen können? In Anbetracht der Leistung können wir lernen, dass es wichtig ist, sich nicht zu sehr an den Ergebnissen der Mannschaft zu orientieren. Stattdessen sollte man sich auf die Freude am Spiel konzentrieren und das Beste hoffen, denn beides war gegen Spanien deutlich zu beobachten. Dies erzeugt einen Optimismus für die Heim-EM 2024.
Zu lernen ist auch, dass es sich immer lohnt, sich zu fragen, wer die Verantwortung für öffentlich wirksame Aktionen, in einer hierarchischen Struktur, trägt? Analog zu einer sehr konfliktreichen Situation in einer Großfamilie, die ich familientherapeutisch begleite, frage ich mich, weshalb die „Kinder“ ein Zeichen gegen die „verhasste Nachbarsfamilie“ setzen sollten? Wäre es nicht die Aufgabe der “Eltern”, diesen Konflikt zu klären, zu lösen und den Kindern weiterhin die Möglichkeit zu geben, auch unter widrigen Bedingungen gut zu gedeihen und weiter spielen zu können?
Ich möchte damit niemanden von den Nationalspielern als Kind bezeichnen, sondern auf ein strukturelles Vorgehen aufmerksam machen, das vermeintlich Einfluss und Auswirkung auf Einzelne genommen hat.
Die Hand-vor-dem-Mund-Aktion von der Mannschaft und dem Staff ist ehrenwert und gleichzeitig wurde an dieser Stelle die Verantwortung auf den Teil der Nationalmannschaft gelegt, die den höchsten Erfolgsdruck hatte und dann auch, wie zu lesen war, die internen Diskussionen führten und sich innerlich und äußerlich damit auseinandersetzen mussten. Aus meiner Sicht gehören diese Diskussionen auf die Ebene der Funktionäre und auch auf dieser Ebene wäre ein Symbol/Zeichen noch kraftvoller gewesen, denn dort begegnen sich Teile der „Familien“.
Und damit sind wir wieder bei sportpsychologischer Begleitung, denn auch Funktionäre, Vorstände und Präsidenten profitieren bei emotional aufwühlenden Lebensereignissen von Austausch- und Reflektionsmöglichkeiten mit Dritten.
Ein Fußballstadion, irgendwo bei Doha, in Katar am Donnerstagabend. Es ist auffallend ruhig. Ruhig im Sinne von, die Trillerpfeife der Schiedsrichterin ist selten hörbar. Anfänglich wird von den Kickern aus Deutschland und Costa Rica zwar noch die Foultoleranz des Schiedsgerichts ausgereizt. Aber es wird ziemlich schnell sichtbar, dass Frau das wenig interessiert. Scheinbar ist es ihr, Stéphanie Frappart, wichtig, das Spiel in Flow zu bringen und zu halten. Da wird auch einmal ein Auge zugedrückt, wenn der Ball eigentlich weit im Aus war, um den Spielfluss nicht durch Pausen zu bremsen. Und das gelingt dem Schiedsrichter-Team, dem ersten weiblichen in der WM-Geschichte, souverän und ohne große Fehler. Und Costa Rica groovt sich schnell auf dem Rasen und der Atmosphäre ein. Mitte der Partie fühlen sie sich sogar pudelwohl und gehen in Führung, stehen zu diesem Zeitpunkt im Achtelfinale.
Es ist längst ein Gruppenfinale auf zwei parallelen Schauplätzen geworden. Ein Duell, das minütlich spannender, schneller und mitreißender wird. Und die Unparteiischen? Die machen genau das möglich. Die Mannschaften haben den Raum, ihren Profi-Fußball zu spielen und haben es fair umgesetzt. Es entsteht der Eindruck: „Heute ist Mutti auf dem Platz. Da benehmen sich die Buben.“ Schubsen, Schieben, Jammern sind diesmal eher auf dem Spielplatz für Kinder geblieben. Oder es findet in den deutschen Wohnzimmern statt. Also das Jammern, als wenig später durch den japanischen Sieg gegen Spanien im Parallelspiel das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde feststeht. Durch die Wohnzimmer und ExpertInnen-Runden geistern derweil schon längst die Fragen, ob Deutschland mittlerweile viel zu brav sei, keine althergebrachten Tugenden mehr verkörpere und warum so wenig gekämpft werde? Dem nehmen wir uns hier mal wann anders an. OK? Bevor das aber wegen des bloßen sportlichen Ergebnis untergeht: Ein Hoch auf das Schiedsgericht um Stéphanie Frappart und gern auch beide Mannschaften, die allesamt zu einem großartigen Fußball-Highlight beitragen. Als Sieger geht leider nur ein Team vom Feld… die Schiedsrichterinnen.
Das Medium Podcast ist spannend, auch für Sportpsychologie- und Coaching-Themen. Maria Senz von Die Sportpsychologen hat diese Erzählform ausprobiert und einen Vierteiler produziert, mit dem du bestens vorbereitet ins neue Jahr oder in Richtung des nächsten großen Ziels starten kannst.
Zum Thema: Podcast-Tipp von Die Sportpsychologen
Wozu auf den Mai warten, wenn der Dezember auch schon alles neu machen kann. Denn mit der Adventszeit beginnt gemächlich der Abschied des vergangenen Jahres und der Countdown für das neue Jahr. Für manche Sportarten ist es auch die Halbzeit der Saison. Ein guter Moment, um sich zu besinnen – darüber, was war, was kommt und wie ich das angehen kann. Ein Vorgehen, das dich mit guter Energie und Vorfreude auf das neue Jahr und in die zweite Halbzeit der Saison blicken lässt.
Wenn du als Sportler auch gerade an einem Punkt bist, der Motivation, Schwung und Antrieb gebrauchen kann, um wieder mit Zuversicht, voller Kraft und Leistung durchzustarten, dann habe ich einen passenden Podcast für dich: Mit Schwung ins neue Jahr – mach dich tanzklar. In vier kurzweiligen Episoden, eine für jeden Adventssonntag, begleite ich dich mit Übungen:
#01 Und Tschüss – verabschiedet dein vergangenes Jahr
#02 Herzlich Willkommen – öffnet die Tore für dein kommendes Jahr
#03 Visionen – lässt deine Phantasien lebendig werden
#04 Los geht’s – zündet deine Rakete
Richtig loslassen
Loslassen und befreit sein für was Neues bzw. Anderes sind die Schwerpunkte der ersten beiden Folgen. Rückwirkend vergangene Momente zu betrachten, ermöglicht eine andere Perspektive auf das, was war: geistiges und körperliches Erleben verknüpft mit wahrgenommenen Emotionen. Das reaktive Durchlaufen der einzelnen Momente lässt dich mit den Emotionen in Erinnerungen schwelgen. Du vergrößerst dein Sichtfeld und aktivierst deine Wahrnehmung. Du kannst das Vergangene bewusst annehmen und abschließen. Nützliches behältst du, Unnötiges lässt du los. Ein Prozess, der Sortieren und Freiräumen gestattet. Mit dieser Einstellung startest du ins neue Jahr und gestaltest es dir bunt. Ziele werden zum Greifen nah und deine Motivation läuft auf Hochtouren.
Ein Podcast zum Mitmachen, der dich in Bewegung bringt und dein Herz tanzen lässt. Hör rein, mach mit und starte durch. Und wenn dir gefällt, was du hörst und du weiterführendes Coaching möchtest, dann kontaktiere mich (zum Profil von Maria Senz) oder meine vielfältigen Kollegen aus unserem Netzwerk (zur Übersicht).
Link zum Download in meinem Powerblog oder zum Abonnieren bei Apple/Android Podcasts.
Auszeit… und tschüss! Bereits zum dritten Mal in meinem Leben verlasse ich meinen Lebensalltag in der Schweiz, um anderswo ein etwas anderes Leben zu führen. Worin liegt der besondere Anreiz eines solchen Tuns? Was erlebe ich hier, was mir in einem vertrauten Umfeld vielleicht entgeht? Gibt es Erkenntnisse, die mir auch für meine berufliche Tätigkeit als Sportpsychologe hilfreich sind? Der nachfolgende Aufsatz bietet intime Einblicke in meine Lebensgestaltung. Als Werkstattbericht meines aktuell sechsmonatigen Leipzig-Aufenthaltes will er zum Reflektieren der eigenen Realität beim Leser/bei der Leserin einladen.
Zum Thema: Anregungen für ein gelingendes Sabbatjahr
Im neuzeitlichen Sinn bedeutet das Sabbatjahr eine befristete Auszeit vom Job. Eine Motivation liegt meist darin, seinem derzeitigen Leben eine Wendung zu geben. Die ETH Zürich, mein primärer Arbeitgeber, bot mir diese Gelegenheit an, um mich weiterzubilden – aber auch um Energie zu tanken und meinem Bedürfnis nach Veränderung zu entsprechen. In meinem Vertrag steht unter „angezielter Mehrwert für die ETH Zürich“: Inhaltliche Erweiterung, persönliches Empowerment und Gedankenaustausch.
Eigentlich wollte ich mir schon vor zwei Jahren eine Auszeit organisieren, angedacht waren sechs Monate in Neuseeland mit einem inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich „Outdoor-Education“, meiner Domäne im Ausbildungsbereichs des Lehrdiploms Sport an der ETHZ. Dieser für mich verheissungsvollen Perspektive setzte die Corona-Pandemie ein abruptes Ende. Um der Altersguillotine zu entkommen, Sabbaticals für Lehrpersonen sollen schliesslich vor Erreichen des 60. Altersjahrs absolviert werden, entschied ich mich für Leipzig. Besonders hilfreich war dabei, dass mich Prof. Oliver Stoll offiziell zu sich an die Universität Halle-Wittenberg einlud.
Täglich Sport an der frischen Luft, Bilder: privat
Indian Summer
Im „indian summer“ des Lebens angekommen eröffnet sich mir die Möglichkeit, auf Vergangenes zu blicken und dabei „besondere Jahrgänge“ zu erkennen. In meinem Lebenslauf sind es die besonderen Auszeiten 1994 und 2006, die meine Familie und mich zweimal nach Amerika brachten. Keine anderen Jahre blieben auch nur annähernd so „haften“ wie diese. Die jeweils unbezahlten einjährigen Urlaube gaben mir Inspiration, Leichtigkeit, Energie, Lebensfreude und Zuversicht – waren auch geprägt von Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Es bedeutete u.a., den sicheren Lebenshafen in der Schweiz gegen einen freien, offenen aber einigermassen unsicheren Lebensabschnitt zu tauschen.
Das erste Sabbatjahr vor 30 Jahr hatte – in der Rückblende betrachtet – viel mit „Ausbruch“ zu tun. Nach zehn Jahren „Studium“ mit zwei Masterabschlüssen und einer Promotion brach ich mit einem „akademischen Lebensplan“. Zwölf Jahre später wählten wir Park City als „Spielplatz“ mit unseren damals 5-jährigen pre-school-kids. In diese Zeit fiel auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem meiner thematischen Steckenpferde: Umfeldoptimierung im Leistungssport (vgl. Gubelmann, 2006). Damals überraschte mich eine Erkenntnis. Eines der wichtigsten Bedürfnisse der Schweizer Spitzensportler:innen betrifft ihre Selbstbestimmung und lautet: Ich will mehr selbstbestimmte Freizeit!
Vortrag an der Uni Leipzig, Bild: privat
Mein Sabbatical – mein Spielraum für selbstbestimmte Zeit
Ich bin hier in Leipzig kein anderer Mensch, ich erlebe mich hingegen anders: bewusster, gelassener und vielfältiger. Meine Wahrnehmungen beinhalten mehr Nuancen, sind oft intensiver und mit starken Emotionen verbunden. Manchmal bin ich betrübt, wenn ich an meine vor einem Jahr verstorbene Mutter denke – oder ich lache mit dem Kind mit, das mich beim Joggen mit seinem Laufrad beinahe von den Beinen geholt hat. In solchen und anderen Momenten erlebe ich intensiv, was psychohygienisch mit mir geschieht, wenn meine „selbstbestimmte Zeit“ verstärkt mit mir (meinem „Selbst“) in Berührung kommt. Solche Momente intensiver Bewusstheit erlebe ich sehr oft in Bewegung und in der Natur. Es sind bekanntermassen meine Lieblings-Spielräume.
Andererseits vertraue ich auf die Zufälligkeit des Moments, geniesse das Unvorhergesehene. Mich leiten dabei zwei grundsätzliche Ideen. Die eine – mein Plan ist, keinen Plan zu haben. Die andere – Ich autorisiere mich, mich auf inspirierende „Verrücktheiten“ einzulassen.
Anleitung „be-glückendes Sabbatical“
Zugegeben, ich bin bekennender Fan des Autors Nick Hornby, ich mag seinen Hang zu Top-Ten-Listen (vgl. High Fidelity, 1996)! Die nachfolgende Listung meiner Ideen für ein „be-glückendes Sabbatical“ will als Sammlung ohne jeglichen Anspruch verstanden sein; vielleicht zweckdienlich als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen.
Das Glück mit der „Wunderfrage“. In meiner Beratung wähle ich diesen Fragetyp gerne, um die Fantasie anzuregen. In jeder Vorstellung, mag sie auch noch so fantastisch sein, liegt ein Potential zur Umsetzung. Oder anders gesagt. Wenn ich morgen in meinem Sabbatical aufwache und alle meine Sorgen wären wie durch ein Wunder nicht mehr da – was wäre dann passiert?
Dankbarkeit: Ich liebe mein Leben: „I love my life… I am me“. Ja, eben, Nick Hornby und seine Listen lassen grüssen. Meine aktuelle Playlist beinhaltet auch Robbie Williams Ohrwurm. Wenn ich dann gemütlich der Elbe entlang radle und mir diesen Robbie-Tune gebe, kommt flow-ige Stimmung auf, fühle ich mich auf dem Weg des Glücks und bei mir angekommen! (vgl. Csikszentmihalyi, 2015)
Ich kann gut mit mir. Selbstbestimmte Zeit bedeutet hier in Leipzig auch: ich kann gut mit mir. Ich bin sehr gerne alleine unterwegs und geniesse die Unabhängigkeit. An meiner beruflichen Tätigkeit schätze ich das sehr intensive und fordernde Tun mit einem Gegenüber. Es ist diese Dualität der Bedürfnisse, die mir in gewisser Hinsicht auch meine Grenzen aufzeigt.
Do we practise what we preach? Ich achte wieder vermehrt auf meine psychische Gesundheit. Kürzlich habe ich im Rahmen eines Kolloquiums an der Uni Leipzig zum Thema „Safe sport – safeguarding“ referiert. Ich nutzte das „Mehr an Zeit“ für eine gründliche inhaltliche Vorbereitung. Mein Fazit in eigener Sache: ich fühle mich grad mental sehr gesund!
Fit im „Herbst“. Leipzig, die DDR, (Sport-)Freunde aus dem Osten. Hier war ich schon vor der Wende, damals als Sportler und Sportstudent. Die Zeiten haben sich in mancherlei Hinsicht verändert. Geblieben ist der Spass an der Bewegung. Heute erlebe ich mich als Fitness-Sportler, der gerade die grosse Begeisterung für den tagtäglichen Sport wiederentdecken darf.
Die „andere“Perspektive. Ich verbringe viel Zeit mit Nachdenken, Tagträumen und Gedankenspielen. Ich schaue in die Vergangenheit, versuche dann wieder ganz bewusst im «Hier und Jetzt» zu sein. Oder ich wage einen Blick in die Zukunft, denke dabei an das ETH-Seminar „Fit für die Pensionierung“, welches ich vor meinem „Break“ besucht hatte. Mich umtreibt die Frage in Futur II-Form. Was ich dannzumal – in Richtung Pension – wohl gelebt haben werde?
Karriereplanung für Sportpsycholog:innen. Zum Thema „Perspektive“ fällt mir gerade ein: Wer kümmert sich eigentlich um die Karriereplanung und -entwicklung der Sportpsycholog:innen? Wird das irgendwo behandelt, gelebt? Vielleicht könnte ich mich zukünftig um dieses wichtige (Forschungs-)Thema in meinem Berufsfeld kümmern!
Zeit haben – ein Privileg. Deutschland lebt gerade in einem ziemlichen Ausnahmezustand. Dieser treibt einen (medialen) Alarmismus, der mir tagtäglich vor Augen führt, welch’ aussergewöhnliches Privileg ich – ausgestattet mit freier Zeit und materieller Sicherheit – geniessen darf. Darin schwingt auch Demut mit.
Metaphern fürs Leben. Wenn ich mein Tun hier in Leipzig auf den kleinsten Nenner bringen möchte, könnte dieser lauten: ich lese und radle. Im Buch von Alexandra Schlüter (2022) «Rad, Land, Fluss» beschreibt die Autorin ihre Sehnsuchtsreise entlang der Elbe. Ich werde diese Gegend mit dieser wunderschönen Lebens-Metapher verlassen.
Das Ende in Sicht. Vielleicht das Wichtigste zum Schluss. Ich werde Ende Januar mit einer grossen Neugier in die Schweiz zurückkehren. Hier klingt mit, ob und wie es mir gelingen wird, liebgewonnene Erfahrungen in mein Alltagsleben zuhause zu integrieren. Schaffe ich dort auch die Entschleunigung meines Lebens? Ganz bestimmt werde ich mental gestärkt in mein sehr abwechslungsreiches Arbeitsleben einsteigen – verbunden mit der Vorfreude auf ein weiteres, zukünftiges Sabbatical!
Csikszentmihalyi, M. (2015). Flow. Das Geheimnis des Glücks. 18. Aufl. Klett.
Gubelmann, H.-P. (2006). Analyse zentraler Aspekte der Umfeldgestaltung im Leistungssport: Eine Bedürfnisabklärung im Schweizer Spitzensport. Unveröf. Schlussbericht z.Hd. der ESK.
Hornby, N. (1996). High Fidelity. Indigo.
Schlüter, A. (2022). Rad, Land, Fluss. Eine Sehnsuchtsreise. München u.a.: Prestel.
Was wurde schon nach dem ersten WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spekuliert: Hat die politische und mediale Debatte um die One-Love-Kapitänsbinde die Konzentration auf oder gar im Spiel gegen die Japan die Leistung negativ beeinflusst? Dr. Rita Regös hat dazu eine klare Meinung, die jeden Sportler und jede Sportlerin ernst nimmt und gleichzeitig Ausreden verbietet. Und dies in erfrischender Deutlichkeit:
Zum Thema: Aufmerksamkeitslenkung im Leistungssport
Spott, Genugtuung oder Schadenfreude sei Volkssport, behaupten böse Zungen aber es ist kein Sport. Mag man sich mit dem “Regenbogen-Statement“ identifizieren oder nicht, beim Fussball geht es um Fußballspielen, um Tore und Sieg. Es geht um Taktik, Ausdauer und Zusammenspiel. Verliert eine Mannschaft, dann war die andere einfach besser, mit oder ohne Mund-zuhalten, mit oder ohne Armbinde. Verlieren heißt weniger oder kein Tor und gewinnen heißt ein Tor mehr. Das Weglassen von politischen Statements macht einen Sportler nicht besser, das Mund-zuhalten macht ihn nicht schlechter. Beides passiert vor dem Spiel, relevant ist aber das Spiel selbst. Lässt sich ein Leistungssportler vom Drumherum ablenken, ist sein Statement wichtiger als sein Spiel. Er ist auf sein Spiel, auf seine Aufgabe, einfach nicht fokussiert – das ist definitiv ein Fehler im Hochleistungssport.
Äußert er sich vor seinem Spiel politisch, spielt er sein Spiel aber hoch konzentriert, taktisch einwandfrei und voller Siegeswille – hat er sich auf seine Aufgabe fokussiert, sein Bestes gegeben, eben ein gutes Spiel gespielt. Das eine schließt also das andere nicht aus, genau genommen besteht nicht einmal ein zeitlicher Zusammenhang. Vor dem Spiel ist nämlich nicht während des Spiels. Sportler sind durchaus fähig ihre Aufmerksamkeit unabhängig von den Minuten vor Spielbeginn, nach Anpfiff, auf das Spiel zu lenken.
Fokus auf die Leistung
Ein Athlet kann also ohne Meinungsäusserung grottenschlecht spielen und er kann seiner Meinung Ausdruck verleihen und hervorragend spielen – soweit er hervorragend spielen kann. Kann er das nicht, muss er sein Fußballspielen optimieren, nicht seine Meinungsäußerung. Also, was soll das?
Man mag seiner oder anderer Meinung sein, sich äußern dürfen sich alle, auch Sportler. Zusammenhänge zwischen politischem Statement und schlechtem Spiel sind naheliegend, naheliegend laienhaft. Sie sind eben emotional, fernab einer rationalen Analyse, die zur Lösung des Problems beiträgt. Wären die Ursachen für schlechten Fußball politische Statements, wäre es ein Leichtes, sie wegzulassen und zu gewinnen. Dann könnten wir alle Weltmeister werden.
Aus der Freude am Spiel
Das Drumherum ist also nicht unbedingt ein Spieler-Problem, sondern eher ein Zuschauer-Problem. Weniger medial, politisch aufgewirbelt und überbetont, würden wir uns auf gute Spiele freuen und sie auch gern ansehen. Möge der Bessere gewinnen, der Verlierer fair bleiben, der Ball öfter ins Tor fliegen – old school eben. Von Anpfiff zu Abpfiff einfach reiner Fußball, fernab anderer Probleme – eine Auszeit, eine Erholung, eine Freude – Schade, dass man neben all dem Trubel diese Zeichen der Zeit nicht auf dem Schirm hatte, nämlich die Freude der Zuschauer am Spiel im Fußballspiel.
Eine sportliche Binsenwahrheit besagt: An einem WM-Fussballturnier kann man den Titel im ersten Spiel nicht gewinnen – diesen aber sehr wohl verlieren. Mit dieser Erkenntnis dürfte sich aktuell die deutsche Nationalmannschaft nach der Auftaktniederlage gegen Japan konfrontiert sehen. Zum sportlichen Ungemach gesellt sich zum allgemeinen Überdruss auch noch jede Menge sportpolitische Störaktionen im Umfeld. Schliesslich muss die Elf von Hansi Flick auch den Niederlagenfluch bei den vergangenen zwei Endrunden mit verdauen, was mediales Salz in die mentale Wunde der Spieler ist. Folge: eine Negativspirale beginnt zu drehen. (Zu) Viel Druck laste jetzt auf dem Team, so die Meinung aller. Nationalspieler Kai Havertz meinte dazu: „Jetzt zählt vor allem der Kopf!“
Diese „Kopfarbeit“ meint Erfolgstrainer Flick auch, wenn er von der notwendigen tiefgreifenden Spielanalyse spricht. Das ist gut und sinnvoll, wird aber nicht reichen, zumal die Quintessenz schnell gefunden ist: Hinten die individuellen Fehler abstellen und vorne mehr Effizienz! Nur so kann es am Sonntag gegen Spanien gelingen. Einverstanden! Noch mehr „Kopfarbeit“ auf den bereits überlasteten Denkapparat in den drei Tagen Vorbereitung erscheint jedoch wenig ratsam. Am Sonntag wird Deutschland auf ein junges, hungriges und spielfreudiges «Espana… con alegría y mucho gusto» treffen. Dem ein „wir sind spielstark“ und „hinten dicht und vorne Chancen nutzen“ entgegenzusetzen ist schlicht zu wenig. Flick dürfte gut beraten sein, auf ein anderes mentales Pferd zu setzen und dieses in intensiven, kurzen Einzelgesprächen zu satteln. Es gilt, JEDEN in seiner inneren Bereitschaft zu packen, Emotionen zu schüren, Energie und Stärke zu spüren, innere Haltung und Leidenschaft zu wecken – eben auch deutsche Tugenden in die Spieltaktik zu integrieren. Und: Der „70-Mio-Mann“ Havertz muss neben der Kopfarbeit noch eine andere Frage für sich geklärt haben. Wie viel bin ich MIR wert? Und bereit, leidenschaftlich zu leisten, um zum Sieg gegen Spanien beizutragen?
Bleibt die Gretchenfrage: Wer wird am Sonntag gewinnen? Offenes Spiel, würde ich sagen und mit einer Gegenfrage antworten: Wer hat mehr Bock auf den Kick? Deutschland oder Spanien?
Uns hat eine Anfrage eines Fußballers erreicht, der sich wiederholt direkt vor seinen Spielen übergeben muss. Ein Phänomen, welches nicht nur im Jugendleistungssport oder auf Profi-Ebene immer wieder präsent ist, sondern auch im Breiten- und Nachwuchssport vorzufinden ist. Umso wichtiger, dass wir diesen Ball aufnehmen. Zumal der Fußballer in seiner anonymen Anfrage unterstreicht, dass seine Mitspieler noch nichts von seinen Problemen mitbekommen haben dürften. Zumindest sei er noch nie darauf angesprochen worden.
Zum Thema: Wenn sich Stress körperlich äußert
Die konkrete Frage lautet: Ich bin ein junger Fußballer aus dem Leistungssportbereich. In den vergangenen Monaten kommt es immer wieder vor, dass ich mich direkt vor den Spielen übergeben muss. Grundsätzlich fühle ich mich gestresst, weiss, dass ich sportlich, wegen meiner Ausbildung und auch privat unter Druck stehe. Ich selbst habe auch hohe Anforderungen an mich. Aber im Moment leidet insbesondere meine Leistung. Inwiefern muss ich das Übergeben aber auch gesundheitlich ernst nehmen?
Das Übergeben kann aus ganzheitlicher Betrachtungsweise als die Antwort des Körpers auf den Stress gesehen werden, dem sich der junge Sportler aussetzt. Jeder Mensch hat da sein eigenes sensibles System, in dem sich die dauerhafte Aktivierung der Stressachsen ausdrückt. Grundsätzliche Themen wie äußere und innere Stressoren sind schon benannt und werden anscheinend vom Sportler sogar schon so bewertet und reflektiert. Ein guter Ansatz, um an diesen Themen zu arbeiten.
Natürlich kann wiederholtes Übergeben neben den funktionalen Störungen auch zu strukturellen Schädigungen an den Organen führen ( z.B. Entzündungen der Speiseröhre, erhöhte Infektanfälligkeit durch Beeinträchtigung des pulmonalen Systems). Hier ist also eine ganzheitliche Unterstützung für den jungen Sportler zu empfehlen.
Für mich klingt es sehr danach, dass dein Körper mit deiner aktuellen Stressbelastung überfordert ist. Ein Lösungsansatz wäre daher, durch ein systematisches Vorgehen die aktuellen Stressoren (= Situationen, die Stress auslösen) soweit wie möglich zu reduzieren bzw. einen gelassenen Umgang mit unvermeidbaren Stressoren zu erarbeiten, außerdem solltest du darauf achten deine Entspannungsfähigkeit wieder herzustellen. Um Schädigungen auf der körperlichen Ebene auszuschließen, ist es ratsam, dies von einem Arzt abklären zu lassen.
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Die Herausforderungen sind gross an dieser WM. Zu viele politische Stressfaktoren, mit denen alle Spieler konfrontiert werden. Leider. Dazu scheinen Teams wie Deutschland oder auch die Argentinier ihre Auftaktgegner Japan und Saudi Arabien unterschätzt oder sich überschätzt zu haben… Zur eigenen und zur Überraschung der Fußballwelt. In der ARD holte TV-Experte und 2014er Weltmeister Bastian Schweinsteiger mit Blick auf die deutsche Mannschaft kräftig aus und forderte, dass das gegenseitige Schulterklopfen beendet werden solle. Stattdessen schade es auch nicht, wenn sich Spieler mal anschreien würden.
Schönrederei ist im Sport nicht selten. Ich nenne das ‚sich die Stärken schön- und besser-reden…. ‘. Dabei hatten doch alle deutschen Nationalspieler, auch diejenigen, die in Katar zum ersten Mal dabei sind, die Erinnerungen an die schlechten Turnierleistungen noch nicht vergessen. Am Mittwoch fehlte wohl, so weit das aus der Ferne zu beobachten war, der Realitäts-Check. Und, ohne zu sehr ins Detail zu gehen, vielleicht auch die entsprechende gegnerspezifische Taktik, vor allem nach der Strategieänderung von Japan in der zweiten Halbzeit. Oder die Kühle im Abschluss. Mental wäre im Laufe von Hälfte zwei ein Selbstvertrauens-Booster nötig gewesen. Plus, wegen der schwierigen Umfeldsituation, mentale Techniken, um sich aktiv einen fiktiven Schutzmantel anzuziehen. Zum Beispiel eine bildliche Vorstellung einer Grenze zwischen Spielfeld und Aussenwelt. Ob es innerhalb dieser Grenzen auch erlaubt wäre, sich frei nach Schweinsteiger anzuschreien? Vielleicht. Aber wessen Schreie werden schon gehört, wenn sich die Spieler schon vor Anpfiff den Mund zu halten? Aber halt, das ist ungerecht: Die stumme Ansage an die FIFA fand ich gut. Sowie das Schweigen der Iraner. Und trotz allem ist noch WM und das ist hoch bedeutungsvoll für die Spieler. Während den Partien gilt es also – allen Widrigkeiten zum Trotz – den Fokus für diese 90 Minuten herzustellen. Und für die beiden vorerst verbliebenen Gruppenspiele der Deutschen und Argentinier gilt dies umso mehr, denn das sind jetzt Endspiele.
Gianni Infantinos Rede vom 19. November wird in den Medien als bizarre Ansprache, als katastrophale und arrogante Rede bezeichnet. Was als Fifa-Pressekonferenz gedacht war, gerät zum einstündigen Monolog, der geprägt ist von Arroganz, Aggressivität und Machtgehabe. Es scheint, als würde Infantino den Propagandaminister von Katar spielen wollen. Am Ende wird er die Anderen als „gemein“ bezeichnen und spielt dabei auf seine Befindlichkeit an, als Infantino noch infantil in der Schule gehänselt und gemobbt worden sei.
Mobbing in der Schule ist niemandem zu wünschen. Entwicklungspsychologisch interessant wäre zu ergründen, wie aus dem gehänselten Walliser Schüler von damals DER Fifa-Machtmensch von heute werden konnte? Die knallharte öffentliche Kritik scheint Infantino gleichermassen wahrzunehmen wie damals: Schuld sind die Bösen, die Gemeinen, die „Anderen“. Aus der differentiellen Psychologie wissen wir, dass gekränkte Machtmenschen oftmals mit narzisstischen Verhaltensweisen reagieren und dabei sehr gerne (und bewusst!) DIE Geschichte verdrehen. Diese Menschen kümmert der wahre Inhalt der Geschichte wenig, vielmehr umtreibt sie das Beherrschen des Gegenübers. Heute fühle ich mich Trump.