Dr. Hanspeter Gubelmann: Mein Sabbatical oder „ich bin dann mal weg…“

Auszeit… und tschüss! Bereits zum dritten Mal in meinem Leben verlasse ich meinen Lebensalltag in der Schweiz, um anderswo ein etwas anderes Leben zu führen. Worin liegt der besondere Anreiz eines solchen Tuns? Was erlebe ich hier, was mir in einem vertrauten Umfeld vielleicht entgeht? Gibt es Erkenntnisse, die mir auch für meine berufliche Tätigkeit als Sportpsychologe hilfreich sind? Der nachfolgende Aufsatz bietet intime Einblicke in meine Lebensgestaltung. Als Werkstattbericht meines aktuell sechsmonatigen Leipzig-Aufenthaltes will er zum Reflektieren der eigenen Realität beim Leser/bei der Leserin einladen.

Zum Thema: Anregungen für ein gelingendes Sabbatjahr

Im neuzeitlichen Sinn bedeutet das Sabbatjahr eine befristete Auszeit vom Job. Eine Motivation liegt meist darin, seinem derzeitigen Leben eine Wendung zu geben. Die ETH Zürich, mein primärer Arbeitgeber, bot mir diese Gelegenheit an, um mich weiterzubilden – aber auch um Energie zu tanken und meinem Bedürfnis nach Veränderung zu entsprechen. In meinem Vertrag steht unter „angezielter Mehrwert für die ETH Zürich“: Inhaltliche Erweiterung, persönliches Empowerment und Gedankenaustausch. 

Eigentlich wollte ich mir schon vor zwei Jahren eine Auszeit organisieren, angedacht waren sechs Monate in Neuseeland mit einem inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich „Outdoor-Education“, meiner Domäne im Ausbildungsbereichs des Lehrdiploms Sport an der ETHZ. Dieser für mich verheissungsvollen Perspektive setzte die Corona-Pandemie ein abruptes Ende. Um der Altersguillotine zu entkommen, Sabbaticals für Lehrpersonen sollen schliesslich vor Erreichen des 60. Altersjahrs absolviert werden, entschied ich mich für Leipzig. Besonders hilfreich war dabei, dass mich Prof. Oliver Stoll offiziell zu sich an die Universität Halle-Wittenberg einlud.

Täglich Sport an der frischen Luft, Bilder: privat

Indian Summer

Im „indian summer“ des Lebens angekommen eröffnet sich mir die Möglichkeit, auf Vergangenes zu blicken und dabei „besondere Jahrgänge“ zu erkennen. In meinem Lebenslauf sind es die besonderen Auszeiten 1994 und 2006, die meine Familie und mich zweimal nach Amerika brachten. Keine anderen Jahre blieben auch nur annähernd so „haften“ wie diese. Die jeweils unbezahlten einjährigen Urlaube gaben mir Inspiration, Leichtigkeit, Energie, Lebensfreude und Zuversicht – waren auch geprägt von Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Es bedeutete u.a., den sicheren Lebenshafen in der Schweiz gegen einen freien, offenen aber einigermassen unsicheren Lebensabschnitt zu tauschen.

Das erste Sabbatjahr vor 30 Jahr hatte – in der Rückblende betrachtet – viel mit „Ausbruch“ zu tun. Nach zehn Jahren „Studium“ mit zwei Masterabschlüssen und einer Promotion brach ich mit einem „akademischen Lebensplan“. Zwölf Jahre später wählten wir Park City als „Spielplatz“ mit unseren damals 5-jährigen pre-school-kids. In diese Zeit fiel auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem meiner thematischen Steckenpferde: Umfeldoptimierung im Leistungssport (vgl. Gubelmann, 2006). Damals überraschte mich eine Erkenntnis. Eines der wichtigsten Bedürfnisse der Schweizer Spitzensportler:innen betrifft ihre Selbstbestimmung und lautet: Ich will mehr selbstbestimmte Freizeit!

Vortrag an der Uni Leipzig, Bild: privat

Mein Sabbatical – mein Spielraum für selbstbestimmte Zeit

Ich bin hier in Leipzig kein anderer Mensch, ich erlebe mich hingegen anders: bewusster, gelassener und vielfältiger. Meine Wahrnehmungen beinhalten mehr Nuancen, sind oft intensiver und mit starken Emotionen verbunden. Manchmal bin ich betrübt, wenn ich an meine vor einem Jahr verstorbene Mutter denke – oder ich lache mit dem Kind mit, das mich beim Joggen mit seinem Laufrad beinahe von den Beinen geholt hat. In solchen und anderen Momenten erlebe ich intensiv, was psychohygienisch mit mir geschieht, wenn meine „selbstbestimmte Zeit“ verstärkt mit mir (meinem „Selbst“) in Berührung kommt. Solche Momente intensiver Bewusstheit erlebe ich sehr oft in Bewegung und in der Natur. Es sind bekanntermassen meine Lieblings-Spielräume. 

Andererseits vertraue ich auf die Zufälligkeit des Moments, geniesse das Unvorhergesehene. Mich leiten dabei zwei grundsätzliche Ideen. Die eine – mein Plan ist, keinen Plan zu haben. Die andere – Ich autorisiere mich, mich auf inspirierende „Verrücktheiten“ einzulassen.

Anleitung „be-glückendes Sabbatical“

Zugegeben, ich bin bekennender Fan des Autors Nick Hornby, ich mag seinen Hang zu Top-Ten-Listen (vgl. High Fidelity, 1996)! Die nachfolgende Listung meiner Ideen für ein „be-glückendes Sabbatical“ will als Sammlung ohne jeglichen Anspruch verstanden sein; vielleicht zweckdienlich als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen.

Das Glück mit der „Wunderfrage“. In meiner Beratung wähle ich diesen Fragetyp gerne, um die Fantasie anzuregen. In jeder Vorstellung, mag sie auch noch so fantastisch sein, liegt ein Potential zur Umsetzung. Oder anders gesagt. Wenn ich morgen in meinem Sabbatical aufwache und alle meine Sorgen wären wie durch ein Wunder nicht mehr da – was wäre dann passiert?

Dankbarkeit: Ich liebe mein Leben: „I love my life… I am me“. Ja, eben, Nick Hornby und seine Listen lassen grüssen. Meine aktuelle Playlist beinhaltet auch Robbie Williams Ohrwurm. Wenn ich dann gemütlich der Elbe entlang radle und mir diesen Robbie-Tune gebe, kommt flow-ige Stimmung auf, fühle ich mich auf dem Weg des Glücks und bei mir angekommen! (vgl. Csikszentmihalyi, 2015)

Ich kann gut mit mir. Selbstbestimmte Zeit bedeutet hier in Leipzig auch: ich kann gut mit mir. Ich bin sehr gerne alleine unterwegs und geniesse die Unabhängigkeit. An meiner beruflichen Tätigkeit schätze ich das sehr intensive und fordernde Tun mit einem Gegenüber. Es ist diese Dualität der Bedürfnisse, die mir in gewisser Hinsicht auch meine Grenzen aufzeigt.

Do we practise what we preach? Ich achte wieder vermehrt auf meine psychische Gesundheit. Kürzlich habe ich im Rahmen eines Kolloquiums an der Uni Leipzig zum Thema „Safe sport – safeguarding“ referiert. Ich nutzte das „Mehr an Zeit“ für eine gründliche inhaltliche Vorbereitung. Mein Fazit in eigener Sache: ich fühle mich grad mental sehr gesund!

Fit im „Herbst“. Leipzig, die DDR, (Sport-)Freunde aus dem Osten. Hier war ich schon vor der Wende, damals als Sportler und Sportstudent. Die Zeiten haben sich in mancherlei Hinsicht verändert. Geblieben ist der Spass an der Bewegung. Heute erlebe ich mich als Fitness-Sportler, der gerade die grosse Begeisterung für den tagtäglichen Sport wiederentdecken darf. 

Die „andere“ Perspektive. Ich verbringe viel Zeit mit Nachdenken, Tagträumen und Gedankenspielen. Ich schaue in die Vergangenheit, versuche dann wieder ganz bewusst im «Hier und Jetzt» zu sein. Oder ich wage einen Blick in die Zukunft, denke dabei an das ETH-Seminar „Fit für die Pensionierung“, welches ich vor meinem „Break“ besucht hatte. Mich umtreibt die Frage in Futur II-Form. Was ich dannzumal – in Richtung Pension – wohl gelebt haben werde?  

Karriereplanung für Sportpsycholog:innen. Zum Thema „Perspektive“ fällt mir gerade ein: Wer kümmert sich eigentlich um die Karriereplanung und -entwicklung der Sportpsycholog:innen? Wird das irgendwo behandelt, gelebt? Vielleicht könnte ich mich zukünftig um dieses wichtige (Forschungs-)Thema in meinem Berufsfeld kümmern!

Zeit haben – ein Privileg. Deutschland lebt gerade in einem ziemlichen Ausnahmezustand. Dieser treibt einen (medialen) Alarmismus, der mir tagtäglich vor Augen führt, welch’ aussergewöhnliches Privileg ich – ausgestattet mit freier Zeit und materieller Sicherheit – geniessen darf. Darin schwingt auch Demut mit.

Metaphern fürs Leben. Wenn ich mein Tun hier in Leipzig auf den kleinsten Nenner bringen möchte, könnte dieser lauten: ich lese und radle. Im Buch von Alexandra Schlüter (2022) «Rad, Land, Fluss» beschreibt die Autorin ihre Sehnsuchtsreise entlang der Elbe. Ich werde diese Gegend mit dieser wunderschönen Lebens-Metapher verlassen.

Das Ende in Sicht. Vielleicht das Wichtigste zum Schluss. Ich werde Ende Januar mit einer grossen Neugier in die Schweiz zurückkehren. Hier klingt mit, ob und wie es mir gelingen wird, liebgewonnene Erfahrungen in mein Alltagsleben zuhause zu integrieren. Schaffe ich dort auch die Entschleunigung meines Lebens? Ganz bestimmt werde ich mental gestärkt in mein sehr abwechslungsreiches Arbeitsleben einsteigen – verbunden mit der Vorfreude auf ein weiteres, zukünftiges Sabbatical!

Mehr zum Thema:

Quellen:

Csikszentmihalyi, M. (2015). Flow. Das Geheimnis des Glücks. 18. Aufl. Klett.

Gubelmann, H.-P. (2006). Analyse zentraler Aspekte der Umfeldgestaltung im Leistungssport: Eine Bedürfnisabklärung im Schweizer Spitzensport. Unveröf. Schlussbericht z.Hd. der ESK.

Hornby, N. (1996). High Fidelity. Indigo.

Schlüter, A. (2022). Rad, Land, Fluss. Eine Sehnsuchtsreise. München u.a.: Prestel.

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Dr. Hanspeter Gubelmann
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