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Janosch Daul: Grundpfeiler wertschätzender Führung im Sport – ein Baustein zur mentalen Gesunderhaltung

Die Fälle der Turnerin Kim Bui, die an einer Essstörung litt, des Bremen-Spielers Niklas Schmidt und des Bayern-Spielers Benjamin Pavard, die mit einer Depression zu kämpfen hatten, oder auch der Fall Jadon Sancho, der mentale Probleme offenbarte, zeigen auf: Psychische Erkrankungen können jeden treffen – auch Spitzensportler. Von der Dunkelziffer mal ganz zu schweigen. In diesem Artikel möchte ich den Zusammenhang zwischen der mentalen Gesundheit und der Leistungsfähigkeit aufzeigen. Und darstellen, welchen Beitrag Trainer durch ein wertschätzendes Führungsverhalten zur mentalen Gesunderhaltung ihrer Sportler leisten können. Denn in unserem Umgang miteinander liegt ein wichtiger Schlüssel, um rundum gesund zu sein und sportliche Leistung abrufen zu können. Trainern kommt hierbei eine wichtige Rolle zu.

Zum Thema: Mentale Gesundheit als Basis für maximale Leistungsfähigkeit

Keine Frage, nicht nur in körperlicher, sondern auch in mentaler Hinsicht gesund zu sein, ist ein wahrer Schatz – gerade auch für Leistungssportler. Schließlich ist es die mentale Gesundheit, welche die Grundlage für die eigene maximale Potenzialentfaltung liefert. Trotz des greifbaren Zusammenhangs zwischen mentaler Gesundheit und Leistungsfähigkeit lässt sich in der Sportpraxis wiederkehrend ein hierzu widersprüchliches Führungsverhalten von Trainern wahrnehmen – ein Verhalten, das auf Bestrafungen, Tadel und Beschimpfungen basiert. Worin können Ursachen in einem solchen Verhalten begründet sein?

Oft sind Trainer über diesen Zusammenhang nicht informiert, es fehlt schlichtweg an Wissen. Teilweise wird dasselbe Verhalten eingesetzt, das man als jugendlicher Sportler selbst erlebt und somit erlernt hat. So wird z.B. ein autoritäres Trainerverhalten adaptiert und eine Kultur fortgesetzt. An der ein oder anderen Stelle fehlt es auch an grundlegenden sozialen Kompetenzen inklusive eines Bewusstseins dafür, was die eigenen Worte oder Handlungen beim Gegenüber auslösen. Angesichts der Wichtigkeit der mentalen Gesunderhaltung gilt es, sich als Trainer die Fragen zu stellen: Was braucht ein Sportler, um psychisch gesund zu bleiben? Und wie kann ich durch mein Wirken einen entscheidenden Beitrag dazu liefern? Auf die zweite Frage möchte ich mich genauer fokussieren, indem ich mich mit den zentralen Grundpfeilern wertschätzender Führung im Sport auseinandersetze. 

Grundpfeiler wertschätzender Führung im Sport

  1. Respekt

Der Begriff Respekt stammt ursprünglich vom lateinischen Verb respicere ab und bedeutet so viel wie zurückschauen, umschauen, sich nach anderen umschauen. Ein Bewusstsein über diese Ursprungsbedeutung hilft zu verstehen, inwiefern Respekt in Bezug auf wertschätzende Kommunikation und gelingendes Führungsverhalten von Bedeutung ist. Es geht darum, sich auf seinen Sportler einzulassen und sich ihm zuzuwenden. Respicere hat aber auch eine andere Bedeutung, nämlich sich selbst zu beachten und zu überdenken. An dieser Stelle – ganz im Sinne der Bedeutung sich selbst zu beachten – möchte ich euch zu einem kleinen Experiment einladen – nämlich, den folgenden Satz aufmerksam zu lesen, ihn auf euch wirken zu lassen und zu beobachten, was er in euch auslöst, inklusive einer Beobachtung, welche Gedanken und Gefühlen aufploppen:

“Warum wir in den Trainerforbildungen das Modhul wertschetzende Führung bräuchten…”

Was hat dieser Satz mit euch gemacht? Was habt ihr gedacht und gefühlt, als ihr die Rechtschreibfehler wahrgenommen habt? Habt ihr Mitgefühl gehabt? Wart ihr wütend wegen eines vermeintlich schlecht vorbereiteten Sportpsychologen, der euch etwas über Respekt erzählen will? Als Menschen neigen wir zu fixen Interpretationen, dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen und Menschen in Schubladen zu stecken, auf Grundlage eigener Urteile. Wie gehen wir z.B. im Schulkontext mit Fehlern und Schwächen um? In der Schule werden besonders Defizite explizit hervorgehoben, z.B. im Diktat falsch geschriebene Worte mit der Signalfarbe Rot fett markiert. Welchen Unterschied würde es machen, wenn wir den Spieß umdrehen und all jene Worte hervorheben würden, die richtig geschrieben wurden? Bei aller Kritik am Niveau deutscher Schüler hätten wir dann eine ganz gute Quote, oder? Ich wünsche mir, gerade auch für den Sportkontext, einen bewussten Perspektivwechsel: Dass wir als Führungskräfte nicht so schnell werten, sondern unseren Gegenüber, unseren Sportler erstmal so akzeptieren und annehmen, wie er als Mensch eben ist und uns dabei immer dessen bewusst sind, dass wir selbst auch alles andere als fehlerfrei sind. Ich wünsche mir einen vorurteilsfreien Blick auf den Menschen hinter dem Sportler und eine bewusste Fokusausrichtung auf all die Stärken, Fähigkeiten und positiven Eigenschaften unseres Gegenübers. Es ist diese Haltung, die dann zu einer Verhaltensänderung führen kann, die wiederum dem Wohlbefinden des Sportlers dient.

  1. Selbstverantwortliche Entscheider statt zappelnde Marionetten

Wer kennt sie nicht, die Marionettenstrategie? Oftmals wird diese von Trainern angewendet, die ihre Sportler als „Schachfiguren“ und „Dienstleister“ ansehen und diese loben bzw. tadeln in Abhängigkeit davon, ob das umgesetzt wurde, was sie als Trainer von ihnen verlangt haben. Doch hier braucht es im Sinne einer wertschätzenden Führung Veränderung. Die „Dienstleister“ sollten nicht mehr Dienst nach Vorschrift machen, sondern einen eigenverantwortlichen Dienst an ihrer Leistung und Entwicklung erbringen. Es gilt, die Zöpfe abzuschneiden, die Marionettenverbindung zu kappen – mit dem Ziel, die Sportler mehr in den Mittelpunkt zu stellen, sodass sie keine Erfüllungsgehilfen der Trainervorgaben sind, sondern eigenständige Entscheidungsträger.

Um es mit einer anderen Metapher auszudrücken: Im Prinzip geht es um die Frage, in welchem Film befindet sich die Führungsperson? Letztlich sollte es immer um den Sportler gehen, denn dieser ist es, der die sportliche Leistung zu erbringen hat. Deshalb ist es notwendig, sich in den Film des Sportlers zu begeben, um als Trainer wirksam zu sein. Oder aber einen gemeinsamen Film zu entwickeln, in dem sich Sportler und Trainer gemeinsam befinden. Es sollte bei meinem Führungsverhalten immer um die Fragen gehen: Wem dient es? Dient es mir? Oder dient es dem Sportler? Und wie muss Führung aussehen, damit sie dem Sportler dient? Anhand des Beispiels Druck lässt sich dies verdeutlichen. Nur selten ist Druck etwas, was Sportler zu besseren Leistungen befähigt – langfristig erst recht nicht. In der Praxis jedoch lässt sich oftmals beobachten, dass Trainer dazu neigen, Druck auf den Sportler auszuüben. Da liegt die Vermutung nahe, dass es in solchen Fällen eher darum geht, den eigenen Druck weiterzugeben. Also dient es mir selbst und nicht dem Gegenüber! Eine Voraussetzung, um die Marionettenstrategie abzulegen und einen gemeinsamen Film zu entwickeln: Loszulassen und Vertrauen zu entwickeln, in die einst so zuverlässigen Dienstleister.

  1. Vertrauen

Trainer fordern oft, Vertrauen zu erhalten – von ihrem Arbeitgeber und ihren Sportlern. Doch wie entsteht Vertrauen und wie lässt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen Sportler und Trainer aufbauen? Im Rahmen einer Weiterbildung habe ich folgende Formel aufgeschnappt, die eine sinnvolle Orientierungshilfe für die Praxis darstellen kann: Demnach ist Vertrauen das Resultat von 

Nähe + Zutrauen + Zuverlässigkeit

_____________________________________

Ego

Es geht also für den Trainer darum, eine gewisse Nähe aufzubauen, ein Zutrauen zueinander zu entwickeln und Zuverlässigkeit an den Tag zu legen. Wenn die durch den Trainer geschaffene Nähe, das Zutrauen und die Zuverlässigkeit des Trainers in Summe in der Wahrnehmung des Sportlers größer sind als das vom Sportler wahrgenommene Trainer-Ego, so ist Chance groß, dass sich ein gewisses Vertrauensverhältnis entwickelt. Alle Trainer hingegen, die sich selbst sehr wichtig nehmen, brauchen über dem Bruchstrich relativ viel, um Vertrauen aufzubauen. Dieser Prozess des Vertrauensaufbaus kann als relativ anstrengend und mühsam empfunden werden, braucht Zeit und kann durch Störungen auf der Beziehungsebene rasch wieder eine unliebsame Wendung nehmen. Doch es lohnt sich für den Trainer, der wertschätzend führen möchte, dranzubleiben und Hartnäckigkeit zu beweisen. Denn ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis schafft belastbare Beziehungen, hilft dem Sportler, sich zu öffnen und stellt eine Basis für eine gelingende Zusammenarbeit dar. Vertrauen hilft zudem dabei, Rückschläge und schwierige Situationen gemeinsam zu meistern – gerade auch solche, die das persönliche Wohlbefinden des Sportlers betreffen.

  1. Empathie

Im Sport wird oft von Sinnlosigkeiten gesprochen, z.B.: „Was für ein sinnloser Pass!“ Aber auch der vermeintliche Unsinn enthält einen – im ersten Moment vielleicht noch nicht greifbaren – Sinn. Aktiv zu versuchen, diesen Sinn verstehen zu wollen, hilft, sich auf den Gegenüber einzulassen und sich mit ihm zu verbinden – statt ihn wertend in eine Schublade zu packen. Empathie bedeutet in diesem Zusammenhang also, den Gegenüber und dessen Verhalten bewusst verstehen zu wollen – basierend auf der inneren Grundhaltung, dass sich hinter jedem Verhalten ein wertzuschätzendes Motiv und eine positive Absicht steckt. Empathie bedeutet auch, mit seinem Sportler mitzufühlen, ihn unterstützen zu wollen, gerade in für diesen schwierigen Situationen und somit bewusst Anteil an seiner inneren Erlebenswelt zu nehmen. Entscheidend ist als Grundlage für eine wertschätzende Kommunikation auch, sich immer wieder bewusst “leer zu machen”. Gerade als Trainer gilt es, ein Gespräch mit seinem Schützling leer zu beginnen, anstatt innerlich geradezu auf das eine Reizwort zu warten, das einen auf 180 bringt und an die Decke springen lässt. Sich leer zu machen geht zudem damit einher, möglichst vorurteilsfrei in jegliche Interaktion mit dem Sportler zu gehen und sich dessen bewusst zu sein, dass genau diese Interaktion einzigartig ist und so nie wieder auftreten wird. Empathie lässt sich auch ausdrücken, indem der Coach vor allem mit Fragen arbeitet, dem Sportler Raum gibt, sich zu öffnen und sich mitzuteilen. So lässt sich wiederum ein Gespür für die Bedürfnisse und Wünsche des Sportlers entwickeln, die der Coach in seinem Führungsverhalten anschließend berücksichtigen kann. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen geht eng mit einer gewissen Kommunikationsfähigkeit einher, eine der wichtigsten Führungskompetenzen schlechthin. Gut zu kommunizieren bedeutet im Sportkontext nicht nur, klare Ansagen zu tätigen, sondern vor allem, sich zurückzunehmen, wirklich aufmerksam zuzuhören – aus einem wahren Interesse am Menschen und dessen Weiterentwicklung heraus.

  1. Kultur

Ein weiterer Schatz besteht in der Entwicklung einer Fehler- und Feedbackkultur. Sportler sollten bewusst ermutigt werden, mutig zu sein, sich auszuprobieren und infolgedessen auch Fehler machen zu dürfen. Dies gilt es als Trainer durch ein entsprechendes Feedbackverhalten in auftretenden Fehlersituationen zu untermauern. Fehler sollten als Wachstums- und Lernchance begriffen und dem Sportler das Gefühl gegeben werden, hinter ihm zu stehen – ganz besonders infolge eines Fehlers oder einer schlechten Trainings- oder Wettkampfleistung. Die Entwicklung einer Feedbackkultur öffnet den Raum für einen intensiven Austausch, in dem sich explizit der Sportler mitteilen und Verbesserungsvorschläge an seinen Coach kommunizieren darf. Durch die anschließende ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Feedback und der – sofern für zielführend erachtet – Umsetzung dessen in der Praxis spürt der Sportler, dass er und seine Weiterentwicklung es ist, die im Mittelpunkt des Trainerdenkens stehen.

  1. Bedürfnisbefriedigung

Wichtig im Sinne des Wohlbefindens und auch der intrinsischen Motivation des Sportlers ist die Befriedigung seiner psychischen Grundbedürfnisse. Eine hierfür passende Orientierung liefert das AKZ-Modell, das für die Begriffe Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit steht.

Grafik: Janosch Daul

Von Bedeutung ist es als Trainer, seinem Sportler Autonomie zu ermöglichen, sprich:

  • Selbstbestimmung und Mitspracherecht einzuräumen,
  • Freiraum zu gewähren,
  • (mit)entscheiden zu lassen (diesen beispielsweise im Training auch mal eine Übung (mit)gestalten zu lassen),
  • Ziele gemeinsam zu definieren und gemeinsam Regeln zu erarbeiten, statt diese „von oben“ vorzugeben.

Zudem muss sich ein Sportler in seinem Tun als kompetent erleben, also das Gefühl haben, über zahlreiche Fähigkeiten und Ressourcen zur Bewältigung einer gestellten Anforderung zu verfügen. Ein Trainer kann das Kompetenzerleben seines Sportlers im Sinne eines wertschätzenden Führungsverhaltens fördern, indem er: 

  • mit diesem realistische Zielsetzungen erarbeitet,
  • durch eine Trainingsgestaltung, die dem individuellen Können angepasst ist, Erfolgserlebnisse ermöglicht,
  • überwiegend positive, handlungsorientierte sowie möglichst konkrete Rückmeldungen gibt.

Insbesondere im Mannschaftssportkontext sollte sich ein Sportler seinem Team zugehörig fühlen. Auch hier kann der Trainer ansetzen, indem er eine gemeinsame, verbindende Identität entwickelt und Erlebnisse in der Gruppe fördert. Eine wertschätzende Führung ermöglicht dem Sportler nun die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Dabei sollte sich der Coach dessen bewusst sein, dass sich seine Schützlinge hinsichtlich der Ausprägung ihrer Bedürfnisse unterscheiden können: Während Sportler X insbesondere nach Autonomie strebt, muss sich Sportler Y möglicherweise als besonders kompetent wahrnehmen. Um wirksam und gleichzeitig wertschätzend führen zu können, sollte der Trainer diese Bedürfnisse seiner Sportler kennen und diese im Trainings- und Wettkampfbetrieb berücksichtigen.

Fazit

Wem es als Trainer nun gelingt, diese sechs vorgestellten Eckpfeiler ins eigene Verhaltensrepertoire zu integrieren und im Führungsverhalten systematisch umzusetzen, der wird maßgeblich dazu beitragen, dass sich der geführte Sportler wohlfühlt und intrinsisch motiviert ist. Der Coach schafft zugleich eine stabile Grundlage für die Erbringung von Leistung und erhöht die Wahrscheinlichkeit auf eine mentale Gesunderhaltung des Sportlers.

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Prof. Dr. René Paasch: Coaching im Sport zur Routine machen – Die Macht des wiederkehrenden Verhaltens 

Wieder ein Artikel über Coaching im Sport. Muss das sein? Der Begriff wird heute so inflationär verwendet, dass man sich kaum noch was darunter vorstellen kann. Das ist schade, denn gute Trainer*in sind so etwas wie ein Mentor bzw. eine Mentorin. Vielleicht haben Sie bereits das Glück, eine(n) großartige(n) Trainer*in zu haben? Sie greifen uns als Unterstützer unter die Arme und begeistern uns für das Leben und den Sport. Ein guter Coach schafft genau das: Er begleitet Sie ein Stück auf Ihrem Weg. Er inspiriert Sie zu lernen und zu wachsen. Genau das war auch der Grundgedanke, als vor einigen Jahren die DFB-Ausbildung reformiert wurde. Trainer*innen sollten lernen, durch transformationale Führung und vertiefte Menschenkenntnisse die Mannschaft zu führen. Ihr Fokus sollte weg vom dauerhaften Leistungsdruck und hin zur persönlichen Entwicklung ihrer Spieler*innen. Und das wiederum würde die Motivation und Entwicklung steigern. Potentialentfalter, egal wo man im Deutschen Fußball hinschaut. Hier gab und gibt es allerdings ein wichtiges Problem: Coaching zeigt oft keine nachhaltige Wirkung. Bei einer im Kollegenkreis durchgeführten Befragung mit vier Bundesligisten, kommen zwar 76 Prozent der Spieler in irgendeiner Form mit Coaching in Berührung, aber nur 24 Prozent der Spieler gaben letztlich an, dass sich das Coaching nennenswert auf ihr Wohlbefinden oder ihre Leistung auswirkte. Wie kann das sein? Ich postuliere hierzu folgende Hypothese: In den meisten Vereinen ist Coaching zu steril. Es beschränkt sich auf kollektive und fehlerorientierte Spielersitzungen, die oft sehr allgemein gehalten sind und wenig individuellen Input aufweisen. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie Ihr eigenes Coaching im Sport regelmäßig pflegen und Ihr Team und jeden Einzelnen durch sensible Fragen zu wertvollen Erkenntnissen führen können. 

Zum Thema: Zielführendes Coaching durch sensible Fragen

Stellen Sie sich vor, Sie führen eine junge, talentierte Mannschaft. Lauter ambitionierte(r) und fähige(r) Spieler*innen, die ihr(e) sportliche Geschichte noch schreiben wollen. Die Sache ist nur: Alle Verantwortung liegt bei Ihnen. Sie delegieren Aufgaben im Funktionsteam, betreuen Trainingseinheiten und lösen rundum vereins- und mannschaftspezifische Schwierigkeiten. Egal, wie groß oder klein die Anliegen sind: Alle rennen ständig zu Ihnen. So kommen Sie selbst zu nichts. Sie hetzen von Wettkampf zu Wettkampf und von Interview zu Interview. Überfliegen Ihre Ideen und sind eigentlich nur noch mit Feuerlöschen und Wettkämpfen beschäftigt. Ihre Spieler*innen warten oft vergebens auf Ihre Rückmeldungen oder diese finden nur unregelmäßig statt. Dabei wissen Sie, wie es anders laufen kann: Ihre Spieler*innen müssen individualisiert und selbstständiger werden. Ihre Potenziale und Herausforderungen eigenverantwortlich anpacken und meistern. Aber wie können Sie Ihnen zu mehr Autonomie und Entwicklungsschritten verhelfen? Ich habe eine erfahrungsbasierte Antwort für Sie: Indem Sie Ihr Coaching zur Gewohnheit für Ihre Schützlinge machen (Sonesh et. al. 2015). Tun Sie es anders als die meisten Trainer*innen, wo Coaching oft nur eine Nebensache oder lästige Willkür ist: eine künstlich vom Tagesgeschäft getrennte Maßnahme mit durchaus guten, aber sterilen Ansätzen. Nutzen Sie dagegen konkrete Situationen, um Ihre Spieler*innen in kurzen und informellen Gesprächen zu begleiten. Das können fünf Minuten in der Kabine sein, nach dem Essen oder Training, zuhause, per Telefon oder Videocall u.v.m. Das ist viel praxisnaher und greifbarer als eine formelle und fehlerorientierte Spielanalyse nach dem Spiel. Ein(e) gute(r) Trainer*in ist immer im Coaching-Modus. 

So weit so gut. Aber wie coachen Sie Ihre Mannschaft nachhaltig? Indem Sie die richtigen und wirksamen Coachingfragen stellen und sich für die Zusammenarbeit regelmäßig bedanken (De Meuse et al., 2009; Theeboom et al., 2014; Sonesh et al., 2015; Jones et al., 2015; Graßmann et al., 2019).  

Fragen und Dankbarkeit

Seien Sie ehrlich zu sich: Wann vertragen Sie kritische Anregungen? Wann sind Sie offen dafür, Anregungen von anderen anzunehmen? Wenn es Ihnen wie mir geht, dann möchten Sie sich wertgeschätzt fühlen. Bei einem Coaching möchte ich das Gefühl haben, es geht um mich. Ich möchte mich nicht belehren lassen, sondern respektiert werden und mich entfalten dürfen. Womit wir beim Kerngedanken von regelmäßigem Coaching wären: Wenn Sie die Spieler*innen nachhaltig begleiten wollen, dann sagen Sie ihnen nicht, was sie tun sollen. Fangen Sie an, ihnen Fragen zu stellen. Weniger Fremdbestimmung – mehr Individualität. Der ideale Einstieg in ein gutes Gespräch lautet meinerseits: „Dein Wohlergehen und deine Entwicklung sind mir wichtig – was beschäftigt Dich gerade besonders?“ Das signalisiert aufrichtiges Interesse und bietet dem/der Spieler*in eine dankbare Vorlage. Es mag banal klingen, doch leider höre ich regelmäßig von meinen betreuten Spielern*innen gegenteiliges, aber auch Trainer*innen sagen mir sehr oft, sie hätten dafür keine Zeit! Warum? Weil kaum persönliches Interesse besteht und die Leistungsfähigkeit oder die Fehlervermeidung im Fokus stehen. Hören Sie aufmerksam zu und geben Sie Ihren Spielern*innen die Chance, Sorgen und Bedürfnisse zu äußern. Es kann passieren, dass sich der/die Spieler*in festredet. Sie spüren, dass sie noch mehr auf dem Herzen haben, aber nicht die passenden Worte finden. Dann hilft der Türöffner: „Vielen Dank für dein Vertrauen und deine Offenheit – was bewegt dich noch?“ 

Auch diese Frage scheint banal, kann aber größeres sichtbar machen. Sie ist der effektivste Weg, ein oberflächliches Gespräch sensibel in andere Bahnen zu lenken, bspw. um auf neue Gedanken, Optionen und Ideen zu kommen. Erinnern Sie sich an Ihre Ausgangslage: Sie wollen Ihrem Team und jedem Einzelnen zu mehr Autonomie und Entwicklung verhelfen. Dann übertragen Sie diese Gedanken auf Ihr Coaching. Versuchen Sie keine Vorträge zu halten und weniger Vorgaben zu machen. Hören Sie zu und stellen Sie aufrichtige und wertschätzende Fragen, damit Ihre Spieler*innen selbst erkennen, welche Herausforderungen sie haben und wie sie diese lösen können.  In diesen Fällen hilft die Ziel-Intention-Frage. Sie lautet: „Danke für deine Gedanken – Was ist hier die wirkliche Herausforderung für dich?“ Stellen Sie sich vor, Sie führen ein lockeres Gespräch auf dem Platz. Sie sehen, dass sich der Spieler bzw. die Spielerin mit einer Aufgabe schwertut – immerhin lässt er/sie schon seit mehreren Minuten auf dem Platz oder in der Kabine Dampf ab. Aber er/sie formuliert weder ein klares Problem noch eine mögliche Lösung. Dann hilft die Erweiterung der Ziel-Intentions-Frage, gemeinsam zum Punkt zu kommen. Wir beide finden einen Weg für dich – Wo genau hakt es? Was genau fällt dir schwer? Die Antwort zeigt Ihnen, wo Sie ihn/sie konkret unterstützen können. Der Einstieg, der Türöffner und die Ziel-Intentions-Fragen sollten das Fundament Ihrer Arbeit sein. Mit den nächsten Fragen führen Sie Ihre Schützlinge weiter an ihre Lösung heran.

Bedürfnisse erkennen und weiterentwickeln 

Bleiben wir weiter bei unserem Eingangsbeispiel. Sie wollen, dass Ihre Spieler*innen eigenverantwortlicher und kreativer werden. Begeben Sie sich wieder gedanklich in eine Coaching-Situation. Vor Ihnen sitzt ein unzufriedene(r) Ergänzungsspieler*in, der/die nicht weiß, was Sie von ihr/ihm wollen. Wie bewegen Sie sie/ihn sanft in die richtige Richtung? Nehmen wir weiter an, Sie setzen die oben genannten Fragen um: Einstieg, Türöffner und Ziel-Intentions-Fragen. Aber das Gespräch dreht sich weiter im Kreis. Der Spieler bzw. die Spielerin kommt nicht über allgemeine Aussagen hinaus. Dann denken Sie daran, dass hinter jedem Unmut ein Bedürfnis steht. Nutzen Sie die Grundlegende Frage „Was möchtest Du?“, um zu diesem Bedürfnis vorzudringen. Erfahrungsbasiert sind diese fünf Elemente im Fußball aber auch in den anderen Sportarten besonders wichtig: 

  • Wertschätzung
  • Vertrauen
  • Individualität
  • Mitwirkung
  • Erholung

Mit diesen grundlegenden Bedürfnissen finden Sie heraus, welches davon Ihr(e) Spieler*in antreibt. 

Also zurück zu Ihrem Coaching-Gespräch. Warum ist diese(r) Spieler*in unglücklich? Will sie/er mehr Spielzeit/Aufgebot in der Startelf oder fehlen ihr/ihm die regelmäßigen Entwicklungsgespräche? Braucht sie/er mehr Vertrauen, um kreative Eigenleistung auf dem Platz nachzugehen? Wünscht sie/er ein optimiertes Erholungs- und Belastungsmanagement u.v.m.? Wenn sich ein(e) Spieler*in nur beschwert, aber keine Lösung anbietet – kann Ihnen eine andere Frage helfen. Sie lautet: „Wie kann ich helfen?“ Das klingt auf den ersten Blick wieder ein wenig banal, gerade so wie die Begrüßungsfloskel eines Verkäufers auf dem Flohmarkt. Nun sind Sie aber kein Verkäufer, sondern ein(e) (Spitzen-)trainer*in. Sie meinen die Frage ehrlich und schaffen eine positive Grundstimmung. Sie signalisieren aufrichtige Hilfsbereitschaft. So finden Sie schnell heraus, ob ihr Spieler bzw. ihre Spielerin wirklich etwas braucht oder einfach mal Dampf ablassen muss. Außerdem bringen Sie sie/ihn leichtfüßig dazu, zum Punkt zu kommen. Sie sind direkt und bleiben trotzdem respektvoll. 

Schätzen Sie auch einen respektvollen Umgang? 

Wie viele Trainer*innen erkundigen sich schon einfühlsam nach den Bedürfnissen ihrer Spieler*innen? Wie hat es vor kurzem ein Trainer aus der Fußballbundesliga mir gegenüber geäußert: 

„Ich werde verpflichtet, um Ergebnisse zu bringen und wenn diese nicht zeitnah sichtbar werden, dann bin ich schneller meinen Job los, als ich die Umzugskartons auspacken konnte. Die Vereinsphilosophie und persönliche Belange interessieren mich nur bedingt. Die Spieler sind alt genug, um sich um Ihre mentale Gesundheit und Entwicklung zu kümmern.“ (Die Aussage durfte ich nach Rücksprache anonymisiert verwenden, wobei seine derzeitige Meinung sich durch unsere gemeinsame Zusammenarbeit positiv verändert hat.) 

Dem ist im Prinzip nichts hinzuzufügen. Aber: Wenn der Einzelne und das Team das Potenzial nicht abrufen können, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer längerfristigen und erfolgreichen Zusammenarbeit sehr gering. Ein solches Interesse unterscheidet Sie von all den Trainern*innen, die sich nicht für ihre Spieler*innen interessieren, sondern sich nur um Ihren eigenen Weg bemühen. Dabei verdienen Sie genauso den Respekt Ihres Vereins und Ihrer Teammitglieder. 

Eine weitere Spieleraussage über einen Bundesliga-Trainer

„Dieser spricht nur mit der Startelf, der Rest kann sich seine Informationen selbst besorgen. Dafür haben wir ein schwarzes Infobrett oder er gibt uns die Möglichkeit, sich selbst um ein Gespräch zu bemühen. Das ist aber sehr schwierig zu realisieren. Wenn ich nicht spiele, dann führt der Trainer auch kein Gespräch mit mir oder nennt mir einen nachvollziehbaren Grund. Wie soll ich mich dann verbessern können?“ (Die Aussage durfte ich ebenfalls nach Rücksprache anonymisiert verwenden) 

Ich bin immer wieder fassungslos über solch destruktives und befremdliches Verhalten mancher Trainer*innen. Woran das liegen könnte, sollten wir an dieser Stelle nicht erörtern. Seien Sie gewiss, dass wir trotz aller Widerstände weiterhin an humanistischen Themen im Sport arbeiten werden!   

Doch wann lernen unsere Spieler*innen? Dann, wenn wir reflektieren und die Zeit haben, neue Eindrücke oder Verhaltensweisen zu verarbeiten. Reflexion ist die Voraussetzung dafür, dass es „Aha-Momente“ gibt, die Veränderungen möglich machen. Und der Anreiz für diesen Moment ist die Lernfrage. Formulieren Sie am Ende jeder Unterhaltung: „Was war am nützlichsten für dich?“ Diese Frage lädt Ihre Spieler*innen ein, das Gespräch zu reflektieren und die Impulse in den sportlichen Alltag zu integrieren. Das gilt im Übrigen auch für uns alle! 

Wertschätzende Kommunikation 

Jetzt haben Sie das rhetorische Werkzeug für konstruktive Gespräche im Sport. Sie fangen an, Ihre Spieler*innen mit sensiblen Fragen zu konfrontieren. Aber jetzt stellen Sie sich vor, Sie betreuen einen Spieler bzw. eine Spielerin, dessen Lernprozess etwas langsamer vorangeht. Sie haben ihr/sein eigentliches Problem erkannt, halten sich aber tapfer zurück, damit sie/er selbst zur Erkenntnis gelangt. Doch eines Tages reißt Ihnen der Geduldsfaden. Sie platzen versehentlich mit einem Vorschlag heraus. Das ist nur menschlich – aber leider kein vielversprechender Ansatz. Coaching braucht Fingerspitzengefühl. Sie wollen Ihre Spieler*innen weder erziehen noch bevormunden, sondern respektvoll zur Selbsterkenntnis leiten. Gleichzeitig wollen Sie vermeiden, dass sie sich vor lauter Gefrage wie in einem Verhör fühlen. Wie gesagt: Ihre Gespräche sollten auf Wertschätzung basieren. 

Hier kommen ein paar Grundschritte für den rhetorischen Seiltanz: Seien Sie so klar und direkt wie möglich: 

  • Überspringen Sie den Smalltalk und stellen Sie Ihre erste Frage. Das spart Ihnen beiden Zeit.
  • Arbeiten Sie mit „Was“-Fragen, statt mit „Warum“-Fragen. Das ist offener und weniger konfrontativ. Ihre Spieler*innen sollen sie nicht das Gefühl haben, sie müssen sich rechtfertigen oder verteidigen. Also fragen „Was beschäftigt dich?“ und nicht „Warum beschäftigt dich das?“. 
  • Vermeiden Sie rhetorische Fragen wie „Hast Du schon mal darüber nachgedacht, dass …?“. Das sind keine neutralen Impulse, sondern als Fragen getarnte Ratschläge. Auch hier kann sich Ihr Gegenüber schnell angegriffen fühlen. 
  • Versuchen Sie aktiv zuzuhören. Das kann auch bedeuten, dass Sie zwischendurch gar nichts sagen. Schweigen und Stille werden oft negativ gedeutet – aber in der Begleitung sind sie wertvolle Werkzeuge. Sie stellen eine Frage und sind anschließend still. Dadurch kann das Gegenüber in Ruhe über eine Antwort nachdenken. Wenn sie/er dann antwortet, seien Sie zugewandt und fassen Sie ihre/seine Gedanken zusammen, um so ihr/sein Verständnis auszudrücken. Das vermittelt Empathie und ermutigt zu noch mehr Offenheit. 
  • Nutzen Sie generell alle verfügbaren Kanäle, um für den Einzelnen und Ihr Team da zu sein. Bleiben Sie am Ball! 

Take Home Message

Wie entstehen Gewohnheiten und wie können Sie diese jetzt in die Praxis transferieren? Mit dieser spannenden Frage beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaftler und Disziplinen. Sie haben in den letzten Jahren wertvolle Erkenntnisse geliefert. Ihnen zufolge braucht es fünf Aspekte, um eine neue Gewohnheit zu entwickeln: Einen Grund, einen Auslöser, eine Mini-Gewohnheit, eine wirksame Praxis und einen zielgerichteten Plan (Wendy, 2022): Der Grund ist Ihre Initialzündung, also der Ursprung Ihres Wunsches, ein Verhalten zu verändern. Schauen wir uns das mal näher an: 

Sie wollen in Ihrer Rolle als Trainer*in vermeiden, Ihren Spielern*innen Ratschläge zu geben, um sie nicht zu bevormunden. Sobald Sie diesen Grund erkannt haben, suchen Sie die Auslöser – genau jene Momente, in denen Sie den Drang verspüren, kluge Ratschläge zu geben. So können Sie sich besser für diese Versuchung wappnen. Ihre Mini-Gewohnheiten sind die bereits genannten Coaching-Fragen aus diesem Beitrag. Sie spiegeln im Kleinen wider, was Sie insgesamt erreichen wollen. Und sie lassen sich leicht in bestehende Abläufe integrieren. Also setzen Sie sie so oft wie möglich im Trainingsalltag um. Das ist Ihr Training, beziehungsweise Ihre wirksame Praxis als interessierte(r) Trainer*in. Der letzte Schritt ist ein konkreter Plan für ungeplante Rückfälle. Wir machen alle Fehler. Das gehört dazu. Bauen Sie daher diese Widrigkeiten von vornherein in Ihre Routine ein. Planen Sie „Wenn-Dann-Strategien“ ein, um nach einem Ausrutscher wieder in die Spur zu kommen. Schreiben Sie Ihre Vorhaben auf und seien so spezifisch wie möglich. Fertig ist Ihr Werkzeugkasten im Sport für sensibles und nachhaltiges Coaching. Mit der richtigen Einstellung und ein wenig Geduld, können Sie Ihren Trainerkollegen*innen im Sport einen Schritt voraus sein.  

Fazit

Ein(e) gute(r) Trainer*in coacht regelmäßig und nicht nur, wenn die erwartete Leistungsfähigkeit ausbleibt. Sie/er macht das Coaching zur Gewohnheit, indem er/sie alltägliche und informelle Anlässe als Coaching-Situationen nutzt. Dabei gibt er/sie weniger Ratschläge, sondern stellt mehr offene Fragen. Sie/er schafft einen Raum der Geduld und Wertschätzung, in dem Spieler*innen ihre Herausforderungen und Lösungen selbst formulieren. Ihre Fragen sind nicht fremdgeleitet und manipulativ, sondern neutrale Wegweiser auf der Reise zur Selbsterkenntnis und individuellen Entfaltung. Kurzum: Ihre obersten Ziele als Trainer*in sind Autonomie, Wertschätzung und dankbares Verhalten. Das gilt selbstverständlich für alle Akteure im Sport.

Mehr zum Thema:

Weitere Leseempfehlungen für Sie, die in diesem Artikel nur am Rande erwähnt worden sind: 

Warum der deutsche Fußball Mentoren braucht: 

Trainer- und Spielerpersönlichkeiten im Fußball entwickeln:

Rentabilität und Menschlichkeit im Fußball: 

Ziele und Motivation: 

Per Woop zum Saisonziel: 

Literatur

De Meuse, Kenneth P.; Dai, Guangrong & Lee, Robert J. (2009): Evaluating the effectiveness of executive coaching: Beyond ROI? Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 2, S. 117–134.

Graßmann, C.; Schölmerich, F., & Schermuly, C.  (2019): The relationship between working alliance and client outcomes in coaching: A meta-analysis. Human Relations, Februar.

Lindart, M. (2016). Was Coaching wirksam macht: Wirkfaktoren von Coachingprozessen im Fokus. Berlin: Springer.

Lindart, M (2015). Was macht Coaching wirksam? Eine qualitative Studie zu Wirkfaktoren in Coachingprozessen am Beispiel des hypnosystemischen Ansatzes auf Grundlage einer systematischen Übersicht. Inaugural-Dissertation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Sonesh, S.C.; Coultas, Ch. W.; Lacerenza, Ch.N.; Marlow, S. L.; Benishek, L. E. Salas, E. (2015): The power of coaching: a meta-analytic investigation. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 2/2015, S. 73–95.

Theeboom, T.; Beersma, B. & van Vianen, A. E. (2014): Does coaching Work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context. In The Journal of Positive Psychology, 9(1), S. 1–18.

Theeboom, T., Beersma, B., van Vianen, A. E. (2013): Does coaching Work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context. A summary for the International Coach Federation.

Wendy W. (2022): Good Habits, Bad Habits. Gewohnheiten für immer ändern. Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Lutosch.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Gewitter im Kopf – oder: ohne mentale Gesundheit geht es nicht!

Wahrscheinlich geht es vielen so, wie mir in den vergangenen Wochen. Mir schien, als würde ich ein bestimmtes Thema besonders „anziehen“, als wolle es mich „in Beschlag“ nehmen. Die Rede ist von mentaler Gesundheit – oder falls diese abhanden kommt: psychischer Schädigung. Erst war ich eingeladen, öffentlich zum Thema „Suizid im Spitzensport“ zu diskutieren. Wenige Tage später besuchte mich eine Sportstudentin der ETH Zürich, die mir von ihrer Burnout-Erkrankung berichtete. Anderntags erfuhr ich von einem ehemaligen Weltklasse-Kunstturner, wie seine Karriere durch eine psychische Krankheit – ein „Gewitter im Kopf“ wie er es nannte – jäh gestoppt wurde. Dieser Aufsatz will dazu beitragen, den Umgang mit „psychischen Stürmen“ von Betroffenen kompetenter zu begleiten.

Zum Thema: Umgang mit psychischen Problemen im Sport

Wie steht es mit der mentalen, also psychischen Gesundheit unserer Schweizer Spitzensportler:innen? Mit dieser Frage werde ich in letzter Zeit häufiger denn je konfrontiert. Kurz nach Abschluss der alpinen Skiweltmeisterschaft hätte ich wohl geantwortet: Schaut euch unseren neuen Skistar Marco Odermatt an! – Total positiv, bodenständig, heimatverbunden, eine unterstützende Familie im Hintergrund wissend, strahlend, lebendig, im Gleichgewicht mit sich und seiner Umwelt, reflektiert und unglaublich performant und mit einer mentalen Stärke ausgestattet, die ihn zum Seriensieger reifen liess. Selbst ein technisches Missgeschick auf der berühmt-berüchtigten Streif (inklusive Verletzung), das ihn zum Pausieren zwang, schien er völlig unbekümmert wegzustecken. Odermatt knüpft da an, wo Roger Federer bis zu seinem Rücktritt die Massen begeisterte: Diese stupende, unglaubliche Leichtigkeit, mit der Spitzenleistungen im absoluten Topbereich regelrecht aufzublühen scheinen.

Zwischen Flourishing und Floundering

“Flourishing“, so bezeichnet Keyes (2002) dieses leistungsförderliche Erblühen, welches wir in der Angewandten Sportpsychologie gerne als Zielbereich unseres Handelns definieren. Auf der Grundlage psychischer Gesundheit entfaltet die mental starke Sportlerin ihre Leistungsfähigkeit optimal, um in der Wettkampfsituation zu reüssieren. Als Gegenstück dazu orientiert sich Keyes an der psychischen Krankheit, assoziiert mit klinischer Symptomatik (Floundering). In diesem Modell sind psychische Gesundheit und psychische Krankheit keine gegensätzlichen Enden eines Spektrums, sondern vielmehr getrennte, aber miteinander interagierende Kontinua. Dem theoretischen Modell zufolge können Sportler gleichzeitig blühen und psychisch erkrankt sein oder frei von psychischen Erkrankungen sein und sich in einem schlechten Zustand befinden. In Ergänzung zu Keyes werden diese Zustandsformen in Abbildung 1 mit „struggling“ und „languishing“ bezeichnet. Diese Überlegungen implizieren sowohl für Forschung wie auch für die Betreuungspraxis entsprechende Handlungsnotwendigkeiten. Zum einen muss der empirische Forschungsansatz erweitert werden, um die individuellen psychischen Profile ganzheitlicher abzubilden. Andererseits müssten diese Erkenntnisse auf der Anwendungsseite in differenziertere Unterstützungsmassnahmen hinsichtlich Prävention, Behandlung und kontinuierliche Betreuung münden.

Haltlos in der Krise – Drei berührende Beispiele

Szenenwechsel – Alltag eines Sportpsychologen mit drei Ereignissen, die mich zum Nachdenken (und letztlich zu diesem Text) angeregt haben. So unterschiedlich die Ereignisse und Schicksale klingen, der gemeinsame Nenner ist schnell gefunden: Haltlos in der Krise. Zwei Sportler darf ich mit Namen nennen, auch weil Lucas – der Weltklasseturner – mich dazu persönlich autorisiert hat. Er beschreibt seinen Karriere- und Krankheitsverlauf in seinem 2017 erschienenen Buch: Tigerherz – die Schicksalsgeschichte eines Spitzenturners mit Epilepsie. Noch berührender als dieser Text waren seine Schilderungen vor Wochenfrist in seinem Referat „Das Tigerherz schlägt“. Die Art, wie er nach vielen weiteren Rückschlägen (Verletzungen, Essstörung, Einsamkeit) sein „Gewitter im Kopf“ überwand und Freundschaft mit seiner Krankheit schloss, wie er seinem Erleben und Empfinden Gestalt geben konnte, empfand ich als ausserordentlich beeindruckend. (Rück-)Halt findet er heute in der Musik und im künstlerischen Ausdruck. Zusätzliche Energie und Licht gibt ihm der Aufenthalt in der Natur. 

Lucas Fischer anlässlich seines Referats „Gewitter im Kopf“ am 3. April in Hinwil (Foto: Dr. Hanspeter Gubelmann)

Tags darauf besuchte mich eine Sportstudentin in meinem Büro an der ETH Zürich. Nach längerem Studienunterbruch – den ich zunächst mit einem Auslandsaufenthalt in Verbindung gebracht hatte – will sie ihr Lehrdiplom abschliessen. Bevor ich auf den eigentlichen Grund unseres Treffens zu sprechen kommen kann, platzt sie heraus: „Ich war weg, weit weg. Ich konnte nicht mehr, mein Körper hat gestreikt. Alles was einmal war, war weg – Burnout.“ Diese junge, sehr intelligente, lebenslustige, erfolgreiche Sportlerin berichtete sodann über eine lange Zeit in einer spezialisierten Klinik und den mühselig beschwerlichen Weg zurück ins Leben. Sie habe viel über sich gelernt, gehe geduldiger mit sich um. Halt findet sie im Malen, im offenen Umgang mit dem Thema und in wertvollen Gesprächen mit vertrauten Menschen. 

In der eigenen Situation gefangen sein, alleine mit sich ringend, um sich dabei immer mehr zurückzuziehen. Diese Gedanken gingen mir auch durch den Kopf, als ich die Einladung von Claudio Böckli, einem ehemigen Weltklasse-Biathleten erhielt, der mich zu einem Themenabend „Suizid und Depression“ in meiner Wohngemeinde Uster einlud. Hintergrund war der Freitod seines langjährigen Teamkollegen Simon Hallenbarter sowie der explizite Wunsch der Wittwe, das Thema Suizid vermehrt öffentlich zu diskutieren. Das Referat des Theologen und Psychiaters Dr. Michael Pfaff stiess auf grosses Interesse. Wie Simon wählen ca. 1’000 Schweizer jährlich den Freitod. Nachdenklich stimmen weitere Statistiken: 200’000 (von 9 Mio Schweizer:innen) haben einmal im Leben einen Suizidversuch unternommen, von aktuell 500’000 Menschen in der Schweiz wird angenommen, dass sie Suizidgedanken haben. Im Moment scheint die Thematik vermehrt (wieder) junge Frauen zu betreffen.  

„Meine Schwester hat sich auch umgebracht!“

Im Anschluss an die Präsentation entwickelte sich eine engagierte Diskussion im Plenum, gefolgt von interessanten Tischgesprächen. Urplötzlich warf mein Tischnachbar ein: „Meine Schwester hat sich auch das Leben genommen.“ Wie gelähmt sassen wir da, ich spürte die bleierne Schwere der Pause. „Wir konnten sie nicht im Leben halten, sie bezeichnete sich als Last für alle, es sei hoffnungslos mit ihr“. An diesem Punkt war ich froh um das Hintergrundwissen und die Erfahrungen, die der Referent seinem Publikum mitgegeben hatte. Mir fiel ein, was wir über protektive Faktoren, die einem Suizid vorzubeugen helfen, gehört hatten, nämlich:

– Soziale Eingebundenheit/Unterstützung von aussen

– Lebenszufriedenheit

– Hoffnung

– aktive Therapiebeteiligung/Engagement

– Problemlösungskompetenz

– Freundschaften/Partnerschaft

Auf dem Nachhauseweg fiel mir die Eingangsfrage zu diesem Text wieder ein: Schwindet die mentale Gesundheit im Leistungs- und Spitzensport von heute? Sind die mitterweile dokumentierten Übergriffe im Schweizer Spitzensport – im Frauenkunstturnen, der Rhythmischen Gymnastik, im Synchronschwimmen, im Trampolinspringen, in Ballettschulen u.a. Ursache und Folge einer auch ethisch und psychologisch nicht mehr vertretbaren Spitzensportförderung? Bedrohen veränderte Rahmenbedingungen (z.B. Medialisierung, soziale Medien, öffentlicher Druck u.a.) und andere Einflüsse (z.B. Pandemie) vermehrt die psychische Gesundheit der Sportler:innen? 

52% Schweizer Spitzensportlerinnen mit psychopathologischen Symptomen

Das mediale Echo auf eine repräsentative Studie zur mentalen Gesundheit im Schweizer Elite-Sport (Röthlin,  Horvath, Ackeret, Peter & Birrer, 2023) fällt – gemessen an oben dargestellten Missständen – unaufgeregt aus. In den Medien dominiert die Aussage, dass prozentual Schweizer Sportlerinnen und Sportler gleichermassen von psychischen Problemen geplagt würden wie der Rest der Schweiz. Ein Blick in die Daten des Forschungsberichts des Bundesamts für Sport lässt aber auch eine andere Betrachtungsweise zu. So kommen die Autor:innen zum Schluss, dass „ein beträchtlicher Anteil der Sportler von Symptomen psychischer Störungen betroffen ist und dass mehr Massnahmen zur Verbesserung dieser Situation erforderlich sind“. Ebenso fallen grosse Gruppenunterschiede auf. „So waren 52% der weiblichen Athleten von mindestens einem Symptom einer psychischen Störung betroffen, verglichen mit 30% der männlichen Athleten. Zudem waren verletzte Athlet:innen am stärksten von depressiven Symptomen betroffen.“

Ein ähnliches Bild zeigt eine aktuelle Studie von Küttel, Durand-Bush & Larsen (2022), die individuelle Profile der psychischen Gesundheit von jungen dänischen Elite-Fussballspielern untersucht haben. Etwa jeder fünfte Sportler weist mittlere bis schwere Symptome einer psychischen Störung auf. Dabei zeigen sich Fussballspielerinnen anfälliger auf Symptome psychischer Erkrankungen als ihre männlichen Kollegen. Bemühungen zur Förderung der psychischen Gesundheit müssten auf die individuellen psychischen Gesundheitsprofile der Spieler:innen abgestimmt sein, die auf regelmässig durchgeführten Screening-Untersuchungen entwickelt werden müssten.

Ausblick: Was nehme ich mit für meinen beruflichen Alltag?

Meine „Learnings“ würde ich in drei relevante Fragestellungen packen und diese mit drei persönlich gehaltenen (Teil-)Antworten versehen.

a) Was mache ich konkret, um mich in dieser Thematik „à jour“ zu halten?
Ich habe mich heute für die Weiterbildungsveranstaltung „4. Fachtag Sportpsychologie“ (22.4.23) an der Spoho Köln angemeldet. Die Titel der beiden Workshops lauten vielversprechend: 1) ADHS bei erwachsenen Athletinnen und Athleten; und 2) „Ich mache also bin ich – oder ist weniger mehr?“

b) Müssten wir in der Athlet:innen-Betreuung vermehrt das „Profiling hinsichtlich der mentalen Gesundheit“ unserer Klient:innen durchführen?
Hierzu wünsche ich mir einen vertiefenden Gedankenaustausch in unserer Arbeitsgruppe mind2win!

c) Mentale Gesundheit gerade junger Sportler:innen scheint eng mit psychosozialem (Rück-)Halt / Eingebundensein in Beziehung zu stehen. 

Ich schaue mal in der Literatur nach… und organisiere zum Thema „Elterncoaching“ ein Symposium anlässlich des FEPSAC-Kongresses 2024 in Innsbruck!

Mehr zum Thema:

Literatur

Fischer, L. & Sutter, K. (2017). Tigerherz – die Schicksalsgeschichte eines Spitzenturners mit Epilepsie. Arisverlag.

Keyes, C. L. M. (2002). The mental health continuum: From languishing to flourishing in life.

Journal of Health and Social Behavior, 43, 207–222.

Küttel, A., Durand-Bush, N. & Larsen, C.H. (2022). Mental Health Profiles of Danish Youth Soccer Players: The Influence of Gender and Career Development. Journal of Clinical Sport Psychology, 16, 276–293.  https://doi.org/10.1123/jcsp.2021-0035

Röthlin, P., Horvath, S., Ackeret, N., Peter, C., & Birrer, D. (2023). The Mental Health of Swiss Elite Athletes. Swiss Psychology Open, 3(1): 2, pp. 1–17. DOI: https://doi.org/10.5334/spo.49 

https://storage.googleapis.com/jnl-up-j-sposps-files/journals/1/articles/49/submission/proof/49-1-335-1-10-20230119.pdf

Quellen:

https://www.wirtschaftspsychologie-bdp.de/fileadmin/content/startseite/20230422_4-Fachtag-Sportpsychologie.pdf

https://lucasfischer.ch

https://www.facebook.com/photo/?fbid=627774359164884&set=a.156881359587522

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Die Sportpsychologen: Du fragst, wir antworten

Du kennst deinen inneren Schweinehund besser als jeder andere? Ihr beiden versteht euch im Prinzip prima? Nur leider siegt fast jedes Mal der Faulpelz? Daran lässt sich arbeiten. Wenn du dich fragst, wie genau, dann erläutere uns kurz deinen Fall, gib ein, zwei Hinweise zu deiner Situation und wir versuchen dir und allen anderen, denen es so ähnlich geht, ein praktikable Antwort zu geben.

Zum Thema: Fragen an Die Sportpsychologen

Egal, wo der mentale Schuh drückt. Wir von Die Sportpsychologen sind für euch da, wollen dir ganz konkret helfen. Da wir immer häufiger Anfragen von SportlerInnen, TrainerInnen oder Eltern bekommen, die gezielt unseren Rat suchen, bauen wir unseren Service aus. Wir bieten euch über ein einfaches Formular an, eure Anfragen loszuwerden. Einer oder vielleicht gleich mehrere ExpertInnen aus unserem Netzwerk antworten darauf. Das Wissen soll dir weiterhelfen. Und wenn du bei der Umsetzung unsere Hilfe brauchst oder du mehr wissen willst, nimm Kontakt zu unseren ProfilinhaberInnen aus deiner Sportart und/oder in deiner Nähe auf.

Wichtig: Die Antworten zu deiner Anfrage veröffentlichen wir anonymisiert, lediglich mit der Angabe der Sportart, der Alters- und Leistungsklasse. Die Idee dahinter ist, dass du dir für andere Themen Anregungen holen und die Arbeitsweise unsere ExpertInnen aus dem Netzwerk kennenlernen kannst. Bitte hab auch Verständnis, dass sich sehr spezielle Fragen ggf. gar nicht öffentlich beantworten, sondern wir uns nur persönlich bei dir melden. Gut zu wissen ist auch, dass sich manche komplexe oder individuellen Fragen nur sehr schwer pauschal beantworten lassen. Wenn wir das Gefühl haben, dass dein Anliegen besser in einem 1:1-Gespräch bearbeitet werden sollte, geben wir dir bescheid.

Zeit für eure Fragen

Nutzt das hier folgende Formular, um eure Fragen loszuwerden:

    Hinweis: Dieser Service von Die Sportpsychologen ist kostenlos. Kosten entstehen erst, wenn du dich mit einem Experten oder einer Expertin aus unserem Netzwerk auf eine Zusammenarbeit verständigst.

    Mehr zum Thema:

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    Sebastian Ayernschmalz: Schlechte Nachrichten verkünden

    Eine Auswahlmannschaft ist der Traum vieler Athleten. Egal, ob es sich um die Landesauswahlen oder die Nationalkader handelt. Diese Sportler verfolgen ein gemeinsames Ziel: Teil der sportlichen Elite zu sein. Was aber, wenn für einzelne die Reise endet und eine solche Entscheidung kommuniziert werden muss?

    Zum Thema: Hinweis zur Kommunikation von Kaderentscheidungen für Auswahltrainer:innen

    Bevor man sich der jeweiligen Mannschaft anschließen darf, müssen die meisten Sportler:innen einen aufwändigen Sichtungsprozess durchlaufen. Dabei werden ihre Fähigkeiten von Trainern bewertet und letztlich eine Entscheidung getroffen, oft auf der Basis der gesammelten Daten und Eindrücke des Tages.

    Vor allem der erste Versuch stellt eine Herausforderung dar. Verlangt wird von den Sportler:innen, sich selbst zu präsentieren und den Mut aufzubringen, sich diesem Prozess zu stellen. Fremde Trainer:innen, unbekannte Drills, vielleicht auch Techniken und Taktiken, die vorher nicht bekannt waren. Dieser Auswahlprozess reißt viele der Sportler:innen aus ihrer Blase und stellt einen harten Kontakt zur Außenwelt her.

    Die Sportler:innen kämpfen für sich und doch muss man sich teamfähig zeigen. Ein Balanceakt zwischen notwendiger Fokussierung auf die eigene Leistung und dem sozialen Gefüge einer Mannschaft. Das Gefühl, dabei ständig beobachtet und bewertet zu werden, wiegt schwer und kann sich auch hemmend auf die Leistung auswirken. 

    Harte Entscheidungen

    Neben dem Druck, sich bestmöglich in einer künstlichen Situation mit fremden Menschen zu zeigen, bleibt aber die Hoffnung, sich für die Mannschaft zu qualifizieren und ein Teil der Besten zu sein. Umso schmerzlicher kann die Botschaft über das Nicht-Erreichen oder gar über den Cut in der Mannschaft sein. Gerade Athlet:innen, die ihre Fähigkeiten bislang ihrem Talent verschrieben haben, treffen diese Entscheidungen besonders hart. Wenn nicht nur Träume zerplatzen, sondern das eigene Selbst bis ins Mark erschüttert wird, sogar Weltbilder zerstört werden, kann dies für die Betroffenen eine sehr emotionale Zeit bedeuten. Athlet:innen, die aus der Auswahlmannschaft geworfen werden, fühlen sich enttäuscht, entmutigt, verärgert und missverstanden. Sie können sich aber auch hilflos, wütend und ängstlich fühlen und es kann zu Gefühlen der Einsamkeit und des Verlustes von Identität und Zugehörigkeit kommen.

    Am Ende des Tages müssen im Leistungssport Entscheidungen getroffen werden. Dies ist ein unausweichlicher Teil des Auswahlprozesses. Als Trainer stellt sich die Frage: Wie gestalte ich diesen Prozess? Welche Möglichkeiten habe ich, um meinen Teil zu einem stärkenden Verlauf beizutragen? Ein zentrales Element dabei ist die Verkündung der Entscheidungen.

    Ein Moment, in dem alles passieren kann. Wenn Träume zerplatzen, können die Reaktionen sehr unterschiedlich und vielfältig sein: Tränen, Wut und Verzweiflung. Hier können Trainer:innen jedoch wirken und Halt geben.

    Keine Motivationskalendersprüche

    Zunächst einmal sollte klar sein, dass es nichts Schönes an diesem Moment gibt. Niemand möchte Sätze hören wie: „Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen!“ Sprüche aus dem Motivationskalender ziehen nicht und trüben eher das Bild. Vielmehr geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Emotionen ihren Platz finden. Dies beginnt bei der Wahl eines geeigneten Raumes und reicht bis zur Möglichkeit der Rückfragen. Klarheit für den/die Athlet:in zu schaffen, bedeutet vor allem eins: Die Klarheit für sich selbst zu schaffen.

    Der Mensch strebt nach einem runden und vollständigen Bild, ohne offene Fragen. Daher muss gewährleistet sein, dass die Entscheidung einen Grund hat. Diesen zu verdeutlichen, in Form von Evaluationsbögen oder das Aufzeigen von Möglichkeiten zur Verbesserung, eröffnet erst die Perspektive für die zukünftige Entwicklung.

    Gestaltung und Umsetzung des Gesprächs

    „Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen“, geht erst dann, wenn Gründe bekannt und Handlungsoptionen benannt sind. Umso wichtiger sind das Vorgehen auf dem Feld und die Gestaltung des Gesprächs. Auch wenn es bei größeren Gruppierungen zeitlich nicht möglich ist, sich tatsächlich einzeln mit jedem/jeder Spieler:in zusammensetzen, sollte der Coach auf Rückfragen vorbereitet sein. 

    Erst im weiteren Verlauf, wenn die Kadergröße reduziert wurde, rückt das persönliche Gespräch in den Mittelpunkt. Dabei können verschiedenen Methoden des Gesprächsaufbaus verwendet und als Orientierung herangezogen werden. SPIKE, CALM oder NURSE, sind nur einige Methoden, um sich einer Strategie zu bedienen. 

    Die Vorbereitung auf dem Feld bietet die Möglichkeit, Klarheit für die Trainer:innen und später auch für die Sportler:innen zu schaffen. Anhand von Übungen und Drills können die Fähigkeiten gezeigt und bewertet werden. Dabei sollten die Techniken kleinteilig und nachvollziehbar heruntergebrochen werden. Die Daten aus den Bewertungen werden mindestens bis zum Gespräch aufbewahrt und bilden das objektive Fundament des Gesprächs. 

    Grafik: Sebastian Ayernschmalz via Canvas

    Aber wie geht es nach der Datenerfassung weiter? Eine Möglichkeit dieses Gespräch in sechs Schritten durchzuführen, ist hier aufgeführt:

    Grafik: Sebastian Ayernschmalz via Canvas

    Im sicheren Rahmen erlaubt dieses Vorgehen das individuelle Ausleben der Emotionen, schafft Klarheit der Botschaft und bei einer entsprechend guten Vorbereitung auch einen Ausblick in die Zukunft. 

    Take Home Message

    Bereite die Aspekte vor, die du auf dem Feld sehen willst. Dabei stehen die Fähigkeiten aus den Drills und passend zum Spielsystem im Vordergrund. Ob weitere Softskills relevant sind, gilt es zu prüfen und kann ein weiterer Faktor sein. So oder so gilt es, mit den Sportler:innen den persönlichen Austausch im geschützten Rahmen zu suchen. Klare und präzise Aussagen helfen, die Botschaft zu vermitteln. Als Trainer:in gilt es, alle Emotionen zuzulassen und darauf zu reagieren. Eine Perspektive für die Zukunft schafft man vor allem durch das Aufzeigen von Maßnahmen, die den Spieler oder die Spielerin verbessern können. 

    Gern helfen meine Kolleg:innen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Sebastian Ayernschmalz) dir bei der Vorbereitung, Umsetzung und Nachbereitung. Oder bei artverwandten Fragen. 

    Hinweis: Der Artikel ist auch im Mitgliederbereich der German American Football Coaches Association (GAFCA) in Zusammenarbeit mit Stephan Hütter erschienen. 

    Mehr zum Thema:

    Literatur: 

    A. Lauren Capstick & Pierre Trudel (2010) Reflection About the Communicationof Non-selection: A Shared Responsibility, Journal of Sport Psychology in Action, 1:1, 15-24, DOI:10.1080/21520704.2010.516327

    Lynn E. Couturier (2009) “Why Did You Cut Me?”, Journal of Physical Education, Recreation & Dance,80:9, 39-42, DOI: 10.1080/07303084.2009.10598393

    Walter, L. C., White, J., Stinson, J., & Blanch, A. (2008). SPIKES—A Six-Step Protocol for Delivering Bad News: Application to the Patient with Cancer. Oncology Nursing Forum, 35(2), 279–285. https://doi.org/10.1188/08.ONF.279-285

    Villagran, M., Goldsmith, J., Wittenberg-Lyles, E., & Baldwin, P. (2010). Creating COMFORT: A communication-based model for breaking bad news. Clinical Journal of Oncology Nursing, 14(4), 487–491. https://doi.org/10.1188/10.CJON.487-491

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    Sebastian Ayernschmalz: Der American Football kann Vorreiter im Umgang mit der Sportpsychologie werden

    Bei Die Sportpsychologen begleiten wir das Thema American Football schon seit einigen Jahren. Ihr kennt die tolle Interviewserie von Miriam Kohlhaas (unten auf der Profilseite zu finden), dazu arbeiten einige Experten und Expertinnen wie neben Miriam auch Lisa König (zum Profil) in dem Themenfeld. Nun kommt mit Sebastian Ayernschmalz (zum Profil) ein Experte bei uns dazu, der früher Spieler war und nun mithelfen will, dass die Sportart American Football die bestehende Chance nutzt, Vorreiter bei der Integration der Sportpsychologie zu werden. 

    Sebastian, welche Berührungspunkte hattest du als aktiver American Football-Spieler mit der Sportpsychologie?

    In meiner Laufbahn habe ich von den Jugendmannschaften über die Verbandsliga bis hin zur Bundesliga alles mitgenommen. Zu meiner aktiven Zeit gab es keine Berührungspunkte. Das Thema Sportpsychologie in Deutschland war zu dieser Zeit schlicht nicht vorhanden. Dies hat sich zwischenzeitlich ein wenig verbessert und vorbildliche Programme bringen Psychologen näher in die Mannschaft rein. Wir sind aber bei Weitem nicht da, wo wir sein könnten.

    American Football gilt ja als harter Sport. Früher hätte man „Männersport“ gesagt. Macht es diese Attitüde für die Sportpsychologie besonders leicht oder eher schwer, Fuß zu fassen?

    Der Sport lebt nicht nur von der physischen Härte und Fitness, sondern der mentalen Widerstandsfähigkeit. Trashtalk auf dem Feld ist nur eines der Themen, in der sich das vor allem in den Inhalten der Kommentare zeigt. Der Sport mit seiner Körperlichkeit zeigt aber auch, dass es oftmals nicht nur bei Worten bleibt, sondern dies auch überwiegend im Rahmen des Regelwerks ausgelebt wird. Das ist eine besondere Herausforderung des Kollisionssports.

    Leider ist in einigen toxisch maskulinen Kreisen das Thema Psychologie und psychische Erkrankungen hochgradig stigmatisiert und gilt nach wie vor als Schwäche. In der Vergangenheit haben sich American Football Spieler dazu schon geäußert und ihre Erkrankungen öffentlich gemacht, das war sehr hilfreich, um Barrieren einzureißen. Als Folge kam dieses Thema bei vielen Trainern und Trainerinnen an und als Reaktion darauf fanden sich zumindest in einigen Teams schon Psychologen o ä., die eine wichtige Rolle einnehmen. Tatsächlich ist es an der Stelle aber sehr abhängig, mit welchen Personen und Coaches man Kontakt hat und zusammenarbeiten darf. Macherorts ist man direkt ein Teil des Trainerstabs, während anderswo die Rolle an sich immer noch abgelehnt wird.

    Was hast du dir als Sportpsychologe eigentlich persönlich vorgenommen, was sind deine Ziele

    Vor allem in einer solchen Sportart, in der es darum geht, sich gegen den Kontakt zu stellen, in den Mann oder Frau zu gehen, bietet die Sportpsychologie viele Möglichkeiten, auf die Performance und Ergebnisse zu wirken. Sich selbst mental auf das Spiel und den Gegner vorzubereiten und sich selbst zu stärken, bietet Potenzial abseits der psychischen Erkrankungen. Mein Ziel ist es, die Akzeptanz für das Thema Sportpsychologie in die Coaching-Crews zu bringen. Sich damit zu beschäftigen, soll nicht nur für den Ernstfall relevant sein, sondern auch als Möglichkeit der Spieler-Entwicklung gesehen werden. Gerade mit den neuen Generationen an Spielern verändert sich die Anforderung an die Coaches gewaltig. Vom militärischen Drill in einer strikten Hierarchie wandeln sich die Anforderungen an die Coaches in Richtung des unterstützenden Coachings. Dies zu verdeutlichen und dabei nicht nur die Spieler und Spielerinnen zu unterstützen, sondern auch mit den Trainern und Trainerinnen zu arbeiten, ist das größte Ziel, um so auch die Rolle des „neuen“ Trainers zu stärken. American Football kann Vorreiter in der Arbeit mit Sportpsychologen sein, dies verstärkt auch durch die Attitüde des Sports. Sportpsychologie und in entsprechende Fällen therapeutisches Arbeiten können somit zur „Stärke“ und „Härte“ beitragen und somit gesamtgesellschaftlich die Akzeptanz erhöhen.

    Zur Profilseite von Sebastian Ayernschmalz:

    Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?

    Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:

    Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:

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    Stephan Brauner: Tennis ist ein Arschloch

    Seit Anfang dieses Jahres stehe ich aus unerfreulichen Gründen wieder regelmäßig auf dem Tennisplatz und gebe Training. Mehr dazu unten. Das mit dem Training habe ich früher beruflich gemacht und auch heute macht es mir wieder viel Spaß. Besonders spannend empfinde ich heute die zusätzliche (sport-)psychologische Perspektive, die ich im Vergleich zu meinen früheren Jahren als Tennislehrer einbringen kann. Im Folgenden geht es nun um ein Verhalten, das viele Tennisspieler und -spielerinnen kennen.

    Zum Thema: Umgang mit Fehlern

    In den verschiedenen Gruppen habe ich zwei SpielerInnen in einer hochinteressanten Situation. Beide haben eigentlich eine solide Grundtechnik. Leider sind sie verunsichert und fühlen sich gerade sehr unwohl mit ihren Grundschlägen. Selbst wenn wir wenige zentrale Knotenpunkte der Bewegung fokussieren, isoliert einüben und die Schläge wieder gut gelingen, dann ist das Selbstvertrauen und das notwendige Selbstverständnis für die Ausführung der Schläge in Spielformen ganz schnell wieder dahin. Und dann kommt es oft ganz unwillkürlich zu einem Vermeidungsverhalten und bestimmte Schläge werden gar nicht mehr gespielt.

    Wie jeder Tennisspieler weiß, ist Tennis ein Arschloch. Bis auf einen einzigen Spieler bzw. einer einzigen Spielerin gehen in einem Turnier alle mit einer Niederlage nach Hause. Und auch in einem Match enden zumindest die meisten Ballwechsel mit einem Fehler. Diese Konstellation hat viel Potenzial für Enttäuschung, Frustration und Ärger. Frustration und Ärger sind nun aber leider nicht die Emotionen, die ein Spieler beim Neu- oder Umlernen gut gebrauchen kann.

    Spirale aus Ärger, Frust und Stress

    Was ist zu tun, um die frustrierende Abwärtsspirale aus Ärger, vermehrter Anspannung, Frust, Stress und weiteren Fehlern oder Vermeidungsverhalten zu durchbrechen? 

    Zunächst versuche ich, meine Spieler für einen Perspektivwechsel zu gewinnen. Wohin geht dein Fokus? Auf den abschließenden Fehler, oder kannst du auch die gelungenen Schläge davor wertschätzen? Jede erfolgreiche Schlagausführung wird markiert und gilt als Erfolg. Das ist so wichtig, weil sonst oft der letzte Schlag, der vielleicht nicht mehr ganz so sauber war, im Gedächtnis haften bleibt. Und für spätere Spielformen gilt es eine Einstellung zu finden, die es erlaubt, die neue Technik mutig anzuwenden und nicht auf Fehlervermeidung zu fokussieren. 

    Training ist Training

    Im Tennis begegnet uns häufig ein weiteres Phänomen: Häufig wollen Spieler die Ballwechsel und das Spiel für ihre Trainingspartner nicht kaputt machen. Hier ist es oft hilfreich, deutlich zu machen, dass wir hier im Training sind und damit genau in dem Kontext, in dem Fehler problemlos erlaubt sind, insbesondere wenn sie der Entwicklung dienen. Im Fall der einen Spielerin war es auch gut, ihr die Perspektive der Trainingsgruppe anzubieten. Denn sie wird mindestens mittelfristig sehr davon profitieren, wenn sie ihre Technikprobleme in den Griff bekommt. Der geschützte Raum der Trainingssituation ist dafür genau richtig. 

    Mein Rat: Habt Spaß beim Training und beim Spiel! Fehler sind wichtige Lehrmeister. Wenn ich aber nur auf die Fehler gucke und versuche diese zu vermeiden, dann geht es nicht weiter. Und das wäre doch sehr schade. Nutzt die Fehler als Feedback, um stets die Technikausführung neu zu justieren. Und fokussiert auf die Muster des Gelingens. Speichert ab, was funktioniert. Mit allen Sinnen. Jeder meiner Spieler hat eine mentale Digitalkamera mit auf dem Platz, um gelungene Schläge und Sequenzen so detailliert wie möglich und aus allen Perspektiven aufzunehmen und später bei Bedarf abzurufen. 

    Persönliche Worte

    Halten wir fest: Tennis ist manchmal ein Arschloch. Wie im Leben, so auch auf dem Tennisplatz, darf ich damit gut umgehen lernen.

    Mein Comeback als Tennistrainer hat leider unerfreuliche Gründe – von Herzen gute Besserung, Klaus. Auch ich mache jetzt das Beste daraus und versuche jede Trainingszeit zu nutzen, um nicht zuletzt sportpsychologisch zu wirken. Wenn euch das interessiert und ihr mehr wissen wollt, gebt gern ein Feedback. Meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Stephan Brauner) freuen uns über konkrete Themenwünsche.  

    Mehr zum Thema:

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    Prof. Dr. René Paasch: Zur Förderung der Selbstständigkeit im Jugendsport

    Unsere Erwartungen an Trainer*innen sind hoch. Wir wollen unsere Kinder und Jugendliche nicht nur zu leistungsfähigen Sportlern*innen ausbilden, sondern sie bei ihrer Entwicklung zu charakterstarken und sozialkompetenten Heranwachsenden begleiten. Sie sollen in der Lage sein, sich um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern und sich trotzdem auf die Zusammenkunft mit anderen einlassen. Wie können Sie dabei unterstützen? Indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Kinder und Jugendliche brauchen keinen Leistungsdruck, sondern aufrichtige Wertschätzung. Sie erfahren in diesem Artikel, warum wir dennoch aufhören sollten, unsere Kinder und Jugendliche zu loben. Wie Sie die individuelle Aufmerksamkeit verbessern können, warum Sie als Trainer*in einen respektvollen Umgang pflegen sollten, Freundschaften und Vertrauen fördern und warum es unseren Sprösslingen egal sein darf, ob Sie Ihr Trainer*in mag oder nicht.

    Zum Thema: Kindern und Jugendlichen zur Selbstständigkeit verhelfen 

    Was wollen wir mit Bildung im Sport erreichen? Dass unsere Kinder und Jugendlichen leistungsfähig und erfolgreich werden? Dass sie Taktikfüchse und angepasste Pflichterfüller werden, die stets systemkompatibel agieren? Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint und ein wenig spitzfindig von mir formuliert. Denn Bildung im Sport ist mehr als das. 

    Für mich ist das oberste Ziel von Bildung, junge Menschen bei ihrer Entwicklung zu selbstständigen Erwachsenen zu unterstützen. Was genau meine ich damit? Zweierlei. 

    • Erstens glaube ich, dass alle Menschen von Natur aus nach Unabhängigkeit streben. Und es stimmt, dass wir unsere Hilflosigkeit schon als Babys überwinden wollen. Dieser unbedingte Wille treibt uns an, sich vielfältigen Reizen auszusetzen. Wir kommen mit einem unbändigen Freiheitsdrang und Entdeckertum zur Welt. 
    • Die zweite Qualität der Selbstständigkeit meint, dass wir uns auf die Erfüllung unserer eigenen Aufgaben konzentrieren. Adler (2022) unterscheidet dabei zwei Kategorien von Aufgaben „Ihre und die der anderen Menschen“. 

    Sie sind nur für Ihre eigenen Bedürfnisse und Erwartungen verantwortlich. Was bedeutet das? Stellen Sie sich vor, Ihr(e) Trainer*in kann Sie nicht leiden. Dann ist es nicht Ihre Aufgabe, ihn oder sie umzustimmen. Dieser Fokus auf sich und andere Belange macht sie selbstständig. Als 6-facher Papa und leidenschaftlicher Sportpsychologe halte ich die Selbstständigkeit für den Schlüssel zu wahrer Lebensfreude. Aber Vorsicht! Selbstständig zu sein bedeutet nicht, sich vom Rest der Welt abzuschotten. Der selbstständige Mensch vereint beides: harmonische soziale Beziehungen und die Erfüllung der individuellen Bedürfnisse (Jean Piaget, 1983). So weit, so gut. Und was hat das nun mit Bildung im Sport zu tun?

    Gemeinschaft und Selbstständigkeit als zwei Seiten einer Medaille  

    Auf den ersten Blick hat die Pädagogik wenig Spielraum. Ist es nicht ein Widerspruch, dass sich das selbstständige Kind und der Jugendliche der Autorität der Trainer*innen unterordnet? Und widerspricht deren Verantwortung nicht der Logik, dass sich jeder nur um seine eigenen Belange kümmert? Nein. Bildung ist essentiell für die selbstständige Entwicklung. Wir sollten die Gemeinschaft und Selbstständigkeit als zwei Seiten einer Medaille sehen. Unsere Heranwachsenden entwickeln ihre Autonomie im Umgang mit anderen Personen, indem sie am kulturellen und sportlichen Wissen teilhaben. Hier lernen sie alles – von der menschlichen Interaktion bis zu den sportlichen Regeln. All das ist Teil von Bildung. 

    Inhalte zum Thema Bildung finden Sie hier:

    In den folgenden Abschnitten sehen wir uns an, wie meine Erfahrungen und Ideen Trainer*innen dabei helfen können, Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zu selbstständigen und glücklichen Sportlern*innen zu unterstützen.   

    Respektvolles Miteinander 

    Stellen Sie sich einen Kunstrasen auf dem Sportplatz vor. Dort trainiert eine U11-Mannschaft montags, mittwochs und freitags und an den Wochenenden im Leistungsvergleich. Folgende Situation treffen Sie dort an: Der/die Trainer*in steht vor der Taktiktafel. Auf der Trainerbank liegt das sorgsam vorbereitete Arbeitsmaterial für die 90-minütige kreative und altersgerechte Trainingseinheit. Aber die Spieler*innen sind außer Rand und Band. Sie ignorieren den/die Trainer*in, stattdessen werfen sie mit Bällen durch die Gegend. Einige von Ihnen spielen fangen und andere wiederum ärgern sich gegenseitig! Was fehlt hier? Respekt. Aber für wen? Die meisten von uns würden intuitiv auf den Trainer bzw. auf die Trainerin tippen. Die Spieler*innen verhalten sich ihm/ihr gegenüber respektlos. Sie ahnen schon, was jetzt kommt. Ich würde genau das Gegenteil behaupten. „Viele Trainer*innen verwechseln Respekt mit Ehrfurcht“. Sie glauben, Ihre Schützlinge sollten die Autorität der Erwachsenen anerkennen. Ich bin da anderer Meinung. Ich verstehe Respekt als eine Begegnung auf Augenhöhe. Diese gegenseitige Wertschätzung ist für mich die Grundlage enger zwischenmenschlicher Bindungen und damit die Voraussetzung für die Bereitschaft, einander zuzuhören (Schmidt-Denter,  2005). Eine respektvolle Gleichberechtigung ist der Schlüssel zu dieser Art von Zugehörigkeit. Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Aspekt. Die Vorstellung von Respekt meint nicht, dass wir einander für unsere Errungenschaften bewundern. Aufrichtiger Respekt bedeutet, dass wir einander so akzeptieren, wie wir sind ohne Erwartungen und Urteile. 

    Weitere Gedanken dazu finden Sie hier: 

    Was heißt das für den Trainer bzw. für die Trainerin in meinem Beispiel? Der Sinnhaftigkeit zufolge ginge es nicht darum, dass sie ihren Sportlern*innen „Respekt beibringen“. Im Gegenteil. Sie müssen ihnen mit Respekt begegnen. Sie sollten Sie so annehmen, wie sie sind: unreif, ungestüm, voller Taten- und Bewegungsdrang sowie die innige Erfüllung des Entdeckers und Forschertums. Würden unsere Sprösslinge diesen Respekt erwidern? Würden sie das Entgegenkommen mit konzentriertem Fleiß belohnen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Denn Respekt für andere ist keine Garantie dafür, dass andere ihn erwidern. Aber er ist der wichtigste erste Schritt auf dem Weg zu gegenseitiger Wertschätzung. Wer Kinder und Jugendliche so nimmt, wie sie sind, lehrt sie, sich selbst zu lieben. Und Selbstliebe ist ein wichtiger Bestandteil von Selbstständigkeit (Adler, 2022). 

    Weitere Anregungen finden Sie hier:

    Lob wirksam einsetzen  

    Schulterklopfen, gewonnene Wettkämpfe mit Eis belohnen und Punktesammlung mit Arbeitsvorteilen – Lob ist eines der wirksamsten Instrumente im pädagogischen Werkzeugkoffer. Die moderne Bildung betrachtet das Lob als eine Form der positiven Bestätigung, die Kinder zu vorbildlichem Verhalten motiviert. Für Carol Dweck (2007) funktioniert Lob ganz anders. Wenn wir ein Kind für seine gute Arbeit loben, wird das Lob zur Belohnung für die Arbeit, aber nicht für die einzelnen Fähigkeiten. Das mag uns heutzutage normal erscheinen, doch es geht noch zielgerichteter. Selbstständigkeit bedeutet, dass wir uns um unsere eigenen Aufgaben kümmern. Die Aufgabe von Heranwachsenden besteht somit in der Arbeit – und nicht darin, belohnt zu werden. Das Lob der Trainer bzw. Trainerinnen lenkt den Fokus nicht nur weg von der eigentlichen Aufgabe, sondern es konditioniert das Kind oder den Jugendlichen, das Glück im Lob zu suchen. Es verwehrt ihm die tiefere Befriedigung, die Dinge, um ihrer selbst willen zu tun. Das verträgt sich auch mit meiner Vorstellung von Respekt. Wahrer Respekt bedeutet, dass wir einander bedingungslos akzeptieren. Doch das Lob impliziert Bedingungen: „Ich respektiere dich nur, wenn du dich auf eine bestimmte Weise verhältst.“ Stellen Sie sich vor, Sie haben einen besonders unruhigen Jugendlichen, den Sie umso überschwänglicher loben, wenn er während der Trainingseinheit endlich einmal Ruhe bewahrt. Was passiert? Dieser bemüht sich künftig noch stärker um Ruhe. Sie zeigen ihm damit aber auch, dass Sie ihm mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn er seinen wahren Charakter unterdrückt. Im Sport schafft Lob außerdem soziale Hierarchien. Kein Trainer bzw. Trainerin kann das Lob gleichmäßig auf alle Sportler*innen verteilen. Es würde durch die inflationäre Verwendung an Wert verlieren. Also werden manche häufiger gelobt als andere. Diese Hierarchie führt zu Konkurrenz und macht die Teamkameraden zu Rivalen. Aber ist es nicht eine unserer größten Aufgaben, unsere Kinder und Jugendliche schon im Sportverein für die erwachsene Ellenbogengesellschaft oder den Spitzensport zu trainieren? 

    Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Wettbewerb und Rivalität. Wettbewerb ist ein natürlicher Teil des Lebens. Rivalität nicht. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen mit Ihrer Mannschaft an einem internationalen Jugend-Fußballturnier teil. Statt die gegnerischen Mannschaften als Rivalen zu sehen, wäre der Wettbewerbsgedanke eher zu favorisieren. Ist Ihre Mannschaft deswegen unmotiviert? Nein. Sie wollen trotzdem gut spielen und gewinnen! Ihr Team konkurriert, aber Ihr Erfolgsgefühl steht und fällt nicht mit Ihrer Platzierung. Das ist ein Wettbewerb ohne giftige Rivalität. Und genau diese Art von intrinsischem Sportsgeist sollten wir im Jugendfußball fördern. 

    Der Wunsch nach Aufmerksamkeit 

    Stellen Sie sich vor, ein kleiner Junge bekommt zu seinem 8. Geburtstag einen Tennisschläger und Ball geschenkt. Stundenlang spielt er mit seinem Ball gegen die Wand. Später entdeckt er durch Zufall, dass er mit seinem Schläger und Ball auch andere Ziele anvisieren und treffen kann. Er richtet seinen Schläger und Ball in Richtung Kellerfenster, holt aus und trifft! Es gibt einen lauten Knall und das Fenster ist kaputt! Ist der Junge deshalb schlecht erzogen? Nein. Er handelt aus purer und unschuldiger Neugier. Er weiß noch nicht, was das für Konsequenzen mit sich bringen kann. In vielen Fällen ist genau dieses Unwissen am Werk, wenn wir Erwachsenen von „Problemverhalten“ sprechen. Ob Kinder und Jugendliche sich ungestüm verhalten, während der Sportstunde spielen oder sich nicht an Regeln von Erwachsenen halten – sie sind sich der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Darum bringt es auch nichts, deswegen mit ihnen zu schimpfen. Es ist konstruktiver, auf ihr Unwissen einzugehen. Wir sollten dem Jungen oder dem Mädchen erklären, dass jedes Hab und Gut anderer kostbar ist. Wir sollten ihn nicht für etwas tadeln, das er noch nicht wissen kann. Das klingt nach wertvollem Rat – aber gewiss nur bis zu einem bestimmten Alter, oder? 

    Kindergartenkinder können noch nicht alle Regeln des Miteinanders kennen. Aber was ist mit einem Zehnjährigen im Sportverein, der sie kennt und trotzdem bricht? Selbst in diesem Fall würde dies nur bedingt helfen. Hierfür müssen wir uns näher mit den Ursachen des auffälligen Verhaltens beschäftigen. Dazu zerlege ich das Verhalten in zwei Phasen: 

    • Die erste Phase ist der Wunsch nach Anerkennung. Ein Heranwachsender, der für sein gutes Verhalten gelobt wird, will die Erwartungen seines Umfelds weiter erfüllen. Problematisch wird es nur, wenn dieses Lob ausbleibt. 
    • Das führt zur zweiten Phase: dem Erregen von Aufmerksamkeit. Das Kind meint, sich gut zu verhalten, wartet aber vergeblich auf das ersehnte Lob. Es geht dazu über, durch störendes Verhalten mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Dafür nimmt es auch den Tadel seiner Bezugspersonen in Kauf. Es erhält lieber negative Aufmerksamkeit, als gar nicht beachtet zu werden. Ein Kind und Jugendlicher ist immer auf Aufmerksamkeit aus, egal ob es die Erwartungen seiner Umwelt erfüllt oder enttäuscht. Darum bringt es nichts, wenn wir Erwachsenen sie durch Lob oder Tadel unter Druck setzen. 

    Freundschaften im Sport 

    Bildung ist ein Geschenk. Gute Trainer*innen schenken ihren Schützlingen Aufmerksamkeit, Zeit und Wissen. Und dann gibt es außergewöhnliche Trainer*innen, die Kinder und Jugendliche ein noch größeres Geschenk bereiten: Sie schenken ihnen Freude. Und zwar nicht nur einen heiteren Moment, sondern die Fähigkeit, die Freude aus dem Sport hinaus und in ihr Leben zu tragen (Grossmann & Grossmann, 2001). Um dieses Geschenk näher zu beschreiben, widmen wir uns zunächst einer weiteren Idee, der zufolge alle Probleme des Lebens durch zwischenmenschliche Beziehungen entstehen. Moment – heißt das, dass zwischenmenschliche Beziehungen schlecht sind? Und was haben Probleme mit Freude zu tun? Im Laufe dieses Abschnittes werden wir dies klären.

    Widmen wir uns zunächst den zwischenmenschlichen Problemen. Wenn Sie der einzige Mensch auf dem Planeten wären, gäbe es weder Rivalität noch Neid. Sie würden sich vermutlich nicht einmal einsam fühlen, weil Sie die Gemeinschaft nicht vermissen würden. Sie sind aber nicht der einzige Mensch auf dem Planeten. Darum müssen wir zwangsläufig mit den Problemen umgehen, die zwischenmenschliche Beziehungen mit sich bringen. Verdeutlichen möchte ich dies wie folgt: Die Gemeinschaft ist eine fundamentale Tatsache des Lebens. Wir sind von Geburt an mit anderen Menschen verbunden. Womit wir bei den schönen Seiten der Gemeinschaft wären.  Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht nur die Wurzel aller Probleme. Sie sind auch die Wurzel aller Freude. Die Freude ist ein Produkt des Gemeinschaftsgefühls, also dem Gefühl der sozialen Zugehörigkeit (Alisch & Wagner, 2006). Wir tragen dieses Gefühl von Geburt an wie eine Passung in uns, müssen es aber aktivieren. Diese muss durch positive Reize zum Vertrauen heranreifen. Die wichtigsten positiven Reize sind unsere Freundschaftsbeziehungen. Ich meine nicht nur die Pflege der engen Freundschaft, sondern die Bereitschaft, allen Menschen in Freundschaft zu begegnen. Und wo machen Kinder und Jugendliche ihre ersten und weiteren großen Erfahrungen mit Freundschaft? Genau, in der Kita, Schule und im Sportverein. Hier kommen wieder unsere Trainer*innen ins Spiel. Ein guter Trainer bzw. Trainerin prägt die Freundschaftsbeziehungen ihrer Sportler*innen. Nicht, indem sie sich wie eine Freundin oder ein Freund verhält, sondern indem sie ihnen die Wärme und Empathie entgegenbringt, die man mit wahren Freunden teilt. Ihr Verhalten dient den Kindern und Jugendlichen als Vorbild. Sie hilft ihnen, enge Freundschaftsbeziehungen aufzubauen und anderen Menschen in Freundschaft zu begegnen. Und das ist doch die beste Voraussetzung für wahre Freude. 

    Weiterführende Inhalte zu diesem Abschnitt finden Sie hier:

    Selbstwirksamkeit und Vertrauen entwickeln

    „Es ist gut, viele Dinge zu lieben, denn darin liegt die wahre Kraft, und wer viel liebt, bringt viel Leistung und kann viel erreichen, und was man aus Liebe tut, tut man gut.“  

    VINCENT VAN GOGH

    Diese Überzeugung bezüglich der eigenen Fähigkeiten setzt die Erfahrung voraus, in der Vergangenheit Herausforderungen angenommen und erfolgreich bewältigt zu haben. Die Erfahrungen führen dann zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls. Das bestärkt die Einstellung, die wiederum die Motivation erhöht, sich weiteren „schwierigen“ Aufgaben und Problemen zu stellen – die sogenannte Wirksamkeit im Tun! Gerade der Sport bietet vielfältige Möglichkeiten, Sportler*innen in ihrer Selbstwirksamkeit zu fördern. Bund (2001, S. 20ff) zeigt, wie das Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen im Sport gestärkt werden kann:

    1. Sport muss von Kindern und Jugendlichen als ein Handlungsfeld erlebt werden, in dem sie – wenn sie sich anstrengen – erfolgreich sind!
    2. Erfolgserlebnisse im Sport müssen von Kindern und Jugendlichen als persönliche Erfolge wahrgenommen werden!
    3. Mit Kindern und Jugendlichen positiv kommunizieren!
    4. Kinder und Jugendliche den Sport mitgestalten lassen!
    5. Sport als Gruppenerlebnis inszenieren!
    6. Kindern und Jugendlichen geeignete Vorbilder (Modelle) geben!
    7. Kinder und Jugendliche beim Sport den eigenen Körper und die Emotionen spüren lassen!

    Wenn unsere Schützlinge ihre eigenen Lernfortschritte als persönliche Erfolgserlebnisse vermittelt bekommen und erfolgversprechende Rückmeldungen erhalten, steigt mit der Zeit Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Entscheidende Voraussetzungen für die Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme sind die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung anderer. Woher Kinder und Jugendliche, die für die Motivation so wichtige Anerkennung und Wertschätzung erhalten, liegt auf der Hand: Sie erhalten sie im Rahmen zuverlässiger persönlicher Beziehungen zu anderen Personen, in der Regel also zu Eltern, engen Angehörigen und sehr wohl auch zu Trainer*innen. 

    Weiterführende Inhalte zu Thema Selbstwirksamkeit finden Sie hier:

    Fazit

    Bildung im Sport sollte mehr wollen, als Ausbildungsinhalte oder Standards zu vermitteln. Sie sollte Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Für mich bedeutet Selbstständigkeit die Fähigkeit, sich um seine eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Wer mit sich selbst im Reinen ist, kann anderen Menschen respektvoll und freundschaftlich begegnen. Er macht sich frei von fremder Bestätigung und überwindet sein Ego, um ehrliche und gesunde zwischenmenschliche Beziehungen zu führen.

    Take Home Message

    Verzichten Sie auf das Loben und stärken Sie die Empathie. Zum Beispiel indem Sie den Fokus von ihnen auf andere Menschen lenken. Stellen Sie sich vor, Ihr(e) Spieler*in hat es geschafft, bei einer fehlerhaften Schiedsrichterentscheidung den Vorteil nicht anzunehmen und somit Fairness zu zeigen! Dann können Sie statt „Du hast das großartig gemacht“ folgendes sagen: „Die gegnerische Mannschaft und die Zuschauer*innen haben dein faires Verhalten genau beobachtet und waren beeindruckt. Ich habe wahrgenommen, wie du für dich richtig Auftrieb bekommen hast und wie selbstsicher deine Körperhaltung war.“ 

    Was denken Sie über meine Sichtweise zum Thema Selbstständigkeit im Jugendsport?  Waren diese Inhalte inspirierend für Sie und können Sie aus eigenen Erfahrungen dies bestätigen oder eher nicht? Haben Sie Anregungen, Wünsche oder Kritik? Ich freue mich über Feedback! 

    Mehr zum Thema:

    Literatur 

    Adler, A. (2022): Schriften zur Erziehung und Erziehungsberatung (1913–1937), Verlag Vandenhoeck & Ruprecht

    Alisch, L.-M./ Wagner, J. (2006): Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen. Interdisziplinäre Perspektiven und Befunde. Weinheim und München: Juventa Verlag Bachmann, H.I. (1996): Kinderfreundschaften – Start ins Leben. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag

    Bund, A. (2003): Kinder stark machen – Selbstvertrauen fördern. In: Sportpraxis, Heft 4

    Cimpian, A., Arce, H.M. C., Markman, E. M., & Dweck, C. S. (2007): Subtle linguistic cues affect children’s motivation. Psychological Science, 18(4), 314–316. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2007.01896.x

    Dweck, C. S. (2007a). Boosting achievement with messages that motivate. Education Canada, 47(2), 6–10.

    Grossmann, K.E./ Grossmann, K.E. (2001): Bindungsqualität und Bindungsrepräsentation über den Lebenslauf. In: Röper, G./ von Hagen, C./ Noam, G. (Hrsg.): Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer Klinischen Entwicklungspsychologie. Stuttgart: W: Kohlhammer GmbH (S. 143-168)

    Piaget, J. (1983): Das moralische Urteil beim Kinde. Stuttgart: Klett-Cotta

    Schmidt-Denter, U. (2005): Soziale Beziehungen im Lebenslauf. 4. vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Verlag

    Henry-Huthmacher, Ch., Hoffmann, E., Keller, H., Oelkers, J. Schneider, N.F., Wiesner, R. (2015): Das selbstständige Kind. Das Kinderbild in Erziehung und Bildung:  Link: https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=3539d2c7-fb36-8acc-5570-6de9f89cacde&groupId=252038 

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    Dunja Lang: „Als Profi-Sportlerin habe ich nicht die Antworten auf meine Fragen bekommen, die ich brauchte und die mich hätten weiterbringen können“

    Als Leistungssportlerin suchte Dunja Lang bessere und leichtere Lösungen, wenn es um die mentalen Komponenten der sportlichen Leistung ging. Eben mehr als die Ermutigungen, den Ansporn oder die gut gemeinten Ratschläge und die oberflächlichen „Mentaltipps“, die ihr die Trainer bieten konnten. Dieser Anspruch begleitet sie bis heute. Im Interview erklärt unsere Profilinhaberin (zu Dunjas Seite), welche Erfahrungen sie als Athletin gemacht hat, inwiefern sie dies bis heute prägt und wann sie eigentlich mit ihrer Arbeit zufrieden ist.   

    Dunja, du warst selbst Leistungssportlerin und Trainerin. Verrat uns mal, in welcher Sportart du unterwegs warst und welche Erfahrungen du damit verbindest?

    Als ehemalige Profi-Reiterin im Springsport kenne ich die Herausforderung, unter „Druck“ abliefern zu müssen, nur zu gut! Einmal im Parcours kurz bewusst überlegt oder unbewusst gezögert, die Distanz in der Kombination passt nicht und die Stange fällt – oft sind es die scheinbaren Kleinigkeiten, die entscheiden! Und das Pferd merkt das sofort! 

    Und in der Dressur ist es ebenso: einmal kurz zu sehr oder zu wenig die Hand dran – oder nicht optimal gesessen und die Hilfen gegeben – und die Lektion misslingt. 

    Ich kenne die Höhen und Tiefen, erinnere mich gern an die Erfolge, aber auch an die Anstrengung, die es bedurfte, um nach Stürzen und Verletzungen wieder auf Erfolgsspur zu kommen. „Comeback – Themen“ sind für mich ein zentrales Anliegen, weil ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, wie schwierig das Comeback sein kann, und wie wenig wirklich hilfreiche und professionelle Unterstützung es oft gibt.

    Reiten ist aus meiner Sicht die „Königsdisziplin“, was mentale Stärke angeht. Denn das Pferd ist der Spiegel deiner inneren Verfassung, und auch der Gedanken und Gefühle, die du unbewusst hast. Die Reaktion des Pferdes erfolgt auf die reelle innere Verfassung, wie sie wirklich ist, und nicht, wie der Reiter es gerne hätte oder denkt, wie es ist. Da helfen keine oberflächlichen Strategien vom Typ „Tschakka – du schaffst das!“ Da braucht es professionelle Strategien, auch für unbewusste Prozesse!

    Als Trainerin im Reitsport braucht man zudem ein spezielles Gefühl für das Zusammenspiel von Reiter und Pferd, es reicht nicht, nur die Reiter zu coachen. Da geht es viel um Körpersprache und Körperphysiologie, und diese blitzschnell mit gezielten Impulsen zu beeinflussen.

    Inwiefern kannst du aus dem sportlichen Erleben heute in deiner Rolle als Sportmentalcoach profitieren?

    Schon in meiner aktiven Zeit hat mich intensiv die Frage beschäftigt: Wie und mit welchen Mentaltechniken kann ich mich bewusst so vorbereiten, dass nicht nur ich intuitiv und im Flow reite und den Kopf frei habe, sondern sich das auch auf mein Pferd überträgt? Dass ich mich nicht mehr viel zu lange mit unnötigen Ängsten, Blockaden oder ‚Kopfsalat‘ herumschlagen muss, die nicht nur mir, sondern auch meinem Pferd im Weg stehen?

    Die Antwort habe ich nicht bei meinen Reitlehrern und Trainern im Reitsport gefunden, sondern in meinem psychologischen Studium, meiner Ausbildung in Sportpsychologie, Neurowissenschaften und Sporthypnose. 

    Auf die genannten Fragen gibt es eine ganze Palette schnell wirksamer Antworten aus der modernen, wissenschaftlich fundierten Hypnotherapie und sogenannten Embodimentfokussierten bzw. „bifokalen“ Techniken, z.B. „Klopftechniken“, bei denen der Körper direkt neuronal stimuliert und wirksam „entstresst“ wird. 

    Statt beispielsweise bei Blockaden über den „Kopf“ zu gehen, in dem Wissen, dass man damit bei vielen Themen nicht wirksam weiterkommt, bezieht man den Körper aktiv mit ein und löst oft in wenigen Stunden das, was „im Körper stecken geblieben ist“ wirksam auf und kommt wieder in neue Energie, Selbstwirksamkeit und Performance. Das ist auch bei Comeback-Themen wie Stürzen, Verletzungen, Schmerzen enorm wichtig.

    Ich weiß aus der praktischen Erfahrung als Sportlerin heraus, dass es meist mehr braucht, als die „klassischen“, eher kognitiv ausgerichteten Strategien der Sportpsychologie. Die Sportpsychologie für den Kopf – der Trainer für die technische Performance und den Körper, das greift zu kurz. 

    Ich habe bspw. sehr gute Erfahrung in der Performance- und Technikoptimierung im Sport mittels Sporthypnose, Visualisierungs- und imaginativer Techniken gemacht, da steckt enormes Potenzial drin.

    Wann bist du als Sportmentalcoach heute mit deiner persönlichen Leistung zufrieden?

    Es ist für mich faszinierend und eine persönliche Freude zu sehen, wie schnell ich oft, auch mit kurzfristigen Einsätzen, helfen kann, Ziele oder eine positive Veränderung im sportlichen oder persönlichen Leben zu erreichen. 

    Wenn ich beispielsweise eine Anfrage bekomme, um kurzfristig Nervosität oder Ängste vor einem Wettkampf in den Griff zu bekommen, und der Sportler/die Sportlerin kann dann deutlich fokussierter und mit einem besseren Gefühl, mehr Flow und auch besserem Ergebnis abliefern, dann bin ich zufrieden.

    Aus der Erfahrung heraus ist bei SportlerInnen, die ihr persönliches Potenzial nicht ausreichend realisieren können, das bewusste Wollen und das unbewusste Tun oft nicht optimal synchronisiert, nach dem Motto: „ICH würde gerne, aber ES geht nicht!“. 

    Es gilt dann ein „inneres Erfolgsteam“ zu schaffen, von langsamen, bewusst-rationalen und schnellen, unwillkürlichen bzw. unbewussten Denken sowie automatisierten Routinen. Wenn ich merke, dass das gelingt und SportlerInnen sind zudem persönlich neugierig, offen für neue Ansätze beispielsweise auch aus der Sporthypnose, dann freut mich das! 

    Ich unterstütze gerne das persönliche Wachstum und die sportliche Karriereentwicklung über einen längerfristigen Zeitraum hinweg. Dabei ist es für mich wichtig, eine nachhaltige Verbesserung von mentaler Stärke und Fähigkeiten wie Konzentration, Selbstvertrauen und Fokus zu erreichen. 

    Für mich ist es entscheidend zu spüren, dass AthletInnen auch bei Niederlagen, Krisen, Ängsten, Schmerzen auf mich zukommen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis und zeigt mir gleichzeitig: Wir sind Partner auf Augenhöhe mit unterschiedlichen Rollen und Fähigkeiten, in guten wie auch schlechten Zeiten. 

    Wenn ein Sportler dann sagt: „es ist so wichtig für mich, mit dir auch über meine Hochs und Tiefs sprechen zu können und da Lösungen zu finden!“ oder „hätte nie gedacht, dass es möglich ist, auf ein völlig neues Level zu kommen!“ – dann ist das für mich ein tolles Feedback! 

    Für mich ist das Ausdruck von Vertrauen und einer positiven Beziehung, und wenn mich dann SportlerInnen und TrainerInnen aktiv weiterempfehlen, dann ist das auch eine positive Bestätigung meiner Arbeit!

    Mein persönlicher Anspruch ist es, zu mehr Leichtigkeit, mehr Freude, mehr Flow beim „Abliefern“ beizutragen – und das gleiche gilt auch beim Mentalcoaching, auch bei Herausforderungen und schwierigen Themen!

    Zur Profilseite von Dunja Lang:

    Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?

    Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:

    Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:

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