Einer für alle, alle für einen! Diesen Grundsatz haben wir alle schonmal gehört. Vor allem Mannschaftssportler bekommen ihn als Mantra regelmäßig eingetrichtert. Zu Recht! Denn Spiele gewinnt man nur als Mannschaft, nicht allein. Jeder gibt sein Bestes und zieht, so stark er kann, mit am Strang. Fehler, die man selbst macht, werden von Mitspielern wieder ausgebügelt und umgekehrt. Schwächelt ein Mitspieler und ist nicht bei hundert Prozent, arbeitet man für ihn mit. Das alles leuchtet ein. Aber selbstverständlich ist es nicht.
Zum Thema: Konkurrenzdenken als Problem im Mannschaftssport
Selbstlos in den Dienst der Mannschaft zu treten, seine Mitspieler mit allen Kräften zu unterstützen, seine eigenen Bedürfnisse und persönliche Erfolge hinten anzustellen und den Teamerfolg über allem zu sehen, ist gerade für Nachwuchstalente oft eine große Herausforderung.
In diesem Zusammenhang höre ich bei jungen Sportlerinnen und Sportlern immer wieder Neid und Missgunst als demotivierende Faktoren heraus. Was auf den ersten Blick egoistisch oder „unsportlich“ klingt, sind ganz normale, menschliche Emotionen. Nicht jeder kommt mit jedem Teamkollegen auf persönlicher Ebene gut klar. Wie in jedem gesellschaftlichen Bereich, gibt es auch hier Antipathien bis hin zu handfesten Abneigungen, die das Prinzip „Einer für alle, alle für einen!“ konterkarieren. Hinzu kommt, dass einige Mitspieler, unabhängig von Sympathie und Antipathie, auch immer direkte Konkurrenten um den heißbegehrten Stammplatz sind, der Sichtbarkeit für Scouts und Talentspäher bedeutet. Es ist also oft auch das individuelle Streben nach Erfolg und Anerkennung, das den Teamspirit an seiner vollen Entfachung hindert. All diese Gedankenkonstrukte und Gefühlswelten, die im Mannschaftssport immanent sind, lassen sich nicht einfach abschalten. Meiner Meinung nach helfen da auch keine Teambuildingmaßnahmen à la Kletterpark.
Ist Teamspirit erlernbar?
Nicht nur an sich, sondern zuerst an die Mannschaft zu denken, ist eine Frage der Einstellung, eine Charakterfrage. Aber Charakter lässt sich bilden. Allerdings geht auch das nicht auf Knopfdruck. Das Umdenken von Einzelkämpfer- auf Teamplayer-Modus ist ein Prozess – neue Einsichten müssen wie Zahnräder ineinandergreifen.
Hier die in meinen Augen fünf wichtigsten Punkte, die ich mit meinen Sportlern in mehreren Sitzungen ausführlich erörtere:
Bessere Mitspieler nicht als Bedrohung ansehen, sondern als Freund und Orientierungshilfe, an der man wachsen kann!
Der Beste von allen zu sein, bedeutet oft Stillstand: Hab nicht den Anspruch, der Beste im Team zu sein, sondern der Fleißigste!
Wirklich gute Spieler machen auch andere besser: Lass deine Mitspieler gut aussehen!
In einem unschlagbaren Team wirkt jeder wie ein Star (HALO-Effekt): Tue alles dafür, damit deine Mannschaft gewinnt – und sei Teil davon!
Kaum ein Trainer oder Scout sucht nach Einzelkünstlern: Teamplay zahlt sich aus – habe Geduld und Vertrauen!
Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
Last but not least ist auch hier wieder das viel zitierte Selbstvertrauen ein ganz entscheidender Punkt. Wenn das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erstmal da ist, rücken Neid, Missgunst und Konkurrenzangst in weite Ferne. Denn Letztere haben ihren Ursprung oft in Unsicherheit und mangelndem Selbstwertgefühl.
Entgegen der allgemeinen Annahme, ist die Arbeit am Teamspirit meines Erachtens also mehr Einzel- als Gruppenarbeit. Denn Teamplay ist nicht zuletzt eine Charakterfrage.
Hier stellen wir euch Links und Hinweise zu ausgewählten aktuellen medialen Veröffentlichungen rund um das Thema Sportpsychologie zur Verfügung. Die Texte, Beiträge, Interviews, Bücher oder Podcasts stammen von unserer Experten und Expertinnen aus dem Netzwerk.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil): Podcast, Sportsucht – wenn aus Ehrgeiz Abhängigkeit wird
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mathias Liebing, Redaktionsleiter: NDR Sportclub Story, Ralf Rangnick – Zwischen Kommerz und Liebe
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
In der Welt des Sports begegnen wir immer wieder außergewöhnlichen Leistungen von Athleten. Sei es ein spektakulärer Treffer im Fussball, ein Rekord im Sprint oder eine beeindruckende Akrobatik am Turngerät. Oft neigen wir dazu, diese Erfolge auf die individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften der Sportler zurückzuführen. Doch was passiert, wenn wir uns dabei irren? Und hier kommt der fundamentale Attributionsfehler ins Spiel. In diesem Blogbeitrag werden wir uns den fundamentalen Attribitionsfehler genauer anschauen und Tipps ableiten, wie Trainer sich dieser unbewussten kognitiven Verzerrung begegnen können.
Zum Thema: Was ist der fundamentalste Attributionsfehler?
Der fundamentale Attriubutionsfehler beschreibt die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen übermäßig auf deren Persönlichkeitseigenschaften zu beziehen und dabei die Einflüsse der Situation zu unterschätzen. Anders ausgedrückt: Wir neigen dazu, das Verhalten anderer Menschen auf ihre inneren Merkmale zurückzuführen, anstatt die äußeren Umstände angemessen zu berücksichtigen.
Im Sport sind fundamentale Attributionsfehler allgegenwärtig. Wenn ein Spieler einen entscheidenden Fehler macht oder eine schlechte Leistung zeigt, sind wir schnell dabei, dies auf seine mangelnden Fähigkeiten oder Motivation zurückzuführen. Wir ignorieren dabei jedoch oft die vielen anderen Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen könnten.
Versager vom Elfmeterpunkt
Ein Beispiel hierfür ist ein Fußballspieler, der einen Elfmeter verschossen hat. Anstatt in Betracht zu ziehen, dass er möglicherweise unter großem Druck stand oder von äußeren Einflüssen abgelenkt war, neigen wir dazu, seine Fähigkeiten in Frage zu stellen und ihn als „Versager“ abzustempeln. Dabei übersehen wir, dass selbst die besten Spieler gelegentlich Fehler machen können. Geschweige denn, dass ihnen die Fehler mit Absicht unterlaufen.
Zwischenfazit:Bei dem fundamentalen Attributionsfehler handelt es sich um einen kognitiven Bias, der dazu führt, dass wir das Verhalten anderer Menschen falsch interpretieren und möglicherweise falsche Schlussfolgerungen ziehen, ohne die Rolle der Situation oder die äußeren Umstände zu berücksichtigen. Dies kann fatale Folgen für den Sportler nach sich ziehen. Kehren wir zu dem Beispiel mit dem verschossenen Elfmeter zurück und skizzieren eine etwas komplexere Situation: Vielleicht stand der Spieler unter enormem Druck und war müde. Er kam aus einer Verletzung und hatte noch nicht seine volle Leistungsfähigkeit zurückerlangt. Dennoch wollte er als Kapitän Verantwortung für sein Team übernehmen und den Ausgleich erzielen. Das Resultat ist bekannt. Der Trainer ärgert sich wahnsinnig und bemängelt die Körperspannung und das zuvor gezeigte Zweikampfverhalten des Schützen. „Er hat es auf die leichte Schulter genommen und nicht die nötige Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt. Diese „läppische“ Haltung zeigt er auch in den letzten Trainingseinheiten. Nicht mit mir! Seine Einstellung hilft uns im Abstiegskampf nicht weiter. Er bleibt demnächst draußen!“
Tipps für Trainer, um den fundamentalen Attributionsfehler zu vermeiden:
1: Bewusstsein schaffen:
Trainer sollten sich des fundamentalen Attributionsfehlers bewusst sein und verstehen, wie er ihr Urteilsvermögen beeinflussen kann. Indem sie sich dieses Bias bewusst machen, können sie ihre Entscheidungsfindung verbessern und gerechtere Bewertungen vornehmen.
2. Fakten überprüfen:
Anstatt vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen, sollten Trainer die Fakten überprüfen und alle relevanten Informationen sammeln, bevor sie eine Bewertung abgeben. Dies umfasst die Berücksichtigung von Umständen, zum Beispiel den Spielstand, die Spielzeit oder die individuellen Fähigkeiten der Sportler.
3. Feedback einholen:
Trainer sollten sich nicht nur auf ihre eigenen Einschätzungen verlassen, sondern auch Feedback von Spielern, Assistenten und anderen Trainern einholen. Durch den Austausch von Perspektiven können sie ein umfassenderes Bild der Situation erhalten und mögliche Fehler in der Attribuierung vermeiden.
4. Entwickeln sie eine lernorientierte Kultur:
Trainer sollten eine Kultur des Lernens und der Verbesserung fördern, in der Fehler als Teil des Lernprozesses betrachtet werden. Anstatt Spieler für ihre Fehler zu kritisieren, sollten Trainer sie ermutigen, aus ihnen zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
Fazit
Trainer können leicht in die Falle des fundamentalen Attriubtionsfelers tappen. Dieser Fehler bezieht sich auf die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen übermäßig auf persönliche Merkmale oder Eigenschaften zu attribuieren, anstatt die Einflüsse der Situation oder der Umstände angemessen zu berücksichtigen. So wird schnell ein Sportler, der Verantwortung übernehmen will und einen Fehler macht als „faul“ oder „unfähig“ bezeichnet, ohne die Umstände zu berücksichtigen, die zu dem Fehler geführt haben (z.B. Elfmeter zum Ausgleich im Abstiegskampf; Müdigkeit—> Spieler kommt aus einer Verletzung).
Trainer können jedoch dieser Falle entkommen, indem sie sich dieser Fehlinterpretation bewusst werden, Feedback einholen und eine lernfördernde Umgebung schaffen, in welcher Fehler als notwendige Entwicklungsschritte angesehen werden. Gerne unterstützen meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) sie bei ihrer eigenen Entwicklung.
Ross, L. (1977).: The intuitive psychologist and his shortcomings: Distortions in the Attributen process. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 10, pp. 173-220). Academic Press.
Die Sportpsychologen stehen für einen offenen Umgang mit den Medien zu sportpsychologischen Themen. Warum? Weil wir überzeugt sind, dass sich die Disziplin längst noch nicht erklärt hat. Dass sie, die Sportpsychologie, im Umkehrschluss, trotz aller Bemühungen, noch nicht komplett von Sportlern, Sportlerinnen, TrainerInnen und vor allem von EntscheiderInnen verstanden wird. Aber: Im Umgang mit Medien ist auch Vorsicht geboten. Eben auch, weil JournalistInnen oft viel zu wenig von der Materie Sportpsychologie verstehen. Oder Dinge in Erfahrung bringen beziehungsweise Einschätzungen bestätigt wissen wollen, die so nicht gehen.
Für medial aktive ExpertInnen ist es oft schwierig, wenn sie von Seiten der Medien zu Einschätzungen zu SportlerInnen, Clubs und Verbänden gebeten werden, die sie nur aus der Außenperspektive kennen. Wo verlaufen für dich die Grenzen, wenn du medial Stellung beziehen sollst?
Für mich ganz persönlich ist es ein No Go, mich zu anderen SportlerInnen, Clubs und Verbänden zu äußern. Ich finde, dass mir dies einfach nicht zusteht. Mehr als (gewagte) Hypothesen zu bilden, könnte ich sowieso nicht – da ich eben kein Teil des jeweiligen Systems bin, sondern ein Außenstehender, der überhaupt nicht einschätzen kann, was intern passiert. Und Ferndiagnosen abzugeben, finde ich einfach schwierig und wird den Systembeteiligten einfach nicht gerecht. Daher verhalte ich mich in diesem Zusammenhang sehr zurückhaltend und versuche in meinen Texten lieber auf meine eigene Arbeit in der Praxis einzugehen – hier kann ich entsprechende Einblicke geben, die sowohl KollegInnen im Feld interessieren könnten, aber auch außenstehende TrainerInnen, Teams, SpielerInnen, Eltern etc.
Wenn ich um Insights gebeten werde, die ich nicht habe, sage ich natürlich auch nichts dazu. Auch nicht dazu, warum eine hoch gehandelte Mannschaft in einem bestimmten Wettkampf geloost hat. Wie sollte man das auch wissen? Was ich tun kann: Verschiedene Gründe nennen, die in solchen Fällen vorkommen können. Und darauf hinweisen, dass die Frage, ob eine Mannschaft abrufen kann oder nicht von sehr vielen verschiedenen Faktoren und deren Wechselwirkungen abhängt. Bei Einzelsportlern ist es genauso. Einer hat schlecht geschlafen, der andere eine Infektion noch nicht ganz überwunden… der andere ist total beflügelt, weil er frisch verliebt ist. Also raushalten. Wenn Medien wissen wollen, warum die Performance war, wie sie war, müssen sie jene befragen, die sie erbracht haben.
Ich gebe solche Einschätzungen und Ferndiagnosen in der Öffentlichkeit grundsätzlich nicht ab. Aus meiner Sicht ist das unseriös, aus den Gründen, die Anke und Janosch schon dargelegt haben. Was man mit Einschränkungen machen kann, ist so etwas wie eine “medial aufbereitete Psychoedukation”, auf einer eher allgemeinen Ebene und ggf. mit fiktiven Fallbeispielen, aber so etwas ist natürlich für Medienvertreter uninteressant, wenn es um konkrete Personen oder Vereine gehen soll. Also: Dann lasse ich es eben lieber, mich in der Öffentlichkeit dazu zu äußern. Mein sehr persönliches “Bauchgefühl” signalisiert ohnehin immer, nicht unbedingt die große, mediale Bühne zu suchen. Da sind andere Kolleg*innen anders als ich, aber um die Probleme damit habe ich mich ja schon in den beiden anderen Fragen geäußert.
Ich kann mich hier den Vorrednern nur anschließen. Ferndiagnosen oder Urteile über andere kann und möchte ich nicht abgeben. Es können nur allgemeine Aussagen getroffen werden, die im Allgemeinen eine Rolle spielen. Aber ob diese in einem konkreten Fall waren, kann wohl kaum irgendwer beantworten. Wenn überhaupt, dann die Sportler:innen selbst.
Ich lehne mich hier ein wenig aus dem Fenster gegenüber meinen Arbeitskollegen. Natürlich, definitive Aussagen über Fremdpersonen kann niemand tätigen und sollte deshalb in der Öffentlichkeit als professionelle Fachkraft unterlassen werden. Gleichzeitig sind wir Sportpsychologen aber auch die Experten für Psychologie im Sport. Mit Expertenwissen mögliche Erklärungen für Outcomes in der Sportwelt zu teilen, sehe ich als einen für Laien spannenden und edukativen Einblick in die Psyche des Menschen. Natürlich handelt es sich dabei, wie es Oliver schon erwähnt hat, um eher allgemeingültige Fakten, die situationsspezifisch vielleicht etwas an Bedeutung verlieren. Trotzdem müssen wir verstehen, dass in der allgemeinen Öffentlichkeit noch ganz viele Mythen und Annahmen über das Verhalten gelten, die in einer solchen Situation mit Expertenwissen gut angereichert werden könnten. Mein Grundsatz dabei ist aber immer, den Sportler als Mensch darzustellen (und nicht als sportpsychologischen Superhelden) und den Lesern das Gefühl zu vermitteln, eine Akzeptanz gegenüber Fehlern und nicht-perfektem Verhalten zu zeigen.
Durch diese Strategie der öffentlichen Kommunikation erhoffe ich mir zum Einen, dass Leute ein besseres Verständnis für die Psyche gewinnen können und dies ihnen auch im eigenen Leben hilft und zum Anderen, dass die Akzeptanz gegenüber Sportler steigt und mehr Verständnis ihnen gegenüber gezeigt werden kann. Meine ganz klaren Grenzen sind also:
Behaupten, dass ich weiss, was genau zum sportlichen Erfolg/Misserfolg geführt hat – Nein
Allgemeine psychologische Phänomene in ähnlichen Situation beschreiben – Ja
Über solche Themen diskutieren wir immer wieder, dass nächste Mal in einer internen Fortbildung am 18. Dezember 2023. Wenn du das Netzwerk Die Sportpsychologen auch deshalb spannend findest, dann überleg doch mal, ob du ein Teil dieser internationalen ExpertInnengruppe werden willst.
Die Individualisierung schreitet im Sport voran. Zurecht sind mit dieser Bewegung längst überfällige Themen, wie beispielsweise „The Female Athlete“, stärker diskutiert und erforscht wurden. Auch wenn es gewisse Themen noch nicht vollends aus dem Tabu-Dasein geschafft haben, wird vielerorts zum Beispiel über Themen wie zyklusbasiertes Training offen gesprochen. Zunehmend findet es in der Praxis Anwendung. Doch wie sieht es mit sportpsychologischen Inhalten hinsichtlich „Frauen und Sport“ aus, insbesondere wenn wir uns den Weg zurück in den Sport nach Verletzungen anschauen?
Zum Thema: Psychische Aspekte in der Rehabilitation von Athletinnen
Geschlechtsunterschiede werden in der psychologischen Forschung, auch in der Sportpsychologie, oft erhoben und diskutiert. Projekte, die sich jedoch spezifisch auf Athletinnen fokussieren, sind leider selten. Dennoch gibt es Arbeiten und Projekte, welche die Frauen im Sport ins Zentrum gerückt haben. Ursprung meiner Auseinandersetzung mit diesem Thema war die Einladung zu einer internen Fortbildung einer Physiotherapiepraxis. Seit einigen Jahren tauschen wir uns im Rahmen interner Weiterbildungen über sportpsychologische Themen in der Rehabilitation aus. Für die jüngste Veranstaltung hat sich das Team einen Input über psychische Aspekte in der Rehabilitation von Athletinnen gewünscht.
Swiss Olympic fördert mit der Kampagne «fastHER, smartHER, strongHER» die spezifischen Bedürfnisse der Frau und stellt Informationen für die Praxis zur Verfügung. In einer hier verlinkten Infographik (rz_SWOL_Factsheet_SS+F_Psyche_A4q_de_low.pdf (swissolympic.ch)) wurden auch psychologische Aspekte anschaulich aufbereitet. Dabei wird auf die folgenden Themen eingegangen:
Rollenkonflikt Privatperson – Athletin
Gewichtung der sportlichen Entwicklung
psychische Erkrankungen, wie Depression, Ängste, Burnout
finanzielle Ungleichheit
Perfektionismus
Menstruationszyklus
Überbewertung anderer Meinungen
emotionaler Unterstützungsbedarf
Besonderer Fokus, zurecht
Doch welche Faktoren spielen im Zusammenhang mit «Rehabilitation von Athletinnen» eine Rolle? Aus den Informationen der obenstehenden Infografik sowie aus der Literatur lassen sich einige Schlüsse für die Rehabilitation von Athletinnen ziehen.
Frauen sind von Depressionen und Angststörungen, je nach Studie, bis zu zweimal häufiger betroffen als Männer. Im Kontext Sport haben innerhalb der Frauenpopulation Einzelsportlerinnen das höchste Risiko einer Angststörung und Depression (1, 2). Zudem sind Depression und Ängste oft Anzeichen von Übertraining. Athletinnen geben psychosoziale Faktoren im Return-to-sport Prozess häufiger als Hindernisse an als physische Faktoren. Dazu zählen beispielsweise das Gefühl, dass sportliche Aktivitäten mit der Verletzung in Verbindung stehen, das Gefühl der Unklarheit bezüglich der vollen Genesung und der Vergleich mit anderen Personen in der Rehabilitation (3). Diese Bedenken und Gefühle beeinflussen den Rehabilitationsprozess negativ.
Empfehlungen für die Praxis
Wie bereits erwähnt, haben Ängste einen Einfluss auf das Ergebnis der Rehabilitation. Athletinnen, die eine höhere selbstberichtete Angst äusserten, welche zum Beispiel mit der «Tampa Scale for Kinesiophobia» erhoben werden kann, sind weniger aktiv in der Reha und haben ein erhöhtes Risiko auf eine Wiederverletzung (4).
Daraus resultieren folgende Praxisempfehlungen für die Begleitung in der Rehabilitation:
Die frühe Integration von Athletinnen, vor allem Einzelsportlerinnen, in ein (Reha-)Team ist von zentraler Bedeutung. Dabei muss beachtet und unterstützt werden, dass der Vergleich mit Personen, vor allem solchen mit einem „besseren“ und „schnelleren“ Rehabilitationsverlauf, nicht zu negativen Effekten führen.
Die Informationsvermittlung stellt einen wichtigen Aspekt dar, um Ungewissheiten und Ängsten entgegenzuwirken. Zudem sollten über psychosoziale Barrieren gesprochen und die Athletinnen aktiv bei deren Beseitigung unterstützt werden.
Aufgrund der Bedeutung und dem Einfluss von Ängsten auf den Return-to-sport Prozess, sollten diese möglichst früh in der Rehabilitation mittels geeigneten Tools erfasst und bei Bedarf schnellstmöglich Massnahmen eingeleitet werden.
Pluhar E, McCracker C. Team Sport Athletes May Be Less Likely To Suffer Anxiety or Depression than Individual Sport Athletes. J Sports Sci Med 2019;18:490-6.
Levit M, Weinstein A, Weinstein Y, et al. A study on the relationship between exercise addiction, abnormal eating attitudes, anxiety and depression among athletes in Israel. J Behav Addict 2018;7:800-5.
Iverson GL, Gardner AJ, Terry DP, et al. Predictors of clinical recovery from concussion: a systematic review. Br J Sports Med 2017;51:941-8.
Paterno MV, Flynn K, Thomas S, et al. Self-Reported Fear Predicts Functional Performance and Second ACL Injury After ACL Reconstruction and Return to Sport: A Pilot Study. Sports Health 2018;10:228-33.
Kürzlich haben wir uns in großer Runde – immerhin zählen um die 50 ExpertInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Netzwerk Die Sportpsychologen – damit beschäftigt, weshalb viele etablierte Sportpsychologen und Sportpsychologinnen den vorsichtigen Weg durch die Medienlandschaft wählen. Siehe den Link unten. Jetzt wollen wir den Blick auf die andere Farbe des medialen Spektrums werfen und stellen folgende Frage in den Raum:
Welche Chancen bietet die mediale Präsenz, vom Boulevard bis zur Hintergrundberichterstattung, für die Sportpsychologie als Disziplin im 21. Jahrhundert?
Wir wünschen uns, dass die Sportpsychologie als etwas ganz Normales angesehen wird – genauso, wie das Athletiktraining oder die Ernährungsberatung. Warum sollten wir uns dann im Verborgenen herumdrücken? Klar – im Boulevard kann man nicht fundiert darüber berichten. Aber warum sollte man da nicht lesen, dass ein Athlet nach einem erfolgreichen Wettkampf zusammen mit dem Sportpsychologen einen Luftsprung gemacht hat? Und Hintergrundberichte sind wichtig, damit die Sportpsychologie auch bei unserer Zielgruppe breit verstanden und anerkannt wird. Das geht nur, wenn die Athleten wissen, was sie ihnen bringt. Und natürlich auch, dass ihre Idole sie für sich nutzen.
Ich gebe Anke Recht. Das wäre wirklich super, wenn Sportpsychologie als etwas ganz Normales angesehen wird. Und dazu kann natürlich mediale Präsenz beitragen. Ich denke auch, dass sich dies in den letzten zwei Jahrzehnten auch schon deutlich verbessert hat, aber dennoch ist es offensichtlich immer noch nichts “Normales”. Dies hängt aber eben auch mit der Komplexität unseres Faches zusammen und auch den im Leistungssport – immer noch primär im Fokus stehenden – Wirksamkeitskriterien für eine Intervention, nämlich den sportlichen Erfolg. Und wir Sportpsychologie*innen können eben einen sportlichen Erfolg nicht monokausal auf unsere Intervention zurückbeziehen. Andere Teildisziplinen wie die Trainingswissenschaft (Athletik-Trainer) und Sportmedizin (Sportärzte) können das natürlich auch nicht, aber zumindest haben diese Berufsgruppen das “Plausibilitäts-Problem” nicht. Und hinzu kommt, dass wir Sportpsychologie*innen aus meiner persönlichen Sicht ausgesprochen selbst-reflexiv sind, was dieses Problem betrifft. Das macht es dann auch schwieriger, mediale Präsenz als Chance zu begreifen.
Um als “normal” anerkannt zu werden, kann es durchaus hilfreich sein, auch in sogenannte Boulevard Medien präsent zu sein. Es geht darum zu zeigen, was wir leisten können. Es muss nicht immer nur in “Fachmagazinen” ein Beitrag erscheinen. So bleiben wir im verborgenen und Sportler:innen möchten nicht mit Sportpsycholog:innen in Verbindung gebracht werden. Nur wenn wir es schaffen, in der Bevölkerung akzeptiert zu sein, dann werden Sportler:innen gerne über ihre Erfolge (was nicht “nur” eine Medaille sein muss) in unserer Zusammenarbeit zu berichten. Hilfreich sind hier mediale Präsenz auf möglichst vielen Kanälen vom Boulevard bis zur Hintergrundberichterstattung.
Die mediale Präsenz ist heutzutage eine Notwendigkeit. Die Akzeptanz für das Thema Sportpsychologie steigt zwar, um sich aber in der breiten öffentlichen Wahrnehmung komplett zu etablieren, muss sich die Disziplin auch breit machen und durch mediale Präsenz an genau diese Menschen gelangen. Außerdem wird die Disziplin von der Öffentlichkeit noch zu wenig sportlich und dynamisch verstanden, im Vergleich zum Mental Coaching, was aktuell noch viel jünger und frischer aufgefasst wird. Die Sportpsychologie muss sich also besser platzieren und mehr mediale Präsenz erlaubt ihr das.
Die Sportpsychologie in den Medien – Zwei aktuelle Beispiele
Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, hat sich für die Dokumentation „Ralf Rangnick – Zwischen Kommerz und Liebe“ und einem Beitrag für den SWR mit dem Thema Sportpsychologie befasst. In beiden Filmen geht es um die Etablierung der Sportpsychologie, insbesondere mit Blick auf den Weg von Prof. Dr. Jan Mayer und Dr. Hans-Dieter Hermann.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Fußball, zweifellos eine der beliebtesten Sportarten weltweit, fasziniert junge Menschen, die davon träumen, eines Tages in den großen Stadien dieser Welt die Massen zu begeistern. Doch hinter den glänzenden Trikots und den jubelnden Fans verbirgt sich eine dunkle Seite, die allzu oft übersehen wird: die Gefahr der Spielsucht. Ein aktuelles Beispiel, das diese Problematik verdeutlicht, ist Sandro Tonali. Ein talentierter italienischer Fußballspieler, der bereits im Alter von 23 Jahren gegen die Dämonen der Spielsucht kämpft. Der Italiener, der aktuell für Newcastle United spielt, ist mit einer mehrmonatigen Sperre belegt worden. Zudem muss er sich einer Therapie unterziehen. Ihm ist nachgewiesen worden, auch auf eigene Spiele gewettet zu haben. Aktuell sind mehrere vergleichbare Fälle im Profi-Fußball bekannt geworden.
Zum Thema: Die Gefahren des Erfolges – Der steinige Weg zum Profifußball
Um das Phänomen der Spielsucht bei jungen Fußballern zu verstehen, müssen wir zuerst den steinigen Weg betrachten, den sie gehen müssen, um ihre Träume zu verwirklichen. Schon in jungen Jahren werden talentierte Spieler oft in Fußballakademien aufgenommen, wo sie intensiv trainieren und ihre Fähigkeiten entwickeln. Der Druck, erfolgreich zu sein und den hohen Erwartungen gerecht zu werden, ist enorm. Immer wieder mit der Entscheidung konfrontiert zu werden, ob man übernommen wird oder nicht, verarbeiten junge Spieler dies auf unterschiedliche Weise. Dieser Druck kann unter Umständen zu starkem Leistungsdruck führen und die jungen Fußballer anfällig für Suchtverhalten machen.
Der Profifußball ist ein Umfeld, das von Geld, Ruhm und dem Drang nach Erfolg geprägt ist. Viele junge Spieler werden von diesem Glamour und der Möglichkeit, ein Leben im Luxus zu führen, verlockt. Doch auf der anderen Seite des Geschäfts lauern auch Gefahren. Der immense Druck, der mit dem Spielen auf höchstem Niveau einhergeht, kann zu Stress und Angstzuständen führen. Sich Hilfe zu suchen, wird immer noch mit dem Stigma der Schwäche assoziiert. Dieser Glaube wird unterstützt durch das medial überrepräsentierte Bild des heroischen Fußballers, während vergessen wird, dass wir alle Menschen mit Stärken und Schwächen sind. Viele Spieler suchen nach einem Ausweg aus diesem Druck und finden ihn oft im Glücksspiel.
Causa: Sandro Tonali
In den vergangenen Jahren hat sich die Problematik der Spielsucht unter jungen Fußballern zunehmend verschärft. Ein aktuelles Beispiel, das die Öffentlichkeit aufhorchen ließ, ist der italienische Mittelfeldspieler Sandro Tonali, aktuell in den Diensten von Newcastle United. Tonali begann seine Karriere in der Jugendakademie von Brescia Calcio. Der zentrale Mittelfeldspieler ist für seine technischen Fähigkeiten, sein Spielverständnis und seine präzisen Pässe bekannt. Dieses Können veranlasste viele Experten dazu, Vergleiche mit den italienischen Legenden Pirlo und Gattuso anzustellen. Spätestens mit seinem Wechsel zum Traditionsclub AC Milan war er kein Geheimtipp mehr. Umso bewundernswerter ist es, dass dieser vielversprechendste Spieler seiner Generation nun öffentlich über seine Spielsucht gesprochen hat.
Tonali gestand ein, dass er während seiner Freizeit oft in Spielhallen und Online-Casinos gespielt hat, um dem Druck und den Erwartungen zu entkommen. Dies führte zu einer Sucht, die seine Karriere und sein persönliches Leben stark beeinflusst. Hier kommt die grundsätzliche und damit vom Fall Tonali auch losgelöste Frage auf: Wie kann es sein, dass junge Fußballer, denen schier alle Möglichkeiten offenstehen, in die Falle der Spielsucht geraten können? Wir fassen mögliche Ansätze zusammen.
Erklärungsansätze für Spielsucht im Fußball:
1. Druck des Leistungssports: Junge Fußballer, die den Sprung in die Profikarriere schaffen wollen, stehen von klein auf unter enormem Druck. Bereits in der Jugend müssen sie sich in den Nachwuchsleistungszentren und in den Mannschaften beweisen und hohe Leistungen bringen. Dies kann dazu führen, dass sie nach Möglichkeiten suchen, um mit Stress umzugehen und sich zu entspannen. Das Glücksspiel kann in solchen Situationen als ein vermeintlicher Ausweg erscheinen.
2. Reiz des Gewinnens: Fußballer sind oft ehrgeizige Persönlichkeiten, die den Wunsch hegen, immer besser zu werden und erfolgreich aus den Wettkämpfen hervorzugehen. Dieser Wettbewerbsgeist kann sie dazu verleiten, auch außerhalb des Fußballplatzes nach dem Kick des Gewinnens zu suchen. Glücksspiele bieten die Möglichkeit, sich diesen Emotionen schnell und unkompliziert auszusetzen.
3. Einfluss des Umfeldes: Das Umfeld, in dem junge Fußballer aufwachsen und sich bewegen, kann ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Süchten spielen. Wenn sie von Mitspielern, Trainern oder anderen Personen aus dem Fußballgeschäft in das Glücksspiel eingeführt werden, kann dies zu einer Normalisierung führen.
4. Flucht vor Problemen: Spielsucht, aber auch andere Formen von Süchten, können auch als eine Art Fluchtmechanismus dienen. Junge Fußballer stehen oft unter großem Druck, sei es durch Verletzungen, die Erwartungen der Fans, der Öffentlichkeit, des Vereins oder auf persönliche Probleme. Das Glücksspiel bietet eine Möglichkeit, diesen Problemen vermeintlich zu entkommen und für einen kurzen Moment in eine andere Welt einzutauchen. Dieser eskapistische Aspekt kann zu einer gefährlichen Abwärtsspirale führen.
Kein Einzelfall
Die Statistiken der VDV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler) zeigen, dass Tonali kein Einzelfall ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 haben 5,6% der befragten Profifußballspieler angegeben, dass sie problematisches Spielverhalten zeigen. Dieses problematische Spielverhalten umfasst sowohl pathologisches Glücksspiel als auch riskantes Glücksspielverhalten. Weiterhin wurde festgestellt, dass das Risiko für problematisches Spielverhalten bei Spielern höher ist, die jünger sind, niedrigere Einkommen haben und in unteren Ligen spielen. Zudem zeigt sich, dass Spieler, die bereits in jungen Jahren mit dem Glücksspiel begonnen haben, ein höheres Risiko für Spielsucht haben.
Wir möchten betonen, dass die Thematik der Spielsucht unter jungen Fußballern eine ernsthafte Angelegenheit ist, die eine sorgfältige Untersuchung und Präventionsmaßnahmen erfordert. Die Erforschung dieses Problems erfordert eine fachliche und praxisorientierte Herangehensweise, um die Ursachen, Auswirkungen und mögliche Lösungen zu verstehen. Der steinige Weg zum Profifußball, den junge Talente beschreiten, spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Spielsucht. Der Druck, in den Nachwuchsleistungszentren und Akademien erfolgreich zu sein, ist immens. Die psychische Belastung der Spieler muss von Anfang an angegangen und bewältigt werden, um sie vor den Gefahren der Spielsucht zu schützen. Der Einfluss des Profifußballs auf junge Spieler ist nicht zu unterschätzen. Die Verlockung von Geld, Ruhm und einem Leben im Luxus kann junge Talente dazu verleiten, nach Wegen zu suchen, um dem hohen Erwartungsdruck zu entkommen. Der Profifußball bringt in nicht wenigen Fällen Stress und Angstzustände mit sich, die oft im Stillen getragen werden, da die Suche nach Hilfe noch immer mit dem Stigma der Schwäche behaftet ist. Dieses Problem kann durch gezielte Maßnahmen der psychischen Gesundheitsförderung und Aufklärung angegangen werden. Hierbei muss geprüft werden, wie effektiv und nachhaltig die bislang u.a. von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorausgesetzten Präventionsmaßnahmen wirken.
Psychische Gesundheit im Fußball
Die Geschichte von Sandro Tonali verdeutlicht die Realität dieser Problematik. Ein vielversprechender Spieler seiner Generation, der in die Falle der Spielsucht gerät, zeigt, dass dieses Problem jeden treffen kann. Wir müssen die psychische Gesundheit junger Fußballer ernst nehmen und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um mit Druck und Erwartungen umzugehen, ohne auf riskantes Verhalten zurückzugreifen.
Im zweiten Abschnitt dieses Blogbeitrags wurde dargelegt, wie der Druck des Leistungssports, der Reiz des Gewinnens, der Einfluss des Umfeldes und die Flucht vor Problemen wichtige Faktoren bei der Entstehung von Spielsucht bei jungen Fußballern sind. Es ist entscheidend, dass Vereine, Trainer und Familienangehörige von jungen Talenten auf diese Risikofaktoren aufmerksam sind und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergreifen. Die Statistiken der VDV zeigen, dass dieses Problem nicht isoliert ist. Die Tatsache, dass Spieler in unteren Ligen und mit niedrigerem Einkommen einem höheren Risiko ausgesetzt sind, unterstreicht die Dringlichkeit, auf die psychische Gesundheit junger Spieler zu achten und die notwendigen Unterstützungsstrukturen zu schaffen. Insgesamt müssen wir das Bewusstsein für die dunkle Seite des Fußballs und die Gefahr der Spielsucht schärfen. Prävention, frühzeitige Erkennung und psychologische Unterstützung sind entscheidend, um junge Fußballer vor den negativen Auswirkungen dieser Sucht zu schützen. Wir sollten sicherstellen, dass die jungen Talente nicht nur auf dem Platz, sondern auch in ihrem persönlichen Leben erfolgreich sind und in der Lage sind, mit den Herausforderungen des Profifußballs umzugehen.
Fazit
Die Entstehung von Spielsucht bei jungen Fußballern ist ein ernstes Problem, das nicht unterschätzt werden darf. Der Druck und die Erwartungen im Profifußball können junge Spieler anfällig für Suchtverhalten machen. Das Beispiel Tonali und die Daten der VDV verdeutlichen, dass selbst talentierte und vielversprechende Spieler nicht davor gefeit sind. Es ist an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, um die dunkle Seite des Fußballs zu beleuchten und die jungen Talente vor dem Schatten der Spielsucht zu schützen. Prävention beginnt in den Akademien und Nachwuchsleistungszentren, wo Talente geformt werden. Hier muss der Druck, erfolgreich zu sein, auf eine gesunde und nachhaltige Weise gelenkt werden. Vereine, Trainer und Familienangehörige spielen eine entscheidende Rolle dabei, Spieler vor den Risiken der Spielsucht zu schützen. Es ist von höchster Bedeutung, psychologische Unterstützung und Beratung in den Ausbildungsprozess zu integrieren, um sicherzustellen, dass junge Fußballer effektiv mit dem Druck umgehen können, ohne auf riskante Verhaltensweisen zurückzugreifen. Die Offenheit der Spieler gegenüber ihren Problemen und Sorgen muss ermutigt und gefördert werden. Es ist an der Zeit, das Stigma im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit zu brechen, sodass junge Fußballer sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten und über ihre innersten Ängste und Herausforderungen zu sprechen.
Nicht nur die Krankenkassen haben sich auf die Fahnen geschrieben: „Sport ist gesund.“. Überall werden wir von der Botschaft bombardiert, wie gesund Bewegung für uns ist. Auch die mentale Gesundheit profitiert laut empirischer Befunde vom regelmäßigen Sporttreiben, weshalb Bewegungstherapie inzwischen ein fester und wichtiger Bestandteil in psychiatrischen Kliniken ist. Im Leistungssport hört man aber immer wieder Sätze wie: „Das kann doch nicht gesund sein.“ Oder: „Leistungssport ist eben kein Gesundheitssport.“
Mehr zum Thema: Mentale Gesundheit im Leistungssport
Tatsächlich können die starken Belastungen im Leistungssport sowohl die körperliche als auch die seelische Gesundheit belasten (z.B. Übertraining, muskuläre Dysbalancen oder psychischer Druck und Stress). Für die körperliche Gesundheit wurde das schon länger erkannt, weshalb hier Präventionsmaßnahmen, wie Belastungssteuerung, Regenerationsmaßnahmen, Körperstabilisationsübungen und Ausgleichsübungen genutzt werden, um die Athleten und Athletinnen trotz der hohen Belastungen gesund zu erhalten. Leider wird dieser vorbeugende Ansatz im mentalen Bereich noch zu wenig genutzt. Entweder wird nur auf die Leistungssteigerung durch Mentaltraining gesetzt oder es wird erst zum Sportpsychologen oder sogar zum Psychotherapeuten gegangen, wenn ein größeres Problem erkannt wird, oder sogar eine psychische Erkrankung vorliegt.
Wenn Trainer*innen und Vereine aber präventiv auch an der mentalen Gesundheit ihrer Athleten arbeiten wollen, lohnt es sich, die Kommunikation und Kultur im Verein oder auch nur im Team bewusst anzugehen. Hierzu kann ich die beiden Konzepte Psychologische Sicherheit (von Amy Edmondson) und Growth Mindset (von Carol Dweck) empfehlen, die praktische Kommunikationshinweise für Trainer*innen, Führungskräfte aber auch Athletinnen und Athleten liefern.
Zwei Konzepte nicht nur für mehr Wohlbefinden und eine stabile mentale Gesundheit, sondern auch für Wachstum und Innovation
Psychologische Sicherheit ist die Überzeugung, dass man in einem Team seine Meinung äußern, Fehler machen und Risiken eingehen kann, ohne negative Konsequenzen zu befürchten. Growth mindset ist die Haltung, dass man seine Fähigkeiten durch Anstrengung, Feedback und Lernen verbessern kann. Beide Konzepte kombinieren sich gegenseitig und sind hilfreich, um eine langfristige Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Sportler*innen und Trainer*innen zu erhalten.
Wie können Führungspersonen die psychologische Sicherheit und das growth mindset im Team fördern? Ein wichtiger Faktor ist die Art und Weise, wie sie kommunizieren.
Tipps für einen effektiven Kommunikationsstil
Kritikkonstruktiv formulieren: Statt die Person oder das Ergebnis zu bewerten, sollten Trainer*innen das Verhalten oder den Prozess beschreiben, der zu verbessern ist. Dabei sollten konkrete Beispiele genannt, positive Aspekte hervorgehoben und Lösungsvorschläge gemacht werden. Zum Beispiel: „Du hast heute gut gekämpft, aber ich habe gesehen, dass du einige Chancen verpasst hast. Vielleicht könntest du mehr auf deine Positionierung achten und schneller reagieren.“
Lobauthentisch aussprechen: Statt allgemeine oder übertriebene Komplimente zu machen, sollten Trainer*innen das Lob an konkrete Leistungen oder Fortschritte knüpfen. Dabei sollte man die Anstrengung, das Lernen oder die Verbesserung würdigen, statt die Begabung oder das Talent. Zum Beispiel: „Ich bin stolz auf dich, wie du dich in den letzten Wochen gesteigert hast. Du hast hart trainiert und viel gelernt. Deine Technik ist viel besser geworden.“
Dialogfördern: Statt nur Anweisungen zu geben oder Monologe zu halten, sollte man die Athlet*innen einbeziehen und ihre Meinungen, Gefühle und Bedürfnisse berücksichtigen. Dabei sollte man offene Fragen stellen, aktiv zuhören und Feedback einholen. Zum Beispiel: „Wie fühlst du dich nach dem Spiel? Was hat dir gut gefallen? Was möchtest du verbessern? Wie kann ich dich dabei unterstützen?“
Um eine Atmosphäre der psychologischen Sicherheit und des growth mindset zu schaffen, sollten Trainer*innen nicht nur auf ihre Worte achten, sondern auch auf ihre Körpersprache, ihren Tonfall und ihre Mimik. Sie sollten eine positive, wertschätzende und ermutigende Haltung ausstrahlen und Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Sportler*innen zeigen.
Keine Einbahnstraße
Ein guter Kommunikationsstil ist nicht nur für Trainer*innen, sondern auch für Sportler*innen selbst wichtig. Sie sollten sich selbst und ihre Teamkolleg*innen konstruktiv kritisieren, authentisch loben und einen offenen Dialog pflegen. So können sie gemeinsam lernen, wachsen und erfolgreich sein.
Zusätzlich zu der psychischen „Belastungssteuerung“ im Team durch eine gute Kommunikation und Kultur ist sicher auch eine individuelle kontinuierliche Arbeit am Umgang mit Stress und psychischem Druck sinnvoll. Ich bezeichne das als mentales Fitnesstraining. Wer sich weiter damit beschäftigen will, oder für sich oder seinen Verein Bedarf für ein mentales Präventionskonzept sieht, kann sich gerne bei meinen Kolleg*innen (zur Übersicht) oder bei mir persönlich (zum Profil von Markus Gretz) melden.
Stewart A. Vella, Elizabeth Mayland, Matthew J. Schweickle, Jordan T. Sutcliffe, Desmond McEwan & Christian Swann (2022) Psychological safety in sport: a systematic review and concept analysis, International Review of Sport and Exercise Psychology, DOI: 10.1080/1750984X.2022.2028306
Mit dem Netzwerk Die Sportpsychologen haben wir uns seit gut neun Jahren zur Aufgabe gemacht, die Disziplin im Sport besser zu erklären. Denn immer noch wissen viele Sportler, Sportlerinnen, TrainerInnen sowie EntscheiderInnen in Vorstands- oder Managementetagen bis hin zu den Eltern viel zu wenig darüber, was Sportpsychologie macht, soll und kann. Fakt! Alles andere ist, trotz großer Verdienste und Bemühungen in der Branche, selbstgefällige Schönrednerei. Stellt sich aber folgende Frage, über die wir hier im ersten Teil einer kleinen Serie im Netzwerk diskutieren:
Die Sportpsychologie findet außerhalb der eigenen Netzwerke kaum medial statt. Gerade etablierte Kollegen und Kolleginnen agieren medial meist sehr vorsichtig und zurückhaltend. Worin siehst du das Für und Wider der medialen Defensivstrategie?
In einer medialen Offensivstrategie sehe ich zugleich eine Chance und Gefahr. Durch eine gute, tiefgründige, greifbare Berichterstattung rückt unsere so wichtige Disziplin und ihre Wichtigkeit in den Fokus der Öffentlichkeit und mit Mythen und Halbwahrheiten kann aufgeräumt werden. Bisweilen sehe ich aber die Gefahr, dass eine Berichterstattung, die gerade auch das eigene Handeln und die sportpsychologische Zusammenarbeit mit SportlerInnen, TrainerInnen etc. zum Thema hat, zu einer Art Selbstvermarktung und Eigen-PR verkommt. Ich selbst nehme mich dahingehend auch in einem Spannungsfeld wahr und bin oft hin-und-hergerissen zwischen dem Bedürfnis, mit seiner Expertise und seiner Tätigkeit auch nach außen Sichtbarkeit zu generieren – v.a., da die Arbeitsplätze begrenzt sind – und dem Bedürfnis, als demütig und vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden.
Ich vermute, dass diese “Defensivstrategie” stark von den berufsethischen Richtlinien der asp, dem bdp sowie der dvs und der DGPs geprägt ist. Wenn man sich in der Öffentlichkeit sehr konkret äußert (und Ross und Reiter nennt) kommt man sofort in einen Konflikt mit einem Grundsatz unserer berufsethischen Richtlinien, z.B: “asp Mitglieder achten und schätzen die Würde, Integrität, Selbstbestimmung und die fundamentalen Rechte anderer”. Und hin und wieder kommt dann auch schnell in das Dilemma einen anderen Grundsatz zu verletzen, nämlich den der Loyalität gegenüber dem Berufsstand sowie dem kollegialen Verhalten gegenüber Kolleg*innen, Angehöriger anderer Berufe sowie Mitarbeiter*innen. Davon unberührt bleibt natürlich die moralische Verpflichtung zur begründeten und berechtigten, konstruktiven Kritik. Mit der sogenannten “Defensivstrategie” fährt man eben “relativ sicher” in diesem sehr komplexen, medial angeheizten “Wildwasser”.
Das defensive Auftreten in den Medien ist, denke ich, den berufsethischen Grundlagen geschuldet, wie von Oliver Stoll bereits beschrieben. Viele möchten vielleicht auch nicht als “Marktschreier” wirken, da halten sie sich eher bedeckt. Leider erfahren dadurch Sportler:innen und Trainer:innen nicht, was wir für Arbeit leisten können. Ich selbst versuche meine Themen zu präsentieren, wo es nur möglich ist, ohne gegen moralische oder ethische Richtlinien zu verstoßen. Mein Ziel ist es, Sportler:innen zu erreichen, die Unterstützung brauchen. Ohne dass wir öffentlich sichtbar sind, können sich psychische Probleme entwickeln oder verstärken.
Generell erkläre ich mir die Defensivstrategie dadurch, dass das Thema Psyche und vor allem die mentale Schwäche bis mindestens vor zehn Jahren noch als absolutes Tabuthema galt. Weil man erst in den letzten Jahren psychologische Themen öffentlich bespricht, hat sich ein allgemeingültiger Umgang mit den Medien dazu noch nicht eingespielt, was zur Folge hat, dass es noch unterschiedliche Arten der öffentlichen Kommunikation zum Thema Psychologie gibt. Die Einen pflegen einen eher vorsichtigen Approach, die Anderen sind da offener. Weil es noch mehr Vertreter der zurückhaltenden Art gibt, fährt man sicherer, wenn man eher eine defensiver Einstellung innehat. Spricht man in der Öffentlichkeit freizügiger, macht man sich angreifbarer von denen, die sich damit (noch) nicht ganz wohl fühlen.
Teil 2 folgt bereits am Donnerstag, den 23. November 2023.
Du willst medial auch wirksamer werden und auf dich aufmerksam machen? Dann nutz unsere Winteraktion. Mehr Infos.
Schnelle Entscheidungen auf dem Spielfeld sind enorm wichtig. Oft machen sie auch den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage. Dabei fließen gelernte Muster, Emotionen und auch die Situationen mit ein. Aber wie können Sportler:innen oder Trainer:innen die Komplexität der Situation entschärfen und Sicherheit im Spiel gewinnen? Wie lässt sich das üben und trainieren, was alle Sportler:innen auf dem Feld in ganz unterschiedlicher Art und Weise unter Beweis stellen müssen?
Zum Thema: Grundlagen und Tipps für Übungen für die Praxis
Kennst du eine solche Situation? Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung und zögerst? Du denkst nach, wägst ab, überlegst noch einmal und schiebst die Entscheidung immer weiter hinaus. Doch warum eigentlich?
Oftmals liegt es daran, dass wir uns unsicher fühlen oder Angst vor den möglichen Konsequenzen haben. Doch genau hier ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Zögern uns nicht weiterbringt. Im Gegenteil: Es kostet uns Zeit, Energie und kann uns sogar Chancen entgehen lassen. Wenn du merkst, dass du zögerst, solltest du dich fragen, was genau dich daran hindert, eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht fehlt dir noch eine wichtige Information oder du hast Angst vor der Meinung anderer. Versuche, diese Hindernisse zu identifizieren und gezielt zu überwinden. Denn nur so kannst du schnell und sicher die richtigen Entscheidungen treffen. Teile deine Gedanken mit deinen Trainer:innen, um Klarheit zu schaffen.
Was ist Entscheidungsfindung?
Wer im Sport erfolgreich sein will, der sollte sich mit diesem Thema beschäftigen. Denn oft entscheidet ein Bruchteil einer Sekunde darüber, ob man gewinnt oder verliert. Ob man den Gegner überholt oder selbst überholt wird. Ein Wimpernschlag, der einen Unterschied machen kann. Den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen, kann den Ausschlag geben, um so den Augenblick für sich zu entscheiden.
Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen, begegnen uns überall. Im Alltag, aber auch im Sport kann es schwierig sein, den Überblick zu behalten und die „kluge“ oder „beste“ Entscheidung zu treffen. Entscheidungsfindung bedeutet, dass man eine Wahl zwischen mindestens zwei Optionen trifft. Diese basiert auf Fakten, Erfahrungen und Instinkten. Es geht darum, eine Entscheidung zu treffen, die den eigenen Zielen und Werten entspricht und die besten Ergebnisse liefert. Dabei wird oft versucht, eine objektive und nachvollziehbare Entscheidung zu treffen, ohne Einfluss von Emotionen oder Einflüssen von außen.
Was ist Entscheidungsschnelligkeit im Sport?
Aber was genau bedeutet Entscheidungsschnelligkeit? Es geht darum, schnell und präzise zu reagieren, um die beste Entscheidung in einer bestimmten Situation zu treffen. Im Sport kann das bedeuten, den Ball schnell abzuspielen, den Gegner zu überholen oder den richtigen Schlag auszuführen. Entscheidungsschnelligkeit erfordert nicht nur körperliche Fähigkeiten, sondern auch ein Spielverständnis und Erfahrung. Dabei ist vor allem zu berücksichtigen, dass die Aufmerksamkeit auf den Athleten gerichtet ist. Wie der Scheinwerfer die Schauspieler im Theaterstück verfolgen, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den ballführenden Athleten. Mit dem Pass steht dieser/diese sozusagen auf der Bühne vor einem großen Publikum.
Wichtig: Mit der ganzen Aufmerksamkeit kann zusätzlicher Druck entstehen. Ohnehin bewegen sich die Athleten in einem Umfeld besonderer Aufmerksamkeit und Anspannung. Der Traum der großen Karriere scheint realistisch, der Gewinn eines Pokals ist einen Torschuss entfernt. Spiele ich den Pass oder schieße ich selber? Eine Entscheidung muss getroffen werden. Dabei bedienen wir Menschen uns diversen Möglichkeiten, Optionen zu generieren und von diesen auszuwählen. Das können einfache Heuristiken oder komplexere Theorien sein. Heuristiken in diesem Fall sind sozusagen Trampelpfade im Gehirn. Unter anderem können diese auf vorherigen Entscheidungen in ähnlichen Situationen (Repräsentativitätsheuristik), Abrufbarkeit von Gedächtnisinhalten und Erinnerungen (Verfügbarkeitsheuristik) oder vorstellbaren Lösungen (Simulationsheuristik) basieren. Bei der Take-the-Best-Heuristik werden anhand von wahrgenommenen Cues (Hinweise), diese beleuchtet und die Option gewählt, die am besten entscheidet. Darüber hinaus spielen in der Affektheuristik Emotionen eine wichtige Rolle. In einem entsprechenden emotionalen Umfeld wie dem Sport also relevant. Bei Theorien wie der Langzeit Arbeitsgedächtnis Theorie nach Ericsson & Kintsch wandert die individuelle Expertise und Erfahrung in den Mittelpunkt. Gemäß der Theorie werden mit wachsender Kompetenz schneller die Umwelteinflüsse und Bedingungen zu Situationsmodellen zusammengetragen und im weiteren Verlauf in Schlussfolgerung verarbeitet. All diese möglichen Prozesse, Wahrnehmungen und Abläufe zeigen deutlich, dass es mit der Entscheidungsfindung oftmals gar nicht so einfach ist.
Schnelligkeit oder Qualität? Abhilfe oder Akzeptanz?
Dabei zeigen sich vor allem folgende Ausprägungen als relevant. Die Optionsgenerierung und die Auswahl in Verbindung mit Geschwindigkeit und Qualität der Auswahl. Dabei ist entscheidend zu verstehen, dass es keine allgemeingültige Lösung gibt, sondern diese nach Sportarten auch abweichen können. So scheinen Heuristiken im Fußball eher zu funktionieren als im Handball. Ebenso ist die Anzahl der Optionen relevant. Mehr Optionen bedeutet nicht automatisch eine bessere Qualität der Entscheidung und auch die erste aufkommende Option muss nicht direkt die beste sein. Auch hier stellten Studien (siehe hierzu auch: Handbuch Sport und Sportwissenschaft) Unterschiede fest. Bei stark sequenziellen Sportarten mit vielen Unterbrechungen im Spiel (z. B. Tennis oder American Football) gewinnen Problemlösestrategien und Anpassungsmechanismen an Bedeutung.
In komplexen Situationen, in denen Erfahrungen, Taktiken, Optionsgenerierungen und Auswahl wirken, ist das Trainieren von relevanten Situationen und Möglichkeiten eine Herausforderung. Dabei können aber auch verschiedene Tools Anwendung finden. Entscheidungshilfen können eingesetzt werden, tatsächlich muss uns aber bewusst werden, dass eine Vor- oder Nachteile-Liste keine Methode für den aktiven Spielbetrieb ist. Die Zeit vor der Pass- oder Schuss-Entscheidung ist viel zu kurz, um hier ein solches Tool eingesetzten zu können. Die große Kunst ist hier, die Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis in einem angemessenen Zeitrahmen und Ablauf herzustellen. Eine Möglichkeit aus der Praxis wird im Folgenden beschrieben. Dabei können theoretische Konstrukte wie ein Entscheidungsbaum helfen, die Übungen für das Training zielgerichtet zu gestalten.
Die Macht der Visualisierung
Wer blitzschnell die richtigen Entscheidungen treffen möchte, sollte sich mit dem Thema Visualisierung auseinandersetzen. Denn durch das Vorstellen von verschiedenen Szenarien und Optionen kannst du deinen Geist auf die bevorstehende Entscheidung vorbereiten und somit schneller und sicherer entscheiden. Visualisierung kann helfen, Gedanken zu ordnen und Klarheit zu schaffen. Damit dies nicht nur in der Vorstellung bleibt, kann ein Entscheidungsbaum helfen. Dieser kann auf Basis von Situationen erstellt werden. Wann spiele ich den Ball ab? Wann schieße ich selbst? Wann verteidige ich in die Tiefe? Und was passiert im nächsten Schritt?
Stichwort Entscheidungsbaum:Ein Entscheidungsbaum ist eine grafische Darstellung von Entscheidungsprozessen. Er besteht aus verschiedenen Knotenpunkten, die Entscheidungen repräsentieren, und Verzweigungen, die verschiedene mögliche Ergebnisse aufzeigen. Wenn Sportler:innen häufig vor einer Entscheidung stehen oder diese auch oft zum eigenen Nachteil treffen, kann dieses Tool helfen, um alle möglichen Optionen und Konsequenzen zu visualisieren. Aus Verständnisgründen bleiben wir einen Moment in der Fragestellung: Soll ich den Pass abspielen oder selbst schießen?
Denke an die Chancen statt Risiken
Wenn es um Entscheidungen geht, neigen wir oft dazu, uns auf die Risiken und möglichen negativen Konsequenzen oder Verlusten zu konzentrieren (Verlustaversion). Die Angst, das zu verlieren, was wir glauben zu haben, beschäftigt uns. Bevor wir uns entscheiden, haben wir noch alle Optionen. Danach nicht mehr. Doch was wäre, wenn wir uns stattdessen auf die Chancen und positiven Ergebnisse fokussieren würden? Indem wir uns auf das positive Ergebnis konzentrieren, können wir uns motivieren und unsere Entscheidungen schneller treffen. Natürlich sollten wir auch die möglichen Risiken und Herausforderungen berücksichtigen, aber lassen wir uns nicht von ihnen einschüchtern. Wenn wir uns auf die Chancen konzentrieren, können wir schneller und selbstbewusster Entscheidungen treffen und uns auf den Weg zu unseren Zielen machen. Eine Entscheidung kann in entsprechenden Analysen vorbereitet werden. Verstehe ich, dass aus meiner aktuellen Position heraus der Schuss mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einen Erfolg verspricht, entscheide ich mich entsprechend.
Wie kann ich Entscheidungsschnelligkeit trainieren?
Aber wie trainiert man Entscheidungsschnelligkeit? Dabei gilt es mehrere Ebenen zu beleuchten. Dies ist nicht nur ein kognitives Verstehen von Möglichkeiten, sondern ein Abruf und Umsetzung in kürzester Zeit. Ein Teil davon ist, sich mit der Thematik Reaktion zu beschäftigen. Dies kann dadurch passieren, dass man sich immer wieder in Situationen bringt, in denen man blitzschnell reagieren muss. Zum Beispiel durch gezieltes Reaktionstraining oder durch Simulation von Wettkampfsituationen im Training. Auch mentales oder kognitives Training kann helfen, schneller und effektiver zu entscheiden. Wichtig ist es, sich spielähnlichen Situationen anzunähern oder dies auch mit den taktischen Vorgaben des Spielsystems umzusetzen.
Drilling im American Football.
Wie kann ich Entscheidungen in einem Trainingsumfeld trainieren? Das Training bietet einen strukturierten Rahmen, um mit reduziertem Druck die Möglichkeiten zu trainieren. Der Entscheidungsbaum kann genutzt werden, um dies in eine Übung einzubauen. In der folgenden Darstellung ist eine Übung aufgebaut, mit dem Ziel, grundlegende Handlungsoptionen als Basis für das Spiel zu trainieren. Wichtig ist dabei vorneweg die Entscheidungen klar kommuniziert zu haben und dass die Handlungsalternativen bereits aufgezeichnet sind. Ebenso bietet sich an, ein Bewertungssystem einzusetzen. Dabei durchlaufen die Spieler:innen zwei Entscheidungszeitpunkte (1 und 2). Am ersten Punkt folgt der Ballträger den blockenden Spieler:innen. Sollte sich im zu diesem Zeitpunkt eine Lücke ergeben (die vorher den Blockern angezeigt wird), läuft der Ballträger durch diese Lücke. Am zweiten Entscheidungsfindungspunkt befindet sich eine Spieler:in, die zum Tackle ansetzen kann. Je nach individuellen Fähigkeiten kann die Entscheidung getroffen werden, ob der Kontakt gesucht wird (und man das Tackle durch körperliche Überlegenheit bricht) oder man ausweicht und so versucht, mehr Raumgewinn zu erzielen. Dabei bietet der Aufbau eine Möglichkeit, dies auch nur auf eine Entscheidung zu reduzieren und so auch die Techniken am Punkt zwei vorzugeben, was der Ausbildung der Fähigkeiten dienen soll.
Entscheidungsschnelligkeit, auch ohne großen Übungsaufbau
Weitere Möglichkeiten des Trainings für die Entwicklung der Entscheidungsschnelligkeit findet sich auch im Alltag. Jede Ampel ist ein visuelles Signal, an der die Reaktionsschnelligkeit trainiert werden kann. Indem man das nächste Grün-Zeichen der Ampel oder das akustische Signal verwendet, um zu reagieren, bieten sich auch Möglichkeiten, im Alltag diese Fähigkeiten zu verbessern.
Take Home Message
Entscheidungen sind ein wichtiger Bestandteil des Spiels. Entscheidungen schnell und effektiv zu treffen, kann den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage bedeuten. Aber was ist das Fazit? Nun, es ist einfach: Übung macht den Meister! Je mehr du dich mit Entscheidungen auseinandersetzt und je öfter man sich in entsprechende Situationen begibt, desto einfacher wird es mit der Entscheidungsfindung auf dem Spielfeld. Ein Zusammenspiel zwischen Taktik, Techniken und Training sind essenziell, um dies erfolgreich in den Trainingsalltag einbauen zu können. Kognitive Ressourcen, das Kennen von Handlungsalternativen und die körperliche Umsetzung sind untrennbar und mit entsprechenden Maßnahmen auch zu entwickeln. Dabei ist die Frage an die Trainerschaft, wie viele Möglichkeiten und Handlungsalternativen möchten sie ihren Athlet:innen mitgeben und wie sehr möchten sie freie Gestaltungsräume schaffen? So oder so kann wie in dem oben genannten Beispiel ein stabiles Fundament gelegt werden, das als Basis für weitere (individuelle) Fähigkeitsentwicklung dient.
Pfister, H., Jungermann, H., & Fischer, K. (2016). Die Psychologie der Entscheidung: Eine Einführung. Springer.
Pioch, S. (2021). Quick Guide Wissensbasiert entscheiden: Wie Sie strukturierte Entscheidungen treffen können. Springer Gabler.
Musculus, Lisa & Werner, Karsten & Lobinger, Babett & Raab, Markus. (2019). Entscheiden und Problemlösen: Handbuch Sport und Sportwissenschaft. 10.1007/978-3-662-53385-7_30-1.
Walasek, L., & Stewart, N. (2015). How to make loss aversion disappear and reverse: tests of the decision by sampling origin of loss aversion. Psychology: General, 144(1), 7-11. http://dx.doi.org/10.1037/xge0000039