Thorsten Loch und Prof. Dr. René Paasch: Das Problem Spielsucht im Fußball

Fußball, zweifellos eine der beliebtesten Sportarten weltweit, fasziniert junge Menschen, die davon träumen, eines Tages in den großen Stadien dieser Welt die Massen zu begeistern. Doch hinter den glänzenden Trikots und den jubelnden Fans verbirgt sich eine dunkle Seite, die allzu oft übersehen wird: die Gefahr der Spielsucht. Ein aktuelles Beispiel, das diese Problematik verdeutlicht, ist Sandro Tonali. Ein talentierter italienischer Fußballspieler, der bereits im Alter von 23 Jahren gegen die Dämonen der Spielsucht kämpft. Der Italiener, der aktuell für Newcastle United spielt, ist mit einer mehrmonatigen Sperre belegt worden. Zudem muss er sich einer Therapie unterziehen. Ihm ist nachgewiesen worden, auch auf eigene Spiele gewettet zu haben. Aktuell sind mehrere vergleichbare Fälle im Profi-Fußball bekannt geworden.

Zum Thema: Die Gefahren des Erfolges – Der steinige Weg zum Profifußball

Um das Phänomen der Spielsucht bei jungen Fußballern zu verstehen, müssen wir zuerst den steinigen Weg betrachten, den sie gehen müssen, um ihre Träume zu verwirklichen. Schon in jungen Jahren werden talentierte Spieler oft in Fußballakademien aufgenommen, wo sie intensiv trainieren und ihre Fähigkeiten entwickeln. Der Druck, erfolgreich zu sein und den hohen Erwartungen gerecht zu werden, ist enorm. Immer wieder mit der Entscheidung konfrontiert zu werden, ob man übernommen wird oder nicht, verarbeiten junge Spieler dies auf unterschiedliche Weise. Dieser Druck kann unter Umständen zu starkem Leistungsdruck führen und die jungen Fußballer anfällig für Suchtverhalten machen.

Der Profifußball ist ein Umfeld, das von Geld, Ruhm und dem Drang nach Erfolg geprägt ist. Viele junge Spieler werden von diesem Glamour und der Möglichkeit, ein Leben im Luxus zu führen, verlockt. Doch auf der anderen Seite des Geschäfts lauern auch Gefahren. Der immense Druck, der mit dem Spielen auf höchstem Niveau einhergeht, kann zu Stress und Angstzuständen führen. Sich Hilfe zu suchen, wird immer noch mit dem Stigma der Schwäche assoziiert. Dieser Glaube wird unterstützt durch das medial überrepräsentierte Bild des heroischen Fußballers, während vergessen wird, dass wir alle Menschen mit Stärken und Schwächen sind. Viele Spieler suchen nach einem Ausweg aus diesem Druck und finden ihn oft im Glücksspiel.

Causa: Sandro Tonali

In den vergangenen Jahren hat sich die Problematik der Spielsucht unter jungen Fußballern zunehmend verschärft. Ein aktuelles Beispiel, das die Öffentlichkeit aufhorchen ließ, ist der italienische Mittelfeldspieler Sandro Tonali, aktuell in den Diensten von Newcastle United. Tonali begann seine Karriere in der Jugendakademie von Brescia Calcio. Der zentrale Mittelfeldspieler ist für seine technischen Fähigkeiten, sein Spielverständnis und seine präzisen Pässe bekannt. Dieses Können veranlasste viele Experten dazu, Vergleiche mit den italienischen Legenden Pirlo und Gattuso anzustellen. Spätestens mit seinem Wechsel zum Traditionsclub AC Milan war er kein Geheimtipp mehr. Umso bewundernswerter ist es, dass dieser vielversprechendste Spieler seiner Generation nun öffentlich über seine Spielsucht gesprochen hat. 

Tonali gestand ein, dass er während seiner Freizeit oft in Spielhallen und Online-Casinos gespielt hat, um dem Druck und den Erwartungen zu entkommen. Dies führte zu einer Sucht, die seine Karriere und sein persönliches Leben stark beeinflusst. Hier kommt die grundsätzliche und damit vom Fall Tonali auch losgelöste Frage auf: Wie kann es sein, dass junge Fußballer, denen schier alle Möglichkeiten offenstehen, in die Falle der Spielsucht geraten können? Wir fassen mögliche Ansätze zusammen.

Erklärungsansätze für Spielsucht im Fußball:

1. Druck des Leistungssports: Junge Fußballer, die den Sprung in die Profikarriere schaffen wollen, stehen von klein auf unter enormem Druck. Bereits in der Jugend müssen sie sich in den Nachwuchsleistungszentren und in den Mannschaften beweisen und hohe Leistungen bringen. Dies kann dazu führen, dass sie nach Möglichkeiten suchen, um mit Stress umzugehen und sich zu entspannen. Das Glücksspiel kann in solchen Situationen als ein vermeintlicher Ausweg erscheinen.

2. Reiz des Gewinnens: Fußballer sind oft ehrgeizige Persönlichkeiten, die den Wunsch hegen, immer besser zu werden und erfolgreich aus den Wettkämpfen hervorzugehen. Dieser Wettbewerbsgeist kann sie dazu verleiten, auch außerhalb des Fußballplatzes nach dem Kick des Gewinnens zu suchen. Glücksspiele bieten die Möglichkeit, sich diesen Emotionen schnell und unkompliziert auszusetzen.

3. Einfluss des Umfeldes: Das Umfeld, in dem junge Fußballer aufwachsen und sich bewegen, kann ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Süchten spielen. Wenn sie von Mitspielern, Trainern oder anderen Personen aus dem Fußballgeschäft in das Glücksspiel eingeführt werden, kann dies zu einer Normalisierung führen.

4. Flucht vor Problemen: Spielsucht, aber auch andere Formen von Süchten, können auch als eine Art Fluchtmechanismus dienen. Junge Fußballer stehen oft unter großem Druck, sei es durch Verletzungen, die Erwartungen der Fans, der Öffentlichkeit, des Vereins oder auf persönliche Probleme. Das Glücksspiel bietet eine Möglichkeit, diesen Problemen vermeintlich zu entkommen und für einen kurzen Moment in eine andere Welt einzutauchen. Dieser eskapistische Aspekt kann zu einer gefährlichen Abwärtsspirale führen.

Kein Einzelfall

Die Statistiken der VDV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler) zeigen, dass Tonali kein Einzelfall ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 haben 5,6% der befragten Profifußballspieler angegeben, dass sie problematisches Spielverhalten zeigen. Dieses problematische Spielverhalten umfasst sowohl pathologisches Glücksspiel als auch riskantes Glücksspielverhalten. Weiterhin wurde festgestellt, dass das Risiko für problematisches Spielverhalten bei Spielern höher ist, die jünger sind, niedrigere Einkommen haben und in unteren Ligen spielen. Zudem zeigt sich, dass Spieler, die bereits in jungen Jahren mit dem Glücksspiel begonnen haben, ein höheres Risiko für Spielsucht haben.

Wir möchten betonen, dass die Thematik der Spielsucht unter jungen Fußballern eine ernsthafte Angelegenheit ist, die eine sorgfältige Untersuchung und Präventionsmaßnahmen erfordert. Die Erforschung dieses Problems erfordert eine fachliche und praxisorientierte Herangehensweise, um die Ursachen, Auswirkungen und mögliche Lösungen zu verstehen. Der steinige Weg zum Profifußball, den junge Talente beschreiten, spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Spielsucht. Der Druck, in den Nachwuchsleistungszentren und Akademien erfolgreich zu sein, ist immens. Die psychische Belastung der Spieler muss von Anfang an angegangen und bewältigt werden, um sie vor den Gefahren der Spielsucht zu schützen. Der Einfluss des Profifußballs auf junge Spieler ist nicht zu unterschätzen. Die Verlockung von Geld, Ruhm und einem Leben im Luxus kann junge Talente dazu verleiten, nach Wegen zu suchen, um dem hohen Erwartungsdruck zu entkommen. Der Profifußball bringt in nicht wenigen Fällen Stress und Angstzustände mit sich, die oft im Stillen getragen werden, da die Suche nach Hilfe noch immer mit dem Stigma der Schwäche behaftet ist. Dieses Problem kann durch gezielte Maßnahmen der psychischen Gesundheitsförderung und Aufklärung angegangen werden. Hierbei muss geprüft werden, wie effektiv und nachhaltig die bislang u.a. von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorausgesetzten Präventionsmaßnahmen wirken.

Psychische Gesundheit im Fußball

Die Geschichte von Sandro Tonali verdeutlicht die Realität dieser Problematik. Ein vielversprechender Spieler seiner Generation, der in die Falle der Spielsucht gerät, zeigt, dass dieses Problem jeden treffen kann. Wir müssen die psychische Gesundheit junger Fußballer ernst nehmen und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um mit Druck und Erwartungen umzugehen, ohne auf riskantes Verhalten zurückzugreifen.

Im zweiten Abschnitt dieses Blogbeitrags wurde dargelegt, wie der Druck des Leistungssports, der Reiz des Gewinnens, der Einfluss des Umfeldes und die Flucht vor Problemen wichtige Faktoren bei der Entstehung von Spielsucht bei jungen Fußballern sind. Es ist entscheidend, dass Vereine, Trainer und Familienangehörige von jungen Talenten auf diese Risikofaktoren aufmerksam sind und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergreifen. Die Statistiken der VDV zeigen, dass dieses Problem nicht isoliert ist. Die Tatsache, dass Spieler in unteren Ligen und mit niedrigerem Einkommen einem höheren Risiko ausgesetzt sind, unterstreicht die Dringlichkeit, auf die psychische Gesundheit junger Spieler zu achten und die notwendigen Unterstützungsstrukturen zu schaffen. Insgesamt müssen wir das Bewusstsein für die dunkle Seite des Fußballs und die Gefahr der Spielsucht schärfen. Prävention, frühzeitige Erkennung und psychologische Unterstützung sind entscheidend, um junge Fußballer vor den negativen Auswirkungen dieser Sucht zu schützen. Wir sollten sicherstellen, dass die jungen Talente nicht nur auf dem Platz, sondern auch in ihrem persönlichen Leben erfolgreich sind und in der Lage sind, mit den Herausforderungen des Profifußballs umzugehen.

Fazit

Die Entstehung von Spielsucht bei jungen Fußballern ist ein ernstes Problem, das nicht unterschätzt werden darf. Der Druck und die Erwartungen im Profifußball können junge Spieler anfällig für Suchtverhalten machen. Das Beispiel Tonali und die Daten der VDV verdeutlichen, dass selbst talentierte und vielversprechende Spieler nicht davor gefeit sind. Es ist an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, um die dunkle Seite des Fußballs zu beleuchten und die jungen Talente vor dem Schatten der Spielsucht zu schützen. Prävention beginnt in den Akademien und Nachwuchsleistungszentren, wo Talente geformt werden. Hier muss der Druck, erfolgreich zu sein, auf eine gesunde und nachhaltige Weise gelenkt werden. Vereine, Trainer und Familienangehörige spielen eine entscheidende Rolle dabei, Spieler vor den Risiken der Spielsucht zu schützen. Es ist von höchster Bedeutung, psychologische Unterstützung und Beratung in den Ausbildungsprozess zu integrieren, um sicherzustellen, dass junge Fußballer effektiv mit dem Druck umgehen können, ohne auf riskante Verhaltensweisen zurückzugreifen. Die Offenheit der Spieler gegenüber ihren Problemen und Sorgen muss ermutigt und gefördert werden. Es ist an der Zeit, das Stigma im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit zu brechen, sodass junge Fußballer sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten und über ihre innersten Ängste und Herausforderungen zu sprechen. 

Gern stehen wir von Die Sportpsychologen (zur Übersicht, zum Profil von Thorsten Loch, zum Profil von Prof. Dr. René Paasch) auch als Erstkontakt zur Verfügung, um dann ggf. an weitere Experten weiterzuleiten. 

Verzeichnis der Suchtberatungsstellen und Angeboten

  1. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS): 

https://www.dhs.de/service/suchthilfeverzeichnis

  1. Blaues Kreuz:

https://www.blaues-kreuz.de/de/wege-aus-der-sucht/

  1. Sucht & Drogen Hotline

https://www.sucht-und-drogen-hotline.de/index.html

  1. Gemeinsam gegen Spielmanipulation 

https://www.gemeinsam-gegen-spielmanipulation.de/de/

englische Version: www.together-against-match-fixing.com

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de