Philippe Müller: Besondere Hürden für Frauen bei der Rückkehr in den Sport

Die Individualisierung schreitet im Sport voran. Zurecht sind mit dieser Bewegung längst überfällige Themen, wie beispielsweise “The Female Athlete”, stärker diskutiert und erforscht wurden. Auch wenn es gewisse Themen noch nicht vollends aus dem Tabu-Dasein geschafft haben, wird vielerorts zum Beispiel über Themen wie zyklusbasiertes Training offen gesprochen. Zunehmend findet es in der Praxis Anwendung. Doch wie sieht es mit sportpsychologischen Inhalten hinsichtlich “Frauen und Sport” aus, insbesondere wenn wir uns den Weg zurück in den Sport nach Verletzungen anschauen?

Zum Thema: Psychische Aspekte in der Rehabilitation von Athletinnen

Geschlechtsunterschiede werden in der psychologischen Forschung, auch in der Sportpsychologie, oft erhoben und diskutiert. Projekte, die sich jedoch spezifisch auf Athletinnen fokussieren, sind leider selten. Dennoch gibt es Arbeiten und Projekte, welche die Frauen im Sport ins Zentrum gerückt haben. Ursprung meiner Auseinandersetzung mit diesem Thema war die Einladung zu einer internen Fortbildung einer Physiotherapiepraxis. Seit einigen Jahren tauschen wir uns im Rahmen interner Weiterbildungen über sportpsychologische Themen in der Rehabilitation aus. Für die jüngste Veranstaltung hat sich das Team einen Input über psychische Aspekte in der Rehabilitation von Athletinnen gewünscht.

Swiss Olympic fördert mit der Kampagne «fastHER, smartHER, strongHER» die spezifischen Bedürfnisse der Frau und stellt Informationen für die Praxis zur Verfügung. In einer hier verlinkten Infographik (rz_SWOL_Factsheet_SS+F_Psyche_A4q_de_low.pdf (swissolympic.ch)) wurden auch psychologische Aspekte anschaulich aufbereitet. Dabei wird auf die folgenden Themen eingegangen:

  • Rollenkonflikt Privatperson – Athletin
  • Gewichtung der sportlichen Entwicklung
  • psychische Erkrankungen, wie Depression, Ängste, Burnout
  • finanzielle Ungleichheit
  • Perfektionismus
  • Menstruationszyklus
  • Überbewertung anderer Meinungen
  • emotionaler Unterstützungsbedarf

Besonderer Fokus, zurecht 

Doch welche Faktoren spielen im Zusammenhang mit «Rehabilitation von Athletinnen» eine Rolle? Aus den Informationen der obenstehenden Infografik sowie aus der Literatur lassen sich einige Schlüsse für die Rehabilitation von Athletinnen ziehen.

Frauen sind von Depressionen und Angststörungen, je nach Studie, bis zu zweimal häufiger betroffen als Männer. Im Kontext Sport haben innerhalb der Frauenpopulation Einzelsportlerinnen das höchste Risiko einer Angststörung und Depression (1, 2). Zudem sind Depression und Ängste oft Anzeichen von Übertraining. Athletinnen geben psychosoziale Faktoren im Return-to-sport Prozess häufiger als Hindernisse an als physische Faktoren. Dazu zählen beispielsweise das Gefühl, dass sportliche Aktivitäten mit der Verletzung in Verbindung stehen, das Gefühl der Unklarheit bezüglich der vollen Genesung und der Vergleich mit anderen Personen in der Rehabilitation (3). Diese Bedenken und Gefühle beeinflussen den Rehabilitationsprozess negativ.

Empfehlungen für die Praxis

Wie bereits erwähnt, haben Ängste einen Einfluss auf das Ergebnis der Rehabilitation. Athletinnen, die eine höhere selbstberichtete Angst äusserten, welche zum Beispiel mit der «Tampa Scale for Kinesiophobia» erhoben werden kann, sind weniger aktiv in der Reha und haben ein erhöhtes Risiko auf eine Wiederverletzung (4).

Daraus resultieren folgende Praxisempfehlungen für die Begleitung in der Rehabilitation:

  • Die frühe Integration von Athletinnen, vor allem Einzelsportlerinnen, in ein (Reha-)Team ist von zentraler Bedeutung. Dabei muss beachtet und unterstützt werden, dass der Vergleich mit Personen, vor allem solchen mit einem “besseren” und “schnelleren” Rehabilitationsverlauf, nicht zu negativen Effekten führen.
  • Die Informationsvermittlung stellt einen wichtigen Aspekt dar, um Ungewissheiten und Ängsten entgegenzuwirken. Zudem sollten über psychosoziale Barrieren gesprochen und die Athletinnen aktiv bei deren Beseitigung unterstützt werden.
  • Aufgrund der Bedeutung und dem Einfluss von Ängsten auf den Return-to-sport Prozess, sollten diese möglichst früh in der Rehabilitation mittels geeigneten Tools erfasst und bei Bedarf schnellstmöglich Massnahmen eingeleitet werden.

Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Philippe Müller) helfen euch gern auf eurem ganz individuellen Weg zurück.

Mehr zum Thema:

Literatur:

  1. Pluhar E, McCracker C. Team Sport Athletes May Be Less Likely To Suffer Anxiety or Depression than Individual Sport Athletes. J Sports Sci Med 2019;18:490-6.
  2. Levit M, Weinstein A, Weinstein Y, et al. A study on the relationship between exercise addiction, abnormal eating attitudes, anxiety and depression among athletes in Israel. J Behav Addict 2018;7:800-5.
  3. Iverson GL, Gardner AJ, Terry DP, et al. Predictors of clinical recovery from concussion: a systematic review. Br J Sports Med 2017;51:941-8.
  4. Paterno MV, Flynn K, Thomas S, et al. Self-Reported Fear Predicts Functional Performance and Second ACL Injury After ACL Reconstruction and Return to Sport: A Pilot Study. Sports Health 2018;10:228-33.

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Philippe Müller
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