Start Blog Seite 17

Anke Precht: Drehbuch für die Rede für den Wiedereinstieg nach der Winterpause im Mannschaftssport

Weihnachten, Silvester und Neujahr. Insbesondere im Fußball bieten diese Tage eine kurze Verschnaufpause. Wenn es nach der Winterpause weitergeht, haben TrainerInnen eine ganz besondere Chance, die Mannschaft für die Rückrunden auf einen guten Kurs einzuschwören. Im ersten Training nach dem Break ist ihnen eine besonders hohe Aufmerksamkeit gewiss. Das ist der perfekte Moment für eine kleine Rede, um die SpielerInnen für die Rückrunde zu motivieren, Ziele in Erinnerung zu rufen oder neu zu setzen und sie perfekt zu motivieren, in der zweiten Saisonhälfte alles zu geben, um einen Titel zu kämpfen oder sich in der Tabelle nach oben zu arbeiten oder einen drohenden Abstieg zu verhindern. 

Zum Thema: Kommunikation für TrainerInnen 

Egal, wohin die Reise gehen soll. Der erste Kontakt nach der Pause, die viele in ihrem privaten Umfeld verbracht haben, ist wichtig. Hier steckt eine Menge Potential.

Planerisch sollte darauf geachtet werden, dass möglichst das gesamte Team zusammenkommt, also: SpielerInnen, Trainerstab, weitere Betreuer und gegebenenfalls auch jemand aus der Vorstandsetage oder der sportlichen Führungsebene.

Stichpunkte zur Vorbereitung

Um ein wirklich gutes Drehbuch für eine möglichst perfekte Rede nach der Winterpause in die Tat umzusetzen, bedarf es etwas Vorbereitung. Nutzt gern diese Stichpunkte als Anregung, die ihr auf eure individuelle Situation im Verein anpassen müsst:

  • TrainerInnen begrüßen das gesamte Team. Falls der Vorstand anwesend ist, begrüßt auch er oder sie das Team mit viel Wertschätzung.
  • Kleine Runde durch das Team einschließlich Staff: Die schönsten Erlebnisse aus der Pause werden geteilt. Alle werden gehört und gesehen, ernst oder lustig.
  • Headcoach erinnert an die Ziele des Teams und des Vereins und ordnet ein. Waren die ursprünglichen Ziele zu hoch, wird das offen ausgesprochen und sondiert, was möglich ist. Das wird das neue Ziel. Liegen die Ziele in Reichweite, werden sie bestätigt.
  • Schwierigkeiten im bisherigen Saisonverlauf werden kurz (!) aufgezeigt. Wurden einige davon inzwischen ausgeräumt (ein verletzter Spieler ist zurück, die fehlenden Gelder konnten aufgetrieben werden, und die Prämien werden bald ausgezahlt, o.ä. …) wird das mitgeteilt. Bestehen die Schwierigkeiten noch, wird berichtet, was geplant ist, um die Voraussetzungen zu verbessern.
  • Bisherige Erfolge werden wiederholt, besondere Spiel- oder Wettkampfsituationen, Aufholjagden, Einzelaktionen, gegenseitige Unterstützung, aber auch die lustigsten Situationen im Team. Falls vorhanden, können Fotos oder Videos verwendet werden.
  • Die neuen Ziele für die zweite Saisonhälfte werden noch einmal ganz klar ausgerufen. Das können Ergebnisziele sein (oberes Tabellendrittel / 20 Punkte / …), aber auch Umsetzungsziele (Prozentsatz Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Trainingsteilnahme, Fitnessziele, Zusammenhalt im Team)
  • Die SpielerInnen bekommen die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Feedback zu geben, dem Team etwas mitzuteilen, was ihnen wichtig ist.
  • Die SpielerInnen und alle Betreuer einschließlich Trainerstab werden gebeten, eine Sache zu nennen, die sie für den gemeinsamen Erfolg in den kommenden Monaten tun möchten, und zwar über das hinaus, was sie bereits bisher getan haben. Das können sportliche Aktivitäten sein, aber auch soziale, die den Teamzusammenhalt stärken. Das kann auf einem Plakat dokumentiert und später in die Umkleide gehängt werden. Alternativ: filmen und bei Gelegenheit wieder anschauen.

Darüber hinaus stehen meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zur Profilseite von Anke Precht) gern bereit, euch bei solchen Drehbüchern oder bei der Arbeit an euren Zielen zu unterstützen. Nehmt gern gezielt Kontakt auf.

Mehr zum Thema:

Views: 70

Nathalie Klingebiel: Wie eine App die mentale Stärke von (Nachwuchs)fußballern fördern kann

Social Media ist heutzutage aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Um die 60-mal öffnen wir eine App am Tag. Der Griff zum Handy erfolgt meist schon automatisch und unbewusst. Kann man sich dieses Verhalten vielleicht auch in der Sportpsychologie zu Nutze machen?

Zum Thema: Verankerung der Sportpsychologie im Alltag 

Mit der App „Mindbuddy“ wird dies ein Stück weit möglich. Hier wird das Prinzip der Gamification angewendet, um (Nachwuchs-)Fußballern den Umgang mit Sportpsychologie zu erleichtern und vor allem erlebbarer zu machen. Die Idee dazu hatte Jonatan Tollas Nation, ein ehemaliger norwegischer Profispieler. Während seiner aktiven Fußballkarriere hat er hautnah miterlebt, wie hoch der Bedarf an sportpsychologischer Unterstützung tatsächlich ist. Er hat erfahren, wie viele junge Spieler von Symptomen wie Ängstlichkeit oder Krankheiten wie Depressionen leiden. Aus diesem Grund entschied er sich, aktiv etwas dagegen zu tun und holte sich mit Marius Danielsen einen Experten in Sachen App-Entwicklung sowie den Sportpsychologen Peder Lysholm Daviknes dazu, um aus einer Idee nun Wirklichkeit werden zu lassen. 

Die App beinhaltet vier große Themenbereiche (SMART-Zielsetzung, Visualisierung, Journaling und Spieltagsroutinen), aus denen sich mithilfe von interaktiven Lerntools ein individueller „Statusbericht“ der eigenen mentalen Leistungsfähigkeit ergibt. Die Spieler können SMART-Ziele definieren und regelmäßig ihre Fortschritte überprüfen, um diese nach Bedarf anzupassen. Ihnen werden Tipps und angeleitete Visualisierungen zur Verfügung gestellt und durch Journaling und Routinen rund um einen Spieltag können sie fokussierter und insgesamt mental stärker werden.

Gezielte Programme 

Zudem bietet „Mindbuddy“ verschiedene Mini-Programme, auf die die Spieler in folgenden Situationen jederzeit zugreifen können: In Reha-Phasen nach Verletzungen, beim Übergang vom Nachwuchs- in den Erwachsenen- bzw. Profibereich und bei der Integration neuer Spieler in die Mannschaft. 

„Mindbuddy“ soll nicht nur als „Buddy“ für die Spieler und Spielerinnen dienen, sondern auch für Sportpsychologen und Sportpsychologinnen, die mit ihren Kapazitäten im Arbeitsalltag oftmals an ihre Grenzen stoßen und somit eine wertvolle Unterstützung gewinnen. Die App soll keinesfalls einen Sportpsychologen ersetzen, kann aber durchaus als wichtige Ergänzung zu dessen Arbeit genutzt werden, indem insgesamt mehr Spieler erreicht und somit unterstützt werden können. 

Eigene Erfahrung

Ich merke selbst, wie schwierig es manchmal ist, als einzige Person, Spielern aus acht Mannschaften gleichzeitig gerecht zu werden. Deshalb sehe ich die App als nützliches Hilfsmittel, welches für die Spieler Fortschritte oder Verbesserungspotenzial visualisiert, woran wir dann z.B. in einem Einzelcoaching ansetzen und weiterarbeiten können.

Ich hatte das Privileg, die App während der Entwicklungsphase selbst zu testen und aus sportpsychologischer Sicht dahingehend Feedback zu geben. Meiner Meinung nach können digitale Tools wie „Mindbuddy“ in der Zukunft eine entscheidende Rolle dabei spielen, Sportpsychologie für eine breitere Spielerschaft zugänglich zu machen und ihre mentale Stärke zu fördern bzw. mentale Stärke zu einem festen Bestandteil der Entwicklung junger Spieler zu machen. Aus diesem Grund haben wir uns am NLZ auch dazu entschieden, „Mindbuddy“ in unsere bzw. meine Arbeit zu integrieren, den Spielern dadurch noch mehr sportpsychologischen Support bieten zu können und gleichzeitig der App mehr Reichweite zu verschaffen.

Gewusst wie

Teil der Entwicklungsphase waren auch einige Mannschaften norwegischer Fußballakademien, die die App in ihrer anfänglichen Form nutzen und bewerten konnten. Der Erfahrungsbericht eines 17-jährigen Nachwuchsspielers gibt einen ersten Eindruck, wie sinnvoll es sein kann, mentale Arbeit auf diesem Wege in den Fußball zu integrieren: „Ich wusste, was Mentaltraining ist, aber ich wusste nicht, wie man es macht. Ich habe versucht, mir einige YouTube-Videos anzusehen, aber ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Mit Mindbuddy war es einfach, mit Spieltags-Zielen und Visualisierung anzufangen.“

Mehr zum Thema:

Views: 310

Sportpsychologie, was 2025 kommt

Das Jahr 2025 hat für die Sportpsychologie einige Highlights in petto. Wir weisen hier auf ausgewählte Veranstaltungen und Termine hin. Aber auch Verbände, Vereine, Clubs sowie AthletInnen und Talente können im neuen Jahr von der Sportpsychologie profitieren. Wir von Die Sportpsychologen bieten individuelle Wege zur besseren mentalen Stärke, zu mehr Leistungsfähigkeit und zu mentaler Gesundheit im Sport.

Zum Thema: Termine, Events und Angebote für das Jahr 2025

Bereits Ende Januar starten wir mit dem Netzwerk Die Sportpsychologen richtig durch. In Zusammenarbeit mit Alba Berlin veranstalten wir in Berlin unser internes Netzwerktreffen, in welches wir eine außergewöhnliche Fortbildung von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus integrieren. An der Fortbildung, die am Samstag, den 25. Januar bevorsteht, können auch interessierte SportpsychologInnen, MentaltrainerInnen bzw. Studierende teilnehmen. Hier alle Infos:

https://www.die-sportpsychologen.de/2024/12/fortbildung-psychotraumatologie-im-sport-am-25-januar-2025-in-berlin/

Vom 29. bis 31. Mai 2025 veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland ihre Jahrestagung. Das Event steht unter dem Motto „Advances in Recovery and Stress Research“ und findet in Bochum statt. Mit Kathrin Seufert, Robin Conen, Markus Gretz, Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Christian Hoverath und Norbert Lewinski u.a. sind zahlreiche ProfilinhaberInnen von Die Sportpsychologen zum Beispiel im Rahmen der Praxis Workshops im Einsatz. Mehr Infos: https://asp-tagung.de

Bereits am 25. Februar 2025 bietet die asp den Thementag „Hate Speech“ an, der in Köln veranstaltet wird: https://www.die-sportpsychologen.de/2024/11/asp-thementag-hate-speech-im-februar-2025-in-koeln/

Am 19. September 2025 steht in Innsbruck der Tiroler Tag der Sportpsychologie an. Mehr Infos zu den Inhalten des Events kommen in den nächsten Wochen: https://www.praxistage.com

Angebote Verbände, Vereine, Clubs sowie AthletInnen und Talente

Wir von Die Sportpsychologen bieten auch maßgeschneiderte Angebote für Verbände, Vereine, Clubs sowie AthletInnen und Talente. Seien es Veranstaltungsformate wie Workshops, Keynotes oder Vorträge – durch unsere Vernetzung können wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz flächendeckend Events anbieten.

Natürlich bieten unsere etwa 50 Experten und Expertinnen auch Coachings, punktuelle Kooperationen oder eine langfristige Zusammenarbeit an. Gern entwickeln wir für Verbände, Vereine, Clubs oder Ausbildungseinrichtungen auch Konzepte und Strategien, um die Sportpsychologie professionell, zielgruppenspezifisch und innovativ in die sportliche Arbeit zu integrieren.

Ausblick

Im Netzwerk Die Sportpsychologen wollen wir im Jahr 2025 gezielt Dienstleistungen für und mit Verbänden, Vereinen, Clubs sowie AthletInnen und Talenten entwickeln. Nehmt also gern Kontakt auf, wenn es darum geht, Ideen in die Tat umzusetzen. Darüber hinaus werden wir mit Veröffentlichungen weiter dazu beitragen, die Sportpsychologie noch fester im Sport zu verankern. Nicht zuletzt werden wir über aktive Netzwerkarbeit (Supervisionen, Fortbildungen, Kooperationen und Austausch) Seite an Seite für die Sportpsychologie aktiv.

Mehr zum Thema:

Views: 277

Prof. Dr. Oliver Stoll: Mentale Belastungssteuerung in einem Turnier

Die deutsche Floorball-Nationalmannschaft hat bei der WM in Schweden ein episches Spiel abgeliefert: Im Viertelfinale gegen den Gastgeber, der gleichzeitig Rekordweltmeister ist, stand es bis in die Schlussminuten 2:2-Unentschieden. Schweden wackelte, alle Fans trauten ihren Augen kaum, die deutsche Mannschaft stand knapp vor der größten Sensation in der Geschichte der Sportart. Das Viertelfinale, welches am Ende knapp verloren wurde, kostete dem Team dann aber auf mentaler Ebene das angepeilte Turnierziel. Ein Insiderbericht von mir als Sportpsychologe der deutschen Floorball-Nationalmannschaft.

Zum Thema: Ego-Depletion im Mannschaftssport 

Die Floorball WM ist nun vorbei und die deutsche Mannschaft beendet dieses Turnier auf Platz acht. Das eigentliche Ziel war Platz fünf und damit verbunden die Qualifikation zu den World Games im kommenden Jahr. War dieses Ziel realistisch? Ja, davon waren alle Experten überzeugt, mit denen ich im Vorfeld gesprochen habe. Dass dies schwer werden wird, war klar, aber eben machbar. Auch wenn der Spielplan gegen uns sprach.

Denn die WM startete für Deutschland mit einem freien Tag. Ein wichtiger Regenerationstag nach den ersten Belastungen blieb der Mannschaft damit verwehrt. Los ging es gegen die Schweiz und unser Team verlor unglücklich – schlussendlich deutlich, aber auch nicht unerwartet. Dann wurde Norwegen klar mit 8:3 geschlagen und gegen Tschechien – wie erwartet –  0:8 verloren. Im Achtelfinale traf Deutschland auf Polen. In diesem Spiel zeigte die Mannschaft erneut ihre Klasse: Spiel vier in vier Tagen und ein klarer Sieg mit 10:2. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Ein episches Spiel gegen Schweden

Was dann folgte, kann man mit Fug und Recht ein episches Spiel nennen (siehe hierzu meinen Blogbeitrag „An Tagen wie diesen“). Die Partie gegen den amtierenden Weltmeister wurde mit 2:5 äußerst knapp und erst gegen Ende des Spiels verloren. In diesem Spiel bot das deutsche Team eine nie dagewesene Willens- und damit auch spielerische Leistung. Das war nun das fünfte Spiel in fünf Tagen und für einen kurzen Moment, an Tag fünf plus eins, hatte das Team die Möglichkeit „durchzuatmen“. 

Ein freier Tag stand an. Und Family & Friends durften besucht werden. Eine „Mini-Auszeit“ für alle und dann kam die eigentlich wichtige Phase im Kampf um Platz fünf. Es wartete das sogenannte Halbfinale im Wettbewerb der vier Viertelfinalverlierer. Gegen die Slowakei musste also gewonnen werden, um in das Platzierungsspiel um Rang fünf und damit die World Games einzuziehen. Die Slowaken wurden im Vorbereitungsturnier in Polen geschlagen. Uns war bewusst, dass dieses Spiel natürlich schwer würde, aber eben auch DAS Schlüsselspiel ist, um Platz fünf erreichen zu können. Die Einstellung stimmte, der Optimismus war da – alle wollten, alle gaben erneut „Ihr Bestes“, aber das Spiel ging mit 1:4 verloren. 

Volitional am Ende

Am Tag darauf ging es dann „nur“ noch um die „goldene Ananas“ – also um Platz sieben oder acht – und auch das ging verloren. Nicht weil die Spieler nicht wollten – nein, sie waren „volitional“ am Ende. Nicht körperlich oder, um es mit eher öffentlichkeitwirksamen Begriffen zu umschreiben: Dieser Leistungseinbruch war eher „mental“ als „körperlich“. In der Sportpsychologie nutzen wir für dieses Phänomen auch den Begriff „Ego-Depletion“  oder auch „Ich-Erschöpfung“. 

Damit gemeint ist eine volitionale (willentliche) Erschöpfung, die das Phänomen beschreibt, dass bei aufeinanderfolgenden Aufgaben, die alle eine willentliche Anstrengung (Ich-Kontrolle bzw. Selbstkontrolle) erfordern, die Leistung in den darauf folgenden Aufgaben verringert ist. Die zentrale Annahme des Ich-Erschöpfungs-Modells besagt, dass alle willentlichen Anstrengungen (z. B. Ausdauer bei schwierigen Aufgaben) auf eine allgemeine innere Ressource (Volition, Wille) zugreifen, deren Kapazität begrenzt ist und daher durch Gebrauch kurzfristig erschöpft sein kann. Im Sport existieren hierzu einige spannende Experimente, die zeigen, dass Ego-Depletion mit höherer Wettkampfangst sowie schlechteren Entscheidungen im Spiel zusammenhängen (Furley et. al, 2013;  Englert, 2017). 

Schlüssel liegt in der Belastungssteuerung auf mentaler Ebene

Kann man diese Ressourcen optimieren? Ja, mit einer guten psycho-sozialen Vorbereitung, ähnlich dem körperlichen Training. Im Wesentlichen geht es auch hier um Belastungssteuerung auf einer mentalen Ebene.  

Kann man Ego-Depletion kurzfristig eindämmen (wie in unserem Fall bei der Floorball-WM)? Nein, ein einziger Tag Erholung ist dafür zu kurz. Man müsste eigentlich das gesamte System aus der „Bubble“ herausnehmen und vor allen Dingen bewährte und bekannte Verfahren der Stressbewältigung umsetzen, d.h. auch gedanklich „kognitiv komplett aussteigen“. Hierzu gehören klassische Entspannungsverfahren, Achtsamkeitsübungen, ggf. Meditation, aber auch Tätigkeiten, die nichts mit dem zuvor erlebten und erschöpfenden Handeln zu tun haben. Dafür sind 24 Stunden zu kurz. 

Mehr zum Thema:

Referenzen

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/ich-erschoepfung

Philip Furley, Alex Bertrams, Chris Englert, Ana Delphia, Ego depletion, attentional control, and decision making in sport, Psychology of Sport and Exercise,Volume 14, Issue 6, 2013, Pages 900-904, https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2013.08.006.

Chris Englert, Ego depletion in sports: highlighting the importance of self-control strength for high-level sport performance, Current Opinion in Psychology, Volume 16, 2017, Pages 1-5, ISSN 2352-250X, https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2017.02.028.

Views: 94

Bogomil Poliakov: Flow-Erfahrungen sind für mich nur ein Nebenprodukt

Schon auf den ersten Blick ist Bogomil Poliakov (zur Profilseite) ein sehr interessanter Neuzugang im Team von Die Sportpsychologen: Pendelt der junge Mann doch zwischen der fränkischen Metropole Nürnberg und der bulgarischen Hauptstadt Sofia durch die Sportpsychologiewelt. Spannend sind auch seine eigenen sportlichen Erfahrungen, die er in seine Arbeit einfließen lässt. Etwa in Bezug auf Entspannungstechniken. Mehr dazu im Interview, welches Redaktionsleiter Mathias Liebing geführt hat.

Bogomil, du pendelst zwischen Nürnberg und Sofia. Was unterscheidet die fränkische Metropole und Bulgariens Hauptstadt auch in Bezug auf das sportpsychologische Arbeiten?

Also erstmal generell wird die fränkische Metropole durch ein gemütliches Lebensgefühl, traditionelle und leckere Küche, gesellige, bodenständige und herzliche Menschen, womit man auch ganz toll über alles mögliche reden könnte, wunderschöne Ausflüge ins Grüne, und zwar direkt mit den Öffis, v.a. mit den S-Bahnen  (nach Bamberg, Bayreuth, Ansbach, in den Landkreis Nürnberger Land, in die fränkische Schweiz zum (Bier-)wandern, Klettern etc.) gekennzeichnet. Man kann entlang der vielen hervorragend ausgebauten Wege und Pfade schön wandern, radeln, an Sportgruppen in der Stadt, z.B. Capoeira, Feldenkrais etc., teilnehmen, in einem Sportverein am Tag der offenen Tür aktiv werden. Ich war zusätzlich Gründungsmitglied einer Zweigstelle der Capoeiragruppe in Ansbach. Leider war das Projekt kurzlebig. Ich habe Selbstverteidigung und Krav Maga danach in denselben Fitnessräumen bis zu einem wichtigen Schnittpunkt, genauer: meiner sportlichen Verletzung, trainiert. Man kann schön und gemütlich in die Therme im Nürnberger Umfeld fahren, nach Bad Windsheim, Bad Staffelstein usw., in tollen Hallenbädern der Stadtwerke, z.B. im Nordosten Nürnbergs, schwimmen und im Warmbecken nach dem Training die Muskeln entspannen. 

Das sportliche Angebot in und um Nürnberg ist für mich sowohl für Individualsportler als auch für Teamevents enorm und vielfältig. 

Ich habe bis zum Beginn meiner freiberuflichen Tätigkeit als psychologischer Berater im Jahr 2022 vor allem Erfahrungen im klinisch-psychologischen Bereich gesammelt und mich mit verschiedenen Experten und Supervisoren im Feld der klinischen Psychologie und Psychotherapie vernetzen können. Seit Mitte 2022 bin ich in meiner alten Heimatstadt Sofia ansässig und seit ca. Anfang 2023 pendele ich zwischen Sofia und Nürnberg. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, jedoch schöpfe ich Kräfte aus sinnvollen privaten Aufgaben, die ich hier vor Ort neben der beruflichen Tätigkeit übernehmen kann. Der Fokus auf konstruktive Alltagsgestaltung hält mich auf Trab.

Damit zu Sofia: Das moderne Lebensgefühl ist durch Großstadtfeeling, Hektik, positiven Stress und eng bebaute Räume gekennzeichnet. Jeder eilt irgendwohin, keiner grüßt so richtig und nimmt sich selten Zeit für ein Schwätzchen. Das sportliche Angebot wächst beständig und ich bin überrascht über die Vielfalt und die kurzen Meldewege. Mittlerweile praktizieren z.B. in Wiener Akademien ausgebildeten Feldenkraispädagogen in Gruppen- und Einzelunterricht. Das Angebot an Capoeiravereinen, Physiotherapie- und klassische TCM Praxen war bereits vor ca. zehn Jahren groß. Die Infrastruktur von Hallenbädern ist ausbaufähig und manche Anlagen sind sanierungsbedürftig. Sanierungsstau in Sporthallen ist keine Ausnahme, jedoch könnte man top ausgestattete neue Sportanlagen finden, vorausgesetzt man nimmt sich ausreichend Zeit zum Recherchieren und zum Ausprobieren. Saunalandschaften gibt es auch zu Genüge. Klassischerweise werden Gruppensportarten wie Fußball, Basketball, Volleyball (auch die internationalen Erfolge) gesellschaftlich hoch angesehen und die Sportler erreichen auch mal Kult- und Werbungsstatus (Dimitar Berbatow mit einer Akademie für Jugendtalente oder Hristo Stoitschkow mit dem Ball D’Or sind nur einige bekannte Beispiele).

Allerdings fehlt auch dem Fußball Berufsverband an Mitteln für Drittprojekte, was ein brandaktuelles Thema in den lokalen Sportmedien ist. Kurzum: Hervorragende Leistungen von Einzelsportlern und Krisen durch fehlende Finanzierungen für Ausbildung und Training im Gruppensport prägen das sportliche Bild vor Ort. 

Deswegen stellt sich das sportliche Arbeiten vor Ort in Sofia vor allem als eine Privatinitiative dar, dass heißt üblicherweise in einer (sport-)psychologischen Privatpraxis mit Einzelpersonen oder als Zusammenarbeit mit NGO-Initiativgruppen, z.B. mit einer Jugendtalentakademie usw. 

Du arbeitest sportpsychologisch gern und häufig digital. Welche Vorteile bietet die digitale sportpsychologische Praxis im Gegensatz zur Arbeit in Präsenz?

Meine digitale sportpsychologische Praxis bietet mir die Vorteile der räumlichen und zeitlichen Flexibilität. Ich könnte morgens und abends, z.B. ab 17 Uhr nach den üblichen Arbeitszeiten, Beratungstermine anbieten. Ich kann die Beratungsschwerpunkte und -ziele gemeinsam mit den Kunden bestimmen und Beratungsprozesse flexibel begleiten, z.B. intensive wöchentliche Beratungen zu Beginn oder phasenweise Follow-Up Termine je nach Bedarf der Kunden anbieten. 

Ich kann mir mehr oder minder die Fort- und Weiterbildungsthemen und -zeitpunkte frei wählen bzw. mit Supervisoren vor Ort oder digital absprechen und daran teilnehmen. 

Mit Hilfe der Online-Praxis konnte ich meinen Lebensstil mit dem Beruf relativ erfolgreich vereinbaren. Ich nehme mir beispielsweise lieber drei Mal in der Woche Zeit fürs entspannte Kochen als auswärts zu essen. Das ist mir wichtig! 

Anfangs dachte ich, dass ich im Gegensatz zur Präsenzarbeit mehr reisen könnte und möchte. Das ist allerdings abgesehen von Fortbildungen und wenigen Auszeiten im Vergleich dazu fast identisch geblieben, was ja okay ist, denn Routine und Struktur im Alltag erlebe ich für mich nahezu ausschließlich positiv. Die Freiberuflichkeit beansprucht sogar verhältnismäßig mehr mentale „Präsenzzeit“ von mir, denn die Nachrichten trudeln schnell ein und ich bin gerne für alle Anfragen irgendwie schon bald ansprechbar. 

Du praktizierst selbst interessante Entspannungstechniken, zum Beispiel das „stille Sitzen“. Beschreib bitte bitte die Methode und welche Erfahrungen machst du damit?

Da ich bisher keine Schwimm- und Saunalandschaft für geeignet erklärt habe, konzentrierte ich mich auf Entspannungstechniken, die mir in der Vergangenheit zu mehr Ruhe verholfen haben. Mit dem stillen Sitzen bezeichne ich eher eine klassische Form der Meditation und Kontemplation. Die klassische Meditation bezieht sich vor allem auf die privaten Ich-bezogenen Erfahrungen, z.B. die Wahrnehmung der eigenen Gedanken, Emotionen, Körperempfindungen und Impulse, z.B. nehme ich manchmal einseitige Muskelverspannungen während der 25 minütigen Sitzeinheiten wahr. In der Regel geht es mir danach körperlich und mental besser. Ich kann freier atmen und mich schwungvoller bewegen. Genauso ordnen sich meine Gedanken, dazu lasse ich einige negative Gedankenkreise automatisch von mir fallen.

Die Grenzen zwischen Meditation und Kontemplation sind sehr fließend und theoriegeleitet. Dazu empfehle ich ein klassisches Werk von W. Massa „Kontemplative Meditation. Die Wolke des Nichtwissens. Präzise Anleitung zur kontemplativen Meditation in Parallele zum Zen.“ Also beim kontemplativen, stillen Sitzen geht es darum, alle privaten Erfahrungen von sich zu weisen („unter die Wolke des Vergessens zu stellen“), mit dem konzentrierten, sinnenhaften und emotionalen Fokus (mit einem „liebenden Aufmerken“) und wenn nötig mit einem fokussierenden Wort, sich an die Ganzheit der Erfahrung („die Wolke des Nichtwissens zu durchbrechen“) zu richten. Sobald ich Sorgen und anderweitige Emotionen auf die Wolke werfen kann, stellt sich häufig eine entspannende Wirkung ein. Ich übe mich in einer Kombination aus emotionaler Durchlässigkeit und professioneller Distanz.

Neben der oben beschriebenen kontemplativen Entspannung könnte man sich genauso gut durch ein aktives Leben auf die Ganzheit der Erfahrung im Alltag fokussieren, z.B. im sportlichen Flow wird man ja teilweise ein Teil vom Ganzen der Erfahrung, Grenzen der eigenen Leistung verschwimmen und manchmal werden Höchstleistungen erbracht usw. Wobei die Flow-Erlebnisse („die Gipfelerfahrungen“) kein eigentliches Ziel, sondern Nebenprodukte der Meditation, Kontemplation und des aktiven Lebens darstellen und ruhig schnell von sich gewiesen werden könnten. 

Mehr zum Thema:

Views: 73

Prof. Dr. Oliver Stoll: An Tagen wie diesen…

Ich habe wirklich schon viel erlebt in meiner eigenen sportlichen Karriere, aber auch in meiner fast 30-jährigen Laufbahn als Sportpsychologe. Und eigentlich fällt mir auch immer etwas ein, was ich sagen könnte, aber am ersten Viertelfinaltag der Floorball-WM 2024 erlebte ich etwas, was so besonders war, sowohl sportlich auch als „mental“, dass selbst mir die Worte fehlen. Ich war sprachlos und ich suche noch immer eine Erklärung für das, was dieses deutsche Team in Malmö gezeigt hat. Aber beginnen wir mal etwas früher. 

Zum Thema: Turnierbeobachtungen eines Sportpsychologen

Wer meinen Blog-Beiträgen folgt, weiß, dass ich aktuell in Malmö bei der Floorball WM bin und die deutsche Herren-Nationalmannschaft begleite und berate. Kennen gelernt habe ich das Team und Staff vor knapp einem halben Jahr auf zwei Zusammenzügen der Mannschaft in der Slowakei und in Polen. Schon da habe ich gesehen, dass diese Mannschaft eine besondere ist. Keine Animositäten, sehr diszipliniert und offen in der Kommunikation, das Trainer-Athleten-Verhältnis sehr balanciert und alle hatten den Blick nach Malmö gerichtet.

Betrachtet man die Ergebnisse dieser Vorbereitungsturniere, dann könnte man zusammenfassen: Vieles läuft – wie erwartet, aber dennoch ist „Luft nach oben“. Im Prinzip ordneten sich die Jungs unter den Top-8-Teams der Welt ein. So waren eben auch die Ergebnisse. Schon in dieser Zeit hatte ich einige individuelle Gespräche, konnte einiges an Psychoedukation umsetzen, die Trainer in Sachen Kommunikation beraten und natürlich haben wir auch Entspannungsverfahren ausprobiert, die vor allen Dingen die mentale Erholung unterstützen sollten. 

Fehler in Malmö erkannt

In Malmö angekommen war die Vorfreude groß und natürlich war auch bei einigen Spielern die Anspannung anzusehen, die aber regulierbar war (und ja auch irgendwie dazu gehört). Wir trainierten einmal, und spielten dann. Das erste Gruppenspiel gegen die Schweiz sollte bestenfalls gewonnen werden, aber auch eine Niederlage wäre kein Beinbruch. Die 2:8-Niederlage klingt schlimmer als sie war. Im Debriefing wurden die Fehler eindeutig erkannt und von den Trainer sowie vom Team offen angesprochen. Das Ergebnis: Keinerlei Spannungsverlust, kein Stimmungsabfall und eine weiterhin positive Sicht nach vorn.

Es folgte ein sehr starker 8:3-Sieg gegen Norwegen. Auch das ist durchaus nicht selbstverständlich. Bis 2018 kassierte man noch zweistellige Niederlagen gegen Norwegen. Die jüngsten drei direkten Vergleiche wurden jedoch mit einem Sieg abgeschlossen. Auf dem Feld war eine geschlossene Gruppe zu beobachten, die Lösungen nach vorn entwickelte und umsetze. Damit war dann auch schon eine gute Grundlage für das weitere Turnier gesetzt.

Keine Klatsche, trotz 0:9

Am abschließenden Gruppenspieltag darauf ging es wieder gegen eine Top-4-Nation: Tschechien. Die 0:9-Niederlage könnte man auf den ersten Blick als eine „Klatsche“ bezeichnen, war sie aber nicht. Die Tore fielen im Wesentlichen auf der Basis individueller Fehler – das System an und für sich spielte stabil. Auch hier half das sehr offene und konstruktive Debriefing dieses Spiels. Das Team konnte einen „Haken“ dransetzen und das Gelernte mitnehmen.

Das Playoff-Match gegen Polen um den Einzug ins Viertelfinale wurde ziemlich souverän mit 10:2 gewonnen werden und im Debriefing wurden vor allen Dingen auf die eigenen Stärken fokussiert, insbesondere auf unsere Defensiv-Stärke. Und nun ging es – früher als erwartet – im Viertelfinale gegen Weltmeister Schweden.

Innen- und Außensicht

Das Team wusste natürlich genau, was und wer da kommt. Die deutschen Niederlagen seit 2004 bewegten sich so zwischen 0:13 und 4:19 vor zwei Jahren. Niemand gab im Vorfeld einen Pfifferling auf die deutsche Mannschaft in diesem Spiel. Innerhalb des Systems sah es ganz anders aus. Die Trainer stellten die Truppe aus meiner Sicht optimal ein. Vor allen Dingen ging es darum, so lange wie möglich mithalten zu können. Eine stabile Abwehrleistung zu zeigen und schnelle sowie konsequente Entscheidungen zu treffen, wenn es nach vorn gehen sollte. Und genau das ging direkt in die Köpfe der Spieler.

Hinzu kam der enorm hohe Mannschaftszusammenhalt, der sich im vergangenen Jahr entwickelt hat sowie die Freude – und auch hier bei den Rookies – gegen die Schweden spielen zu dürfen. Die Atmosphäre schon im Bus zur Anfahrt war sehr speziell. Der Gang durch die Katakomben in die Kabine war fokussiert, das Warm-Up zunächst gelassen und mit viel Spaß umgesetzt und das strukturierte Warmup erfolgte sehr konzentriert. Was ich dann beim „Walk-In“ in den Augen der Jungs gesehen habe, war sehr besonders. Der Respekt vor dem Top-4-Gegner, den sie noch beim Schweiz- und beim Tschechien Spiel hatten, war komplett verschwunden. Und dann folgten 60 Minuten „Weltklasse-Floorball“ vom Feinsten.

Energie mit Händen zu greifen

Das Team spielte – wie ein echtes und unglaublich überzeugtes Team. Da war eine Abwehrwand, die für die Schweden kaum zu überwinden war. Jeder erfüllte seine Aufgabe, das sehr physische Spiel der Schweden wurde angenommen und genau so zurückgegeben. Am Ende des 1. Drittels stand es 1:1. Die Energie, die in der Drittelpause in der Kabine in der Luft lag, ließ sich deutlich spüren – beinahe mit Händen zu greifen. Und trotzdem – sie blieben „auf dem Boden“ und wollten genau da weiter machen, wie man begonnen hat.

Im zweiten Drittel gab es keinen Bruch. Die Mannschaft machte genau da weiter, wo das erste Drittel endete. Jeder lief für jeden, jeder hielt dagegen mit allem, was er hatte. Das Abwehrbollwerk stand wie eine Wand und ein Rookie erlaubte sich kurz nach dem 1:2-Rückstand, erbarmungslos zurückzuschlagen: Ausgleich 2:2. So ging es in die Drittelpause und ich konnte das erste mal ein kleines Lächeln auf den Gesichtern einiger Spieler sehen. Aber immer noch war diese starke Präsenz zu spüren. Körperlich – mental – Energie pur. Und allen war in dieser Drittelpause klar, dass an diesem Tag etwas außergewöhnliches passieren konnte.

Nervöse Schweden

Und das nach fünf Spielen an fünf aufeinanderfolgenden Tagen (die Schweden hatte zuvor zwei Tage Pause) – also in einer reinen objektiv zu betrachtenden physischen und psychischen Ausnahmesituation. Und die Jungs gingen auf das Feld mit entschlossenem Blick, und der Überzeugung alles zu geben, was sie noch hatten.  Und so ging es weiter. Nach 50 Minuten rieb ich mir ungläubig die Augen – es stand noch immer 2:2. Was wäre hier wohl los, wenn wir in Führung gehen würden?

Die Bank der Schweden verhielt sich zunehmend nervöser. So richtig fand man keine Lösung gegen diese Deutschen. Dann fiel das 3:2 der Schweden und es hätte sein können, dass das Team jetzt einbricht. Nichts davon war zu sehen. Die Jungs, fighteten, rannten und unterstützen sich gegenseitig weiter, als stünde man in einem Finale.

Unbändiger Wille, bis zum Schluss

In den letzten Minuten fiel dann das 4:2 und das 5:2, weil der Coach den Goalie zugunsten eines zusätzlichen Feldspielers einsetzte. Man kassierte sogar noch eine Zwei-Minuten Strafe kurz vor Schluss und die Jungs stellten auf Manndeckung um. Was für eine mutige und energieaufwendige Entscheidung. Da unten spielte ein Mannschaft mit einem unbändigem Willen. Und die Uhr tickte nach unten – das Team lief und kämpfte.

Am Ende steht da eine 2:5-Niederlage. Gegen Schweden. Nie, niemals zuvor war es so knapp. Hätte man das den Jungs am Anfang des Spiels angeboten, wahrscheinlich hätten sie es genommen. Aber nach dem Spiel: Nein! Alle wussten, hier wäre an einem Tag wie diesem in Malmö mehr drin gewesen.

Kein Glück, ein Wunder

Ein kleines Detail fällt mir noch ein. Am frühen Nachmittag im Kabinengang. Da wünschten uns die Polen „Good Luck“. Daraufhin sagte einer unserer Trainer: „We don`t need luck, we need a fucking miracle“. Diese Märchen lag in der Malmö Arena wirklich in der Luft. 

Mehr zum Thema:

Views: 220

Christian Bader: Emotionen von der Ersatzbank

Im schwedischen Malmö findet in der ersten Dezemberhälfte die Floorball-WM statt. Der tschechische Profi Matej Havlas wurde in einem Interview im Fachmagazin unihockey.ch auf die leeren Ränge und die fehlenden Zuschaueremotionen in den Vorrundenspielen angesprochen. Seine Antwort: Es sei für das Team und den Staff schwieriger, die nötige Spannung zu finden, wenn die Emotionen von aussen fehlen. Schauen wir uns das mal aus sportpsychologischer Sicht an.

Zum Thema: Die Herausforderung der mentalen Spannung im Sport: Ohne Zuschauer im Stadion

In leeren Stadien fehlt die emotionale Unterstützung der Zuschauer. Im Fussball wird oft vom „12. Mann“ gesprochen. Die Zuschauer im Stadion erzeugen eine Atmosphäre, die Spieler dazu anspornt, ihr Bestes zu geben. Jubel, Applaus und allgemeine Aufregung setzen Adrenalin frei, was im Ergebnis die Leistung positiv beeinflussen kann. Fehlen diese externen Reize, müssen Sportler mehr auf ihre inneren Ressourcen zurückgreifen, um die nötige Anspannung und Fokussierung zu erreichen. Dies erfordert verstärkte interne Motivationsstrategien und Selbstdisziplin – was den psychologischen Druck erhöht.

Eigenverantwortung reloaded

Ohne Zuschauer fällt es den Sportlern schwerer, sich selbst zu motivieren. Die Eigenverantwortung für das Aufrechterhalten der mentalen Spannung wächst. Dies führt zu einer intensiveren inneren Auseinandersetzung, bei der die Sportler ständig an sich arbeiten müssen, um die erforderliche mentale und emotionale Stärke aufrechtzuerhalten. Es ist, als müsste man ein inneres Feuer am Brennen halten, ohne dass externe Funken hinzugefügt werden. Die Emotion kann sich ein Team zum Beispiel geben, indem es positive Aktionen auf dem Feld bejubelt. Dies kann man sehr oft im Unihockey (so heisst es in der Schweiz, in Deutschland mittlerweile Floorball) beobachten.

Auch der Trainerstab spielt eine zentrale Rolle dabei, die nötige Spannung und Motivation innerhalb des Teams zu erhalten. Ohne die unterstützende Atmosphäre eines Publikums müssen Trainer und Betreuer zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um die Spieler mental auf das Spiel vorzubereiten und ihnen den nötigen Ansporn zu geben. Dies kann durch gezielte Motivationsgespräche, Visualisierungstechniken und die Schaffung von simulierten Wettkampfsituationen erfolgen.

Praktische Beispiele aus der Sportpsychologie

  1. Visualisierung: Athleten können sich vorstellen, wie sie erfolgreich sind, um ihre mentale Stärke zu stärken. Zum Beispiel kann ein Unihockeyspieler sich vorstellen, wie er ein Tor erzielt oder einen Schuss blockt, um seine Konzentration zu verbessern.
  2. Atemtechniken: Durch gezieltes Atmen können Sportler ihre Nervosität reduzieren und sich besser konzentrieren. Ein Beispiel wäre das tiefe Ein- und Ausatmen, um sich zu beruhigen.
  3. Positive Selbstgespräche: Athleten können sich selbst ermutigende Worte zuflüstern, um ihre Motivation zu steigern. Zum Beispiel: „Ich kann das schaffen, ich bin stark.“
  4. Rituale und Routinen: Regelmässige Routinen vor dem Wettkampf können helfen, den „Wettkampfmodus“ einzuleiten. Ein Beispiel wäre das Tragen bestimmter Kleidung oder das Durchführen bestimmter Übungen vor dem Spiel. Oft haben Teams bei einer WM-Kampagne ein Motto und kreieren über die Geschichten dazu die nötigen Emotionen. Oder das gegenseitige Pushen bei gelungenen Aktionen führt dazu, dass das Erregungsniveau im Körper angeregt wird resp. erhalten bleibt.

Netzwerk für Sportpsychologie

Wir hier im Netzwerk Die Sportpsychologen verfügen über viel Erfahrung im Floorball bzw. Unihockey. Kommt gern auf uns zu, wenn ihr auch mental durchstarten wollt. Wir freuen uns in jedem Fall schon auf die WM-KO-Phase, in der sicher dann auch in Malmö die Hallen voller werden dürften. 

Mehr zum Thema:

Views: 80

Fortbildung: Psychotraumatologie im Sport am 25. Januar 2025 in Berlin

Am Samstag, den 25. Januar, bieten Die Sportpsychologen in Berlin eine Fortbildung zum Thema Psychotraumatologie im Sport an. Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil), Arzt, Therapeut, Trainer, Coach und sportpsychologischer Coach, führt durch die Fortbildung. Er vermittelt Grundwissen und liefert praxisrelevante Werkzeuge für SportpsychologInnen, sportpsychologische ExpertInnen und qualifizierte Mentaltrainerinnen. Explizit eingeladen sind auch Studierende aus dem Themenfeld Sportpsychologie. 

Die Veranstaltung findet in der Geschäftsstelle von Alba Berlin statt. Die Unterstützung wird durch Elisa Lierhaus (zum Profil) von Die Sportpsychologen möglich, welche in der Frauen-Abteilung des Berliner Basketballclubs als Sportpsychologin arbeitet. Im Anschluss an die Fortbildung haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, das Basketball-Bundesligaspiel der Alba Frauen gegen die TK Hannover Luchse zu verfolgen.

Fortbildung

Wir haben Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) gefragt, was alle Teilnehmenden von der Fortbildung erwarten dürfen:

“Sport, vielleicht sagen wir auch besser körperliche Betätigung, ist mittlerweile eine anerkannter Wirkfaktor in der Therapie zahlreicher psychischer Störungen, teilweise mit vergleichbaren Wirkungen von Psychopharmaka. Dies gilt auch für die Traumafolgestörungen.

Doch gerade der Leistungssport kann auch Verursacher psychischer Störungen sein, wie z.B. Depressionen, Burn Out und Essstörungen. Traumatische Erlebnisse im Sport können Auslöser sein und auch zu Traumafolgestörungen wie PTBS und Angststörungen führen. Die traumatischen Erlebnisse können zum Beispiel Verletzungen sein, Folgen von Mobbing oder auch die Art und Weise der Trainingsführung und der bestehende Leistungsdruck.

In diesem Workshop wollen wir uns gemeinsam mit den Grundlagen der Psychotraumatologie befassen, mit dem, was das sportpsychologische Coaching hier leisten kann und wann es auch Zeit ist, den Sportler in Hände eines erfahrenen Traumatherapeuten zu geben.”

Infos

Sa., 25. Januar, Berlin

13:00 – 17:00 Fortbildung von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus von Die Sportpsychologen (zum Profil

Thema: Psychotraumatologie im Sport

Ort: Konferenzraum in der Geschäftsstelle von Alba Berlin, Cantianstraße 24, 10437 Berlin (Prenzlauer Berg)

Qualitätssicherung: Auf Anfrage werden 6 Fortbildungspunkte (asp) angerechnet.

Kosten: 

für ProfilinhaberInnen von Die Sportpsychologen: kostenlos (hier Mitglied werden),

für Externe: 140 EUR zzgl. MwSt.,

für Studierende: 80 EUR zzgl. MwSt.

Anmeldung:

You agree to receive email communication from us by submitting this form and understand that your contact information will be stored with us.

Mehr zum Thema:

Views: 255

Prof. Dr. Oliver Stoll: Von Leipzig über Hamburg nach Kopenhagen, Kalmar, Växjö oder Malmö?

Es ist zugegeben eine kleine Weile her, da bekam die deutsche Fußball-Nationalmannschaft reichlich medialen Ärger, dass sie für die Strecke zwischen Stuttgart und Basel den Flieger anstelle eines Busses genommen hat. Für Floorball-Nationalspieler sieht die Sportwelt anders aus: Dies beschreibe ich in diesem Text. Und ich zeige auf, was es für ein Vergnügen ist, in einem solchen Arbeitsumfeld sportpsychologisch tätig sein zu dürfen. Ich genieße es gerade sehr, in der ersten Dezemberhälfte 2024 das deutsche Nationalteam bei der Floorball-WM in Malmö zu begleiten. Aber erst einmal muss ich erklären, was es mit dem Titel des Beitrags auf sich hat.

Zum Thema: Auftragsvorbereitung, Beziehungsaufbau und Resilienz in der Zusammenarbeit mit Auswahlmannschaften

Alles begann im Mai, anlässlich des Final4 von Floorball Deutschland, an dem wir eine kleine Satelliten-Tagung für junge Sportpsychologinnen und Sportpsychologen durchführten und wir zu einer Trainerfortbildung eingeladen waren. Da sprach mich der Bundestrainer Martin Brückner an, ob ich nicht Lust hätte, die Mannschaft bis hin zur WM sportpsychologisch zu unterstützen. Ich habe nicht lange nachgedacht und zugesagt. 

Floorball und ich – wir sind ja doch irgendwie alte Freunde. Aber das ist eine andere Geschichte. Nach nun zwei Trainingslagern in der Slowakei und in Polen (samt Turnier) in diesem Jahr, geht es nun los. Natürlich musste ich die Spieler alle erst einmal kennenlernen und mir ein Bild von diesem „System“ machen. Alles fühlt sich ganz gut an, gerade. Was wird auf uns zukommen? 

Erholung steuern als sportpsychologische Aufgabe 

Ab Sonntag, den 8. Dezember, jeden Tag ein Spiel. Und wir beginnen gegen einen besonderen Gegner – gegen die Schweiz. Ein Team, das zu den Top-4 Nationen gehört und eine Mannschaft ist, die Deutschland noch nie geschlagen hat. 

Aber, was wird wohl meine Aufgabe als Sportpsychologe sein? Das weiß ich schon sehr genau. Jeden Tag spielen bedeutet eine hohe Belastung für die Spieler, sowohl physisch als auch psychisch und darum wird es wohl im Schwerpunkt bei mir gehen. Die Spieler müssen schnell zur Ruhe kommen, nicht lange grübeln und möglichst schnell schlafen. 

Kommunikation als Arbeitsschwerpunkt

Außerdem geht es viel um Kommunikation auf der Bank, während der Auszeiten und auch auf dem Spielfeld. Das haben wir schon in den vergangenen beiden Trainingslagern zum Schwerpunkt gehabt. Und natürlich geht es letztendlich auch um Ergebnisse. Wir werden gewinnen, aber auch verlieren – davon ist auszugehen. Und ein funktionaler Umgang, insbesondere mit Niederlagen, kann die Mannschaft stärker machen. Vor allen Dingen, wenn es in die K.O.-Runde und um den Kampf um die Platzierung im Turnier geht. 

Die Vision der Jungs ist Platz fünf, was mit der Qualifikation für die World Games im kommenden Sommer gleichzusetzen ist. Eine schwere Aufgabe, aber im Bereich des Möglichen, wenn alles super läuft. 

Besondere Herausforderungen

Ich persönlich freue mich auf die Herausforderung in den kommenden 14 Tagen. Und nun kläre ich mal meine Überschrift auf: Kopenhagen, Kalmar, Växjö und Malmö? Tja, ich stieg am Montagmorgen, also am 2. Dezember, um 8:18 Uhr in den Zug in Richtung Norden ein. Dort traf ich Ferdinand Ondruschka und Hannes Langenstraß, die für Weißenfels und Chemnitz in der Bundesliga spielen und eben auch zur Nationalmannschaft gehören. Genauso wie ich, haben sie dieses Reisemittel gewählt. Wir fuhren zusammen bis Hamburg und bekamen auch noch den Zug nach Kopenhagen – aber dann wurde es tragisch, denn der Zug hatte schon in Hamburg eine Stunde Verspätung. Den Anschluss in Kopenhagen nach Kalmar (zum Vorbereitungslager) haben wir um eine Minute verpasst und da waren wir nun in Kopenhagen gestrandet. Aus der dänischen Metropole fuhr kein Zug mehr nach Kalmar. Also – Krisensitzung – was tun? Wir nehmen den Zug nach Växjö, was eine Stunde entfernt von Kalmar ist – da werden wir die Nacht verbringen, in einem Zimmer mit drei Betten und uns dann morgen nach Kalmar durchschlagen, denn um 10 Uhr ist ja das erste Training terminiert. 

Da sage ich mal – so etwas ist psychologisch wertvoll! Und eine besondere Möglichkeit des „Beziehungsaufbaus“ und der Entwicklung von Stressresistenz. So etwas erlebst du bei der Fußball-Nationalmannschaft sicher nicht.

Mehr zum Thema:

Interview mit unserem Floorball-Medienpartner Wideanddeep (Link):

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Views: 91

Frage und Antwort: Woran erkenne ich eine mentale Blockade?

Bernd (Name von der Redaktion geändert) war Leistungssportler. Den Marathon lief er unter 2:45, den Halbmarathon in einer Stunde und 15 Minuten. Bis heute macht der inzwischen 65-Jährige weiterhin fast täglich Sport. Vor allem Functional Training, dazu drei Läufe pro Woche zwischen fünf und zehn Kilometern. Allerdings leidet er seit über 30 Jahren an Asthma. Zuletzt stellte er fest, dass sein Durchschnittstempo rapide sinkt. Schon nach 200 Metern fällt häufig die Atmung schwer. Manchmal verfliegen die Beschwerden nach circa zehn Minuten, aber nicht immer. Bernd fragt sich, ob die Ursache auch im Mentalen liegen könnten?

Zum Thema: Leistungsabfall durch eine mentale Blockade

Bei Die Sportpsychologen widmen wir uns in der Rubrik Frage und Antwort euren Themen aus sportpsychologischer Perspektive. In diesem Fall lautet Bernds Frage: “Woran kann ich erkennen, dass meine schlechtere Belastbarkeit auf eine mentale Blockade zurückgeht?“

Antwort von: Dunja Lang (zum Profil)

Wichtig ist zunächst ärztlich abzuklären, welche medizinischen Ursachen das beschriebene Phänomen haben kann und ggf. die Medikation nochmals anderes einzustellen.

Begleitend dazu lässt sich herausfinden, ob es eine “psychische Blockade” ist und wodurch sie verursacht wird, und dann kann man das gezielt angehen. 

Das Phänomen “Asthma” ist ein sehr vielschichtiges, vor allem weil die Atmung und die Leistungsfähigkeit substanziell betroffen sind. Ich habe einige Sportlerinnen mit Asthma gecoacht, die mentale Unterstützung hat praktisch immer die Leistungsfähigkeit erhöht und in einem Fall das Asthma komplett verschwinden lassen.

Empfehlenswert sind körperorientierte, sogenannte “embodimentorientierte” Techniken, die oft sehr schnell den Stresslevel und die Anspannung signifikant senken können. Und Techniken aus der Sporthypnose, mit denen man auch zielgerichtet an psychischen und körperlichen Blockaden arbeiten kann.

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

    Mehr zum Thema:

    Views: 176