Christian Bader: Was tun, wenn es im Spiel oder der Playoff-Serie nicht läuft?

Vor der Playoff-Viertelfinalrunde der Lidl Unihockey Prime League (L-UPL) durften die drei Top-Vereine der Punktspielserie ihre Gegner aussuchen. Kurios: In der Viertelfinalserie ist der souveräne Qualifikationssieger HC Rychenberg Winterthur gegen die Außenseiter von Floorball Thurgau nun nach vier Niederlagen aus fünf Spielen ausgeschieden. Gegen den vermeintlichen Wunschgegner! Der Rekordmeister Wiler-Ersigen setzte sich erst im entscheidenden siebten Spiel der Serie in der Verlängerung durch ein golden Goal gegen den Quali-Sechsten Unihockey Tigers Langnau durch. Gerade noch einmal gut gegangen, also. Die abzuleitende Frage lautet: Wie gelingt es, in einer Partie oder einer Spielserie hochzuschalten, wenn es bislang einfach nicht lief?

Zum Thema: Verbesserung der Kupplungsleistung im SportCharakteristiken von Flow-States und Clutch-States

In der Sportpsychologie kennen wir Konzepte wie den Trittbrettfahrer-Effekt, den Ringelmann-Effekt und die soziale Faulheit. Diese Konstrukte können helfen, um komplexe Situation einzuordnen, in denen es nicht gelingt, die gewünschte sportliche Leistung zu bringen. Ein guter Artikel zu diesem Thema aus unserem Netzwerk stammt von Thorsten Loch, den ich unter diesem Text verlinke und absolut empfehle. 

Hier geht es um ein eher neueres Phänomen, welches in der psychologischen Forschung Clutch-Zustand genannt wird. In der darauf basierenden sportpsychologischen Arbeit geht es darum, eine Art Kupplungsleistung zu ermöglichen. Dieser Zustand erfordert deutlich härtere mentale Arbeit als an Tagen, an denen alles wie von allein läuft. Aber was genau sind Clutch-Zustände, und welche Bedingungen begünstigen eine Kupplungsleistung?

Wenn es läuft

Wir kennen alle die Situation, wenn alles von allein läuft. Die Magie, die dann von einzelnen Athleten ausgeht, ist schier nicht in Worte zu fassen. Dieser Zauber zieht sowohl Fans als auch Trainer und Mitspielende in ihren Bann. Es handelt sich um kognitive, kreative Magier, die winzige Lücken entdecken und den Ball beneidenswert selbstbewusst quer durch die Verteidigungslinien spielen. Und mit grosser Wahrscheinlichkeit kennst du dieses Gefühl: Du stehst auf, und du spürst es. Heute läuft es gut. Ohne grosses Nachdenken befindest du dich im optimalen Leistungszustand (OLZ), der manchmal auch ein Flow-Erleben darstellt.

Doch dann gibt es die anderen Tage. An diesen Tagen verlierst du die einfachsten Bälle, leistest dir etliche Fehlpässe, die Räume sind zu eng, und im Laufduell empfindest du schwere Beine. Es macht den Eindruck, als klebten deine Füsse am Boden fest und Du siehst, wie das Team nicht auf das Spielniveau kommt, wo es eigentlich sein sollte. An solchen Tagen müssen Athleten viel härter im mentalen Bereich arbeiten, um annähernd das zu tun, was im Flow-State mit Leichtigkeit gelingt. Beim Verfassen dieses Textes merke ich schon: Mensch, diese Tage sind einfach nur schrecklich hart für alle Beteiligten. 

Flow- und Clutch-Zustände

Gehen wir aber noch einmal einen Schritt zurück und werfen wir einen genaueren Blick auf Flow- und Clutch-Zustände: Der Flow wird oft als der primäre psychologische Zustand angesehen, der aussergewöhnliche sportliche Leistungen begleitet. Flow tritt auf, wenn eine Athletin oder ein Athlet in einer Aktivität aufgeht, sich mühelos fühlt und eine hohe Konzentration aufweist.

Im Gegensatz dazu ist der Clutch-Zustand nicht so mühelos und angenehm während der Aktivität. Clutch-Zustände erfordern oft höhere Anstrengung und intensive Konzentration. Sie treten in spezifischen Kontexten auf und führen zu unterschiedlichen psychologischen Ergebnissen. Dies lässt sich am Beispiel eines Elfmeterschützen in einem Endspiel veranschaulichen. Der Schütze oder die Schützin spürt den Druck, die Erwartungen und die Angst vor dem Versagen. Das Herz rast, die Beine fühlen sich schwer an, und die Gedanken kreisen. Wenn der Penalty versenkt wird, fühlt es sich erleichtert, euphorisch und erfolgreich an. Wenn der Schuss daneben geht oder gehalten wird, führt das zu Frustration, Enttäuschung und Selbstzweifel. 

Kupplungsleistung ist trainierbar

Wie gelingt es aber, quasi umzuschalten? Hochzuschalten, obwohl es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Sand im Getriebe war? Dafür gibt es unterschiedliche Strategien, mit denen Athleten unterstützt werden, diese Kupplungsleistung zu erreichen. Ein wichtiger Grundsatz ist die emotionale Kontrolle. Sie stellt den Grundstein für Leistung unter Druck dar. Seine Emotionen zu kontrollieren, helfen dabei, unter Druck ruhig und zuversichtlich zu bleiben. Eine weitere Strategie ist, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Aus meiner Sicht liegt der Erfolg in der Gegenwart. Athleten tun gut daran, sich im Nachhinein nicht zu verlieren oder sich nicht von der Aussicht auf das, was kommen wird, überwältigen zu lassen. Eine dritte Strategie ist die Regulation der Aggression. Scott Schwerlty, Gründer eines Unternehmens für mentales Leistungscoaching für Hockeyspieler, zog hinsichtlich der Regulierung der Aggression den Vergleich mit dem Wetter. Er spricht in Bezug auf die Denkweise von ‘Calm Skies’. Das steht für eine sichere Herangehensweise, die zu überlegten Spielentscheidungen führen kann. Im Gegensatz zum Tornado, der für eine riskante Denkweise steht, was folglich zu einem zu aggressiven Spiel führt. Ein idealer Ansatz sei also ‘Bewölkt mit drohendem Sturm’ – er zeichnet das Bild eines bewölkten Himmels mit gelegentlichem Blitz und Donnergrollen. Dieses Bild vermittelt auf eine interessante Weise, dass eine Priese Aggressivität nötig ist, um Ergebnisse zu erziele. Zu viel Aggressivität könnte wiederum fatale Folgen für ein Team haben, weshalb es dies zu vermeiden gilt.

Um diese Strategien anzuwenden und unter Druck zielgerichtet zu handeln, können den Athleten gezielte Massnahmen helfen:

  1. Visualisierung:
    • Stelle dir schwierige Situationen vor und finde Lösungen.
    • Visualisiere, wie Du in diesen Momenten erfolgreich handelst.
  2. Positive Selbstgespräche:
    • Stärke dein Selbstvertrauen, indem Du dir selbst Mut zusprichst.
    • Ersetze negative Gedanken durch positive Affirmationen.
  3. Stressbewältigung:
    • Nutze Techniken wie Atemübungen oder Meditation, um Stress zu reduzieren.
    • Halte dich im Moment präsent und vermeide Ablenkungen.
  4. Fokussiere auf das Wesentliche:
    • Der Taschenlampeneffekt kann Dir helfen zu erkennen, was Du direkt beeinflussen kannst und was nicht.
  5. Trainiere Drucksituationen:
    • Versuche, Trainingssituationen so Wettkampf nah wie nur möglich zu designen.
  6. Erfahrungsaustausch:
    • Diskutiere gemeinsam über gemachte Erfahrungen und individuelle Erlebnisse.
    • Fachkundige Begleitung kann dabei helfen, Denken, Emotionen, Persönlichkeit und vergangene Erfahrungen der Athletinnen und Athleten zu berücksichtigen.

Fazit

Um die Kupplungsleistung zu trainieren, erfordert es kontinuierliche Arbeit und bewusste Vorbereitung. Förderlich in Teamsportarten ist deswegen, Drucksituationen zu simulieren. Es ist möglich, Trainingssituationen so Wettkampf nah wie nur möglich zu schaffen. Zum Beispiel, in dem bei einer Spielsituation eine klare Aufgabe gestellt wird: Ihr habt 2:35 Minuten Zeit, um zwei Tore zu erzielen und in die Verlängerung zu gelangen oder drei Tore zu schiessen, um das Spiel zu gewinnen. Alles, was regelkonform ist, steht euch zur Verfügung (Torhüter durch Feldspieler ersetzen, Time-Out, 6:5 Formation, …). 

Diese Möglichkeiten gibt es vermutlich in sehr vielen Trainings. Nutze diese, um die Kupplungseffekte zu trainieren. Entscheidend dabei ist es, gemeinsam über die gemachte Erfahrung und die individuellen Erlebnisse zu diskutieren. Idealerweise unter fachkundiger Begleitung, damit das Denken, die Emotionen, die Persönlichkeit und die vergangenen Erfahrungen der Athletinnen und Athleten berücksichtigt und ihre Aspekte miteinbezogen werden können. Prädestiniert dafür ist die Unterstützung durch Sportpsychologen. Meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (Übersicht) und ich (zum Profil von Christian Bader) stehen gern bereit.

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