Eines vorweg: Hier geht es nicht um einen ökologisch besonders wertvollen Aufguss des Buchladen-, Kiosk- und Kinoerfolgs „50 shades of grey“. Nein, es geht um die Kraft der Aufmerksamkeitslenkung. Mit diesem sportpsychologischen Werkzeug lohnt es sich nämlich für viele, intensiv zu spielen. Und dies gilt nicht nur für Ausdauersportler aller Leistungsklassen sondern auch für Freizeitsportler, die ganz andere Probleme haben: Nämlich mit der Krankheit Depression kämpfen.
Zum Thema: Die Kraft der Aufmerksamkeitslenkung
Ich berichte über eine interessante Intervention, die einer Klientin, knapp 50 Jahre alt, nach eigenem Bekunden sehr geholfen hat. Die Klientin, die ich hauptsächlich fernmündlich und online begleitet habe, klagte über depressive Symptome, die auch schon längere Zeit anhielten. Neben einer Vielzahl klassischer Interventionen findet sich immer auch der Hinweis, dass Sport und Bewegung hilfreich sein können. Tatsächlich berichtete die Klientin, dass sie früher gerne und viel gelaufen sei. Eine Zeit lang habe sie sogar für mehrere Wettkämpfe bis hin zur Halbmarathondistanz ambitioniert trainiert. Und sie erinnerte sich mit Wehmut daran. Heute, so berichtete sie, könne sie sich nicht mehr aufraffen. Und das obwohl sie ganz genau wusste, dass es immer eine Linderung der depressiven Symptomatik gab, wenn sie in den nahegelegenen Wald ging und ohne weitere Ziele einfach loslief. Bemerkenswert war, dass sie vor allem dann eine Besserung ihres Befindens feststellte, wenn sie mehr als 50 und bis zu 60 Minuten unterwegs war. Ihre Stimmung war besser, sie war aktiver im Alltag, sie konnte deutlich besser schlafen und der Kontakt mit anderen gelang ihr ebenfalls besser.
Der innere Schweinehund war jedoch dagegen und sabotierte, wo er nur konnte. Wenn sie zu Laufen begann, dann wurden ihre Beine schwer und es erschien ihr oft unmöglich weiterzulaufen. Oft brach sie die Läufe dann frustriert und von sich selbst enttäuscht ab. Sie fühlte sich noch schlechter als ohnehin schon. Bald stellte sie das Laufen dann gänzlich wieder ein.
Der Schlüssel Aufmerksamkeitslenkung
Neben den klassischen Angeboten für diese Fälle ging es also darum, dieser Klientin zu helfen, „dran zu bleiben“ und das zu tun, was ihr offensichtlich guttat. In der sportpsychologischen Werkzeugkiste finden sich Ideen zum Durchhalten, Überlegungen zum Thema Aufmerksamkeit und Techniken zur Aufmerksamkeitslenkung.
Für meine Klientin und mich war klar: Der Gedanke, fast eine Stunde laufen zu „müssen“, war nicht günstig. Er war sogar quälend. Etwas besser war der Gedanke daran, wie es sich anfühlen würde, wenn sie es denn geschafft hätte, durchzuhalten. Dieser kleine Trick, sich das Gefühl in der Zukunft vorzustellen, ist oft hilfreich, reichte hier aber nicht aus. Und hier kommen die fünfzig Schattierungen von Grün ins Spiel. Meine Klientin lief in der Regel im Wald und wenn es ihr gut ging, dann konnte sie auch die Natur genießen. Der schlichte Auftrag, die Wahrnehmung damit zu beschäftigen, alle verschiedenen Grüntöne wahrzunehmen und zu benennen, welche die Natur gerade so anbot, war entscheidend dafür, dass sie es schaffte, mit Freude wieder mit dem Laufen zu beginnen. Und das tat wiederum der depressiven Symptomatik eindeutig gut.
Ein schöner und hilfreicher Kreislauf war in Gang gesetzt worden. Und das nur mit Schattierungen von Grün. Manchmal können schwere Dinge auch ganz einfach sein.
Diese Aufmerksamkeitslenkung hilft übrigens seither nicht nur dieser Klientin, sondern auch einigen weiteren Sportlern, die im Ausdauerbereich unterwegs sind und nicht immer jede lange Einheit automatisch genießen.
Es ist nichts mehr so wie es noch vor ein paar Wochen war. Doch wollen wir uns hier nicht über das ärgern, was ist und dem nachtrauern, was war! Wir wollen uns heute damit beschäftigen, wie wir am besten mit dieser ungewollten Veränderung umgehen, um daraus für die Zukunft zu lernen. Es ergeben sich in unserem Trainings- und Wettkampfalltag doch immer wieder mal Situationen, die eine Veränderung mit sich bringen, die uns dann mehr oder weniger betrifft. Als Beispiel soll uns die Schwimmerin Jessica Steiger dienen. Die Brustspezialistin war in sehr guter Form, bevor es den Lockdown gab. Sie war drauf und dran sich für Tokyo zu qualifizieren, also ihr großes Ziel zu erreichen. Nun die Verschiebung, die mit vielem mehr einhergeht. Unsicherheiten rund um Sponsorengelder, Arbeitsleben, Privatleben und und und… Aber am Ende, so viel sei an dieser Stelle versprochen, können wir von ihr lernen.
Zum Thema: Eine Veränderung ist für viele erst mal eine blöde Sache. Warum eigentlich?
Wenn wir uns im sicheren Gewässer aufhalten, befinden wir uns nach dem 3-Phasenmodell nach Luckner und Nadler (1997) in der Komfortzone. Hier bin ich im Vertrauten, fühle mich geschützt und kompetent, Herr bzw. Frau der Lage und kann voraussehbar meinen Weg dahin gehen. Hier fühlen wir uns pudelwohl, müssen keinerlei Anstrengungen hegen und auch nur ein wenig nachdenken. Wir bedienen uns in dieser Zone von gewissen Automatismen, die sich über die Zeit hin eingespielt haben. Alles was routiniert ist und uns daher Sicherheit gibt, zählt dazu. Dies kann neben der gewohnten Umgebung durch Freunde und Familie auch das normale Training sein, Routinearbeiten oder aber auch Tätigkeiten wie das Autofahren, welches mit der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen ist. Für Jessica Steiger wäre das ihr gewohntes Umfeld mit Trainer, Sportstätte, Partner, Familie und Sponsoren.
Illustration: Kathrin Seufert
Doch was passiert, wenn wir den Mut aufbringen und ein neues Terrain betreten wollen? Der Schritt aus der Komfortzone heraus ist nicht immer einfach und ist nicht selten mit Verunsicherung, Angst oder Risiko verbunden, bringt uns aber eine Chance, uns weiterzuentwickeln und zu wachsen. Der Leitspruch hierzu muss sein: „Ich kann das schaffen!“
Wachstumszone
Denn mit dem Schritt heraus aus der Komfortzone betreten wir die sogenannte Wachstumszone – oder auch Lernzone genannt. Beim ersten Überschreiten dieser Grenze fühlen wir uns unwohl, sind angespannt, das Herz klopft und es möglicherweise auch ein wenig Angst dabei. Doch wage ich diesen Schritt ein weiteres Mal, so kann man schon die erste Veränderung beobachten. Das Unbekannte ist schon ein wenig bekannter und die Sorgen lassen vielleicht schon ein wenig nach. Mit immer größeren Vertrauen in die Sache senke Ich meine Hürde und kann damit auf Dauer sogar Grenzen verschieben.
Illustration: Kathrin Seufert
Nicht jede Herausforderung der Wachstumszone ist gleich einfach zu bewältigen. Für die Schwimmerin Steiger heißt das nun die Herausforderung der Terminänderung und alle damit verbundenen Probleme und Hindernisse anzugehen.
Panikzone
Unter Umständen, ist die Hürde zu hoch oder der Schritt aus der Komfortzone in die Wachstumszone zu groß, so dass wir uns in einen Zustand von großem Stress oder leichter Panik bringen. Ein Gefühl von Überforderung und psychischen Symptomen wie Zittern oder Schweißausbrüche kann ein Begleiter dieser Überschreitung sein. Doch bedeutet das nicht, dass diese Herausforderung nicht gemeistert werden kann. Dieser Bereich nennt sich die Panikzone, die man mit Unwohlsein verlässt oder aber mit großem Stolz meistert.
Nach dem ersten Schrecken und der Ratlosigkeit für Jessica Steiger hieß es dann zu überlegen, wie die Ziele neu gesetzt werden können? Wie also nun mit auslaufenden Sponsorenverträgen umgehen, wie die Trainingsgestaltung angehen, wie sich in der wasserfreien Zeit fit halten? Und wie sollte sie mit der geplanten Hochzeit nächstes Jahr und dem geplanten Berufseinstieg umgehen? Hierbei kommt es ganz zentral darauf an, sich mit den eigenen Ängsten und Sorgen zu beschäftigen, sich Verbündete zu suchen und darauf zu achten, dass man in der Wachstumszone bleibt und so wenig Panik wie möglich entsteht, um das Stresslevel so gering wie möglich zu halten.
Illustration: Kathrin Seufert
Grenzen verschieben
Am Ende ist es das Ziel, seine Grenzen nach und nach zu verschieben. Aus der anfangs herausfordernden Wachstumszone wird der Komfortbereich und die Panikzone löst im Wachstumsprozess weder Angst noch Schrecken aus, sondern stellt eine überwindbare Herausforderung dar. Es geht darum, Grenzen zu verschieben, die Komfortzone zu erweitern und dies in vollen Zügen zu genießen, was man da erreicht hat.
Und wenn wir uns nun in die aktuelle Situation hineinversetzen, in der wir unseren Saisonhöhepunkt um ein Jahr verschieben müssen, in der wir unserem Sport nicht wie gewohnt nachkommen können oder auch nun den heimischen Esstisch zum Arbeitsplatz umgestalten müssen, so werden wir von Corona aus unserer Komfortzone getrieben. Es ist nun an uns, daraus zu wachsen und nicht in Panik zu verfallen.
Ganz konkrete Tipps für die Praxis
Tauscht euch über euer Wachstum aus und lasst uns teilhaben daran, wie ihr eure Grenzen verschoben habt. Und eins ist schon jetzt klar, man sollte bei all den Umständen stolz auf sich sein, dass man trotz des unfreiwilligen Verlassens, den Weg annimmt und weiterwächst! Jetzt ist es an dir, in der neuen Herausforderung Ziele und Träume zu finden und den Weg weiter zu gehen!
Auch wenn es sich angenehm und schön in der Komfortzone anfühlt, so birgt es auch eine Gefahr, sich nur in dieser aufzuhalten. Denn so entstehen Gewohnheiten und Denkmuster, die schwerer und schwerer zu durchbrechen sind. Denn auch unsere Motivation lässt in der Komfortzone nach. Keine Herausforderung, keine Ziele, keine Motivation. Also stell dich immer wieder neuen Herausforderungen und nimm die Challenge immer wieder an, um zu reifen, dich zu entwickeln und Platz für deine Träume und Ziele zu schaffen.
Wie kannst du dir neue Ziele setzen? Eine simple Möglichkeit ist es, sich aufzuschreiben, was man noch erreichen möchte oder unbedingt noch getan haben will, eine sogenannte Bucket-List. Sie beinhaltet Ziele und Träume, die meist auch mit kleinen Überwindungen verbunden sind, wie beispielsweise ein Fallschirmsprung. Das visuelle vorstellen dieser Ereignisse und Ziele ist bereits ein erster kleiner Schritt aus deiner Komfortzone heraus. Und es ist nun klar geworden, dass uns die Komfortzone in Routinen verfallen lässt. Diese aufzubrechen, um sie vielleicht zu optimieren, ist dabei ein toller Wachstumsschritt.
Und was gibt es schöneres als ein Ziel gemeinsam anzugehen?! Wieso also nicht den Partner, die Partnerin, den Freund, die Freundin oder seine Mannschaft mitnehmen auf die Lernebene und gemeinsam zu reifen? Gemeinsam ist es leichter, Herausforderungen zu meistern. Und denkt daran, auch in schwierigen Situationen: Stärkt euch gegenseitig und helft euch untereinander weiter, wenn einer mal eine Schwächephase hat.
Aus der Komfortzone sieht das ein oder andere Ziel vielleicht riesig und schwer überwindbar aus. Hier ist es ratsam, sich mit den Ängsten auseinander zu setzen und sich bewusst zu werden, warum ich überhaupt Angst vor der Situation habe. Da Angst ja eine subjektive Bewertung einer Situation im Abgleich mit deinen eigenen Fähigkeiten darstellt, müssen wir uns genau ansehen, welche Fähigkeiten anscheinend fehlen, um die Aufgabe zu meistern. Schaffen wir es, uns dieser Angst zu stellen, können wir einen doppelten Effekt erzielen: Wir haben einen Lerngewinn und gleichzeitig einen Angstverlust.
Und auch unser Selbstvertrauen erhöht sich mit zunehmender positiver Überschreitung der Komfortzone und wachsenden Fähigkeiten. Denn auch, wenn wir die Aufgabe beim ersten Mal nicht schaffen, so kann der aufgebrachte Mut und die Überwindung der Hürde trotz Misserfolg uns stärken und einen positiven Einfluss auf einen neuen Versuch haben.
Bei mehrfachem Verlassen der Komfortzone steigern wir zudem unsere Flexibilität. Wir schaffen es so, vielfältige Möglichkeiten zu erstellen, auf die verschiedensten Anforderungen und Probleme des Alltags angemessen zu reagieren. Stellt es euch als euren Werkzeugkoffer vor, den ihr mit jedem Mal mit neuen Instrumenten füllen könnt und somit auf jede Baustelle vorbereitet sein könnt.
Doch Vorsicht! Es ist toll, wenn du deine Wachstumszone erreichst und deinen Horizont erweiterst. Achte jedoch darauf, dass du dich nicht überforderst und nur noch zwischen dem Wachstums- und der Panikzone hin und her pendelst und so ständigem Druck und Stress ausgesetzt bist. Das macht dich auf Dauer krank und kann zu ernstzunehmenden Krankheiten der körperlichen und physischen Überlastung führen.
Finde also deine goldene Mitte zwischen dem routinierten komfortablen Leben und echten Herausforderungen. Es ist wichtig, die du dich immer mal wieder überdenkst und optimierst, dich aber immer in Aufgabenbereichen bewegst, die du für stemmbar hältst und dich nicht permanent unter Druck setzt.
Kathrin Seufert
Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten
Was wir aus diesem Modell für die aktuelle Zeit mitnehmen können?
Wir sind zwangsläufig aus der Komfortzone geworfen worden. Es liegt nun an uns, die Ziele zu formulieren, das Wachstum zu steuern und die neue ungewohnte Situation nicht in die Panikzone gleiten zu lassen.
Die Planung für die Saison muss neu überdacht werden, Alternativen der sportlichen Betätigung müssen gefunden werden. Aber erinnern wir uns doch mal zurück, weswegen wir mal mit unserem Sport begonnen haben und versuchen nun, daran zu wachsen, Konzentrieren wir uns darauf, wie wir uns weiter fit halten, wie wir mit unvorhergesehenem umgehen lernen und die Zielsetzung neu formulieren, um neue Motivation und Kraft für die kommenden Aufgaben zu schüren.
Von Jessica Steiger lernen
Jessica Steiger hat nun ein Crowdfunding gestartet (zur Aktion), um die Finanzierung ihres Profisports und der Verlängerung des Olympiazeitraumes realisieren zu können. Ein erster wunderbarer Schritt, an dem sie sich Verbündete sucht, ihre Komfortzone zwangsläufig verlassen hat, die Grenze aber sicherlich schon ein ganzes Schritt Richtung Wachstumszone hin verschoben hat, in die sie bei der Findung von Ideen eingetaucht war. Wir drücken ihr und allen Athleten die Daumen und wünschen viel Kraft und Energie bei der Neugestaltung ihrer Ziele und der Realisierung ihrer Träume!
Wir werden stärker zurückkommen und vielleicht hat der/die ein oder andere nun Zeit und Lust, sich intensiver mit der mentalen Seite zu beschäftigen. Denn mentales Training von bestimmten Abläufen kann die Fähigkeiten erhalten und in Kombination mit der tatsächlichen Ausführung zu einem maximal effektiven Ergebnis führen. Bei Fragen zur Arbeit mit dem mentalen Training oder anderen sportpsychologischen Möglichkeiten kontaktiert gerne meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Kathrin Seufert). Wir stehen euch gern zur Verfügung!
Man könnte annehmen, dass das Thema Motivation im Sport für Athleten und Trainer eigentlich gar kein Thema ist, denn Athleten und Trainer stellen sich ja freiwillig und normalerweise mit viel Freude ihren sportlichen Herausforderungen. Dennoch kann es mitunter passieren, dass es plötzlich immer schwieriger wird, sich zum Training aufzuraffen oder zu einem Wettkampf zu fahren. Dies kann verschiedene Gründe haben. In diesem Vortrag beleuchten wir das Phänomen Motivation und Wille im Sport sowie seine beeinflussenden Faktoren. Neben den motivationspsychologischen Hintergründen werden auch einfache, praktische „Tools“ vermittelt, die helfen, motivationale Probleme zu lösen.
Wann hat man denn schon mal die Chance, Forschung im Feld zu betreiben und sich dabei zwangsweise mitten in einem sozial-psychologischen Experiment zu befinden? Das dachte ich mir, als das mit der Corona-Krise los ging. Und das dachte sich auch mein hochgeschätzter Kollege Prof. Dr. Ralf Brand, Professor für Sportpsychologie an der Universität Potsdam. Und so kamen wir dann zusammen. Entstanden ist etwas, was das Potential hat, historisch zu werden – und das sage ich mit nur ein klein wenig Übertreibung. Schaut es euch am besten genauer an und macht gern mit. Steigen wir also ein…
Zum Thema: Sportpsychologische Forschung zu Corona-Zeiten
Ralf Brand ist forschungsthematisch eher im Bereich des Gesundheitssport und der Prävention unterwegs. Bislang hatte er sich immer mehr dafür interessiert, wie man Personen dazu bewegen kann, sportlich aktiv zu werden (und insbesondere auch dabei zu bleiben). Auf mich traf er dann auf einen Laufpsychologie interessierten Streakrunner. Und so kamen wir ins plaudern darüber, wie schwer mir diese Corona-Krise mit den drohenden Kontaktverboten und ggf. Ausgangssperren fällt? Und so entstand dann die Idee, herausfinden zu wollen, wie stark diese Krise insbesondere die sporttreibende Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden, ihrer Wahrnehmung von ggf. bestimmten „Entzugserscheinungen“ und in ihrem Verhalten einschränkt.
Zwei Fragebogen-Verfahren, die hier in Frage kommen würden und vor allen Dingen international anschlussfähig sind, waren nach einigem hin und her gefunden, eine Online-Studie aufgesetzt und unsere internationalen Kooperationspartner informiert. Ralf Brand ist extrem gut international vernetzt. Ich selbst habe massenweise Kontakte in die Sportler- und Athletenszene. Und das war von Anfang an ein großer Vorteil. Die Studie mit der Bezeichnung „Covid and exercise“ war geboren und ging sofort online.
Seit dem 31. März 2020 erfassen wir nun auf der ganzen Welt Daten. Mittlerweile gehören 24 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus drei Kontinenten und 14 Nationen zu unserer Internationalen Forschergruppe. Die Fragebogen liegen in 15 verschiedenen Sprachen vor (zwei weitere kommen in Kürze hinzu). Stand 14. April 2020 zählten wir 6284 Teilnehmerinnen und Teilnehmer weltweit.
Aber natürlich brauchen und wollen wir mehr Daten! Bitte teilt also diesen Link und helft uns, unsere Stichprobe weiter zu erhöhen, in dem ihr entweder selbst daran teilnehmt oder diesen Link teilt:
Vor gut drei Jahren stellte ich eine gewagte Gleichung auf. Haben die angewandte Sportpsychologie und der eSport einen kleinsten gemeinsamen Nenner und lässt sich hieraus ein neues Arbeitsfeld finden? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, machte ich mich damals auf den Weg nach Berlin, um der Eröffnung des ersten eSports Leistungszentrum (ELZ) der Organisation Penta Sports beizuwohnen. Was ist aber seither passiert? Gehört die Sportpsychologie für alle eSportler so selbstständig dazu wie die bestmögliche Sitzposition oder die optimierte Ernährung?
Zum Thema: Die Etablierung der eSportpsychologie
Der eSport ist mittlerweile zu einem regelrechten Volkssport gewachsen. Nach Schätzungen verfolgen weltweit rund 380 Mio. Menschen gelegentlich eSport-Spiele. Alleine in Deutschland wird diese Basis der Zielgruppe eSportler auf knapp 6,4 Mio. geschätzt. Davon spielen rund 3 Mio. selber aktiv am PC, der Konsole oder am Handy und schauen mindestens einmal im Monat eSport-Spiele an (vgl. Newzoo, 2018: Global eSport Market Report 2018).
Zieht man den Vergleich zu den klassischen Sportarten wie Leichtathletik oder Fussball so hat sich der eSport äußerst schnell entwickelt und professionalisiert. Wie so häufig findet die Professionalisierung bislang leider nur an der Leistungsspitze statt. Außerhalb dieser Spitze besteht weiterhin Nachholbedarf. Viele ambitionierte Hobby-eSportler trainieren nur innerhalb des Spiels. Hier sind mehrere Stunden spielen am Tag keine Seltenheit. Getreu nach dem Motto: „Viel hilft viel!“. Das dies keine positiven Auswirkungen auf die Gesundheit hat, ist einleuchtend. Die Problematik besteht darin, dass im Vergleich zum Fussballer, der in seinem Verein eine klassische Laufbahn über unterschiedliche Kader bis hin zum Profi durchlaufen kann, im eSport bislang noch Strukturen fehlen, die eine solche Unterstützung bieten. Dies hat die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Froböse von der Sporthochschule Köln erkannt und das Projekt esportwissenschaft.de ins Leben gerufen. Das übergeordnete Ziel ist es, dass Trainings- und Gesundheitsverhalten von eSportlern zu analysieren, um es anschließend zu optimieren. In diesem Zusammenhang wurde im vergangenen Jahr eine Onlinebefragung mit über 1.200 Teilnehmer durchgeführt. Die Ergebnisse können unter dem folgenden Link eingesehen werden:
Wie wir gesehen haben, schreitet die Entwicklung des eSports immer weiter voran. Dies hat zur Folge, dass die Leistungsdichte an der Spitze ebenso immer enger wird und es auf Nuancen ankommt, welche am Ende des Tages über Sieg oder Niederlage entscheiden. An dieser Stelle bietet ein sportpsychologisches Training dem eSportler die Möglichkeit, u.a. sein Potential auszuschöpfen, wenn es drauf ankommt. Im Wettkampf, wenn es wichtig ist und nicht im Training.
Doch was sind die psychischen Anforderungen an einen eSportler? Was sind für das jeweilige Spiel typische Situationen, in denen man aus seiner Zone kippt? Mit den Erfahrungen aus der Praxis sollen im Folgenden exemplarisch ein paar Konstellationen genannt werden, mit welchen Emotionen eSportler zu tun und zum Teil zu kämpfen haben. Jeder Leser und Spieler ist dazu eingeladen, sich sein eigenes Verhalten einmal genau anzuschauen, wenn er spielt. Und ganz ehrlich: Auch ich finde mich durchaus in der einen oder anderen Situation selbst wieder 😉
Beispiel FIFA Bundesliga Home Challenge
Gerade zuletzt gewinnt der eSport noch einmal zusätzlich an Aufmerksamkeit. Denn als eine Reaktion auf die Corona-Krise wird die sogenannten „Bundesliga Home Challenge“ ausgetragen. Dieser Wettbewerb geht in keine offizielle Wertung ein. Jener Wettkampf wird derzeit anstelle der Virtual Bundesliga (VBL) ausgetragen, welche aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus pausiert. An dem vergangenen Spieltag konnte man durchaus erahnen, dass der ein oder andere Teilnehmer mit den folgenden Situationen zu kämpfen hatte. Hier einige Beispiele, die viele von uns sicher bestens aus dem eigenen Verhaltensrepertoire kennen:
Umgang mit Fehlern (z.B. Fehlpässen oder Gegentor): Frustration; Leistung fällt weiter ab, Controller fliegt
Frucht vor dem Unbekannten: Was ist, wenn ich jetzt verliere? Was denken die Zuschauer von mir?
Umgang mit Misserfolg (z.B. eine hohe Niederlage): Wie geht man in das nächste Spiel? Selbstbewusst ja/nein?
Rückstand am Spielende: Bleibe ich bei meinem Spielstil treu (welchen ich drauf habe) oder verliere ich die Kontrolle und spiele drauf los?
Wie meldet sich der kleine Mann im Ohr zu Wort, wenn das Spiel nicht nach der gewünschten Vorstellung verläuft? Selbstgespräch
Ist der 11er wirklich immer eine Belohnung für mich oder habe ich Angst nicht zu treffen? Konsequenzdenken
Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass natürlich nicht jeder so reagiert bzw. reagieren wird. Jeder eSportler erlebt die spezifischen Anforderungssituationen in einem Wettkampf völlig unterschiedlich und reagiert individuell. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich jeder in der einen oder anderen Situationen wiederfinden kann. An diesem Punkt setzt die angewandte Sportpsychologie an.
Der eSport und insbesondere der wettbewerbsorientierte eSport verfolgt weiter seinen Erfolgsweg und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Die Anforderungen an den eSport (bspw. Vereine, Verbände, usw.) als auch an den eSportler selbst werden weiter wachsen. Dies hat zur Folge, dass dem eSportler – genauso wie dem vermeintlich „normalen Sportler“ – Strategien mit an die Hand gegeben werden bzw. Kompetenzen vermittelt werden müssen, um mit der resultierenden Belastung eines Wettkampfsportlers adäquat umgehen zu können (Stichwort: psychische Gesundheit als Grundvoraussetzung für Leistung).
An diesem Punkt müssen noch viele Hindernisse überwunden und Wegstrecken zurückgelegt werden, damit die verschiedenen Fachrichtungen (bspw. Sportwissenschaft, Ernährungslehre, Physiotherapie usw.) ein geeignetes Bild eines eSportlers mit all seinen Facetten erstellen können. Ich persönlich freue mich sehr darauf und stelle wiederum wie wir alle in der Sportpsychologie fest, dass das Interesse an uns vorhanden ist und weiter wächst. Also, liebe eSportler, Coaches oder auch Eltern: Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) stehen euch für alle psychologischen Fragen gern zur Seite, nehmt Kontakt auf!
Übrigens, unten ist mein Beitrag vom Besuch im Penta Sports ELZ aus dem Jahr 2017 verlinkt. Schaut gern noch mal rein:
Als ich nach den Olympischen Spielen 2016 eine neue Herausforderung suchte, freute ich mich über einen Anruf von Dr. Ole Benthien. Er fragte, ob ich mit im Landesteam Sportpsychologie Brandenburg arbeiten wolle? Ich sagte sofort zu. Ich kündigte daraufhin meinen alten Job und durfte an den Eliteschulen des Landes Brandenburg und am OSP Brandenburg als Sportpsychologin arbeiten.
Zum Leitbild aller praktisch tätigen Sportpsychologen*innen im Landesteam Sportpsychologie Brandenburg gehört die Dokumentation aller Individualberatungen und Workshops. Diese Dokumentation wurde bis zu diesem Zeitpunkt mit Papier und Stift durchgeführt. Außerdem mussten die analog erhobenen Daten und Informationen dann in einem nächsten Schritt aufbereitet werden. Nur so konnten sie verarbeitet werden, um für das betriebsinterne Qualitätsmanagement (QM) nutzbar zu sein. Viele Arbeitsschritte, viel Zeit und auch etwas Frust! Für mich war klar: Dokumentation und QM JA – aber bitte nicht auf diese Art.
Wie wir im Team die Dokumentation effizienter, digital und qualitätsgesichert gestaltet haben, lest ihr in diesem Beitrag.
Hinweis: Zudem suchen wir Sportpsychologen*innen, die an dieser Art der Dokumentation Interesse haben und sie für dieses Jahr kostenlos testen wollen. Mehr dazu unter dem Text.
Zum Thema: Die digitale Umsetzung der Dokumentation
Klar war, was die von uns gewünschte digitale Dokumentation im Landesteam können bzw. erfassen sollte:
digitaler Beratungsvertrag
Einverständniserklärungen und Datenschutzerklärung
Stammdaten der Athlet*innen (Name, Alter, Geschlecht, Sportart, Kaderstatus usw.)
Fragebögen zum Real Time Monitoring des Beratungsverlaufs
Falldokumentation (Beratungsart, Beratungsklassifizierung, Thema, Ziel, Anmerkungen, Beratungszeit, Datum, Notizen sowie Fotos oder Videos)
sowie die Auswertung des gesamten Beratungsverlaufs
Unsere ersten Versuche verliefen über die Nutzung von Unipark – eine deutliche Verbesserung zur handschriftlichen Methode. Doch stießen wir schnell an die Grenzen, da Unipark zu sehr auf Forschungszwecke ausgelegt war. Es gelang z.B. nicht, ein Real Time Monitoring und die Auswertungen der Dokumentationen auf einen Blick technisch umzusetzen. Außerdem ließ sich der Beratungsvertrag sowie die Einverständniserklärung dort nicht unterschreiben.
Auch wenn dies noch nicht optimal war, behielten wir diese Art der Dokumentation erstmal bei. So konnten nun, egal an welchem unserer fünf Arbeitsstandorte, über einen geschützten Server alle Daten schnell abgerufen werden. Dies ermöglichte bereits weniger Stress bei der Dokumentation und dem Controlling und eine enorme Zeitersparnis.
Der Wunsch nach einer passenden Software
Fakt blieb jedoch: Die eine Dokumentation, die hohe Ansprüche an das Qualitätsmanagement erfüllt und gleichzeitig von praktisch tätigen Sportpsychologen*innen effizient angewendet werden kann, musste erst noch gebaut werden. Daher haben wir das letzte Jahr mit Hilfe eines IT-Unternehmens eine Software entwickelt, die genau auf unsere qualitätssichernden Ansprüche zugeschnitten wurde.
Seit Januar 2020 läuft nun unsere komplette Dokumentation ausschließlich digital. In einer Individualberatung werden beim Erstgespräch als erstes ein Beratungsvertrag geschlossen, die Datenschutzrichtlinien und der Umgang mit den erhobenen Daten erläutert. Die Zustimmung der Athlet*innen hierzu wird dann digital erfasst. Die Stammdaten sind innerhalb einer Minute angelegt. Daraufhin werden die Sportler*innen in einem Klienten*innenliste gespeichert und können vor jeder Beratung einen Fragebogen zur allgemeinen Befindlichkeit ganz einfach auf dem Tablet oder Laptop ausfüllen. Die Anwender*innen und der Klient*innen können den Verlauf sofort sehen und das Ziel sowie das Thema der Betreuung besprechen. Nach jeder Beratung wird ein kurzer Fragebogen zum Betreuungsverhältnis angezeigt. Ein Feedback zur aktuellen Sitzung ist so problemlos möglich. Anschließend können weitere inhaltliche Aspekte des Gesprächs dokumentiert werden. Falls im Sitzungsverlauf z.B. etwas auf einer Flipchart visualisiert wurde, kann dies per Foto sofort zu der Dokumentation hinzugefügt werden.
Aufwand und Mehrwert
Der zeitliche Rahmen umfasst insgesamt ca. 5-10 Minuten für all die oben genannten Punkte.
Zu dem kann die Dokumentation auch als Grundlage für Sachberichte oder gegenüber Drittmittelgebern schnell ausgewertet werden (z.B. die Verteilung der Beratungsklassifikationen)
Ein Blick in die Zukunft…
Aus qualitätssichernden Maßnahmen soll praktischer Alltag werden. In diesem Jahr evaluieren wir unser Tool und lassen die Sportpsychologie-Gemeinschaft daran teilhaben. Beginnen wollen wir damit gleich heute mit dem Angebot eines kostenlosen Zugangs für praktisch tätige Sportpsychologen*innen.
In Zukunft möchten wir in Fachzeitschriften euch unsere Ergebnisse und Erfahrungen mitteilen.
Kostenloser Test
Wir suchen Sportpsychologen*innen, die an dieser Art der Dokumentation Interesse haben und sie für dieses Jahr kostenlos testen wollen.
10 für die 10 ist ein Trainingsheft mit zehn mentalen Strategien speziell für den Schießsport.
Auszug:
WAS BEDEUTET MENTALTRAINING IM SCHIESSSPORT?
Für Sportschützen ist das Mentaltraining wichtig, da das Schießen immer von Gedanken begleitet wird und die Konzentration einen großen Anteil an der Schießleistung hat. Im Mentaltraining trainiert der Schütze seine Gedanken zu steuern, seine Aufmerksamkeit aktiv zu lenken, seinen Fokus zu schärfen und gegebenenfalls zu verlagern und damit die Konzentrationsfähigkeit sowohl in der Intensität, wie auch bezüglich der Konzentrationsausdauer zu verbessern. Ebenso lernt er die Technik durch bewusstes Trainieren und mit Hilfe des Visualisierens zu optimieren oder das Training bewusster zu gestalten und zu intensivieren.
Im Mentaltraining lernt der Sportler sich Aufgaben zu stellen, Ziele zu setzten und damit das Selbstbewusstsein zu stärken. Für Sportschützen ist es wichtig sich besser wahrzunehmen, seine Empfindungen zu kennen und zu steuern um Herausforderungen besser zu begegnen. Aber Mentaltraining bedeutet auch eine hohe Eigenverantwortung, denn Gedanken können von Außenstehenden nur gering beeinflusst werden. Dies setzt den Willen voraus an sich selbst zu arbeiten, die eigenen Gedanken und Gefühle in die Hand zu nehmen und sich manchmal auch mental ehrlich herauszufordern.
Inhaltsverzeichnis
Stopp’ den Gedanken 6
Erfolgssuche 7
Konzentrationstraining 8
Fang’ den Gedanken 9
Aufgaben – Ziele – Träume 10
Visualisieren 11
Refugium 12
Zentrieren 13
Entspannungsatmung 14
Atemzählen 14
Locker lockern 15
Wut loswerden 16
Preis
Trainingsheft „10 für die 10“
5,00 EUR (zzgl. Versand)
Achtung, das Produkt ist aktuell ausverkauft. Wir informieren hier Mitte April 2023, ob eine Alternative verfügbar ist.
In der Kommandozentrale des deutschen Fußballs wird seit mehreren Monaten an tiefgreifenden Veränderungen gearbeitet. Die Diskussion dahinter kennen wir: Kaum mehr außergewöhnliche Talente, zu viel Gleichmacherei in den Nachwuchsleistungszentren und zu wenig Bolzplatzmentalität. Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, äußerte vor wenigen Wochen, dass die Jugendarbeit “sehr deutsch” sei – alles sei klar organisiert und strukturiert, die Freiheit des Einzelnen komme zu kurz (Sportschau, 19.02.2020). Für meine Begriffe fehlt es im deutschen Nachwuchsfußball vor allem an einer Schlüsselposition: Es fehlt unseren Talenten an Mentoren. Was ich damit meine, habe ich hier ausführlich notiert.
Zum Thema: Wenn jemand kommt und an dich glaubt
Die Frage, wie eine optimale Ausbildung für junge Spieler aussehen soll, ist so vielschichtig wie der Fussball selbst. Manche fordern intensivere und verbesserte Trainingseinheiten und individuelles Training. Andere meinen, es komme vor allem auf die Aneignung von Trainerkompetenzen an. Manche finden die Förderung der kleineren Vereine besonders wichtig, andere weisen darauf hin, dass den besonders begabten Spielern dringend bessere Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden müssen. Und so geht die Debatte gegenwärtig munter weiter: Eliteschule oder lieber der Dorfverein, der regelmäßige Bolzplatzbesuch statt starre Trainingseinheiten, Entwicklungsgespräche mit Notengebung und Selektion oder keinen talentierten Spieler zurücklassen? Übergang in die Nachwuchsleistungszentren oder ab in die Vollzeitausbildung zum Profispieler? Zu jeder Frage gibt es zermürbende Diskussionen und Ansichten. Aber Uneinigkeit herrscht nicht nur hinsichtlich der Frage, wie eine optimale Fussball- und Persönlichkeitsausbildung auszusehen hat. Noch viel breiter wird das Spektrum an Vorschlägen und Ideen, wenn es darum geht, Spieler ganzheitlich zu entwickeln. Wer dieses ganze Hin und Her und das ständige Für und Wider der heute üblichen Ausbildungsdebatten im deutschen Fussball als befangener/unbefangener Beobachter betrachtet, kann sich des Eindrucks kaum gewähren, dass da etwas nicht stimmt.
Wer könnte uns sagen, worauf es dabei ankommt und wie sich das dann auch praktisch umsetzen lässt? Ehemalige Profispieler? Fussball-Lehrer & A-Lizenz Trainer? Professoren? Oder unsere Nachwuchsleistungszentren? Deren Vorstellungen, Konzepte und Maßnahmen haben unser Fussball ja genau dorthin geführt, wo wir heute angelangt sind. Haben wir an dieser Stelle ein großes Problem? Sollten wir deshalb nicht lieber bei denjenigen Rat suchen, die auf Kosten von Renommé andere Wege gegangen sind? Das können auch Trainer, DFB-Mitarbeiter, Spezialisten oder ehemalige Profispieler sein, aber vor allem denke ich an diejenigen, die diesen Kindern ihr Leben geschenkt, die sie begleitet und großgezogen haben. Und was antworten aber die meisten Fussball-Eltern, wenn sie gefragt werden, was sie sich für ihre Kinder und Jugendliche wünschen? „Glückliche Momente sollen sie haben.“ Und wenn man die Eltern dann weiter befragt, was ihrer Meinung nach jeder junge Spieler überall auf der Welt wirklich braucht, um seinen sportlichen Weg so gestalten zu können, dass er glücklich wird, kommen die folgende Antworten: Einen Verein und Mannschaft, die Freude macht, verlässliche Teamkollegen, die zu ihm halten, und natürlich auch Nähe, Vertrauen, Motivation, Zuversicht, viel Individualität und menschliche Trainer, natürlich auch Herausforderungen und immer wieder ganz viel Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Kreieren. Nun sind wir endlich dort angekommen, wo die Frage nach dem Sinn der Fussball-Ausbildung spannend wird: Wir können es nicht für sie machen, selbst wenn wir uns noch so sehr darum bemühen. Aber wir können ihnen ermöglichen, sich all das anzueignen, was sie brauchen, damit sie ein großartiger Mensch und Spieler werden. Dann werden sie auch glücklich und sportlich erfolgreich sein. Und was sie dazu benötigen, ist Bildung. Bildung für ein gelingendes sportliches Leben. Alles andere ist Ausbildung. Und die dient dazu, später im Sport bestimmte Leistungen erbringen zu können.
Um es deutlich zu machen: Ich bin kein Profi-Trainer oder DFB-Verantwortlicher. Ich bin ausgebildet als Psychologe, Sportpsychologe, Sportwissenschaftler, Sportpädagoge und Fussballtrainer. Aber ich bin leidenschaftlicher Vierfach-Vater und demnächst bekommen wir einen weiteren Jungen. Und ich bin mehr denn je auf der Suche nach dem, was uns und unsere jungen Spieler im Fussball glücklich macht und voranbringt. Als ehemaliger Leistungskicker und aktiver Sportpsychologe im Fussball kann ich das gegenwärtige Geschehen im Nachwuchsfussball deshalb aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit dem nötigen Abstand anschauen. Der Fussball, den wir heute erleben, befindet sich schon seit vielen Jahren in einem besorgniserregenden Wandel. Kaum etwas ist heute noch so, wie es noch zur Jahrtausendwende war. Aber der große Wandel ist längst im Gang (DFB-Akademie „Think Tank“, Trainer und Verantwortliche die über den Tellerrand schauen u.v.m.). Jeder spürt das, aber fast alle, die nun langsam wach werden müssten, wie bspw. diese in den Nachwuchsleistungszentren, versuchen zum Teil genauso weiterzumachen wie bisher. Das kann nicht gut gehen. Die Voraussetzung, um irgendetwas an unserem gegenwärtigen Jugendfussball verändern zu können, ist eine zumindest einigermaßen klare Vorstellung davon, weshalb er so geworden ist und wie er künftig werden sollte. Doch ganz besonders sollte der Einzelne in seinen Möglichkeiten gesehen und entwickelt werden. Eine hilfreiche und nachhaltige Anregung ist die Verhaltensweise eines Mentors statt die der klassischen Trainertätigkeit.
Mediator statt Jugendtrainer
Die Beziehungen zu Mentoren sind eine der wirkungsstärksten Erfahrungen im Aufwachsen junger Spieler. Der Begriff des Mentors stammt aus der griechischen Mythologie. Der erfahrene Mentor kümmerte sich während der Abwesenheit seines Freundes Odysseus um dessen Sohn Telemach. Und als solch ein Freund der Familie lässt sich der Begriff des Mentors, auch ganz gut verstehen. Mentoren sind Personen außerhalb der Familie, die den Heranwachsenden viel bedeuten. Sie sind älter als die Heranwachsenden und teilen mindestens eine bedeutsame Sache mit ihnen. Eine Sportart, wie bspw. das Fussball spielen. Mentoren sind im eigenen Anliegen präsent. Sie teilen ihre Begeisterung für ihre Sache mit jüngeren Menschen und sind gleichsam um deren Entfaltung bemüht. Mentoren können auch eine Vorbildrolle einnehmen. Sie sind Vorbilder zum Anfassen. Man kann mit ihnen Gespräche führen, ihnen Fragen stellen oder sich Hilfe holen. Das Wertvolle an Mentoren als Vorbilder zum Anfassen ist, dass Kinder und Jugendliche sich von ihnen als Subjekt gesehen fühlen, indem sie eine wahrhaftige Beziehung zu ihnen aufbauen. Mit wahrhaftig meine ich eine Beziehung, in der keine Beurteilung und Bewertung in fremdbestimmten Kategorien stattfindet. Sie wollen sie nicht für ihre Zwecke benutzen. Sie sind nahbar und nicht distanziert, sie zeigen sich als Mensch, ihr Interesse gilt in erster Linie dem Spieler und nicht den Ergebnissen und Tabellenplätzen, wegen der sie zusammenkommen. Das Verhältnis zwischen Mentor und Spieler beruht immer auf Freiwilligkeit, selbst wenn der Kontakt zwischen beiden mitunter in einem Zwangsrahmen, zum Beispiel im Verein, entsteht. Mentoren laden ein, ermutigen und inspirieren ihre Spieler, Herausforderungen anzupacken. Sie geben Anregungen und erschaffen Anlässe. Sie begleiten und leiten sie durch diese Herausforderungen, stehen ihnen bei Schwierigkeiten zur Seite, feiern ihre Erfolge und helfen ihnen, mit dem Misserfolg umzugehen. Sie begegnen ihnen mit Wertschätzung und Achtsamkeit. Dabei können die Kinder und Jugendlichen an ihnen wachsen und in reflektierenden Gesprächen Momente der Selbstachtung erfahren. Mentoren geben den Heranwachsenden ständig wertschätzendes Feedback und nötigen sie niemals, mehr zu leisten, als sie wollen und können. Bewusst oder unterbewusst haben sie dadurch einen starken Einfluss auf deren Selbstkonzept. So helfen sie ihnen bei der Entfaltung ihrer Potenziale. Sie sind gekennzeichnet durch bedingungsloses Wohlwollen und Anerkennung. Sie wollen sie nicht bewerten oder beurteilen, sondern sie hilfreich unterstützen in ihrer Entfaltung. Mentoren treiben kein narzisstisches Bedürfnis nach Bedeutsamkeit und Karriere an. Sie verwirklichen sich selbst durch ihr gebendes Wirken. Dadurch begegnen sie ihren Spielern als Subjekte. Indem sie sie so sehen, wie sie sind, können sie ihre Spieler innerlich berühren und entwickeln.
Heranwachsende können in ihrer sportlichen Karriere wechselnden Mentoren begegnen, die sie jeweils eine Weile lang begleiten und die für sie von Bedeutung sind. Trainer in Sportvereinen sind potenziell geeignet als Mentoren, weil Ihre Schützlinge zu ihnen aufschauen. Allerdings können sie nur dann Mentoren für sie sein, wenn ihre Haltung keine der Abrichtung ist, ihr Training nicht auf die Erfüllung von Wettkampfstandards ausgerichtet ist, wenn ihr Antrieb nicht in erster Linie dem Siegen bei Spielen gilt. Wenn sie keine allzu formellen Trainingsmethoden einsetzen, mit hoher Ähnlichkeit zu militärischer Ausbildung. Denn das Spiel von Kindern folgt keiner Siegeslogik. Es beruht auf reiner Freude. Freude am Spielen und Lernen. Sporttrainer können also dann Mentoren sein, wenn ihr Anliegen in erster Linie die kreative Entfaltung der Kinder und Jugendliche ist. Wenn sie sich entschieden haben, diese Freude am Spiel niemals zu rauben, dann prägt diese Entscheidung ihr gesamtes Verhältnis zu ihnen. Beeindruckende Siege sind möglich. Aber sie sind nie der eigentliche Sinn der Sache. Das ist der Unterschied etwa zwischen einem Fussballtrainer und einem Fussballmentor. Aufmerksame Eltern können bei der Wahl von Sportvereinen auf diesen Unterschied Wert legen. Wenn Sie als Eltern Ihren Kindern die Begegnung mit Mentoren ermöglichen wollen, können Sie als einfachsten Schritt zunächst Ihre Akzeptanz gegenüber informellen Bezugspersonen überprüfen – also gegenüber solchen Trainern, die nicht immer in einem leistungsorientierten Rahmen stattfinden, sondern auch dort, wo Ihre Kinder und Jugendliche sich frei bewegen dürfen. Wie besorgt oder entspannt sind Sie hier und welche Erwartungen werden an den Nachwuchs gestellt? Anhand der Merkmale, die ich benannt habe, können Sie sie jetzt erkennen. Viele solcher mentorenartigen Begegnungen ergeben sich auch im Rahmen der offenen Trainingstagen, Fussballschulen oder in persönlichen Gesprächen mit anwesenden Eltern. Als Vorsitzender und sportlicher Leiter können Sie also an der Ermöglichung dieser wertvollen Erfahrung für Heranwachsende mitwirken, indem Sie sich mit Ihrer Entscheidungsmacht für den Ausbau kreativer Möglichkeiten und ihrer personalen Vielfalt in Ihrem Verein einsetzen. In Vereinen können Sportpsychologen, Laufbahnberater, Fahrdienste, Physiotherapeuten und externe Akteure des Vereins zu Mentoren für Heranwachsende werden. Auch Großeltern können Mentoren für ihre Enkel sein. Oma und Opa verfügen häufig über mehr Zeit und Ruhe als die Eltern. Mit all ihrer Erfahrung können sie ihren Enkeln zahlreiche wertvolle Anregungen verschaffen.
Eine gelingende Entwicklung im Nachwuchsfussball zeigt sich unter anderem daran, wie sehr ein Trainer bzw. aktiver Mentor den Nachwuchskicker erreicht, mit ihm tiefere persönliche Beziehungen eingehen und pflegen kann und dies auch innerhalb der Mannschaft. Das pädagogisch/didaktisch/psychologische Interaktionsverhalten des Begleiters hat Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung des Einzelspielers sowie die Wahrnehmung der Sportler als Mitglied in seinem Team. Besonders diesem Aspekt sollte in der „Trainerausbildung“ ein stärkeres Gewicht gegeben werden.
Pahmeier, I. (2003): Eine Untersuchung über die Ausstiegsgründe und Bindungsfaktoren von Fußballspielern. Beitrag zum DFB-Amateurfußballkongress in Barsinghausen vom 13.-15. Juni 2003 (S.95-110). Köln: Führungsakademie des DSB.
Mann, T. (2017): Meisterschaft dank Menschlichkeit: Leitfaden für Trainer zum Thema Menschenführung im Mannschaftssport. Books on Demand; Auflage: 1.
Anstatt sich auf ihre größten Leidenschaften konzentrieren zu können, anstatt das tägliche Training und die ersten Wettkämpfe der Saison wahrnehmen zu dürfen, hören viele Athleten dieser Tage von Quarantänen, erfahren von Erkrankten, gar von zahlreichen Toten, sehen sich gleichzeitig aufmunternde Isolations-Videos an und lesen von Delfinen, die endlich wieder bis an die Küsten schwimmen. Im besten Fall werden sie dabei sogar über jene weltweiten Krisen informiert, die abseits der Corona Pandemie existieren.
Zum Thema: Sportler, Corona und moderne Medien
Eine mediale Flut, die dieser Tage auf uns hereinbricht, ist kaum mehr zu bremsen. Genauso wenig wie ihr rasantes Tempo an Informationen. Während auch Sportler also vor ihren Bildschirmen nun entweder auf die Apokalypse oder aber auf ein wenig Besserung warten, liefern die Live Ticker der Nation ausnahmsweise keine Turnier-Ergebnisse, sondern treiben eine Achterbahnfahrt der Gefühle an. Hoch hinauf und genauso weit in die Tiefe katapultieren die digitalen Informationsketten all ihre Verfolger regelrecht im Sekundentakt.
Das Distanzhalten fällt allen schwer. Sowohl analog, als auch in einer Welt, die sich nur zwischen Nullen und Einsen bewegt. Und doch täten wir auch im Sport gut daran, letztere Strategie auszuprobieren. Den eigenen Gemütsbewegungen zuliebe, dem Seelenfrieden zugunsten. Schließlich sollten Athleten schon ohne Krise keiner haltlosen Reizüberflutung ausgeliefert werden. “Multitasking” ist ein Gerücht, von dem es sich endlich gilt zu verabschieden.
Mein Tipp: Abstand hilft, auch digital
Zwar sind auch Athleten, vor allem jene deren normaler Alltag sich durch beinahe tägliche Treffen mit Mannschaftskollegen auszeichnet, genauso wenig für soziale Isolation geschaffen. Genauso wie digitale Trainingspartner durchaus nützlich sein können. Und doch hilft dies bisschen mehr Abstand zu den Bildschirmen dieser Tage, bei jener Achterbahnfahrt nicht ganz aus der Spur zu geraten.