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Andreas Meyer: Sportpsychologie und Sportverletzungen

Verletzungen können schwerwiegende Folgen für die Karriere eines Athleten bedeuten und ihn emotional schwer belasten. Wenn es um den Weg von der Verletzung hin zum Wiedereinstieg in den kompetitiven Sport geht, spielen auch psychologische Faktoren eine wichtige Rolle. Wichtig: Aber auch schon präventiv kann die Sportpsychologie einen bedeutsamen Beitrag dazu leisten, dass die Wahrscheinlichkeit sinkt, eine Verletzung zu erleiden.

Zum Thema: Die Rolle der Sportpsychologie bei Sportverletzungen

Wie auch in einer guten physiotherapeutischen Betreuung, kann die psychologische Zusammenarbeit in verschiedene Phasen eingeteilt werden (siehe Abbildung 1). In jeder dieser Phasen finden sich unterschiedliche psychologische Herausforderungen und Belastungen. Daraus resultieren verschiedene Lösungsansätze und Interventionen, um den Herausforderungen gerecht zu werden.

Im vorliegenden Artikel möchte ich ein solches Konzept kurz vorstellen und werde dieses anschließend in einzelnen Blogbeiträgen konkretisieren und mit Praxisbeispielen dazu beitragen, dass dieses Thema nicht ein theoretisches Konstrukt bleibt.

Abbildung 1: Phasen der psychologischen Rehabilitation nach Sportverletzungen nach Hermann & Eberspächer (1994) angepasst nach Meyer (2018)

Die präventive Phase

Die präventive Phase beschreibt den Zeitraum vor einer Verletzung. Leider spielt hier die Psychologie oft nur eine sehr kleine Rolle. Denn die Einstellung, dass psychologische Interventionen erst dann wichtig werden, wenn ein Problem vorliegt, ist weit verbreitet. Dabei birgt präventive Arbeit ein riesiges Leistungspotential in der Entwicklung eines Sportlers. Denn jede Verletzung führt zwangsläufig dazu, dass der Sportler sein potentiell maximales Leistungsniveau nicht mehr erreichen kann. Er kann also immer noch sehr gut werden, aber niemals so gut, wie er ohne Verletzung hätte werden können.

Viel zu selten wird berücksichtigt, dass Stress einer der größten Risikofaktoren für Verletzungen ist. Gerade im Leistungssport. Allerdings erfahren die Sportler oft unheimlich viel Stress. Jedoch nicht nur dort, also im sportlichen Umfeld, sondern wie bei jedem Menschen kommt zusätzlich das Stresserleben im privaten Umfeld und Alltag hinzu. Wie genau Stress Einfluss auf die Entstehung von Verletzungen nimmt und welche Interventionsmöglichkeiten die Sportpsychologie bietet, wird in einem der angekündigten Blogbeiträge näher beleuchtet und soll in diesem Artikel vorerst nicht genauer betrachtet werden.

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/07/andreas-meyer-stress-als-risikofaktor-nummer-1/

Die Akutphase

Kommt es zu einer Verletzung, kann das für den Athleten eine traumatische Erfahrung sein, die gekennzeichnet ist, durch Schmerz, Angst, Zweifel und Unsicherheiten. Die zweite Phase, die sogenannte Akutphase, startet mit dem Auftreten der Verletzung, beinhaltet die Auseinandersetzung mit einer eventuell bevorstehenden Operation und endet in einem fließenden Übergang in die Rehabilitationsphase (Aufbauphase). In dieser Akutphase geht es hauptsächlich um die Bewältigung des Ereignisses und das Wecken von der Selbstwirksamkeitsüberzeugung, selbst „Herr der Lage zu sein“. Der Sportler erlebt in dieser Phase häufig Schmerzen, die ihn in seiner Lebensqualität negativ beeinflussen. Dazu kommt die Angst vor einer bevorstehenden Operation, deren Risiken und die Unsicherheit, ob die Verletzung möglicherweise das Aus für die Sportlerkarriere bedeutet. Bei schweren Verletzungen bangt der Athlet um seine physische und psychische Gesundheit. Ein Begleitsymptom dieser Gedanken ist sehr oft eine starke psychosomatische Unruhe, die sich in einer angespannten Nervosität zeigt.

Im Leistungssport kann es vorkommen, dass sich die Athleten stark über ihren Sport definieren. Steht diese Identifikationsmöglichkeit plötzlich in Gefahr, verloren zu gehen, dann kann das zu einem enormen Verlust an empfundenen Selbstwert führen und in einer Sinnkrise enden.

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/21/andreas-meyer-psychologische-aspekte-von-verletzungen-in-der-akutphase/

Die Rehabilitationsphase

Hat der Athlet die Akutphase erfolgreich überstanden, begibt er sich in die Rehabilitationsphase (Aufbauphase). Diese Phase ist geprägt durch die Ziele, die Belastbarkeit von Gewebe wiederherzustellen und die Wundheilung zu unterstützen. Außerdem unterstützt der Sportpsychologe den Sportler, seine Leistungsfähigkeit (welche durch die Verletzung in Mitleidenschaft gezogen wurde) wiederaufzubauen und den Wiedereinstieg in die sportliche Aktivität vorzubereiten. Je nach Schwere der Verletzung kann die Rehabilitationsphase einen sehr langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Denn bevor der Sportler wieder in das sportspezifische Training einsteigen kann, muss eine adäquate physiologische und psychologische Belastbarkeit vorliegen. Ansonsten ist das Risiko einer Rezidivverletzung enorm hoch.

Die häufig sehr zeitaufwändige und langwierige Rehabilitation (auch aus physiologischer Hinsicht), gepaart mit immer wieder vorkommenden Rückschlägen im Rehaverlauf, ist eine besondere Herausforderung dieser Phase. Häufig kommt es zu Hilflosigkeit, Hadern, Unsicherheit, Ungeduld und auch Ärger sowie Resignation. Wie man diesen Herausforderungen psychologisch gerecht werden kann und welche Ansätze und Methoden die Sportpsychologie bietet, wird in einem gesonderten Beitrag näher vorgestellt.

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/10/andreas-meyer-psychologische-aspekte-von-verletzungen-in-der-rehabilitationsphase/

Hast du gerade mit der Rehabilitationsphase zu kämpfen? Lass uns persönlich darüber sprechen. Gern telefonisch:

Die Wettkampfvorbereitung

Damit der Sportler wieder an Wettkämpfen teilnehmen kann, bedarf es allerdings mehr als einer abgeschlossenen Rehabilitation und der Wiederherstellung der physiologischen Belastbarkeit. Im Wettkampf wird der Sportler mit Dingen konfrontiert, die weit über eine physische Belastung hinausgehen, weshalb im Anschluss an die Rehabilitationsphase eine Wettkampfvorbereitung stattfinden muss. Möglicherweise wird der Sportler im Wettkampf wieder mit angstauslösenden Reizen, im Zusammenhang mit der Entstehung seiner Verletzung, konfrontiert. Außerdem ist die Belastung eines Wettkampfes eine andere als im Training. Denn neben den normalen muskulären Beanspruchungen kommen Wettkampfstress und Anspannung hinzu, die mit der Ausschüttung von Hormonen einhergehen. Unter Umständen sorgen diese Faktoren dafür, dass der Sportler beispielsweise nur halbherzig in Zweikämpfe geht oder nicht voll konzentriert seine Handlung ausführen kann. Zu guter Letzt kann es sein, dass der Athlet noch nicht darauf vertraut, dass seine ehemals verletzten Strukturen der Belastung standhalten. Er zweifelt und fühlt sich unsicher, ob er im Wettkampf bestehen kann.

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/29/andreas-meyer-zu-frueh-zurueck-sportler-mit-problemen-beim-wiedereinstieg-nach-verletzungen/

Keine Frage der Relevanz

Die Relevanz der Sportpsychologie im Kontext mit Sportverletzungen ist nicht zu unterschätzen und sollte unbedingt in die Athletenrehabilitation mit einbezogen werden. Und das gilt nicht nur im Profisport, denn mit sehr vielen der oben genannten Faktoren haben genauso Amateursportler oder Breitensportler zu kämpfen.

Die sportpsychologische Arbeit läuft in der Regel parallel zum physiotherapeutischen und athletischen Rehabilitationsprogramm. Es macht allerdings auch präventiv Sinn, sich als Sportler mit Themen wie Stressmanagement und anderen Ansätzen auseinanderzusetzen und die Angebote der Sportpsychologie zu nutzen. Denn diese können nicht nur das Verletzungsrisiko minimieren oder bei der Genesung helfen, sondern auch generell Leistungen stabilisieren und optimieren.

Noch einmal zum Anfassen: Bei Fragen meldet euch gerne bei meinen Kollegen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt arbeiten (zu den Profilseiten), oder mir (zur Profilseite von Andreas Meyer). Oder wartet, falls dies für euch reicht, bis die nächsten Blogbeiträge zu diesem Thema veröffentlicht werden.

Zur Profilseite von Andreas Meyer: https://www.die-sportpsychologen.de/andreas-meyer/

Mehr zum Thema: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/07/andreas-meyer-stress-als-risikofaktor-nummer-1/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/08/25/thorsten-loch-sexy-wie-ein-zahnarzt-warum-sportpsychologen-in-der-rehabilitation-dennoch-so-wichtig-sind/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/02/philippe-mueller-verletzungen-bewaeltigen/

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Johanna Constantini: Handy-Zeit oder Smartphone-Verbot? Strategien zur digitalen Wettkampfvorbereitung

Online ist man heute überall. Die Welt wird zunehmend vernetzter und das Internet lässt sich kaum noch wegdenken. Das Smartphone bildet dabei das „Schweizer Taschenmesser der Informationsgesellschaft“, wie es Dr. Manfred Spitzer so treffend beschreibt. Bei rund 7,6 Milliarden Menschen auf unserem Planeten lassen sich 3,03 Milliarden Social Media Nutzer finden (Statista, 2018). Netzwerke, die über das handliche Smartphone mehrfach täglich abgerufen werden. Auch im Sport ist das „kleine, rechteckige Wunderding“ beinahe immer dabei. Ob als sogenannter „Leistungstracker“, wie ich es in einem meiner Blogs schon ausführlicher beschrieben habe, oder um die aktuelle Wettkampfleistung der Konkurrenz via Streaming-Dienst abzurufen.

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten… und noch viel mehr… (Teil 13)

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/


Und immer wieder stellt sich die Frage, ob und wie viel Handynutzung während dem Training und vor allem in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung Sinn macht? Auch aus sportpsychologischer Sicht habe ich mir diese Frage bereits des Öfteren gestellt. Zumal ich um die massiven Aufmerksamkeitsdefizite und den oftmals beeinträchtigenden Schlafmangel weiß, die mit übermäßiger Smartphone-Nutzung einhergehen können. Oder die Einbußen im Selbstwert bis hin zu erlebten Ängsten, verursacht durch das Gefühl nicht dazuzugehören (Chou & Edge, 2012; Przybylski et al., 2013). Im Übrigen hängen beide dieser negativen Auswirkungen – wie so viele andere – mit der verbrachten Zeit in sozialen Netzwerken zusammen (Steers, Wickham and Acitelli, 2014).

Und, um die Frage nach der optimalen Smartphone Nutzung vor, während oder nach einem Wettkampf zu beantworten, so würde ich auch genau hier ansetzen: Zeit lautet das Zauberwort. Zeit ist es, die sich AthletInnen im Trainings- und Wettkampfalltag möglichst sinnvoll einteilen sollten, um optimale Leistungen abrufen zu können. Hier nachzuhaken, was die tägliche Nutzung digitaler und vor allem sozialer Medien angeht empfinde ich als ersten und fundamentalen Schritt in die richtige Richtung. Dabei sei gesagt, dass sich der durchschnittliche User 112 Minuten täglich in sozialen Medien aufhält – also was macht der Sportler oder die SportlerIn während dieser Online-Zeit?

Die sinnvolle Nutzung

Wenn es darum geht, mit einzelnen AthletInnen individuelle Trainings- oder Wettkampfvorbereitungen zu planen, so kann meiner Ansicht nach nur individuell vorgegangen werden. Schließlich ist nicht alles schlecht, was sich in den schier unendlichen Weiten digitaler Endgeräte verbirgt. Viele SportlerInnen nutzen ihre Smartphones und damit verbundene Zugänge ins World Wide Web durchaus sinnvoll. Nur wie könnte eine derartig individuelle Betrachtungsweise in Form der digitalen Wettkampfvorbereitung aussehen?

Als Beispiel: Von der Emotion in die Analyse digitaler Wettkampfstrategien

Weg von dem meist mit negativen Emotionen und Ärger besetztem Handy-Verbot, über das Bewusstmachen digitaler Auswirkungen bis hin zu einem adäquaten, situationsspezifischen Gebrauch:


Athletin X surft gerne während der Busfahrt zum Turnier im Internet. Sie spricht mit TrainerIn und/oder SportpsychologIn darüber, dass sie dieses Surfen ablenkt und sie ihre Nervosität dadurch besser in den Griff bekommt. Gemeinsam werden die Seiten besprochen, die ihr dabei gut tun und sie nicht in vermeintlich negative Stimmungen versetzen. Eine Online-Liste zur Wettkampfvorbereitung wird im nächsten Schritt mit der Athletin erarbeitet.

Beim Turnier angekommen verschwindet das Smartphone erstmal ausnahmslos in der Tasche. Nun ist es für die Athletin schließlich an der Zeit, sich auf dem Gelände zurechtzufinden, sich zu orientieren und analog anzukommen. Nach einer ausführlichen Vorbesprechung mit ihrem Team zieht sich die Athletin nochmals zurück. Mit dem Smartphone – mittlerweile auf Flugmodus gestellt – will sie sich nun ein Lied ihrer Offline-Playlist anhören. Das bringt sie immer in die richtige Aktivierung und fördert ihre Konzentration für den Wettkampf.

Fazit 

Wie bei allen (technischen) Neuerungen gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Diejenigen AthletInnen, die für sich selbst etwas Positives aus ihrer Smartphone- und Internetnutzung ziehen können, sollten entsprechend gecoacht werden. Jenen, die sich durch digitale und soziale Medien überfordert und negativ beeinflusst fühlen, sollte ebenfalls ein geeignetes Coaching zukommen. Vor allem sollte die Handhabung digitaler und sozialer Medien, sowie der Smartphone-Gebrauch auch in der sportpsychologischen Arbeit Beachtung finden. Und zwar im Sinne eines bewussten Umgangs, der Schulung in Hinblick auf vermeintliche Auswirkungen und die wahren Funktionsweisen hinter Online-Scheinwelten.

Dass soziale Medien und ihre Inhalte unser aller Psyche beeinflussen, wissen wir heute. Doch gerade weil wir im Jahr 2019 nach wie vor zu den Early Adopters zählen, spielt die Schaffung des richtigen Bewusstseins eine umso größere Rolle. Wo bereits zahlreiche Untersuchungen nachweisliche Auswirkungen von fehlenden oder übermäßig vielen Likes, dem Gefühl online nicht oder schon dazuzugehören und dem Vergleichswahnsinn via Facebook, Instagram und co. zeigen konnten, da sollte uns das Thema auch im Sport etwas angehen.

Von einem strikten Handy-Verbot halte ich übrigens nur dann etwas, wenn durch die Anwesenheit von Smartphones die zwischenmenschliche Kommunikation direkt gestört wird. Was meine ich damit? Während der Trainer, die Trainerin oder die KollegInnen sprechen, liegen Smartphones nicht einmal mehr auf dem Tisch. In der Trainingstasche verstaut, machen sich die digitalen Begleiter dann am besten, wenn Mitmenschen – ob im Sportlerleben oder im Alltag – zu Wort kommen und miteinander kommunizieren. Hier hat ein Smartphone schon aus Respekt vor den Gesprächspartnern nichts zu suchen.

Die komplette Serie:

Quellen:

Przybylski, A.K., Murayama, K. DeHaan, C.R. and Gladwell, V. 2013. Motivational, emotional,

and behavioral correlates of fear of missing out. Computers in Human Behavior 29 (2013) 1841-1848

Burke, M., Marlow, C., & Lento, T. (2009). Feed me: Motivating newcomer contribution in social network sites. In Proceedings of the 27th International Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 945–995). New York, NY: ACM. Burke,

Steers, Wickham and Acitelli, 2014: Seeing everyone else´s highlight reels: How Facebook Usage is linked to depressive symptoms, Journal of Social and Clinical Psychology, Vol. 33, No. 8, 2014, pp. 701-731

Spitzer, Manfred. Cyberkrank: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Taschenbuch. 2017

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Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak: Meiner Sportpsychologin kann ich komplett vertrauen

Im Spätsommer 2017 erlebt Alexander Wieczerzak den bislang größten Tag seiner Karriere. Als 124. der Weltrangliste kämpft sich der deutsche Judoka bis ins WM-Finale von Budapest und schlägt dort überraschend den Italiener Matteo Marconcini. 

Als amtierender Weltmeister erlebte der gebürtige Frankfurter bei der WM 2018 in Baku, wie sich immenser Leistungsdruck anfühlt. Wieczerzak: „Vom Kopf her war es extrem schwierig. Ich war einfach nicht so locker drauf wie sonst. Und genau das hat mich überrascht, wie stark sich dieser Druck auswirkt.“ Letztlich verpasste er das Finale, konnte am Ende aber die Bronzemedaille feiern. Ein sehr bedeutsamer Erfolg, wie der 27-Jährige heute sagt. Im Interview mit Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, erklärt er, welche Bedeutung die Sportpsychologie und mentales Training im Judo haben:

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Interview mit Alexander Wieczerzak

Medaille bei den Olympischen Spielen als Ziel

Als großes sportliches Ziel hat Wieczerzak die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo. In Japan will der deutsche Judoka eine Medaille holen, nachdem er vor vier Jahren in London noch verletzt fehlte. Die Sportpsychologie wird auf seinem Weg ein fester Begleiter sein. Auch wenn Heike Hölzel, die am Berliner Olympiastützpunkt tätig ist und Wieczerzak begleitet, am Ende vielleicht nicht mehr machen muss als dem Athleten eine Flasche Wasser zu reichen. Ein schöneres Kompliment für eine funktionierende sportpsychologische Betreuung haben wir von einem Athleten in unserer Interviewreihe „Die Sportpsychologen treffen“ noch nicht gehört.

Apropos Interviewreihe: Wir wollen unsere Gespräche mit Sportlern, Trainern und Funktionären gern fortsetzen. Jürgen Walter, der Initiator der Reihe, und Redaktionsleiter Mathias Liebing freuen sich sehr über eure Vorschläge: 

Alle Folgen der Interviewreihe „Die Sportpsychologen treffen“:

  • Erik Schneider, Langlauf-Bundestrainer Damen (Link
  • Dorian Rogozenco, Schach-Bundestrainer (Link)
  • Uwe Stöver, Sportdirektor FC St. Pauli (Link)

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Zur Youtube-Playliste

Der Initiator der Interviewreihe:

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Johannes Wunder: Stressmanagement im Nachwuchsleistungssport

Viele Situationen können im Leistungssport Stress auslösen. Besondere Beachtung sollten in meinen Augen Kinder und Jugendliche finden. Dort wo Schule, Sport und soziales Umfeld aufeinandertreffen und eine große Persönlichkeitsentwicklung stattfindet, kann es folgerichtig zum vermehrten Auftreten von labilen Phasen kommen. Wie kann die Sportpsychologie in solchen Phasen helfen und wie können auch Trainer und Eltern in diesem Prozess eingebunden werden?

Zum Thema: Stressmanagement im Nachwuchsleistungssport

Mehr Infos zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Stressmanagement oder auch Stressbewältigung steht als umgangssprachlich gern genutzter Begriff in Artikeln oder Ratgebern. Doch es lohnt sich, diesen Begriff genauer zu betrachten. Richard S. Lazarus ist ein bekannter Stressforscher und definiert Stressbewältigung als „einen Prozess der Handhabung jener externen und internen Anforderungen, die vom Individuum als die eigenen Ressourcen beanspruchend oder übersteigend bewertet werden.“ (Knoll et al. 2005, S. 101)

Wenn also das eigene Können oder der Umgang mit Situationen an seine Grenzen stößt, kommt es zu einer Bewältigung. Unter Stressbewältigung kann das Überwinden von bedrohlichen Situationen verstanden werden, ohne dass Schäden oder Beeinträchtigungen daraus resultieren. Die Anwendung geschieht hierbei auf Grundlage von vorhandenen Strategien, die die betroffene Person bereits abgespeichert hat. (Vgl. Wippert, 2009)

Vier Coping-Kategorien

Derartige Formen der Bewältigung werden auch unter dem Überbegriff „Coping“, also mit etwas zurechtkommen, beschrieben. Im Detail wird im Coping zwischen vier Kategorien unterschieden:

  • Reaktives Coping (bereits passiert)
  • Antizipatorisches Coping (vorhersehbar)
  • Präventives Coping (vorbeugend)
  • Proaktives Coping (Ausbau/Erweiterung vorhandener Strategien)

Stressbewältigung im Speziellen kann hingegen in folgende Kategorien unterteilt werden:

  • Soziale Unterstützung
  • Emotionsorientierte Strategie
  • Problemorientierte Strategie
  • Vermeidungs-/Ablenkungsstrategie
  • Medikamentenkonsum zur Stressbewältigung

Wie kann die Sportpsychologie helfen?

Das Erlernen oder Festigen von Bewältigungsstrategien kann gezielt zum Thema in der sportpsychologischen Betreuung werden. Die verschiedenen Bereiche des Copings werden demnach in Gesprächen thematisiert beziehungsweise aktiv angesprochen. Ein Lerneffekt wird so durch regelmäßiges, gemeinsames Reflektieren von „problematischen“ Situationen wahrscheinlich. Aufgrund der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in der Anwendung von Bewältigungsstrategien noch nicht so erfahren sind, ist das begleitete Erlernen eine in meinen Augen sinnvolle Methode – egal ob für sportpsychologische Berater oder für Trainer.

Zusätzlich ist es besonders für die tägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Sport sinnvoll, die Stressbewältigung zum einen aus entwicklungspsychologischer Sicht und zum anderen auch im Bezug auf Geschlechterunterschiede zu betrachten. Einige wichtige Details, die in persönlichen Gesprächen und der Einschätzung von Situationen wichtig sind, sollen nachfolgend kurz erläutert werden:

  1. Jugendfreundschaften haben bei Mädchen einen höheren Stellenwert (vgl. Knoll, 2005)
  2. Jungen haben ein höheres Aggressionslevel als Mädchen (Lohaus et al., 2007)
  3. Jüngere Kinder haben oft Schwierigkeiten Stressbewältigungsstrategien situativ anzuwenden (ebd.)
  4. Ablenkungs- und Vermeidungsstrategien sind für Kinder/Jugendliche schwieriger anzuwenden (ebd.)

Leistungssteigerung durch Entspannung

Neben der besonderen Berücksichtigung von gezielten Bewältigungsstrategien können auch Entspannungsverfahren einen Platz im Nachwuchsleistungssport einnehmen. Besonders bei Kindern bieten sich hier Progressive Muskelentspannung und imaginative Verfahren, wie Phantasiereisen an. (siehe Beitrag zur Progressiven Muskelentspannung unten).

Ein regelmäßiges Üben hat nicht nur den Vorteil, dass die Kids in möglichen Stresssituationen mehr Werkzeug in ihrem Stressbaukasten haben und dieses auch anwenden können, sondern auch, dass eine Basis für einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper gelegt wird, die im Verlauf der weiteren Karriere sportlich auch leistungssteigernd wirken kann.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/23/johannes-wunder-basketball-und-pmr-entspannt-zu-einer-hohen-freiwurfquote

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/06/ole-fischer-optimal-aktiviert-zwischen-anspannung-und-entspannung
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/24/alma-bestvater-olympic-combined-ihr-harter-weg-nach-tokyo

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Janosch Daul: Wichtige Aspekte für eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Trainerteam und Sportpsychologe

Matthias Sammer ist als innovativer Querdenker bekannt, der gern über den Tellerrand hinaus blickt. Beim diesjährigen SPOBIS, Europas größtes Sportbusiness-Event, referierte Sammer über den Zustand des deutschen Fußballs. Dabei vertrat er die Auffassung, dass man in Vereinen und Verbänden mehr Kompetenz brauche. Wirklich spannend dabei: Angesichts der quantitativ und qualitativ immer größer werdenden Trainerstäbe stellt sich für unsere Disziplin mehr denn je die Frage, wie der Sportpsychologe als Teil des Trainerteams seine Kompetenzen gewinnbringend einbringen kann? Oder noch einen Schritt zurück: Wie sollte ein Sportpsychologe in einem Team etabliert werden und welche Vorkehrungen sollten getroffen werden, um vermeidbare Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen?

Zum Thema: Was zu beachten ist, wenn ein Sportpsychologe Teil des Trainerstabs werden soll

Mehr Infos zu Janosch Daul: https://www.die-sportpsychologen.de/janosch-daul/

Bevor der Startschuss für eine konkrete Umsetzung sportpsychologischer Maßnahmen und der Implementierung von Inhalten in den Alltag einer Fußballmannschaft fallen kann, bedarf es zunächst einer intensiven Vorarbeit. Im Vorfeld gilt es, Vorstellungen bezüglich der Sportpsychologie als solche auszutauschen. Dabei besteht eine wichtige Aufgabe für den Sportpsychologen darin, aufzuzeigen, welches Menschenbild er repräsentiert, welche Arbeitsweise er an den Tag legt und was die Sportpsychologie zu leisten imstande ist – und was nicht.

Das Trainerteam sollte nach diesem Gespräch eindeutig wissen, welchen Mehrwert die Sportpsychologie sowohl für das System als auch für die einzelnen Akteure des Systems liefern kann. Sofern die Trainer ein grundsätzliches Verständnis von der Sportpsychologie haben sowie ein Interesse an einer Zusammenarbeit an den Tag legen, sind die ersten entscheidenden Schritte gesetzt.

Eine Rollen- und Aufgabenklärung als Basis für eine Zusammenarbeit

Anschließend bedarf es einer eindeutigen Rollen- und Aufgabenklärung zwischen dem Sportpsychologen und dem Trainerteam. Dies bedeutet in erster Linie, dass die Kompetenzbereiche klar abgesteckt werden müssen. Zudem sollte der Frage nachgegangen werden, wie eine Integration der Sportpsychologie in den Trainingsbetrieb grundsätzlich aussehen kann. Zentrale Fragen, die sich alle Beteiligten stellen sollten, sind zum Beispiel:

  • Wie sieht die Rollenverteilung innerhalb des Trainerteams aus?
  • Was braucht es, damit alle Beteiligten ihre Rollen mit Leben füllen können?
  • Wofür ist der Sportpsychologe zuständig und wofür nicht?
  • Welche Informationen werden innerhalb des Trainerteams wie kommuniziert?
  • Welchen Einfluss nimmt der Sportpsychologe auf Entscheidungsprozesse des Trainerteams?
  • Wie kann das Trainerteam als Einheit auftreten, um die Sportpsychologie den Spielern des Teams möglichst gewinnbringend nahezubringen?
  • Welchen Stellenwert nimmt die Sportpsychologie in der täglichen Trainingsarbeit generell ein?
  • Wie kann dies den Spielern der Mannschaft kommuniziert werden?

Eine eindeutige Klärung von Rollen und Aufgaben zwischen den Beteiligten des Trainerteams und dem Sportpsychologen stellt somit ebenso eine zentrale Voraussetzung für eine produktive Zusammenarbeit dar wie der regelmäßige Austausch innerhalb des Trainerteams. In diesem Kommunikationsprozess sollten auch psychologische Themen angesprochen und thematisiert werden.

Mögliche Stolpersteine für eine Zusammenarbeit zwischen Sportpsychologe und Trainerteam

Fußball ist und bleibt eine Mannschaftssportart. Für die Leistungsfähigkeit eines Spielers und eines Teams spielen neben mentalen Aspekten auch technische, taktische und konditionelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Dementsprechend stellt die Sportpsychologie zwar eine Wissenschaft dar, deren regelmäßige theoretische wie praktische Implementierung in den Trainingsbetrieb wichtig erscheint. Dennoch muss der Sportpsychologe akzeptieren, dass weitere Wissenschaften (z.B. die Trainings- und Bewegungswissenschaften) ebenso zu berücksichtigen sind. Folglich ist ein Bewusstsein dafür wichtig, dass die Sportpsychologie lediglich ein Teilaspekt im Trainingsalltag darstellen kann. Sie sollte ein Baustein darstellen, die dem großen Ganzen dient. Es ist eine wichtige Aufgabe des Sportpsychologen, immer wieder proaktiv auf die Coaches zuzugehen und mögliche sportpsychologische Inhalte sowie deren Umsetzung vorzuschlagen.

Das Verhältnis zwischen Trainerteam und Sportpsychologe wird insbesondere dann auf eine harte Geduldsprobe gestellt, wenn Trainer oder Co-Trainer einfordern, dass vertrauliche Inhalte, die der Spieler dem Sportpsychologen in Einzelsettings offenbart, an das Trainerteam kommuniziert werden. Dies würde die berufsethischen Richtlinien (Schweigepflicht) massiv verletzen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Sportpsychologe und Trainerteam ist daher umso wichtiger, um eine solche Situation erst gar nicht entstehen zu lassen.

No-Go für Sportpsychologen

Ein No-Go für einen Sportpsychologen stellt zudem eine Einmischung in trainerspezifische Kompetenzbereiche dar. Das Trainerteam sollte spüren können, dass der Sportpsychologe bereit ist, sich ein Stück weit unterzuordnen und dennoch in der Lage ist, proaktive Aspekte, die in seinen Kompetenzbereich fallen, anzugehen und zu bearbeiten.

Zudem sollte der Sportpsychologe darauf achten, sich freizumachen von persönlichen Eitelkeiten. Als wichtige Bezugsperson für die Spieler eines Teams hat er eine Vorbildfunktion inne und sollte sein Auftreten und Verhalten entsprechend darauf ausrichten. Konkret bedeutet dies, dass er insbesondere in Einzelsettings Neutralität wahren und vor dem entsprechenden Spieler nicht negativ über die Trainer sprechen sollte. Vielmehr sollten diese durch das Auftreten des Sportpsychologen spüren können, dass in eine Richtung gearbeitet wird, am vielzitierten „Strang“ gemeinsam gezogen wird.

Sportpsychologe und der Trainer

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Klare Meinung von Peter Hyballa. So lieben wir ihn.

Ein weiterer Stolperstein liegt in der Ungeduld vieler Coaches begründet. Diese wollen vom Sportpsychologen schnellstmöglich „Lösungen“, beispielsweise bei auffälligen Verhaltensweisen einzelner Spieler, präsentiert bekommen. Die Sportpsychologie vermag insbesondere dann, wenn sie langfristig wirken kann, menschliches Erleben und Verhalten positiv beeinflussen, doch auf Knopfdruck Wunder wirken vermag sie nicht. Zumindest nicht immer.   

Fazit

Sportpsychologische Inhalte haben angesichts der Komplexität der Mannschaftssportart Fußball eine große Bedeutung. Damit der Sportpsychologe seine Kompetenzen innerhalb des Trainerteams gewinnbringend einsetzen kann, sind einige wichtige Aspekte für alle Beteiligten zu beachten. Viele mögliche Klippen lassen sich jedoch durch eine eindeutige und rechtzeitige Auftrags- und Rollenklärung sowie durch eine gute Kommunikation umschiffen.

Wenn der Artikel Ihr Interesse geweckt hat oder Sie gegebenenfalls noch Fragen haben, melden Sie sich gerne bei einem meiner Kollegen (https://www.die-sportpsychologen.de/sportpsychologen-nach-sportarten)  oder mir (https://www.die-sportpsychologen.de/janosch-daul/).

Mehr zum Thema:

Literatur:

Horeni, M. (2019). Er ist so frei. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zugriff am 13.02.19 unter https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/matthias-sammer-ist-der-freie-mann-im-deutschen-fussball-16019925.html

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Dr. Fabio Richlan und Angelika Basler: E-Sport und virtuelle Sportpsychologie?

Im Rahmen des modernen Zeitalters von Internet, Smartphone und Co. bilden sich viele neue Forschungsfelder. Auch die Psychologie und insbesondere die Sportpsychologie durchlebt Veränderungen im Rahmen der Technologisierung und Digitalisierung. So fällt der Begriff “E-Sport” nach und nach in der Forschung. Doch was genau ist das Phänomen und welche Auswirkungen hat das für die angewandte Sportpsychologie?

Zum Thema: E-Sport als sportpsychologisches Arbeitsfeld

E-Sport oder auch electronic sports ist die Bezeichnung für professionelle Wettkämpfe mit Videospielen. Was früher noch eine reine Freizeitbeschäftigung war, wird heute sehr aktiv und professionell betrieben sowie ebenso vermarktet. Wie im Profi-Sport gibt es hier eigene Mannschaften, welche SpielerInnen anwerben und umfassend betreuen. Aber auch traditionelle Sportvereine, wie etwa Schalke 04 investieren bereits in E-Sport. Im Laufe der letzten Jahre steigerte sich das Interesse der Wissenschaft an dem Phänomen. Dies betrifft insbesondere Effekte des Spielens auf Struktur und Funktion des Gehirns, sowie Forschung zur Motivation von SpielerInnen bzw. ZuseherInnen. Auch die Industrie hat großes Interesse an E-Sport, denn mit der Entwicklung geht ein großes wirtschaftliches Potenzial einher.

Mehr Informationen zu Dr. Fabio Richlan: https://www.die-sportpsychologen.de/fabiorichlan/

Wie Videospiele Geist und Gehirn beeinflussen wurde bereits in der kognitiven Neurowissenschaft untersucht. Hierbei ließen sich positive Effekte des Gamings auf visuelle und räumliche Aufmerksamkeit, sowie auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Reizen finden. Zusätzlich, wenn Videospiele als systematische Trainingsmöglichkeit eingesetzt werden, kann dies zu einer erhöhten Aufmerksamkeitskontrolle beitragen (Bavelier et al., 2011).

Forschung noch am Anfang

In den Medien wird jedoch oft eine andere Facette des Gamings hervorgehoben: Die Internet-Sucht. Tatsächlich sind die genauen Ursachen, sowie diagnostische Kriterien für die Erkrankung noch unklar. Hervorzuheben ist aber, dass sich im Gehirn anatomische Unterschiede zwischen Personen mit einer Internet-Sucht und professionellen Videospielern finden lassen. Die Profis zeigen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ein höheres Volumen an grauer Masse im linken cingulären Gyrus, welcher für exekutive Funktionen und visuell-räumliche Verarbeitung zuständig ist. Auch fanden Forscher bei den erfahrenen Videospielern ein verringertes Volumen im linken Thalamus, welcher starken Einfluss auf unsere konditionierten Verhaltensmuster (und somit auf die Ausprägung einer Sucht) haben kann (Han et al, 2012).

Die Forschung der Psychologie des E-Sports steht trotz allem noch am Anfang. Den aktuellen Stand der psychologischen Forschung in dem Bereich haben Banyai et a. (2018) in einer Übersichtsarbeit zusammengefasst. Hier lassen sich vor allem drei große Fragestellungen identifizieren:

  1. Wie und warum wird man ein(e) professionelle(r) E-Sport AthletIn?

Grundsätzlich muss man zwischen E-Sport AthletInnen und Hobby-SpielerInnen unterscheiden. Für die professionellen SpielerInnen wird das Spiel zum Beruf. Für die Hobby-SpielerInnen ist es Ausgleich zum Alltag oder einfach Zeitvertreib. Es kann also zu einer Veränderung in der motivationalen Struktur der SpielerInnen kommen, wenn das Hobby zum Beruf wird. Seo (2016) befragte dazu zehn professionelle E-Sport AthletInnen, welche folgende Gründe angaben, die sie dazu führten eine Karriere in der Gaming-Welt anzustreben: die Auslebung und Verfeinerung der eigenen Fähigkeiten, der Drang nach ständiger Selbstverbesserung, sowie die Bedeutung von Fairness, gegenseitiger Anerkennung und Respekt.

  1. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen benötigen E-Sport AthletInnen?

Himmelstein et al. (2017) befragten E-Sport AthletInnen, um grundlegende mentale Fähigkeiten, sowie auch Hindernisse einer guten Performance herauszufinden. Neben nötigem Fachwissen über das Spiel, sowie schnelle strategische Entscheidungen treffen zu können, ist es auch wichtig, motiviert zu bleiben und Grenzen zwischen Alltag und Wettkampf ziehen zu können. Ebenso kommt der Aufrechterhaltung der Konzentration sowie dem Umgang mit Rückschlägen und Niederlagen und der Beibehaltung einer positiven Einstellung eine wichtige Rolle zu. Genau wie im “normalen” kompetitiven Sport ist es wichtig, sich vor dem Wettkampf aufzuwärmen. Dies gilt sowohl für mentale, aber auch physische Aspekte. In Gruppensettings ist es auch bedeutsam, Kommunikationsfähigkeiten auszubauen und seinen Teammitgliedern zu vertrauen. Vor allem, da verschiedene Nationalitäten in Teams heutzutage eher die Norm, als die eine Ausnahme sind. Hindernisse in der Performance eines E-Sportlers sind vergleichbar mit denen eines jeden anderen Athleten: ein Mangel an Selbstbewusstsein, schlechte Copingstrategien in Drucksituationen und nach Fehlern, sowie ein schlechter Teamzusammenhalt und fehlende gemeinsame Entwicklung.

  1. Was bringt Menschen dazu, das Phänomen E-Sport als Zuseher zu verfolgen?

Die E-Sport Fanbase wächst Jahr für Jahr. So haben zum Beispiel im Jahr 2017 über 60 Millionen Personen das Finale der 7. Saison des Spiels League of Legends, in dem zwei Teams à fünf Spieler gegeneinander antreten, verfolgt (Ling, 2017). Aber woher kommt die Faszination? Für viele ist es einfach eine Freizeitaktivität, ähnlich einem Abend vor dem Fernseher auf der Couch. Ansprechend ist dabei besonders, zu sehen, wie gut die Profis in dem Spiel tatsächlich sind. Viele bewundern die schnelle Reaktionszeit und strategischen Spielzüge. Zu einer spannenden Atmosphäre tragen außerdem auch professionelle Kommentatoren bei.

Voruteile und Potential für die Sportpsychologie

Ein Vorurteil E-Sport gegenüber ist jenes des “faulen Gamers”. In einer Studie befragten Kari & Karhulathi (2006) professionelle Spieler zu ihrem Sportverhalten. Hierbei haben 80% der Befragten angegeben, ein aktives körperliches Trainingsprogramm zu verfolgen, um einerseits gesund zu bleiben, aber auch um im E-Sport selbst erfolgreicher performen zu können.

Was bedeutet das Heranwachsen des Phänomens nun für die angewandte Sportpsychologie? Einerseits sind hier, wie auch bei jeder anderen Sportart, Themen, wie Wettkampfangst, Leistungsdruck und Konzentrationsfähigkeit relevant. Auch Kommunikationstraining und Teamcoaching kann hilfreich sein, da viele der kompetitiv betriebenen Videospiele Teams aus mehreren Personen beinhalten und nur eine optimale Zusammenarbeit den Sieg ermöglicht. Gern stehen meine Kollegen (zu den Profilseiten) und ich (zur Profilseite von Dr. Fabio Richlan) für Anfragen aus dem E-Sport zur Verfügung.  

Der Text ist unter der Mitarbeit von Angelika Basler entstanden.

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Quellen:

Bányai, F., Griffiths, M. D., Király, O., & Demetrovics, Z. (2018). The psychology of esports: A systematic literature review. Journal of gambling studies, 1-15.

Bavelier, D., Green, C. S., Han, D. H., Renshaw, P. F., Merzenich, M. M., & Gentile, D. A. (2011). Brains on video games. Nature reviews neuroscience, 12(12), 763.

Han, D. H., Lyoo, I. K., & Renshaw, P. F. (2012). Differential regional gray matter volumes in patients with on-line game addiction and professional gamers. Journal of psychiatric research, 46(4), 507-515.

Han, D. H., Lyoo, I. K., & Renshaw, P. F. (2012). Differential regional gray matter volumes in patients with on-line game addiction and professional gamers. Journal of psychiatric research, 46(4), 507-515.

Himmelstein, D., Liu, Y., & Shapiro, J. L. (2017). An exploration of mental skills among competitive League of Legend players. International Journal of Gaming and Computer-Mediated Simulations (IJGCMS), 9(2), 1-21.

Kari, T., & Karhulahti, V. M. (2016). Do E-Athletes Move?: A Study on Training and Physical Exercise in Elite E-Sports. International Journal of Gaming and Computer-Mediated Simulations (IJGCMS), 8(4), 53-66.

Ling, X. (2017, November 17). The League of Legends Worlds final reached 60 million unique viewers. Retrieved July 17, 2018, from https://dotesports.com/league-of-legends/news/lol-worlds-final-viewership-18796
Seo, Y., & Jung, S. U. (2016). Beyond solitary play in computer games: The social practices of eSports. Journal of Consumer Culture, 16(3), 635-655.

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Jürgen Walter: „Was erlauben Dortmund!?“

Gerade von Pressevertretern werde ich nach besonderen Fußballpartien oft gefragt, wie jetzt ein Sportpsychologe reagieren würde? Reine Hypothese natürlich, denn eine belastbare Antwort lässt sich kaum liefern, da beim Blick von außen zu viele wichtige Details verborgen bleiben. Und das ist gut so. Beim Betrachten des Champions League-Achtelfinalspiels zwischen Borussia Dortmund kam ich aber auf die Idee, dass es ganz spannend sein könnte, einmal zu notieren, welche Fragen ein Sportpsychologe stellen könnte.

Zum Thema: Sportpsychologische Fragestellungen nach Niederlagen

Wenn in der Fußball Champions League eine englische Spitzenmannschaft zu Hause gegen den Tabellenführer der Bundesliga antritt, ist von einem spannenden Spiel mit einem knappen Ergebnis auszugehen. „Auf Augenhöhe“ war im Achtelfinalhinspiel zwischen Tottenham Hotspur und Borussia Dortmund aber nur die erste Hälfte. Nach 90 Minuten stand es 3:0 für das Team aus London. Dieser klare Sieg für Tottenham lässt sich sicher durch spieltechnische oder taktische Aspekte und natürlich die zahlreichen Ausfälle auf Dortmunder Seite erklären. Aus meiner Sicht greift diese Analyse aber etwas zu kurz, denn natürlich spielen auch sportpsychologische Aspekte eine Rolle.

Zum Profil von Jürgen Walter: https://www.die-sportpsychologen.de/juergen-walter/

So hätte Dortmund bereits in der 1. Halbzeit in Führung gehen können, jedoch wurden Spielzüge nicht konsequent zu Ende gespielt, Pässe kamen nicht an und es fehlte auch der Mut zum Torabschluss. Dennoch war Dortmund in der ersten Halbzeit – für mein Empfinden – das bessere Team. In der zweiten Halbzeit geriet Dortmund nach dem 0:1, mehr oder weniger direkt nach Wiederbeginn, aus der Bahn. Es schien so, als hätten die Spieler fortan Angst, dass 0:2 zu kassieren. Die Spieler wirkten wie gelähmt, sie hatten nicht die mentale Stärke, dagegen zu halten. Folgerichtig fiel am Ende der Partie noch das 0:3.

Fragen aus sportpsychologischer Sicht

Jeder Sportpsychologe und gute Mentaltrainer arbeitet unterschiedlich. Daher lässt sich nichts pauschalisieren. Aber die Fragen, die mir gestern in den Sinn gekommen sind, halte ich dennoch für eine Veröffentlichung relevant, da viele Manager und Funktionsträger in professionellen Fußballvereinen ja immer noch nicht wissen, wie ein Sportpsychologe arbeitet der denkt.  

Aus sportpsychologischer Sicht stellen sich u.a. folgende Fragen:

  • Mit welcher Einstellung gehen die Spieler von Dortmund in die Partie?
  • Mit wie viel Selbstvertrauen gehen die einzelnen Spieler in das Spiel?
  • Überwiegt die Freude auf den Erfolg oder die Sorge vor dem Misserfolg?
  • Wie hat die Mannschaft den Rückstand zum 0:1 verarbeitet?
  • Was ging dem einzelnen Spieler nach dem 0:1 durch den Kopf?
  • Wie hat die Mannschaft den Rückstand zum 0:2 und 0:3 verarbeitet?
  • Was ging dem einzelnen Spieler nach dem 0:2 und 0:3 durch den Kopf?
  • Wie verarbeitet der Spieler eigene Fehler, die zu einem Gegentor geführt haben?
  • Wie gehen die Mitspieler damit um?
  • Wann ging der Glaube an einen positiven Verlauf des Spiels verloren?
  • Wann haben die Spieler den Glauben verloren, ein Tor zu erzielen?
  • Wie schätzen die Spieler ihre mentale Stärke ein?
  • Wie schätzen die Spieler ihre Spielfreude ein?
  • Wie gehen die einzelnen Spieler mit Frustrationen um?
  • Wie verarbeiten die Spieler Fehl-Aktionen?
  • Was sind die wesentlichen Erkenntnisse jedes Einzelnen aus dem Spiel, die im Rückspiel verbessert werden können?

Nun von Spielzug zu Spielzug

Vor dem Rückspiel scheint das Aus von Borussia Dortmund ob des klaren 0:3 auf fremden Platz schon besiegelt. Aus sportpsychologischer Sicht ginge es aber nun vielmehr um den Ansatz, wie wahrscheinlich das Weiterkommen noch ist? Und wenn dies nur bei einer Wahrscheinlichkeit von fünf bis zehn Prozent läge, wäre Dortmund gut beraten, mit Optimismus und Spielfreunde in das Rückspiel zu gehen. Es gilt von Spielzug zu Spielzug zu denken. Die nächste Aktion muss gut werden. Dazu benötigen die Spieler u.a. Spielfreunde, Selbstvertrauen und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.

Nebenbei sei bemerkt, dass Borussia Dortmund einer der Bundesligavereine ist, die zumindest nicht offen mit einem Sportpsychologen arbeiten. Unterstützung hatten sich die Schwarz-Gelben zuletzt nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus geholt – auch wenn die Zielrichtung der Zusammenarbeit vorrangig auf die Verarbeitung des Ereignisses ausgerichtet war. Es bleibt also spannend abzuwarten, wie Lucien Favre und sein Trainerteam sowie die zuletzt sehr gelobten Personen in der Führungsetage des Vereins mit der herausfordernden Situation umgehen. In den vergangenen Monaten haben sie viel Geschick bewiesen. In Phasen, in denen es nicht mehr von allein läuft, zeigt sich aus meiner Erfahrung aber immer wieder, wie wichtig sportpsychologisches Handwerkszeug ist. Und dies vermitteln meine Kollegen (zu den Profilen) und ich (Profil von Jürgen Walter) am besten im Trainings- und Wettkampfalltag.

Nächste Hürde Nürnberg?

Schon im nächsten Bundesligaspiel gegen den Tabellenletzten Nürnberg, wird Dortmund beweisen müssen, dass es spielstark ist und die mentale Stärke besitzt, das Negativerlebnis Tottenham abzulegen. Das Spiel muss gewonnen werden, denn jedes andere Ergebnis wäre ein weiterer gravierender Rückschlag für das Team. Sportpsychologische Aspekte würden helfen, dass die Mannschaft die Saison erfolgreich zu Ende zu spielt.

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Ole Fischer: Der ist doch übermotiviert!

Ein Sportler versagt und schnell kommt die Aussage von Journalisten oder Fans: „Der war ja sowas von übermotiviert.“ Doch, ist das eigentlich möglich? Kann man zu viel Motivation besitzen? Und wenn nicht, welches Phänomen meinen die Kommentatoren und Zuschauer zu erkennen?

Zum Thema: Die Rolle der Aktivierung im sportlichen Wettkampf

Wenn Sie, lieber Leser, die Augen schließen und sich eine bestimmte Sportart mit einem übermotivierten Athleten vorstellen, haben Sie wahrscheinlich auch umgehend ein Bild im Kopf.

Auffallend scheint, dass häufig schon zu Beginn eines Sportereignisses vom Publikum wahrgenommen wird, dass heute irgendetwas anders ist. Der Athlet scheint oft besonders intensiv zu agieren. Ein Fußballer steigt ruppig in Zweikämpfe ein, ein Sprinter begeht einen Fehlstart, ein Rennfahrer fährt besonders aggressiv auf.

Motivation vs. Aktivierung

Der Begriff Motivation wird im Duden als „die Gesamtheit der Beweggründe, die eine Entscheidung/Handlung o.Ä. beeinflussen“ definiert. Ist das beschriebene „übermotivierte“ Verhalten also eine zu große Menge an Einflüssen, die das Individuum dazu bringt, die eigene Leistung nicht wie gewohnt abzuliefern? Die Antwort lautet: Nein! Ein Überangebot an Motivation ist kein Faktor für eine instabile Performance.

Allerdings spielt die Bedeutungszuschreibung der einzelnen motivationalen Faktoren eine erhebliche Rolle. Nehmen Sportler eine Herausforderung als Bedrohung wahr, kann es zur übermäßigen Aktivierung kommen. Dies geschieht, beispielsweise wenn man das Gefühl besitzt, über den Ausgang des Wettbewerbs keine Kontrolle zu haben. In diesem Fall ist das Erregungslevel der Person nicht mehr in den sportpsychologisch-optimalen Bereichen:

Nimmt man es ganz genau, sind Athleten also überaktiviert und nicht übermotiviert.

Zur Profilseite von Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Was passiert bei einem zu hohen Level an Aktivierung?

Um die Vorgänge im Falle einer übermäßigen Aktivierung zu verstehen, versetzen wir uns in den Entscheidungsprozess eines Sportlers hinein. Beispielsweise: Ein Schwimmer steht am Startblock, er weiß, wenn er seinen normalen Rhythmus aufnimmt, schafft er die Strecke mit genug Reserven für einen starken Schlussspurt und kann somit zeitmäßig wohl das Podium erreichen. So hat er trainiert. Er plant also seine Handlung (Schwimmen im trainierten Rhythmus), vergleicht sie mit seinem Erwartungswert (reicht für Podium) und beginnt mit der Umsetzung der Handlung.

Nimmt der Schwimmer sich nun vor, Erster zu werden, liegt der Erwartungswert (reicht für Podium) unterhalb des Zielwerts (Goldmedaille). So kann es vorkommen, dass sich der Handlungsplan ändert (Schwimmen in höherer Frequenz als trainiert) und dem Schwimmer nach gutem Start die Luft ausgeht. Die Regulatoren und Kontrollmechanismen zum Einschätzen der eigenen Leistungserwartung funktionieren demnach nicht wie gewohnt.

Aus dem Flow

Das Beispiel des Schwimmers ist nur ein mögliches Szenario, wie sich ein überaktiviertes Handeln beschreiben lässt. Fakt ist: Bei den „übermotivierten“ Aktionen greifen häufig die Kontrollinstanzen im Gehirn der Sportler nicht. Sie begehen Fehler, da sie die Auswirkung ihres Handelns nicht korrekt abschätzen können. Der FLOW (engl.: Fluss), in dem sie sich normalerweise bewegen, ist gestört.

Gerade im Wettkampf ist der Druck oft hoch und der Sportler ist geneigt, die nötige Vorsicht außen vor zu lassen. Da Spitzensportler immer am oberen Ende ihrer Leistungsfähigkeit agieren, ist eine Überschreitung dieser Grenze leichter als man denkt. Wichtig ist es, diese Leistungsgrenzen für sich selbst im Training auszuloten, damit man weiß, wozu der Körper in der Lage ist. Dies geschieht in der Sportpsychologie u.a. durch Training der sogenannten Kompetenzerwartung in der Form von Zielsetzungstraining, Trainings, in denen man Situationen simuliert, die nicht wiederholbar sind und Prognosetraining.

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Dr. René Paasch: Ein menschlicherer Fußball – wer ist dabei?

Kommerzialisierung, Globalisierung, Digitalisierung. Der Profi-Fußball hat sich in den vergangenen 15 Jahren nicht nur grundlegend von seiner Basis entfernt, sondern er ist aus meiner Sicht getrieben. Das Spiel ist noch das gleiche, aber zentrale Werte wie Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Würde sind auf der Strecke geblieben. In der Realität von jungen Talenten in den Nachwuchsleistungszentren bedeutet dies, dass er mehr denn je um Ergebnisse geht. Leistung muss maximiert werden. Ich frage Sie. liebe Eltern, Trainer und Funktionäre: Wollen Sie das? Und können wir es gemeinsam nicht besser machen?

Zum Thema: In Verbundenheit spielen und leben dürfen – Projektankündigung!

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Halten Sie mich für verrückt. Aber ich glaube tatsächlich daran, dass ein menschlicherer Profi-Fußball möglich ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Leistung in einer würdevollen, auf Respekt basierenden und in Verbundenheit gelebten Form viel besser optimieren lässt als in der kalten Businesswelt, zu der der Profi-Fußball bereits auf der Ebene der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) geworden ist.

Vergegenwärtigen wir uns aber noch einmal die aktuelle Situationen in den meisten NLZ`s: Die Trainer, nicht selten junge Uni-Absolventen, sind häufig unterbezahlt. Es herrscht ein großer Wettbewerb, häufig ein Kampf um den nächsten Karriereschritt. Der U13-Coach will U14-Trainer werden und so weiter. Um solche Ziele zu erreichen, gehören unvergütete Überstunden zum Alltag. Die Work-Life-Balance ist in Schieflage. Das System frisst fast die kompletten Ressourcen der Angestellten und der Spieler auf. Für “kleine” Anliegen der Nachwuchskicker ist dabei kaum Zeit. Das Menschliche bleibt allzu oft auf der Strecke.   

Leistung in einem anderen, menschlicheren, Umfeld

Mein persönliches Anliegen ist es, das Menschliche im Sport wieder mehr zu entfalten und das Miteinander zu pflegen. Mein Wunsch ist es, als Sportpsychologe sozial und emotional kompetent begleiten zu dürfen. Und dies im leistungssportlichen Kontext. Denn meiner Überzeugung nach wird aktuell kaum berücksichtigt, dass Leistung auch in einem andersartigen Umfeld entstehen kann. Respekt, Moral, Gemeinschaft – solche Werte sind, wenn sie konsequent gelebt werden, ein immenser Trigger für sportlichen und menschlichen Erfolg.

Führungskräfte, Trainer und Spieler, die sich ihrer Werte bewusst sind, treffen die besseren Entscheidungen und sind nicht abhängig von kurzfristigen Erfolgserlebnissen. Störende Einflüsse von unseriösen Beratern oder unmenschlich agierenden Verantwortungsträgern verlieren an Einfluss. Diese gewonnene Freiheit lässt Resilienz, also die Widerstandskraft gegenüber Misserfolgserlebnissen wachsen, und macht jedes Individuum stärker. Der Einzelne benötigt keine Statussymbole mehr, um sich als wertvoller Mensch zu erleben.  

Warum es sich lohnt, aufzustehen?

Wie eingangs formuliert, sieht es aus meiner Sicht in der Realität des Nachwuchsleistungsfußballs anders aus. Werten Sie mit dem Fokus auf Werte nur einmal die jüngsten Gespräche, die Sie mit Trainern, Beratern oder Vereinsfunktionären geführt haben?!

Für die, denen es gelungen ist, sich ihrer Werte als Mensch bewusst zu werden, wird es allerhöchste Zeit aufzuwachen. Wer sonst, wenn nicht wir wären in der Lage, die Entwicklung im Fußball zu ändern? Aus diesen Gründen möchte ich ein Projekt starten und andere dazu animieren, ähnliches auf den Weg zu bringen.  

Projektgruppe: „Verbundenheit und Leistungssport“

Im ersten Schritt möchte ich Sie bitten, mir zwei Fragen zu beantworten:

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Weitere Informationen

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Antworten Sie mir bitte mit Hilfe dieses Formulars. Selbstverständlich bleiben Ihre Daten anonym. Wenn Sie eine Kontaktaufnahme durch mich wünschen, können Sie entsprechende Kontaktdaten angeben, die nur dem Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen und mir zugänglich sind. Alternativ können Sie mich gern anrufen oder anmailen:

Ziel des Projektes

Ziel ist die Herausbildung eines Projektes, dessen Anliegen es ist, das Gefühl und das Bewusstsein der Werte jedes Einzelnen zu stärken. Mein Wunsch ist es, dass sich einige Vereine für die problematische Situation im Nachwuchsleistungsfußball sensibilisieren lassen und Änderungen auf den Weg bringen.  

Im Ergebnis sollen Sportler, Eltern und Trainer schwierige Momente in einzelnen Bereichen des Leistungssports besser durchlaufen und letztlich meistern können. Es geht darum die Menschen zu stärken, um sie auf die Herausforderungen (Sport, Schule, Beruf, Privatleben) bestmöglich vorzubereiten. Vielleicht schaffen wir es sogar, etwas am System zu ändern…

Fazit

Im Durchschnitt investiert jeder Bundesligaverein, so war es beim Auftritt von Matthias Sammer bei SpoBis 2019 in Düsseldorf zu hören, sieben Millionen für die Nachwuchsleistungszentren. Pro Jahr “produzieren” die NLZ`s 60 bis 70 Lizenzspieler. Vielleicht lässt sich diese Quote verbessern. Und noch wichtiger: Hoffentlich gelingt es uns, dass wir uns noch besser um die Menschen in dem System zu kümmern. Am Ende schießen Moral, Normen und Werte meiner Überzeugung nach sogar Tore…

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Dr. Rita Regös: Innerhalb oder außerhalb des Systems?

In vielen olympischen Sportarten wird eine erbitterte Diskussion geführt: Wie viele Stützpunkte braucht es, welche Rolle haben Heimtrainer, Bundestrainer und Dachverband und wie viel Mitspracherecht und Autonomie hat der Athlet? Es geht um die Frage, wieviel System braucht der Leistungssport, um erfolgreiche Sportler hervorzubringen? 

Zum Thema: Sportliche Leistung als Systemfrage

Die Diskussion ist nicht neu, sie wird auf unterschiedlichen Ebenen heiß debattiert, leider immer in einer Schwarz-Weiß-Manier. Je nachdem auf welche Seite man steht, formulieren sich Argumente und Kritik. Dachverbände, übergeordnete Sportorganisationen, etliche Trainer und auch manche Athleten vertreten die Ansicht, dass eine gewisse Anzahl von Sportlern gleich zu trainieren haben, samt unweigerlicher Unterordnung. Dies belebe die Konkurrenz untereinander, fördere den Willen und den Biss, der Beste sein zu wollen. 

Zu den Vertretern dieser Ansicht gehören nicht selten ehemalige Weltmeister und Olympiasieger, die nach dem Wechsel aus ihrer aktiven Zeit in den Trainerberuf auch den Weg an die Spitze neu definieren zu scheinen. Paradoxerweise entwickeln sie Lehrgangssyteme, stellen Regeln auf und verlangen eine unerbittliche Anpassung an ihr System, obwohl sie selber außerhalb des damaligen Systems außerordentlich erfolgreich waren und ihren Erfolg mitunter auf ihren Alleingang zurückführen. Sie liefern zwangsläufig Gegenargumente für die Vertreter der anderen Seite, denn ihre eigene erfolgreiche Karriere ist quasi der lebende Beweis für den Erfolg außerhalb des Systems. Zwangsläufig formulieren sich kritische Fragestellungen: Woran liegt es, dass erfolgreiche Alleingänger, wenn sie später in ein System eingebunden sind, den ausschließlichen Weg zum Erfolg über und durch das System sehen? Ist es die Legitimation der neuen Funktion, die Solidarität mit dem Arbeitgeber oder ist man überzeugt, eine Ausnahme gewesen zu sein? 

Zur Profilseite von Dr. Rita Regös: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Überflüssige Entweder-Oder-Diskussion

Ja, diese oder ähnliche Fragen stellen sich auch Sportler, die in den Genuss kommen, ihre ehemaligen Teammitglieder mit mäßigem Erfolg als Aktiver, plötzlich als Bundestrainer vor sich zu sehen. Ihre Antwort fällt schroff aus, irgendetwas mit sich aufspielen und fragend, er will es wissen? Nichtsdestotrotz sind keine der Gründe verwerflich, aber den letzteren wollen wir näher betrachten, denn ein oder kein System spielt da keine Rolle.

Für Sportler, die individuell mit einem Trainer in einem eigenen System arbeiten, sind sämtliche Funktionsträger im Dachverband Bürokraten, die weitab des Trainingsalltags die finanzielle Mittel bewilligen oder auch nicht. So gesehen ist die Argumentation, für Bundesstützpunkte, gemeinsames Training usw. keine verzweifelte Bestrebung der Sportorganisation, sich unentbehrlich zu machen, sondern die Erfüllung der tatsächlichen Aufgabe in der heutigen Form der allgemeinen gängigen Leistungssportorganisation. Die Frage, ob Leistungssportler mit oder ohne System erfolgreicher würden, könnte letztendlich nur beantwortet werden, wenn sich von Anfang an ein und dieselbe Person im Alleingang und im System versuchen würde – in zwei Leben eben. Unmöglich, von der Entweder-Oder-Diskussion kann daher Abstand genommen werden. Sie spielt auch keine Rolle, wenn wir den Gedanken von der Ausnahme weiterverfolgen.

Wie beeinflussen Systeme einen Sportler?

Es ist nicht zu leugnen, dass Erfolg Ausnahme inkludiert und die ist zunächst breit definiert. Ob der Athlet ein Ausnahmetalent ist, ob er besonders hart arbeiten kann, sich außerordentlich gut auf die Aufgabe fokussieren kann – all das hat etwas mit Superlative zu tun. Er hat oder kann etwas zu einem gegebenen Zeitpunkt einfach besser, ab und an am besten. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt sein Ziel fix im Visier, trainiert hart, überwindet sich und Widrigkeiten jeglicher Art, konzentriert sich auf seine Aufgabe und gibt alles. Nein, sicher nicht tagtäglich aber er weiß ausnahmslos, wann all diese Eigenschaften gebündelt abzurufen sind. All diese Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten haben ihren Ursprung eindeutig in der Person selbst. Daher bleibt es fraglich, ob Systeme diese in die positive oder negative Richtung beeinflussen können? Genauso zu hinterfragen ist, ob ein Alleingang diese verstärken oder gar mindern kann? 

Letztendlich spielt neben all den sportlichen Parametern, Technik, Taktik, Athletik der Mensch, der Sportler die Hauptrolle. Bevor man also das Thema, ob außerhalb oder innerhalb eines Systems die meisten Erfolge zu erzielen sind diskutiert, muss geklärt werden, wie erzielen Menschen Erfolge? Erst danach kann bestimmt werden, welche Faktoren diesen Prozess des Gewinnens begünstigen? Und genau da hapert es, denn so genau wissen wir das nicht. Es gibt Erfahrungswerte, daraus abgeleitete Modelle oder lediglich theoretische, aber es gibt keine definitive Aussage über finale Faktoren des Erfolgs innerhalb oder außerhalb der Person. Ein Glück für den Sport, denn ein Spiel würde wohl keinen interessieren, wenn bereits beim Aufwärmen klar wäre, wer die Siegerqualitäten an dem Tag am besten ausspielen kann. Weniger glücklich für das System, denn einen eindeutigen Beweis für die Richtigkeit der Argumentation in eigener Sache gibt es nicht. Wohl aber für jeden Athleten, denn vor dem Wettkampf stehen die Sieger nicht fest – unbeachtet des Systems,  auf sich konzentrierend, die Aufgabe best möglich zu erfüllen, also im Alleingang, kennen erfolgreiche Sportler auf dem Weg zum Podest ohne Ausnahme.

Fazit: Ausnahme führt zum Erfolg – und jetzt wird’s ungemütlich – sie ist sogar der Grund dafür. 

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/06/johannes-wunder-spitzensportler-sind-keine-vorbilder/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/02/27/simon-nussbaumer-wie-im-vorarlberg-spitzensport-funktioniert/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/24/rita-regoes-herausforderung-kommunikation/

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