Sportpsychologie im Schach: Das unterschätzte Potential

Schach ist ein Kopfsport. Für Bundestrainer Dorian Rogozenco liegt das vor allem an der Tatsache, dass der Einzelspieler so sehr wie in wenigen anderen Sportarten für das Endergebnis höchstpersönlich verantwortlich ist. „Wenn du besser bist als dein Gegner, dann gewinnst du. So einfach ist das“, sagt der 45-jährige Hamburger, der seit 2013 die besten deutschen Schachspieler coacht. 

Wer nun aber denkt, dass die Sportpsychologie zum Schach gehört wie die Automobilindustrie zur Formel 1, der täuscht sich gewaltig. Denn selbst bei den führenden Schachspielern und den Top-Nationen ist die sportpsychologische Betreuung keine Selbstverständlichkeit. Zumindest brüstet sich kaum jemand damit.

Im Rahmen unser Interviewserie „Die Sportpsychologen treffen…“ wollten wir genauer wissen, wie es um die Sportpsychologie im deutschen Schachsport bestellt ist und welches Potential ein Insider der Disziplin zutraut. Dafür sind Jürgen Walter, Profilinhaber und Unterstützer der Interviewreihe, und Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, nach Hamburg gefahren. Das Ergebnis seht ihr in einer Multi Media-Story – genau hier: 

Sportpsychologie – ein zentraler Bestandteil des Schachspiels?

Aber natürlich ist die Sportpsychologie ein zentraler Bestandteil des Schachspiels. Nicht von ungefähr gibt es sogar einen Begriff, der dies deutlicher kaum ausdrücken könnte: die „psychologische Initiative“. Damit meint Rogozenco im „Zweikampfsport“ Schach die Situation, dass ein Spieler die Partie bestimmt und der Gegenüber diese Überlegenheit zu spüren bekommt. 

„Aber auch im Alltag der Spieler geht es immer wieder um sportpsychologische Herausforderungen. Wenn zum Beispiel Akteure damit hadern, dass sie die Form aus den ersten Turnierspielen nie oder selten beim Finale abrufen können. Dies sind ja ganz klassische sportpsychologische  Ansätze“, sagt Rogozenco. Aber dies sei nur der Anfang: Der Bundestrainer denkt allein an die Teamkomponente. Also denn, wenn bei Wettkämpfen aus klassischen Einzelsportlern funktionierende Mannschaften entstehen sollen, die mehrere Tage miteinander verbringen. Und dann kam die Frage nach der Selbstwirksamkeit auf: Hier hält Rogozenco im Gespräch kurz inne und erklärt dann, dass fehlendes Selbstvertrauen vor allem im Frauenbereich sehr, sehr verbreitet sei. Arbeit gebe es also offenbar genug.

Bedarf bei Trainern

Rogozenco ist ausgebildeter Pädagoge. Dieses Wissen, durchaus auch grundlegendes Know-Hoc aus der Sportpsychologie, erleichtert es ihm, die Führungsrolle bei den deutschen Nationalteams auszufüllen. Immer wieder stößt er aber auch an Grenzen. „Da gibt es Situationen, wo ich mich im Nachgang schon einmal frage, ob ich dies richtig gelöst habe. In solchen Fällen einen Sportpsychologen zur Seite zu haben, wäre gerade bei unseren Turnieren sehr wertvoll“, so Rogozenco. 

Bislang bildet sich der internationale Großmeister auf eigene Faust weiter. Diese Situation will er aber verbessern, indem ein Kontaktnetz zur Sportpsychologie aufgebaut wird. Rogozenco: „Hier stecken wir in Deutschland aber noch in der Anfangsphase.“

Improvisationstalent

Improvisiert wird in Sachen Sportpsychologie im Schach nicht nur auf Trainerebene. Auch Spieler erarbeiten sich einige Kniffe, die mehr oder weniger adäquat funktionieren, wie Rogozenco im Video ausführt:

Den größten Nutzen und den stärken Bedarf hinsichtlich einer sportpsychologischen Betreuung sieht der Bundestrainer bei den Jugendnationalspielern. „Es gibt sehr viele talentierte, junge Spieler, die aber mit anderen Dingen nicht klarkommen. Die verlieren eine Partie und können dann nicht mehr spielen. Sie verlieren die Konzentration und haben wirklich Schwierigkeiten, mit diesem Negativerlebnis umzugehen,“ führt Rogozenco aus. Daher sei es um so wichtiger, dass die Spieler Handwerkszeug bekämen, um diese Situationen zu meistern, wenn sie auftreten. 

Finanzen als Knackpunkt

Schwierig ist die Ausgangslage für eine intensive sportpsychologische Betreuung aber allein aus finanzieller Hinsicht: Dem Deutschen Schachbund fehlt es an Mitteln. „Für die Nationalmannschaft haben wir mir dem Windparkentwickler UKA einen Sponsor, wofür ich als Nationaltrainer sehr dankbar bin. Darüber hinaus fehlt uns aber Unterstützung“, sagt Rogozenco, der dennoch hofft, in den nächsten Monaten die Kontakte zu Interessierten Sportpsychologen intensivieren zu können. Schließlich ist für ihn Schach ein Kopfsport – und im Sinne der Entwicklung der Spieler weiß er, dass noch einiges an Potential abgerufen werden kann.  

Zum Profil von Jürgen Walter:

Jürgen Walter
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