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Christian Hoverath: Trainer entscheiden bei Doping-Vergehen mit

Kürzlich war ich zum Präventionstag eines großen deutschen Sportverbandes eingeladen, um mit den anwesenden Trainern und Funktionären über die Haltung in der Dopingprävention zu diskutieren. Immer wieder stelle ich bei solchen Veranstaltungen fest (ich werde mittlerweile häufiger für solche schweren Themen gebucht), dass durchaus bekannt ist, dass das Umfeld hinsichtlich einer Doping-Entscheidung eine sehr große Rolle spielt. Darunter fällt natürlich auch, dass die Versuchung zu Gesundheitsgefährdung, zum Missbrauch und Betrug geringer ausgeprägt ist, wenn dieses Umfeld für einen sauberen und fairen Sport steht.

Zum Thema: Die Bedeutung der Prävention für die Anti-Dopingarbeit

Lass dich doch mal auf folgendes Gedankenexperiment ein: Stellen wir uns vor, dass es in einem Eishockeyspiel in der Nachwuchsliga kurz vor Spielende bei einem ausgeglichenen Spielstand zu einem Konter kommt. Du befindest dich hinter dem Gegenspieler und könntest ihn durch ein Foul stoppen. Würdest du es tun? Würdest du foulen, wenn es um den Abstieg oder die Meisterschaft ginge? Und was hätte es für einen Einfluss, wenn dein Trainer dich allein dafür loben würde, dass du hinterher läufst, versuchst zu stören, und dich auf deinen Torhüter verlässt? Was hingegen hätte es für einen Einfluss, wenn der Trainer dich zum Foul animieren würde? Ein Unterschied sollte deutlich werden…

Und jetzt versetzen wir uns ins Schüleralter: In der Physikklausur kommt der Schüler mit einer Aufgabe nicht zurecht. Er erinnert sich aber genau, dass er gestern eine ähnliche Aufgabe gerechnet hat. Und nun schiebt ihm sein Sitznachbar einen Zettel mit der Lösung zu. Natürlich ist unser Schüler erleichtert und geht mit einem beruhigten Gefühl nach Hause. Einige Tage später allerdings erfährt der Schüler, dass er wegen eines Täuschungsversuchs eine sechs bekommen hat. Die Lösung war falsch, und da sie identisch mit der des Nachbarn war, ist der Betrug nicht von der Hand zu weisen. Auch im Sport erhalten Jugendliche Ratschläge von Freunden, Trainern und anderen Vertrauenspersonen. Woher jedoch wissen Sie, dass diese Ratschläge nützlich und für sie zum Besten sind? Sie wissen es nicht! Sie vertrauen aber – denn es ist der Trainer, zu dem sie aufsehen. 

Frühzeitigkeit ist der Schlüssel 

Darüber ist es auch im Sport so, dass die Verlockung häufig in schwierigen Momenten kommt, wie zum Beispiel bei Niederlagenserie oder Verletzungen. Es ist also wichtig, Sportlerinnen und Sportler frühzeitig zu befähigen, darüber nachzudenken, wie weit sie bereit sind zu gehen. Man sollte die frühzeitig darin unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen, ihnen Denkanstöße geben und entsprechendes Wissen vermitteln.

Zum Profil von Christian Hoverath: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

Gerade die Grauzone ist mit größten Unsicherheiten verbunden und bietet den Einstieg ins Doping. Doping selbst wird im Sinne von WADA- und NADA-Codes definiert. Doch viel spannender für die Entwicklung einer Haltung ist ja die Grauzone, die bestimmte Grenzwerte von Stoffen zusammenfasst. Wir wissen, dass diese Grenzwerte nicht selten genutzt werden, um eine Form des Dopings zu realisieren, die nicht bestraft werden kann. Fasst man die Definition des Dopings jedoch weiter, so fällt auch der Versuch, seine eigenen Grenzen zu sprengen und im Wettkampf der Bessere zu sein, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit und die Folgen für andere und die Gesellschaft dort hinein. Und genau eine derartige Steigerung der Leistung ohne Rücksicht auf eigene Verluste (nehmen wir doch die zumeist unbekannten gesundheitlichen Folgen durch Nebenwirkungen zur Hand) ist doch schon mit Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln möglich. Wir wissen jedoch auch, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln im Normalfall eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf für den Körper ausreichen, solange kein Mangel nachgewiesen ist. Medikamente, die zu einem anderen Zweck als der Heilung von Krankheiten eingesetzt werden, lassen bei allen für die Leistungssteigerung erwünschten Effekten das Wort Missbrauch mitschwingen.

Dopingmentalität entsteht über Jahre

Und somit kann durch die Einnahme von Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln schon aufgrund der Furcht vor Schmerzen oder durch der Anwendung von Medikamenten zum Bestehen von Leistungsanforderungen eine Dopingmentalität entstehen. Denn dadurch kann sich früh im Kopf der Athlet*innen festsetzen, dass ich nicht ausreichend fit oder wach bin, wenn ich meine Vitamine oder Pillen nicht genommen habe. Dazu kommen weitere Versuchungen durch überhöhte Leistungserwartungen, fehlende Alternativen zum Abbau von Stress und Angst, aber auch durch Selektionsdruck und eine Wettkampfhäufigkeit, die zu Regenerationsbeschleunigern verführt. Als Trainer sollte ich also in der Lage sein, Wissen zu vermitteln, zu Argumentation, Reflexion und Entscheidungsfähigkeit anregen und auch für mich wissen, welche Faktoren eine Dopingmentalität beschleunigen und welche bremsen. 

Für mich als Trainer besteht das Dilemma darin, dass ich einerseits ethische Grundsätze einhalten muss und der Gesundheit der mir anvertrauten Athleten nicht schaden darf. Auf der anderen Seite steht natürlich der Auftrag, erfolgreich zu sein, um für die Vertragsverlängerung oder weitere Empfehlungen in Frage zu kommen. Und so soll auch jeder Trainer seine eigenen Werte kennen, sich positionieren können und dem Sportler beibringen, zu argumentieren.

Trainer in der Vorbildrolle 

Eine wichtige Rolle spielt auch das Modelllernen (Bandura, 1963; ich empfehle dazu den Text meines Kollegen Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/24/thorsten-loch-geht-fair-vor/). Und so werden häufig Regeln in einem Umfeld gebrochen, in dem andere Menschen dies ebenfalls tun. Somit spielt der Trainer eine entscheidende Rolle, ob Sportler*innen sich an Regeln halten oder nicht. Diese orientieren sich an ihren Vorbildern und an den Einstellungen von Vertrauenspersonen. Kommen sie durch Vereinswechsel oder Kaderzugehörigkeit in ein neues Umfeld, dann kommt dazu, dass dieses Umfeld meist eigene Regeln hat, an die man sich anpasst (man denke zurück an die omertà im Radsport).

Zurück zum Präventionstag, den ich eingangs erwähnte: Zum Ende einer äußerst spannende Diskussion brachte ein Teilnehmer es mit seinem finalen Kommentar auf den Punkt und machte damit plastisch deutlich, wieso es so wichtig ist, sich klar zu positionieren: Stehe ich an einem Sonntag morgen an einer Nebenstraße mit meinem kleinen Sohn an einer roten Ampel und entscheide mich, die Straße zu überqueren, so darf ich mich am Montag Mittag um eins an der Hauptstraße nicht wundern, wenn er mich fragt: „Papa, warum warten wir heute an der roten Ampel?“

Link

www.dsj.de/dopingpraevention

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/24/thorsten-loch-geht-fair-vor/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/04/johanna-constantini-wenn-follower-zu-richtern-werden-soziale-medien-der-dopingskandal/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/24/dr-rita-regoes-doping-und-die-paradoxie-der-fairness/

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Andreas Meyer: Stress als Risikofaktor Nummer 1

Stress kennt jeder. Und zwar aus allen Lebensbereichen. Viele Sportler wissen auch aus eigener Erfahrung, wie leistungsmindernd sich Belastungen im Training und Wettkampf auswirken können. Von besonderer Bedeutung ist aber zudem, dass bei einem “ungesunden” Stresslevel auch die Anfälligkeit für Verletzungen steigt. Sportler, Trainer, Betreuer und Eltern sollten dem Thema Stress also mehr Aufmerksamkeit widmen.

Zum Thema: Stress im Zusammenhang mit Verletzungen

Jeder Mensch wird im Laufe der Zeit mit unterschiedlichen Stressoren konfrontiert. Unter Stressoren versteht man generell mögliche innere und äußere Reize, die Stress auslösen können. Die meisten davon sind ganz normal und gehören einfach zum Leben dazu.

Stressoren im Sport haben verschiedene Nährböden, aus denen heraus sie entstehen können. Dazu zählt beispielsweise die Umwelt des Athleten: Medien, Zuschauer, Sponsoren und andere Faktoren aus der Umgebung des Sportlers wie Kälte, unangenehme Lautstärken usw. Hinzukommen, wie bei jedem Menschen Stressoren aus dem privaten Umfeld, wie zum Beispiel Beziehungsproblematiken, Identitäts- und Sinnkrisen, der Umzug in eine neue Wohnung oder ein Arbeitsplatzwechsel. Innerhalb eines Teams kann es zu Kämpfen um Stamm- oder Kaderplätze, sowie zu Uneinigkeiten oder Problemen mit dem Trainer oder Teamkollegen kommen. Nicht zuletzt kann auch die Leistung des Athleten mögliche Stressoren hervorbringen, denn häufig definieren sich Sportler über jene. Bleibt die Leistung auf Grund eines Formtiefs aus, oder hatte der Sportler in jüngster Vergangenheit mit Niederlagen zu kämpfen, so sind auch dies mögliche Stressreize.

Abbildung 1: Entstehung stressbedingter Sportverletzungen nach Meyer (2019)

Anhand eines Modells möchte ich die Rolle des Stresses in der Entstehung von Verletzungen veranschaulichen und mögliche Interventionsmöglichkeiten, welche die Sportpsychologie bietet, darstellen.

Stressbelastung vs. Stressbeanspruchung 

Durch Akkumulation dieser Stressoren, entsteht eine sogenannte Stressbelastung, welche sowohl eine physiologische als auch eine psychologische Last für den Sportler darstellen kann. Eine Stressbelastung ist abzugrenzen von einer Stressbeanspruchung. Die Beanspruchung könnte man als das bezeichnen, was individuell beim Sportler ankommt. Um das etwas deutlicher zu machen, hier ein Beispiel aus der Trainingswissenschaft:

Athlet 1 und Athlet 2 bekommen beim Bankdrücken das gleiche Gewicht (100 kg) aufgelegt. Das bedeutet, dass beide Athleten die gleiche Belastung erfahren! Athlet 1 ist Kraftsportler, wiegt 120 kg und ist gewohnt hohe Gewichte zu stemmen. Athlet 2 hingegen hat gerade mit dem Sport angefangen und wiegt nur 70 kg. Beide Athleten werden sehr unterschiedliche Beanspruchungen erleben, obwohl die Belastung dieselbe ist.

Nicht jede hohe Stressbelastung ist also gleichzeitig auch eine hohe Stressbeanspruchung für den Athleten.

Auswirkungen auf das Handeln

Erfährt der Sportler große Stressbelastungen (sei es durch einzelne einschneidende Erlebnisse (major life event stress) oder durch mehrere kleine Belastungen (daily hassles)) und kann diese nicht gut bewältigen, so entsteht eine große Stressbeanspruchung. Diese zeigt sich dann in Stressreaktionen, welche sich kognitiv, emotional, physiologisch oder auf sein Handeln auswirken können.

Kognitiv kann es zu Aufmerksamkeitsproblemen und zur Beeinflussung von Bewertungsmechanismen kommen. Physiologisch hat eine hohe Stressbeanspruchung Müdigkeit oder eine veränderte Muskelspannung zur Folge. Emotional kommt es zu Zweifeln und Unbehagen und auf der Verhaltensebene greift die beanspruchte Person vermehrt auf ungesunde Lebensweisen wie zum Beispiel überhöhten Alkohol- und Tabakkonsum zurück.

Im Sport sind diese Stressreaktion eng mit dem Verletzungsrisiko verbunden, denn der Sportler trifft aufgrund seiner Müdigkeit und Aufmerksamkeitsproblematik inadäquate Entscheidungen und seine Reaktionszeit verlangsamt sich. Die Wundheilung wird beeinflusst und die Wahrnehmung beeinträchtigt. Außerdem fällt das Filtern von relevanten Informationen für die vor ihm liegende Handlung schwerer und die selektive Aufmerksamkeit sinkt. Das alles führt dazu, dass das Risiko einer Verletzung steigt.

Welche Einflüsse können wir auf diese Prozesse nehmen und somit das Verletzungsrisiko minimieren?

Zunächst einmal bringt jeder Athlet ein gewisses Maß an Einflussfaktoren mit sich. Maßgeblich sind hier seine Persönlichkeitseigenschaften. Ist er eher ein ängstlicher Typ und sieht Belastungen (wie zum Beispiel einen Wettkampf) eher als eine Bedrohung statt als eine Herausforderung? Bringt er ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit mit und vertraut somit darauf, dass er selbst entscheidend Einfluss auf Situationen nehmen kann?

Zudem scheint die grundsätzliche Stimmungslage eine Rolle zu spielen. Athleten die eine negative Grundstimmung haben oder starken Stimmungsschwankungen erliegen, verletzen sich laut Studien öfter als ihre positiv gestimmten Kollegen.

Mehr Infos zu Andreas Meyer: https://www.die-sportpsychologen.de/andreas-meyer/

Die Bedeutung der Stressvergangenheit

Auch die Stressvergangenheit spielt beim Umgang mit Stressbelastungen eine Rolle. War der Athlet schon einmal von Verletzungen betroffen oder gab es große Stresserlebnisse, die er erfolgreich bewältigen konnte, so steigt seine Selbstwirksamkeit. Andersherum können nicht erfolgreich bewältigte stressige Erlebnisse auch negativ auf den ganzen Prozess einwirken.

Verschiedenste Ressourcen, wie eine gute unterstützende soziale Gemeinschaft mit Familie und Freunden, bereits erlernte Bewältigungsstrategien oder eine gesunde Lebensführung (Schlaf, Ernährung usw.), können ebenfalls einen Einflussfaktor darstellen.

Neben diesen Einflussfaktoren bietet die Sportpsychologie an allen Stellen Möglichkeiten, um auf den Stressprozess einzuwirken. Einige Methoden und deren positiven Einfluss stelle ich im Folgenden kurz vor.

Stressauslösende Reize

Stressauslösende Reize treten überall auf! Man braucht nur einen Schritt vor die Tür zu setzen und schon strömen die Stressoren auf einen zu (Straßenverkehr, Regen usw.). Auch in den eigenen vier Wänden ist man nicht davor gewahrt (unangenehmes Telefonat, Rechnungen usw.). Man kann also nicht allen Stressoren aus dem Weg gehen. Allerdings kann man versuchen die Quellen, welche einen hohen Stressfaktor darstellen, zu minimieren. Das setzt voraus, dass man sich damit auseinandersetzt und sich bewusst macht, mit welche stressigen Situationen man konfrontiert wird und wie diese vermeidbar sind. Daraufhin können gewisse Lebensumstände angepasst, Situationen vermieden und Zeiträume für entspannte oder ausgleichende Phasen strukturiert geschaffen werden.

Ein Stressmonitoring erfasst den Zustand des Athleten und sorgt dafür, dass der Trainer Einfluss auf sein Trainingsprogramm nehmen kann. Ist der Sportler beispielsweise gestresst, weil er nicht gut geschlafen hat und er zudem gerade Probleme mit seiner Partnerin hat, so sollte das Training angepasst werden, um zusätzliche Stressbelastungen zu vermeiden.

Wird der Sportler zwangsläufig mit einer hohen Stressbelastung konfrontiert, so kennt der Sportpsychologe einige Methoden, die vermeiden können, dass aus einer hohen Belastung eine hohe Beanspruchung wird. Beispielsweise durch die Vermittlung von passenden Entspannungsverfahren wie Atementspannung, Progressive Muskelrelaxation oder Autogenes Training. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen eine akzeptierende Grundhaltung gegenüber der aufgekommenen Stressbelastung zu entwickeln und die selektive Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu erhöhen.

Nicht zu vernachlässigen: Die positive Seite des Stress

Außerdem ist es manchmal schon hilfreich den Sportler grundsätzlich aufzuklären, welche Bedeutung Stress generell hat. Das heißt, welche Risiken, aber auch welche Vorteile Stress in gewissen Situationen bietet. Somit muss Stress und Druck generell vom Sportler gar nicht immer gleich als etwas Negatives angesehen werden.

Bewertungsstrategien, beispielsweise nach Niederlagen, nehmen Einfluss darauf, ob die Stressbelastung zu einer Beanspruchung des Athleten führt. So kommt es häufig vor, dass Situationen nicht realistisch eingeschätzt werden und sich falsche Bewertungsmuster (Attributionsstile) einschleichen. Diese gilt es aufzudecken und mit einer neuen, adäquaten Beurteilung zu versehen.

Neben solchen Interventionen, die hauptsächlich auf die Arbeit mit dem Athleten selbst abzielen, hat der Sportpsychologe (nach Rücksprache und Zustimmung des Athleten) auch die Option durch Gespräche mit möglichen Stressoren (Trainer, Kollegen, Familienangehörigen oder Freunden) Einfluss auf den Prozess zu nehmen.

Fazit

Weitere Themen, wie den Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit, den Umgang mit Angst und das gemeinsame Erarbeiten einer zielführenden und motivierten Einstellung sind zusätzliche Ansatzmöglichkeiten in der Sportpsychologie.

Was ich zum Schluss noch einmal festhalten möchte ist Folgendes:
Stress ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Verletzungen! Stress erleben alle! Leistungssportler sind in der Regel einigen Stressoren ausgesetzt! Ob und wie stark diese Stressbelastung allerdings zu einer Stressbeanspruchung (und in Folge dessen zu einer Stressreaktion) wird, kann durch viele Dinge beeinflusst werden!

Mehr zum Thema

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/26/andreas-meyer-sportpsychologie-und-sportverletzungen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/02/philippe-mueller-verletzungen-bewaeltigen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/04/thorsten-loch-die-unterschaetzte-gefahr-bei-kopfverletzungen/

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Winning mindset im Leistungssport

Dr. Hanspeter Gubelmann ist ein versierter Vortragsredner und Keynote-Speaker, der in diesem Vortrag sportpsychologisches Fachwissen in die Lebenswirklichkeit von Athleten, Trainern, Funktionären und Eltern übersetzt. Er räumt mit populärwissenschaftlichem Halbwissen auf und gibt wichtige Impulse, die Hochleistungssportler, Talente, Trainer und Betreuer ohne Vorwissen aufnehmen können. 

Zielgruppe

Trainer & Athleten, Eltern, Funktionäre

Inhalt:

Sportpsychologisches Grundlagenwissen zur Anwendung in der Praxis, Praxisbeispiele, Bezug zum Karriere-Entwicklungsmodell, Entwicklung von Leitideen für Sportler, Trainer und Eltern

Buchungsanfrage

    „Hanspeter Gubelmann hat die Gabe, wissenschaftliche Aspekte aus der Sportpsychologie und seine langjährigen Erfahrungen als Trainer/Betreuer im Breiten- und Spitzensport verständlich und klar zu formulieren und so einem breiten Publikum zugänglich zu machen.“

    Stefan Schneider, Rektor Kantonsschule Romanshorn

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    Dr. René Paasch: Alle Balla-Balla-Balotelli oder brauchen wir mehr Freiheit für echte Typen?

    Mario Balotelli nahm nach seinem Treffer zum 1:0 für den französischen Erstligisten Olympique Marseille gegen AS Saint-Etienne ein Handy entgegen, filmte sich im Jubel seiner Mitspieler und postete das Video in echt Echtzeit in einer Instagram-Story. Dieses Verhalten sorgte für eine Menge an Diskussionen. Ist das der neue Fußball, den wir uns erhoffen oder brauchen wir neue Ideen, die den Teams mehr Sinn und Verbundenheit verschaffen?

    Zum Thema: Über die Bedeutung von Leidenschaft, Begeisterung und Identifikation

    https://www.instagram.com/p/Buj_dgdHZj7

    Bis zu zweimal am Tag Training und das fünfmal die Woche, regelmäßige Pressetermine und dann am Wochenende Pflichtspiel. Für die Stars der Branche kommen dann noch englische Wochen wegen der Auftritte im Europapokal und im Nationaltrikot hinzu. Die Profis funktionieren bei dauerhaftem Eigen- und Fremddruck wie ein Uhrwerk, automatisiert laufende Ich-Ag`s. Von tieferer Sinnhaftigkeit und Verbundenheit ist dabei wenig zu spüren. Sie funktionieren!  

    Nach einer lässig sportiven Spritztour in verdunkelten Edelkarossen in Richtung Trainingsgelände besprechen unsere großen Vorbilder ständig ihre sportliche und geschäftliche Situation mit ihren Spielerberatern. Hinzu kommen bei nicht wenigen Profis Experten für das Outfit und die Haare. Dabei wird fleißig fotografiert und vieles im Netz “geshared”. Nach dem Training fasst der Spielanalyst kurz die Leistung der Spieler auf dem Laptop zusammen, während diese in der Chillout-Lounge abhängen, Massagen bekommen und gesundes Essen genießen. So stellen sich manche Fans und Interessierte das Bling-Bling-Leben von „Fußballprofis“ vor. Und das bleibt nicht ohne Folgen: Denn längst übernehmen auch Nachwuchskicker und Spieler in Ligen fernab der Champions League-Melodie den Habitus der Balotellis, Dembélés oder Aubameyangs.

    Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

    Zeit zur Veränderung

    Doch dieses Bild stellt nicht die komplette „Wirklichkeit“ dar und schafft wenig Konstruktives. Aber es sollte uns alle, die wir den Fußball lieben und vielleicht irgendwo in dem System arbeiten, eine Warnung sein und zum Gegensteuern motivieren. Denn aus meiner Sicht geht es nicht darum, Spieler mit unglaublichen Gehältern, Sonderprämien und was weiß ich für Bonifikationen bei Laune zu halten. Vielmehr müssen die Vereine so agieren, dass die Spieler durch kreative Freiheiten eine Verbundenheit zu ihrem Verein und dem Umfeld spüren. Es geht um Leidenschaft und Begeisterung – die kleinen Dinge, wegen denen wohl fast alle Kicker einmal mit dem Fußballspielen begonnen haben.

    Wie aber ist das möglich, da der allgegenwärtige Druck, wiederkehrende Vereinswechsel einzelner Spieler und die fehlende Zeit dies kaum zulässt? Aus meiner Sicht brauchen wir eine individualisierte Fußballwelt. Eine Fußballwelt, in der sich jeder als Person erlebt. Es kommt auf jeden an, aber jeder muss etwas anderes können und beitragen. Spinnen wir mal weiter, dann erfüllen diese individualisierten Mannschaften gleichzeitig das Bedürfnis nach Verbundenheit wie nach individuellem Freiraum. Da beide Bedürfnisse  erfüllt werden, ist die individualisierte Mannschaft hoch attraktiv, aber – bleiben wir realistisch – eben auch schwierig umzusetzen, in einer hierarchischen und fremdgesteuerten Finanzwelt, wo Erfolg und Profit den Ton angeben. Denn viele Kicker werden auch von den Vereinen als Objekt verwendet. Sie werden zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen und Phantasien gemacht und knallhart als geldwerter Vorteil gesehen. Und wenn der Einzelne diese Rolle annimmt, verliert man das, was den Spieler auszeichnet: Den eigenen Willen, die Individualisierung und das Herz zum Verein. Wir sind mittlerweile so festgefahren, dass wir gar nicht glauben, gemeinsam erfolgreich zu wachsen. Doch das können wir ändern. Jeder Einzelne kann sich zu jederzeit verändern, wenn der- oder diejenige es möchte. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, selbst in den niedrigsten Amateurklassen einen Gestaltungsspielraum zur Entfaltung haben muss und etwas Unvorstellbares freisetzen kann. Wichtig wäre es, wenn man dabei mehrere Teamkollegen oder sogar den gesamten Verein in eine solche Richtung bewegen kann. Wenn man sich ehrlich füreinander interessiert entstehen Spielräume, die sich dann miteinander verbinden lassen. Das Ergebnis ist ein echtes Team.

    Co-kreatives Team

    Ein co-kreatives Team, ist ein Team, in dem sich jeder beteiligen darf und jeder sich für den anderen interessiert. Nach dem Motto: „ICH – DU – WIR“. Auf diesem Weg können sich folgende teamspezifische Fragestellungen entwickeln:

    • „Welche Potentiale sind in unserem Team vorhanden?“
    • „Was wollen wir für eine Mannschaft sein?“
    • „Was ist für uns Siegermentalität?“
    • „Was sind unsere konkreten Nah- und Fernziele?“

    Die Teamkollegen sollten sich im Anschluss über mögliche Lösungen Gedanken machen. Damit treiben Sie den co-kreativen Teamprozess voran und der Schatz an Wissen und Können, den sie miteinander teilen, entwickelt sich möglichst weitreichend. Wenn alle ihr Wissen und Potential einbringen, entsteht ein Schwall von kreativen Ideen, die auf dem Platz deutlich erkennbar sein werden. Ein solcher Teamprozess lässt sich natürlich schwer delegieren. Ein Verein kann lediglich einen Rahmen schaffen, der die Herausbildung solcher co-kreativer Prozesse wahrscheinlich macht. Dazu ist die Abwesenheit von zeitlichem Druck entscheidend. Denn Kreativität entsteht nur dann, wenn sie sich Zeit nehmen und die Komfortzone mutig verlassen. Die Wahrnehmung braucht Vielschichtigkeit ohne Fremdsteuerung. Zudem sollten die Funktionäre, Spieler und Trainer nicht nur ihre eigene Karriere im Kopf haben. Es muss allen um ein gemeinsames „Wir“ gehen. Dieses muss etwas sein, das Ihnen unter die Haut geht und ihnen wirklich am Herzen liegt.  

    Welt- und Europameister Juan Mata fällt mir als Beispiel ein, der neben seiner Karriere das Charity-Projekt Common Goal mitgegründet hat. Oder stellen wir uns einen Zeugwart vor, der plötzlich einen ganz neuen Sinn in seiner Arbeit gefunden hat, wie „Ich habe noch nie die Kabine so liebevoll dekoriert und den Sitzplatz unserer Spieler individualisiert. Ich möchte, dass sich jeder Spieler in der heimischen Kabine so wohl fühlt, dass er den Verein überall empfiehlt und mit Leidenschaft verteidigt“. Diese und viele weitere sinnstiftende Ideen könnten den Gedanken eines neuen Fußballs mit reichlich Energie füllen und die langfristige Bindung an den Verein, das Umfeld und die Fans ermöglichen.

    Fazit

    In unserer schnelllebigen Zeit glauben wir, dass wir durch Fremdsteuerung, Endlosoptimierung und computergesteuerten Vorhersagen erfolgreich sein können. Leistungs- und Ergebnisdruck, zeitliche Begrenzung unabhängig von Sinn und Verbundenheit in Teams schwächen jedoch deren ganzheitliche Entwicklung. Wir wollen Erfolg steuern, doch die Vergangenheit lehrt uns, dass der Fußball nicht kontrollierbar ist. Dieser Prozess benötigt Zeit und Individualisierung. Halten Sie nicht an scheinbar erfolgversprechenden Systemen fest, die uns in der Illusion von dauerhaftem Erfolg und Wachstum in Sicherheit wiegen. Der Fußball stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen, die wir mit bisherigen Strategien nicht lösen können. Es geht vielmehr um co-kreative Prozesse, tiefe Verbindungen und Begegnungen mit uns selbst und anderen. Dann entsteht echter Fußball, echter Erfolg.

    Mehr zum Thema:

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/05/mazlan-maskor-und-martin-fladerer-effektive-fuehrung-fuer-trainer-eine-sozialpsychologische-analyse-des-fuehrungserfolgs-von-manchester-uniteds-ole-gunnar-solskjaer

    https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/11/dr-rene-paasch-ueber-die-verrueckte-idee-eines-einheitsgehaltes-im-profifussball

    https://www.die-sportpsychologen.de/2018/01/04/thorsten-loch-mit-sportpsychologie-millionen-sparen-wie-sich-teure-transferflops-verhindern-lassen

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    Mazlan Maskor und Martin Fladerer: Effektive Führung für Trainer – Eine sozialpsychologische Analyse des Führungserfolgs von Manchester Uniteds Ole Gunnar Solskjaer

    Ein Gastartikel von Martin Fladerer (mehr zur Person) und Mazlan Maskor (mehr zur Person)  

    Am 18. Dezember 2018 wurde Jose Mourinho nach 17. Spieltagen und dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte als Teammanager von Manchester United freigestellt. Seine knapp dreijährige Amtszeit wurde begleitet von öffentlichen Kontroversen und schwachen Mannschaftsleistungen. Als Interimstrainer benannte Manchester den ehemaligen Spieler Ole Gunnar Solskjaer.

    Zur Überraschung aller gelang Solskjaer zum Einstieg eine Serie von 11 ungeschlagenen Spielen mit der Mannschaft. In der Premier League hat Manchester wieder Anschluss an die Champions League Plätze gewonnen, steht im Viertelfinale des FA Cups und hat noch eine Chance auf das Weiterkommen in der Champions League.

    Was versteckt sich hinter dem Misserfolg von Mourinho und dem Erfolg von Solskjaer? Was können andere Trainer daraus über Führung lernen? Eine sozialpsychologische Analyse des Führungsverhaltens der beiden Trainer kann uns helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.

    Zum Thema: Führungsforschung im Fußball

    Führung ist ein Prozess sozialer Einflussnahme, welcher nach Ansicht eines sozialpsychologischen Verständnisses, auf einem geteilten Verständnis von „wir“ und „uns“, also einer gemeinsamen sozialen Identität, basiert (Haslam, 2004). Um erfolgreich zu sein, müssen Führungskräfte zu Identitätsmanagern werden (Haslam, Reicher, & Platow, 2011). Ihre Aufgabe ist die Identität der Gruppe zu verkörpern, voranzubringen, zu gestalten und umzusetzen (Steffens et al., 2014).

    Wie schneiden Mourinho und Solskjaer im direkten Vergleich auf diesen Dimensionen ab?

    Verkörpern: Mourinho ist der Beste, aber Solskjaer ist einer von uns

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    In seiner Karriere hat Jose Mourinho mit Mannschaften in Portugal, England, Spanien und Italien fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Auf dem Papier sah Mourinho nach dem perfekten Kandidaten für den Trainerposten bei Manchester United aus. Und unbestritten Jose Mourinho ist einer der erfolgreichsten Trainer der Geschichte und damit augenscheinlich genau der Richtige, um eine neue „Goldene Ära“ bei Manchester United zu prägen.

    Während seiner Amtszeit ist es Mourinho jedoch nicht gelungen, sich als Mancunian zu präsentieren. Er fremdelte mit der Stadt und dem Verein. Auch haftete ihm kein Stallgeruch an: Er hatte keine Historie als Spieler oder Trainer bei United. Stattdessen wird Mourinho stark mit einem der Erzrivalen, Chelsea London, und seinen dortigen Erfolgen in Verbindung gebracht. Aus der Sicht vieler Red Devils war Jose Mourinho nie „einer von uns“, sondern blieb „einer von denen“.

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    Ganz anders Ole Gunnar Solskjaer: Er ist eine Vereinslegende. Der „Bayern-Schreck“ erzielte 1999 im Finale der Champions League in der Nachspielzeit das Siegtor. Die Fans tauften ihn in seiner Spielerkarriere liebevoll als „Super-Sub“ (engl. Substitution; dt. Einwechselspieler) –ein loyaler und bescheidener Spieler, der sich voll in den Dienst der Mannschaft und des Clubs stellte. Aus Sicht des Vereins und seiner Anhänger mag Mourinho der Beste sein, aber Solskjaer ist einer von ihnen. Dadurch schenken ihm Angestellte, Spieler und Fans ihr Vertrauen und sind bereit, für ihn auf und neben dem Platz an ihre Grenzen zu gehen.

    Voranbringen: Mourinho gewinnt Titel, aber Solskjaer gewinnt im United Stil

    Für Mourinho zählen ausschließlich Titel. Diesem Ziel ordnet er alles andere unter. Er ist sogar dazu bereit, unattraktiven, destruktiven Fußball spielen zu lassen, wenn es aus seiner Sicht hilft den Gegner zu schlagen. In seiner Zeit bei Chelsea London und Inter Mailand wurde dies als taktische Meisterleistung gepriesen. Doch Manchester United wie auch sein vorheriger Verein Real Madrid, ticken anders. Im Selbstverständnis dieser Vereine spielt die Mannschaft kraftvoll, offensiv und immer selbstbewusst.

    Nicht nur diesen Aspekt der Identität Uniteds (und auch Madrids) ignorierte Mourinho. Auch übte er Druck auf die Vereinsführung aus, Geld in neue, teure Spieler wie Paul Pogba und Romelu Lukaku zu investieren. Mourinho sortierte Spieler rigoros aus, wenn er sie für unwichtig für sein System erachtete. Ein Schicksal, das auch Sebastian Schweinsteiger wiederfuhr.

    Er machte öffentlich keinen Hehl aus seiner (geringen) Meinung über einzelne Spieler. Insgesamt vermittelte er den Eindruck, dass Spieler entbehrliche Figuren in seinem System statt geschätzter Ressourcen des Vereins sind. Ein weiterer Bruch mit den Werten Manchester Uniteds, das in der Regel langfristige und fördernde Beziehungen zu seinen Spielern pflegt.

    Solskjaer hat bisher noch nicht gezeigt, dass er auf der großen Bühne bestehen kann—ganz anders als Mourinho—aber er versteht, was Manchester United ausmacht. Er denkt langfristig an die Entwicklung der Spieler und des Vereins. Unter ihm bekommen die Talente aus der hauseigenen Fußballakademie, zum Beispiel Jesse Lingard und Marcus Rashford, die volle Unterstützung und sie zahlen dies mit Leistung zurück.

    Auch neben dem Platz zeigt Solskjaer regelmäßig seine Wertschätzung und seinen Respekt für seine Spieler und andere MitarbeiterInnen des Vereins, wodurch er weitere Unterstützung gewinnt. Solskjaer hat verstanden, dass es nicht nur ums Gewinnen geht, sondern ums Gewinnen im Stil Uniteds.

    Gestalten: Mourinho denkt „Ich“, und Solskjaer denkt „Wir“

    Effektive Führungskräfte stärken den Zusammenhalt in ihrer Gruppe. Mourinho hingegen spaltete die um ihn. Er zögerte nicht, seine Spieler öffentlich zu kritisieren. Er lag im Streit mit der Vereinsführung. Auch mit der Presse stand er auf Kriegsfuß während seiner Amtszeit. Bei einer berüchtigten Pressekonferenz stürmte er erzürnt aus dem Saal und verlangte mehr Respekt für all die Titel, die er in seiner Karriere gewonnen hat. Mourinhos Fokus konzentrierte sich auf das „Ich“ und nicht das „Wir“.

    Für Solskjaer steht das „Wir“ über dem „Ich“. Er demonstriert öffentlich, besonders gegenüber der Presse, seine positive und kooperative Haltung. Es geht um „uns“ und nicht um Einzelpersonen und schon gar nicht ihn. Als er im Januar die Auszeichnung „Barclay Manager of the Month“ bekam, zögerte er nicht, diesen Erfolg dem Trainerstab und den Spielern zu zuschreiben. Nach der ersten Niederlage unter seiner Führung im Hinspiel des Champions Leagues Achtelfinals gegen PSG nannte er dies eine „Lernerfahrung“ und weigerte sich einzelne Spieler zu kritisieren. Er fokussierte darauf, was „wir“, also der Verein, tun kann, um seine Ziele zu erreichen. Auf die Niederlage folgte ein Sieg gegen Chelsea London im FA Cup.

    Umsetzen: Mourinho macht sein Ding, aber Solskjaer lässt uns unser Ding machen

    Mourinho versprach, Titel zu gewinnen. Hierfür ließ er defensiven, unattraktiven Fußball spielen. Seine Aufstellungen waren für die Mannschaft unberechenbar, die resultierende Verunsicherung wirkte demoralisierend auf die Spieler. Er setzte auf ein starres taktisches Korsett, dass sich an den Stärken des Gegners ausrichtete und unterminierte die Stärken seiner Mannschaft.

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    Unter Solskjaer wiederum hat die Mannschaft viele Freiheiten. Bereits im ersten Spiel unter seiner Leitung, einem 5-1- Sieg gegen Cardiff City, zeigte die Mannschaft ein anderes Gesicht: Sie spielte zügig, direkt und angriffsorientiert. Aktuell ist die Mannschaft in 16 von 17 Spielen ungeschlagen. Solskjaer hat Uniteds wahres Gesicht in ihrem Spiel wieder zum Vorschein gebracht.

    Für Trainer und die, die Trainer auswählen

    Was können TrainerInnen und Vereine vom Erfolg Solskjaers und dem Misserfolgs Mourinhos bei Manchester United lernen? Zunächst einmal, dass Führung eine kontextabhängiger Gruppenprozess ist: Was eines Ortes funktioniert, kann anderenorts hinderlich sein.

    TrainerInnen sollten reflektieren, was ihr (zukünftiges) Team und den Verein ausmacht und wofür sie stehen. Basierend auf dieser Reflektion können sie aktiv werden und die gemeinsame Identität fördern und entwickeln (Haslam et al., 2017).

    Für Vereine bedeutet dies, dass der passende Trainer nicht unbedingt der, mit den meisten Erfolgen im Lebenslauf ist. Der passende Trainer oder die passende Trainerin ist in der Lage, die Werte, Ziele und Ideale des Teams zu verkörpern und kultivieren.

    Der Austausch des falschen Trainers oder der falschen Trainerin könnte den Verein teuer zu stehen kommen—im Fall von United gute 22 Million Euro Abfindung für Jose Mourinho. Die sozialpsychologische Analyse des „Solskjaer Effekts“ zeigt, dass dieser kein bloßer Zufall ist, sondern auf gruppendynamischen Prinzipien beruht.

    Mehr zum Thema:

    Quellen

    Haslam, S. A. (2004). Psychology in Organizations: The Social Identity Approach. London: Sage.

    Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2011). The New Psychology of Leadership: Identity, Influence and Power. Hove: Psychology Press.

    Steffens, N. K., Haslam, S. A., Reicher, S. D., Platow, M. J., Fransen, K., Yang, J.,. . . Boen, F. (2014). Leadership as social identity management: Introducing the Identity Leadership Inventory (ILI) to assess and validate a four-dimensional model. The Leadership Quarterly, 25, 1001–1024. doi:10.1016/j.leaqua.2014.05.002

    Haslam, S. A., Steffens, N. K., Peters, K., Boyce, R. A., Mallett, C. J., & Fransen, K. (2017). A social identity approach to leadership development. Journal of Personnel Psychology, 16, 113–124. doi:10.1027/1866-5888/a000176

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    Johanna Constantini: Wenn Follower zu Richtern werden – „soziale“ Medien & der Dopingskandal

    Die Bilder des österreichischen Langläufers Max Hauke gingen um Welt. Während der Nordischen Ski WM in Seefeld 2019 wurde der Sportler während einer Razzia mit Transfusionsnadel im Arm gefilmt. Für die ermittelnden Behörden ein Volltreffer – dass das Video aber offenkundig durch einen Beamten im Netz gelandet ist, stellt für den Sportler Max Hauke und den Menschen dahinter eine schwere Bürde dar. Nun ist nicht zuletzt die Sportpsychologie gefragt.

    Zum Thema: Zwischen realer Verurteilung und digitaler Verfolgung

    Meine Intention ist es an dieser Stelle nicht, Doping zu verharmlosen und die Betroffenen – vor allem den gefilmten Athleten Max Hauke – in Schutz zu nehmen. Jedoch möchte ich die „Lawine“ beleuchten, die nun und vor allem durch die Dynamiken sozialer Medien losgetreten wird. Denn das zehn sekündige „Beweisvideo“ macht die ganz große Runde. Zwar ist es mancherorts aufgrund der rechtlich fragwürdigen Entstehungsgeschichte gelöscht worden, kursiert aber weiter. Und wer sich nun schon mal genauer mit Sozialen Medien auseinandergesetzt hat, der weiß, dass die Reichweite des verheerenden Bildmaterials nun erst zunimmt.

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    Ganz zu Schweigen von gehässigen Kommentaren, Dislikes und tatsächlichen Androhungen gegen die Sportler, geschürt durch soziale Medien. Wie sollte es sonst sein, sieht man sich schon die Kommentare unter „harmlosen“ Beiträgen an, wie sie täglich auf Facebook Seiten diverser Tageszeitungen veröffentlicht werden. Sport polarisiert, wenn einzelne Athleten für einen Skandal verantwortlich gemacht werden können, der noch dazu von vielerlei Seiten rührt, gibt es genügend Gründe, das Sündenbock-Spiel in den nur vermeintlich „sozialen“ Medien bis aufs Äußerste zu treiben.

    Digital „sozial“ zum Suizid

    Wo soziale Medien helfen, SportlerInnen zu pushen, mit Fans zu interagieren, Siege und Freudentage zu feiern, dort fördern sie genauso schnell das Gegenteil: Anklage, Verfolgung, Hass. Bis in den Suizid treibt es Menschen, die in den Newsfeeds sozialer Medien angeklagt werden. Noch dazu für ein Verhalten, dass nicht alleine durch den angeklagten Sündenbock erst stattfinden konnte. Schließlich stehen hinter den – in diesem Fall – dopenden Sportlern auch allerhand Unterstützer, die jene Schritte erst ermöglichen konnten. Von vermeintlichen Sportmedizinern ganz zu schweigen…

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    Ein gehässiger Post ist schnell geschrieben, eine niederschmetternde Anklage in Sekunden geteilt, ein beweisendes Video rasch gepostet. Was sich diejenigen Poster jedoch bewusst machen sollten, ist die tiefe Verankerung dieses Materials in den Weiten des Internets. Gefiltert von Google und dank intelligenter Algorithmen ausgespielt, braucht es viele positive, digitale Berichte, um den Dopingskandal der noch jungen Athleten Max Hauke und Dominik Baldauf sowie weiterer bis jetzt bekannt gewordener Namen zukünftig überschatten zu können.

    Digitale Anklage aus der Sicht der Sportpsychologie

    Harte und auch gerechtfertigte Strafen werden auf die betroffenen Athleten und alle Verantwortlichen zukommen, Suspendierungen und frühzeitig beendete Karrieren werden schwer wiegen. Dessen sind sich die betroffenen AthletInnen bereits bewusst. Was danach jedoch bleiben wird, sind die digitalen Spuren, die nun – in der akuten Phase der Skandale rund um Österreichs „Doping-Sünder“ – noch weiter zunehmen werden. Wie können AthletInnen aus sportpsychologischer Sicht nun begleitet werden? Sollten Sportpsychologen die Funktion eines Anwalts der SportlerInnen übernehmen? Verteidigt man derartige Verstöße vor Fans und TeamkollegInnen?

    Zum Profil von Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

    Nachdem es der Justiz obliegt, für Gerechtigkeit zu sorgen und auf alle nun bekannt gewordenen Vergehen Konsequenzen folgen werden, sollte der Fokus der Sportpsychologie auf den Langzeitfolgen liegen: Besonders in Hinblick auf die Hetze im Netz können AthletInnen trotz schlimmer Vergehen weiterhin gut beraten und begleitet werden. Gerade weil sich die Verurteilungen über soziale Netzwerke auch nach gerechtfertigten Strafen nicht so einfach löschen lassen. So werden die AtletInnen noch viele Jahre mit ihren Regelverstößen konfrontiert werden, Hass-Tiraden im Netz könnten zudem jederzeit durch zukünftige Skandale wieder aufflammen. Postings verjähren nicht und Cybermobbing endet oftmals im Suizid. Mit der ständigen Öffentlichkeit kommen schon AthletInnen, die sich keine derartigen Vergehen zu schulden haben kommen lassen, phasenweise schlecht zurecht. Wie wird es also jenen ergehen, die ihre Strafen erst noch absitzen müssen?

    Eine Aufgabe für die moderne Sportpsychologie

    Dessen muss sich die moderne Sportpsychologie bewusst sein, über Dynamiken wie sie sich in sozialen Netzwerken entwickeln Bescheid wissen und die Sicht der AthletInnen dazu kennen. Die wichtige Aufgabe der sportpsychologischen Arbeit reicht in diesem Fall über jegliche juristische Wiedergutmachung hinaus und zeichnet sich durch genaues Hinschauen – online wie offline – aus.  

    Alles, was gerade passiert und wovon wir als „Außenstehende” nur einen Bruchteil mitbekommen, mag Zeit brauchen, um sich zu beruhigen. Zeit, die für eine sportliche Karriere der Betroffenen in diesem Leben wohl nicht mehr reichen wird. Doch können wir verhindern, dass daraus lebenslange Strafen werden. Auch über „soziale“ Medien.

    Mehr zum Thema:

    Quellen:

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    Cristina Baldasarre: Bewegungsvorstellungstraining für Kinder

    Bewegungsvorstellungstraining ist wertvoll. Punkt. Und dies gilt nicht nur für Erwachsene, sondern genauso für das Training mit Kindern und Jugendlichen. Allerdings muss dabei bedacht werden, dass Kinder anders denken. Was Trainer und Übungsleiter wissen sollten und inwiefern Eltern hilfreich sein können, fasse ich in diesem Blog-Beitrag zusammen.

    Zum Thema: Was für das Bewegungsvorstellungstraining mit Kindern wichtig ist

    Mehr Infos zu Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

    Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Denn Kinder haben eine andere Wahrnehmung, eine andere Vorstellungskraft und ein anderes Denken. Also sollte sich auch die sportpsychologische Arbeit und das ganze Umfeld anhand dieser eigenen Gesetze orientieren.

    Aus Forschung und Praxis wissen wir, dass Kinder im Alter zwischen sieben und elf Jahren die Stufe der konkreten Denkoperationen erreicht haben (Piaget). Hinzu kommt, dass Heranwachsende in dieser Altersspanne einen ausgeprägten Bewegungsdrang aufweisen (Weineck). Und genauso klar ist es, dass sich Kinder mit ambitionierten Training und auch ohne entwickeln, aber ihre Entwicklung verläuft besser, wenn ihre Situation optimal durch Spezialisten wie Trainer, Eltern, Funktionäre und Sportpsychologen gestaltet wird. Wichtig ist dabei, dass die Kinder ein motivierendes Umfeld haben, das viele Erfolgserlebnisse ermöglicht und das alternative Trainingsvarianten einführt.

    Rhythmus, Echtzeit und Zeit nehmen

    Zu diesen anderen Trainingsvarianten gehört nicht zuletzt das Bewegungsvorstellungstraining (BVT). Aber worauf müssen Trainer und Übungsleiter achten?  Aus meiner Erfahrung ist bei Kindern der Rhythmus ein sehr wichtiger Faktor. Für die Implementierung im Training heisst das, dass ich Vorstellungen in “Echtzeit” empfehlen würde. Nehmen wir das Beispiel Eiskunstlauf: Hier bedeutet dies, dass die Kinder ihre Drehungen und Bewegung zu der Original-Musik im Ohr nochmals durchgehen sollten. Wie auch beim reinen Bewegungslernen, welches im Normalfall mehr Wiederholungen als bei älteren Sportlern nach sich zieht, braucht die Wissensvermittlung im Zweifel mehr Zeit.

    Wie Kinder denken, haben wir vor einigen Monaten in einer Multi-Media-Story hinsichtlich des Aspekts Motivation versucht, herauszuarbeiten. Ich empfehle Trainern und Übungsleitern gern einen Blick auf unsere Geschichte. Wer darüber hinaus mehr zur Anwendung der Sportpsychologie im Kinder- und Nachwuchssport wissen möchte, kann gern zu den betreffenden Experten unseres Netzwerks (zu den Profilen) oder zu mir persönlich Kontakt (zum Profil von Cristina Baldasarre) aufnehmen:

    Zur Multi-Media-Story: Link

    Mehr zum Thema:

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/dr-hanspeter-gubelmann-und-lea-fuerer-die-bewegungsvorstellung-trainieren/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/30/cristina-baldasarre-fruehfoerderung-im-kinderleistungssport-wieviel-ist-genug/

    Literatur:

    Weineck, J. (2003). Optimales Training. Ballingen: Spitta Verlag.

    Gubelmann, H. (1998). Geistiges Probehandeln motorischer Fertigkeiten: Eine quasi-experimentelle Felduntersuchung zum Mentalen Training mit Jugendlichen im Schulturnen. GFS-Schrift Nr. 18, ETH: Zürich.

    Gubelmann, H. & Stoll, O. (im Druck). Optimierung der Bewegungsvorstellung und der Aufmerksamkeitsregulation. In: K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.). Angewandte Sportpsychologie im Leistungssport. 204-220. Göttingen: Hogrefe.

    Holmes, P.S., & Collins, D.J. (2001) The PETTLEP Approach to Motor Imagery: A Functional Equivalence Model for Sport

    Psychologists. Journal of Applied Sport Psychology, 13 (1), 60-83.

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    Dr. Hanspeter Gubelmann und Lea Fürer: Die Bewegungsvorstellung trainieren

    Bewegungsvorstellungstraining sollte längst in aller Munde oder besser Sportlerköpfen sein. Ist es aber noch nicht, zumindest nicht flächendeckend. Dabei bietet die recht einfache Anwendung sowohl für Individual- als auch für Teamsportler grosses Potential.

    Zum Thema: Das Potential vom Bewegungsvorstellungstraining

    Unter dem Bewegungsvorstellungstraining, kurz: BVT, verstehen wir eine kognitiv akzentuierte Trainingsmethode, welche auf einer planmässigen internen Bewegungsrealisation ohne aktiven Mitvollzug beruht. Es zielt auf das Erlernen, Stabilisieren und Verbessern einer sensomotorischen Fertigkeit ab (Gubelmann, 1998). Dabei geht es nicht nur um Bewegungsabfolgen, sondern auch um strategische Abläufe, sodass nachher automatische Handlungen und programmierte Reaktionen möglich sind. Dies hat im sportlichen Bereich Auswirkungen auf unsere Lernerfolge und Wettkampfleistungen. Das Potential liegt darin, dass die Leistungen gesteigert werden können, indem wir unserer Vorstellung das Endprodukt vorwegnehmen und eine Handlung innerlich simulieren (Gubelmann & Stoll, 2019).

    Das Bewegungsvorstellungstraining wirkt sich sogar auf gleich zwei Achsen positiv aus: zum einen auf das Fertigkeitstraining (Bewegungsablauf lernen, Leistungstabilisation und -optimierung) und zum anderen auf das Selbstkontrolltraining (Emotionsregulation, Aktivierungsregulation, Beeinflussung motivationaler Zustände).

    Wettkampfnahe Erweiterung

    Hinzu kommt, dass sich das Bewegungsvorstellungstraining zum Beispiel mit dem PETTLEP-Ansatz nach Holmes & Collins (2001) sehr gezielt erweitern lässt. Bei dieser Erweiterung steht im Fokus, Emotionen und Umfeld sowie alle Sinne einzubeziehen. Damit wird die Methode nicht zuletzt für die unmittelbare Wettkampfvorbereitung sehr relevant.

    An der 11. Jahrestagung der Sportwissenschaftlichen Gesellschaft der Schweiz (SGS) in Fribourg durfte ich das Thema gemeinsam mit Cristina Baldasarre vorstellen. Das Besondere: An unserer Seite hatten wir mit Matthias Hofbauer einen der erfolgreichsten Schweizer Teamsportler, eine lebende Legende des Unihockeys. Mit ihm zeigten wir, hoffentlich recht eindrücklich, die Praxisrelevanz der Methode auf. In folgendem Insiderbericht gewährt uns “Matthü” sehr exklusive und auch von ihm für diese Publikation explizit autorisierte Einblicke auf die Anwendung der Methode an der Unihockey-Weltmeisterschaft 2018 in Prag:

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/matthias-hofbauer-volle-kontrolle-beim-penalty/

    Link zum Insiderbericht: https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/matthias-hofbauer-volle-kontrolle-beim-penalty/

    Lea Fürer

    Ich bin im letzten Semester meines Bachelorstudiums für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Seit Oktober 2018 darf ich bei Dr. Hanspeter Gubelmann ein sehr vielseitiges Praktikum machen, bei dem ich u.a. einen Athleten betreuen, ein sportpsychologisches Multimedia-Projekt lancieren, ein Netzwerk zu Sportpsychologen/innen aufbauen, viel Fachliteratur und vor allem Fachwissen aufsaugen darf. Ich arbeite seit rund zehn Jahren auch fürs Schweizer Radio und Fernsehen, davon fünf Jahre beim sportradio SRF und komme nicht nur dort mit  der Sportwelt in Kontakt: Ich war 2017 Schweizer Meisterin im Thaiboxen und arbeite zudem nebenbei als Trainerin.

    Literatur:

    Gubelmann, H. (1998). Geistiges Probehandeln motorischer Fertigkeiten: Eine quasi-experimentelle Felduntersuchung zum Mentalen Training mit Jugendlichen im Schulturnen. GFS-Schrift Nr. 18, ETH: Zürich.

    Gubelmann, H. & Stoll, O. (im Druck). Optimierung der Bewegungsvorstellung und der Aufmerksamkeitsregulation. In: K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.). Angewandte Sportpsychologie im Leistungssport. 204-220. Göttingen: Hogrefe.

    Holmes, P.S., & Collins, D.J. (2001) The PETTLEP Approach to Motor Imagery: A Functional Equivalence Model for Sport

    Psychologists. Journal of Applied Sport Psychology, 13 (1), 60-83.

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    Matthias Hofbauer: Volle Kontrolle beim Penalty

    “Ich wollte Kontrolle über die Situation haben”, sagt Matthias Hofbauer rückblickend. Aber gibt es eine wirkliche Kontrolle beim Penalty überhaupt? Spielt nicht Zufall, Tagesform oder die Leistung des gegnerischen Goalies eine so dominante Rolle, so dass sich diese spielentscheidenden Sekunden eigentlich nicht trainieren lassen? Oft heisst es ja auch, dass der tatsächliche Druck einer solchen Situation gar nicht künstlich herzustellen sei… Der 37-Jährige Leader der Schweizer Unihockey-Nati wollte vor seinem letzten WM-Auftritt im Dezember 2018 aber nichts dem Zufall überlassen und bereitete sich mit Hilfe des Bewegungsvorstellungstrainings intensiv auf den Showdown im Penalty-Schiessen vor. Nicht ohne Grund…

    Zum Thema: Bewegungsvorstellungstraining in der Praxis  

    Prag, am Abend des 8. Dezembers 2018. In der mit über 10.000 Zuschauern gefüllten O2-Arena hat die Schweiz den großen Favoriten Schweden im WM-Halbfinal am Rande einer Niederlage. Bis zwei Minuten vor Spielende führt der Aussenseiter mit 4:3. Der späte Ausgleich der Rekordweltmeister aus Schweden bedeutet zehn Minuten Overtime, die dramatisch verlaufen aber kein Tor und damit keinen Sieger hervorbringen. Es geht also ins Penalty-Schiessen. Eine Situation, auf die sich Matthias Hofbauer gezielt vorbereitet hatte. Denn mit Dr. Hanspeter Gubelmann und Cristina Baldasarre zählten bei der WM-Kampagne erstmals zwei Sportpsychologen zum Betreuerstab von Swiss Unihockey. Mit Gubelmann hatte Hofbauer das Bewegungsvorstellungstraining auf die Penalty-Situation angewandt. Ein besonderer Fokus lag dabei auf die erwartete Atmosphäre in der Halle und die konkrete Vorbereitung des Schusses.

    Nachfolgend beschreibt Matthias Hofbauer die Gedankenfetzen, die rund um einen Penalty durch seinen Kopf wirbeln. Dabei geht er nicht nur auf den eigentlichen Bewegungsablauf ein:

    • “Es beginnt damit, dass ich das Zeichen erhalte, dass ich dran bin → muss Ball suchen/nehmen, Ruhe geniessen, alleine auf dem Feld, keine wirklichen Gedanken, in the zone.
    • Kurz daran denken, dass ich das schon x-Mal erlebt oder durchgespielt habe.
    • Ich atme noch einmal ganz tief aus, das ist mein Startzeichen. (…)
    • Fokus auf das Vorwärtslaufen, vielleicht ein Blick zum Tor, Netz anschauen, Zuschauer im Hintergrund nehme ich so halb wahr. (…) 
    • Kontrollblick, ob die Position des Torhüters meine Idee zulässt.
    • Ungefähr bei der äusseren Torraumlinie muss ich meinen Bewegungsablauf starten, damit es passt.
    • (…) Ball auf links nehmen, spüren, dass der Torhüter zu spät kommt und nicht mehr rechtzeitig reagieren kann.
    • Ich nehme effektiv den Moment wahr, wo der Torhüter mit dem Körpergewicht falsch drin ist, ab dann heisst es, einfach möglichst schnell den Ball im Netz zappeln lassen. (…)
    • Und nun, grosser Jubel oder Zurückhaltung? Kommt auf die Situation an, aber bei einem Penalty an der WM kommt einfach Erleichterung auf und ich kann die Reaktion der Schweizer Fans wahrnehmen. Come on!!!!”

    Vorstellung trifft Realität

    Wenige Stunden bevor sich diese Situation im realen Leben des Matthias Hofbauer zutragen sollte, hatte der Nati-Captain seinen Penalty schon mehrfach erlebt. Eben vor dem geistigen Auge. Aufgrund der Produktion einer Multi-Media-Story von Swiss Unihockey über Matthias Hofbauer war eine Kamera bei der sportpsychologischen Session dabei. Diese exklusiven Bilder sind während der Sitzung von Dr. Hanspeter Gubelmann und Matthias Hofbauer entstanden:

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    Weitere Informationen

    Ausschnitt aus der Multi-Media-Story von Swiss Unihockey: Am Ende eines Traums (Link)

    Das Bewegungsvorstellungstraining braucht Energie und kann anstrengend sein. Zumal Dr. Hanspeter Gubelmann sehr intensiv an Details wie Rhythmus, Geräuschkulisse und Bewegungsmustern arbeitet. Ziel ist es, dass der Ablauf des inneren und äusseren Films, auf den Sportler zurückgreifen kann, bestmöglich aufeinander abgestimmt wird. Für den Unihockey-Star Matthias Hofbauer war es den Aufwand, selbst im Spätherbst seiner Karriere, aber wert. Das mentale Training könne sehr konkret und hilfreich sein, betont er. Und Hofbauer weiter: «Wenn man sich so gut vorbereitet hat und deshalb mit einem guten Gefühl an diese Situation herangehen kann, dann bringt das nicht nur Erfolg in der Ausübung, sondern mindert bei Rückschlägen auch die Gefahr, gleich aufzugeben.»

    Mehr Einblicke in der Multi-Media-Story von Swiss Unihockey

    Dieses praktische Beispiel zeigt eindrücklich, wie ein Bewegungsvorstellungstraining umgesetzt und damit sowohl das Fertigkeits- als auch das Selbstkontrolltraining gesteigert werden kann. Wer den Penalty des WM-Halbfinals letztlich sehen will, wissen möchte, wie viel der Schuss wert war und was Matthias Hofbauer an seiner letzten WM als Spieler erlebt hat, dem sei die Multi-Media-Story von Swiss Unihockey empfohlen:

    Multi-Media-Story: Am Ende eines Traums

    Zur Multi-Media-Story: https://swissunihockey.pageflow.io/matthias-hofbauer

    Mehr zum Thema:

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/dr-hanspeter-gubelmann-und-lea-fuerer-die-bewegungsvorstellung-trainieren/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/01/cristina-baldasarre-bewegungsvorstellungstraining-fuer-kinder/

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    Dr. René Paasch: Wir müssen die NLZ-Kicker aus den Zwangsjacken befreien

    Nach der sehr erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien vor gut vier Jahren beneidete uns die ganze Welt. Allen voran das 2002 ins Leben gerufene DFB-Stützpunkt-Konzept wurde von vielen Experten als eine der entscheidenden Grundlagen für den WM-Titel der Nationalmannschaft im Sommer 2014 gesehen. Nach dem Ausscheiden in Russland im vergangenen Sommer ist die Euphorie bezüglich der geschaffenen Strukturen verflogen. Der deutsche Fußball, so lautet vielfach der Vorwurf, hat die Entwicklung verschlafen. Welchen Beitrag kann nun die Sportpsychologie für die Erfolge von übermorgen leisten?

    Zum Thema: Sportpsychologie im Nachwuchsfußball  

    Aus meiner Sicht sind die Nachwuchsleistungszentren zu einem zentralen Teil des Problems geworden. Denn Trainer, Sportliche Leiter und Stützpunkttrainer bekommen inzwischen alles vom DFB und der Vereinsführung diktiert. Die ausführenden Personen haben kaum noch Freiheiten. Hinzu kommt, aus meiner Sicht, dass die Sportpsychologie vielerorts nur geduldet wird.

    Trainer und Übungsleiter bekommen Trainingspläne, die für jeden Tag bis ins kleinste Detail vorschreiben, was trainiert werden muss. Von Persönlichkeitsentwicklung, Charakterstärkung und Individualisierung ist kaum was zu erkennen. Viele Trainer und Sportpsychologen sind inzwischen damit sehr unzufrieden. Denn so wird uns die Möglichkeit genommen, jeden Spieler individuell und ganzheitlich zu fördern. Vor vielen Jahren hat man den Trainern noch geglaubt, ob alle beim Training waren oder nicht und was gemacht wurde. Inzwischen müssen sie alles dokumentieren, jede Trainingseinheit festhalten und entsprechend bewerten.

    Die aktuelle Rolle der Sportpsychologie

    Auch mit der Einführung der Sportpsychologie ist zwar ein wichtiger Schritt vollzogen worden, doch eine wirkliche ernsthafte Absicht lässt sich dabei nicht erkennen. Eine oder zwei Personen – wie es nicht selten in Nachwuchsleistungszentren der Fall ist – können nicht alle Nachwuchsmannschaften umfangreich sportpsychologisch betreuen. Man hat das Gefühl, dass wir nur Mittel zum Zweck im Zuge der gewünschten Zertifizierung sind.

    Wir Trainer und Sportpsychologen haben mehr Arbeit mit der Datenbank und Problemgesprächen als mit dem Training zur Leistungsoptimierung auf dem Platz selbst. Und die Kinder und Jugendliche sind heute total gläsern, damit sie nicht von der Norm abweichen. Wollen wir das wirklich? Ist der deutsche Nachwuchs wirklich eine einheitliche und formbare Masse? Alles wird in Kategorien gepresst, die Spieler in Zwangsjacken gesteckt, anstatt die Talente laufen zu lassen und ihre Individualität zu fördern. Wir bilden Sechser, Achter, Innenverteidiger aus, aber der Mittelstürmer und das Mentale Training und Coaching kommt in den Trainingsprogrammen der NLZ`s und des Deutschen Fußball-Bundes schlicht und einfach nicht vor. In schriftlicher Form ja, jedoch kaum in der Praxis. Daran müssen wir dringend etwas ändern.

    Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

    Dem Sittenverfall entgegen

    Andere Länder haben erkannt, dass man ganzheitliche Spielertypen entwickeln muss. Ebenso wie gute Standards, um tiefstehende Ketten zu knacken. Auch unser Bundestrainer Joachim Löw äußert sich kritisch beim Amateurfußball-Kongress in Kassel über das Verhalten vieler Bundesliga-Spieler. Mit unfairem Auftreten seien sie schlechte Vorbilder für Kinder und Amateure. Er forderte mehr Respekt für Schiedsrichterentscheidungen. Er sprach von „Sittenverfall“ und „ständiger Rudelbildung, Schwalben, Simulanten“. Dies und weitere Beispiele zeigen, dass wir mehr in den Charakter der Spieler investieren müssen.

    Natürlich dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen, alles in Frage zu stellen und die Entwicklung bei den anderen zu kopieren. Dann laufen wir nur hinterher. Wir haben es versäumt, über den Tellerrand zu blicken und zu schauen, was andere Länder anders machen, um eine wirksame Antwort auf den Fußball zu finden.

    Sportpsychologie als Teil der Antwort

    Gehen wir davon aus, dass es in den Nachwuchsleistungszentren nun viel stärker um eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung unserer Jugendspieler gehen würde. Dass die Spieler, von denen aktuell ja nur etwa jeder 30. den Sprung aus einem NLZ zu einem Profi-Verein schafft, gleichermaßen auf die Anforderungen im Fußball und auch im Leben vorbereitet werden. Wo lege dann die Aufgabe der Sportpsychologie? Was könnten Sportpsychologen und gut ausgebildete Mentaltrainer konkret leisten? Dazu einige Anregungen:

    • Beratung und Betreuung unserer Spieler und Trainer
    • Wettkampfvorbereitung, -beobachtung und -betreuung
    • Vermittlung und Anwendung sportpsychologischer Trainingsmaßnahmen
    • Kriseninterventionen
    • Talentdiagnostik, Talentförderung und Laufbahnberatung
    • Moderation von dualen Karrieren (Zusammenhang von Ausbildung und Leistungsfußball)
    • Elternberatung und – betreuung
    • Themengebiet der Regeneration, Erholungsoptimierung und Belastung
    • Aus- und Fortbildung für Trainer und Übungsleiter, Vorträge, Fortbildungen und Seminare zu sportpsychologischen Fragestellungen

    Fazit

    Ich bin gespannt, welche Erkenntnisse die angekündigte Fehleranalyse des DFB bringt. Und was das für uns als Sportpsychologen bedeutet. Ich persönlich sage: Weg mit den hierarchischen Strukturen, mehr Sportpsychologen/innen einstellen und die Jungs wieder spielen lassen und ganzheitlich entwickeln. Aber wir müssen jetzt direkt damit anfangen, um in einigen Jahren davon auch im Deutschen Fußball zu profitieren.

    Mehr zum Thema:

    https://www.die-sportpsychologen.de/2016/07/12/dr-rene-paasch-mentaltrainer-oder-sportpsychologe/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/26/kathrin-seufert-im-nlz-faengt-nicht-immer-der-fruehe-vogel-den-wurm/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/22/tanja-simone-ecken-warum-die-neue-saison-fuer-nlz-kicker-schon-heute-beginnt/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/12/dr-rene-paasch-ein-menschlicherer-fussball-wer-ist-dabei/

    https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/15/thorsten-loch-sensible-phase-der-sprung-in-ein-sportinternat/

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