Start Blog Seite 108

Benjamin Göller: Das Karriereende meistern

Benjamin Göller

Eine leistungssportliche Karriere bedarf eines jahrelangen Aufbaus und nimmt geschätzt 10.000 Trainingsstunden in Anspruch. Ein Sportler verbringt fast zehn Jahre damit, für Spitzenleistungen zu trainieren. An der Spitze können die Athleten sich meist nur eine begrenzte Zeitspanne halten. Die Gründe dafür können unterschiedlichster Natur sein. Oft sind es jedoch die hohen Anforderungen an die körperlichen Ressourcen, die eine Leistungssportkarriere in die Knie zwingt (Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010; Hagemann, Tietjens & Strauß, 2007; Ward, Hodges, Williams & Starkes, 2004). Die Vorbereitung auf das Karriereende und der Umgang damit ist eine wichtige und nicht zu unterschätzende Thematik. 

Zum Thema: Was den Karriereübergang erleichtern kann… 

Eine Forschergruppe um Ericsson (1993) befasste sich mit dem Thema der Leistungsentwicklung im Sport und ging davon aus, dass vor allem zielorientierte, langjährige Übungs- und Trainingsprozesse motorische und kognitive Mechanismen fördern und zu Spitzenleistungen führen. Die Forscher belegten ihre Annahme durch Vergleiche verschiedener Personengruppen mit und ohne Spitzenleistungen. Die Untersuchungsgruppe mit hervorgebrachten Spitzenleistungen – darunter waren Musiker, Schachspieler und Sportler – haben mehr und über einen längeren Zeitraum zielorientiert trainiert als solche mit durchschnittlichen Leistungen (Ericsson, Krampe & Tesch- Römer,1993; Ericsson & Hagemann, 2007).

Entscheidet sich ein Sportler für eine Karriere im Hochleistungssport, dann ist der Alltag durchgeplant und neben dem intensiven und umfangreichen Trainings- und Wettkampfkalender bleibt keine Zeit für andere Dinge. Der Sport ist nicht mehr nur die schönste Nebensache der Welt, sondern wird die wichtigste Hauptsache (Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010).

Auf höchstem Niveau über Jahre bestehen zu können, erfordert starkes Durchhaltevermögen und extreme Willens- und Leidensfähigkeit. Trotz jahrelanger Disziplin geht die sportliche Laufbahn nicht spurlos am Körper des Athleten vorbei. Kaum ein Sportler durchläuft seine Karriere im Hochleistungssport ohne Hindernisse wie beispielsweise Verletzungen oder Leistungstiefs. Aus eigener Erfahrung als Sportler und als Sportpsychologe empfehle ich jedem Sportler immer wieder eine „Kosten-Nutzen-Bilanz“ zu ziehen. Im Leben einer Person kommt es immer wieder zu Veränderungen, die einer Anpassung bedürfen (Schlossberg, 1981). Rational und emotional das Geschehen abzuwägen, ist überaus wichtig. Die Folge dessen kann ein Karriereende oder aber die verstärkte Anstrengung zum Weitermachen sein.

Der Entschluss, die Karriere zu beenden

Bedenken wir, wie viel Energie, Zeit und Leidenschaft ein Athlet in seine sportliche Karriere gesteckt hat, dann versteht jeder, dass das Beenden einer Karriere kein einfacher Entschluss ist. Es kann mit der Pensionierung aus dem Berufsleben verglichen werden (Alfermann, 2008). Im Sport wird zwischen dem vorzeitigen, geplanten, oder abrupten Karriereende unterschieden (Alfermann, 2008; Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010).

Entscheidend für das Bewältigen des Karriereendes sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen und das Empfinden des Sportlers beim Übergang ins „normale Leben“. Eine rechtzeitige Planung, ein freiwilliger Rücktritt sowie eine gute soziale Unterstützung ermöglichen einen problemlosen und sanften Karriereübergang (Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010). Leider ist diese Situation in den seltensten Fällen Realität. Meist sind es die ungeplanten abrupten Karriereausstiege, Zum Beispiel aufgrund von Verletzungen oder unvorhersehbaren Umständen, mit denen die Sportler zu kämpfen haben (Wippert, 2002; Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010).

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive zählt das Karriereende zu einer unabwendbaren und notwendigen Herausforderung, die von dem Sportler gemeistert werden muss (Alfermann, 2008; Stoll, Pfeffer & Alfermann, 2010). Aus eigener Erfahrung empfehle ich, sich gedanklich und emotional mit dem Karriereende zu beschäftigen. Hier hilft es beispielsweise die erlebten Gefühle und Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten. Diese Tagebuchaufzeichnungen können dann in Gesprächen mit vertrauten Personen oder einem Sportpsychologen reflektiert und diskutiert werden. Durch das Wahrnehmen und Interpretieren der eigenen Empfindungen können Erlebnisse und Gefühle besser reflektiert und verarbeitet werden (Wippert, 2002).

Fähigkeiten übertragen lernen

Die Vorbereitung auf ein mögliches Karriereende sollte Zielsetzungen außerhalb des Sports beinhalten. Längsschnittstudien berichten, dass während und kurz nach der Karriere der Sport und die sportliche Höchstleistung als primäres Lebensziel gewichtet werden. Eine Umorientierung findet mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Sportkarriere statt. Befragungen ergaben, dass die Sportler nach einem Jahr die beruflichen Kompetenzen und die berufliche Entwicklung als wichtigstes Ziel formulierten (Stephan et al. 2003 a, b).

Eine geeignete Methodik, um einen Athleten auf das Leben nach der Sportkarriere vorzubereiten, ist das Training übertragbarerer Fähigkeiten – „transferable skills“ (Mayocchi & Hanraham, 2000; Murphy, 1995). Zum einen lassen sich die im Sport erworbenen Fähigkeiten wie die individuelle Stressbewältigungs – und Selbstkontrollstrategien oder das Zielsetzungstraining sinnvoll nutzen. Zum anderen lassen sich die Interventionsmethoden ausgezeichnet auf berufliche Qualifikationen nutzbar machen (Alfermann, 2008).

 

Quellen:

Alfermann, D. (2008). Karrierebeendigung im Sport. In J. Beckmann & M. Kellmann (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Serie V. Bd. 2: Anwendungen der Sportpsychologie (S. 499-541). Göttingen: Hogrefe.

Ericsson, K. A. & Hagemann, N. (2007). Der „Expert-Performance-Approach“ zur Erklärung von sportlichen Leistungen: Auf der Suche nach deliberate practice zur Steigerung der sportlichen Leistung. In N. Hagemann, M. Tietjens & B. Strauß (Hrsg.), Psychologie der sportlichen Höchstleistung (S. 17- 39). Göttingen: Hogrefe.

Ericsson, K. A., Krampe, R. T. & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100, 363-406.

Hagemann, N., Tietjens, M. & Strauß, B. (2007). Expertiseforschung im Sport. In N. Hagemann, M. Tietjens & B. Strauß (Hrsg.), Psychologie der sportlichen Höchstleistung (S. 7-16). Göttingen: Hogrefe.

Hardy, C. J. (1994). Nurturing our future through effective mentoring: Developing roots as well as wings. Journal of Applied Sport Psychology, 6, 196-204.

Helsen, W. F., Starkes, J. L. & Hodges, N. J. (1998). Team sports and the theory of deliberate practice. Journal of Sport & Exercise Psychology, 20, 12-34.

Hodges, N. J., Kerr, T., Starkes, J. L., Weir, P. L. & Nananidou, A. (2004). Predicting performance times from deliberate practice hours for triathletes and swimmers: What, when, and where is practice important? Journal of Experimental Psychology: Applied, 10, 219-237.

Mayocchi, L. & Hanrahan, S. J. (2000). Tranferable skills for career change. In D. Lavallee & P. Wylleman (Eds.), Career transitions in sport: International perspectives (pp. 95- 110). Morgantown, WV: Fitness Information Technology

Murphy, S. M. (1995). Transitions in competitive sport: Maximizing individual potential. In S. M. Murphy (Ed.), Sport psychology interventions (pp. 331-346). Champaign, IL: Human Kinetics.

Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Hans Huber Verlag.

Ward, P., Hodges, N. J., Williams, A. M. & Starkes, J. L. (2004). Deliberate practice and expert performance. Defining the path to excellence. In A. M. Williams & N. J. Hodges (Eds.), Skill acquisition in sport. Research, theory and practice (pp. 231-258). London: Routledge.

Schlossberg, N. K. (1981). A model for analyzing human adaptation to transition. The Counseling Psychologist, 9(2), 2-18.

Stephan, Y., Bilard, J., Ninot, G. & Delignières, D. (2003a). Repercussions of transitions out of elite sport on subjective well-being: a one-year study. Journal of Applied Sport Psychology, 15, 354-371.

Stephan, Y., Bilard, J., Ninot. G., & Delignières, D. (2003b). Bodily transition out of elite sport: A one-year study of physical self and global self-esteem among transitional athletes. International Journal of Sport and Exercise Psychology, 1, 192-207.

Wippert, P.-M. (2002). Karriereverlust und Krise. Schorndorf: Hofmann.

 

Aufrufe: 1954

Prof. Dr. Stoll/Abdullaeva: Reus – Verletzt und vergessen?

Elvina Abdullaeva

„Ein Traum ist von einer zur anderen Sekunde geplatzt“, so kommentierte Fußball-Nationalspieler Marco Reus in der Bild-Zeitung seine Verletzung im Testspiel gegen Armenien, die seine WM-Teilnahme verhindert. Eine Situation, vor der sich alle Top-Athleten fürchten, wenn es um einen lang erwarteten Wettkampf und unter Umständen um eine einmalige Chance im Leben geht. Dabei ist es egal, ob es sich um eine Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft handelt oder aber eine Teilnahme an Olympischen Spielen. Prof. Dr. Oliver Stoll und Elvina Abdullaeva gehen der Frage nach, was, wer und wie in einer solchen Situation helfen kann. 

Zum Thema: Marco Reus – Verletzt und vergessen?  

Wie kann man so einer Situation vorbeugen? Gar nicht – so sagen unisono alle Trainer, mit denen ich zu diesem Thema schon gesprochen habe, erklärt Prof. Dr. Oliver Stoll. Sie könnten ihre Spieler und Spielerinnen ja nicht „in Watte packen“ und auf eine echte Vorbereitung verzichten. Das wäre tatsächlich fatal, denn im Leistungssport ist es nun einmal so, dass es, insbesondere in Sportarten mit möglichen „Gegnerkontakt“ zu solchen Situationen kommen kann. Auch während des Fußball WM-Turniers in Brasilien kann dies noch passieren. Aus diesem Grund gibt es ja einen vergleichsweise großen Kader zu solch einem Turnier. Für den jeweils Betroffenen ist dies sicherlich nur ein schwacher Trost. Insbesondere dann, wenn man sich im Vorfeld nicht auch auf eine solche Möglichkeit mental eingestellt hat.

Eine solche Verletzung ist natürlich ärgerlich. So etwas kann wütend machen und durchaus sogar kurzfristig eine „Trauerphase“ einleiten. Professionelle Athleten kennen diese Situation jedoch eigentlich. Gerade im professionellen Fußball steht eine mögliche Verletzung immer irgendwie im Raum. „Kognitive Umbewertung“ ist der Fachterminus für den Prozess, den die betroffenen Athleten durchlaufen sollten. Die enorm hohe Bedeutsamkeit, die diese Teilnahme im Vorfeld sehr oft hatte sollte zugunsten anderer, dann individueller neuer Ziele relativiert werden, rät Prof. Dr. Oliver Stoll.

Familie, Freunde und Mannschaft sind “Stress-Puffer” 

Darüber hinaus sind soziale Unterstützung aus der Familie, aus dem Freundeskreis und auch aus dem Team heraus sehr gute „Stress-Puffer“ für solche Situationen. Elvina Abdullaeva ergänzt: „Wichtig ist die Präsenz von denjenigen, die immer dabei sind, egal ob es dir gut oder schlecht geht. Diese Leute geben uns unheimlich viel Kraft. Es ist auch sehr wichtig, sich von der Mannschaft und von dem Trainer nicht vergessen zu fühlen. Joachim Löw und seine Spieler haben jetzt zwar ausschließlich die kommende Weltmeisterschaft im Fokus. Doch ein Paar unterstützende SMS und Telefongespräche können Marco Reus Gemüt aufheitern.“

Unvermeidbare Begleitumstände, wie die große gesellschaftliche Bedeutung des Fußball-WM-Turniers verschlimmern die Situation, setzt Elvina Abdullaeva fort: „Gerade jetzt, wo die Spieler und das Event riesige Aufmerksamkeit von den Medien bekommen, wird Marco Reus sehr schnell merken, wie das Interesse an seiner Person augenblicklich sinkt. Hier können Fans einen großen Beitrag leisten. Unterstützende Aktionen, zum Beispiel Plakate, Fotos, Videos oder Facebook-Posts können ihm helfen. Diese Signale bewirken, dass der Spieler sich nicht vergessen fühlt und optimistischer in die Zukunft blicken kann.“ Marco Reuss könne zudem, merkt Prof. Dr. Oliver Stoll an, auch durchaus noch in anderer Art und Weise in die Fußball-WM eingebunden werden, sofern er dies möchte. Sei es als „Experte“ für Medien oder sogar vor Ort in Brasilien als Stütze für das Team, mit dem er ja fast die gesamte Vorbereitung absolviert hat.

Ziele neu ausrichten

Elvina Abdullaeva: „Ein anderer Ansatzpunkt, der ihm hilft sich mit der Situation abzufinden, ist das Umdenken, beispielweise das Problem zu verallgemeinern. So ist Marco Reus bei weitem nicht der einzige Fußballspieler, der sich während der Testspielphase verletzt hat. Genau so bitter erging es unter anderem dem Italiener Riccardo Montolivo. Auch der 29- jährige Mittelfeldspieler verletze sich in einem Testspiel schwer. Jetzt muss die Mannschaft von Cesare Prandelli ohne ihn in Brasilien spielen. Es ist tröstlich zu erkennen, dass Verletzungen zum Fußball dazugehören und dies zu akzeptieren.“

Mit Hans-Dieter Herrmann steht der Fußball Nationalmannschaft ein hervorragender Mannschafts-Sportpsychologe zur Verfügung, der hier ebenfalls unterstützen kann und im Bedarfsfall wird, so Prof. Dr. Oliver Stoll. Eine wichtige Erkenntnis für einen betroffenen Athleten in dieser Situation ist es, dass er (oder sie) ein solches Ereignis eben nicht kontrollieren kann…nicht ändern kann. Eine Problemlösung ist in der Kürze der Zeit eben nicht möglich, ansonsten würde er oder sie alles in seiner oder ihrer Macht mögliche tun, um eine Lösung des Problems herbeizuführen. Was bleibt, ist eben eine neue Bewertung der Situation, eine neue Ausrichtung der individuellen Ziele sowie unter Umständen eine bestmögliche Unterstützung der Mannschaft „aus der Ferne“ oder aber auch „vor Ort“, wenn dies möglich ist.

Marco Reuss steht ganz sicher nicht alleine in dieser für ihn persönlich nicht leichten Situation.

Aufrufe: 160

Ina Blazek: Was gute Trainer ausmacht

Ina Blazek

Im Leistungssport sind viele Faktoren für den sportlichen Erfolg verantwortlich. Ein wichtiger Baustein ist die Trainer-Athlet-Beziehung, die auch seit vielen Jahren näher beleuchtet wird, um mögliche Erfolgsgaranten ausfindig machen zu können (Corgulu, 2012). Unter anderem beeinflusst das Trainerverhalten maßgeblich die Beziehung von Trainer und Athlet.  

Zum Thema: Welche Eigenschaften sollte ein guter Trainer also mitbringen, um die sportliche Höchstleistung seiner Athleten heraus zu kitzeln?

Die Wissenschaft belegt, dass vor allem soziale Kompetenzen des Trainers zunehmend gefragt sind. Es spielen neben der fachlichen Kompetenz auch das empathische Verständnis und auch die Fähigkeit, die Athleten gleichermaßen zu motivieren und zur Disziplin anzuhalten, eine große Rolle (Richartz, 2000). Vor allem im Kinder- und Jugendsport kommt einem Trainer eine große pädagogische Verantwortung zu. So unterstützt er seine Schützlinge nicht nur bei der Entwicklung sportlicher Leistungsfähigkeit, sondern auch in der Persönlichkeitsbildung.

Demnach sorgt ein guter Trainer dafür, dass Kinder und Jugendliche an ihre Stärken glauben, diese erkennen und darüber lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Der Trainer ist am dichtesten am Athleten dran und kann z.B. durch eine realistische Zielsetzung auch die Selbstwahrnehmung der Athleten schärfen. Durch die Schaffung eines positiven Trainingsklimas vermag ein guter Trainer mit verschiedenen Leistungsniveaus und auch Zielstellungen adäquat muzugehen.

Die Trainer-Athlet-Beziehung wird aber ebenso vom Athletenverhalten beeinflusst – beide Seiten bedingen sich gegenseitig, von daher ist es wichtig, immer mit gutem Beispiel voran zu gehen und das eigene Verhalten auch hin und wieder zu hinterfragen.

 

Literatur

 

Corgulu, R. (2012). Transformational leadership and leader inspired extra effort: the mediating role of coach and athlete relationsship in football players. In: Meeusen, R., Duchateau, J., Roelands, B., Klass, M., De Geus, B., Baudry, S. & Tsolakidis, E. (Eds.), 17th annual Congress oft he European College of Sports Science, 4 -7th July ECSS Bruges 2012 – Belgium (P. 115). Bruges: European College of Sports Science.

 

Richartz, A. (2000). Lebenswege von Leistungssportlern: Anforderungen und Bewältigungsprozesse der Adoleszenz; eine qualitative Längsschnittstudie. Aachen: Meyer & Meyer.

Aufrufe: 472

Philippe Müller: Auf dem Weg ins Leistungsloch?

Marcel Schmelzer sieht die Fußball-Weltmeisterschaft nur im Fernsehen. Der 26-jährige Verteidiger von Borussia Dortmund ist sicher der große Härtefall unter den drei aussortierten Spielern, die in den vergangenen beiden Wochen im Trainingslager und am Sonntag im Test gegen Kamerun für das große Ziel Brasilien geschuftet haben und nun enttäuscht worden sind. Jetzt besteht die Gefahr, dass Kevin Volland, Shkodran Mustafi und eben Marcel Schmelzer die Nicht-Berücksichtigung für sich falsch bewerten – und geradewegs in ein Leistungsloch stürzen.

Zum Thema: Wie können die nicht nominierten Spieler mit der Entscheidung richtig umgehen?

Das Regelwerk der FIFA ist eindeutig. Für die Fußballweltmeisterschaften dürfen die 32  Nationalmannschaften jeweils 23 Spieler nominieren. Der endgültige Kader muss bis zum 2. Juni (24 Uhr CET) der FIFA vorliegen.

Der Bundestrainer Joachim Löw stand vor der Aufgabe, aus seinem 30 Mann starken Vorbereitungskader, das WM-Team zu formieren. Die hohe Dichte an guten Spielern steigert die Schwierigkeit einer solchen Selektion, die überdurchschnittlich hohe Anzahl an verletzten und angeschlagenen Spielern potenziert die Knifflichkeit der Auswahl. Getroffen hat es neben den von vielen Experten als Streichkandiaten prognostizierten Jung-Nationalspieler Kevin Volland (TSG Hoffenheim) und Shkodran Mustafi (Sampdoria Genua) auch Marcel Schmelzer aus Dortmund. Ein Erlebnis, welches richtig verarbeitet werden muss, um langfristige negative Auswirkungen zu verhindern.

Die einen Spieler können Rückschläge gut verarbeiten, andere bekunden Mühe. Wie gut schlussendlich ein Spieler damit umgehen kann, hängt von seinen kognitiven Fähigkeiten ab. Dazu zählt auch die Art der Ursachenzuschreibung (Attribution). Diese beinhaltet zwei Dimensionen. Die erste Dimension bildet die Ursachenlokalisation ab. Ereignisse können sowohl der eigenen Person (internal), als auch der Umwelt (external) zugeschrieben werden. Die zweite Dimension bezeichnet die zeitliche Stabilität. Stabile Ereignisse sind überdauernd und lassen sich nur schwer verändern. Variable Ereignisse sind somit von kurzzeitiger Natur und können besser beeinflusst werden. Durch die zwei Dimensionen gibt es nun vier mögliche Attributionsmuster:

internal stabil/varibabel

und

external stabil/variabel.

Im Falle eines Misserfolges sind variable Ursachenzuschreibungen vorteilhafter und erleichtern die Akzeptanz der Entscheidung. Eine mögliche internale und variabele Attribution wäre: „Ich war zum Zeitpunkt der Selektion leicht angeschlagen. Der Bundestrainer braucht unter den harten Bedingungen in Brasilien aber nur topfitte Leute. Ich hätte genauso entschieden!“. Auch eine external und variable Attribution könnte lauten: „Löw kann mich ohnehin nicht leiden. Von der Leistung her, hätte ich dabei sein müssen.“ Oder gemäßigter: “Für das taktische Konzept braucht der Bundestrainer keine Spielertypen wie mich, das war einfach Pech.” Das Gegenteil wäre eine internale und stabile Ursachenzuschreibung, deren Folgewirkungen verheerend sein können. In diesem Falle wird die eigene Fähigkeit und das Talent in Frage gestellt: „Ich bin einfach unfähig. Meine Nationalmannschaftskarriere kann ich abhaken.“

Jeder Mensch attribuiert in bestimmten Situationen auf seine Art und Weise. Es gibt somit auch Sportler die eher unvorteilhafte Schemata präferieren. Es besteht jedoch die Möglichkeit, hilfreiche Attributionsmuster zu erlernen. Sportpsychologische Betreuung kann dazu einen entscheidenden Beitrag leisten, um den Fall in ein Leistungsloch zu verhindern. Zumal die festen Strukturen, in denen die Spieler während der Saisonphase zurückkehren durch die startende Sommerpause der Vereine nur sehr eingeschränkt nutzbar sind. Kevin Volland, Shkodran Mustafi und Marcel Schmelzer müssen mit dem Erlebnis erst einmal allein zurecht kommen.

Aufrufe: 70

Stephan Neigenfink: „Der Traum war aus“

Stephan Neigenfink (Quelle: Fupa.net, Thomas Rinke)

„Das Ticket kam einfach nicht mit der Post“, erinnert sich Stephan Neigenfink. Der Kicker des Fußball-Fünftligisten VfL Halle 96 wollte sich in der vergangenen Sommerpause seinen Traum vom Start einer Profi-Karriere erfüllen. Ein Klub aus Griechenland hatte Interesse angemeldet, das Probetraining verlief top und Verein, Spieler und Berater waren sich einig. Scheinbar. Bis dem ambitionierten Mittelfeldspieler, der schon groß Abschied gefeiert hatte, bewusst wurde, dass kein Brief mit Flugticket mehr kommen würde. Der Deal war geplatzt. Warum, weiß er bis heute nicht. 

 

Sportpsychologen_Elvina09

Für die-sportpsychologen.de berichtet:

 

Elvina Abdullaeva

Zum Profil 

 

Fast jeder Junge hat den Traum, Profifußballer zu werden. Dieser schien sich bei Stephan Neigenfink vom VfL Halle 96 zu bewahrheiten. Der 22-jährige Spieler trainierte dafür jahrelang hart und fleißig und wartete so auf seine Chance, die sich im Sommer 2013 in Form eines konkreten Angebots tatsächlich ergab. Körperlich auf das südeuropäische Klima gut vorbereitet und mit gepackten Koffern musste er erfahren, dass der Transfer in letzter Sekunde nicht zustande kommen sollte. Aus für ihn bis heute nicht bekannten Gründen. „Ich fühlte mich so, als ob ich in ein Loch gefallen wäre“, hat der Spieler zugegeben. „Täglich suchte ich nach Gründen des Scheiterns. Meine kreisenden Gedanken um den geplatzten Transfer ließen mich an meinen eigenen Fähigkeiten zweifeln. Mein jedoch größtes Problem bestand darin, nicht zu wissen, wie es mit mir persönlich und vor allem fußballerisch weiter gehen sollte“.

Enttäuschung, Niedergeschlagenheit und Angst vor dem Ungewissen – so ist die typische aber auch ganz normale Reaktion eines Menschen auf unerwartete negative Lebensereignisse. Im  Sport kann das beispielweise ein großer sportlicher Misserfolg oder eine schwere körperliche Verletzung sein. In diesem Fall braucht der Athlet eine gewisse Zeit, um so einen Vorfall emotional zu verarbeiten und eine Klarheit über die nächsten Schritte im Sport und im Leben allgemein zu finden. Wenn er aber mit seinen Gedanken zu lange in diesem frustrierten und verunsicherten Zustand bleibt, kann sich dies auf seine sportlichen Leistungen negativ auswirken.

So war es auch im Fall von Stephan Neigenfink, der sich nach dem geplatzten Wechsel entschied, wieder bei seinem alten Verein in der fünften Liga zu spielen. Doch in der neuen Saison konnte er sehr lange sein Können auf dem Platz nicht mehr 100-prozentig abrufen. Wegen des plötzlich entstandenen Zweifels an seinen eigenen fußballerischen Fähigkeiten gelang es ihm nicht mehr, so gefährlich wie früher zu agieren. Schlechte Leistungen haben wiederum den Mangel an seinem Selbstbewusstsein nur weiter verstärkt. Das ist ein Teufelskreis, der für das Selbstvertrauen frappierend ist. „Aktionen, die nicht gut waren, haben dazu geführt noch ängstlicher zu spielen, weil ich gedanklich zu oft und viel zu lang an längst vergangenen schlechten Handlungen hängen geblieben bin. Fußball funktioniert nur mit Selbstvertrauen, damals war ich ein Spieler ohne den Glauben an mich selbst. Ich sah keine Lösung“. So kam er zur Idee sich sportpsychologisch beraten zu lassen, um sich aus diesem Loch wieder herauszuholen.

Das Drehbuch – die entscheidende Lösung

Das Anliegen des Spielers war ganz klar: Er wollte sein Selbstvertrauen wieder gewinnen. Das könnte er durch erfolgreiches Spiel wieder aufbauen. Dazu müsste Stephan Neigenfink aber erst aus der Spirale der negativen Gedanken herausfinden. In der Sportpsychologie gibt es mehrere Möglichkeiten, die dem Sportler helfen, mit negativen Gedanken umzugehen. Dabei ist es wichtig, die Umstände zu berücksichtigen. Auf dem Platz müssen Spieler schnell agieren und es bleibt keine Zeit, eigene dysfunktionale Kognitionen zu registrieren und in positive umzuwandeln. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, die negativen Gedanken durch zuversichtliche Handlung zu steuern. Dies bezieht sich auf Embodiment (Storch et. al. 2006), eine wissenschaftlich bewiesene These zur Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche. Mit anderen Worten heißt das, dass einige zuversichtliche Körperzustände und Handlungen zu einer besseren Stimmungslage und Steigerung des Selbstbewusstseins führen können. Basierend darauf wurde Stephan gebeten, sich an seine besten Spiele zu erinnern. Durch Erinnerungen an erfolgreiche Spiele, sein Verhalten und seine Körpersprache aus vergangenen Zeiten wurden ganz präzise Handlungsanweisungen seines selbstbewussten Spiels zusammengestellt. Daraufhin erstellte er sich eine Liste mit seinen persönlichen Handlungszielen. Ein Ziel beispielsweise war, torgefährlich Fußball zu spielen. Dies bedeutete für ihn, in einem Spiel so oft wie möglich torgefährlich zu werden. Ihm blieb daraus resultierend nur eine sehr präzise Aufgabe: In jedem Spiel unabhängig von misslungenen Aktionen die Rolle eines selbstbewussten Fußballers zu spielen (sieh. «Reset-Technik», Beckmann et. al. 2011). Dies ist vergleichbar mit der Rolle eines Schauspielers in einem Film. Seine selbst erarbeiteten Anweisungen stellen dabei eine Art von Szenario dar, so wie in einem Drehbuch. Die haben ihm ganz genau erklärt, wie er sich auf dem Platz benehmen sollte und zusätzlich dabei geholfen sich von den schlechten Aktionen nicht ablenken zu lassen.

Und es hat funktioniert. Schon nach ein paar Trainingseinheiten und Testspielen hat Stephan zugegeben, dass er jetzt  auf dem Platz an nichts anderes außer an seine fußballerischen Aufgaben denkt. Eine regelmäßige Ausübung dieser Technik hat ihn dazu gebracht, dass er seine guten Leistungen wieder zeigen konnte. Diese Technik hat Stephan geholfen aus seinem negativen Gedankenkreis auszubrechen und sein Selbstvertrauen wieder zu gewinnen. Auch seine persönlichen Erfolgserlebnisse (Tore), positive Rückmeldung des Trainerstabs und der Mannschaft haben nicht lange auf sich warten lassen.

Der Spieler selbst bewertet diese Zusammenarbeit als sehr wirkungsvoll. Das spiegelt sich in der Nachhaltigkeit sowie in der Stabilität seiner Leistung wieder: „Durch mein eigenes Drehbuch im Zusammenhang mit neu gewonnenen Erfahrungen entstand wieder Selbstvertrauen und der Glaube an mich selbst. Diese Erkenntnisse haben meinen Ehrgeiz größer werden lassen. So komisch es auch klingen mag, nun kann ich härter und fleißiger trainieren, so dass ich diesen Weg definitiv genau so weiter gehen werde.“

 

Literatur

Beckmann J., Elbe A.-M. (2011). Praxis der Sportpsychologie.Mentales Training im Wettkampf- und Leistungssport. Aufl. (2),Balingen: Spitta

Storch, M., Cantieni, B., Hüther, G. Tschacher, W. (2006). Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche versehen und nutzen. Bern: Huber

 

Foto

Stephan Neigenfink (Quelle: Fupa.net, Thomas Rinke)

Aufrufe: 494

Prof. Dr. Oliver Stoll: Bin ich sportsüchtig?

Prof. Dr. Oliver Stoll

Sicher haben sie in den vergangenen Wochen den Teufel an irgendeiner Wand geschrieben gesehen: Sportsucht. Denn in Folge einer Studie machten sich zahlreiche Massenmedien an Interpretationen, die jeden Sportbegeisterten den Angstschweiß auf die Stirn hätten zaubern müssen. Aber räumen wir mit dem Phänomen mal auf.

Zum Thema: Hype, Charakteristika und Urachen der Sportsucht

Es scheint diese Sportler tatsächlich zu geben. Ich spreche von Menschen, die Bewegung nicht nur tagtäglich brauchen, sondern sogar darunter leiden, wenn sie sich nicht bewegen können.  Sportsucht ist ein Phänomen, das wissenschaftlich noch nicht wirklich gut untersucht ist.  Der Begriff existiert auch nicht in den klassischen Diagnose-Manualen (ICD oder DSMM) , die Ärzte und Psychotherapeuten nutzen, um eine Krankheit zu diagnostizieren. Aber dennoch scheint es so etwas wie Sportsucht zu geben.  Diese Störung tritt jedoch weitaus weniger häufig auf, als dies uns Massenmedien zu vermitteln versuchen. Gerade in der jüngeren Vergangenheit häuften sich immer wieder Artikel zu diesem Phänomen in der Regenbogenpresse. Ein kürzlich publizierter Artikel (Ziemainz et al., 2013) geht von einer Prävalenz von 3 bis 4% aus. Da in dieser Studie ein Fragebogeninstrument zu Datenerfassung  genutzt wurde, handelte es sich also auch erst einmal nur um ein sehr grobes „Screening“. Um eine Sportsucht wirklich sicher diagnostizieren zu können, müsste auf dieses erste Fragebogen-Screening ein diagnostisches, klinisches Interview erfolgen. Somit ist davon auszugehen, dass – basierend auf  den Daten der o.a. Studie – die Prävalenz an einer Sportsucht zu erkranken unter  1% liegt. In diesem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen, dass es zwei verschiedene Formen von Sportsucht gibt. Die sogenannte primäre Sportsucht ist das, worüber wir hier sprechen. Bei der sekundären Sportsucht liegt eine exzessiv durchgeführte, auch tägliche, körperliche Aktivität vor, die jedoch vorrangig das Ziel hat, Kalorien zu verbrennen, da dies bei einer vorliegenden Ess-Störung  eine die Krankheit unterstützende Maßnahme ist.

Das Krankheitsbild

Worüber sprechen wir? Bei einer (primären) Sportsuchterkrankung müssen – ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen – spezifische Kriterien vorliegen.  Die betroffenen Personen benötigen so etwas wie eine „Dosis-Steigerung“, um möglichen Entzugserscheinungen zu entgehen, dass heißt dann auch, dass Entzugserscheinungen vorliegen müssen, wenn die betroffenen Personen an der Ausübung von Sport gehindert werden.  Ihre gesamte Aufmerksamkeit, ihr Denken und ihre Handlungen sind vollständig auf  die Umsetzung der sportlichen Aktivität gerichtet. Das geht so weit, dass das Berufsleben beeinträchtigt wird und auch soziale Kontakte leiden (Soziale Isolation). Nicht selten kommt es zu massiven Problemen im Familienleben.  Ein sehr problematischer Aspekt betrifft die Tatsache, dass sportsüchtige Personen auch trainieren wenn sie verletzt oder krank sind. Dies kann bekanntermaßen (z.B. bei einer vorliegenden Myokarditis) bis zum plötzlichen Herztod führen. Keinesfalls ist dieses Phänomen jedoch mit  „Sportleidenschaft“ zu verwechseln. Gerade in Ausdauersportarten sind bei ambitionierten Athleten hohe Trainingsumfänge normal. Im Unterschied zu sportsüchtigen Athleten wird hier jedoch systematisch und zielgerichtet trainiert, Ruhetagen werden eingehalten und die Leistungsoptimierung steht im Vordergrund.  Sportsüchtige Personen trainieren nicht. Sie laufen einfach nur, angetrieben durch einen „inneren Impuls“, der jederzeit auftreten kann.  Man findet sportsüchtige Athleten im Übrigen auch nicht vorn in den Ergebnislisten, denn sie trainieren ja nicht. Manchmal geraten sie sogar in Übertrainingszustände, die bekanntermaßen alles andere als leistungsfördernd sind. Dennoch nehmen sie mitunter auch an Wettkämpfen teil. Dies tun sie jedoch im Wesentlichen nur, weil sie ein Alibi benötigen, warum sie so viel trainieren, denn eine Suchterkrankung – und sei es auch nur eine solche Sportsuchterkrankung – ist sozial durchaus nicht positiv besetzt. Die betroffenen Personen schämen sich durchaus auch dafür, wenn dieses Verhalten aufgedeckt wird.

Unerforschte Ursachen

Was sind die Gründe für die Entwicklung dieser Suchtform? Darüber wissen wir noch nicht viel. Alles, was hierzu publiziert ist, bleibt spekulativ. Es gibt Ansätze, die davon ausgehen, dass die betroffenen Personen mit der Ausübung ihres Sports etwas anderes – als z.B. ein Problem – innerpsychisch zu kompensieren versuchen. Es gibt Erklärungsversuche, die davon ausgehen, dass es insbesondere in die positiven Verstärker sind, die mit dem Sport treiben verbunden sind (Gewichtsabnahme, Körperbild, Selbstwert). Andere eher biologische basierte Erklärungsversuche neigen dazu, spezifische  Prozesse in bestimmten Arealen (Neurotransmitter, Botenstoffe) für die Ausprägung dieser Sucht verantwortlich zu machen.  Die Erforschung der Wirkmechanismen wird sicherlich die zukünftige sportpsychologische Forschung maßgeblich bestimmen.

Sollten ihr Angstschweiß nun nicht verschwunden sein, holen sie sich Hilfe. Gern stehe ich für den Erstkontakt und Weitervermittlung zur Verfügung.

 

Quellen:

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

Schipfer, M. & Stoll, O. (2011). Laufleidenschaft oder Laufsucht? Erste Ergebnise zur Validierung eines Screening-Instruments. . In K. Hottenrott, O. Stoll & R. Wollny (Hrsg.), Kreativität – Innovation – Leistung. Wissenschaft bewegt Sport bewegt Wissenschaft (S. 96). Hamburg: Czwalina.

Ziemainz, H., Stoll, O., Drecher, A,, Erath, R., Schipfer, M. & Zeulner, B. (2013). Die Gefährdung zur Sportsucht in Ausdauersportarten. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 64 (2), 57-64

Internet: http://www.mdr.de/exakt/die-story/video153280.html

Aufrufe: 2096

Katharina Petereit: Ich bin der Beste hier

Katharina Petereit

„Arroganz bedeutet so viel wie Anmaßung, Überheblichkeit oder Hochmut“ (Meyer, 2011). Ein arroganter Sportler schätzt sich selbst besser ein, möchte sich von den anderen abheben und versucht, sich auf eine höhere Stufe zu stellen. Wie vielleicht bereits einige von Ihnen selbst miterlebt haben, kann ein solches Verhalten zur sozialen Distanz bis hin zu Konflikten führen. Im Sport gibt es auch eine Art positiver Arroganz – das selbstbewusste und selbstsichere Auftreten eines Sportlers, einer Mannschaft, eines Trainers.

Zum Thema: Wie die Konstruktion von Idealbildern funktionales Handeln fördert

In meiner praktischen Arbeit habe ich einen jugendlichen Fußballer kennengelernt, den alle Mannschaftskollegen für arrogant halten. Er ist in meinen Augen ein großes Talent und wird immer wieder in seiner Leistung und seinem Verhalten bestätigt. Auch wenn seine Mannschaftskollegen ihn als arrogant empfinden, gibt es bisher keine ernsten Konflikte zwischen den Spielern und ihm. Allerdings befindet sich der Spieler selbst in einem Zwiespalt. Er weiß, dass er im Training motivierter und disziplinierter sein müsste, kann es aber bisher nicht wirklich ändern, da ihm der Grund noch nicht klar ist – er ist schließlich der Beste der Mannschaft.

Hochmut kommt vor dem Fall

Dieses Sprichwort kennen wir wohl alle – und es bewahrheitet sich (leider) sehr häufig. In einem solchen Fall wie oben beschrieben, ist es sinnvoll, dem Spieler aufzuzeigen, welche Anforderungen an einen Profifußballer gestellt werden, denn das ist sein größtes Ziel. Hierfür kann auf die Ausbildungskonzeption des DFB zurückgegriffen werden, in der auf die Ausbildungsziele, die Inhaltsbausteine und die Leitlinien für Trainer eingegangen wird. Eines der Leitmotive des DFB ist die Persönlichkeitsförderung, die fünf Punkte umfasst. Im dritten Punkt werden verschiedene Eigenschaften aufgelistet. Hier stellen neben dem Selbstbewusstsein die Selbstkritik, die Motivation und der Leistungswillen eine wichtige Rolle dar. Um zurück zum aufgeführten Beispiel zu kommen – es fehlt dem Spieler nicht an Selbstbewusstsein, jedoch besonders an Selbstkritik und der Motivation im Training.

Aus meiner Erfahrung heraus wird das Thema Arroganz wenig angesprochen und erst recht nicht besprochen. Es kommt mir häufig so vor, als dass Trainer einfach froh sind, einen selbstbewussten Athleten zu trainieren, der keine Angst vor Fehlern hat, sondern Mut und Willensstärke zeigt.

Klärung der Rolle und des Idealbilds

Als Sportpsychologin sehe ich mich allerdings in der Position, dieses Thema so früh wie möglich anzusprechen, um den Athleten auf negative Ereignisse und mögliche Misserfolge vorzubereiten. An dieser Stelle versuche ich, dem Sportler durch Gespräche und auf Basis der DFB Leitmotive die Anforderungen an seine Rolle klar zu machen und ihm die möglichen Konsequenzen aufzuzeigen. Des Weiteren sehe ich es als sinnvoll an, ihm selbst die Möglichkeit zu geben, sein Idealbild zu beschreiben, um dieses mit dem aktuellen vergleichen zu können. Regelmäßige Wiederholungen dieses Vorgangs werden zur hilfreichen Instanz für den Athleten. Diese Methode kann den Spieler dabei unterstützen, seine Handlungen zu reflektieren, mögliche Kritik anzunehmen und sich immer wieder vor Augen zu führen, welchen Anforderungen und Herausforderungen er sich in seiner weiteren Fußball-Karriere noch stellen muss.

 

Weiterführende Literatur:

Meyer, Z. (2011). Sportpsychologie. Die 100 Prinzipien. München: Copress Verlag.

Niersbach, W. & Sammer, M. (o.A.). „Der weite Weg zum Erfolg.” Ausbildungskonzeption des DFB. Zugriff am 27. Mai 2014 unter http://www.dfb.de/uploads/media/dfb_rtk_flyer_A4_quer_01.pdf

Aufrufe: 376

Philippe Müller: Nervosität ist kontrollierbar

Die Nervosität hat schon manchen Sportlern/innen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Sportpsychologie bietet jedoch gute Rezepte, die Auswirkung der Nervosität zu senken.

Zum Thema: Welche Punkte bei der Wettkampfvorbereitung sollten beachten werden?

Werden Trainer nach typischen Problemen von Athleten/innen gefragt, wird häufig die Nervosität angesprochen. Wer kennt dieses Empfinden vor einem Wettkampf nicht: Dieses laue Gefühl im Magen, ja fast schon zur Übelkeit neigend. Gedanken, die sich im Kopf immer wieder winden. Schlechte Träume und unruhiger Schlaf in der Nacht vor dem Wettkampf. Zitternde Hände und Knie direkt vor dem Start.

Von Nervosität vor einem wichtigen Wettkampftag sind wir Sportler/innen alle betroffen. Die einen können mit ihr gut umgehen. Was ist aber mit jenen, die darunter leiden und nicht wissen, wie damit fertig zu werden ist? Wie viel Nervosität ist „normal“ und darf vorhanden sein?

Jede/r Sportler/in verfügt über eine individuelle Stresstoleranz und einen optimalen Erregungszustand. Somit kann auch nicht gesagt werden, wie viel Nervosität „normal“ ist. Dennoch lässt sich eine Trennung vornehmen. Leidet die sportliche Leistung darunter, sprich: es kommt deswegen zu einer Leistungsminderung, besteht Bedarf zum Handeln.

Im Folgenden sollen ein paar kurze Tipps für die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) gegeben werden. Es empfiehlt sich allerdings, mit einem Sportpsychologen einen individuellen Ablaufplan zu entwickeln. Dabei können unter anderem folgende Themen bearbeitet werden:

Ziele bestimmen: Als erstes sollte sich jede/r Sportler/in die Frage nach den Zielen stellen. Welche Ziele habe ich für den Wettkampf? Die Ziele sollten nicht nur ergebnisorientiert (Platz 1, Top 10, usw.) sein, sondern auch Handlungsziele (meinen Aufschlag technisch perfekt durchführen, nach einem Pass sofort wieder freilaufen, usw.) beinhalten. Die Zielbestimmung dient einerseits dazu, den Fokus auf die Aufgabe zu lenken und wirkt somit antreibend. Anderseits kann das Ziel als Handlungskontrolle verwendet werden.

Selbstvertrauen stärken: Ist einem bewusst, was erreicht werden will (die Ziele müssen realistisch sein), ist zu überlegen, welche Ressourcen für die Zielerreichung vorhanden sind. Dafür sollen alle Stärken aufgeschrieben werden. Sowohl eigene Stärken (meine Technik ist ausgereift, ich bin in guter konditioneller Verfassung, usw.) als auch Umfeldstärken (ich habe sehr gutes Material, mein/e Trainer/in hat mich taktisch gut auf das Spiel vorbereitet und steht unterstützend zur Seite, usw.) zählen dazu. Durch diese Maßnahmen wird das Selbstvertrauen gestärkt.

Sicherheit gewinnen: Wettkämpfe laufen selten genau so ab, wie es geplant und erwünscht wurde. Zu viele Faktoren (Wetter, Gegnerverhalten, Schiedsrichter, Kurssetzung, usw.) können einen Einfluss haben. Indem sich der/die Athlet/in mit diesen Faktoren auseinandersetzt und Lösungen für allfällige Probleme erstellt, können deren Auswirkungen auf die eigene Leistung vermindert werden.

Optimalen Leistungszustand finden: Wie bereits erwähnt, hat jeder Mensch seinen optimalen Erregungszustand. Suchen sie als Athlet durch Testen ihren eigenen optimalen Bereich. Zur Regulation empfehlen sich zum Beispiel Atemübungen. Konzentrieren sie sich dazu lediglich auf die Atmung. Atmen sie tief bis in ihren Bauch ein, halten die Luft für 2 bis 3 Sekunden an und atmen anschließend langsam wieder aus. Achten sie darauf, dass ein gewisses Maß an Anspannung vorhanden sein muss. In einem ganz entspannten Zustand sind Höchstleistungen eher selten zu erbringen.

Die beschriebenen Tipps helfen Athleten, sich optimal auf einen Wettkampf vorzubereiten. Es ist nicht ausreichend, dass lediglich ein Trainingsplan erstellt wird. Es bedingt auch, dass dieser fortwährend trainiert wird. Ebenfalls gehört eine Überprüfung der Abläufe von Zeit zu Zeit dazu, den Prozess zu optimieren. Wie beim Techniktraining gilt auch hier: Übung macht den Meister.

Aufrufe: 1376

Sebastian Reinold: Vom Ende der Trainerfloskeln

Sebastian Reinold

Jeder kennt sie. Keiner weiß genau, was sie bedeuten sollen. Und zielführend sind sie schon einmal gar nicht. Die Rede ist von Trainerfloskel, wie „Heute treten wir als Mannschaft auf“ oder „Aus Fehlern kann man lernen“. Warum es sich lohnt, auf Worthülsen zu verzichten und stattdessen auf gezielte Information zu setzen, wird im folgenden Beitrag angerissen.

Zum Thema: Wie muss ich Anweisungen formulieren, damit sie zum gewünschten Ziel führen?

Gerade Jugendliche, die noch nicht so viel sportliche Erfahrung haben, müssten bei Floskeln lautstark protestieren. Denn tatsächlich steckt in diesen Aussagen so viel Information wie Milch in Kinderschokolade. Trainer möchten in der Regel, dass ihren Anweisungen gefolgt wird. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn die Aussagen klar formuliert werden und keinen Spielraum für Interpretationen freilassen. Jede Aussage des Trainers soll zur einer konkreten Handlung führen. Es fällt tatsächlich schwer, eine Aussage wie „der Sieg fängt im Kopf an“ so zu formulieren, dass sie zur einer echten Handlungsanweisung wird. Deswegen sollte man sich als Trainer sehr gute Gedanken machen, was man sagen will und dies so präzise wie möglich ausdrücken. Alles andere ist nur überflüssiges Gerede, dass den Athleten von dem ablenkt, was er tatsächlich tun muss. Deswegen lassen Sie in Zukunft Floskel weg. Manchmal ist weniger oft mehr. Sagen sie nur das, was wirklich wichtig ist und vom dem sie glauben, dass diese Information den Athleten zu einem angemessenerem Verhalten bringen kann.

Gute Anweisungen zu benutzen, ist eine Sache der Übung. Deswegen achten Sie schon im Training darauf, was sie sagen und welche Reaktionen seitens ihres Athleten kommen. Ein weiterer Tipp wäre es, den Athleten zu fragen, wie das Gesagte verstanden wurde. Denn selbst die beste Traineranweisung, die von Athlet A verstanden wird, kann von Athlet B anders verstanden werden. So überprüfen Sie ohne großen Aufwand die Qualität Ihrer Aussage und können somit auch den Fortschritt beim Üben beobachten. In dem Sinne: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Aufrufe: 326

Katharina Petereit: Ziele machen Sinn

Katharina Petereit

Der authentische Dokumentarfilm „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ aus dem Jahr 2011 zeigt das Leben und die Karriere des Profifußballers Thomas Broich. Dieser ließ nach fast zehn Jahren seine Bundesliga-Karriere hinter sich und wechselte in die australische Profi-Liga. Zwar hat er seine Laufbahn damit nicht beendet, entschied sich aber für einen alternativen Weg, um seinen Sport weiterhin mit Spaß ausüben und Sinn empfinden zu können.

Thema: Wie Ziele helfen, die eigene Handlung zu leiten

In meiner Arbeit als Sportpsychologin habe ich eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht: Ich lernte einen Charakter kennen, der mich seit dem ersten Gespräch an den Fall von Thomas Broich erinnert. Er fällt aus dem Rahmen, hat mal Spaß am Fußball – mal nicht, das sei tagesabhängig, sagt er. Sein Trainer fordert mehr Willensstärke und möchte sehen, dass er an sein Limit geht. Doch das schafft er nicht, dafür ist ihm nicht klar genug, warum er Fußball spielt und wofür. Er möchte nicht aufhören, aber Profi-Fußballer muss er auch nicht unbedingt werden. Er glaubt nicht an sich, zweifelt häufig an seinen Fähigkeiten und hat momentan kein richtiges Ziel, welches er mit dem Fußball verfolgt.

Aus sportpsychologischer Perspektive bietet sich als Methode das Zielsetzungstraining an. Das Setzen von Zielen ist eine der “wesentlichen motivationalen Techniken” (Beckmann & Elbe, 2008). Ein Ziel dient der Orientierung, es sollte klar definiert sein und einen hohen, aber realistischen Anspruch stellen. Die positive Wirkung durch das Setzen von Zielen ist unumstritten. “Locke und Latham (1990) fanden bei einer Durchsicht von 201 Studien mit mehr als 40000 Teilnehmern zu 91% einen Erfolg durch das Setzen von schweren, spezifischen Zielen” (Beckmann & Elbe, 2008).

Beim Zielsetzungstraining wird zwischen drei Zielformen unterschieden, welche unterschiedliche Funktionen erfüllen:

1. Ergebnisziele beschreiben zum Beispiel eine Platzierung am Ende eines Wettkampfes und erfüllen den Zweck, die Motivation über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten.

2. Leistungsziele beschreiben den Vergleich mit eigenen vorhergegangen Leistungen. Sie weisen auf Fortschritte hin und steigern so das Selbstvertrauen.

3. Prozessziele beschreiben wie Fertigkeiten oder Bewegungen ausgeführt werden sollen, dabei wird die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche gerichtet und störende Gedanken in den Hintergrund gestellt.

“Ein erfolgreiches Zielsetzungsprogramm beinhaltet demnach die Planung verschiedener Ziele und eine Festlegung auf diese, das Entwickeln von Zielerreichungsstrategien und die Ausführung derselben, die Bewertung und Zielerreichung als fortlaufender Prozess für kurz-, mittel- und langfristige Ziele” (Beckmann & Elbe, 2008).

In meinem konkreten Fallbeispiel konzentriere ich mich zunächst auf Leistungsziele. Hier genügt der positiv akzentuierte Vergleich mit zurückliegenden und aktuellen Saisonleistungen, insbesondere in Bezug auf die Entwicklung der fußballspezifischen Fertigkeiten. Auf dieser Basis unterstütze ich den Fußballspieler bei der Formulierung individueller Ergebnis- und Prozessziele, so dass er den Sinn seines Handelns neu definieren kann.

Vielleicht schaue ich mit ihm den Film „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ …

 

 

Weiterführende Literatur:

Beckmann, J. & Elbe, A. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta.

Aufrufe: 6917