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Jürgen Walter: Macht Sportpsychologie den Unterschied?

Dass sportpsychologische Aspekte Einfluss auf das Endergebnis eines Fußballspiels haben, ist mittlerweile unter Experten weitgehend unumstritten. Und wer Mathias Sammer erst kürzlich auf der SPOBIS in Düsseldorf aufmerksam zugehört hat, der hat von einem Topexperten bestätigt bekommen, wie wichtig die Psychologie für den Fußball ist.

Zum Thema: Wie Werder Bremen von seiner Vorreiterrolle profitiert

Schaut man auf die Trainerausbildung, die jeder Bundesligatrainer absolviert haben muss, um als solcher arbeiten zu dürfen, zeigt sich, dass ein Viertel der Ausbildung aus psychologischen Inhalten besteht. Hört man solche Zahlen, dürfen wir uns wundern, dass momentan tatsächlich nur drei Vereine der 1. Bundesliga – Werder Bremen, die TSG Hoffenheim und RB Leipzig – offiziell mit einem Sportpsychologen zusammenarbeiten.

Im Fußball sind weiterhin viele Entscheider unterwegs, die der Wichtigkeit von Psychologie keinen oder eher einen unbedeutenden Einfluss zuschreiben. Dabei gibt es immer wieder Momente, die auch Hardliner zumindest zum Nachdenken anregen könnten: Nehmen wir das Pokal-Achtelfinale im Februar 2019 zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen. Wieviel Prozent Sportpsychologie im Spiel letztlich ausschlaggebend für den Erfolg von Werder Bremen oder welche anderen Faktoren für den Sieg im Elfmeterschießen entscheidend waren, wird sich nie eindeutig klären lassen. Aber sind wir mal ehrlich: Wann ist das letzte Mal eine Mannschaft auswärts vor über 80.000 Fans in der Verlängerung zweimal nach einem Rückstand zurückgekommen? Der Sieg der Dortmunder schien zweimal sicher zu sein. Ein Zurückkommen wie Bremen es geschafft hat, setzte dann auch Energiereserven frei, die den Unterschied im Elfmeterschießen ausgemacht haben könnten. Und: Das Fell des Bären wird erst verteilt, wenn er tot ist! Und der Rest ist Handwerk…

Mehr Infos zu Jürgen Walter: https://www.die-sportpsychologen.de/juergen-walter/

Mental stark sind offenbar nicht alle Profis

Keiner weiß, was den ersten beiden Schützen von Borussia Dortmund beim Elfmeterschießen durch den Kopf gegangen ist, es ist aber davon auszugehen, dass sie im Training – ohne Druck – Elfmeter verwandeln. Hier zeigt sich, dass der Mensch keine Maschine ist und selbst Profi-Sportler nicht unbedingt mental austrainiert sind. Denn „mental stark“ bedeutet, dass das, was im Training klappt, auch klappt, wenn es darauf ankommt. Auch nach 120 Minuten. Auch mit schweren, vielleicht krampfenden Beinen. Auch mit der Angst, an einem möglichen Ausscheiden mitbeteiligt zu sein…

Demgegenüber lieferten die Bremer auch aus sportpsychologischer Perspektive ein nahezu perfektes Elfmeterschießen ab. Aus der Außenperspektive ließ sich beobachten, dass jeder Werderaner einen klaren Plan im Kopf zu haben schien. Gefreut hat das Finale Furioso in einem packenden Pokalspiel auch Prof. Andreas Marlovits, den die ARD-Kameras einige Male im Innenraum einfingen, wie er als Teil des Betreuerstabs den Erfolg feierte. 

Nicht messbare Faktoren

Selbstverständlich ist eine sportpsychologische Betreuung im Fußball aber dennoch nicht. Klar, einige Vereine haben Experten in ihrem Trainerstab und bei manchen Klubs wird sicher auch im Verborgenen mit Kollegen und Kolleginnen zusammengearbeitet. Aber so lange wie hervorragende Trainerpersönlichkeiten wie Bayern Münchens Niko Kovac öffentlich zweifelt, dass sich der Druck eines Elfmeterschießens trainieren lässt, wird deutlich, wie viele Erfahrungswerte noch geschaffen werden müssen.

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Zurück nach Dortmund: Die BVB-Spieler werden die Niederlage gegen Werder Bremen schnell aus Ihren Köpfen verbannen müssen, denn im weiteren Verlauf der Bundesligasaison werden sie mit Sicherheit noch mehrfach mentale Stärke unter Beweis stellen müssen, um die Saison erfolgreich zu beenden. Und das bedeutet angesichts der derzeitigen Tabellensituation, nichts anderes als Deutscher Meister in der Saison 2018/19 zu werden. Eine große Portion Druck, bei dessen Umgang auch die Sportpsychologie helfen kann. BVB-Berater Sammer ließ beim SpoBis durchblicken, dass er längst „nicht messbare Faktoren“ in den Fokus genommen habe.

Mehr Zum Thema:

Wer sich über das Sportpsychologie und Mentaltraining informieren will, dem empfehlen wir Jürgen Walters Film „Alles geschieht im Kopf“. Der Film u.a. mit Auftritten von Mats Hummels, der mehrfach vom BR im deutschen Fernsehen lief, ist in der ARD-Mediathek zu finden: Link

Hier gibt es den Trailer:

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https://www.youtube.com/watch?v=5B04TrGd-to&list=PLkthZO7uIDTssagZWd8TYLf_EtWZzkANx

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Christian Hoverath: Wald- und Wiesenlauf oder Stadtmarathon?

Neulich wurde ich gefragt, ob es eigentlich aus sportpsychologischer Sicht einen Hinweis darauf gibt, lieber eine Wald- und Wiesenveranstaltung oder einen großen Stadtmarathon zu wählen? Dabei ging es dem Fragenden vor allem darum, die eigene Bestzeit unterbieten zu wollen. Natürlich gibt es individuelle Vorlieben, aber die sportpsychologische Forschung bietet durchaus ein paar grundsätzliche Hinweise an.

Zum Thema: Sportliche Leistung unter Einfluss von Zuschauern

Mehr zu Christian Hoverath: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

Einen möglichen Anhaltspunkt bietet der sogenannte audience effect. Dieser besagt, dass sich das Verhalten einer Person verändert, wenn sie beobachtet wird oder dieses denkt (Triplett, 1898).  Eine in verschiedenen Ausprägungen wiederkehrende Erklärung für diesen Effekt liefert die Überlegung, dass Menschen in den Augen anderer positiv wahrgenommen und als gut in dem erkannt werden wollen, was sie tun (Hamilton & Lind, 2016). 

Ein Argument für die Wahl einer Veranstaltung mit Zuschauern wird von Rhea und Kollegen (2003) geliefert. Sie ließen Teilnehmer in einem entspannten Gruppensetting, im Wettbewerb gegen andere oder vor Zuschauern Bankdrücken absolvieren. Die Teilnehmer, die beobachtet wurden, konnten signifikant mehr Gewicht drücken als die anderen Teilnehmer der Untersuchung.

Häufigkeit von Anfeuerungen als Faktor

Zurück zur Ausgangsfrage: Sollte es nun eine Veranstaltung sein, bei der immer mal wieder Menschen am Rand stehen oder sollte die Strecke durchweg gesäumt sein? Untersuchungen auf einem Laufband wollten ergründen, ob die Häufigkeit des Anfeuerns eine Wirkung hat. In dieser Untersuchung wurden die Läufer dabei entweder alle drei Minuten, jede Minute, alle 20 Sekunden oder gar nicht angefeuert. Keinen Unterschied machte es, ob Anfeuerungen alle drei Minuten passierten oder die Umgebung still war. Die Läufer zeigten jedoch eine bessere Leistung, wenn sie minütlich unterstützt wurden. Am besten war die Leistung bei Zurufen im Abstand von 20 Sekunden. Zusätzlich wurden Laktatwerte gemessen und es zeigte sich, dass die Teilnehmer in der Gruppe mit den Anfeuerungen alle 20 Sekunden mit den höchsten Laktatwerten aller Teilnehmer aufwarten konnten. Dies spricht dafür, dass die Zurufe dazu führten, dass die Teilnehmer stärker versuchten, an ihr Limit zu kommen als die Teilnehmer der anderen Experimentalgruppen.

Es scheint also, als wäre eine Veranstaltung zu empfehlen, bei der möglichst viele Leute an der Strecke stehen, bei der also viel los ist. Aber schauen wir noch etwas tiefer auf Forschungsergebnisse: Was würden Blanchfield und seine Gruppe (2014) sagen, nachdem sie Probanden auf Ergometern unter verschiedenen Bedingungen bis zur Ermüdung fahren ließen? Einmal zeigten sie ihren Teilnehmern subliminal fröhliche und traurige Gesichter und untersuchten die Wirkung. Es zeigte sich, dass Probanden, die fröhlichen Gesichtern zugeordnet wurden, signifikant länger durchhielten. Interessanterweise lag dies darin begründet, dass diese Gesichter die Stimmung der Teilnehmer aufhellten und somit die wahrgenommene Belastung reduzierten. 

Entscheidungshilfe

Sind alle anderen Variablen gleich, dann wird der Läufer auf einer Strecke mit vielen enthusiastischen Zuschauern voraussichtlich besser abschneiden als bei der kleinen Veranstaltung über Felder und Wiesen. Unter anderem liegt diesem der audience effect zu Grunde, der sowohl über die Motivation wirkt als auch über die Wahrnehmung des Läufers, das es gar nicht so hart ist. 

Die Entscheidung muss aber jeder Sportler für sich allein treffen. Gern natürlich mit Unterstützung der Sportpsychologie. Meine Kollegen (zu den Profilen) und ich (zum Profil von Christian Hoverath) sind gern bereit, nicht nur bei der Saisonplanung, sondern auch bei der gezielten Vorbereitung auf Events zu helfen.

Mehr zum Thema:

Literatur

Andreacci, J.L., LeMura, L.M., Cohen, S.L., Urbansky, E.A., Chelland, S.A. & von Duvillard, S.P. (2002). The effects of frequency of encouragement and performance during maximal exercise testing. Journal of sports science 20(4): 345-352.

Blanchfield, A., Hardy, J. & Marcora, S. (2014). Non-concious visual cues related to affect and action alter perception of effort and endurance performance. Frontiers in Human Neuroscience.  

Hamilton, A. & Lind, F. (2016). Audience effects: What can they tell us about social neuroscience, theory of mind and autism? Culture and brain 4: 159-177. doi: 10.1007/s40167-016-0044-5.

Rhea, M. D., Landers, D. M., Alpha, B. A. Und Arendt, S. M. The effects of competition and the presence of an audience on weightlifting performance. Turn off strength and conditioning research 17 (2):303-306. 

Triplett N. (1898). The dynamogenic factors in pacemaking and competition. The American Journal of Psychology 9(4):507–533. doi: 10.2307/1412188.

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Johannes Wunder: „Spitzensportler sind keine Vorbilder!“

Es ist wichtig, sich sein Leben lang zu entfalten”, sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer im Deutschlandfunk-Sportgespräch. Doch dies sei im Leistungssport nicht möglich. Menschen, die sich in Deutschland für eine Sportkarriere entscheiden, gingen ein extremes Risiko ein.

Zum Thema: Entwicklung im Spitzensport

Gerne höre ich mir auf langen Autofahrten Podcasts wie das Sportgespräch vom Deutschlandfunk an. Zuletzt ging es in einer Sendung mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer um Problematiken in der Sportförderung und auch ethische Missstände. Nachfolgend werde ich zu einzelnen Thesen und Themenblöcken aus sportpsychologischer Sicht Stellung nehmen.

Zum Podcast „DLF Sportgespräch“: https://www.deutschlandfunk.de/dlf-sportgespraech-spitzensportler-sind-keine-vorbilder.892.de.html?dram:article_id=437096

„Die Spitzensportförderung ist nicht überzeugend!“

Gunter Gebauer kritisiert im entsprechenden Interview scharf, wie in Deutschland die Förderung von Spitzensportlern gehandhabt wird. „Man bringt junge Leute dazu, Spitzensport zu treiben […] und am Ende einer Sportkarriere stellt sich immer die Frage, ´Was macht man jetzt?´.“ Es ist meiner Meinung nach relativ einfach zu erklären: Sportler, die sich entscheiden, Spitzensport zu betreiben, haben laut einer aktuellen Studie der Deutschen Sporthochschule Köln (Link unten) einen durchschnittlichen Workload von 32 Stunden pro Woche, der nur für die Ausübung des Sports verwendet wird. Hinzu kommt, dass eine „optimal“ verlaufende Karriere einige Jahre andauert und diese Zeit nahezu ausschließlich für die Leistungsentwicklung, weniger für eine berufliche Ausbildung und schon gar nicht für die eigene Berufspraxis Abseits des Sports genutzt werden kann. Gebauer ordnet ein: .„Wenn Sportler bis 30, 32 Sport gemacht haben, dann heißt es, sie haben in der Zeit nun wirklich nicht die Möglichkeit, ihre Berufskarriere voranzutreiben.“

Der Sportphilosoph beobachte, dass vor allem hochbegabte Sportler den Spitzensport verlassen, da sie ihre Ressourcen eben auch in eine Berufskarriere mit langfristiger Perspektive investieren können. Laut Gebauer sehen wir in den Sommersportarten vor allem Sportler mit familiären akademischen Hintergrund. Im Wintersport gibt es auch viele Sportler, die eine Förderung von Polizei oder Bundeswehr „genießen“. Aus meiner eigenen Zeit als aktiver Skirennläufer weiß ich, wie viel finanziellen Input es bedarf, bis eine Unterstützung der Verbände greift. Oftmals erst mit entsprechendem Kaderstatus, der aber rein wirtschaftlich nur durch massive Investitionen vorab erreicht werden kann. Doch was passiert mit den Sportlern nach ihrer Karriere? Die Förderung erlischt und ehemalige Weltmeister und Olympiasieger können aufgrund fehlender Berufsjahre im gelernten Beruf keine oder nur noch eine überschaubare Karriere machen.

„Spitzensportler sind keine Vorbilder!“

Aus diesem Grund – und damit komme ich zur Überschrift zurück – können laut Gebauer Spitzensportler keine Vorbilder sein. Er hat in meinen Augen recht, wenn er sagt, dass Top-Athleten sehr wohl als Modelle für konzentriertes und fokussiertes Arbeiten und eisernes Verfolgen eines Ziels herangezogen werden können. Aber Vorbilder in Sachen „Lebensführung“ können sie kaum sein. „Und wenn man der Meinung ist, sie sind Vorbilder unserer Jugend, kommt man auf den Gedanken, dass dieses Vorbild auch von sich aus frei fliegen kann, wenn es alleine gelassen wird“, so der Sportphilosoph weiter. Das sei aber in der aktuellen Situation des Spitzensports in Deutschland nicht der Fall.

Als Teil dieses Systems frage ich mich, wie ein Vorbild definiert werden sollte? Der Duden beschreibt „Vorbild“ als eine Person oder Sache, die als [idealisiertes] Muster, als Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet. Sicherlich können auch Spitzensportler Vorbilder sein, aber in anderen Kategorien, zum Beispiel:

  • Menschlichkeit
  • soziales Engagement
  • Umgang mit Fehlern
  • etc.
Mehr zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Rolle von Trainern, Betreuern und Sportpsychologen

Aber wie sollen wir Coaches, Betreuer oder Sportpsychologen mit der übergeordneten Frage umgehen: Sollen wir unseren Schützlingen weiter ruhigen Gewissens vermitteln, dass sie es bis nach oben schaffen können? Ist dieser Werdegang erstrebenswert und ist es überhaupt ethisch vertretbar, trotz besserem Wissens Jugendliche in eine Richtung zu lenken?

Ich denke, wir sollten in diesem Zusammenhang auch über das Thema Wertigkeit sprechen. Jeder Mensch ist gleich viel Wert und das gilt auch für Sportler, die den Sprung an die Spitze nicht schaffen. Wir sollten vermitteln, dass es durchaus legitim ist, seinen Träumen zu folgen, aber eben auch aufzeigen, dass ein Scheitern nicht degradierend wirkt. Fahrlässig finde ich die Vermittlung, alles auf eine Karte zu setzen und keinen Gedanken beziehungsweise Energie bezüglich eines „Plans B“ zu verschwenden.

Durchbeiß-Kreislauf

Ähnliches sehe ich übrigens auch bei vielen Jugendtrainern. Wenn du dich „durchbeißt“, kannst du es bis nach oben schaffen. Zwei Punkte gehen dabei verloren:

  • Zum einen wird als absolutes Ziel ausgegeben, dass man es erst dann geschafft hat, wenn man mit Vollprofis, am besten in der Bundesliga arbeitet. Der Jugendbereich und der Status „Jugendtrainer“ nimmt an Wertigkeit ab.
  • Zum anderen passiert aufgrund dessen folgendes: Jeder Jugendtrainer, der sich durchbeißen will, wird versuchen, durch Erfolg aufzufallen. Und dort beginnt der Kreislauf. Erfolg ist maßgeblich und das schon ab dem Kindesalter.

Redebedarf geweckt?

Lasst uns darüber gern weiter diskutieren: Hier findet ihr die Kontaktdaten meiner Kollegen (zu den Profilseiten) und von mir (zur Profilseite von Johannes Wunder).

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/17/dr-rene-paasch-die-wuerde-der-nachwuchsspieler-ist-unantastbar/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/20/dr-hanspeter-gubelmann-federers-psychische-brillanz-ein-lehrstueck-fuer-die-nachwuchsfoerderung/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/02/12/elvina-abdullaeva-perfektionismus-im-nachwuchs/

Quellen:

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Johanna Constantini: Das Glück der Erde – sportpsychologisches Coaching im Pferdesport

Pferdesport ist wohl der größte aller Mädchenträume. Während erst nur die Vierbeiner in den Wünschen von heranwachsenden Kindern vorkommen, ist es im Jugendalter meist die Vision des Prinzen auf dem weißen Pferd. Doch die Mythen vom Pferdesport als reine Mädchensportart hartnäckig bestehen, steigen in der Realität immer mehr junge Burschen in den Sattel. In der Disziplin des Springreitens beispielsweise nimmt der Anteil der Frauen im höheren Sport eher ab, während in der Longines Weltrangliste vermehrt Männer vertreten sind. Unter den Top 20 AthletInnen des Springsports weltweit finden sich lediglich zwei Frauen (fei.org, 2018). Was auch bei mir als Mädchentraum begonnen hat, ist dank beharrlichem Training und toller Unterstützung durch meine Eltern und Großeltern mittlerweile nicht nur zu einer großen sportlichen, sondern auch zu einer beruflichen Passion geworden. Während ich hingegen vieler Mädchen, die im Alter von 16 Jahren aussteigen, mit nunmehr 27 Jahren noch in den Springsattel steige, setze ich mich auch sportpsychologisch vorwiegend mit dem Thema Pferdesport auseinander.

Was ist dabei besonders wichtig? Auf welche mentalen Fähigkeiten kommt es im Pferdesport an? Wen betrifft das sportpsychologische Coaching?

Zum Thema: Wie PferdesportlerInnen dem Glück der Erde auch mental auf die Sprünge helfen können

Mehr zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Eine der wichtigsten mentalen Fähigkeiten, wenn es um sportpsychologisches Coaching im Pferdesport geht, ist die Kontrolle und Regulation von Emotionen. Dabei geht es nicht um die Stimmungen der Vierbeiner, die einen ohnehin oft herausfordernden Job übernehmen, indem sie ihre Reiter talauf und talab tragen. Nein, denn es sind vielmehr ihre menschlichen Sportpartner, die lernen sollten, mit Affekten im Sattel umzugehen. Diesen Punkt erachte ich deshalb als besonders wichtig, weil gerade die Zusammenarbeit mit einem nicht-menschlichen, einem tierischen Lebewesen das Alleinstellungsmerkmal des Pferdesports ausmacht. Ärger, Zorn und Enttäuschung sind zwar oft schwer zu kontrollieren, haben jedoch im Sattel und in der Kommunikation mit dem Pferd nichts zu suchen.

Eine weitere Fähigkeit, die im Sattel besonders geschult gehört, ist das Erarbeiten realistischer Ziele. Diese dienen nicht nur dazu, angespornte Leistungen zu erreichen, sondern fungieren auch im Zuge der bereits angesprochenen Regulation von Emotionen als Bewältigungsstrategien – wer seine Ziele für sich spezifisch formulieren, messbar ansetzen, attraktiv gestalten, realistisch festlegen und zeitlich begrenzen kann, dem ist deren Erreichung nachgewiesenermaßen sicherer (Doran, 1981).

Die Beiträge von Johanna Constantini zum Hören:

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Weitere Informationen

Man kann nicht nicht kommunizieren – Körpersprache im Sattel

Einen weiteren wichtigen sportpsychologischen Aspekt in der Arbeit mit Pferdesportlern bildet die Kommunikation. Und nachdem es dem tierischen Part dieser sportlichen Zusammenarbeit schon biologisch bedingt nicht möglich ist, sich verbal mit den menschlichen AthletInnen zu unterhalten, so sollten die SportlerInnen im Coaching umso mehr lernen, non- und paraverbal auf ihre tierischen Kameraden einzugehen. Paul Watzlawicks vielzitierte Weisheit „Man kann nicht nicht kommunizieren“ trifft im Pferdesport nämlich gleich doppelt zu: Neben der schon in der zwischenmenschlichen Kommunikation so wichtigen Körpersprache verfügen die Pferde über weit ausgeprägtere Antennen zur Erfassung von nicht sprachlichen Informationen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es im sportpsychologischen Coaching von PferdesportlerInnen sehr viele spannende Bereiche gibt, an denen gearbeitet werden kann. Sehr herausfordernd doch überaus wertvoll zugleich, sind dabei die unmittelbaren Rückmeldungen auf kleinste Veränderungen, wie sie nur von dem so sensiblen Lebewesen Pferd gegeben werden können.

Mehr zum Thema:

Quellen:

G. T. Doran: There’s a S.M.A.R.T. way to write management’s goals and objectives. In: Management Review, 70. Jg., Nr. 11, 1981, S. 35–36
Bernd Birgmeier: Coachingwissen: Denn sie wissen nicht, was sie tun? Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-531-16306-2, S. 184
https://data.fei.org/Ranking/Search.aspx?rankingCode=S_WR
Watzlawick, P. Wie wirklich ist die Wirklichkeit. 1995. Piper

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wildes Tier im Starthäuschen

Schauplatz Schladming, Skiweltcup-Nachtsalom der Superlative, zweiter Durchgang: 40.000 Zuschauer verwandeln die im gleissenden Scheinwerferlicht erstrahlende Skiarena in einen brodelnden Hexenkessel. Mitfavorit Henrik Kristoffersen (NOR) katapultiert sich als 5. Platzierter des 1. Durchgangs hinein in den Stangenwald und scheidet schon nach wenigen Toren aus, hadert mit sich und dem Schicksal. Das Rennen wird kurz unterbrochen, was dem Kameramann im Starthaus die Möglichkeit eröffnet, den nachfolgenden Slalomläufer in seiner ultimativen Vorbereitungsphase zu filmen. Ein Millionen-TV-Publikum wird so Zeuge, wie Ramon Zenhäusern (CH) „wie ein Tier auf dem Sprung“ agiert und ein ohrenbetäubendes Gebrüll erschallen lässt. Wieso macht er dieses „Theater“, ähnlich jenem von Manfred Pranger (AUT), der sich einst am Start vergleichbar „tierisch wild“ verhielt? Wie entsteht ein derartiges Handlungsmuster, welches im Idealfall zur leistungsfördernden Handlungsroutine oder zum Ritual wird?

Zum Thema: Den optimalen Vorstartzustand herstellen

Im Anschluss an seinem hervorragenden Slalomlauf wird Ramon Zenhäusern vom Schweizer Fernsehen zu seinem Vorstartverhalten befragt: „Ich bin wie ein Tier vor dem Sprung und schreie meine Angst heraus.“ In einem weiteren Kommentar meint der Walliser, dass ihm dieses laute „Rumoren“ Sicherheit und Kraft verleihe, ihn aber auch von störenden Gedanken fernhalte. 

Zum Video von Ramon Zenhäusern (https://www.bernerzeitung.ch/sport/wintersport/so-schreit-sich-ramon-zenhaeusern-warm/story/27889945)

Routine und Rituale

Zunächst gilt es, die Begriffe «Ritual» und «Routine» inhaltlich zu unterscheiden. Eine Routine ist eine Handlungskette, die zum Beispiel ein Tennisspieler bei der Vorbereitung des Aufschlags vollzieht. Der gewohnte Bewegungsablauf hilft ihm, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich in einen Zustand zu bringen, in dem er optimal leistungsfähig ist. Bei Ritualen nähern wir uns einem ursprünglich religiös besetzten Thema. Hier spielt vor allem der Glaube an eine wirkmächtige Vitalkraft eine Rolle, die z.B. beim Haka, dem rituellen Tanz der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft sehr offensichtlich wird. Haka hat einen kulturhistorischen und religiösen Hintergrund, der Tanz soll Kräfte mobilisieren und emotionalisieren. Für die Mannschaft ist der Haka elementar wichtig, er schafft Identität. 

Info:

Link zum Artikel „Rituale sind kein Hokuspokus“ der Berner Zeitung: https://www.bernerzeitung.ch/sport/tennis/rituale-sind-kein-hokuspokus-sondern-selbstkontrolle/story/14785810

Im Sport werden die beiden Begrifflichkeiten sehr häufig synonym verwendet. Am Beispiel des Slalomfahrers wird erkennbar, dass sein Verhalten selbstgeleitet ist und mutmasslich in Eigenregie entwickelt wurde. In der Sportpsychologie sprechen wir von so genannten „naiven psychoregulativen Techniken der Selbstbeeinflussung“ (Nitsch & Allmer, 1979). Passend zum Individuum dienen diese Verhaltensweisen der Stärkung der Widerstandskraft (Persistenz) und der Selbstwirksamkeitsüberzeugung, was sich wiederum positiv auf die Wettkampfleistung auswirken soll. 

Übrigens: Marcel Hirscher macht es auch!

Marcel Hirscher in Schladming 2019 (Quelle: Eurosport)

Ein ähnliches Vorgehen, wenn auch etwas ruhiger und gefasster, wählt Marcel Hirscher. In seinem Verhalten widerspiegelt sich ein hoher Grad an Fokussierung, Selbstbekräftigung und Handlungsplanung. Seine auffordernden Selbstgespräche sind hörbar und führen ihn in jenen idealen Vorstartzustand, aus dem jene formidable Leistung entspringt, die ihn schliesslich zum überlegenen Sieg führt.

Mehr zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Beispiel: Idealer Vorstartzustand beim Stabhochsprung (vgl. Gubelmann, 1999)

Das Erreichen eines idealen Wettkampfzustandes in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung gelingt im Spitzenbereich hauptsächlich mittels Einsatz gut funktionierender Handlungsroutinen. Konkrete Handlungsanweisungen und Umsetzungshilfen für Athleten und Trainer sind rar. Ein methodisches Vorgehen in der Ausgestaltung des Vorbereitungs-Dreiklangs „Handlungsplanung, -sicherheit und –aktivierung“ skizziert Kratzer (2013) in Form einer „PsychoRegulativen Einheit“ (PRE). Dieses in der Sportpraxis bewährte Verfahren basiert auf Atemübungen, Selbstbefehlen (Selbstinstruktionen) und mentalen (Vorstellungs-)Übungen. Das nachfolgende PRE-Beispiel erläutert die Vorgehensweise in der Disziplin Stabhochsprung im Rahmen der unmittelbaren Sprungvorbereitung im Wettkampf. In der Anwendung müssen immer die individuellen Bedingungen (Leistungsniveau) und disziplinenspezifischen Voraussetzungen (Sportart, Disziplin) berücksichtigt werden. Erst mit einer systematischen Entwicklung der passenden Inhalte (z.B. Atem- und Vorstellungsübungen) und dem Beherrschen der Technik (Training) erarbeitet sich der Athlet jene Zuverlässigkeit, die in der Vorstartphase des Wettkampfsprungs unabdingbar ist. 

Beispiel Stabhochsprung (vgl. Lobinger, Hohmann & Nicklisch, 2010): Nach Ansage des Funktionärs (Kampfgericht) stehen dem Springer 60“ Sekunden Zeit bis zur Sprunginitiierung zur Verfügung. Davor orientiert sich der Stabhochspringer am vorherigen Springer und beginnt frühzeitig mit einigen Orientierungsmassnahmen (Stabwahl, Kleber prüfen, Bekleidung ablegen, usw.) Anschliessend betritt er die Anlaufbahn und macht sich bei seiner Ablaufmarkierung bereit. Er überprüft den Wind, stellt den Stab in Position und kontrolliert seinen Griff am Stab. Rund 45 sec vor Anlaufinitiierung setzt die PRE ein.

„PsychoRegulative Einheit“ (PRE)

  1. Der Athlet konzentriert sich auf seine Atmung und nutzt eine eher beruhigende Form mit Betonung der Ausatmung, verbunden mit formelhaften Vorsätzen „Ich bin ganz ruhig, voll konzentriert!“,
  2. anschliessendes Vorstellen des optimalen Bewegungsablaufes (z.B. Anlaufgestaltung, Kontrollmarke, Absprung/Einstich, Einrollen, Lattenüberquerung) 
  3. verbunden mit einer energetisierenden Selbstinstruktion („hoher, schneller Anlauf, explosiver Abdruck! – go!“ (zusätzlich unterstützt mit 2 schnellen Atemstössen und körperlicher Aktivierung) – Anlaufinitiierung.

Wichtig ist, dass es sich bei der beschriebenen PRE nicht um ein starres System handelt. Vielmehr empfiehlt sie sich als eine vielseitig anwendbare Strategie der Wettkampfvorbereitung, die eine Anpassung an die Problemspezifik der jeweiligen Disziplin erlaubt und in wettkampfnahen Trainingseinheiten entwickelt und modifiziert wird.  Selbstsicherheit in schwierigen Wettkampfsituationen verbunden mit der Überzeugung, die „Sache im Griff zu haben“ sind häufig genannte Vorzüge dieser Vorbereitungsroutine.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/18/christian-hirschbuehl-im-interview-mit-simon-nussbaumer-beim-start-richte-ich-den-blick-in-den-himmel/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/04/kathrin-seufert-nutzung-von-vorstartroutinen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/26/janosch-daul-mentale-einstimmung-auf-ein-fussballspiel/

Quellen:

Gubelmann, H. (1999). Psychoregulatives Training im Zehnkampf: Eine Fallstudie. In: D.  Alfermann & O. Stoll (Hrsg.). Motivation und Volition im Sport – Vom Planen zum Handeln. Köln: bps-Verlag, S.237-243.

Kratzer, H. (2013). Psychologie für Sportschützen. Berlin: epubli GmbH.

Lobinger, B., Hohmann, T. & Nicklisch, A. (2010). Analyse subjektiver und objektiver Auswirkungen von Regeländerungen im Stabhochsprung. Zeitschrift für Sportpsychologie 17, pp-12-20. https://doi.org/10.1026/1612-5010/a000002

Nitsch, J. & Allmer, H. (1979). Naive psychoregulative Techniken der Selbstbeeinflussung. Sportwissenschaft 9/2, pp.143-163. https://doi.org/10.1007/BF03177089

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Philippe Müller: Hört auf, in Fehlern zu denken!

Vermeintlich gibt es im Sport keinen Platz für Fehler. Diese werden selten verziehen und enden meist in einer Niederlage. Die Angst, Fehler zu machen, schwingt somit die ganze Zeit latent mit. Sie zeigt sich nicht nur in Aussagen von Athletinnen und Athleten, sondern ist auch bei uns Zuschauern zu finden. Wie oft sass ich schon vor dem Fernsehen und dachte: „Gleich die Zielkurve: jetzt bloss keinen Fehler machen!“

Zum Thema: Der Weg von der Fehlervermeidung, hin zum erfolgreichen Handeln

Mehr zu Philippe Müller: https://www.die-sportpsychologen.de/philippe-mueller

Fehler zu machen gehört zum Leben. Sie sind notwendig, um das Lernen voranzutreiben. Doch was ist überhaupt ein Fehler? Umgangssprachlich verstehen wir unter einem Fehler die Abweichung vom Richtigen. Gerade im Sport ist oft „das Richtige“ schwierig zu definieren. Denn die Konsequenzen sind nicht immer zeitnah auszumachen. Während bei einem Tennis-Service ein Doppelfehler direkten Einfluss auf den Spielstand hat, können die negativen Auswirkungen einer falschen Trainingsplanung erst während der Saison ersichtlich werden.

Im Sport ist vieles auf Fehlervermeidung ausgelegt. In den meisten Sportarten basieren die Selektionsprozesse auf Ausschlusskriterien. Wer bestimmte Zielwerte nicht erreicht, scheidet aus. Aufnahmekriterien gibt es selten. Diese negative Haltung zu Fehlern setzt sich in den täglichen Trainingseinheiten fort. Bei Fehlern wird öfters sanktioniert als bei Erfolgen gelobt.

Leistungssteigerung in einer Fehlerkultur?

Viele Trainerinnen und Trainer sehen ihre Aufgabe, ja sogar die Legitimation ihrer Arbeit, im Aufdecken und Aufmerksammachen von Fehlern. Sie sind der Meinung, dass man nur dadurch Leistungssteigerung erreichen kann. Keine Frage, die richtigen Konsequenzen aus Fehlern ziehen zu können, ist unter Umständen sehr wichtig. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung mit Fehlern zum richtigen Zeitpunkt geschehen muss. 

Was ist die Wirkung dieser negativen Gesamthaltung? Wenn es keinen Platz für Fehler gibt, werden Lernprozesse eingeschränkt und die Entfaltung der Kreativität gehindert. Zudem wird bereits im frühen Kindesalter dafür gesorgt, dass sich anstatt eines gesunden Mutes, eine schleichende Versagensangst ausbildet. Ideen und kreative Lösungen werden nicht mehr ausgelebt, da sie auf Missgunst und negative Sanktionen treffen könnten.

Es lebe die Kreativität!

Da das Training von Wiederholungen der Übungen gekennzeichnet ist, sind somit auch unzählige Fehler möglich. Werden die Fehler ins Zentrum gerückt und dadurch allgegenwärtig gemacht,  leidet darunter auch das Selbstwertgefühl. Keine Aufgabe erscheint mehr fehlerfrei machbar. Wie lässt sich aber gegensteuern? 

Aus meiner Sicht geht es darum, das Augenmerk hin zum Erfolg zu richten. Somit ist die Hauptaufgabe des Trainings, seine mentalen und physischen Fertigkeiten zu verbessern. Im Fokus des Trainings sollte deshalb das Lösen von Aufgaben stehen. Denn ein Vermeiden eines Fehlers bedeutet nicht zwangsläufig ein erfolgreiches Handeln. Wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen, bleibt schlussendlich eine Handlung gänzlich aus. Es geht deshalb nicht um das Vermeiden von Fehlern, sondern vielmehr um das Kreieren neuer Lösungsstrategien, oder das Stärken bestehender erfolgreicher Handlungsmuster. Durch die permanente Auseinandersetzung mit dem Positiven werden zum einen physische, taktische und technische Fertigkeiten gefestigt und und zum anderen psychische Komponenten, wie Selbstvertrauen und positive Selbstsuggestion gestärkt. In der Umsetzung bedeutet dies, dass ein möglichst grosser Spielraum für kreative Strategien geschaffen, individuelle Lösungen zugelassen und Ängste, zwischendurch zu scheitern, abgebaut werden. Und somit im Sinne des Titels: In Fehler zu denken, verboten!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/02/07/cristina-baldasarre-fehler-und-zweifel-abhaken/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/11/16/dr-rene-paasch-joachim-loews-neue-fehlerkultur-wie-fehler-positive-wirkung-entfalten-koennen/

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Miriam Kohlhaas: Wer hat Angst vorm 4. Down?

Im Football ist es so: Die Offense, also der angreifende Teil jeder Mannschaft, hat bei Ballbesitz vier Versuche (Downs), um innerhalb eines Spielzuges (Drive) idealerweise einen Touchdown zu erzielen. Mindestens aber müssen sie eine Strecke von 10 Yards zurücklegen, um weitere vier Versuche zu bekommen, um die Endzone zu erreichen. Nicht selten werden aber nur drei Downs ausgespielt. Warum eigentlich?

Zum Thema: Wie viel Potential steckt im Umgang mit dem 4. Down? 

Zum Profil von Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Ist der 4. Versuch zu spielen, so wird er aber in den meisten Fällen nicht ausgespielt, man verzichtet also auf die Chance, die 10 Yards zu überbrücken und den Drive am Leben zu halten. In den meisten Fällen verlässt die Offense das Spielfeld und ein Special Team betritt die Bühne. Dieses Special Team hat nun die Aufgabe, den Ball möglichst weit in die gegnerische Hälfte zu schießen (Punt), um dem gegnerischen Team eine möglichst schlechte Ausgangsposition für deren Angriff zu bieten, um die oben beschriebene Aufgabe zu erfüllen.

Warum ist es eigentlich so, dass dieser 4. Versuch so oft nicht weiter gespielt wird? Ist der Punt wirklich die bessere Wahl? Wer hat eigentlich Angst vorm 4. Down?

Blick in die Statistik

Statistisch gesehen wäre es viel häufiger von Erfolg gekrönt, diesen 4. Versuch einfach auszupielen und damit in Ballbesitz zu bleiben. Jedoch bleibt festzuhalten, dass in den höchsten Spielklassen dieser Versuch nur äußerst selten unternommen wird (New York Times: „First, the No. 1 lesson from my 10 years of data analysis about what to do on fourth down: Teams need to go for it much more often than they do. It does get a little complicated toward the end of games, but coaches should almost always consider going for it.“)

Natürlich besteht das Risiko, dass der 4. Versuch nicht erfolgreich ist und die notwendigen Yards nicht überbrückt werden. Die gegnerische Offense kommt dann an einer möglicherweise guten Position auf dem Feld in Ballbesitz, nämlich dort, wo der eigene Versuch scheiterte. Zudem besteht selbstverständlich – so wie bei jedem Versuch der Offense – das Risiko, dass der Ball von der Defense abgefangen wird und sogar noch mögliche Punkte für die Gegner entstehen.

“We know teams are unlikely to be as aggressive on fourth as they should be.”

http://harvardsportsanalysis.org/

Risikobewertung

Es stellt sich mir also noch immer dieselbe Frage: Wer bewertet eigentlich dieses Risiko? Und wer hat wovor Angst? Ist es der Headcoach, der Angst um seinen eigenen Job bei einer eventuell spielentscheidenden Fehlentscheidung hat? Ist es der Quarterback, der sich diesem Risiko nicht stellen möchte? Oder ist es in Wahrheit ein Vertrauensproblem? Vertraut der Headcoach seiner Offense nicht? Der Quarterback nicht seiner O-Line?

Das Nicht-Ausspielen dieses Versuches ist aus meiner Sicht ein wahnsinnig spannendes sportpsychologisches Thema. Und ich würde mich freuen, wenn ihr mir helfen könntet. Denn ich möchte im Rahmen einer kurzen Online-Umfrage in Erfahrung bringen, wie in eurem Team mit dem 4. Down umgegangen wird. Wie ihr wisst, gibt es kaum deutschsprachige Literatur zum Thema American Football. Und kaum bis keine Inhalte mit sportpsychologischem Hintergrund. Hier versuche ich, ganz praxisnah anzusetzen, und brauch daher eure Hilfe. Also, bitte nehmt euch die fünf Minuten Zeit: 

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Inspiration beim Superbowl

Ich hoffe, ich habe euch zum Nachdenken gebracht. Und sicher begegnet uns das Thema ja schon am Highlight-Wochenende unserer Sportart wieder. Denn was werden die Teams beim Superbowl am 3. Februar 2019, die Los Angeles Rams sowie die New England Patriots, machen? Werden sie aggressive Entscheidungen den scheinbar sichereren Entscheidungen vorziehen? Entscheiden sie konventionell oder eher risikoreich?

All ihr fantastischen Coaches da draußen, ihr QBs, ihr Offense Spieler… habt ihr euch auch schon einmal diese eine Frage zum 4. Down gestellt? Und viel wichtiger: Glaubt ihr, dass ihr bislang die bestmögliche Antwort darauf gefunden habt?

Kontakt 

Wollt ihr an diesem oder anderen sportpsychologischen Themen arbeiten, so meldet euch bei meinen Kollegen (zu den Profilen) oder direkt bei mir (zum Profil von Miriam Kohlhaas)!

Ich freu mich darauf!

Quellen: 

https://www.insidescience.org/news/math-football-coaches-be-more-aggressive-4th-down

http://harvardsportsanalysis.org/2015/01/4th-down-strategy-punt-go-for-it-or-try-the-hard-count/

https://www.nytimes.com/2014/09/05/upshot/4th-down-when-to-go-for-it-and-why.html

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Johannes Wunder: Schiedsrichter im Fokus

Ob Fußball, Handball oder Basketball – jedes Wochenende stehen sie im Fokus von Spielern, Trainern und Fans. Dabei wird ein gelungenes Spiel von Kollegen oftmals auch so genannt, wenn sie eben nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Schiedsrichter sind in deutschen Profiligen nicht wegzudenken, jeder braucht sie und dennoch ernten viele wenig Verständnis für ihre Arbeit.

Zum Thema: Über Drucksituationen im Schiedsrichterjob

„Bei so einer Leistung kann man nicht gewinnen!“, „Dieser Herr hat einen enormen Geltungsdrang.“ oder „So pfeift man uns in die zweite Liga.“ Ich könnte noch viele weitere Beispiele anführen und die Liste individuell beliebig ergänzen. Teilweise zwei Mal pro Wochenende sind Schiedsrichter im Einsatz, viele von ihnen arbeiten unter der Woche in normalen Berufen. Und auch wenn sie gar nicht im Fokus des Spieltags stehen wollen, so tun sie es doch wieder und wieder, wenn es um vermeintlich spielentscheidende Szenen geht: Elfmeter oder nicht? Fouls in der Crunchtime? Zeitstrafe? Denn eine Entscheidung wird in jedem Fall getroffen, ob Spielunterbrechung oder nicht.

Mehr zur Person: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Der Job eines Schiedsrichters ist es, Entscheidungen zu treffen – möglichst objektiv und auf Grundlage des aktuellen Regelwerks. Nur bringt jede Entscheidung unmittelbar eine Konsequenz mit sich. Ähnlich wie bei Spielern, die einen Passweg zu kurz einschätzen und als Konsequenz einen Fehlpass ernten. Oder Trainer, die bei wenigen Sekunden verbleibender Spielzeit einen Spielzug ansagen. Konsequenzen sind uns im Kontext Sport nicht fremd, sondern bestimmen maßgeblich die Richtung des Spiels mit – bei allen Akteuren des Spiels.

Konsequenzerwartung als Theorie

Bandura (1977, 1992) beschreibt die soziale Lerntheorie. Von dieser ausgehend, gibt es im Bereich menschlicher Handlungen Komponenten, welche diese unmittelbar beeinflussen. Jede Handlung bringt ein Ergebnis mit sich, was vorab antizipiert wird. Der Schiedsrichter sieht einen Kontakt, den er als Foul bewertet. Nun wird er unter Umständen die folgenden Reaktionen vorhersehen und sich auch ausmalen können, ob seine Handlung positive oder negative Reaktionen hervorrufen wird. In der Psychologie spricht man hierbei von Konsequenzerwartung. Ein Prozess, der oftmals intuitiv, teilweise aber auch sehr bewusst wahrgenommen wird. Das alles passiert auch in der Gewissheit, dass keine aktive Entscheidung zumindest auch eine passive sein wird. Ein ausbleibender Pfiff ist auch eine Entscheidung – mit entsprechender Konsequenz.

Patrick Ittrich ist Fußball-Bundesliga Schiedsrichter und beschreibt in einer Doku das NDR seine Arbeit als Unparteiischer. Dabei fällt zum einen auf, dass im Schiedsrichterjob zwar Assistenten vorhanden sind, die Entscheidungen aber oftmals alleine oder durch wenige Augen getroffen werden müssen – und das in kürzester Zeit. Wo bei Mannschaften der positive oder negative Ausgang des Spiels eine Verkettung diverser Entscheidungen aller Teammitglieder darstellt, stehen die Schiedsrichter sofort im Fokus – ähnlich wie Einzelsportlern oder kleinen Teams. „Sie alle wissen, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt: Lob gibt es fast nie, dafür jede Menge Gegenwind.“ So wird Ittrich´s Job beschrieben, mit all den Drucksituationen, die im Laufe einer Saison auf den Schiedsrichterkader zukommen. Hier steht nicht nur der Umgang mit Fehlern auf der Liste, sondern auch die Erwartung überdurchschnittlich fit zu sein oder besonders theorievertraut.

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Sportpsychologie kann auf verschiedenen Ebenen helfen

Der Schiedsrichter Patrick Ittrich nutzt bereits regelmäßig die Dienste der Sportpsychologie. Mögliche Hilfen sollen nachfolgend kurz aufgeführt werden:

  1. Umgang mit „entscheidenden“ Fehlern
  2. Leistung „on point“ – Spieltagsvorbereitung im Kopf
  3. Umgang mit (öffentlicher) Kritik
  4. Umgang mit Gedankenspiralen nach „schlechter“ Leistung
  5. Psychologische Gesprächsführung während des Spiels

Meine Kollegen (zu den Profilen von Die Sportpsychologen) und ich (zum Profil von Johannes Wunder) stehen gern bereit, wenn Schiedsrichter Unterstützung wünschen. Wir freuen uns also über die Vereinbarung eines kostenfreien Erstgesprächs.

Mehr zum Thema:

Link zum Sportschau-Beitrag

Quellen:

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84 (7), 191-215.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.

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Dr. Rita Regös: Doping und die Paradoxie der Fairness

Die Diskussion über Doping führt zum Hinterfragen, einerseits sportlicher Leistungen, andererseits des Systems Leistungssport und mündet zwangsläufig in großen Themen, wie Moral und Fairness auf gesellschaftlicher Ebene. Ob diese große Bühne immer gerechtfertigt ist? Eine wertneutrale Perspektive neben einer kritischen Selbstreflektion, sei es auf persönlicher oder auf gesellschaftlicher Ebene, erwiese letztendlich dem Athleten in seiner Integrität als Mensch, genau die Behandlung, die jeder einzelne von uns für sich selbst mit aller Selbstverständnis und Vehemenz beansprucht – nicht in dem wir Doping befürworten, vielmehr in dem wir Paradoxien des Gesamtsystems reflektieren.

Zum Thema: Doping im Leistungssport

Ein System agiert wertfrei, es fokussiert auf Selbsterhaltung – Einzelteile des Systems sind austauschbar. Ob ein Einzelner im System, sich dem System beugt, es ablehnt, sich dagegen auflehnt, spielt für das System keine Rolle – schon gar keine moralische.

Das Wertesystem einer Gesellschaft schreit hingegen nach Schuld und Unschuld, nach Vollstreckung der Moral, nach Fairness. Landet letztendlich beim einzelnen Individuum – der wiederum schmerzlich realisiert, dass das System nicht in Frage gestellt werden kann, es ist fokussiert auf Systemerhaltung, es handelt wertfrei, der Sportler ist nur ein Teil und eben austauschbar.

Zur Profilseite von Dr. Rita Regös: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Moralische Aspekte

Das klingt hart, ist es auch – ein Grund über die Moral zu reflektieren das Urteilen zu hinterfragen, in dem man sich selbst fragt: Gibt es Systeme, die ich ablehne jedoch mitmache? Wenn ja, warum? Weil ich sonst ausgetauscht werde und mir Schaden entsteht – weil in der Regel der Einzelne das Nachsehen hat, nicht das System.

Athleten sind Helden der Moderne, sie kämpfen, siegen oder scheitern und wecken in uns längst verstummte Gefühle, zumindest verkümmert in der Intensität, in der wir uns über ihren Sieg freuen oder über die Niederlage enttäuscht sind. In unserem Alltag ist dies nicht selten unmöglich, daher leben wir diese Emotionen gern beim Mitfiebern aus. Wir projizieren in unsere Helden Hoffnung, Güte, Schönheit, Gerechtigkeit: „er hat es verdient“ und auch in das System, in dem sie agieren – „möge der bessere gewinnen“. Entsprechend ernüchternd nehmen wir Schlagzeilen über Unfairness, Doping und Betrug wahr. In erster Instanz, sind wir sofort bestrebt, unsere Weltordnung wiederherzustellen. Wir wollen wissen, ist das System falsch oder der Athlet kein Held, wir wollen von außen Stellung beziehen, um so, auch unsere eigene Moralvorstellung zu festigen, gegebenenfalls uns zu distanzieren. Wir hinterfragen das System und das Individuum. Eins bleibt jedoch in diesem Prozess der moralischen Selbstfindung unreflektiert, wir selbst: Grenzüberschreitungen „rational“ erklären, sich einem System beugen, für etwas alles geben oder manches bewusst ignorieren – sind nicht Leistungssport spezifische Themen.

Unreflektierte Heldengeschichten

Es bleibt ebenfalls unreflektiert, wie intensiv wir uns mit unseren Helden identifizieren, in ihr Handeln uns wieder finden wollen, zulassen, wie sie uns in manch unserer Vorstellungen bestärken und wir uns an sie orientieren, in guten Zeiten oder auch in schlechten?

Aber vor allem ein Gedanke sollte jede Diskussion über Doping inkludieren und reflektiert werden: Die Paradoxie der Fairness.

Stille Helden?

Athleten treten an, um zu gewinnen – in manchen Fällen entscheiden sie selbst, in manchen Fällen wird ihnen die Entscheidung abgenommen oder sie rutschen automatisch in ein System.

Andererseits gibt es sehr viele Sportler, die sich bewusst gegen Doping entscheiden, manchmal auch im Bewusstsein, den schwierigeren Weg zu wählen aber auch im Bewusstsein, fair bleiben zu wollen. Auch diese Athleten gewinnen oder aber sie stehen nie auf dem Podest und werden somit nie wahrgenommen. Sie wissen vielleicht, dass sie chancenlos sind und wählen trotzdem den fairen Weg.

Von Siegern und Gewinnern

Das Ziel ist in jedem Fall klar definiert: Sieg. Der Sportler möchte gewinnen, das System ebenfalls und wir, wir wollen auch Sieger sehen. Gewinner werden gefeiert und zu unseren Helden – keinesfalls wegen der Entscheidung, fair zu bleiben, nicht wegen eines eventuell härteren Weges. Und eine Platzierung im Mittelfeld ist auch keine Schlagzeile wert – einzig wegen Edelmetall – wohl ein unfairer Paradoxon.

Mehr zum Thema:

Diese Geschichte löst Diskussionen aus. Der österreichische Langläufer Johannes Dürr äußert sich in der ARD-Dokumentation „Gier nach Gold“ (zur ARD-Doku) offen wie noch kein zweiter Wintersportler zu seinem Dopingvergehen und seinen Erfahrungen im internationalen Skilanglaufzircus. 

Für die Hintergrundberichterstattung zur Doku „Gier nach Gold“ wurde der Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Stoll mit den Aussagen des Langläufers Dürr konfrontiert. In einem Interview trifft er unmissverständliche Aussagen:

Sportschau-Interview mit Prof. Dr. Oliver Stoll

Zum Interview mit Prof. Dr. Oliver Stoll: „Simmen Dürrs Aussagen hat der Leistungssport ein Problem“ (Link)

Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, war im Auftrag der ARD-Dopingredaktion darüber hinaus damit betraut, aus sportpsychologischer Sicht die Frage zu beantworten, warum Sportler dopen? Entstanden ist ein knapp vierminütiger Beitrag: 

Warum Sportler dopen 

Zum Beitrag: https://www.sportschau.de/doping/video-warum-sportler-dopen–100.html

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold

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Dr. René Paasch: Berührungen als Kommunikationsmittel im Sport

Viele Mannschaftssportler haben kaum Körperkontakt auf und neben dem Platz. Dabei zeigt die Wissenschaft, dass körperliche Nähe sich auch auf sportliche Leistung auswirken kann. Berührungen können eine Menge bewirken, insbesondere bezüglich des Wohlbefindens und im Ergebnis eben auch hinsichtlich der Leistungsfähigkeit von Teams. Ein Plädoyer für mehr Körperkontakt.

Zum Thema: Können Berührungen fundamentale Auswirkungen auf den Einzelnen und Teams haben?

„Man kann in Fußballer nichts hineinprügeln, aber mit Berührungen großartiges bewirken und herausstreicheln“ 

Dr. René Paasch

Wenn wir von Berührungen sprechen, dann müssen wir eine kurze Exkursion zur Haptonomie vollziehen. Die Haptonomie, also „die Lehre von der Berührung“, wurde von Frans Veldman (1921-2010) entwickelt. Durch die Berührung wird eine Verbindung zu einer kranken oder gesunden Person aufgebaut, um sie zu bestärken und ihr Wohlbefinden zu verbessern. Das Wort Nomos „Gesetz“ hingegen, ist die gefühlsbetonte Antwort der Berührten. Veldman hat die Erscheinungen der menschlichen Fähigkeiten, die bei jedem seit Urzeiten existieren, studiert und beschrieben. Diese Fähigkeiten wurden in den verschiedenen Zeiten erforscht, beobachtet und mit der fortschreitenden Industrialisierung leider aus den Augen verloren.

Dennoch ist sie für mich der Grundstein nachhaltiger Berührungen. Alle unsere Sinne erleichtern uns das Verständnis von Umweltereignissen und -eigenschaften, sozialen Austausch sowie die Anpassung an unsere Gegebenheiten. Überspitzt gesagt: Das Tastsinnessystem sichert unser Überleben! Jede Berührung unseres Körpers wird biologisch und psychologisch verwertet, aber oftmals ist unser Tastsinn für uns so selbstverständlich, dass wir ihn kaum würdigen oder gezielt einsetzen. Dabei feuern jede Sekunde Millionen von Sensoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken, Haaren und Haut ununterbrochen Signalströme an das Gehirn, um eine präzise Vorstellung der taktilen, haptischen und propriozeptiven Erfahrungen zu erhalten (Grunwald,2017). Unsere Haut ist überzogen von Millionen kleiner Haarfollikel, die kleinste Veränderungen wahrnehmen können. An Fingerspitzen und im Mundraum liegt die höchste Dichte an tastsensiblen Rezeptoren vor. Schmerz, Temperatur- oder Geschwindigkeitsveränderungen – alles wird registriert und bei der Verarbeitung von Tastsinnesreizen sind fast alle Nervenzellen des Gehirns beteiligt. Gleichzeitig begleiten emotionale Prozesse unsere taktile und haptische Wahrnehmung. Eine Meisterleistung, die einen tieferen Blick wert ist.

Du willst mehr wissen? Dann besuch die Profilseite von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Von Kindesbeinen an bedeutsam

Ein Heranwachsender ertastet die Welt, um sie zu begreifen. Er erforscht sie, indem er die Dinge einer haptischen Analyse unterzieht: Gegenstände und Nahestehende werden auf Textur, Form, Gesetze der Schwerkraft sowie auf eigene Wirksamkeitsmöglichkeiten überprüft. Eine solche stimulierende Umwelt fördert hierbei nicht nur das Erkundungsverhalten und die Reifungsprozesse im Gehirn, sie sind auch für die Sprachentwicklung Voraussetzung.

Doch auch als Erwachsener lässt dieser Prozess nicht nach. Wir lieben angenehme Erfahrungen, egal ob es um das „kollegiale Drücken“ bei guter Leistung oder eine fürsorgliche Behandlung des Physiotherapeuten geht. Berührungen und Selbstberührungen spielen im Sport und in zwischenmenschlichen Interaktionen eine sehr wichtige Rolle. Dabei dienen diese nicht nur unserem subjektiven und emotionalen Wohlbefinden, sondern auch der neurobiologischen Aktivität unseres Gehirns.

Wahrnehmungsfördernde Berührungen  

Heranwachsende sind ohne diese nicht überlebensfähig. Selbst wenn sie ausreichend mit Nahrung versorgt werden, würden ihnen ohne Berührungen zuverlässige Bindungen fehlen, die für die Entwicklung fundamental sind. Aber auch als Erwachsene verlieren wir ohne Berührungen nachhaltig das Gespür für uns selbst und vereinsamen. Es droht die Gefahr eines inneren „Absterbens“. Berührungen kommen zwar von außen, wirken aber nach innen. Nicht berührt zu werden, kann auch zu einem Gefühl des sozialen Ausschlusses führen. So konnten Untersuchungen zeigen, dass soziale Ausgrenzung körperliche Folgen hat, wie z.B. den Anstieg diverser Entzündungswerte. Die entsprechenden Botenstoffe sorgen dafür, dass Schmerzreize noch stärker wahrgenommen werden. Soziale Nähe und Bindungen hingegen lindern körperlichen Schmerz und verstärken die Zugehörigkeit. Grunwald (2012) konnte nachweisen, dass die Wahrnehmung von Nähe oder Distanz, Zugehörigkeitsgefühl oder Ausgrenzung auch einen physischen und sogar einen sinnlichen Aspekt hat und direkte Zusammenhänge zwischen sozialem und physiologischem Empfinden bestehen. Unser soziales Erleben kann also auch unser körperliches Befinden beeinflussen (z.B. Körpertemperatur sinkt nachweislich). Umgekehrt können unsere haptischen Erfahrungen unser Wohlbefinden steigern (z.B. Wärme wirkt beruhigend auf die Stimmung und stärkt das Selbstvertrauen)

Letzteres liegt daran, dass für neurologische Verschaltungen des Empfindens bei physischer bzw. sozialer Wärme dieselben Nervenbahnen des Gehirns aktiv sind. Körperliche Berührungen von Teamkollegen stimulieren emotionale und hormonellen Reaktionen. Auch die Selbstberührung dient also zur Regulierung des neurophysiologischen Zustands (wie z.B. der Herzfrequenz), zur emotionalen und physiologischen Beruhigung. Daher ist zu beobachten, dass auch bei stressbelasteten Spielern vermehrte Selbstberührungen beruhigen können. Auch das Bindungshormon „Oxytocin“ (Magon, Kalra, 2011) wirkt stabilisierend und macht uns widerstandsfähiger gegen Belastungen.

Zünder für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

Die Gefühle, die wir bei Berührungen empfinden und weitergeben, spiegeln sich auch in unserer Sprache wieder: Wir sind „berührt“, wenn uns etwas sehr nahe geht. Erlebnisse, die Spuren in unserem Leben hinterlassen, „gehen uns unter die Haut.“ Und der Ausdruck „begreifen“ zeigt, dass die Bedeutung des Körperkontakts weit über eine bloße verbale Kommunikation mit unseren Mitmenschen hinausgeht.

Wie stark Berührungen auf uns wirken und uns mit Energie erfüllen können, ist allgegenwärtig erkennbar. So bedeutet das Wort „berühren“ im Altgriechischen zugleich auch „anzünden“. Seien Sie daher der Zünder für Wohlbefinden und nachhaltige Leistungsfähigkeit.

Praktische Empfehlungen für den sportlichen Alltag:

Wie die Sprache gehören auch Berührungen zu unserer alltäglichen Kommunikation und besitzen folgende Vorteile:

  • Das Händeschütteln ist im deutschen Fußball ein gängiges Begrüßungsritual. Dieses ist versehen mit nur einem kurzen Händedruck und Anblick. Schütteln Sie stattdessen länger und intensiver die Hände und lassen Sie dabei eine gesunde Nähe zu.
  • Wenn ein Team sich an den Händen hält oder im Kreis in den Armen liegt, ist das meistens ein anerkannter Beweis von Zuneigung, Verbundenheit und Sicherheit. Nutzen Sie dies so oft es möglich ist, denn das verändert und verstärkt das „WIR“.
  • Berühren Sie jemanden an der Schulter, bedeutet diese Geste oft: „Ich halte zu dir“ und „Du kannst mir vertrauen“. Ein sanftes Schulterklopfen kann Lob sowie Anerkennung ausdrücken, aber auch Sicherheit vermitteln und Mut machen.
  • Eine Umarmung ist im Sport eine besonders innige Form der Berührung – sie drückt Teamzugehörigkeit aus und kann das Selbstvertrauen des Einzelnen stärken. Aber aufgepasst: Jegliche Berührung kann einen Eingriff in die Intimsphäre bedeuten und vom Gegenüber als unangenehm empfunden werden. Fragen Sie daher, ob diese erwünscht ist.
  • Schließlich gibt es bei Berührungen Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Frauen lassen sich eher berühren als Männer. Zugleich werden sie durch Berührungen stärker beeinflusst – unabhängig davon, ob die berührende Person männlich oder weiblich ist.
  • Und selbst die physiotherapeutische Nähe – die Massage – kann nachweislich Stress lindern, die Stimmung aufhellen und das Immunsystem stärken.
  • Berührung ist „Urkommunikation“, bevor das erste Wort fällt. So könnte ein Trainer, wenn er die Kraft der Berührung gezielt einsetzt „das Wohlbefinden und Selbstvertrauen seiner Spieler verbessern“ bevor er ihn überhaupt einer Bewertung unterzieht.
  • Forscher haben nachgezählt, wie oft sich die Fußballer bei der Weltmeisterschaft 1998 während des Turniers einander berührten. Das Ergebnis: Die französische Nationalmannschaft hatte überdurchschnittlich oft Körperkontakt – und wurde, wie wir wissen, Weltmeister. Vielleicht ein Fürsprecher für regelmäßige Berührungen und Leistungsfähigkeiten in Sportmannschaften!?  

Die unterschiedlichen Kulturen im deutschen Fußball prägen ganz besonders persönliche Begegnungen im Sport: Menschen in berührungsfreundlichen Kulturen empfinden Angehörige berührungsarmer Kulturen eher als kühl und distanziert. Wiederum stufen berührungsfreudige Kulturen wie Südländer oft als temperamentvoll und distanzlos ein. Finden Sie Ihre eigene „Berührungswohlfühlzone“ und seien Sie experimentierfreudig, denn Grenzen entstehen nur in Ihren Köpfen.

Fazit

Der aktive und passive Vermittler des physischen Kontaktvermögens ist das Tastsinnessystem des menschlichen Körpers. Dieses ist nicht nur ein probates Mittel im Umgang mit den Teamkollegen und der Welt außerhalb unseres Körpers, sondern es stellt gleichzeitig Mittel zur Verfügung, damit das Körpersystem in schwierigen Zeiten (sozial/sportlich) adäquat handlungsfähig bleibt. Gewünschte und ehrliche Berührungen in Sportmannschaften können unseren Organismus wesentlich verändern und somit im Ergebnis auch die Leistungsfähigkeit verbessern.

Mehr zum Thema:

Literatur

Grunwald, M. (2017). Homo hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Verlag: Droemer eBook.

Grunwald, M. (2012): Haptik: Der handgreiflich körperliche Zugang des Menschen zur Welt und zu sich selbst. In: Werkzeug-Denkzeug (Hrsg.). Thomas H. Schmitz. Transcript Verlag.

Internet:

Magon, N; Kalra, S. (2011): The orgasmic history of oxytocin: Love, lust, and labor https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3183515/

Unterstell, R. (2014). The fuel of intimacy. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/germ.201490012

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