Johannes Wunder: „Spitzensportler sind keine Vorbilder!“

Es ist wichtig, sich sein Leben lang zu entfalten”, sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer im Deutschlandfunk-Sportgespräch. Doch dies sei im Leistungssport nicht möglich. Menschen, die sich in Deutschland für eine Sportkarriere entscheiden, gingen ein extremes Risiko ein.

Zum Thema: Entwicklung im Spitzensport

Gerne höre ich mir auf langen Autofahrten Podcasts wie das Sportgespräch vom Deutschlandfunk an. Zuletzt ging es in einer Sendung mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer um Problematiken in der Sportförderung und auch ethische Missstände. Nachfolgend werde ich zu einzelnen Thesen und Themenblöcken aus sportpsychologischer Sicht Stellung nehmen.

Zum Podcast “DLF Sportgespräch”: https://www.deutschlandfunk.de/dlf-sportgespraech-spitzensportler-sind-keine-vorbilder.892.de.html?dram:article_id=437096

„Die Spitzensportförderung ist nicht überzeugend!“

Gunter Gebauer kritisiert im entsprechenden Interview scharf, wie in Deutschland die Förderung von Spitzensportlern gehandhabt wird. „Man bringt junge Leute dazu, Spitzensport zu treiben […] und am Ende einer Sportkarriere stellt sich immer die Frage, ´Was macht man jetzt?´.“ Es ist meiner Meinung nach relativ einfach zu erklären: Sportler, die sich entscheiden, Spitzensport zu betreiben, haben laut einer aktuellen Studie der Deutschen Sporthochschule Köln (Link unten) einen durchschnittlichen Workload von 32 Stunden pro Woche, der nur für die Ausübung des Sports verwendet wird. Hinzu kommt, dass eine „optimal“ verlaufende Karriere einige Jahre andauert und diese Zeit nahezu ausschließlich für die Leistungsentwicklung, weniger für eine berufliche Ausbildung und schon gar nicht für die eigene Berufspraxis Abseits des Sports genutzt werden kann. Gebauer ordnet ein: .„Wenn Sportler bis 30, 32 Sport gemacht haben, dann heißt es, sie haben in der Zeit nun wirklich nicht die Möglichkeit, ihre Berufskarriere voranzutreiben.“

Der Sportphilosoph beobachte, dass vor allem hochbegabte Sportler den Spitzensport verlassen, da sie ihre Ressourcen eben auch in eine Berufskarriere mit langfristiger Perspektive investieren können. Laut Gebauer sehen wir in den Sommersportarten vor allem Sportler mit familiären akademischen Hintergrund. Im Wintersport gibt es auch viele Sportler, die eine Förderung von Polizei oder Bundeswehr „genießen“. Aus meiner eigenen Zeit als aktiver Skirennläufer weiß ich, wie viel finanziellen Input es bedarf, bis eine Unterstützung der Verbände greift. Oftmals erst mit entsprechendem Kaderstatus, der aber rein wirtschaftlich nur durch massive Investitionen vorab erreicht werden kann. Doch was passiert mit den Sportlern nach ihrer Karriere? Die Förderung erlischt und ehemalige Weltmeister und Olympiasieger können aufgrund fehlender Berufsjahre im gelernten Beruf keine oder nur noch eine überschaubare Karriere machen.

„Spitzensportler sind keine Vorbilder!“

Aus diesem Grund – und damit komme ich zur Überschrift zurück – können laut Gebauer Spitzensportler keine Vorbilder sein. Er hat in meinen Augen recht, wenn er sagt, dass Top-Athleten sehr wohl als Modelle für konzentriertes und fokussiertes Arbeiten und eisernes Verfolgen eines Ziels herangezogen werden können. Aber Vorbilder in Sachen „Lebensführung“ können sie kaum sein. „Und wenn man der Meinung ist, sie sind Vorbilder unserer Jugend, kommt man auf den Gedanken, dass dieses Vorbild auch von sich aus frei fliegen kann, wenn es alleine gelassen wird“, so der Sportphilosoph weiter. Das sei aber in der aktuellen Situation des Spitzensports in Deutschland nicht der Fall.

Als Teil dieses Systems frage ich mich, wie ein Vorbild definiert werden sollte? Der Duden beschreibt „Vorbild“ als eine Person oder Sache, die als [idealisiertes] Muster, als Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet. Sicherlich können auch Spitzensportler Vorbilder sein, aber in anderen Kategorien, zum Beispiel:

  • Menschlichkeit
  • soziales Engagement
  • Umgang mit Fehlern
  • etc.
Mehr zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Rolle von Trainern, Betreuern und Sportpsychologen

Aber wie sollen wir Coaches, Betreuer oder Sportpsychologen mit der übergeordneten Frage umgehen: Sollen wir unseren Schützlingen weiter ruhigen Gewissens vermitteln, dass sie es bis nach oben schaffen können? Ist dieser Werdegang erstrebenswert und ist es überhaupt ethisch vertretbar, trotz besserem Wissens Jugendliche in eine Richtung zu lenken?

Ich denke, wir sollten in diesem Zusammenhang auch über das Thema Wertigkeit sprechen. Jeder Mensch ist gleich viel Wert und das gilt auch für Sportler, die den Sprung an die Spitze nicht schaffen. Wir sollten vermitteln, dass es durchaus legitim ist, seinen Träumen zu folgen, aber eben auch aufzeigen, dass ein Scheitern nicht degradierend wirkt. Fahrlässig finde ich die Vermittlung, alles auf eine Karte zu setzen und keinen Gedanken beziehungsweise Energie bezüglich eines „Plans B“ zu verschwenden.

Durchbeiß-Kreislauf

Ähnliches sehe ich übrigens auch bei vielen Jugendtrainern. Wenn du dich „durchbeißt“, kannst du es bis nach oben schaffen. Zwei Punkte gehen dabei verloren:

  • Zum einen wird als absolutes Ziel ausgegeben, dass man es erst dann geschafft hat, wenn man mit Vollprofis, am besten in der Bundesliga arbeitet. Der Jugendbereich und der Status „Jugendtrainer“ nimmt an Wertigkeit ab.
  • Zum anderen passiert aufgrund dessen folgendes: Jeder Jugendtrainer, der sich durchbeißen will, wird versuchen, durch Erfolg aufzufallen. Und dort beginnt der Kreislauf. Erfolg ist maßgeblich und das schon ab dem Kindesalter.

Redebedarf geweckt?

Lasst uns darüber gern weiter diskutieren: Hier findet ihr die Kontaktdaten meiner Kollegen (zu den Profilseiten) und von mir (zur Profilseite von Johannes Wunder).

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Quellen:

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