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Ole Fischer: Tipps für Trainer, die nach der Feuerwehr anrücken – Am Beispiel von Dieter Hecking beim Hamburger SV

Der Hamburger SV befindet sich seit Jahren in einem Teufelskreis: Neue Trainer, neue Spieler, alles steht auf Angriff. Kaum geht es richtig los, kommt die nächste Krise und die Spirale beginnt von vorn. Nun versucht sich mit Dieter Hecking ein erfahrener Bundesliga-Trainer am HSV. Und weil ich Hamburger bin und mir der Verein nicht egal ist, formuliere ich ungefragt einen kleinen Ratschlag, der unter ähnlichen Vorzeichen gern auch bei anderen Vereinen mit einer Drehtür zum Trainerzimmer angewendet werden darf. Eines Vorab: Es geht um Vertrauen.

Zum Thema: Vertrauensbildende Maßnahmen für Trainer

Mehr Infos zu Ole Fischer: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Um es metaphorisch zu umschreiben: Das Haus dampft noch. Ein neuer Trainer wie Dieter Hecking kann sich also gerade zu Anfang noch ziemlich leicht die Füße verbrennen oder mit unüberlegten Handlungen sogar Brandherde neu entfachen. Deshalb müssen die Stellen, an denen es zuletzt „gefunkt“ hat, zunächst aufgeräumt werden. Setzen Sie sich am besten zu ehrlichen Gesprächen mit den Beteiligten an einen Tisch und beginnen mit der Problemanalyse der vergangenen Monate. Achten Sie dabei darauf, dass Problemfelder, die Sie auch betreffen, erkannt und bearbeitet werden. Oft geschieht es nämlich, dass neue Trainer sich in Angelegenheiten einmischen, die mit der Entlassung des Vorgängers schon Geschichte waren. Und das ist eine brandgefährliche Situation. Anschließend sollten die jeweiligen individuellen Ziele besprechen und dem Wohl des Vereins unterordnen. Kurzum: Nach einem Hausbrand ist eine umsichtige Sanierung notwendig.

Die Sportpsychologie ist für diese Thema übrigens ein guter Mediator. Konkret: Bei einem Krisengespräch helfe ich (zum Profil von Ole Fischer, zu  den Profilen der anderen Kollegen und Kolleginnen) als neutraler Vermittler dabei, eine sachliche Gesprächsführung zu garantieren und bemühe mich, eine konstruktive Beilegung des Konfliktes zu bewirken.

Für diesen ersten Schritt bedarf es sehr viel Mut aber auch Einfühlungsvermögen von Seiten des Trainers, der in einem neuen und zunächst fremden Umfeld für Struktur sorgen möchte.

Vertrauen entsteht durch Erfahrung

Als renommierter Bundesligatrainer bekommt Dieter Hecking vom neuen Team einen relativ großen Vertrauensvorschuss, der für Coaches, die vergleichsweise neu im Geschäft sind, natürlich weniger üppig ausfällt. Dennoch bleiben – einem ungeschriebenen Gesetz aus der Wirtschaft folgend – nicht mehr als 100 Tage Zeit, um den Grundstein für eine erfolgreiche Bindung zu legen und ein funktionierendes Teamgefüge aufzubauen. Frei nach dem Motto: „Mal sehen, was er so bewirken kann,“ werden Trainer in dieser Phase auf die Probe gestellt. Mein Tipp: Seien Sie wachsam, aber bleiben Sie authentisch. Wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, sprechen Sie es ruhig an!

Mein Kollege Lothar Linz beschreibt in seinem Buch „Erfolgreiches Teamcoaching“ die Prozesse der Vertrauensbildung innerhalb des Teams und zum Trainer. Als einen der Hauptfaktoren deklariert er die Authentizität. Wenn Sie sich dem Team so zeigen, wie Sie sind, mit Ihren Ideen vom Spiel, der Fürsorge für die einzelnen Mitglieder des Teams und der realistischen Selbsteinschätzung, der Richtige für den Job zu sein, haben Sie gute Chancen, dass die Spieler beginnen, Ihnen auch längerfristig zu vertrauen.

Entwicklung braucht Zeit

Fakt ist: Dinge brauchen Zeit, um zu wachsen. Diese Zeit haben neuer Trainer oft nicht – die Fans, der Verein, die Medien, die Spieler – alle machen Druck. Als Trainer stehen Sie unter Zugzwang. Versuchen Sie ab und an durchzuatmen, sich das Bild Ihrer Situationen einmal aus der Außenperspektive anzusehen und vergewissern Sie sich, dass alles nach Ihren Vorstellungen passiert.

Im Profisport muss Druck herrschen, um erfolgreich agieren zu können. Wichtig: Druck kann zu Höchstleistungen antreiben, wenn er richtig verarbeitet wird. Jede Partei sollte allerdings wissen, unter welcher Anspannung der andere steht und wie bei einzelnen Aufgaben Unterstützung aussehen kann, ohne dass dabei eigene Interessen komplett missachtet werden. Das wird schnell komplex. Als Trainer ist es Ihre Aufgabe, hier den Überblick zu bewahren. Viel Erfolg!

Mehr zum Thema:

Literatur:

Linz, L. (2004). Erfolgreiches Teamcoaching. Aachen: Meyer & Meyer

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Miriam Kohlhaas: Wenn die Ente wieder schwimmen lernt – das Selbstexperiment

Wenn Sportler aus heiterem Himmel eine schwerwiegende Verletzung trifft, dann ist dies häufig ein derber Einschnitt. Was passiert aber, wenn einer sportpsychologischen Expertin ein vergleichbares Schicksal ereilt? So geschehen bei Miriam Kohlhaas, die am Umgang mit ihrer Verletzung und den damit verbundenen Weg zurück für euch, liebe Sportler, nutzen will. Aber lest mehr…

Wer übrigens die ersten beiden Teile der Mini-Serie verpasst hat, darf das hier nachholen: Teil 1: Miriam Kohlhaas: Officer Down – das Selbstexperiment (Link), Teil 2: Miriam Kohlhaas: Ich selbst bin die bewegende Kraft – das Selbstexperiment (Link).

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Direkt nach der Operation bekam ich für eine Woche eine Aircast Schiene, die vom Knöchel bis zum Oberschenkel ging. Na Bravo! Das war wie ein Holzbein, welches an mir dranhing. Besonders nachts ist diese riesige Schiene nicht zu empfehlen – was aber sein muss, muss eben sein. Und dennoch: Ich hasste sie! Sie nahm mir Freiheit, Eigenständigkeit und gutes Wohlbefinden.

Etwa eine Woche später, durfte ich auf eine Metallschiene wechseln, die sich immerhin 60 Grad beugen ließ. Ich erinnere mich gut daran, wie ich sie das erste Mal Wechseln durfte. Aber: Ich traute mir ohne Physio diese Beugung meines Knies nicht zu. Noch nicht einmal, die neue Schiene anzuprobieren. Zwischenstand: Dieses Bein war für mich mehr denn je wie ein Fremdkörper!

Wachsendes Verhältnis zur Schiene

Drei Wochen später durfte der Radius auf 90 Grad erweitert werden – welch eine Freude! Diese Einstellung begleitete mich nun wochenlang und die Schiene und ich wurden irgendwie, unerwartet, Freunde. Die zu Beginn so verhasste Einschränkung gab mir plötzlich Sicherheit. Die Vorstellung, ohne sie zu sein, machte mir Angst. Meine Gedanken zu dieser Zeit: Was, wenn ich falle, stolpere oder umknicke? Was, wenn ich mehr beugen würde als 90 Grad?

Und als der Arzt dann irgendwann zu mir sagte: „Jetzt muss die Ente wieder schwimmen lernen – leg deine Schiene ab!“ – löste das nicht etwa Freude in mir aus. Aber wie Recht er doch hatte! Die Ente ist dazu bestimmt, zu schwimmen, genau wie mein Bein dazu bestimmt ist, zu laufen.

100%-iges Vertrauen?

In dieser Phase wurde mir klar, wie es sich für die Athleten anfühlt, wenn jemand nach einer schweren Verletzung etwas von 100%-igem Vertrauen erzählt. Das Vertrauen muss erst wieder wachsen, so wie sich der Muskel wieder aufbaut. Es braucht Zeit und wichtige Erlebnisse wie das erste Training, das erste Spiel! Da geht es dann um das Gefühl und die Sicherheit, dass alles hält.

Und ich kann euch sagen: Erst als die Schiene ein paar Tage weg war, hatte ich überhaupt die Möglichkeit, mir und meinem Bein mehr und mehr zu vertrauen. Ich spürte, wie die Sicherheit wieder zurück in mich selbst wanderte und ich von einem äußeren Faktor unabhängig wurde.

Besonderer Talisman

In meiner Arbeit mit verletzten Athleten hatte ich schon mehrfach Anrufe, dass Sportler ihre Schiene zum Spiel mitnehmen wollten. Dies aber in einer Phase nach einer Verletzung, in der es eigentlich längst ohne Schiene ging. Sie hatten die Unsicherheit, die Schiene plötzlich brauchen zu müssen.

Und auch das Gefühl kenne ich nun aus eigener Erfahrung. Und ganz ehrlich, meine Schiene fährt nun immer in meinem Auto mit, falls ich sie plötzlich mal brauche. ?

Natürlich sage ich mir, was ich auch meinem Athleten in diesem Moment sage: Du wirst sie nicht brauchen! Aber gibt sie Dir Sicherheit, dann nimm sie mit! In diesem Sinne habe ich ab jetzt mein ausgepacktes Geschenk in mir fest verankert. Meine Schiene ist aber immer parat.

Und so schwimmt sie wieder, die Ente!

Und es fühlt sich so wahnsinnig gut an!

All ihr wundervollen verletzten Sportler, was gibt euch Sicherheit und Halt?

Mehr zum Thema:

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Dr. René Paasch: Rundum fit in die neue Saison – Teil 1: Teamentwicklung

Neuzugänge, nachgerückte Nachwuchsspieler und einige schmerzende Abgänge. Das Gesicht nahezu jeder Mannschaft verändert sich im Sommer erheblich. In einer Mini-Serie will ich Trainer, Funktionäre und auch Spieler für wichtige Prozesse vorbereiten, in denen die Sportpsychologie ganz effektiv helfen kann. Wir starten mit der Phase der Hinführung zum Saisonstart, in der aus “sehr unterschiedlichen Gruppen” eine Mannschaft geformt werden sollte. Eine Herausforderung, die jeder Trainer kennt, unabhängig ob er ein Team auf den Bundesligastart oder auf eine Freizeitsportsaison vorbereitet. Eine Phase, in der aber allzu oft vermeidbare Fehler gemacht werden.

Zum Thema: Kohäsion in Mannschaften entwickeln und stärken (Teil 1: Teamentwicklung)

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Eine umfangreiche Mannschaftsentwicklung im Fussball zählt zu „DEN“ entscheidenden Erfolgsfaktoren. Eine Vielzahl von Studien und praktische Erfahrungen bestätigen immer wieder, dass Sportler, die in einem funktionierenden Team arbeiten, leistungsfähiger, verantwortungsvoller und motivierter sind. Sie erleben die Vorteile einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit. Ob im Nachwuchs- oder Profifussball, ein ganzheitlicher, reibungsloser Ablauf und eine gute Teamarbeit sind von außerordentlich hohem Wert. Oft sehen wir im Fussball Mannschaften, die sich in kürzester Zeit zusammenfinden und performen müssen, ohne Teamprozesse durchlaufen zu haben. Echte Mannschaften hingegen unterscheiden sich in ihrer Langfristigkeit, in ihrer Struktur und in ihren Prozessen deutlich von “Zweckgemeinschaften”. Sie verfügen über ambitionierte Trainer, die besonders die Wechselwirkungen zwischen Leitung, informeller Führung und Teamdynamik in dynamischer Balance halten. Sie können die wesentlichen Faktoren in den Teamentwicklungsphasen bewusst beachten und die wesentlichen Problemfelder der Teamarbeit erkennen.  

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/

Bevor wir uns jedoch näher mit dem Thema Gruppe beschäftigen, sollten Sie sich mit Vereins- und Teamanliegen statt Zielen kümmern. Es geht um ein übergeordnetes langfristiges Ziel, das einen besseren Zustand oder Platzierung verspricht. Dabei sind Ziele, die man erreichen kann, nur zum Teil sinnvoll. Denn hat man diese erreicht, ist auch die langfristige Orientierung nicht mehr vorhanden. Was wirklich Orientierung bietet, ist ein Anliegen, welches begeistert und verbindet. Was dahinter steckt, beschreibe ich hier:

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2019/06/03/dr-rene-paasch-anliegen-statt-ziele-was-trainer-funktionaere-und-spieler-ueber-den-trend-wissen-sollten/

Gruppenkohäsion

Seit wir auf eigenen Beinen stehen, sind wir in einer Vielzahl von verschiedenen Gruppen (Familie, Kita, Clique, Sportverein) zugehörig. In den genannten Gruppen treten wir mit jedem Mitglied direkt in Kontakt. Als ein Charakteristikum der Gruppe wird häufig die Gruppenkohäsion, das sogenannte Wir-Gefühl, angegeben, welches die empfundene Bindung jedes einzelnen Individuums mit der Gruppe widerspiegelt. Es kann ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein. In der Sportpsychologie wird in der Regel das theoretische Modell der Gruppenkohäsion von Albert Carron und Kollegen (Brawley und Widmeyer, 1998) verwendet. Laut Modell lässt sich Gruppenkohäsion in vier verschiedene Faktoren aufteilen. Zum einen kann man zwischen aufgabenbezogener und sozialer Kohäsion unterscheiden. Zum anderen wird die Gruppe als Ganzes betrachtet sowie der Einzelne im Kontext der Gruppe.

Ein anderes praktikables Konzept der Teamentwicklung für den Sport ist das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau (2005b). Dieses integrative Training vereint die praktische Wechselwirkung zwischen sportlichem Training, Wettspiel und sozialer Entwicklung der Mannschaft. Des Weiteren nutzt das TET personen- und gruppenzentrierte Maßnahmen, die auch Veränderungen organisatorischer Strukturen einschließen.

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/06/03/dr-rene-paasch-mit-gruppenbildung-zum-erfolg/

Egal wie viele Kräfte auf eine Mannschaft einwirken, ohne das Vorhandensein eines sich „zusammengehörig fühlen“ ist es zwar möglich, bei hohen Ansprüchen gute Leistungen zu erbringen. Die Qualität jedoch steigt erst mit dem Entstehen, Wachsen und Reifen. Dabei handelt es sich um einen Prozess, der solange andauert, solange es die Gruppe gibt. Hier einige Anregungen wie Sie die Kohäsion Ihrer Mannschaft steigern können:

  • Förderung von Interaktion und Nähe. Regelmäßiger Kontakt fördert die gegenseitige Sympathie, wenn Ähnlichkeit wahrgenommen wird. Zudem kommt die starke Vernetzung und Interaktion der Teammitglieder auch der Leistung zu Gute.
  • Förderung von Erhöhung der gemeinsam verbrachten Zeit und Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten, beispielsweise durch Infrastruktur (z.B. gemeinsame Räumlichkeiten) oder Trainings (z.B. Kommunikationstraining).
  • Sichtbarmachen der Teamzugehörigkeit etwa durch eine gemeinsame Identität und gemeinsame Rituale und Aktivitäten.
  • Steigerung des Ansehens des Teams, zum Beispiel durch stark erschwerten Zugang für neue Spieler in Form von strengen Auswahlkriterien und Anforderungen. Auch das Herausstellen kleiner Erfolge des Teams steigert die Zufriedenheit und den Stolz der Spieler. Erfolge sollten benannt und gefeiert werden.
  • Die Betonung von Gemeinsamkeiten innerhalb des Teams, sowie von Unterschieden nach außen fördert das Wir-Gefühl.
  • Gewährleistung einer gewissen Homogenität und Identität. Je ähnlicher sich die Spieler in Werten und Persönlichkeit sind, desto stärker ist im Durchschnitt der Zusammenhalt. Die Spieler können sich so stärker miteinander identifizieren.
  • Partizipation bei der Auswahl der Spieler fördert die gegenseitige Akzeptanz. So wird vermieden, dass Sie in ein Team kommen, mit denen die anderen sich nicht identifizieren können.
  • Förderung der Akzeptanz von gemeinsamen, übergeordneten Teamzielen. Wenn die Ziele nicht akzeptiert werden und nicht überzeugen, ist die Mitgliedschaft in einem Team nicht attraktiv.
  • Vermeiden von Ungerechtigkeitsgefühlen, denn diese untergraben die Attraktivität der Mitgliedschaft im Team.
  • Konflikte auf der Sachebene sind notwendig, um innovativ zu bleiben. Konflikte auf der Beziehungsebene zerstören aber die Kohäsion in Teams, insbesondere, wenn sie chronisch sind.

Nicht jede Maßnahme wird im konkreten Einzelfall sinnvoll oder machbar sein. Die Liste kann Trainern helfen, für ihre Mannschaft geeignete Maßnahmen zu identifizieren und auszuwählen sowie Risiken für den Zusammenhalt zu erkennen und abzustellen.

Fazit

Auf dem Weg zu einem echten Team sind vielerlei Aufgaben und Schwierigkeiten zu meistern. Vor allem die effektive Bewältigung der Probleme aus dem sportlichen Bereich dürfte entscheidend für den nachhaltig wirksamen Erfolg sein. Für echte Teams ist es besonders wichtig, die Kernfaktoren der einzelnen Entwicklungsphasen zu kennen und diese in der Steuerung zielorientiert zu beachten. In besonderer Weise sei darauf hingewiesen, dass Vereine aus „zeitökonomischen“ Gründen die ersten Phasen überspringen und gleich mit der Leistungs- und Ergebnisphase beginnen wollen. Phasenweise zeigt sich dann, dass die Mannschaft unsicher wirkt und primär mit sich beschäftigt ist, weil ihr die positive Bewältigung der davor liegenden Entwicklungsphasen fehlt. Ebenso benötigen auch für kurz- oder mittelfristig zu erreichende Ziele zusammengesetzte Mannschaften genügend Zeit, um zur eigentlichen Leistungsstufe zu gelangen. In professionellen Teams, in denen Teambildung, -entwicklung und -stärkung von Trainern bewusst initiiert, begleitet und gestaltet werden, ist fast immer das gleiche Grundprinzip deutlich erkennbar: „TEAM bedeutet für uns: Together Everyone Achieves More“.

Mehr zum Thema:

Literatur

  1. Carron, A.V., Brawley, L.R., & Widmeyer, W.N. (1998): The measurement of cohesivenessin sport groups. In J.L. Duda (Ed.), Advances in sport and exercise psychology measurement
  2. Haug, Christoph, V. (2003): Erfolgreich im Team. München: Beck-Verlag, 2003, 3.Aufl.
  3. Lau, A. (2005a): Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  4. Siegfried Nagel, Torsten Schlesinger: Teamentwicklung in Sportspielmannschaften des Hochleistungssports. In: Pawlowsky, Mistele (Hrsg.): Hochleistungsmanagement. Leistungspotenziale in Organisationen gezielt fördern. Wiesbaden 2008, S. 382.

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Cristina Baldasarre: Mit neuen Lösungsansätzen aus der Dopingfalle?

Das Thema Doping steht spätestens seit den jüngsten Geschehnissen und Geständnissen rund um den österreichischen Ex-Skilangläufer Johannes Dürr konstant in den Medien. Vieles wurde bereits geschrieben und diskutiert. An der diesjährigen asp-Tagung in Halle an der Saale sprach Johannes Dürr vor sportpsychologischem Publikum über seine Geschichte. Es war sehr eindrücklich und hat mich zum Nachdenken gebracht.

Zum Thema: Kritische Auseinandersetzung mit der Erfolgsprämisse im Leistungssport

Mehr Infos zu Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

Ich werde mich hier nicht um die allseits bekannten Tatsachen, Spekulationen oder rein sportpsychologische Themen kümmern. Auch sei an dieser Stelle klar festgehalten, dass ich auch der Meinung bin, dass Dopingvergehen gebüsst werden sollten. Aber dieser Bericht dreht sich vielmehr um meine Überlegungen aus Sicht der systemischen Psychotherapeutin, rund um die durch Johannes Dürr personalisierte Geschichte, welche für mich beispielhaft für dieses komplexe Thema Doping steht.

Denn es geht nicht nur um Sportler, deren Umfeld sowie überhaupt das gesamte System, sondern am Ende um die Frage, wer als Täter fungiert und inwiefern diejenigen gleichzeitig auch die Opferrolle ausfüllen? Etwas zugespitzt: Was stand denn nun am Anfang – die Henne oder das Ei? Der Sportler, oder die Goldmedaille? Oder doch der Verband? Oder, oder, oder!

Meine eigenen Weltansichten?

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie geht davon aus, dass sich jeder Mensch seine eigene Welt konstruiert. Diese entsteht durch die Wahrnehmung ganz von selbst, als Folge der Wechselwirkung von Denken und Handeln zwischen Menschen und ist darum stets auch kontextabhängig. Es geht also immer wieder um Beziehungen. So gesehen nehme ich meinen Gegenüber immer durch meine eigene Brille meiner eigenen Wahrnehmung wahr (Reinhard).

Wie hat Dürr denn durch seine eigene Brille seine Welt wohl angeschaut?

Meine Ideen dazu tendieren in die Richtung, dass «seine» Welt und somit auch sein ganzes Selbst einzig und allein auf den Sport aufgebaut und ausgerichtet war. Nur der Maximalerfolg, z.B. Olympiasieger oder Weltmeister, schien gut genug zu sein. Hier spielt das System der Sportschule oder des Landesverbandes ganz klar stark mit hinein. Sein gesamtes sportliches Umfeld scheint nach dem Prinzip «steter Tropfen höhlt den Stein» konditionierend gewirkt zu haben. Ausgerichtet einzig und allein auf den Erfolg und den Sieg. Die Brille von Dürr wurde so fokussiert, dass alles auf dieses Endziel gerichtet war und alle dafür nötigen Handlungen in diesem System ihre Berechtigung fanden. Daneben gab es praktisch nichts anderes!

https://www.youtube.com/watch?v=703oK0SyGOc

Die beste Lösung?

Der systemische Ansatz geht weiter davon aus, dass alle Symptome immer Lösungsversuche sind, sich im eigenen System, sprich seinem Umfeld zurecht zu finden und zu überleben; wie auch immer! Zugegeben, manchmal haben die Lösungsversuche einen sehr hohen Preis (Reinhard). Auch wenn beispielsweise die Veränderungsmotivation so weit reicht, dass sich jemand von den eigenen Werten verabschiedet und tut, was er früher nie für möglich gehalten hätte. Also, die innere Balance aufgegeben wird.

Wenn also das Dopingvergehen das Symptom darstellt, was könnte sich Dürr dabei gedacht haben? Wofür war Doping da ein sinnvolles Verhalten?

Es lassen sich einige Hypothesen formulieren: Das war seine Lösung aus dem riesigen Dilemma, dem Druck wahrscheinlich sonst nicht standzuhalten. Oder um der Angst Herr zu werden, den Erfolg zum Schluss doch nicht zu kassieren, wodurch sein Selbstwert ins Bodenlose fallen würde, was bis hin zu existentiellen Krisen und Depressionen führen kann. Oder, oder, oder… um präzisere Antworten zu erhalten, bräuchte es persönliche Gespräche.

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Ex-Langläufer Johannes Dürr (links) und Schwimmer Paul Biedermann bei der asp-Jahrestagung 2019 in Halle/Saale (Foto: asp-Jahrestagung)

Sein Zitat aus einer Veröffentlichung von news.at verdeutlicht aber «…sechs Monate ohne Training, in denen er die Lust am Langlaufen wie ein Süchtiger zur absoluten Notwendigkeit überhöht. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich ohne meinen Sport tun soll“, erinnert er sich. „Da war nichts, und vor diesem Nichts hatte ich wahnsinnige Angst.“»

Wir könnten Symptome wie Rätsel betrachten, die es zu lösen gilt. Und gleichzeitig bringt uns das auf eine Metaebene des Betrachtens, weit weg von dualen Bewertungssystemen wie richtig-falsch oder gut-schlecht. Hin zur Erkenntnis, dass Symptome/Verhaltensweisen wie Doping ein Ausdruck von grösster innerer Ambivalenz und Not sind. Und darum die in dem Moment einzig möglich erscheinende Lösung dieses inneren Konfliktes darstellen (Liechti). Der Mensch als Gesamtpaket könnte sich auch für andere Lösungen entscheiden: die Palette reicht von Beenden der Leistungssportkarriere bis hin zu Suizid… der Organismus sucht sich einen Ausweg, hat dazu seine Ressourcen zur Verfügung (wie auch immer dieses ausdifferenziert sind), und macht was dazu nötig ist, um die unendlichen inneren Spannungen auszuhalten.

Warum darüber sprechen?

Dürr selbst meinte, es hätte ihn innerlich täglich verfolgt, mit dieser Lüge zu leben. Und das sei kein Zustand gewesen, den er auf Dauer aushalten wollte und auch nicht konnte. Denn sicher ist: Dort wo ich meinen Fokus hinrichte, da entsteht meine Wirklichkeit, meine Welt.

Mit einer solchen inneren Zerrissenheit und diesem inneren Erleben von Abhängigkeit sind immer auch grösste Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen verbunden. All das ist wiederum stets gekoppelt an massiver Schuld und Scham. Dies alles gehört aufgearbeitet sowie die traumatisierenden Anteile psychotherapeutisch behandelt! Ein Schritt dazu ist das Einnehmen einer Metaperspektive und das mentale Probehandeln.

Dürr könnte sich gefragt haben: Wie würde ich mich denn fühlen, wenn ich es erzählen würde? Was hätte das für Auswirkungen auf mein Leben? Wofür würde es überhaupt Sinn machen, darüber zu sprechen? Wie würde ich danach über mich selber denken? Und wie würde ich mich dann anders fühlen?

Dieses Hypothetisieren, auch mentales Probehandeln genannt, dient dazu, innerlich mehr Abstand zu gewinnen und dadurch wird ermöglicht, verschiedene Szenarien durchzuspielen und trotzdem in Sicherheit zu bleiben. Es ist ein erster Schritt, der Ambivalenzen aufdecken kann, woraus schon eine grosse Stressreduktion erfolgt und Entscheidungen danach besser getroffen werden können.

Wer ist anfälliger?

Die spannende Frage, warum gewisse Menschen in einem System dies und das Tun und andere im gleichen System nicht, liegt hier nahe. Ist es typenabhängig? Diese Meinung geistert doch stark in unseren Köpfen herum. Sowie auch die banal einfache Lösung dazu… «man muss halt stark bleiben und sich entscheiden, es nicht zu tun…». Wenn es doch nur so einfach wäre! Klar, kognitiv betrachtet stimme ich dem zu. Hingegen psychotherapeutisch und intrapsychisch betrachtet, gibt es da schon ein paar Nuancen mehr. Sicher ist, dass eine multikausale Erklärung ansteht und ich hier meinen persönlichen Versuch darlege, wie ich die Dinge sehe:

Urvertrauen

  • Ein erstes Augenmerk gilt dem entwicklungspsychologischen Konzept der sicheren Bindung und demjenigen des Urvertrauens. Die entstehen in den ersten Monaten und Jahren jeden Lebens und prägen uns Menschen sehr stark. Falls da etwas schief läuft, können unsicher gebundene Menschen weniger gut einschätzen, wer vertrauenswürdig ist und wer weniger. Das Selbstwertgefühl und die Liebesfähigkeit («Ich fühle mich geborgen») sowie das Vertrauen in andere («Ich vertraue dir») und das Vertrauen in die Welt («Es lohnt sich zu leben») entwickeln sich daraus (Wikipedia).
  • Das Urvertrauen erlaubt es dem Menschen weiter, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen. Es entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen, sich mit Selbstvertrauen in der Welt zu bewegen (Wikipedia).
  • Bildet sich das Urvertrauen mangelhaften aus (=unsichere Bindung), können dadurch Beziehungs- und Bindungsprobleme von Menschen miterklärt werden. Folgestörungen können Misstrauen, Depressionen, Angstzustände, Aggressivität u.a.m. sein. Solche Menschen sind viel anfälliger auf externe Versuchungen und auch einfacher dazu zu bringen Dinge so zu tun, wie andere es ihnen sagen.

Einschneidende Erlebnisse

  • Ein weiteres Augenmerk liegt auf sogenannten critical incidents, wie der Weggang von zu Hause in ein Sportinternat es sein kann: eben ein einschneidendes Erlebnis. In der Regel erfolgt dieser Umzug in der Pubertät, die entwicklungspsychologisch sowieso schon schwierig genug ist. Als Heranwachsender müssen Antworten auf die folgenden Fragen gefunden werden: Was für ein Mensch möchte ich sein? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Was finde ich gut und was nicht? Zu welcher Gruppe (peers) möchte ich gehören?
  • Auswirkungen sozialer Gefüge wie ein Sportinternat, in denen man während der Pubertät lebt, sind somit auch klar: Jugendliche schliessen sich der Gruppe an und passen ihre Einstellungen an, um sozial konform zu sein, sprich dazu zu gehören. Ein weiteres Risiko dabei können mangelnde Bezugspersonen sein: An wen kann sich der junge Sportler wenden, wenn er Ängste, Sorgen und Nöte hat? Sehr schnell werden dann z.B. Trainer, ältere Athleten, Physios oder Lehrer zu so etwas wie Vertrauenspersonen. Diese selber stecken aber auch in einem System und leben das.

Selbstbestimmungstheorie

  • Ein drittes Augenmerk möchte ich auf die Selbstbestimmungstheorie legen (Self-Determination Theory). Sie wurde von Deci & Ryan als Motivationstheorie entwickelt. Nach dieser Theorie hängt die Motivation für ein bestimmtes Verhalten immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Autonomie befriedigt werden können.
  • Frustrationen entstehen, wenn diese psychologischen Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Dies führt dabei je nach ihrer Art und Dauer zu unterschiedlichen Einschränkungen der Motivation für das betreffende Verhalten. Wenn z.B. das Leben vorwiegend fremdbestimmt ist (was im Spitzensport sehr oft der Fall ist), werde ich immer frustrierter, weil mein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung nicht erfüllt wird.
  • Dauert dieser Zustand über längere Zeit an, können die Folgen dabei von einfacher Verhaltensänderung (z.B. ich mache es im Versteckten) über die Entwicklung von Ersatzbedürfnissen (z.B. ich werde verbal ausfällig) bis hin zu selbstzerstörerischen Handlungen (z.B. Essstörung oder sich Ritzen) und völliger Antriebslosigkeit (Depression) reichen. Damit verbunden sind also stets Einbußen an Verhaltensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit.
  • Als Motivationstheorie liegen den Überlegungen von Deci & Ryan auch die intrinsische sowie extrinsische Motivation zugrunde. Sie haben daraus quasi ein Kontinuum gemacht, analog einem Regler den man von rechts nach links und wieder zurück schieben kann. Somit haben sie den Erlebensraum erweitert und es werden auch Zwischentöne der beiden genannten Motivationslagen möglich. Für meine therapeutische Arbeit ist die Beobachtung zentral, inwiefern diese genannten drei Grundbedürfnisse angestrebt werden und wie stark sie bereits erfüllt werden. Ziel ist es immer, möglichst viel an intrinsischer Motivation zu bekommen. Und diese ist dann am grössten, wenn die drei Bedürfnisse zur Zufriedenheit der Person erfüllt sind und diese sich in der Interaktion mit ihrer Umwelt kompetent und selbstbewusst fühlt. Daraus resultiert ein autonomes Verhalten (im Gegensatz zu fremdbestimmtem Verhalten), welches Kreativität und neue Lösungsstrategien ermöglicht.

Athletenumfeld

  • Und ein viertes Augenmerk möchte ich auf das Umfeld des Athleten richten, was einen wichtigen Punkt der systemischen Psychotherapie darstellt. Das System Spitzensport und dessen Umfeld sind sehr mächtig und lassen in aller Regel fast keinen Platz für eigene Wahlmöglichkeiten. Termin- und Wettkampfplanung und oft auch der restliche Lebensinhalt sind vorgegeben. Flexibilität und Autonomie sind kaum existente Konzepte. Bis hin dazu, dass Interviewinhalte und öffentliche Auftritte gesteuert werden. So auch die Trainingspläne, die oft genug zu wenig Erholungsphasen aufweisen, dafür Wettkämpfe ohne Ende. Und stets hat der Athlet motiviert und energiegeladen eine top Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
  • Es gibt 1000 Gründe warum das so ist, und ich möchte das auch nicht werten. Lediglich das Augenmerk auf die Konsequenzen richten, die sich daraus ergeben können: Weist ein Athlet in den oben genannten (oder auch weiteren, hier nicht genannten) Punkten erschwerende Bedingungen oder Defizite auf, dann fördert eben genau dieses Spitzensport Umfeld die Entwicklung von Symptomen aller Art, um mit dem inneren und äusseren Druck fertig zu werden.

What else…?

Lösungsversuche wie Doping sind nie nur rein kognitive Entscheidungen, sondern viel mehr emotionale. Darum braucht es für Athleten als Präventionsmassnahmen zusätzlich andere Ansätze, die Befindlichkeiten und Gefühle ansteuern.

Neben der Stärkung der Athleten in ihrer Persönlichkeit und ihren Copingstrategien (z.B. «cool and clean», ein Schweizerisches Nachwuchsprojekt), sollten auch Achtsamkeitsübungen und körpertherapeutische Übungen gelernt werden. Mit dem Ziel, einen anderen Umgang mit dem Thema Leistung und Erfolg zu erhalten, der die Herausbildung langfristiger, gesunder Verhaltensweisen stützt. Neben den Rangzielen müssten Trainer in eine persönliche Diskussion gehen und auch Ziele herausarbeiten wie: Wofür macht das alles auch noch Sinn? Was heisst es für den Athleten, Erfolg zu haben? Was neben der Goldmedaille könnte auch noch wichtig sein…? So wächst dann ein selbstsicherer Athlet heran, unabhängig seines Erfolges – aber genau dieses Selbstverständnis – «Ich bin gut so, wie ich bin!» – ist für langfristigen und gesunden Erfolg zentral!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/24/dr-rita-regoes-doping-und-die-paradoxie-der-fairness/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/08/christian-hoverath-trainer-entscheiden-bei-doping-vergehen-mit/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/11/dr-hanspeter-gubelmann-kranker-spitzensport-wenn-koenige-zu-aengstlichen-maeusen-mutieren/

Literatur

Cool and clean: https://www.coolandclean.ch/

Deci, E. L.  & Ryan, R. M. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55, 68-78.

Liechti, J. (2014). Entwicklungsprobleme in der Jugend. In: Tom Levold &  Michale Wirsching (Hrsg.), Systemische Therapie und Beratung – das grosse Lehrbuch. Heidelberg: Carl-Auer.

Reinhard, M., (2016). Systemisches Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und ihren Angehörigen im ambulanten und stationären Kontext. Seminarunterlagen zur Systemischen Psychotherapieausbildung am Institut für Entwicklung und Fortbildung IEF in Zürich.

https://www.news.at/a/news-doping-duerr-10683091

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen

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Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann: Der Kopf steuert sowieso alles

Unsere Profilinhaberinnen Anne Lenz (zum Profil), Kathrin Seufert (zum Profil) und Lisa König (zum Profil) waren bei der 51. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Halle/Saale auf Stimmenfang. 

Zu Wort kommen ganz unterschiedliche Besucher der dreitägigen Veranstaltung. Neben Tagungsgastgeber Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) unter anderm  Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, Dr. Babett Lobinger, Markus Gretz (zum Profil), Ole Fischer (zum Profil), Dr. Michele Ufer, Katja Kramarczyk (zum Profil) Monika Liesenfeld, Henning Thrien, Johannes Dürr und Paul Biedermann.

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Weitere Informationen

Mehr Videos von Die Sportpsychologen:

Zur Video-Seite: https://www.die-sportpsychologen.de/videos/

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Umfrage: Ethik und Sportpsychologie

Egal ob bei der Podiumsdiskussion mit Hajo Seppelt, Johannes Dürr, Paul Biedermann und Prof. Dr. Ralf Brand oder in den Praxisworkshops, den Arbeitskreisen oder den Gesprächen am Rand der Veranstaltung. Das Thema Ethik war bei der 51. asp-Jahrestagung in Halle an der Saale allgegenwärtig.

Zeitlich mehr als passend wurde nun von Dr. Babett Lobinger, als Ansprechpartnerin der Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie (asp) für den Bereich der Angewandten Sportpsychologie in Fragen der Berufsethik, ein Fragebogen zu ethischen Überzeugungen in der Sportpsychologie veröffentlicht. Ziel sei es, so betont asp-Vizepräsidentin Dr. Babett Lobinger,  ein möglichst aussagekräftiges Bild des Berufsstands Sportpsychologie in Bezug auf ethische Fragen zu erhalten.

Link zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/ethik-sportpsychologie/

Wir von Die Sportpsychologen sind bereits auf die Ergebnisse der Studie gespannt.

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Johanna Constantini: Soziale Medien im Sport – Chance oder Risiko?

Im Rahmen der 51. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Halle durfte ich einen Vortrag zu „meinem“, nämlich dem Thema des Umgangs mit digitalen & sozialen Medien in der modernen Sportpsychologie halten. Die Leitfrage: Bieten uns soziale Medien allerhand Chancen oder stellen sie ein zu hohes Risiko in der Arbeit mit Athleten dar?

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Weitere Informationen
Johanna Constantinis Beitrag zum Hören

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Eines sei vorweg genommen: So ganz schwarz oder weiß kann diese Frage wohl kaum beantwortet werden. Dies rührt unter anderem daher, dass wir als Anwender nach wie vor zu den Early Adopter der neuen Technologien gehören (Spitzer, 2017). Dieser Begriff beschreibt eine Generation, die mit technologischen Neuerungen aufwächst bzw. in deren Anwendung „hineinwächst“. Chancen und/oder Risiken können dabei (noch) nicht adäquat abgeschätzt werden. Dies liegt zum einen an der fehlenden Erfahrung und zum anderen an nur wenigen Untersuchungsergebnissen, die es bisher zum Langzeitgebrauch sozialer Medien gibt.

So manche Studie existiert jedoch bereits, um den eigenen Gebrauch und den der Athleten grob einordnen zu können. In meinem aktuellen Blog zum Thema möchte ich diese Untersuchungen, die auch Teil meines Vortrags waren, nochmals anhand drei wichtiger Themen verdeutlichen.

  • Vom Vergleich in sozialen Medien
  • Eine Frage der Generationen – wer postet, wie ich bin?
  • Impulse kontrollieren und Selbstwirksamkeit erhöhen

Vom Vergleich in sozialen Medien

Es ist beispielsweise belegt, dass User in sozialen Medien zur sogenannten Upward Social Comparison neigen. Diese äußert sich darin, dass sich die Nutzer der modernen Medien eher mit jenen vergleichen, die sich vermeintlich „besser“ darstellen, als sie sich selbst fühlen. Im Zuge dessen kommt es bei jenen, die sich vergleichen zu einem Phänomen, dass sich pluralistische Ignoranz nennt.(Chou & Edge, 2012)

Darunter versteht man, dass Menschen sich ihre eigenen Stärken im Prozess des Vergleichs wenig bis gar nicht verdeutlichen können. Über den fast unvermeidlichen Vergleich in sozialen Medien – sei es mit dem unmittelbaren Konkurrenten, der gegnerisches Mannschaft oder dem eigenen Teamkollegen – steigt demnach das Risiko für die Abwertung des eigenen Selbstwerts. Und was dies für den Sportler selbst bedeutet, sollten Sportpsychologen bestens wissen…

Eine Frage der Generationen – wer postet, wie ich bin?

Die Generationenfrage wird sehr gerne als Vorwand verwendet, um „die Jungen mit ihren Handys“ anzuklagen. Doch weiß man um die durchschnittliche Online-Präsenz Neugeborener – die liegt nämlich bei rund sechs Monaten – so wird schnell klar, wer hier wen postet. (Stamoulis, 2011) Es sind auch nicht mehr nur „diese Jungen“, die sich auf Facebook tummeln und ihre Nachrichten aus den Social Media Kanälen ziehen. Es sind immer ältere Generationen, denen die Nutzung sozialer Medien – und dies sei generell nie ausgeschlossen – zum Teil auch förderlich ist! Nämlich um dazuzugehören, sich mit den jüngeren Generationen austauschen zu können und mit der Zeit zu gehen.

Auch in Sportvereinen wird oftmals von verschiedenen Seiten gepostet und geteilt. Daher ist es vor allem innerhalb von Teams wichtig, die Regeln für die Online-Präsenz genau zu klären. Wann wird gepostet? Wer postet? Was darf berichtet werden? Wo bleiben die Handys auch gerne mal aus?

Auch in Bezug auf diesen Punkt ist es nicht das allgemeine Verbot, das zur Handynutzung vorherrschen sollte. Vielmehr sind es Strategien, die als Teil der modernen Sportpsychologie genauso erarbeitet werden müssen, wie alltägliche Wettkampfroutinen.

Impulse kontrollieren und Selbstwirksamkeit erhöhen

Für Sportler ist vor allem das Wissen um ihre eigenen Kompetenzen wichtig. Daher gilt es im Zeitalter der digitalen Moderne mehr als je zuvor, die vermeintlich unkontrollierten Impulse besser zu kontrollieren zu lernen. „Wann und wie greife ich zum Handy?“, „Wann dient es mir womöglich als „Schutzschild vor der Außenwelt?“ (Diefenbach & Ullrich, 2014) „Wann sollte ich lernen, es auch mal wegzulegen?“ „Wie gehe ich unmittelbar vor dem Wettkampfstart am besten damit um?“

Fragen über Fragen, die moderne Sportpsychologen im Sinne der Impulskontrolle – und an dieser Stelle sei gesagt, dass sich die Smartphone Sucht bis heute hauptsächlich als „Impulskontrollstörung“ (ICD – 10, 2019) klassifizieren lässt – lernen sollten zu stellen.

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:

Quellen:

Chou, H.-T. G., & Edge, N. (2012). “They are happier and having better lives than I am”: The impact of using Facebook on perceptions of others’ lives. CyberPsy- chology, Behavior & Social Networking, 15, 117–121
ICD – 10, 2019

Spitzer, M. 2017. Cyberkrank. Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Taschenbuch. Deutschland

Stamoulis, K. (2011). The digital lives of babies. The Amplifier. Spring/Summer 2011, 4-5

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Ole Fischer: „You can do this!” – Eine Kurzanleitung für Selbstgespräche

Wir sind hier ja unter uns. Insofern sage ich es jetzt ohne vorgehaltene Hand: Sportler führen Selbstgespräche! Leider ist die Qualität der Selbstgespräche aber oft schlecht – im Sinne von: wenig zielführend. Dabei sind Selbstgespräche ein richtig gutes Werkzeug, um die eigene Leistung zu verbessern. Ich erkläre mal, wie Sie sich darin ausprobieren können.

Zum Thema: Selbstgespräche als „Brain Tuning“ im Sport

Was sagen Sie sich eigentlich, wenn Sie mit sich auf dem Sportplatz, auf der Strecke oder im Ring sprechen? Fakt ist: Sie reden mit sich, auch wenn Sie es nur denken. Ihr innerer oder verbalisierter Monolog begleitet Ihre Handlungen und Bewegungen. Dabei kann er Sie unterstützen oder auch hinderlich wirken.

Beobachten Sie, was in verschiedenen Situationen in Ihrem Innern geschieht, getreu dem Motto „Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“. Als schlechte Selbstgespräche bezeichnet man solche, die mit negativen Konsequenz-Erwartungen einhergehen – Sie erwarten, dass Sie scheitern. Hier einige Beispiele aus der Sportart Golf dazu:

Negative Selbstgespräche (Beispiel Golf):                               Notizen
„Aufpassen, nicht zu lang”
„Mein Kurzspiel ist schon immer schlecht gewesen.“
„Heute schlage ich alles in die Büsche.“
„Ich habe zurzeit kein Gespür für den Ball.“

Schreiben Sie doch mal kurz auf, welche negativen Selbstgespräche Ihnen einfallen und in welchen Situationen sie vorkommen.

Selbstgespräche ändern

Einen Pep Talk nennen die Amerikaner jenes Motivationsgespräch, welches zu höheren Leistungen anstachelt. Sich selbst zu motivieren, fällt leichter, wenn man weiß, worauf man achten muss:

  • Abstand von negativen Formulierungen, denn Forschungen zeigen: nicht & nie kann der Verstand nicht immer sachgemäß interpretieren
  • positive Erwartungen verbalisieren – „Ich kann, „ich weiß“, „ich werde“
  • sich selbst durch Resultate ermutigen – „Ich treffe diesen Wurf mit 90 prozentiger Sicherheit.“
  • alle Kommunikationskanäle nutzen – Die Körpersprache spielt eine starke Rolle bei der richtigen Anwendung von Selbstgesprächen (Kopfschütteln oder Siegerpose?)
  • Selbstgespräche mit Feedback kombinieren – dies steigert die Konzentration und Leistung

Für unsere Beispiele aus dem Bereich Golf funktioniert dies folgendermaßen:

Negative Selbstgespräche:   Positive Selbstgespräche:                           
„Aufpassen, nicht zu lang”
„Mit diesem Schwung treffe ich.“
„Mein Kurzspiel ist schon immer schlecht gewesen.“„Jeden Tag verbessere ich mein Kurzspiel.“
„Heute schlage ich alles in die Büsche.“„Jeder macht Fehler – konzentrier dich auf den nächsten Schlag.“
„Ich habe zurzeit kein Gespür für den Ball.“„Ganz ruhig! Dein Rhythmus ist Schwingen, zwei Schritte an den Ball, Atmen, Schwingen!“

Selbstgespräche optimieren

Mehr zum Autor: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Die Wirksamkeit von Selbstgesprächen verbessert sich mit der Häufigkeit ihrer Verwendung. Außerdem sollten Sie darauf achten, welche Form von Selbstgesprächen für Sie am besten funktioniert. Ist es besser, wenn Sie sich den Druck etwas nehmen oder brauchen Sie die Herausforderung, um konzentriert zu bleiben? Das mentale Training ist ebenso wichtig wie das körperliche – gerade für Topleistungen.

Durch die ständige Wiederholung der Selbstgespräche festigen sich die jeweiligen Effekte. Zeitnahe genügt es, an das Selbstgespräch nur noch grob zu denken, um sich in den gewünschten Zustand zu versetzen. Dann reichen schon einige Schlagworte im Kopf (sogenannte Knotenpunkte), um den positiven Gedankenfluss anzuregen und die Konzentration zu fördern.

Im Beispiel des letzten Golfspruchs wäre dies: „Ruhig – Schwingen – Schritt – Atmen – Schwingen!“

Üben, üben, Üben

Wir von Die Sportpsychologen sind gern bereit, mit Ihnen an dem Thema zu arbeiten. Ob sich einer meiner Kollegen oder eine Kollegin in ihrer Nähe befindet, sehen Sie hier: Übersicht Profilinhaber aus Deutschland, Österreich, Schweiz. Gern stehe ich auch persönlich für Rückfragen oder Kontaktaufnahmen bereit: Zum Profil von Ole Fischer.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Eberspächer, H. (2001). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler. München: Copress

Gührs, M. & Nowak, C. (2006): Das konstruktive Gespräch. 6. Auflage. Meezen: Limmer.

Hatzigeorgiadis, A., Zourbanos, N., Galanis, E., & Theodorakis, Y. (2011). Self-talk and sports performance: A meta-analysis. Perspectives on Psychological Science, 6, 348-356

Kleinert, J. (Hrsg.) (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise: Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen, München: blv.

Latinjak,A., Torregrosa, M. & Renom, J. (2011). Combining selftalk and performance feedback: Their effectiveness with adult tennis players. The Sport Psychologist, 23, 543-561

Riley, P. (1993). The winner within. New York: Berkley.

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Dr. René Paasch: Anliegen statt Ziele – Was Trainer, Funktionäre und Spieler über den Trend wissen sollten

Für Trainer gilt es als eine der wichtigsten Aufgaben, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Doch ist dieses Vorgehen, sind Ziele überhaupt noch zeitgerecht? Häufig erlebe ich, dass viele Sportler und Trainer nur sehr schwer damit umgehen, wenn Ziele erreicht werden. Immer wieder kommt dann die Frage auf, was nun eigentlich käme? Aber es geht auch anders: Wenn Trainer, Verantwortliche und Spieler anstelle von Zielen gemeinsame Anliegen formulieren. Der Vorteil: Anliegen provozieren mehr Orientierung und Glück als kurzfristig fremdgesteuerte Ziele. Dieser Beitrag soll Trainern, Funktionären und Führungsspielern helfen, genau diesen Gedanken schon in der Vorbereitung zur neuen Saison zum Leben zu erwecken.  

Zum Thema: In der saisonalen Vorbereitung Anliegen entwickeln 

Die moderne Psychologie hat sehr fundiert nachgewiesen, dass jeder Versuch, einen Menschen durch das „in-Aussicht-stellen“ von Belohnungen oder durch die Androhung von Bestrafungen zu „motivieren“, zwangsläufig zu einer Unterdrückung seiner intrinsischen Motivation führt. Je mehr von außen gedrückt wird, desto weniger kommt von innen an die Oberfläche. Menschen sind eben keine Quetschbeutel, die sich nach Belieben benutzen lassen.

„Wir brauchen Profivereine,
deren Trainer und Spieler einander einladen,
ermutigen und inspirieren, über sich hinauszuwachsen.“

Dr. René Paasch

Denken wir an die Isländer bei der EM 2016: Ihr Weg bis ins Viertelfinale ist uns sicher allen in Erinnerung geblieben. In Island ist dieses Turnier zu einem historischen Ereignis geworden. Ein Zehntel der Bevölkerung reiste spontan zur Fußball-EM nach Frankreich. Der Rest der Nation saß vor den Fernsehern oder traf sich auf öffentlichen Plätzen. Mit ihrem beherzten Spiel war das unbekannte Team die große EM-Überraschung. Offenbar liegt dort das Geheimnis für großartige und nachhaltige Leistungen – denn die Isländer jagten nicht irgendeinem Ziel hinter, sondern sie verfolgten ein Anliegen.

Ziele sind gar nicht so erstrebenswert

Demgegenüber setzen sich Vereine und Mannschaften häufig eigene Schwerpunkte und berücksichtigen dabei nicht den Einzelnen: Es geht um ein übergeordnetes langfristiges Ziel, das einen besseren Zustand oder Platzierung verspricht. Dabei sind Ziele, die man erreichen kann, gar nicht so günstig. Denn hat man diese erreicht, ist auch die langfristige Orientierung nicht mehr vorhanden, wie auch die jetzige Situation im Deutschen Fussball und die damit verbundene Transformation sehr deutlich zeigt. Was wirklich Orientierung bietet, ist ein Anliegen, welches begeistert und verbindet.

Hinzu kommt: Ein Anliegen kann man auch teilen. Denn gemeinsame Anliegen liegen allen Beteiligten im Fussball gleichermaßen am Herzen. Sie sind bereit, etwas auf sich zu nehmen. Sie sind der langfristige Wegweiser und viel konkreter als Ziele.

Der neue Ansatz

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Anliegen können Sportler eigentlich nie erreichen, aber allen Beteiligten haben jeden Tag gute Gründe, sich dafür einzusetzen. Aus meiner Erfahrung wirkt das kohärenzstiftend: Statt Meister werden zu wollen, könnte man sich zum Anliegen machen, auf Basis einer bestimmten Spielphilosophie Kicker langfristig zu entwickeln und diese dann an den Verein zu binden. So nähert man sich mit jeder kleinen Aktivität ein Stück dem langfristig gewählten Anliegen (Profivertrag, Balance zwischen Erfolg und Misserfolg, Ligazugehörigkeit u.v.m.).

Ein Anliegen ist eine Orientierung für das, was man tut. Es verhindert, dass man sich durch kurzfristige Ziele ablenken lässt. Es gibt eine Richtung für die eigene Weiterentwicklung und das eigene Handeln vor. Im heutigen Fussball ist es für Vereine allerdings fast unmöglich, langfristige Anliegen zu verfolgen. Dafür dürften Trainer und Spieler sich nicht einreden lassen, was sie noch alles bringen müssten, um zufrieden oder gut zu sein. Der Leistungsfussball baut darauf, dass Akteure keine langfristigen, gemeinsamen Anliegen entwickeln können. Heute sind Trainer und Spieler noch überwiegend Manipulationsmasse für das System im Fussball, das mehr Leistungsdruck vertreibt als es eigentlich möglich ist. Ständig müssen Talente gewonnen werden – und das geht nur, wenn diese hinreichend fremdgesteuert sind. Können Vereinsangehörige glücklich sein und wachsen, ohne sich mit sich selbst, mit anderen Menschen und allem, was ihn umgibt, verbunden zu sein? Wir sind nicht nur davon abhängig, wir brauchen diese Verbundenheit auch, um uns weiterzuentwickeln. Es ist nur so, dass offenbar viele Funktionäre und Aktive im Fussball keine allzu positiven Erfahrungen mit Gleichgesinnten oder Vereinen gemacht haben. Sie lehnen es ab, sich diese Verbundenheit bewusst zu machen. Manche schaffen es sogar, ihr angeborenes Bedürfnis nach Verbundenheit zu unterdrücken (Leere Versprechungen, Lügen, Intrigen, geldwerter Vorteil). Bei ihnen dieses Gefühl wieder zu wecken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, ist das, was ich als Teil meiner sportpsychologischen Arbeit begreife.

Fazit

Neurobiologische Erkenntnisse und praktische Erfahrungen weisen darauf hin, dass Menschen und Teams langfristige Anliegen verfolgen sollten, um sich nicht in alltäglichen Belastungen und Problemen zu verlieren. Vielmehr benötigt der Leistungssport Fussball eine neue, würdevollere Art des Umgangs und die Verfolgung von Anliegen.

Sie suchen Vereinsangehörige, Trainer und Spieler, die mehr als nur hochmotiviert, begeistert und kompetent sind? Dann schaffen Sie eine Vereinsphilosophie höchster Wertschätzung und kreieren sie dabei ein wegweisendes Anliegen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Traum oder die Aufgabe des Vereins und der Mannschaft hat zum Anliegen eines Jeden zu werden. Nur so ist Nachhaltigkeit und Langfristigkeit möglich.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/03/thorsten-loch-und-lisa-rueckel-teamentwicklung-von-forming-zu-storming/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/01/dr-rene-paasch-per-woop-zum-saisonziel


Literatur

Thomas Schmitt, T. (2008): Das soziale Gehirn. Eine Einführung in die Neurobiologie für psychosoziale Berufe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. 168 Seiten. ISBN 978-3-88414-456-5.

Gerald, H. Bauer, N. Müller, S. (2018): Wie Träume wahr werden: Das Geheimnis der Potentialentfaltung Gebundenes Buch.  Goldmann Verlag

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Productive Failure – wie eine bittere Niederlage zum Sieg führen kann!

Nach fast 30 Jahren Tätigkeit in der angewandten Sportpsychologie gibt es für mich drei „learnings“, die ich gerne mit allen Sportinteressierten teile: Siege im Spitzensport entstehen auch aus „productive failure“ (1), dem lehrreichen Umgang mit Niederlagen. In der Aufarbeitung dieser Rückschläge orientiere ich mich an einer konstruktivistischen Vorgehensweise (2): Der Athlet trägt die Lösung in sich, die er mittels Nutzung seiner Ressourcen (Erfahrungen, Erfolge, mentale Stärke, etc.) in Kooperation mit dem Sportpsychologen eigenverantwortlich erreichen soll. Dies ist u.a. der Grund, weshalb ich rund einen Drittel meiner Beratungszeit (ca. 20 Minuten einer durchnittlich einstündigen Beratungssitzung) dazu verwende, gemachte Erfahrungen, Trainings- und Wettkampferlebnisse usw. gemeinsam mit dem Athleten eingehend zu reflektieren (3).

Zum Thema: Ruedi Wild lehrt uns den Umgang mit Niederlagen

Mehr zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Zwischen 2007 und 2013 hatte ich das Vergnügen, den damals auf der olympischen Distanz erfolgreichen Triathleten Ruedi Wild in meiner Funktion als Sportpsychologe zu begleiten. Zusätzlich gefordert mit einem Studium an der Universität, war der ambitionierte Athlet schon damals sehr selbständig und fokussiert in seiner Trainingsarbeit. Seine eigenverantwortliche Herangehensweise verbunden mit einer konstruktiv-kritischen Selbstreflexion machten ihn zum “selbstverantwortlichen Modellathleten” aus Sicht der angewandten Sportpsychologie.

In der Folgezeit wechselte Ruedi Wild auf die Langdistanz(en), wo er sich mittlerweile in der Weltelite etabliert hat. Zwar sind unsere Kontakte seltener geworden, geblieben aber ist mein grosses Interesse an seinen äusserst lesenswerten Trainings- und Wettkampfberichten. Diese Einsichten und Einblicke in das «Innenleben eines Spitzensportlers» vermittelt der Triathlet via soziale Medien auch einer grösseren Fangemeinde. Ein besonders interessanter Beitrag erschien unlängst im Anschluss an den Challenge-Triathlon vom 18. Mail 2019 in Lissabon. Anhand dieser Rückschau (Debriefing) werde ich fünf sportpsychologische Konsequenzen ableiten, die ich als „best practice“-Beispiele bezeichnen möchte.

Die Vorgeschichte

Prolog. Zum besseren Verständnis eine kurze Zusammenfassung, was vor Lissabon geschah: Ruedi Wild hatte sich minutiös auf seinen ersten Saisonhöhepunkt, die Langdistanz-WM in Pontevedra anfangs Mai 2019, vorbereitet. Die Ausgangslage schien vielversprechend, ehe ein Trainingsunfall mitte April im Trainingslager in Kalifornien das Bild einer bislang perfekten WM-Vorbereitung trübte. In seinem Kommentar meinte Ruedi Wild, dass er zuversichtlich sei, erholt von den Blessuren und vom vielen Training, Anfang Mai in Top Verfassung zur WM antreten zu können. An der WM musste er schliesslich den Nachwirkungen seines Trainingsunfalls Tribut zollen. In seiner Analyse schreibt er:

A DNF always sucks, especially at your key races, even when you know it is the only right decision. I made my way back into the lead positions on the bike only to realize the hip issues from my crash still have not completely healed out under race effort. It was a hard decision to eventually drop out in the run with the health issues getting worse. But not to risk the season was certainly the only right decision.

Ruedi Wild

Aus Erfahrung weiss ich, wie schwer es Athletinnen und Athleten mitunter fällt, nach einem derartigen Misserfolg an einem bedeutenden Zielwettkampf kurze Zeit später mental bereit in einen nachfolgenden Event zu steigen. Einerseits gilt es, die psychischen Nachwehen des erlittenen Rückschlages weiter zu verdauen, andererseits die daraus geschlossenen Erkenntnisse in Verbindung mit aktualisierten mentalen Vorbereitungs- und Wettkampfstrategien selbstwirksam und erfolgsorientiert einzusetzen. Wie dies konkret aussehen kann, lässt sich exemplarisch an den nachfolgend beschriebenen mentalen Kernelementen aufzeigen. In seinen Schilderungen wird deutlich, wie es Ruedi Wild letztlich gelang, am international sehr gut besetzten Challenge Triathlon von Lissabon den Sieg zu erringen – notabene rund zwei Wochen nach dem WM-out von Pontevedra!

5 Lessons…

1) Haltung in der Niederlage

Enttäuschung, Frust und Ärger – das sind die unmittelbaren Folgen eines „DNF“-Erlebnisses. Der Ausdruck dieser Emotionen, auch ihre Form, sind wichtig für die Verarbeitung dieses Erlebnisses. Ebensosehr betone ich in meiner Arbeit aber auch die Entwicklung einer „inneren Haltung“, quasi den persönlichen Zugang zur «Niederlage». Ruedi Wild rekapituliert seine Sichtweise im Nachspann zur verpatzten WM sehr anschaulich:

Letztlich gehören solche Enttäuschungen ebenso zum Spitzensport und ich schaue bereits wieder nach vorne. (…) Entscheidend ist, dass man an Herausforderungen wächst und sich nicht davon unterkriegen lässt. Eine Lektion, die man nirgends so schnell lernt wie im Spitzensport, dafür aber für sein ganzes Leben anwenden darf.

Ruedi Wild

2) Ruhe und Gelassenheit

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Weitere Informationen

Den Erfolgsfaden nach einer missglückten WM-Teilnahme wieder zu finden, stellt auch einen Weltklasse-Athleten vor eine besondere mentale Herausforderung. Eine Kunst ist es, sich Zuversicht und Selbstvertrauen in der Vorbereitung auf einen nächsten Wettkampf nicht selbst zu rauben – indem etwa negative Selbstgespräche oder Selbstzweifel beginnen, das Fundament der mentalen Stärke des Athleten ins Wanken zu bringen. Vermehrt die eigene Gelassenheit zu unterstützen – auch seitens der Betreuer – erscheint hier insbesondere angezeigt. Ruedi Wild beschreibt die turbulente Vorbereitung auf den Wettkampf in Lissabon folgendermassen:

Die letzten zwei Wochen vor dem Race liefen drunter und drüber! Neben den Hüftproblemen lag ich auch noch krankheitshalber mehrere Tage im Bett und brachte anschliessend beim Training nicht mehr viel zu Stande. Im Sport kann sich das Blatt jedoch schnell wieder wenden, sowohl in die eine als auch andere Richtung…

Ruedi Wild

3) Zurückhaltung in der Zielorientierung – be smart!

Im Hinblick auf den nächsten Wettkampf lohnt es, die eigene Erwartungshaltung zu überprüfen, um die Rennstrategie gegebenenfalls anzupassen. Gerade in Ausdauersportarten spricht dies für eine gewisse Zurückhaltung in der Startphase, um Geist und Körper die Möglichkeit zu geben, in den „gewohnten Tritt“ zu kommen. Ruedi Wild beschreibt seine Vorgehensweise für Lissabon gleichermassen unaufgeregt wie klar:

Für einmal ging ich ohne konkrete Erwartungen an den Start. Nachdem ich in den Trainings dank intensiver Betreuung meines hervorragenden Umfeldes meine Hüfte letztlich nicht mehr gespürt hatte, hoffte ich, dass dies auch unter Wettkampfbelastung so bleiben würde. Mit einer passiven Renntaktik wollte ich sicherstellen, dass ich substanzmässig zum Ende der Halbdistanz über 1.9km Swim, 90km Bike und 21km Laufen gut durchhalten würde.

Ruedi Wild

4) Pushen: „Steigerungslauf“ im Wettkampf

Stimmt Tagesform und Rennverlauf, meldet sich der „Renninstinkt“ des erfahrenen und mental starken Athleten. Welche Gedanken Ruedi Wild auf der abschliessenden Laufstrecke begleiteten, schildert er in seiner Zusammenfassung sehr eindrücklich.

Als die ersten Kilometer gut und problemlos liefen, fasste ich weiteres Vertrauen. Die beiden Führenden kamen immer näher, während ich gleichzeitig mein Tempo weiter steigern konnte. Zwar wollte ich mich bewusst nicht zu früh mit Klassierungen etc. auseinandersetzen, sondern mich ganz auf mich und das hier und jetzt konzentrieren. Aber mit zunehmender Erfahrung merkt man natürlich, wenn etwas in der Luft liegt und entsprechendes Handeln angesagt ist.

Ruedi Wild

5) Debriefing: Einordnen der Leistung und des Erfolgs!

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Für Ruedi Wild kam der Erfolg in Lissabon unerwartet – wohl aber nicht völlig überraschend. Der Athlet weiss um seine (mentale) Stärken, die er sich über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. Sein Sieg bestärkt ihn in der Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein.

Siege sind immer am schönsten, wenn man nicht unbedingt damit rechnet… Und damit schätzt man die Erfolge auch wieder doppelt!. (…) Als WM Revanche würde ich das Rennen nicht bezeichnen, denn diese Chance ist für dieses Jahr vergeben, aber eine gewisse Genugtuung kann ich nicht abstreiten. Und wieder einmal zeigt sich, wie wichtig die mentale Komponente ist und dass man auch in schwierigen Situationen positiv bleibt. In dieser Form gibt es wohl nach wie vor keine bessere Lebensschule als der Sport.

Ruedi Wild

sd

Ruedi Wild im Wasser vor Kona (Quelle: Ruedi Wild)

Gerade in herausfordernden sportlichen Zeiten, wie den oben beschriebenen, ist es für mich zentral, auch mal bewusst von der Thematik abschalten zu können und mich ganz bewusst mit anderen, positiven Gedanken und Dingen zu beschäftigen: Familie, Freunde etc.

Genauso wie wenn mich etwas freut, im sportlichen etwa ein tolles Wettkampfresultat, und ich daraus Motivation ziehen kann, kann es auch umgekehrt funktionieren: Ich bleibe in herausfordernden Situationen in der negativen Spirale stecken und verleihe durch das ständige „Wälzen“ dieser Gedanken ihnen weiteres Gewicht. 

Gedanken sind Energie, also überlege gut, wo du diese einsetzt und versuche, entsprechend zu handeln. Ein Schritt weg vom eigentlichen Ziel bedeutet häufig ein Schritt vorwärts!  

Ruedi Wild

Homepage von Ruedi Wild: https://www.ruediwild.ch

Instagram-Account von Ruedi Wild: https://www.instagram.com/ruediwild/

Facebook-Seite von Ruedi Wild: https://www.facebook.com/ruediwild82/

Profilseite von Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/26/ruedi-wild-inside-a-racing-mind/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/05/prof-dr-oliver-stoll-wenn-heisse-gedanken-fehlen/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/05/prof-dr-oliver-stoll-aufgeben-ein-zeichen-von-schwaeche-oder-staerke/

Quellen:

Trainingslager Kalifornienhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2267365226811925

Wettkampfbericht Ruedi Wild Langdistanz WM Pontevedrahttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2282511778630603?tn=K-R

Triathlon Challenge Lissabon, 18. Mayhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2293818590833255

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