Mila Hanke: Von Fußball bis Eishockey – Teambuilding im Schul- und Nachwuchssport

Sollten Sportler Teamfähigkeiten „trainieren“ wie Torschüsse, egal in welcher Sportart? Wie können die Trainer von Nachwuchskadern und -mannschaften Teamgeist früh fördern, also lange vor dem Eintritt in den Profibereich? Und wie können schon junge Mannschaftssportler die Bausteine von echtem Zusammenhalt „erlernen“? Diese Fragen sind nicht erst seit der Fußball-Weltmeisterschaft aktueller denn je. Und gerade in der Saisonvorbereitung sollten sich Trainer, Funktionäre und verantwortungsvolle Spieler intensiv damit beschäftigen. Im folgenden Beitrag liefert Mila Hanke passende Anstösse zu den weit verbreiteten Fragen.  

Zum Thema: Teambuilding im Sport

“Es kann nur beflügeln, wenn bereits Kinder und Jugendliche spielerisch die gruppenpsychologischen Faktoren erleben, verstehen, wertschätzen und verinnerlichen, die das Zusammenspiel einer Mannschaft beeinflussen“, findet Mila Hanke. “Denn die jungen Sportler und ihre wechselnden Teams werden ihre ganze Laufbahn lang davon profitieren. Nicht nur im Sinne der Leistung – sondern auch bezogen auf ihre Persönlichkeitsentwicklung, ihre sozialen Fähigkeiten und vor allem den Spaß.”

Dabei wird das Thema Teambuilding selbst im professionellen Sport nicht immer in Gänze verstanden. Oft enden die Maßnahmen, die Zusammenhalt und Identifikation fördern sollen, schon in einem sehr frühen Stadium. In einem Interview mit dem Sport-Thieme Magazin (August-Ausgabe, Thema: Teambuilding im Schul- und Nachwuchssport) gibt Mila Hanke (zum Profil von Mila Hanke) ein paar Beispiele, die Theorie und Praxis zusammenbringen.

Cover Sport-Thieme August-Ausgabe (Quelle: Sport-Thieme)

Interview: Teambuilding – 11 Freunde müsst ihr sein
(Sport-Thieme magazin, Deutschland, Ausgabe 69, August 2018)

Frau Hanke, im Sport erleben wir immer wieder Veränderungen. Ob neue Mannschaftsmitglieder oder neues Trainerteam – gerade zum Saisonstart werden die meisten Sport-Mannschaften frisch zusammengewürfelt. Für jeden Trainer ist diese Phase eine Herausforderung, denn es geht darum, möglichst schnell ein gut funktionierendes Team zu bilden. Welche Ratschläge können Sie geben?

Zuallererst: Teamgeist kann nicht vom Trainer „verordnet“ werden, sondern muss aus der Mannschaft heraus selbst entstehen. Und: Die Entwicklung von Mannschaftsstärke ist immer ein Prozess, der verschiedene Phasen durchläuft und im Grunde nie einen Endpunkt hat. Mit Ungeduld und einem „Machtwort“ kommt ein Trainer also nicht weiter. Stattdessen sollte er im Idealfall gemeinsam mit einem Sportpsychologen – idealerweise schon vor Saisonbeginn – konkrete Themenfelder herausgreifen und gezielt fördern.

Einzelsportler können noch so gut sein – wenn sie nicht kooperieren können, hat die Mannschaft keinen Erfolg. Ebenso kann ein gut eingespieltes Team manche Defizite ausgleichen. Welche psychologischen Aspekte führen dazu, dass ein gutes Miteinander zu besserer Leistung führt?

Genau dieser „Gruppen-Katalysator“ ist eben nicht selbstverständlich. Damit ein Team wirklich über sich hinauswachsen kann, müssen viele Faktoren erfüllt sein und sich ergänzen (siehe Übersicht unten). Ein sehr anschauliches Beispiel war die Deutsche Eishockey Nationalmannschaft mit dem Gewinn der Olympia-Silbermedaille im Februar 2018: Nach dem frühen Ausscheiden bei der Heim-WM 2017 hatten die Spieler erkannt, dass ihnen bisher der Glaube gefehlt hatte, als Außenseiter Favoriten schlagen zu können. Um eine gemeinsame Vision zu verinnerlichen und mit einem gemeinsamen Gefühl zu verbinden, haben sie mit ihrem Mentalcoach eine Art Codewort entwickelt: „Glaube“. Um eben diesen Glauben an die Fähigkeiten der Mannschaft und jedes Einzelnen zu stärken, wurden für die Spieler, den kompletten Trainerstab und die Trainingsräume schon lange vor Olympia T-Shirts und Plakate mit diesem Visions-Codewort bedruckt. Offenbar war diese Maßnahme ein wesentlicher Baustein – natürlich zusätzlich zu der Leistung der Trainer – für den extremen Selbstbewusstseins-Schub, den Willen und die Leistung der Mannschaft.

Hinter einer besonders guten Teamleistung stehen vor allem folgende Faktoren:

  • gemeinsame Vision
    z.B. „ins Meisterschafts-Finale kommen“: Nur wenn alle gemeinsam ein Gruppenziel  definieren, sich damit identifizieren und bereit sind, darauf bestmöglich hinzuarbeiten, entsteht echter Zusammenhalt.
  • Kooperation statt interne Konkurrenz
    z.B. einen Pass zum richtigen Zeitpunkt zu spielen, statt zwei Stürmer, die sich
    gegenseitig übertrumpfen wollen und den Ball nicht abgeben
  • gemeinsame Verantwortung
    Fühlt sich jedes Mitglied für den Teamerfolg gleich stark verantwortlich?
  • gegenseitiges Vertrauen und Respekt
    z.B. in die Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft der Mitspieler, für Ideen und Sorgen jedes Einzelnen
  • konstruktive Kommunikation
    z.B. bei Trainerentscheidungen und Konfliktlösungen
  • regelmäßiges Feedback
    Anerkennung und konstruktive Kritik von Trainer und Mitspielern

Viele denken beim Thema Teambuilding an gemeinsame Grillabende. Ist es damit getan – oder gibt es effektivere Übungen?

Hanke: Tatsächlich haben auch Grillabende, Wanderausflüge oder Radtouren einen positiven Effekt – gerade bei (evtentuell neu zusammengewürfelten) Jugend-Mannschaften, für die es wichtiger ist, sich auch als „Kumpel“ gut zu verstehen, als etwa für erwachsene Profisportler.

Solche Events fördern die Kommunikation und bringen den Faktor „gemeinsam ohne Leistungsdruck Spaß haben“ in das Team mit ein. Zudem lassen sich dabei sehr gut Erfolge und Zwischenziele feiern – auch das fördert den Zusammenhalt und schafft eine Atmosphäre, in der neue gemeinsame Visionen entstehen können.

Das Interview im Print-Magazin (Quelle: Sport-Thieme)

Will man jedoch konkrete Themen angehen und nachhaltig fördern, sind ein sportpsychologisches Konzept und aufeinander aufbauenden Übungen unabdingbar. Wenn ein Trainer zum Beispiel die Kooperation im Team verbessern will, kann folgendes „Spiel“ helfen: Alle Teammitglieder begeben sich in einen Kreis. Jeder sucht sich stumm in Gedanken zwei Mitspieler aus. Die Teilnehmer sollen sich nun in einem begrenzten „Spielfeld“ so aufstellen, dass sie jeweils mit ihren zwei Mitspielern ein gleichschenkliges Dreieck bilden, bei dem alle drei Spieler identische Abstände einhalten. Und zwar ebenfalls, ohne miteinander zu sprechen. Haben alle ihre Positionen gefunden, wird gemeinsam diskutiert: Wie haben wir die Aufgabe erlebt? Wie finden wir zusammen schnell Lösungen für Herausforderungen im Verlauf eines Spiels, notfalls ohne miteinander zu sprechen? Können wir mit Gesten oder Blicken notwendige Handlungsschritte und Entscheidungen kommunizieren?

Dann wird ein Spieler gebeten, einen großen Schritt zu machen – die Regel des gleichen Abstands zwischen jeweils drei Personen bleibt aber bestehen. Daraus folgt eine Kettenreaktion, da auch alle anderen Spieler ihre Position verändern müssen. Anhand dieses Impulses kann das Team erneut reflektieren: Welche (positiven oder negativen) Konsequenzen hat das individuelle Verhalten Einzelner für das Team? Und wie können wir den Einfluss Einzelner für die Gruppenleistung nutzen?  

Besonders kompliziert wird es, wenn Neuzugänge auf „eingeschweißte“ Mannschaften treffen, die sich bereits länger kennen. Was raten Sie hier?

Hanke: Die Mannschaft kann zum Beispiel schon nach den ersten Trainingseinheiten  reflektieren, welchen Gewinn die Neuen für das Team mitbringen. Hierzu notiert zunächst jeder Spieler auf ein großes Flipchart mit seinem Namen die Stärken und Schwächen, die er selbst glaubt, in das Team einzubringen – sportlich und menschlich. Alle Plakate werden auf dem Boden ausgebreitet – dann können alle Mannschaftsmitglieder zwischen den Plakaten umhergehen und bei jeder Person ihre eigene Einschätzung ergänzen.  

Schließlich sollen sich alle einige Minuten schweigend ein Gesamtbild davon machen, wer mit welchen Attributen zum Erfolg der Mannschaft beiträgt und wie sich alle Stärken und Schwächen zu einem großen Ganzen ergänzen. Anschließend kann das Team gemeinsam – mit dem Sportpsychologen oder geschulten Trainer – reflektieren und diskutieren, wie die Neuzugänge die Mannschaft stärken und welche bisherigen Schwächen durch sie ausgeglichen werden können. Diese Übung macht nicht nur den „Wert“ der neuen Mitspieler deutlicher, sondern bestärkt auch gleichzeitig jeden Einzelnen als weiterhin wichtigen Baustein des Teams. Das kann auch helfen, falls zum Beispiel ein vermeintlicher „Superstar“ neu dazustößt und die „Alten“ Angst haben, dass er ihnen die Show und die Mannschaftsposition stiehlt.

Beim Fußball ist es am deutlichsten: Wenn das Team nicht zusammenspielt, kann der Torwart noch so gut halten – am Ende wird die Mannschaft das Spiel verlieren.  Engagieren sich die Vereine genug im Bereich „Teambuilding“ oder müsste hier mehr passieren?

Gerade im Fußball haben in den letzten Jahren immer mehr Profivereine Sportpsychologen und Mentalcoaches engagiert. Durch den Transfermarkt und häufige Spielerwechsel auch in andere europäische Länder, Kulturen und Sprachregionen sind die Integration neuer Spieler und ein kontinuierliches Teambuilding in diesem Sport besonders wichtig – z.B. auch für den Generationenwechsel in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Grundsätzlich unterschätzen aber viele Vereine noch immer den Nutzen sportpsychologischer Unterstützung. Was im Profi-Fußball schon „in“ ist, muss in vielen anderen Sportarten und vor allem auch im Nachwuchsbereich und im Amateursport noch „normal“ werden: Dass Sportpsychologen Einzelsportler und Mannschaften mental fit machen, sollte genauso selbstverständlich werden wie Massagen und Tapeverbände von Physiotherapeuten.

 

Hinweis: Dieses Interview zum Thema Teambuilding für die August-Ausgabe des Kundenmagazins von Sportartikelhersteller „Sport-Thieme” gab Sportpsychologin Mila Hanke bereits im Mai. Das war lange vor der Fußball-WM in Russland – bei der wohl so viel wie nie zuvor über den Leistungsvorsprung durch Teamgeist, mentale Mannschaftsstärke und gemeinsame Visionen diskutiert wurde. Favoriten schieden früh aus – auch, weil ihnen all dies offenbar fehlte. Außenseiter kamen überraschend weit – auch, weil sie all dies offenbar hatten.

Als Mila Hanke die Wichtigkeit von Teambuilding für den Generationenwechsel in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erwähnte, wusste sie noch nicht, dass genau dieser Prozess (bzw. sein vermeintliches Scheitern) zwei Monate später zum großen medialen Streitthema werden würde.

Mehr zum Thema: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/01/14/philippe-mueller-sinn-und-unsinn-des-teambuildings/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/09/18/markus-gretz-teamwork-makes-the-dream-work/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/31/dr-rene-paasch-das-team-braucht-ein-haus/

 

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