Dr. René Paasch: Emotionale Kompetenz im Fußball

Ob Traurigkeit, Wut oder Fröhlichkeit, jeder, selbst schon die kleinsten Kicker kennen diese Gefühle. Die einen lassen ihren Gefühlen freien Lauf, andere verstecken sie lieber. Ob rauslassen, verstecken oder entwickeln – warum ist es so wichtig als Fußballtrainer, Gefühle zu kontrollieren? Und welche Bedeutung haben sie für den Umgang mit den Spielern? Dieser spannenden Frage möchte ich in dem nun folgenden Beitrag näher auf den Grund gehen.  

Zum Thema: Jeder kennt Gefühle – aber warum sind sie so wichtig für den Fußballtrainer?

Unsere fußballerische Entwicklung in Deutschland birgt viele neue Herausforderungen und Probleme. Hierzu zählt zum Beispiel das Kommunikationsverhalten zwischen Trainern und Spielern, die Berücksichtigung verschiedener Spielertypen und Nationalitäten, der immer wiederkehrende Erfolgsdruck und die Mehrfachbelastung sowie das Ausbildungskonzept der Nachwuchsleistungszentren und des DFBs. Auf der anderen Seite werden Normen, Werte und Fähigkeiten immer wichtiger, die der moderne Fußball dringendst benötigt. Darunter fallen Eigenschaften wie Menschlichkeit, Menschenführung, Teamfähigkeit und -entwicklung, Individualisierung und die Fähigkeit seine emotionale Intelligenz immer wieder zu trainieren. Es gibt viele verschiedene Ansatzpunkte, um Probleme zu erklären oder Fähigkeiten entwickeln zu können. Ein Ansatzpunkt sind Gefühle, denn die geschilderten Probleme und Fähigkeiten beruhen ganz wesentlich auf einem kompetenten Umgang mit eigenen und fremden Emotionen. Denn Fußballtrainer die ihre Gefühle im Griff haben sind erfolgreicher (Lee, Wäsche, Jekauc, 2018). Emotionen und der Umgang mit ihnen haben großen Einfluss auf die Leistung des Trainers und damit auch auf die gesamte Mannschaft. Diese emotionalen Prozesse verlaufen kreisförmig und können sich in Krisen immer weiter verstärken (siehe Abb. 1).

Abb. 1.: The cyclic model of emotional processes of football coaches

Mit hoher emotionaler Kompetenz sind diese Prozesse steuerbar. Wissenschaftler haben untersucht, welche Rolle emotionale Faktoren bei sportlichen Verläufen spielen. Ergebnis: Ein optimaler und emotionaler Zustand beim Trainer verbessert demnach die sportliche Leistung der ganzen Mannschaft, während gegenteiliges Befinden diese verschlechtert. Folglich ist die emotionale Kompetenz für Entwicklung und Erfolg eines Trainers, die Fähigkeit in den verschiedenen Phasen einer Saison, mit den eigenen Gefühlen und denen der Spieler umzugehen, von Bedeutung.

Ausgleich bringt Stärke

Lee, Wäsche und Jekauc (2018) haben Trainer aus dem Amateur- und Jugendbereich befragt und dabei herausgefunden, dass sich deren Gefühlsbewegungen in einem Kreislauf abspielen: Auf Auslöser wie Siege, Niederlagen, soziale Unterstützung, Fortschritte sowie Stagnation in der Entwicklung der Spieler folgen emotionale Erfahrungen wie Freude, Wut Angst oder Hilflosigkeit. Diese machen sich dann auf körperlicher, mentaler oder Verhaltensebene bemerkbar (steigender Blutdruck, fehlende Gedankenkontrolle, Gesten oder Gesichtsausdrücke). Die befragten Trainer nannten als nächsten Schritt unterschiedlichste Strategien, wie sie mit ihren Gefühlen umgingen. Dies reicht von Gesprächen mit den Spielern oder der Familie bis hin zum sportlichen Ausgleich.

Trainer die offensichtlich gut in der Lage waren ihre Gefühlswelt zu regulieren, fühlten sich hinterher ausgeglichener und stärker, was sich auch positiv auf ihre Tätigkeit auswirkt, indem sie zum Beispiel im Umgang mit ihren Spielern offener und gelassener waren.

Training der emotionalen Kompetenz

Heranwachsende durchlaufen die wichtigsten Schritte ihrer emotionalen Entwicklung in der frühen Kindheit (Petermann & Wiedebusch 2003) und werden dann durch Kita, Schule, Verein, Familie und Freunde nachhaltig geprägt. Sie müssen dabei vielfältige Kompetenzen entwickeln und anwenden können.

  • Gefühle nicht nur nonverbal, sondern auch sprachlich ausdrücken
  • Verständnis gewinnen für Ursachen und Folgen von Gefühlen
  • Emotionen regulieren in Abhängigkeit von unterschiedlichen Personen und Situationen
  • sich emotional und kognitiv in die Situation anderer hineinversetzen können

Wie weit die Regulation von Gefühlen dann als Erwachsener gelingen kann, hängt sowohl von dem Willen ab als auch davon inwieweit Regulationsstrategien erlernt wurden. Beispielsweise kann die Emotionsregulation direkt auf das subjektive Gefühl bezogen sein. Jedoch können auch andere Aspekte der emotionalen Reaktion als „Stellschrauben“ genutzt werden. Anhand dieser lassen sich die Emotionen regulieren, z.B. durch kognitive Umdeutung oder handlungsbezogene Umgestaltung der Situation  ( Link dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/17/dr-rene-paasch-mit-erfolg-und-misserfolg-umgehen/). Ein weiterer Punkt wäre auch die Möglichkeit durch Veränderung der physiologischen Reaktionsparameter mit Achtsamkeitstraining (Link dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/09/21/dr-rene-paasch-der-trend-zur-achtsamkeit/).

Verhaltensorientierte Lernformen

Darüber hinaus möchte ich Ihnen verhaltensorientierte Lernformen zur Optimierung der emotionalen Kompetenz anbieten, die folgende Bestandteile aufweisen sollten:

  • Wahrnehmen: Die Vorgänge erkennen und beobachten, die bei Gefühlen beteiligt sind (Auslöser in der Umgebung, eigene Grundannahmen, Gedanken, die Gefühle selbst und das Verhalten)
  • Verstehen: Die Wirkungszusammenhänge zwischen diesen Vorgängen verstehen lernen. Umgebungsreize lösen eine Bewertung aus, die von eigenen Zielen und Bedürfnissen gelenkt sind. Diese Bewertung führt zu gefühlsspezifischen Gedanken und Empfindungen und diese wiederum zu Verhaltensweisen oder Absichten, mit denen die Umgebungsreize gesteuert werden (Siehe auch Link zum ABC-Modell s.o.)
  • Steuern: Verschiedene Strategien zur Emotionssteuerung kennenlernen und diese kontextabhängig einsetzen (Kultivierung positiver Gefühle und Gespräche)
  • Ausdrücken: Eigene Gefühle ausdrücken und die anderer wahrnehmen. Hierbei sollten Sie versuchen, Gefühle so auszudrücken, dass sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen und der jeweiligen Situation angemessen sind
Direkt zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Anschließend können Sie dann in regelmäßigen Abständen die o.g. Trainingsinhalte üben und sich dabei mit folgenden Fragen beschäftigen:

Schauen Sie sich die nächste Situation genauer an, in denen Sie Gefühle erleben. Beobachten Sie was in Ihnen vorgeht und versuchen Sie diese Vorgänge genau zu beschreiben:

  • Welche körperlichen Veränderungen nehmen Sie wahr?
  • Welche Gedanken haben Sie?
  • Welche Gefühle können Sie benennen?
  • Und was haben Sie für Verhaltensabsichten?

Emotionale Kompetenz ist für alle wichtig. Besonders in schwierigen Situationen ist es entscheidend, ob wir unsere Gefühle richtig einordnen und gut mit ihnen umgehen können. In einige Studien hat sich gezeigt, dass sie zur geistigen und körperlichen Gesundheit beiträgt, zu besserer Arbeitsleistung führt und zwischenmenschliche Beziehungen stärkt. Ein kluger Umgang mit Gefühlen schützt somit vor Stress und verhilft zu mehr Lebenszufriedenheit (Kotsou, Nelis, Grégoire, Mikolajczak, 2011).

Fazit

Das kreisförmige Modell von Lee, Wäsche, Jekauc (2018) kann somit erklären, warum es für Fußballtrainer sehr schwierig ist, aus dem Teufelskreis negativer Emotionen herauszukommen. Wenn Teams mehrere Spiele in Folge verlieren oder zwischenmenschliche Probleme bestehen, dann verstärkten negative Konsequenzen wie soziale Isolation, geringes Selbstvertrauen, schlechte Konzentration und emotionale Instabilität die negativen emotionalen Erfahrungen immer mehr und könnten die Distanz zwischen Trainer und Mannschaft weiter vergrößern. Darüber bestätigt sich, dass es für einen Trainer schwierig ist, negative Emotionen zu verlassen und mit dem Team effektiv umzugehen. Hingegen sind Trainer mit stabilen Emotionen optimistischer, gelassener und erfolgreicher. Aus den genannten Gründen müssen wir die Trainerausbildung in Deutschland reformieren und die Inhalte der Ausbildung dahingehend verbessern.   

Mehr zum Thema:

Literatur

Kotsou, I., Nelis, D., Grégoire, J., & Mikolajczak, M. (2011): Emotional plasticity: Conditions and effects of improving emotional competence in adulthood. Journal of Applied Psychology, 96(4), 827-839.

Lee, H., Wäsche, H., Jekauc, D. (2018): Analyzing the Components of Emotional Competence of Football Coaches: A Qualitative Study from the Coaches’ Perspective. Sports 2018, 6, 123.

Petermann, F. & Wiedebusch, S. (2003): Emotionale Kompetenz bei Kindern. 3. überarbeitete Auflage. Hogrefe Verlag, Göttingen. Klinische Kinderpsychologie. ISBN 9783840927102

Internet

Link: https://www.mdpi.com/2075-4663/6/4/123

Link: http://psycnet.apa.org/record/2011-06123-001

Print Friendly, PDF & Email

Hits: 609