Christian Reinhardt: Gefährliche Emotionen

Am Wochenende meldet sich sie Fußball-Bundesliga aus der Winterpause zurück. “Emotionen pur” sind nun wieder im wöchentlichen Rhythmus garantiert. Aber sind denn die Spieler überhaupt darauf ordentlich vorbereitet? Denn, was sich von der ersten bis in die tiefsten Ligen zum Beispiel rund um Torerfolge abspielt, ist für Trainer, Fans und Mitspieler nicht selten zum Haare raufen. Und dies, weil viele Akteure Probleme haben, ihre Emotionen zu kontrollieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Hierbei kann die Sportpsychologie helfen.

Zum Thema: Wie lassen sich Emotionen im Spielsport kontrollieren?

Im Fußball fallen Tore häufig in relativ kurzen zeitlichen Abständen. Dies kann zum einen geschehen, wenn die erfolgreiche Mannschaft nach dem Treffer sehr starke Freude empfindet und dadurch abgelenkt bzw. nicht voll konzentriert ist. Das Resultat ist dann häufig ein Gegentreffer. Denkbar ist aber auch, dass die Mannschaft, gegen die ein Tor erzielt wurde, frustriert ist, sich bereits Sorgen über eine mögliche Niederlage sowie deren Konsequenzen macht und deshalb das nächste Tor kassiert. Statistisch gesehen erhalten viele Torschützen darüber hinaus nach ihrem Treffer eine Verwarnung durch den Schiedsrichter. Hier kann vermutet werden, dass die große Freude über den Treffer in Übereifer resultiert. Aus diesem Grund ist die Emotionsregulation, also die automatische oder bewusste Nutzung von Strategien um Emotionen zu initiieren, aufrecht zu erhalten, zu modifizieren oder zu zeigen eine entscheidende Fähigkeit für einen Leistungssportler (Gross & Thompson, 2007).

Ein Spieler merkt, dass seine Wade langsam “zu macht”. Die emotionale Reaktion darauf ist wahrscheinlich Frust oder Sorge darüber, dass der Zustand schlechter wird und seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Dies führt wahrscheinlich dazu, dass der Spieler verkrampft, der Muskel weiter verhärtet, was in größerer Sorge, weiterer Verkrampfung usw. resultiert. Er hat nun mehrere Strategien zur Auswahl:

Entspannung

Der Spieler kann versuchen, über Entspannungsübungen (bspw. Atemübungen) die körperliche Spannung zu lösen. Das reduziert automatisch auch die Angst und wirkt somit einer weiteren Verkrampfung entgegen.

Fokusverlagerung

Es ist wichtig, den Fokus von der schmerzenden Wade zu nehmen. Das Blockieren eines Gedankens ist schwer und verbraucht eine Menge Ressourcen (probieren Sie es aus: denken sie nicht an den rosa Elefanten). Zielführender ist die Initiierung alternativer Kognitionen. Der Fußballer kann z.B. seinen Mitspielern Anweisungen geben (somit ist der Fokus auf das Spiel/die Taktik gerichtet).

Selbstgesprächsregulation

Eine effektive Form der Emotionsregulation besteht in der richtigen Führung von Selbstgesprächen. Dabei ist es wichtig, diese positiv zu formulieren, da das Unterbewusstsein Verneinungen nicht erkennen kann. Außerdem sollten Selbstgespräche im Präsens und der „Ich-Form“  gehalten werden, da sich auf die Gegenwart bezogen wird und man sich auch selbst angesprochen fühlen soll (Albinson & Bull, 1988; Neumann & Melinghoffer, 2001). Instruktionen könnten bspw. sein: „Ich bin gut“, “Ich bin voll da“, “Ich schaffe das“ oder im Sinne einer Rationalisierung: „Der Gegner ist genauso erschöpft wie ich“.

Vorstellungstraining

Der Spieler kann auch Erinnerungen oder Bilder, die positive Emotionen auslösen, ins Bewusstsein rufen. Bspw. vergangene Siege, Erfolge oder auch angestrebte Ereignisse.

Athleten, die wissen, welche emotionalen Zustände ihnen helfen bzw. schaden, können diese mit den aufgeführten Techniken gezielt beeinflussen. So können z. B. auch Ärger und Wut leistungsfördernd sein, wenn Spieler adäquat mit diesen Emotionen umgehen können. Entscheidender Faktor ist die Zeit. Sehr starke Emotionen nehmen in der Regulation meist mehr Zeit in Anspruch. In diesem Zusammenhang muss man den vermeintlich psychologisch günstigen Zeitpunkt zum Erzielen eines Tores – kurz vor der Halbzeit – kritisch betrachten. Tatsächlich kann die Mannschaft, die ein Tor kassiert hat, in der Pause in Ruhe ihre Emotionen regulieren und sich auf das weitere Spiel vorbereiten…

Der Blick ins Detail: Emotionen

Emotionen, die vor oder während eines Wettkampfs erlebt werden, haben Einfluss auf die Leistung (Hanin, 2010). Dabei wird grob positiven und negativen Emotionen unterschieden. Während man negativen Emotionen einen leistungsabträglichen Effekt nachsagt, gelten positive Emotionen gemeinhin als leistungsförderlich. Es ist nachvollziehbar, dass emotionale Zustände wie z.B. Angst, Hilflosigkeit oder Gefühle der Trauer die Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen können, während Freude oder Leidenschaft das individuelle Leistungsvermögen optimieren (Hermann  Mayer, 2008). Diese Aussage gilt allerdings nicht uneingeschränkt, da beide Formen in ihrer Konsequenz einen gemeinsamen Effekt haben: Es kommt zu einer zentralnervösen Aktivierung und häufig zu kognitiven Prozessen, die sich negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirken, wie bspw. Ablenkung von der anstehenden Aufgabe oder Besorgniskognitionen (Stoll, Alfermann & Pfeffer 2012).

Literatur

Stoll, O., Alfermann, D. & Pfeffer, I. (2010). Lehrbuch Sportpsychologie. Bern: Huber.

Gross, J.J. & Thompson, R.A. (2007). Emotion regulation: Conceptual foundations. In J.J. Gross (Ed.), Handbook of emotion regulation (pp. 3-26). New York: The Guilford Press.

Hermann, H.-D.  Mayer, J. (2012). Sportpsychologische Praxis im Fußball. In D. Beckmann-Waldenmayer, J. Beckmann (Hrsg.) Handbuch sportpsychologischer Praxis. Balingen: Spitta.

Hanin, Y.L. (2010). Coping with anxiety in sport. In A. R. Nicholls (Ed.), Coping in sport: Theory, methods, and related constructs (pp. 159-175). Hauppauge, NY: Nova Science.

Neumann, G.; Mellinghoff, R. (2001): FundaMental. Training im Basketball. München: Sequenz Medien Produktion.

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2 Kommentare

  1. […] > Emotionaler Zustand: Es geht um die Kontrolle von Emotionen im Zusammenhang mit verlorenen Spielen z.B. von innerer Ruhe und Angst. Jedes Spiel wird dann zur Qual und die Selbstzweifel werden immer mannigfaltiger. Daher ist es wichtig, die Gedanken und Emotionen kontrollieren zu können. Siehe dazu auch den Text von Christian Reinhardt: Gefährliche Emotionen! […]

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