Thorsten Loch: Sensible Phase – der Sprung in ein Sportinternat

Bei Rasenballsport Leipzig gibt es eine hervorragende Fußballakademie, welche wenig Wünsche offen lässt. Überall sieht es nach professionellem Fußball aus, es riecht förmlich danach. In diesen Genuss kommen aber nicht alle Nachwuchskicker des Bundesligisten, zumindest nicht über Nacht: Denn für Kids im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die nicht aus Leipzig und Umgebung kommen, suchen die Rasenballsportler nach Gastfamilien. “Nestwärme”, nannte dies die Leipziger Volkszeitung in einem Text zum Thema (Link). Ich halte diese Vorgehensweise für gut. Warum, will ich im Beitrag beleuchten.

Zum Thema: Karrieresprung oder Rückschritt – Wenn Kinder ihr vertrautes Umfeld verlassen und welche Bedeutung das Betreuungsumfeld im Verein/Verband hat

Der Mensch als bio-psycho-soziales Wesen pendelt sein ganzes Leben lang zwischen den beiden Polen Geborgenheit und Freiheit. Stetig in dem Bestreben ein dynamisches Gleichgewicht zwischen diesen beiden Ebenen herzustellen. Gelingt es diesen Drahtseilakt ausgewogen zu gestalten, wird eine tiefe innere Zufriedenheit erlebt. Andersherum macht sich bei einem Ungleichgewicht ein Unbehagen breit. So stehen Geborgenheit, Zugehörigkeit und Sicherheit auf der einen Seite sowie Freiheit, Unabhängigkeit, Abenteuer und Risiko auf der anderen. Dieses eingangs als dynamisches Gleichgewicht beschriebene Konstrukt – Wörz (2016) spricht in diesem Zusammenhang von Homöostasestreben – wird in jeder Entwicklungsstufe, in jeder Phase der Veränderung zu einem zentralen Thema im Leben eines Menschen.

Dieser Zustand bzw. der fluide Übergang von Geborgenheit zu Freiheit stellt insbesondere junge Menschen/Nachwuchssportler vor große Aufgaben. Nicht, dass sie mich jetzt falsch verstehen, diese sensiblen Phasen sind per se nichts Schlechtes, darin verbirgt sich auch enormes Entwicklungspotential. Wir, ich spreche in hier insbesondere die Eltern, Trainer, Sportpsychologen, Pädagogen an, sind daher gefordert, Jugendliche auf Veränderungen vorzubereiten und ihnen beide Ebenen zu ermöglichen. Denn man bedenke, dass zu viel Geborgenheit in Form von Überbehütung unselbstständig macht. Dies behindert die Entwicklung des jungen Erwachsenen genauso wie das Streben nach Freiheit ohne Grenzen und Halt. Halten wir fest, dass der größte Stress bei Jugendlichen dann entsteht, wenn sie aus dem vertrauten Umfeld „herausgerissen“ und in den neuen Lebensabschnitt (bspw. Sportinternat) unvorbereitet „hineingeworfen“ werden. In diesem Wechsel liegt der sensible Übergang und sollte daher sehr genau geplant, vorbereitet und begleitet werden (Wörz, 2016).    

Zum Profil von Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Spannungsfeld der Veränderung am Beispiel Sportinternat

Mit dem Entschluss, in ein Sportinternat zu wechseln, ändert sich für den Heranwachsenden auf einen Schlag viel. Die Jugendliche verlassen ihre Komfort- und Sicherheitszone wie Familie, Freunde, Schule oder gewohntes Trainingsumfeld oft mit Missstimmung und begeben sich mit Ängsten und Sorgen in die so genannte „weiterführende Entwicklungszone“. Es handelt sich dabei um den nicht definierten Raum zwischen Abschließen des Vergangenen und dem Ankommen im Neuen.

Wenn dieser Übergang nicht entsprechend vorbereitet und begleitet wird und nicht aus einer „vertrauten“ Sicherheit agiert werden kann, erleben Jugendliche eine Leere, die unter Umständen mit dem Verlangen (Stichwort Heimweh) und dem Wunsch zurück in die vertraute Zone halt zu suchen. Dieser Schritt steht der psychosozialen und physischen Weiterentwicklung des Heranwachsenden kontraproduktiv gegenüber. Ein Spannungsfeld, das in den Ansätzen der Pädagogik und Psychologie mit Phasen der Labilität beschrieben wird. Die selbstständige Loslösung aus dem Elternhaus bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit wird an dieser Stelle wieder zu einem zentralen Thema.

Herausforderung des Betreuungssystems

Damit jener Schritt nicht ein Rückschritt wird, sind die Menschen im Umfeld des Nachwuchssportlers gefragt. Wir sind dazu angehalten, die Phase des sensiblen Übergangs zu erleichtern. Dazu sind die nicht definierten Räume zu füllen und die Talente behutsam auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. Denn machen wir uns nichts vor, der Weg vom sportlichen Talent zur Weltklasse kann sich alles andere als einfach gestalten und endet häufig damit, dass die Karrieren „schulisch oder sportlich“ vorzeitig beendet werden. Als geeignetes und bedeutungsvolles Rüstzeug sehen Welensiek (2011) und Potreck-Rose (2009) u.a. ein starkes Selbstwertgefühl und die Faktoren der Resilienz, wie Selbststeuerung, realistischer Optimismus, Lösungsorientierung, Selbstwirksamkeit und Beziehungen gestalten können an.

Was können wir aus dem direkten Betreuungsumfeld aktiv tun, damit die jungen Sportler die nötigen Kompetenzen erlangen, um in dieser Zeit sich entwickeln können? Ob letztendlich die sportliche Qualität reicht, einmal auf Weltklasseniveau agieren zu können, sei an dieser Stelle ausgeklammert. Vielmehr sollten wir den in Betracht ziehen, dass wir die nötigen Rahmenbedingungen schaffen und entsprechende Fähig- und Fertigkeiten den jungen Erwachsenen mit an die Hand zu geben, dass die Möglichkeit der bestmöglichen sportlichen Entwicklung überhaupt möglich wird. Diese Verantwortung sind wir den Sportlern schuldig. Und falls tatsächlich der Sprung geschafft wird und irgendwann einmal Edelmetall um den Hals hängt, dann hat das Betreuungsumfeld viel richtig gemacht. Dies sollte jedoch nicht ausschließlich das erklärte Ziel sein, sondern eher als eine zusätzliche Belohnung für die gemachten Bemühungen angesehen werden.

Fazit

Der Sprung eines sportlichen Talents aus seiner gewohnten Umgebung heraus in ein neues unbekanntes Umfeld, stellt für viele eine enorme Belastung da. Der Wunsch nach Freiheit bei gleichzeitigem Bestreben nach Geborgenheit, ist ein Spannungsfeld in welchem sich die Jugendlichen in dieser Phase ihrer Entwicklung stellen müssen. Damit aus dem Traum nicht schnell ein Alptraum wird, sind die Personen im unmittelbaren Betreuungsumfeld des Jugendlichen gefragt. Ob dies die Trainer, Physiotherapeuten, Pädagogen, Sportpsychologen usw. sind, jene Menschen aus diesem  System des Kindes können ihren Beitrag dazu leisten, damit die sportlichen Talente für jene Phase vorbereitet und begleitet werden. Welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden können, werde ich in dem kommenden Beitrag im Detail beschreiben. Wer sich bis dahin nicht Gedulden kann oder will, jenem sei herzlichst der aktuelle Beitrag meines Kollegen Rene Paasch (https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/12/dr-rene-paasch-emotionale-kompetenz-im-fussball/) an Herz gelegt. Wenn sie sich als Trainer oder Internatspersonal angesprochen fühlen, scheuen sie sich bitte nicht, meine Kollegen (zu den Profilseiten) und mich (direkt zum Profil von Thorsten Loch), anzusprechen. Gern sind wir bei den Entwicklung eines Konzeptes für die Vermittlung der entsprechenden Kompetenz behilflich.

Literatur:

Potreck-Rose, F. (2007). Von der Freude, den Selbstwert zu stärken. Stuttgart: Klett-Kotta.

Wellensiek, K. (2011). Handbuch Resilienz-Training: Widerstandskraft und Flexibilität für Unternehmen und Mitarbeiter. Landsberg: Beltz.

Wörz, T. (2016). Die mentale Einstellung. Wien: egoth.

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