Thorsten Loch: Geht fair vor?

Paris. Es läuft die 35 Spielminute in der Partie PSG vs. Bastia. Der Pariser Spieler Blaise Matuidi kommt im Strafraum von Bastia zu Fall. Der gegnerische Torhüter Jean-Louis Leca eilt zur Hilfe und erkundigt sich nach dessen Gesundheitszustand. Trotz drückender Überlegenheit nutzt PSG-Kollege Marco Veratti die Unachtsamkeit des Torhüters und donnert das Spielgerät zum 2:0 in die Maschen. Was für ein mieses Vorbild, oder?

Zum Thema: Vorbildfunktion aus sozial-kognitiver Sicht oder der kognitive Ansatz „Lernen am Modell“ von Albert Bandura

Rhein Sieg Kreis. Es laufen die letzten Spielminuten einer Jugendpartie und beiden Mannschaften steht die Anstrengung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Beim Stand von 2:2 kommt es auf der Höhe der Mittellinie zu einem Zweikampf und einem hieraus resultierenden Ausball. Die Entscheidung des Schiedsrichters, Einwurf für die Auswärtsmannschaft zu pfeifen, wird zum Anlass der „Heimeltern“ genommen, diesen wüst zu beschimpfen – ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass es sich hierbei um ein E-Jugend-Spiel handelt.

Zwei völlig unterschiedliche Situationen und dennoch haben sie eines gemeinsam: Alle genannten Protagonisten, ob Profi oder Eltern, haben eine Vorbildfunktion den Kindern gegenüber. Wie sich ein solch negatives Verhalten auswirken kann, soll Inhalt dieses Beitrages sein.

Modelllernen nach Bandura

Dass diese zuvor beschriebenen Situationen keine Seltenheit darstellen, sondern traurige Wahrheit ist, spiegelt sich in dem Aufruf des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) für faires Verhalten von Eltern am Fussballplatz „Fair ist mehr“ (siehe Foto und Download) wieder. In der Vergangenheit lassen sich gar Fälle von „Fanausschreitungen“ finden, bei denen Eltern durch aggressives Verhalten am Spielfeldrand traurige Negativschlagzeilen machten. Dass dieses Verhalten weitreichende Folgen haben kann – und dies nicht nur unmittelbar – lässt sich anhand der Theorie Banduras erklären (siehe Abb. 2).

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Für Bandura stand fest, dass menschliches Verhalten nicht allein durch Reiz-Reaktion-Zusammenhänge zu erklären sei, sondern dass zwischen Reiz und Reaktion höhere Prozesse ablaufen. Aus dieser Überlegung kam er zu der Einsicht, dass es sich beim Modelllernen um einen kognitiven Lernprozess handelt. Ein Individuum eignet sich neue Verhaltensweisen durch das Beobachten von Verhalten anderer Individuen und den darauffolgenden Konsequenzen an. Bandura wollte belegen, dass auch aggressives Verhalten (wie bspw. jenes der Eltern zu Beginn) durch Modelllernen entstehen kann. In diesem Zusammenhang ließ er Kinder beobachten, wie erwachsene Modelle eine große Plastikpuppe boxten, schlugen und traten. Diese Kinder zeigten im weiteren Verlauf des Experimentes häufiger derartige Verhaltensweisen als Kinder aus der Kontrollgruppe, die die aggressiven Modelle nicht beobachtet hatten (vgl. Bandura et al. 1963). Zimbardo und Gerrig (1999) gingen sogar noch weiter und fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass Kinder aggressives Verhalten bereits dann nachahmten, wenn sie die Modelle lediglich im Film gesehen hatten, oder wenn die Modelle selbst nur Zeichentrickfiguren gewesen waren.

Sportsmann Klose

Es gibt jedoch auch die andere Seite der Medaille mit einem noch größeren Potential. In der Welt des leistungsorientierten Ergebnissports Fussball finden sich einige wenige Beispiele, jedoch mit einprägsamer Wirkung wieder. An dieser Stelle sei an unseren ehemalige DFB-Torjäger Miroslav Klose gedacht. Neben seinen unzähligen Toren, blieben auch Aktionen im Gedächtnis, die den Fairplay-Gedanken besonders untermauern. Zu seiner aktiven Zeit bei Lazio Rom gab er ein irregulär erzieltes Tor mit der Hand beim Stand von 0:0 zu:

Fazit

Auch wenn es einmal hoch hergeht und die Emotionen einen überfluten, würde ich es mir wünschen, dass sich Eltern als auch die Spieler ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Wie wir an der Theorie von Albert Bandura eindrucksvoll sehen konnten, ahmen Kinder die Verhaltensweisen von beobachteten Modellen nach. Dieses Potential ist unlängst beim DFB angekommen, denn dieser zeichnet seit 1997 jährlich Spieler, Mannschaften, Schiedsrichter, Trainer und Funktionäre mit der „Fair Play-Medaille“ aus, die auf und abseits des Fußballplatzes entweder durch einzelne Gesten oder durch ihr kontinuierliches Verhalten den Gedanken des Fair Play in besonderer Form leben.

 

Literatur:

Bandura, A. & Walters, R. H. (1963). Social learning and personality development. Winston: Holt.
Zimbardo, P. G. & Gerrig, R. J. (1999). Psychologie. München: Pearson.

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