Christian Hoverath: Trainer entscheiden bei Doping-Vergehen mit

Kürzlich war ich zum Präventionstag eines großen deutschen Sportverbandes eingeladen, um mit den anwesenden Trainern und Funktionären über die Haltung in der Dopingprävention zu diskutieren. Immer wieder stelle ich bei solchen Veranstaltungen fest (ich werde mittlerweile häufiger für solche schweren Themen gebucht), dass durchaus bekannt ist, dass das Umfeld hinsichtlich einer Doping-Entscheidung eine sehr große Rolle spielt. Darunter fällt natürlich auch, dass die Versuchung zu Gesundheitsgefährdung, zum Missbrauch und Betrug geringer ausgeprägt ist, wenn dieses Umfeld für einen sauberen und fairen Sport steht.

Zum Thema: Die Bedeutung der Prävention für die Anti-Dopingarbeit

Lass dich doch mal auf folgendes Gedankenexperiment ein: Stellen wir uns vor, dass es in einem Eishockeyspiel in der Nachwuchsliga kurz vor Spielende bei einem ausgeglichenen Spielstand zu einem Konter kommt. Du befindest dich hinter dem Gegenspieler und könntest ihn durch ein Foul stoppen. Würdest du es tun? Würdest du foulen, wenn es um den Abstieg oder die Meisterschaft ginge? Und was hätte es für einen Einfluss, wenn dein Trainer dich allein dafür loben würde, dass du hinterher läufst, versuchst zu stören, und dich auf deinen Torhüter verlässt? Was hingegen hätte es für einen Einfluss, wenn der Trainer dich zum Foul animieren würde? Ein Unterschied sollte deutlich werden…

Und jetzt versetzen wir uns ins Schüleralter: In der Physikklausur kommt der Schüler mit einer Aufgabe nicht zurecht. Er erinnert sich aber genau, dass er gestern eine ähnliche Aufgabe gerechnet hat. Und nun schiebt ihm sein Sitznachbar einen Zettel mit der Lösung zu. Natürlich ist unser Schüler erleichtert und geht mit einem beruhigten Gefühl nach Hause. Einige Tage später allerdings erfährt der Schüler, dass er wegen eines Täuschungsversuchs eine sechs bekommen hat. Die Lösung war falsch, und da sie identisch mit der des Nachbarn war, ist der Betrug nicht von der Hand zu weisen. Auch im Sport erhalten Jugendliche Ratschläge von Freunden, Trainern und anderen Vertrauenspersonen. Woher jedoch wissen Sie, dass diese Ratschläge nützlich und für sie zum Besten sind? Sie wissen es nicht! Sie vertrauen aber – denn es ist der Trainer, zu dem sie aufsehen. 

Frühzeitigkeit ist der Schlüssel 

Darüber ist es auch im Sport so, dass die Verlockung häufig in schwierigen Momenten kommt, wie zum Beispiel bei Niederlagenserie oder Verletzungen. Es ist also wichtig, Sportlerinnen und Sportler frühzeitig zu befähigen, darüber nachzudenken, wie weit sie bereit sind zu gehen. Man sollte die frühzeitig darin unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen, ihnen Denkanstöße geben und entsprechendes Wissen vermitteln.

Zum Profil von Christian Hoverath: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

Gerade die Grauzone ist mit größten Unsicherheiten verbunden und bietet den Einstieg ins Doping. Doping selbst wird im Sinne von WADA- und NADA-Codes definiert. Doch viel spannender für die Entwicklung einer Haltung ist ja die Grauzone, die bestimmte Grenzwerte von Stoffen zusammenfasst. Wir wissen, dass diese Grenzwerte nicht selten genutzt werden, um eine Form des Dopings zu realisieren, die nicht bestraft werden kann. Fasst man die Definition des Dopings jedoch weiter, so fällt auch der Versuch, seine eigenen Grenzen zu sprengen und im Wettkampf der Bessere zu sein, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit und die Folgen für andere und die Gesellschaft dort hinein. Und genau eine derartige Steigerung der Leistung ohne Rücksicht auf eigene Verluste (nehmen wir doch die zumeist unbekannten gesundheitlichen Folgen durch Nebenwirkungen zur Hand) ist doch schon mit Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln möglich. Wir wissen jedoch auch, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln im Normalfall eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf für den Körper ausreichen, solange kein Mangel nachgewiesen ist. Medikamente, die zu einem anderen Zweck als der Heilung von Krankheiten eingesetzt werden, lassen bei allen für die Leistungssteigerung erwünschten Effekten das Wort Missbrauch mitschwingen.

Dopingmentalität entsteht über Jahre

Und somit kann durch die Einnahme von Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln schon aufgrund der Furcht vor Schmerzen oder durch der Anwendung von Medikamenten zum Bestehen von Leistungsanforderungen eine Dopingmentalität entstehen. Denn dadurch kann sich früh im Kopf der Athlet*innen festsetzen, dass ich nicht ausreichend fit oder wach bin, wenn ich meine Vitamine oder Pillen nicht genommen habe. Dazu kommen weitere Versuchungen durch überhöhte Leistungserwartungen, fehlende Alternativen zum Abbau von Stress und Angst, aber auch durch Selektionsdruck und eine Wettkampfhäufigkeit, die zu Regenerationsbeschleunigern verführt. Als Trainer sollte ich also in der Lage sein, Wissen zu vermitteln, zu Argumentation, Reflexion und Entscheidungsfähigkeit anregen und auch für mich wissen, welche Faktoren eine Dopingmentalität beschleunigen und welche bremsen. 

Für mich als Trainer besteht das Dilemma darin, dass ich einerseits ethische Grundsätze einhalten muss und der Gesundheit der mir anvertrauten Athleten nicht schaden darf. Auf der anderen Seite steht natürlich der Auftrag, erfolgreich zu sein, um für die Vertragsverlängerung oder weitere Empfehlungen in Frage zu kommen. Und so soll auch jeder Trainer seine eigenen Werte kennen, sich positionieren können und dem Sportler beibringen, zu argumentieren.

Trainer in der Vorbildrolle 

Eine wichtige Rolle spielt auch das Modelllernen (Bandura, 1963; ich empfehle dazu den Text meines Kollegen Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/24/thorsten-loch-geht-fair-vor/). Und so werden häufig Regeln in einem Umfeld gebrochen, in dem andere Menschen dies ebenfalls tun. Somit spielt der Trainer eine entscheidende Rolle, ob Sportler*innen sich an Regeln halten oder nicht. Diese orientieren sich an ihren Vorbildern und an den Einstellungen von Vertrauenspersonen. Kommen sie durch Vereinswechsel oder Kaderzugehörigkeit in ein neues Umfeld, dann kommt dazu, dass dieses Umfeld meist eigene Regeln hat, an die man sich anpasst (man denke zurück an die omertà im Radsport).

Zurück zum Präventionstag, den ich eingangs erwähnte: Zum Ende einer äußerst spannende Diskussion brachte ein Teilnehmer es mit seinem finalen Kommentar auf den Punkt und machte damit plastisch deutlich, wieso es so wichtig ist, sich klar zu positionieren: Stehe ich an einem Sonntag morgen an einer Nebenstraße mit meinem kleinen Sohn an einer roten Ampel und entscheide mich, die Straße zu überqueren, so darf ich mich am Montag Mittag um eins an der Hauptstraße nicht wundern, wenn er mich fragt: „Papa, warum warten wir heute an der roten Ampel?“

Link

www.dsj.de/dopingpraevention

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