Dr. Michele Ufer: Führung und Teamentwicklung

Motivationsvorträge und -trainings sind in Mode und werden gern von Unternehmen und Sportteams gebucht. Viele „Motivationsexperten“ & Mentaltrainer schwören dabei auf die immer gleichen Slogans und den Machbarkeitswahn des „Positiven Denkens“. Das wirkt selten nachhaltig positiv und kann sogar zu Frust, Zweifel und Burnout führen. Andere schließen gern von ihren persönlichen Erlebnissen, die sie im Rahmen (extrem)sportiver Urlaubsaktivitäten sammeln, auf die Motivation in Unternehmen oder Sportteams. Markige Sprüche wie „Wenn du willst, kannst du alles erreichen“ sind an der Tagesordnung, aber oft wenig hilfreich, weil sie an der Wirklichkeit vorbeigehen und die Verantwortung auf das Individuum abwälzen, ohne die organisationalen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, in denen sich die Menschen meist bewegen.

Zum Thema: Motivationstraining vs. Organisationsberatung?

Vor einiger Zeit wurde ich vom Bundestrainer einer Nationalmannschaft wegen eines Coachings angefragt. Er hatte unter anderem aus den Medien über meine eigenen sportlichen Aktivitäten gehört, schien von meinen Erfolgen und Herangehensweisen fasziniert und der Meinung, ich sei ein geeigneter Mentalcoach für sein Team. Das Anliegen bzw. Ziel des Bundestrainers lautete: „Steigerung der Motivation (und Leistungsfähigkeit) der Athleten, um die Qualifikation zur Europameisterschaft zu schaffen“. Wir haben diese eher pauschale Zielformulierung natürlich später deutlich konkretisiert, vor allem aber dreierlei Dinge gemacht.

  • Zunächst habe ich mir erlaubt, den Bundestrainer zu „ent-täuschen“. Dieser sah mich insgeheim als Motivationstrainer oder -guru, der sich um die Athleten kümmert, damit diese ihre Motivation und Leistung verbessern. Ich klärte ihn auf, dass ich mich nicht als Motivationstrainer, sondern eher als Prozessberater und Systemcoach sehe, der einen ganzheitlichen Blick auf Zusammenhänge und Wechselwirkungen innerhalb des Teams (und darüber hinaus) wirft und dabei hilft, diese Prozesse leistungsdienlich zu verbessern.
  • Zur Verwunderung des Bundestrainers habe ich mir im Rahmen des Contractings dann nicht nur sein OK, sondern auch das Mandat (bzw. die Bereitschaft) der Athleten und des Betreuerstabs gesichert. Die ersten Sessions dienten deshalb dem Kennenlernen, Aufbau einer vertrauensvollen Atmosphäre sowie der Abklärung von Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen einer möglichen Zusammenarbeit. Dabei wurden die vorherigen negativen Erfahrungen mit einer Sportpsychologin thematisiert und in die Zielsetzung integriert.
  • Der ursprüngliche Fokus wurde bei diesem mehrdimensionalen Contracting schnell weg vom simplen „Motivations-/Teamtraining“ hin zur Organisationsberatung des „Systems Nationalmannschaft“ erweitert, um die wichtigsten Akteure in den Entwicklungsprozess einzubinden. Und das war gut so, denn so wurden Themen für die Bearbeitung und systematische Verbesserung zugänglich gemacht, die den Akteuren zunächst nicht relevant bzw. bewusst schienen, deren Bedeutung hinsichtlich der Motivation und Leistung im Team aber ganz entscheidend waren, wie z.B. die Kommunikation im Betreuerstab, das Schnittstellenmanagement, der Führungsstil und das Selbstmanagement des Bundestrainers.

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Moral der Geschichte:

  1. Ein systemischer Ansatz kann gute Dienste leisten. Ja, systemisch, das ist kein Tippfehler. Dabei wird nicht auf einzelne Symptom-/Problemträger (z.B. demotivierte Athleten) fokussiert. Probleme werden vielmehr als Ergebnis gestörter Prozesse im Gesamtsystem interpretiert (z.B. Kommunikation und Miteinander zwischen Athleten, Coach, Betreuer). Am Athleten manifestieren sich lediglich „Störungen“, die im Zustand des Systems begründet sind. Entsprechend fallen Interventionsstrategien aus. Ein „Tschakka“ hätte im vorliegenden Fall wohl wenig geholfen.
  2. Gut, wenn alle Beteiligten am gemeinsamen Wachstum interessiert sind und sich einbringen. Ist dies nicht der Fall, riskieren isolierte Coaching-Maßnahmen schnell wirkungslos oder wenig nachhaltig zu verpuffen. Beispiele gibt es zuhauf, im Sport und darüber hinaus.
  3. Gut auch, wenn der Sportpsychologe mehrperspektivisch arbeitet, nach den Zielen hinter den Zielen Ausschau hält und eine genaue Rollenklärung vornimmt.
  4. Übrigens kam mit SYMLOG ein Feedback- und Assessmentinstrument zum Einsatz, welches bisher kaum den Weg in die Sportpsychologie gefunden hat, obwohl es sehr detaillierte und wertvolle Informationen über die Vorstellungen von effektiver Führung und Teamkultur, sowie Ist-/Soll-Zustände und nötige Veränderungsrichtungen liefern kann. Gut also, immer mal den Blick über den Tellerrand zu werfen, was es so in den Nachbardisziplinen zu entdecken gibt.

Übrigens: Sie haben es gepackt und das wichtige, letzte Qualifikationsspiel zur EM souverän gewonnen… Die sportpsychologische Zusammenarbeit bis zu diesem Ziel wurde von den Beteiligten als sehr gut und hilfreich bewertet. Dann habe ich die Kooperation allerdings beendet. Um weiter gute, nachhaltige Arbeit zu leisten, schien mir der Rahmen nicht mehr stimmig. Gut, wer auch das rechtzeitig für sich erkennt.

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