Johannes Wunder: Stressmanagement im Nachwuchsleistungssport

Viele Situationen können im Leistungssport Stress auslösen. Besondere Beachtung sollten in meinen Augen Kinder und Jugendliche finden. Dort wo Schule, Sport und soziales Umfeld aufeinandertreffen und eine große Persönlichkeitsentwicklung stattfindet, kann es folgerichtig zum vermehrten Auftreten von labilen Phasen kommen. Wie kann die Sportpsychologie in solchen Phasen helfen und wie können auch Trainer und Eltern in diesem Prozess eingebunden werden?

Zum Thema: Stressmanagement im Nachwuchsleistungssport

Mehr Infos zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Stressmanagement oder auch Stressbewältigung steht als umgangssprachlich gern genutzter Begriff in Artikeln oder Ratgebern. Doch es lohnt sich, diesen Begriff genauer zu betrachten. Richard S. Lazarus ist ein bekannter Stressforscher und definiert Stressbewältigung als „einen Prozess der Handhabung jener externen und internen Anforderungen, die vom Individuum als die eigenen Ressourcen beanspruchend oder übersteigend bewertet werden.“ (Knoll et al. 2005, S. 101)

Wenn also das eigene Können oder der Umgang mit Situationen an seine Grenzen stößt, kommt es zu einer Bewältigung. Unter Stressbewältigung kann das Überwinden von bedrohlichen Situationen verstanden werden, ohne dass Schäden oder Beeinträchtigungen daraus resultieren. Die Anwendung geschieht hierbei auf Grundlage von vorhandenen Strategien, die die betroffene Person bereits abgespeichert hat. (Vgl. Wippert, 2009)

Vier Coping-Kategorien

Derartige Formen der Bewältigung werden auch unter dem Überbegriff „Coping“, also mit etwas zurechtkommen, beschrieben. Im Detail wird im Coping zwischen vier Kategorien unterschieden:

  • Reaktives Coping (bereits passiert)
  • Antizipatorisches Coping (vorhersehbar)
  • Präventives Coping (vorbeugend)
  • Proaktives Coping (Ausbau/Erweiterung vorhandener Strategien)

Stressbewältigung im Speziellen kann hingegen in folgende Kategorien unterteilt werden:

  • Soziale Unterstützung
  • Emotionsorientierte Strategie
  • Problemorientierte Strategie
  • Vermeidungs-/Ablenkungsstrategie
  • Medikamentenkonsum zur Stressbewältigung

Wie kann die Sportpsychologie helfen?

Das Erlernen oder Festigen von Bewältigungsstrategien kann gezielt zum Thema in der sportpsychologischen Betreuung werden. Die verschiedenen Bereiche des Copings werden demnach in Gesprächen thematisiert beziehungsweise aktiv angesprochen. Ein Lerneffekt wird so durch regelmäßiges, gemeinsames Reflektieren von „problematischen“ Situationen wahrscheinlich. Aufgrund der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in der Anwendung von Bewältigungsstrategien noch nicht so erfahren sind, ist das begleitete Erlernen eine in meinen Augen sinnvolle Methode – egal ob für sportpsychologische Berater oder für Trainer.

Zusätzlich ist es besonders für die tägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Sport sinnvoll, die Stressbewältigung zum einen aus entwicklungspsychologischer Sicht und zum anderen auch im Bezug auf Geschlechterunterschiede zu betrachten. Einige wichtige Details, die in persönlichen Gesprächen und der Einschätzung von Situationen wichtig sind, sollen nachfolgend kurz erläutert werden:

  1. Jugendfreundschaften haben bei Mädchen einen höheren Stellenwert (vgl. Knoll, 2005)
  2. Jungen haben ein höheres Aggressionslevel als Mädchen (Lohaus et al., 2007)
  3. Jüngere Kinder haben oft Schwierigkeiten Stressbewältigungsstrategien situativ anzuwenden (ebd.)
  4. Ablenkungs- und Vermeidungsstrategien sind für Kinder/Jugendliche schwieriger anzuwenden (ebd.)

Leistungssteigerung durch Entspannung

Neben der besonderen Berücksichtigung von gezielten Bewältigungsstrategien können auch Entspannungsverfahren einen Platz im Nachwuchsleistungssport einnehmen. Besonders bei Kindern bieten sich hier Progressive Muskelentspannung und imaginative Verfahren, wie Phantasiereisen an. (siehe Beitrag zur Progressiven Muskelentspannung unten).

Ein regelmäßiges Üben hat nicht nur den Vorteil, dass die Kids in möglichen Stresssituationen mehr Werkzeug in ihrem Stressbaukasten haben und dieses auch anwenden können, sondern auch, dass eine Basis für einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper gelegt wird, die im Verlauf der weiteren Karriere sportlich auch leistungssteigernd wirken kann.

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