Dr. Hanspeter Gubelmann: Betreuungsansätze für die sportpsychologische Arbeit mit Jugendlichen

Die faszinierenden Facetten der angewandten Sportpsychologie manifestieren sich oft im Erleben besonderer Vitalität, Veränderlichkeit und zuweilen Sprunghaftigkeit. Insbesondere im Umgang mit jungen Athletinnen und Athleten und ihrer Entwicklung im Sport gestalten sich diese Ausprägungen zuweilen atemberauend schnell, meist auch sehr dynamisch. Um Jugendliche besser verstehen und begleiten zu können, wünschten sich Eltern, Trainerinnen oder Sportpsychologen oft mehr Informationen von den/ihren Kindern, um besseren Einblick in deren Erleben und Handeln zu bekommen. Als Vater einer Leichtathletik begeisterten Tochter fühle ich mich hier gleich mehrfach herausgefordert. Soll ich als Vater auch ihr Trainer und Sportpsychologe sein?

Zum Thema: Informationsgewinnung im Arbeitsalltag der Angewandten Sportpsychologie

Mehr Infos zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Das Ziel dieses Beitrags liegt nicht in einer Aufarbeitung dieser komplexen Beziehungskonstellation. Stattdessen möchte ich anhand eines Beispiels (17-jährige Sprinterin in der Leichtathletik) zwei unterschiedliche Betreuungsansätze kurz ansprechen, wie wir im Umfeld sportbegeisterter Jugendlicher zu Informationen gelangen, die für unsere Beratungsangebote bedeutsam, häufig auch notwendig sind.

Berichten – Beobachten – Beschreiben

Als ehemaliger Leichtathlet und Trainer im Nachwuchsbereich dieser Sportart fällt es mir leicht(er), die gestellten mentalen Anforderungen an eine junge Sportlerin einzuschätzen. Ich kenne das Anforderungsprofil, entsprechend gezielt(er) kann ich in der Anamnese und in der inhaltlichen Gestaltung der Diskussion vorgehen. Im Fall der 17-jährigen Tanja (fiktiv, nicht verwandt) würde ich in der Betreuungssituation auf „traditionelle“ Vorgehensweisen, Methoden und Tools zurückgreifen, die sich auch an meine sportpsychologischen Erfahrungen in der Betreuung von Sprinterinnen anlehnen.

Dazu zählen: Erstgespräch, halbstrukturiertes Interview, insbesondere Schilderungen zu „best/worst ever“-Erfahrungen, Beobachtungen aus Trainings- und Wettkampf-Situationen, Schilderung aus Sitzungen mit Video-Selbstkonfrontation, Erarbeitung von (mentalen) Handlungsplänen, Einbezug von Informationen aus dem Trainingstagebuch und von Drittpersonen (Trainer, Freunde) usw. Entsprechend der Auftragsklärung, der Zielvereinbarung und Diskussion zu möglichen Interventionen (z.B. Bewegungsvorstellungstraining, Regulation Vorstartzustand etc.) entsteht letztlich das individuelle Interventionskonzept für Tanja.

Präsent sein – Interesse bekunden – geduldig sein

Grundsätzlich wäre es denkbar, die oben beschriebene Vorgehensweise auch in der Begleitung meiner Tochter Catia anzuwenden. Aus meiner Ausbildungszeit nahm ich die Überzeugung mit, meine Rolle als Vater nicht mit einer (möglichen) Rolle als Trainer oder Sportpsychologe zu vermischen. Mich interessiert primär die menschliche Entwicklung meiner Tochter, ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Selbstverständlich freue ich mich über ihr Engagement in der Leichtathletik, höre ihr gerne zu, wenn sie von ihren Erfahrungen berichtet und begleite sie gelegentlich als Zuschauer an Wettkämpfen.

Ich versuche ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu haben – gleichermassen offen und zugewandt wie zu ihrem Zwillingsbruder. Ich möchte meinen Kindern gerade in der anspruchsvollen Entwicklungsphase der Pubertät und in der Zeit ihrer beruflichen Orientierung beides sein können: Unterstützer – aber auch «eine Wand, gegen die sie spielen können».

Teachable moments…

Um ihr in der oben beschriebenen Konstellation als Vater trotzdem sportpsychologisch behilflich sein zu können, nutze ich gelegentlich Möglichkeiten, die sich z.B. im schulischen Umfeld eröffnen. Von einem derartigen „teachable moment“ erzählt der Aufsatz von Catia. Sie bekam im Englischunterricht die Aufgabe gestellt, einen Essay zum Thema „Ort“ zu verfassen. Sie kam auf mich zu und fragte, ob das schriftlich gestellte Essay-Thema auch eine Beschreibung ihres Erlebens eines 100m-Sprints zuliesse – was ich selbstverständlich bejahte. Sogleich begannen wir über eine mögliche Dramaturgie nachzudenken. Darüber, wie sich „action“ and „feelings“ miteinander verbinden liessen. Selbständig machte sie sich an die Abfassung ihres Aufsatzes in der geforderten Länge von 1’000 Wörtern. Der Text entwickelte sich verteilt über mehrere Tage und nahm wohl viel mehr Zeit in Anspruch, als sie ursprünglich gedacht hatte!

Höchst bemerkenswert bei „My sweet spot“ (zum Text) fand ich Catias Bemerkung ganz zum Ende ihrer Arbeit: „Weißt du, Paps, es sind ja noch tausend andere Dinge, die mir jetzt eingefallen sind, über die ich aber nicht schreiben konnte. 1000 Wörter sind gefordert, ich habe genau 1013! Aber ich erzähle dir jetzt mal detailliert, wie ich mich in den Startblock setze und was meine Handbewegung genau bedeutet, wenn ich so über die Startlinie streiche“. Und sie begann damit, ihr Startritual zu mimen und erzählte mir in sehr authentischer Art ihre damit verbundenen Empfindungen. Ich war erstaunt, als ich realisierte, wie ausgeprägt ihre Startroutine jener glich, die ich vor mehr als 30 Jahren selbst als Sprinter angewandt hatte. Zuvor hatten wir noch nie über diesen Handlungsablauf gesprochen.

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