Lara Dickenmann: Es würde viel bringen, würden sich einige Fußballer als homosexuell outen

Cristina Baldasarre
Zum Profil von Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

Im deutschsprachigen Raum machen in letzter Zeit Geschichten rund um die Outings von bekannten LeistungssportlerInnen viel Wirbel. Die allgemeine, sozial konforme Meinung hinsichtlich sexueller Orientierung geht zwar klar in die Richtung der Akzeptanz und Freiheit im Tun und Handeln. Blicken wir aber etwas tiefer und hören etwas genauer hin, dann zeigt sich noch immer ein für mich erschreckendes und inakzeptables Bild. Dieses ist geprägt von soziokulturellen, lang verankerten Glaubensmythen, welche ich «….man müsste doch….» oder «….das darf man nicht…» – Sätze nenne. Geschichtlich verankert, aber sehr überholt, würde ich sagen.

Zum Thema: Homosexualität im Leistungssport

Ich berichte in meinem Beitrag über die talentierte Mittelfeldspielerin Lara Dickenmann, die im Fussball bereits viele Erfolge erzielt hat. Zwischen 2009 und 2015 mit Olympique Lyon, wo sie in 116 Spielen 56 Tore schoss, 6-mal die Französischen Meisterschaften sowie 2-mal die Champions League gewann. 2015 wechselte sie dann zum VFL Wolfsburg, mit dem sie bisher 2-mal die Deutsche Meisterschaft und 3-mal den DFB Pokal gewinnen konnte. Seit 2002 spielt Dickenmann als erfolgreichste Spielerin für die Schweizer Nationalmannschaft. Sie hat in ihrem SRF Fernsehbeitrag vom 9. September 2018 bei Sportschau plus ihr Outing gemacht und mit viel Mut und sehr eindrücklich über ihr Privatleben gesprochen. Den Fokus lege ich in dem Interview, welches wir vor ihrer Verletzung geführt haben, auf die Zeit vor dem Outing. Dieser ist mit emotionalen Achterbahnen gespickt und soll an ihrem Beispiel darlegen, wie es Dickenmann ergangen ist, was ihr geholfen hat und was sie mit ihrer Geschichte erreichen möchte.

Lara Dickenmann, wie ging es dir, als du vor Jahren die ersten Gedanken dazu hattest, dass du mehr auf Frauen stehst?

«Ich habe das ungefähr mit 13 Jahren so richtig gemerkt und meine erste Reaktion war eigentlich, dass es sich sehr natürlich angefühlt hat, also gut. Ich wusste aber auch, wie mein Umfeld, also die Familie, die Schule und die Freunde so ungefähr über dieses Thema dachten. Also hatte ich auch Angst, als anders abgestempelt zu werden oder etwas Falsches zu machen.»

Wem hast du dich als erstes anvertraut?

«Eigentlich niemandem. Als ich dann mit 14 Jahren in den Frauenfussball wechselte, merkte ich schnell, dass es nicht nur mir so ging, und so fand ich in einigen Mitspielerinnen einen Halt. Viele von ihnen waren aber auch in der gleichen Situation wie ich, das heisst, es war schwierig für uns, die Situation so zu akzeptieren. Entweder wegen unseren Umfeldern oder zum Teil auch aus persönlichen Gründen. Also war es mehr so, dass wir alle unseren „Kampf“ mit diesem Thema hatten und uns das irgendwie verbunden hat. Leider war am Anfang nicht wirklich jemand da, der mir gesagt hätte, wie ich wirklich damit umgehen soll oder kann, oder einfach, dass es ok ist, so zu sein, wie ich bin.»

Lara Dickenmann (VfL Wolfsburg) Foto: regios24/Darius Simka

Die Jahre im Wissen und «es Zurückhalten»: Wie hast du das geschafft? Was war schwierig und was hat geholfen?

«Naja, ich denke, in dem Alter haben die meisten Jugendlichen mit irgendwas zu kämpfen. Ich hatte im Fussball ja Orte und Menschen, wo ich eher so sein konnte, wie ich wollte. Das hat mir sehr geholfen und an diesen Leuten habe ich mich auch festgehalten. Schwierig war es in der Schule oder zu Hause, wo ich das Gefühl hatte, ich müsse „normal“ sein und einen Freund haben. Das habe ich dann ab und zu auch gemacht, einfach um ein bisschen dazuzugehören.»

Was hat dich dazu bewogen, dich jetzt zu Outen und nicht (wie es so viele tun) das erst nach dem Karriereende zu machen?

«Der kleine Film über mich war kein Outing. Ich denke, die meisten Leute wussten, dass ich auf Frauen stehe. Ich wollte das seit einiger Zeit thematisieren, um anderen Mut zu machen. Ich hatte früher kein Vorbild und keine Figur, die öffentlich zu seiner/ihrer Homosexualität stand und sagte, es ist ok so wie ich bin. So war es schwierig für mich, überhaupt etwas zu diesem Thema zu finden und das wollte ich ändern. So jemanden zu kennen oder zu wissen, dass es ihn gibt, hätte mir damals enorm geholfen.»

Welche Rolle hat dabei deine Familie gespielt?

«Ich habe seit ich 13 Jahre alt bin meinen eigenen Prozess durchgemacht, der geht natürlich immer weiter, und einen grossen Teil habe ich mit meiner Familie durchlebt. Ich lebe aber auch seit 14 Jahren nicht mehr zu Hause und habe hier in Wolfsburg ein sehr tolerantes Umfeld und einen Verein, der Vielfalt unterstützt. Mit Pernille Harder und Nilla Fischer habe ich zwei Teamkolleginnen, die geoutet sind. Da dachte ich mir irgendwann mal, das möchte ich auch. Ich habe diesen Schritt dann mit meiner Familie, und vor allem mit meiner Mama besprochen. Schliesslich musste ich das aber für mich selbst machen und entscheiden, jedoch haben sie mich dabei immer unterstützt.»

Was waren deine Ängste vor dem Outing?

«Dass meine Familie mich nicht so akzeptieren kann, und früher hatte ich auch Angst davor, was meine Freunde in der Schule zum Beispiel denken könnten.»

Glaubst du, dass es heutzutage noch ein Problem ist, sich zu Outen?

«Es kommt immer auf die Kultur an, denke ich. Es gibt ja schon viele Orte, wo man sich auch gar nicht mehr Outen muss. Dort ist es egal, von welchem Geschlecht, es geht mehr darum, ob du in einer Beziehung bist oder nicht. Ich finde, so sollte es auch sein. Ich würde jetzt sagen, dass es in der westlichen Welt nicht mehr ein Problem ist. Aber es outet sich ja trotzdem kein Fussballer, weil es eben doch noch zu viele Leute oder Orte gibt, die so was nicht akzeptieren können. Und dann gibt es natürlich andere Kulturen, in denen es noch ein komplettes Tabuthema ist und sich viele Leute verstecken müssen.»

Worauf bist du stolz? Würdest du es wieder tun?

«Ich weiss nicht, ob ich jetzt stolz bin, dass ich diesen Film gemacht habe, aber wenn es jemandem in irgendeiner Weise helfen kann, dann bin ich zufrieden. Die Feedbacks waren alle soweit positiv, ich bin aber noch nicht dazu gekommen, alle zu lesen. Ja klar, ich würde es auf jeden Fall wieder machen, obwohl es im Nachhinein Dinge gibt, die ich anders gestalten würde.»

Was gibst du Frauen in der gleichen Situation mit? Und wie könnten Männer mit dem Thema umgehen?

«Ich finde, jede Person muss ihren eigenen Weg gehen, aber indem wir ihn miteinander teilen, sind wir einerseits nicht mehr alleine damit und können andererseits vielleicht etwas voneinander lernen. Ich fände es schön, wenn sich jemand oder einige im Männerfussball outen würden, was natürlich zu Beginn hohe Wellen schlagen würde, aber längerfristig gedacht enorm viel bringen würde.»

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