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Zum Thema Geisterspiele: Wie Spieler, Trainer und Manager darauf reagieren können

In vielen Sportarten greifen aufgrund des Coronavirus Krisenpläne. Auch Im Fußball führt das zu sogenannten Geisterspielen. Also Partien, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Gerade für Profi-Fußballer ist dies eine ungewohnte Situation – eigentlich kennen sie es nicht anders, ihre Leistung unter den Augen von vielen Zuschauern abzuliefern. Wie können Spieler, Trainer und Manager nun also auf diese Herausforderung reagieren?

Zum Thema: Umgang mit Geisterspielen 

Ex-Fußballprofi und DAZN-Experte Ralph Gunesch hat die Atmosphäre von einem Geisterspiel mit einem Vorbereitungsspiel im Wintertrainingslager verglichen. Er befürchtet, dass die Spieler nicht in den Pflichtspiel-Modus kommen. Ist diese Befürchtung begründet oder sollten Profis nicht alles um sich herum ausblenden können?

Dr. Fabio Richlan: Die Befürchtung ist meiner Meinung nach überzogen. Die (Nicht-)Anwesenheit von Zuschauern im Stadion ist weder der einzige noch der bedeutendste Unterschied zwischen einem Pflichtspiel und einem Vorbereitungsspiel. Das hat aber wenig mit der interessanteren zweiten Frage zu tun, ob Profis nicht alles um sich herum ausblenden können sollten?

Prof. Dr. Oliver Stoll: Prinzipiell sollten Profi-Sportler in der Lage sein, äußere Einflüsse auszublenden. Wem das individuell nicht gelingt, der kann das üben. Leider ist der Fußball, insbesondere der Profi-Fußball, ein sehr geschlossenes System. In dem System ist, wie zuletzt ja auch die Spielergewerkschaft VdV festgestellt hat, kaum Platz für Sportpsychologen, die sich im Alltag, also vor, während und nach Trainingseinheiten, gezielt mit Spielern beschäftigen könnten. Ratsam wäre auch, wenn Fußballer sich mit Sportlern austauschen würden, für die die Leistungserbringung vor wenigen oder gar keinen Zuschauern zum Alltag gehört. Denken wir nun an manche Ausdauerdisziplinen, bei denen Fans im Regelfall eine sehr untergeordnete Rolle spielen.    

Zuschauer sorgen bei Sportlern nicht zuletzt für Emotionen. Wie geht nun ein Profi-Kicker damit um, wenn er in einem menschenleeren Stadion aufläuft?  

Andreas Meyer: Das wird sehr unterschiedlich sein. Ist ein Sportler beispielsweise sehr misserfolgsängstlich, so kann es für ihn sogar ein Vorteil sein, nicht vor Publikum zu spielen und dem Druck der Zuschauer ausgeliefert zu sein. Sehr viele Sportler werden allerdings von dem ‚Feuer‘ der Fans angesteckt und zehren davon.

Rational betrachtet haben die Fans keinen direkten Einfluss auf die Leistungserbringung der Sportler. Ich sehe die größte Herausforderung im Bereich der Aktivierung. Wir sprechen da auch von Spannung oder Erregung. Es gibt für Sportarten optimale Erregungszustände, die natürlich individuell auch nochmal deutlich voneinander abweichen könnten. 

Um es deutlich zu machen: Ein Dartspieler benötigt grundlegend ein sehr niedriges Erregungsniveau, ein Karatekämpfer hingegen ein deutliches höheres. Im Fußball wird ein mittelmäßig bis hohes Erregungsniveau leistungsfördernd sein.

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Wie sollten Trainer die Spieler vorbereiten? Was müssen sie anders machen?

Dr. René Paasch: Die Trainer sollten die Kommunikation innerhalb des Teams anregen, um damit mögliche Befürchtungen offenkundig zu machen und anschließend gedankliche Lösungen mit der Mannschaft zu erarbeiten. Im Bedarfsfall sollten auch Einzelgespräche geführt werden.

Prof. Dr. Oliver Stoll: Das ist ein sehr guter Punkt, aber da kommen wir wieder zu der Lage zurück, den ich schon kritisiert habe: Kaum ein Profi-Verein hat einen Sportpsychologen im Umfeld der Mannschaft installiert, der sich somit Akzeptanz erarbeitet hat und auch greifbar ist. So nehmen sich die Vereine die Chance, auf diese neue Situation optimal zu reagieren. Denn die Verantwortung liegt nun bei den Trainern, die ja vor allem das Spiel vorbereiten sollen und kaum Zeit haben, auf die individuellen Bedenken zu reagieren.     

Birgit Reichardt: Ja, das Erleben der Situation ist sicher interindividuell unterschiedlich. Grundsätzlich bleibt die grösste Herausforderung, die Spannung und Aufmerksamkeit hochzuhalten, wenn es so still ist. Was wichtig ist vor einem Geisterspiel: Die Mannschaft sollte im Stadion trainiert haben. Die Situation sollte zuvor simuliert werden. Außerdem fürs Spiel: Die Spieler sollten konkrete Aufgaben bekommen – um äußeres auszublenden und sich auf Dinge zu fokussieren, die nichts mit den fehlenden Zuschauern zu tun haben. Dann kommt es auf die Trainer an: Wie stimmen sie ihre Spieler kurz vor dem Anpfiff ein? Diese Stimmung (und die Aufgaben) nehmen sie mit in die Partie.

Bieten sich den Coaches nicht viel mehr Möglichkeiten, schließlich dürften ihre Rufe über den ganzen Platz gut zu hören sein – ganz im Gegenteil zu einem normalen Pflichtspiel? Können Sie also anders Coachen?

Dr. René Paasch: Betrachten wir es von der “schönen” Seite, stimmt das natürlich. Das positive Coaching des Trainers von der Seitenlinie kann besser verstanden werden und als Verstärker wirken. Umgekehrt gilt dies natürlich auch! Zielgerichtetes Führen ist somit möglich.

Ilias Moschos: Auf der anderen Seite müssen Trainer bei Geisterspielen intensiver auf das achten, was sie äußern. Zum Teil kommen aus der Coaching Zone störende Anweisungen, die den Fluss und die Konzentration stören. Meist mitten in einer Aktion. Und die werden in einem leeren Stadion viel mehr wahrgenommen als unter den für die Profis gewohnten Bedingungen. 

Was kann ein Spieler tun, um sich optimal für diese Situation zu präparieren? Gibt es besondere Methoden und Kniffe?

Dr. René Paasch: Vor­be­reitet werden müssen Spieler oder eine Mannschaft erst, wenn man im Vor­feld fest­stellt, dass ein Geis­ter­spiel ein Pro­blem dar­stellt. Ansonsten sind Spieler in Punktspielen ohnehin moti­viert. Die Auf­gabe für den Spieler bei einem Geis­ter­spiel ist es, bewusst mit der Situation umzugehen. Es gibt ver­schie­dene Mög­lich­keiten dies zu trainieren: Im Trai­ning kann etwa durch den Aus­schluss der Öffent­lich­keit oder gar mit Ohrstöpsel eine zusätz­liche Ruhe simu­liert werden. Man ver­sucht, die anstehende Situa­tion bereits im Vor­feld geistig zu durch­leben. So lernt der Profi das klang­lose Stadion bereits kennen. Das Training im leeren Stadion hatten wir schon angesprochen.

Inwiefern gehen unterschiedliche Persönlichkeiten mit der Herausforderung anders um? Oder noch weiter gefasst: Ist es für Teams, die gerade unter Ergebnisdruck stehen, vielleicht sogar einfacher, in einem leeren Stadion zu spielen, wie es die Kicker ja aus dem Training und zumindest bei Testspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit kennen?

Dr. René Paasch: Grund­sätz­lich wünscht sich kein Akteur und kein Team ein leeres Sta­dion. Es gibt aber eine Situa­tion, in dem ein Geis­ter­spiel posi­tive Effekte haben kann. Näm­lich dann, wenn eine Mann­schaft im Laufe einer Saison mit einer Heim­- oder Auswärtsschwäche zu kämpfen hat. In dieser Situa­tion kann sich ein leeres Sta­dion mit einem posi­tiven Ergebnis und die damit verbundenen Erlebnisse als ein Träger für innere Überzeugung, Stichwort: „Selbstwirksamkeit“, her­aus­stellen. Das wiederum erhöht die Erfolgsquote, die mögliche Schwäche zu verringern.

Gut möglich, dass ein Spieler vor leeren Rängen plötzlich frei aufspielt. Meinetwegen beim Elfmeter: Im Training trifft der Spieler problemlos – in der realen Situation, in der 89. Minute, wenn es um alles geht, sagt der Spieler plötzlich, dass es eine andere Situation ist. Vieles findet auf der Kopfebene statt. 

Hinweis: Die Antworten stammen von Experten aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen (zur Übersicht). Zum Teil wurden Aussagen in einem Beitrag des Mediums watson (Link) veröffentlicht.  

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Kathrin Seufert: Ohne Zuschauer in den Wettkampfmodus?

Geisterspiele in der Bundesliga, Champions League und Europa League. Der Fußball leidet unter den gesundheitspolitischen Kriseninterventionen, die helfen sollen, die Verbreitung des neuartigen Coronavirus weitestgehend zu begrenzen. Aber was bedeutet die Maßnahme, in Stadien vorerst auf Zuschauer zu verzichten, für die Spieler? Rein sportlich betrachtet: Besteht die Gefahr, dass die Kicker nicht an ihre Leistungsgrenze kommen?

Zum Thema: Ohne den zwölften Mann – Tipps für Fußballer und Trainer vor Geisterspielen 

Eine Aussage von Ex-Fußballprofi und DAZN-Experte Ralph Gunesch trifft sicherlich einen wichtigen Punkt. Der frühere Profi von Borussia Dortmund und dem FC St.Pauli spricht davon, dass Spiele ohne Zuschauer schnell den Anschein eines Testspiels oder eines Vorbereitungsspieles im Trainingslager bekommen könnten, weil diese Spiele vor nur wenigen oder auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Für Gunesch sei es fraglich, ob für die Akteure auf dem Platz eine Pflichtspiel-Atmosphäre aufkomme. Nicht, dass die Vorbereitungsspiele nicht auch einen Wettkampf darstellen, aber so ein rheinisches oder das Ruhrpott-Derby haben da für die Spieler oftmals einen anderen Widerhall.

Zu beschreiben, wie sich ein Spieler in einem Spiel ohne Fans fühlt, ist sicherlich ultra individuell und  lässt sich vorab auch nicht einschätzen. Was klar sein dürfte, ist, dass eine Veränderung auffallen wird. Die gewohnten Rahmenbedingungen mit grölenden Fans schon bei der Platzbegehung sind verändert. Jetzt kommt es natürlich darauf an, diese für sich anzunehmen. Es ist eine Veränderung, die nicht beeinflussbar ist, also muss das „Beste draus gemacht werden“. Also ist das Ergebnis durchaus gestaltbar, wenn eine entsprechende Vorbereitung erfolgt.

Das klingt nun so einfach, ist es wahrscheinlich aber eher nicht…

Markus Gisdol, der Trainer des 1.FC Köln, hat spontan eine passende Maßnahme angeordnet. Statt auf dem Trainingsgelände des Vereins hat er das Abschlusstraining ins Rheinenergie Stadion verlegt und dort vor eben diesen leeren Rängen trainieren lassen. Das ist insofern interessant, als dass die Spieler erfahren können, was für Auswirkungen sie ganz individuell zu spüren bekommen, wenn es in einer großen Arena still um sie herum ist. 

Ein Beispiel für veränderte Rahmenbedingungen sind die Zurufe und die Kommunikation auf dem Spielfeld. Bleiben wir beim Beispiel des FC´s. Bei Heimspielen finden 50.000 Menschen Platz im Stadion. Die Kommunikation zwischen Trainer und Mannschaft und auch innerhalb der Mannschaft ist unter der Lautstärke der anwesenden Fans stark eingeschränkt. Anweisungen vom Trainer sind meist nur im „Stille Post“ System möglich. Das ändert sich nun. Direkte Absprachen mit Mitspielern und Zurufe des Trainers werden unmittelbar möglich, was aber natürlich nicht nur für die Mitspieler gilt. Doch auch der Gegner kann mithören. Die Geister die gerufen wurden, können also sogar antworten…. Zumal ein besonderer Aspekt hier mit hinein spielt: Seinen Trainer die volle Spielzeit mit Anweisungen hören zu können, lenkt die Aufmerksamkeit eines Spielers unter Umständen in eine falsche Richtung.

Der zwölfte Mann

Es fehlt also der berühmte „Zwölfte Mann“. Der Effekt dieses Faktors für die Spieler ist natürlich nicht nachweisbar. Eine Auswirkung kann der Support der Fans sicherlich darstellen. Denn immer wieder hören wir nach Spielen Aussagen wie diese: „Durch die Anfeuerung der Fans habe ich den Sprint noch mal angesetzt und mich überwunden, obwohl ich eigentlich völlig Ko war“. Dass heißt aus sportpsychologischer Sicht, dass motivational ein extrinsischer Faktor wegfällt. Bei dem einen ist dieser Faktor größer, bei dem anderen geringer. Aber der Wegfall sollte kompensiert werden. Hier ist es sinnvoll, eine intrinsische Motivation mit dem Spieler oder der Mannschaft zu erarbeiten, welches die Motivation hochhält und trotz fehlender Fans die Spannung für den Wettkampf und den Willen herauskitzelt. Neben der Motivation ist der „Zwölfte Mann“ ebenso Träger von Emotionen. Und Emotionen sind vielleicht ein noch viel entscheidende Faktor für die Leistung. Die Fans haben mit Emotionen Einfluss auf die Spieler, indem ihre Euphorie auf das Spielfeld und die Akteure darauf überschwappt. 

Eine weitere Möglichkeit ist es, die Rahmenbedingungen auszublenden. Ob vor 10.100 oder 60.000 Zuschauern, es bleibt das Spiel elf gegen elf, 90 Minuten, ein Ball und der Wille, diesen Ball öfter als der Gegner hinter die Torlinie zu bringen. Daran ändert sich auch dank oder wegen Corona nichts. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, kann helfen, diese Veränderung als nicht wichtig zu betrachten. 

Kathrin Seufert

Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten

Kontakt:

+49 (0)152 092 602 88

k.seufert@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Kraft der Vorstellung

Ein Tipp an dieser Stelle: Sich die Umgebung so vorzustellen, wie sie einen in die optimale Wettkampfstimmung bringt und das zu visualisieren, kann eine einfache aber effektive Hilfestellung sein. Hierbei kann der Einsatz von kurzen Filmen im Kopf, emotionalen Bildern oder das Abspielen bestimmter Fanlieder unterstützend wirken. 

Und vielleicht hilft dem ein oder anderen die Ruhe um sich herum auch, um sich maximal auf seine Leistung zu fokussieren. Die Rufe der Fans, die Pfiffe, die Anfeuerung, all das sind ja auch mögliche Störfaktoren in der Aufmerksamkeit eines Spielers, die sich negativ auf die Leistung auswirken können, wenn Teile dieser Aufmerksamkeit Richtung Tribüne wandern, statt auf dem Rasen zu bleiben. 

Entscheidend ist der Umgang

Jetzt fragt man sich natürlich auch, ist es ein Vorteil für die angeschlagenen Teams, die sich aktuell im Tabellenkeller herumtreiben, wie unter anderem der SV Werder Bremen? Ohne Zuschauerdruck zu agieren oder ist es gerade für sie sogar ein Nachteil, da Ihnen die verbale Unterstützung fehlt. Am Ende wird es der Umgang jedes Einzelnen mit der ungewohnten Situation und dann die Übertragung der einzelnen Reaktion auf die Mannschaft sein, die zeigt, wer sich auf die Umstände einstellen kann und die Spiele gewinnen wird. 

Die Aufgabe für alle Beteiligten wird sein, eigene Ressourcen zu stärken, statt sich über andere Umstände zu ärgern, den Fokus bei sich zu behalten und nach den eigenen Bedürfnissen zu schauen, um diese bestmöglich zu bedienen. Das führt dann final auf Grund des Aktivierungsniveaus, welches in einem mittleren Bereich angesiedelt sein sollte, zur bestmöglichen Leistung. Ärger und Stress lassen dieses Niveau ansteigen und mindern daher auch die Leistungsfähigkeit. Und warum nicht mit etwas Humor und Lockerheit an das „Problem“ gehen und im Abschlusstraining sich Torjubel überlegen, die auch ohne tobende Meute im Hintergrund Spaß macht.

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Dr. Rita Regös: Konfliktmanagement – Erkennen, Analysieren, Lösen

Im Rahmen des Konfliktmanagements setzt man sich mit den verschiedenen Arten von Konflikten und der entsprechenden Formen der Konfliktlösung auseinander, um die Reaktion der am Konflikt beteiligten richtig einordnen und in der richtigen Form intervenieren zu können. Der Vortrag/Workshop richtet sich an Personen mit Führungsfunktion, Gruppenleiter, Trainer, Abteilungsleiter und andere Personen die einer Gruppe vorstehen.

Dr. Rita Regös

Zielgruppe

Sportler, Trainer, Funktionäre, Eltern und Unternehmer

Inhalt:

Kommunikation, Sender/Empfänger, Verstehen lernen

Buchungsanfrage

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    Dr. Rita Regös: Sportliche Großveranstaltungen vor der Absage – Handlungssicherheit in der Unsicherheit

    Seit einigen Tagen wird über die Eventualität der Verlegung bzw. der Absage von sportlichen Großveranstaltungen geschrieben. Einige sind bereits abgesagt, einige wurden verlegt oder werden ohne Publikum durchgeführt. All das führt zu Gerüchten und wie immer bei Hörensagen-Infos besteht wenig Bezug zu Realität. In solchen Situationen sind Sportler gut beraten, sich zu sortieren, innerlich auf Eventualitäten vorbereitet zu sein aber vor allem geht es darum, Fakten von Fake zu unterscheiden – in logischer Konsequenz sich an Fakten zu halten.

    Zum Thema: Wie sich Sportler auf eine mögliche Absage von Großveranstaltungen vorbereiten können

    Wenn ein Athlet sich eine lange Zeit auf einen sportlichen Höhepunkt vorbereitet, geschieht dies unter größter Anstrengung – das könnte Fakt Nummer 1 sein. Entsprechend relevant ist für ihn, ob er sein Ziel erreichen kann oder nicht. Und somit ist die Dramatik für oder gegen die Austragung der Wettkämpfe durchaus für sein subjektives Erleben und Handeln schwerwiegend und nachvollziehbar. Genauso schwerwiegend ist dies für andere Beteiligte im Leistungssport: Die Planung für Trainer, die Reiseformalitäten für den Verband, die Empfehlungen von Veranstaltern, die Pressekommunikation, um nur einige zu nennen. Alle sind ebenso hochgradig von der Unsicherheit betroffen. Manche dieser Verantwortungsträger stehen mit aller Wahrscheinlichkeit unter Zugzwang, zum Beispiel muss der Trainer seine Planung anpassen und einige wohl sogar unter Druck, wenn Entscheidungen trotzdem gefällt werden müssen.

    Wie bei allen leistungssportlich relevanten Unsicherheiten und Entscheidungen mit Tragweite wenden sich Sportler an ihre Trainer, Trainer an ihren Verband, der Verband an den internationalen Dachverband und den DOSB bzw. ÖOC, die wiederum halten sich an das IOC. Es gibt Entwicklungen, die sich allerdings nicht mathematisch berechnen lassen und somit nicht vorherzusagen sind. Dementsprechend kann ganz oben in der Informationskette keine sichere Information bezüglich Zukünftigem formuliert werden und entsprechend auch keine Sicherheit nach unten weitergegeben werden. 

    Die große Unsicherheit

    Somit ist folgender Fakt entscheidend für das Verhalten auf der subjektiven Ebene der Athleten und aller Beteiligten im Sport  – und dieser Fakt ist: Unsicherheit.

    In einem professionellen Umfeld geht man mit Fakten nüchtern um. Hier einige Empfehlungen:

    1. Fakten sind nicht zu bewerten. Eine Aussage, „wie die trauen sich nicht, was zu sagen“, schafft in diesem Fall des Empfindens von Unsicherheit weder Linderung, noch trägt es zur Klärung der Tatsachen hinsichtlich der Zukunft bei. Ebenso ist eine Aussage „zum Glück habe ich mich nicht qualifiziert“ eine subjektive Rationalisierungstechnik: Für einem selbst hilft es, den Misserfolg zu relativieren, für andere hingegen klingt es eher …, ist aber definitiv nicht objektiv – geschweige hilfreich.
    2. Jegliche subjektive Meinung, jeder Beisatz und jede Bemerkung, die mit den Fakten gemischt wird, schafft Realität und ist möglicherweise schädlich für das Gruppenempfinden, ganz sicher aber für die weitere sachliche Beschäftigung mit der Thematik. Nebenbei läuft man auch Gefahr, sich lächerlich zu machen oder später für den „lax daher gesagten Satz“ die Verantwortung tragen zu müssen, zumindest medial. Egal welche Position und Funktion man innehat, man sollte sich an die Fakten halten, was aus heutiger Sicht heißt: keiner kann verbindliche Aussagen treffen. Allgemeiner: Expertise kann reden, der Rest könnte schweigen. 
    3. Mit Information und Austausch wirkt man irrationalen Theorien und Ängsten entgegen und signalisiert, Athleten und Mitarbeiter für mündig zu halten. In der heutigen Zeit, wo es eine Fülle von Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, ist die Haltung des Schweigens antiquiert. Auch die Information, – nichts Genaues zu wissen, noch warten oder das aktuell keine Entscheidungen ausstehen – ist eine Information und zwar eine rationale, die Neutralität und Normalität signalisiert.
    4. Panik ist ein Zustand intensiver Angst: Somit ist alleine schon aufgrund der Definition der Begrifflichkeit die Verwendung des Begriffes mehr als übertrieben bei Unsicherheiten dieser Art. Die aktuell viel verwendete Aussage „wir verfallen nicht in Panik“ löst durch die Bedrohlichkeit des Begriffs Angst aus und degradiert nebenbei andere zu irrational panischen Hysterikern. Beides trägt mehr zu Panik und Gerede bei als gewollt. Ein „wir arbeiten weiter und reagieren und informieren, sobald etwas Neues gibt“ – sagt dasselbe, bewirkt allerdings mehr Ruhe.
    5. Nüchtern betrachtet gibt es drei Möglichkeiten: Erstere kann aus Sportlersicht vernachlässigt werden, denn wenn alles wie bis jetzt geplant durchgeführt wird, sind Anpassungen nicht notwendig. Sollten Großveranstaltungen örtlich verschoben werden, ergeben sich logistische Anpassungen. Diejenigen Athleten, die sich seit mehreren Jahren vorbereiten, bewältigen diese problemlos. Das gleiche gilt für zeitliche Terminverschiebungen, wo die Trainer mehr gefordert sind, jedoch ebenso kompetent, um auf Aktualitäten reagieren zu können. Die dritte Möglichkeit, dass Veranstaltungen gänzlich abgesagt werden, erfordert die meiste Sorgfalt. Aus objektiver Sicht muss jedem klar sein, dass keine Entscheidungen aufgrund von Eventualitäten gefällt werden können. Das heißt bis keine Absage erfolgt, wird am Plan festgehalten, der die Absage nicht inkludiert.

    Dr. Rita Regös

    Sportpsychologin, Mental Trainerin

    Sportarten: Eisschnelllauf, Short Track, Ski Alpin, Snowboard, Eiskunstlauf, Kanuslalom, Judo, Schwimmen, Gras Ski, Pistole, Bogenschießen, u.a.

    Kontakt:

    +43 (0)650 7399721

    r.regoes@die-sportpsychologen.at

    Zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

    Alternative Ziele

    Nichtsdestotrotz behält man Eventualitäten im Hinterkopf und macht sich Gedanken, welche Möglichkeiten einem offen stehen und wie man mit Eventualitäten umgehen kann. „Ich soll mich voll motiviert vorbereiten oder voll motiviert meine Athleten vorbereiten und einen Plan B haben. Das eine eliminiert das andere“. Im Gegenteil: Zielgerichtetes Handeln zeichnet sich durch das Ziel aus, alternatives Handeln durch Alternativen, die eben bei Richtungswechsel aktiviert werden, welcher ausschließlich erfolgt, wenn eine Alternative zum Ziel wird. Mein ursprünglicher Plan samt Handeln verliert durch das Formulieren von Alternativen nicht an Relevanz. Wenn ein Wettkampf ansteht, ich mich auf den vorbereite, ist mein Ziel klar. Gibt es keinen Wettkampf, ist das Ziel eliminiert, nicht aber mein Handeln, ich habe trainiert und gearbeitet. Habe ich mich allerdings mit diese Möglichkeit auseinandergesetzt, kann ich mein alternatives Ziel gegebenenfalls sofort aktivieren, habe ich das nicht, brauche ich mehr oder minder Zeit, um mich neu zu orientieren und auch leider mehr Zeit, frustriert zu sein. Bei einem Ziel und gleichzeitig mehrere Alternativen liegt es in meiner Hand, ob ich mich auf mein Ziel fokussiere oder auf die Alternativen. In der Regel neigen wir dazu, uns mit dem Schlimmeren zu beschäftigen. Um diesen Mechanismus zu deaktivieren, ist es hilfreich, sich nüchtern damit auseinanderzusetzen und somit den Vorgang als „erledigt“ zu kennzeichnen. In Folge dieser Auseinandersetzung entschärft man die Alternative, womit sich diese nicht ständig ins Bewusstsein drängt. Nebenbei bekommt man das Gefühl, gut vorbereitet zu sein und schaufelt Kapazitäten frei für das Beschäftigen mit dem hier und jetzt und mit dem Ziel aktueller Geltung.

    Nun klingt die Abhandlung der dritten Möglichkeit nur noch kalt. Selbstverständlich ist das extrem frustrierend für alle Beteiligten. Du hast Dich qualifiziert und somit dein Bestes gegeben, du kannst nichts dafür, – oder negativ getröstet, sei froh, so kannst du nicht verlieren, die Zeit heilt alle Wunden – diese tröstenden Worte sind wenig hilfreich, denn sie basieren auf die Distanzierung vom Geschehen. Genau das ist in dem Moment aber kaum möglich, sonst würde es ja nicht frustrieren. Sie gehören auch nicht in die Vorbereitung. Sich auf ein Gefühl vorzubereiten, erfolgt in reiner Rationalität, nämlich im Wissen, dass etwas einen frustriert und im Folgegedanken, wie man mit Frust umgeht. Dies stört die Vorbereitung auf Großereignisse nicht im Geringsten, im Gegenteil: Ein Tool mehr in der mentalen Werkzeugkiste.

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    Spielergewerkschaft VDV: Sportpsychologisches Betreuungsdefizit im deutschen Fußball wächst

    Fast zwei Drittel der deutschen Profi-Fußballteams verzichten gänzlich auf eine sportpsychologische Betreuung. Bei etwas mehr als jedem vierten Verein zwischen der ersten Bundesliga und Dritten Liga gibt es eine unregelmäßige Betreuung, beispielsweise bei besonderem Bedarf durch die Psychologen des Nachwuchsleistungszentrums. Nicht einmal zehn Prozent der 56 Profi-Clubs kann auf eine regelmäßige sportpsychologische Betreuung verweisen. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der deutschen Spielergewerkschaft VDV hervor.

    Zum Thema: Analyse zur Verbreitung von sportpsychologischen Betreuungsangeboten im deutschen Profi-Fußball

    Wie alarmierend die Zahlen sind, unterstreicht die Tatsache, dass sich die durch die VDV erhobenen Werte im Vergleich zur Analyse für die Saison 2017/2018 noch einmal verschlechtert haben. Damals hatten 15 Prozent der Profiteams eine professionelle sportpsychologische Betreuung, 25 Prozent eine teilweise Betreuung und 60 Prozent überhaupt keine Betreuung, heißt es in der VDV-Presseinformation.

    Offenkundig fehlt es im Profi-Fußball an einer grundsätzlichen Kenntnis zum Thema Sportpsychologie. Wie sonst ist die folgende VDV-Beobachtung zu erklären? „Bei der Befragung stellte sich auch heraus, dass das Qualifikationsniveau der wenigen eingesetzten „Sportpsychologen“ sehr unterschiedlich ist; es schwankt vom promovierten Psychologen bis hin zum BWL-Studenten. In einem Fall wurde der Co-Trainer als Sportpsychologe des Teams genannt.“

    Verfehlt das Angebot die Nachfrage?

    Demgegenüber werde aber, wie die VDV-Vertreter herausarbeiteten, von Seiten der Spieler ein sportpsychologisches Angebot zur Erhaltung der seelischen Gesundheit sowie zur Leistungsoptimierung von den Befragten durchweg als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ angesehen. Die befragten Profis unterstrichen dabei, dass ein sportpsychologisches Angebot nur dann gut funktionieren könne, wenn für den Sportpsychologen eine Schweigepflicht besteht und er ein Vertrauensverhältnis zu den Spielern aufbauen kann. 

    Die Umfrage der VDV fördert eindrücklich zu Tage, wie groß zum einen das Informationsdefizit auf Seiten der Entscheider im Profi-Fußball hinsichtlich sportpsychologischer Fragen ist. Zum anderen wird deutlich, dass es offenbar von Spielern einen Bedarf an einer sportpsychologischen Betreuung gibt, die entwickelten Angebote und Betreuungsformen aber weiterhin nicht den Nerv des Klientels treffen.

    Angebote von Die Sportpsychologen

    Das Experten-Netzwerk Die Sportpsychologen unterstützt Fußballvereine darin, eine moderne und bedarfsgerechte sportpsychologische Arbeit zu installieren. Hierbei steht nicht zuletzt die Verzahnung von vorhandenen Betreuungsstrukturen auf Ebene der Nachwuchsleistungszentren mit neuen Angeboten für Profi-Teams, Einzelspieler, Trainerstäbe, Staff, sportlicher Leitung und Management im Fokus. Die Sportpsychologen waren bereits konzeptionell für Champions League-Teilnehmer aktiv und verfügen über die Tätigkeit der Profilinhaber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Profi-Fußball und im Profi-Sport über umfangreiche Erfahrung. Nicht zuletzt kann über das Netzwerk jegliche Bedarfslage hinsichtlich inhaltlicher Schwerpunkte, Einsatzzeiten und -orte in Deutschland, Österreich und der Schweiz abgedeckt werden.

    Als Ansprechpartner steht Prof. Dr. Oliver Stoll zur Verfügung:

    Prof. Dr. Oliver Stoll

    Kontakt:

    o.stoll@die-sportpsychologen.de

    +49 (0)173 – 4649267

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    zur Profilseite: https://www.die-sportpsychologen.de/oliver-stoll/

    Quelle: Pressemitteilung VDV vom 4. März 2020, weitere Informationen: https://www.spielergewerkschaft.de/de/VDV/Aktuelles/Detail/1136/Weiterhin%20Defizite%20bei%20der%20sportpsychologischen%20Be.htm

    Bild: Screenshot ARD Sportschau Thema, Ulf Baranowsky

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    Dr. René Paasch: Trainer- und Spielerpersönlichkeiten im Fussball entwickeln

    In einem spannenden Interview mit der ARD Sportschau äußerten sich der Akademieleiter Tobias Haupt und Teammanager Oliver Bierhoff zu der aktuellen Situation im Deutschen Fussball (Sportschau, 19.02.2020). Dabei wiesen sie auf zwei wichtige Kernpunkte hin, die aus ihrer Sicht reformbedürftig sind: Die Talentförderung und Trainerausbildung. Haupt: „Wir müssen definitiv wieder das Talent in den Fokus stellen. Und wir müssen unsere Trainer ganz individuell entwickeln. Das viel gepriesene System der Nachwuchsleistungszentren habe in den vergangenen 20 Jahren einige Schwachstellen aufgebaut. Wir bilden zu wenig altersspezifisch aus, wir setzen zu wenig auf Persönlichkeitsentwicklung. Vielen Jungs in den U-Teams fehlt der ursprüngliche Spaß am Spiel, sie zeigen im Training und im Spiel kaum noch Emotionen.“ Bierhoff formulierte die Versäumnisse sogar noch deutlicher: „Wir waren zu technokratisch, haben nur an Taktiken und Systeme gedacht. Persönlichkeit, Menschenführung, Charakter sind verloren gegangen.“ Diese Erkenntnisse sind nicht neu und wurden schon vor Jahren in Blogbeiträgen von mir und meinen Kollegen thematisiert. Denn genau in den von Bierhoff und Haupt umrissenen Arbeitsbereichen können wir Sportpsychologen sehr effektiv wirken – Grund genug für mich, hier ein praktikables Tool für Vereine und Verbände hinsichtlich der Ausbildung der menschlichen Persönlichkeit anzubieten. Es heißt „Big Five“.  

    Zum Thema: Wie wir Persönlichkeiten unserer Trainer und Spieler feststellen und entfalten können 

    Es ist aus meiner Sicht unheimlich wichtig, dass wir im Fußball viel stärker darauf achten, wen wir vor uns haben. Um aber die verschiedenen Persönlichkeiten einschätzen zu können, habe ich auf Basis eines Persönlichkeitsmodells eine Übersicht erstellt, mit dem Sie als Trainer, Manager oder Verantwortlicher hoffentlich gut arbeiten können. Ich selbst nutze dieses Raster, wenn ich mit Team- oder Einzelsportlern arbeite, um den jeweils richtigen Zugang zu finden.

    Denken Sie doch jetzt bitte mal testweise an einen Trainer oder Spieler und machen Sie sich kurze Notizen zu jedem einzelnen Punkt, die im Ergebnis die Persönlichkeit des ausgewählten Individuums beschreiben helfen:   

    1. Verträglichkeit Wenn Akteure im Fussball stärker kooperativer, freundlicher und mitfühlender sind, reden wir von einer hohen Verträglichkeit. Ist Verträglichkeit dagegen schwach ausgeprägt, so sind sie eher misstrauisch und weniger freundlich. Verträglichkeit spielt in der Entwicklung von Trainern und Spielern eine herausragende Rolle. Es ist kaum vorstellbar, sie zu entwickeln und zu inspirieren, wenn sie dauerhaft den Fussball als Leistungsdruck empfinden, Trainer und Spieler als Objekte sehen und dem System misstrauisch und feindselig gegenüberstehen.  
    2. Extraversion bedeutet, wie stark oder wie schwach wir auf äußere Reize reagieren. Trainer und Spieler mit hohen Extraversionswerten sind teamfähig, aktiv, gesprächig und optimistisch. Introvertierte sind zurückhaltend bei Teaminteraktionen, sind gerne allein und agieren ansonsten sehr verhalten. Sie mögen die Gesellschaft von Mannschaftskollegen, sie fühlen sich in Teams und in der Öffentlichkeit  besonders wohl. 
    3. Gewissenhaftigkeit bedeutet, persönliche und sportliche Anregungen anzunehmen und möglichst zeitnah umzusetzen. Es liegt eine gesunde Fehlerkultur vor. Gewissenhaftigkeit hat auch viel mit Selbstständigkeit zu tun. Gewissenhafte Trainer und Spieler dulden häufig keine Nachlässigkeiten und können sehr gut strukturieren und organisieren. Diese Charakter-Ausprägung steht vor allem für Selbstkontrolle, Genauigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Zielstrebigkeit. Viele schreiben dieser Eigenschaft maßgeblichen Einfluss auf den späteren sportlichen Erfolg zu.
    4. Neurotizismus spiegelt als Faktor Unterschiede in der Verarbeitung von negativen Emotionen. Trainer und Spieler mit einer hohen Ausprägung in Neurotizismus erleben häufiger Unsicherheit und haben Angst vor Misserfolg. Zudem bleiben diese Empfindungen bei ihnen länger bestehen und werden leichter ausgelöst. Personen mit niedrigen Neurotizismuswerten sind dagegen weniger unsicher und agieren ruhiger. Neurotizismus spielt insbesondere auch in der Entwicklung von Trainer und Spielern eine bedeutsame Rolle, da es hier darauf ankommt, häufiger auftretende Emotionen im Umgang mit Misserfolgen, Schiedsrichterentscheidungen, Konflikten im Team, Umgang mit Teammitgliedern und sozialen Medien, Reaktionen von Zuschauern, Verletzungen oder Ergebnisdruck auf eine möglichst produktive Art zu verarbeiten. 
    5. Offenheit für Erfahrungen – solche Trainer und Spieler sind mit einer starken Ausprägung bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neuartige Ideen und Wertvorstellungen anderer einzugehen. Sie sind unabhängig in ihrem Urteil, verhalten sich häufig unkonventionell und erproben neue Vorgaben und bevorzugen Abwechslung. Wer dagegen eine nur schwach ausgeprägte Offenheit besitzt, ist eher konservativ und vorsichtig und bevorzugt das Bekannte und Bewährte. 

    Machen Sie den Big Five Test!

    Wenn Sie nun die gemachten Notizen betrachten oder die Gedanken ordnen, dann sollten Sie ein gewisses Gefühl für die jeweils ausgewählte Person entwickelt haben. Auf dieser Grundlage lässt sich dann gut arbeiten. In der Praxis lohnt es sich, wenn zum Beispiel ein Sportpsychologe mit der ausgewählten Person ins Detail geht. Hierzu zeige ich Ihnen einen Test, den Sie jetzt gern selbst an sich einmal ausprobieren können. 

    Auf dieser Online-Seite finden Sie den Big Five Test: http://big-five.plakos.de/. Es erwarten Sie insgesamt 42 Fragen, wobei der Test nur etwa acht Minuten dauert. Noch aussagekräftiger wird der Persönlichkeitstest jedoch, wenn Sie nicht nur selber die einzelnen Fragen beantworten, sondern die Einschätzung ihrer eigenen Persönlichkeit zusätzlich durch einen weiteren Trainer- und Spielerkollegen ergänzen. Meine Kolleginnen oder Kollegen aus unserem Experten-Netzwerk (zur Übersicht) oder ich (zum Profil von Dr. René Paasch) können mit solchen Hilfsmitteln relevante Einschätzungen liefern, auf deren Grundlage sich konkrete Maßnahmen zur Entwicklung der Persönlichkeiten in ihrer Mannschaft oder dem Trainerteam ableiten lassen. Dies kann dann in besonderen Ansprachen, Übungen im Training oder in Einzelgesprächen münden.

    Theoretischer Hintergrund

    Bedient habe ich mich bei der Entwicklung dieser Anwendung an einem Modell, was seit vielen Jahren in der Wissenschaft diskutiert wird: Seit Beginn der 1990er Jahren besteht in der Forschung aber Konsens darin, dass fünf Faktoren höherer Ordnung beschrieben werden können. Diese Dimensionen werden als Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit bezeichnet und lauten (Amelang & Bartussek, 2001): 

    1) Extraversion (Extraversion)

    2) Verträglichkeit (Agreeableness)

    3) Gewissenhaftigkeit (Conscentiousness)

    4) Emotionale Stabilität vs. Neurotizismus (Emotional stability)

    5) Offenheit für Erfahrungen (Openess to experience)

    Jeder Faktor erhält mehrere detaillierte Beschreibungen von Persönlichkeitsmerkmalen, die ein zentrales Thema haben. Die Faktoren stellen bipolare Dimensionen dar. In ihrer negativen wie auch positiven Ladung beinhalten die fünf Faktoren im Einzelnen folgende Eigenschaften:

    Positive Ladung Negative Ladung 
    Extraversion gesprächig, bestimmt, aktiv, energisch, offen,dominant, enthusiastisch, sozial, abenteuerlustig,gesellig, herzlich, durchsetzungsfähig, fröhlichstill, reserviert, scheu, zurückgezogen
    Verträglichkeit mitfühlend, nett, bewundernd, herzlich, warm, weichherzig, großzügig, vertrauensvoll, hilfsbereit, nachsichtig, freundlich, kooperativ,feinfühlig, gutherzig, wohlwollend, bescheidenkalt, unfreundlich, streitsüchtig, hartherzig, grausam, undankbar
    Gewissenhaftigkeit organisiert, sorgfältig, planend, effektiv,verantwortlich, zuverlässig, genau, praktisch,vorsichtig, überlegt, gewissenhaftsorglos, unordentlich, leichtsinnig,unverantwortlich, unzuverlässig,vergesslich
    Neurotizismusgespannt, ängstlich, nervös, launisch, besorgt,empfindlich, reizbar, unstabil, mutlos,selbst bemitleidend, verzagtstabil, ruhig, zufrieden
    Offenheit fürErfahrungenbreit interessiert, einfallsreich, fantasievoll,intelligent, originell, wissbegierig, gescheit,künstlerisch, geistreich, erfinderisch, weisegewöhnlich, einseitig interessiert,einfach, ohne Tiefgang, unintelligent
    Tabelle 1: Auswahl aus 112 Adjektiven der Big Five Persönlichkeitsmerkmale nach Amelang & Bartussek, 2001, S. 371

    Entwickelt wurden diese fünf Faktoren auf Basis einer 1936 von Allport und Odbert im Rahmen des lexikalischen Ansatzes aufgestellten, rund 18.000 Begriffe umfassenden Liste von in der natürlichen Sprache vorkommenden Beschreibungen von Persönlichkeitsmerkmalen. Trotz berechtigter Kritik enthält es doch Ergebnisse aus rund 70 Jahren Persönlichkeitsforschung und wird als wichtigstes Standbein wissenschaftlicher Arbeiten und als „Referenzmodell“ (Amelang und Bartussek, 2001) für Forschungsergebnisse in diesem Bereich angesehen. Erwähnen möchte ich noch, dass es durchaus einige Alternativmodelle gibt (bspw. Hexaco-Modell). Das sogenannte Hexaco-Modell, das den Big Five noch einen Faktor hinzufügt: Ehrlichkeit-Bescheidenheit. Trotz allem möchte ich Ihnen die Big Five empfehlen, da sich diese Testung in meiner Fussballpraxis bewährt hat. Mir ist bewusst, dass die entsprechenden empirischen Daten in diesem Zusammenhang noch fehlen, dennoch ist es aus meiner Sicht möglich, dies als Basiswerkzeug für die Entwicklung von Trainern und Spielern zu nutzen. Wenn Sie als Interesse an der Anwendung des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit im Fussball haben, nehmen Sie gern Kontakt auf. 

    Dr. René Paasch

    Sportarten: Fußball, Segeln, Schwimmen, Handball, Hockey, Eishockey, Tennis

    Kontakt

    +49 (0)177 465 84 19

    r.paasch@die-sportpsychologen.de

    Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

    Fazit 

    Das Big Five Modell aus der Persönlichkeitspsychologie bietet dem Fussball einen guten Überblick über die grundlegenden Dimensionen unserer Persönlichkeit. Allerdings sollten wir derartige Modelle auch nicht überbewerten, da die Persönlichkeit immer komplexer ist! Dennoch lohnt es sich, sich mit den Erkenntnissen der modernen Persönlichkeitspsychologie vertrauter zu machen und gegebenenfalls mehr über andere Personen zu erfahren, die wir entwickeln wollen. Dies kann ein Baustein sein, die eingangs erwähnten Absichten von Bierhoff und Haupt mit Leben zu füllen.

    Mehr zum Thema:

    Literatur 

    Allen, M. S., Greenlees, I., Jones, M. (2011): An investigation of the five-factor model of personality and coping behaviour in sport. Journal of Sports Sciences, 29, 841 – 850.

    Amelang, M., Bartussek, D., Stemmler, G. & Hagemann, D. (2006): Differentielle Pyschologie und Persönlichkeitsforschung (6. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

    Conzelmann, A. (2006): Persönlichkeit. In M. Tietjens & B. Strauß (Hrsg.), Handbuch Sportpsychologie (S. 117 – 136). Schorndorf: Hofmann.

    Conzelmann, A. (2001). Sport und Persönlichkeitsentwicklung. Schorndorf: Hofmann.

    Eysenck, H. J., Nias, D. K. B., Cox, D. N. (1982): Sport and personality. Advances in Behaviour Reasearch and Therapy, 4, 1-56.

    Morris, L. D. (1975): A socio-psychological study of highly skilled women field hockey players. International Journal of Sport Psychology, 6, 134-147.

    Singer, R. (1986). Sport und Persönlichkeit. Gabler, H., Nitsch, J. R., Singer, R. (Hrsg.) Einführung in die Sportpsychologie. Teil 1 Grundthemen (S. 145-187). Schorndorf: Hofmann.

    Singer, R. (2000). Sport und Persönlichkeit. Gabler, H., Nitsch, J. R., Singer, R. (Hrsg.) Einführung in die Sportpsychologie. Teil 1. Grundthemen. Schorndorf: Hofmann.

    Singer, R. (2004). Sport und Persönlichkeit. In Gabler, H., Nitsch, J. R., Singer, R. Einführung in die Sportpsychologie. Teil 1 Grundthemen (4. Aufl.). Schorndorf: Hofmann.

    Schwinger, M., Olbricht, S., Stiensmeier-Pelster, J., (2013):  Der Weg von der Persönlichkeit zu sportlichen Leistungen. Ein hierarchisches Modell. Zeitschrift für Sportpsychologie (2013), 20, pp. 81-93. https://doi.org/10.1026/1612-5010/a000100.

    Online

    https://www.sportschau.de/fussball/allgemein/dfb-akademie-leiter-tobias-haupt-100.html (Zugriff am 25.02.2020)

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    Christian Hoverath: Sportpsychologische Techniken in der Rehabilitation

    Physiotherapeuten sind häufig ganz nah dran am verletzten Sportler. Dabei ist bekannt, dass die psychische Komponente einen großen Anteil an der Genesung hat. Im Vordergrund steht die Vermittlung (sport)psychologischer Techniken für die Arbeit des therapeutischen Personals.

    Zielgruppe

    Trainer, Funktionäre, Manager & Athleten, Hochschulmitarbeiter, interessierte Hobbysportler, Physiotherapeuten

    Inhalt:

    Grundlagen der Sportpsychologie, Sportpsychologisches Training, Sportpsychologische Techniken, Sportpsychologie in der Rehabilitation

    Buchungsanfrage

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      Prof. Dr. Oliver Stoll: Warum Läufer laufen

      In dieser Präsentation werden Mythen über das Langstreckenlaufen aufgegriffen und mittels vorliegenden Studien auf ihre Gültigkeit überprüft. Sie werden sehen: Viel wird behauptet – wenig davon ist wissenschaftlich bewiesen!

      Zielgruppe

      Trainer & Athleten, Hochschulmitarbeiter, Unternehmer, interessierte Hobbysportler

      Inhalt:

      Praxis vs. Forschung, Mythen des Langstreckenlaufes

      Buchungsanfrage

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        Dr. Jan Rauch: High Performing Teams – Wie Arbeitsteams Erkenntnisse aus der Sportpsychologie nutzen können

        Sportteams unterscheiden sich in einigen Punkten stark von Arbeitsteams aus der Privatwirtschaft. Dennoch lassen sich viele Erkenntnisse aus dem Sport gut auf Arbeitsteams übertragen. In Referaten und Workshops werden mit Teams passende Analogien aus dem Sport erarbeitet und auf eigene Arbeitsbereiche übertragen. Auf diese Weise lernen Teams und ihre Mitglieder, sowohl individuelle als auch Team-Potentiale zu erkennen und zu nutzen.

        Cristina Baldasarre

        Zielgruppe

        Sportler, Trainer, Funktionäre, Eltern, Unternehmer, Journalisten, Sportpsychologen, Mentaltrainer

        Inhalt:

        Wissenstransfer aus dem Sport in die Wirtschaft

        Buchungsanfrage

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          Dunja Lang: Performance- und Technikoptimierung im Sport mittels Sporthypnose, Visualisierungs- und imaginativer Techniken

          Im sportlichen Training wird Performance- und Technikoptimierung oft mittels vieler Wiederholungen in Verbindung mit Trainer Feedback und Video Analyse angestrebt. Technikoptimierung geschieht in Verbindung mit Automatisierung und Bildung von Routinen. Die Prämisse: je öfter eine Technik in der Praxis optimal ausgeführt wird, umso größer die Erfolgswahrscheinlichkeit.

          In vielen Sportarten ist die Zahl der möglichen Trainingsdurchgänge limitiert. Gründe sind zeitliche Restriktionen, Belastungssteuerung, aber auch nicht immer vorhandene Rahmenbedingungen (z.B. Schnee im Wintersport).

          Hier bieten Mentaltechniken wirksame Ergänzungen zum Training. 

          Im Workshop wird gezeigt, wie sich „klassische“ Trainingsansätze mit mentalem Training und Techniken aus der Sporthypnose wirkungsvoll ergänzen lassen – für bessere Performance und mehr „Flow-Erleben“, bessere Synchronisation von Bewusstem und Unbewusstem. 

          Der gezeigte Ansatz ist als Einzelcoaching und Workshop/ Gruppencoaching möglich.

          Interessiert?

          Dunja Lang

          Zielgruppe

          SportlerInnen, TrainerInnen, Sportverbände und deren Führungskräfte

          Veranstaltungsart:

          Vortrag oder Workshop

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