Jürgen Walter: Zu kleine und zu große Ziele

Wahrscheinlich kennt es jeder Sportler: Vor einem Wettkampf drehen sich die Gedanken darum, welche Ziele man sich setzt, mit welchem Abschneiden man im Nachhinein zufrieden sein würde oder auch, welches Ergebnis andere von einem erwarten.  

Zum Thema: Die Erwartungshaltung im (Profi-)Sport – eine Medaille mit (mindestens) zwei Seiten

Geht man ohne große Zielsetzung in ein Spiel oder ein Turnier, ist man vielleicht lockerer und entspannter, verliert aber vielleicht auch die volle Konzentration oder den Ehrgeiz. Ist die Erwartungshaltung hoch, setzt man sich selbst auch unter Druck und könnte ggf. daran „zerbrechen“.

Einer, dem dies mit Sicherheit einen Strich durch seine aktuelle Turnierplanung gemacht hat, ist Alexander „Sascha“ Zverev – die deutsche Nachwuchshoffnung im Profitennis. Im Mai gewann der 20-jährige völlig überraschend das Masters-Turnier in Rom und erklomm damit als erster Deutscher seit Thommy Haas vor zehn Jahren die Top-10 der ATP- Weltrangliste.

Zverevs Niederlage nach dem Triumph

Entsprechend groß war die Erwartungshaltung vor den kurz darauf gestarteten French Open, dem wichtigsten Sandplatzturnier der Saison. Vielleicht nicht unbedingt Zverevs eigene, aber garantiert die der deutschen Tennisfans und auch der Medien. Mehrfach wurde er als Mit- oder zumindest Geheimfavorit auf den Grand Slam – Sieg genannt. Warum auch nicht? Schließlich war auch in Rom die Crème de la Crème der Tenniswelt am Start – Rafael Nadal, Andy Murray, Novak Djokovic und auch der österreichische Newcomer Dominic Thiem – und Zverev triumphierte.

Doch dass es meist etwas ganz Anderes ist, als Außenseiter in ein Turnier zu gehen und sensationell zu gewinnen, oder dieses Ergebnis danach auch auf ganz großer Bühne zu bestätigen, bekam der junge Hamburger bitter zu spüren. Denn seine Erstrundenpartie gegen den Spanier Fernando Verdasco, selbst ehemaliger Top-10-Spieler und sicherlich ein äußerst unangenehmer Auftaktgegner, ging, nachdem sie gestern wegen Regen und Dunkelheit beim Stand von 1:1 in Sätzen unterbrochen werden musste, relativ deutlich in vier Durchgängen verloren.

Boris Becker mahnt vor Schulterklopfern

Dabei zeigte Zverev, warum er eben noch keiner der ganz Großen seiner Zunft ist. Gerade in den wichtigen Situationen unterliefen ihm ungewohnt viele Fehler. Er haderte viel mit sich selbst, schmiss mehrfach seinen Schläger und schien gegen Ende des vierten Satzes sogar ein wenig zu resignieren.

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Zverev selbst gab nach dem Spiel an „absolut scheiße gespielt“ zu haben. Das mag (aus seiner Sicht) stimmen. Doch einen möglichen Grund dafür erkannte die deutsche Tennis-Ikone Boris Becker, die schon im Vorfeld des Turniers den Druck auf den Youngster zu senken versuchte: „Er ist die Nummer zehn der Welt, er hat Rom gewonnen. Aber dann kommen eben alle, klopfen dir auf die Schulter, erzählen dir, dass du der nächste Superstar wirst.“

Tischtennis-WM: Roßkopf hofft auf neue deutsche Weltmeister

Dass so eine Situation mit 20 Jahren wohl kaum oder nur schwer zu meistern ist, ohne zumindest phasenweise darüber nachzudenken, erscheint logisch. Zudem wird das frühe Ausscheiden Zverevs weiterer Karriere wahrscheinlich nicht nachhaltig schaden. Dennoch zeigt es, dass zum sportlichen Erfolg weitaus mehr gehört als das spielerische Potential oder das Selbstvertrauen. Die Fähigkeit sich die (für sich selbst) richtigen Ziele zu setzen und mit der Erwartungshaltung – sei es die eigene, die seines Umfelds oder der Öffentlichkeit – umzugehen, ist auf jeder Leistungsebene ein ganz wichtiger Faktor, um die gesteckten Ziele letztlich auch zu erreichen.

Einen anderen Ansatz als Zverev – bzw. eher dessen Fans und die Medien – wählten in den vergangenen Tagen die beiden besten deutschen Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll vor der Weltmeisterschaft in Düsseldorf: Nachdem Nationaltrainer Jörg Roßkopf in einem Interview im Vorfeld der WM erklärte, dass es „Zeit für neue deutsche Weltmeister“ sei und er von seinen Spielern „das Maximum und nicht nur [seine Setzung zu erfüllen]“ als Zielsetzung forderte, hätte man durchaus erwarten können, dass die deutschen Aushängeschilder, in der Weltrangliste immerhin an den Positionen 5 bzw. 8 geführt und in Düsseldorf auch dem entsprechend gesetzt, in dieselbe Kerbe schlagen und eine Einzelmedaille als Ziel ausgeben. Doch davon war in verschiedenen Interviews wenig bis gar nichts zu hören.

Boll tendenziell pessimistischer

Boll, grundsätzlich nicht unbedingt als Lautsprecher bekannt, schien sich beinahe mehr auf das Doppel mit dem chinesischen Weltranglisten-Ersten und amtierenden Einzelweltmeister Ma Long zu fokussieren und gab an vor seinen Spielen „eh immer relativ pessimistisch“ zu sein.

Ovtcharov hat sich vor Großevents in der Vergangenheit stets deutlich offensiver geäußert. Schon häufig ging er als größter Konkurrent der chinesischen Topstars in große Turniere und nahm sich regelmäßig vor deren Phalanx zu durchbrechen, fuhr damit jedoch nicht besonders erfolgreich und scheiterte bislang stets überraschend vorzeitig gegen schwächer eingestufte Gegner. Daraus scheint der Hamelner gelernt zu haben. Denn große Kampfansagen sucht man auch von ihm vor der WM vergeblich.

Ziele können nicht allen gerecht werden

Nun lässt sich sicherlich anmerken, dass die großen Favoriten auf Edelmetall in der Tat allesamt aus China kommen und sowohl Boll als auch Ovtcharov wahrscheinlich einen Chinesen werden bezwingen müssen, um sich Bronze zu sichern. Natürlich sind auch beide erfahren genug, um von Runde zu Runde zu denken und nicht schon im Vorfeld das mögliche Viertelfinal-Duell zu planen. Nichtsdestotrotz werden beide, sollten sie letztlich „ihre Setzung erfüllen“, also in der Runde der letzten Acht ausscheiden, nicht vollends zufrieden sein. Dafür ist der Traum von einer Einzelmedaille, insbesondere vor heimischem Publikum, schlicht zu präsent.

Letztlich wird man es als Sportler, der sich in irgendeiner Form zu seiner Erwartungshaltung äußert, sowieso nicht jedem recht machen können. So wird der eine sagen, Bolls Äußerungen seien ständig zu defensiv und ließen den nötigen Ehrgeiz vermissen. Der nächste bewertet Ovtcharovs Kampfansagen als vermessen oder arrogant.

Ausreichende Spannung im Fokus

So kommt es im Endeffekt nur darauf an, dass sich der Sportler selbst mit seiner eigenen Zielsetzung wohl fühlt und ihm diese im Wettkampf selbst nicht im Weg steht. Dafür ist ein gewisser Realitätssinn sicherlich förderlich. So wird der FC Bayern München wohl kaum den Klassenerhalt als Saisonziel ausgeben, Boll nicht die Runde der besten 64 bei der WM, aber auch die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft nicht die olympische Goldmedaille auf die Agenda 2018 schreiben. Unrealistische Ansprüche sorgen dafür, dass wir mit – objektiv betrachtet – guten Leistungen nicht mehr zufrieden sind, was sowohl sportlich als auch emotional kontraproduktiv ist.

Ob ein Sportler jedoch tendenziell eher eine defensive Erwartungshaltung an den Tag legt, um sich die nötige Lockerheit zu bewahren, oder immer nach dem (bzw. seinem) Maximum strebt, um mit ausreichender Spannung in den Wettkampf zu gehen, muss jeder für sich selbst beurteilen und herausfinden.

Zu hohe Ziele von Roßkopf?

Sollten die deutschen Tischtennis-Herren bei der WM überraschend früh scheitern, können wir alle den Finger heben und monieren, dass zum einen die Aussagen der Spieler auf zu große Ehrfurcht vor den Chinesen und eine unzureichende Vorbereitung schließen ließen, zum anderen aber auch der Druck aufgrund der Zielsetzung von Seiten Jörg Roßkopfs zu groß war.

Hoffen wir also einfach darauf, dass die Beteiligten für sich persönlich die richtige Einstellung gewählt haben, um das Turnier erfolgreich zu bestreiten.

 

 

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