Sportler aller Sportarten haben fast alle eines gemeinsam: Ihre Karriere begann mit der Hilfe und der Unterstützung ihrer Eltern. Fahrten zum Training, Kosten für Sportmaterialien und Trainingslager sind da oft genannte Aspekte verschiedenster Athleten. Doch welche Rolle spielen die Eltern wirklich? Dieser Frage gehe ich in meiner Abschlussarbeit an der Martin-Luther Universität Halle (Saale) nach. Ich möchte euch mitnehmen und verschiedene Seiten dieser Frage beleuchten und für euch darstellen. Bevor ich die Ergebnisse meiner speziellen Studie veröffentliche, möchte ich mich in verschiedenen Blogbeiträgen den unterschiedlichen Komponenten des Systems eines Sportlers widmen und hierbei die Rolle der Eltern betrachten.
Zum Thema: Die Rolle der Eltern im Nachwuchssport
Was ist wichtig für den Trainer im Umgang mit den Eltern seines Sportlers, die mit seiner Taktik und Aufstellung nicht einverstanden sind?
Wie kann ein Physiotherapeut damit umgehen, wenn die Eltern des Athleten mitkommen und eine andere Art der Behandlung für sinnvoller erachten, meist ohne medizinische Expertise?
Wie ist es für Lehrer, die mit den motivierten Eltern ihrer Schüler die pädagogische Lage ansprechen wollen, aber dort kein Gehör bekommen, weil es das Kind zum Spitzensportler schaffen wird?
Was macht eigentlich ein Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, der mit Eltern über Entscheidungen und Richtlinien des Vereins sprechen muss?
Wie geht ein Auswahltrainer mit den Anfeindungen von Eltern um, deren Kind es dieses Mal nicht in den Kader geschafft hat?
Und was macht eigentlich das Geschwisterkind eines Athleten, wenn es selbst keinen Sport betreibt und die Eltern volle Energie für den Sport des Bruders/der Schwester aufbringen?
Dies sind einleitende Beispielfragen, denen ich in den kommenden Beiträgen nachgehen möchte. Mein Ziel ist es, jedem Teil des Systems einen Blog zu widmen. Und abschließend geht es dann natürlich um die Sportler und natürlich die Eltern selbst, um deren Beziehung zueinander und um die Wünsche, die die Sportler an ihre Eltern haben. All das will ich mit Hilfe der Studie ergründen.
Was man immer mal hört, dass es Eltern gibt, die viel zu viel wollen. „Eiskunstlauf-Mamas“ und „Fußball-Väter“, die nicht nur Elternteil sondern gerne auch mal Trainer, Berater und Arzt sind. Doch sollte erst einmal festgehalten werden, dass jeder Elternteil es vor allem gut mit seinem/ihrem Kind meint. Daher wollen wir uns nicht nur diesen extremen widmen, sondern auch denjenigen, die unsicher sind, was das Richtige ist, sofern man das überhaupt pauschalisieren kann.
Ein Blick auf die verschiedenen Sichtweisen, Blickwinkel und Perspektiven soll dabei helfen, ein Verständnis für bestimmte Situationen zu schüren, sich mit einer Situation auf verschiedene weisen auseinander zu setzen. Eine andere Brille aufzusetzen hilft dabei, Handlungen anderer besser einzuschätzen, sich darauf einstellen zu können und die eigene Einstellung dazu zu verbessern. Das hat in einem System, wie dem eines Sportler schnell großen Einfluss. Wenn einer von dem anderen besser die Intentionen kennt, so greifen die Zahnräder deutlich besser ineinander. Das ist selbstverständlich keine einfache Arbeit, und kein bleibender Zustand. Es ist ebenso eine Arbeit, ein Prozess und dieser kann sicherlich Höhen und Tiefen haben.
Werde Teil der Studie
Schauen wir uns also in den kommenden Wochen, die einzelnen Systemteile an, und betrachten möglichst genau, was jeder, der in diesem System tätig ist, im Umgang mit den Eltern eines Sportlers beachten sollte. Schließlich geht es darum, dass es ein rund laufendes System für den Athleten entwickelt wird.
Übrigens: Wenn euch das Thema interessiert und ihr mir helfen wollt, habe ich eine Bitte. Denn ich suche Teilnehmer für meine Studie. Folgende Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein:
Du musst mal regelmäßig Sport betrieben haben oder tust dies noch
Du bist über 18 Jahre alt
Du hast mindestens ein Elternteil, welches den Fragebogen ebenfalls ausfüllen wird
Ich freue mich über jede Familie, die mich unterstützt. Der Link zur Umfrage ist:
ImBoden versinken. Die Hände über den Kopf schlagen. Mit gesenktem Haupt das Feld verlassen. Gerade nach wichtigen Spielen lassen sich vor allem auf der Seite der Verlierer ganz unterschiedliche negative Emotionen entdecken. Besonders ausgeprägt ist dies bei Jugendlichen. Und es lohnt sich für Trainer, Betreuer, Eltern und nicht zuletzt Mitspieler an diesen Situationen zu arbeiten.
Zum Thema: Emotionale Intelligenz im Sport
Stellen wir uns die konkrete Situation vor: Eine Jugendmannschaft verliert eine wichtige Partie. Einigen Spielern könnte man das Endergebnis deutlich von den Gesichtern ablesen. Auf dem Rückweg vom Platz zu den Umkleidekabinen suchen nun aber einige wenige Spieler bewusst den Kontakt zu ihren „mehr“ enttäuschten Mannschaftskameraden. Diese wenigen Minuten Fußmarsch nutzen die Sportler, um aktiv das Gespräch zu suchen, mit beeindruckenden Auswirkungen. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne verändert sich die Stimmung samt Körperhaltung merklich.
Aus dieser Beobachtung heraus ergaben für mich folgende Fragestellungen:
Lässt sich Empathie trainieren?
Wie kann ich eigene Gefühle und die anderer besser erkennen und deuten?
Wirkt es sich auf den sportlichen Erfolg aus, leistungsfähiger zu erscheinen?
Jeder, der einmal Wettkampfsport betrieben hat, kennt die Gefühlspalette beginnend mit Freude bis hin zum Gefühl des Scheiterns. Hier gibt es kein Schwarz oder Weiß, sondern eine schier unendliche Abstufungen von Grautönen. In diesem Zusammenhang ist es völlig unerheblich, auf welchem sportlichen Niveau man sich bewegt hat. Das verlorene Kreispokalfinale oder das Ausscheiden auf einem internationalen Turnier. Emotionen spielen eine wichtige Rolle im Sport.
Obwohl Emotionen im Alltag meist lediglich für ein Gefühl gehalten werden, beschreiben aktuelle Forschungen diesen Zustand als komplexes Muster körperlicher und mentaler Veränderung in Reaktion auf eine auslösende Situation, die als persönlich bedeutsam wahrgenommen wird. Aktuelle Emotionstheorien zeigen auf, dass physiologische Prozesse und Muskelbewegungen, die mit Emotionen einhergehen, den Organismus sowohl auf adaptive Handlungen in wiederkehrenden Situationen vorbereiten als auch wichtige soziale Informationen kommunizieren (Laborde et al., 2017). Anhand folgendem Beispiel lassen sich die beiden grundlegenden Funktionen erklären: Die Emotion Furcht kann als eine Reaktion auf die wiederkehrende Situation Gefahr angesehen werden, die zu einer Vielzahl von physiologischen Reaktionen führt. Unter anderem beinhaltet eine dieser Funktionen, dass sich die Pupillen erweitern. Die hat zum einen den Vorteil, dass die drohende Gefahr schneller zu erkennen ist. Geweitete Pupillen erfüllen allerdings auch eine kommunikative Funktion innerhalb einer sozialen Gruppe: Sie sind ein sichtbares Anzeichen dafür, dass Gefahr im Verzug ist.
Emotionen nutzen lernen
Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass gewisse Emotionen als Reaktion auf wiederkehrende Situationen zu einem gewissen Grad bei allen Menschen auftreten und ausgedrückt werden (ebd.). Emotionen sind also per se nicht gut oder schlecht, sondern können je nach Person und Situation förderlich oder hinderlich sein. Demzufolge können Sportler (Einzel und/oder Mannschaftssportler) ihren Umgang mit den Emotionen mit der Absicht beeinflussen, dass sie zur Zielerreichung förderlich und nicht hinderlich sind. Und dies ist die Quintessenz, wenn von emotionaler Intelligenz im Sport gesprochen wird. Aktuelle Forschungsergebnisse stützen eine positive Auswirkung emotionaler Intelligenz (Laborde/Dosseville/Allen, 2016).
Es konnte festgestellt werden, dass Athleten mit einer höheren emotionalen Intelligenz größere Erfolgsaussichten haben als Athleten mit einer schlechteren Ausprägung. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen verschiedene positive Zusammenhänge zwischen der Ausprägung von emotionaler Intelligenz und leistungsrelevanten Parametern:
Höhere Zufriedenheit mit der eigenen Leistung
Höhere Ganzjahresleistung
Weniger Nervosität vor und im Wettkampf
Muskelkraft bei Stress
Haltung bewahren auch unter Druck
Fazit
Die eingangs gestellten Fragen lassen sich also eindeutig mit Ja beantworten. Emotionale Intelligenz nimmt positiven Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit sowohl bei Individual- als auch bei Mannschaftssportlern – und noch wichtiger: sie lässt sich entwickeln! Eine Forschungsgruppe an der Deutschen Sporthochschule in Köln um Dr. Sylvain Laborde hat sich dieser Thematik gewidmet. In meinem nächsten Beitrag werde ich anhand der Ergebnisse von Labore et al. (2017) darstellen, wie sich die emotionale Intelligenz trainieren und entwickeln lässt.
Laborde, S., Dosseville, F., Allen, M. S.: Emotional intellegince in sport an exercise: A systematic reviwe. Scandinavian Journal of Medecine & Science in Sports, 2016. 26: p. 86274.
Laborde, S. Furley, P., Musculus, L., Ackermann, S. (2017): Emotionale Intelligenz im Sport Meyer&Meyer Verlag, Aachen.
Kürzlich war ich zum Präventionstag eines großen deutschen Sportverbandes eingeladen, um mit den anwesenden Trainern und Funktionären über die Haltung in der Dopingprävention zu diskutieren. Immer wieder stelle ich bei solchen Veranstaltungen fest (ich werde mittlerweile häufiger für solche schweren Themen gebucht), dass durchaus bekannt ist, dass das Umfeld hinsichtlich einer Doping-Entscheidung eine sehr große Rolle spielt. Darunter fällt natürlich auch, dass die Versuchung zu Gesundheitsgefährdung, zum Missbrauch und Betrug geringer ausgeprägt ist, wenn dieses Umfeld für einen sauberen und fairen Sport steht.
Zum Thema: Die Bedeutung der Prävention für die Anti-Dopingarbeit
Lass dich doch mal auf folgendes Gedankenexperiment ein: Stellen wir uns vor, dass es in einem Eishockeyspiel in der Nachwuchsliga kurz vor Spielende bei einem ausgeglichenen Spielstand zu einem Konter kommt. Du befindest dich hinter dem Gegenspieler und könntest ihn durch ein Foul stoppen. Würdest du es tun? Würdest du foulen, wenn es um den Abstieg oder die Meisterschaft ginge? Und was hätte es für einen Einfluss, wenn dein Trainer dich allein dafür loben würde, dass du hinterher läufst, versuchst zu stören, und dich auf deinen Torhüter verlässt? Was hingegen hätte es für einen Einfluss, wenn der Trainer dich zum Foul animieren würde? Ein Unterschied sollte deutlich werden…
Und jetzt versetzen wir uns ins Schüleralter: In der Physikklausur kommt der Schüler mit einer Aufgabe nicht zurecht. Er erinnert sich aber genau, dass er gestern eine ähnliche Aufgabe gerechnet hat. Und nun schiebt ihm sein Sitznachbar einen Zettel mit der Lösung zu. Natürlich ist unser Schüler erleichtert und geht mit einem beruhigten Gefühl nach Hause. Einige Tage später allerdings erfährt der Schüler, dass er wegen eines Täuschungsversuchs eine sechs bekommen hat. Die Lösung war falsch, und da sie identisch mit der des Nachbarn war, ist der Betrug nicht von der Hand zu weisen. Auch im Sport erhalten Jugendliche Ratschläge von Freunden, Trainern und anderen Vertrauenspersonen. Woher jedoch wissen Sie, dass diese Ratschläge nützlich und für sie zum Besten sind? Sie wissen es nicht! Sie vertrauen aber – denn es ist der Trainer, zu dem sie aufsehen.
Frühzeitigkeit ist der Schlüssel
Darüber ist es auch im Sport so, dass die Verlockung häufig in schwierigen Momenten kommt, wie zum Beispiel bei Niederlagenserie oder Verletzungen. Es ist also wichtig, Sportlerinnen und Sportler frühzeitig zu befähigen, darüber nachzudenken, wie weit sie bereit sind zu gehen. Man sollte die frühzeitig darin unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen, ihnen Denkanstöße geben und entsprechendes Wissen vermitteln.
Gerade die Grauzone ist mit größten Unsicherheiten verbunden und bietet den Einstieg ins Doping. Doping selbst wird im Sinne von WADA- und NADA-Codes definiert. Doch viel spannender für die Entwicklung einer Haltung ist ja die Grauzone, die bestimmte Grenzwerte von Stoffen zusammenfasst. Wir wissen, dass diese Grenzwerte nicht selten genutzt werden, um eine Form des Dopings zu realisieren, die nicht bestraft werden kann. Fasst man die Definition des Dopings jedoch weiter, so fällt auch der Versuch, seine eigenen Grenzen zu sprengen und im Wettkampf der Bessere zu sein, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit und die Folgen für andere und die Gesellschaft dort hinein. Und genau eine derartige Steigerung der Leistung ohne Rücksicht auf eigene Verluste (nehmen wir doch die zumeist unbekannten gesundheitlichen Folgen durch Nebenwirkungen zur Hand) ist doch schon mit Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln möglich. Wir wissen jedoch auch, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln im Normalfall eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf für den Körper ausreichen, solange kein Mangel nachgewiesen ist. Medikamente, die zu einem anderen Zweck als der Heilung von Krankheiten eingesetzt werden, lassen bei allen für die Leistungssteigerung erwünschten Effekten das Wort Missbrauch mitschwingen.
Dopingmentalität entsteht über Jahre
Und somit kann durch die Einnahme von Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln oder Schmerzmitteln schon aufgrund der Furcht vor Schmerzen oder durch der Anwendung von Medikamenten zum Bestehen von Leistungsanforderungen eine Dopingmentalität entstehen. Denn dadurch kann sich früh im Kopf der Athlet*innen festsetzen, dass ich nicht ausreichend fit oder wach bin, wenn ich meine Vitamine oder Pillen nicht genommen habe. Dazu kommen weitere Versuchungen durch überhöhte Leistungserwartungen, fehlende Alternativen zum Abbau von Stress und Angst, aber auch durch Selektionsdruck und eine Wettkampfhäufigkeit, die zu Regenerationsbeschleunigern verführt. Als Trainer sollte ich also in der Lage sein, Wissen zu vermitteln, zu Argumentation, Reflexion und Entscheidungsfähigkeit anregen und auch für mich wissen, welche Faktoren eine Dopingmentalität beschleunigen und welche bremsen.
Für mich als Trainer besteht das Dilemma darin, dass ich einerseits ethische Grundsätze einhalten muss und der Gesundheit der mir anvertrauten Athleten nicht schaden darf. Auf der anderen Seite steht natürlich der Auftrag, erfolgreich zu sein, um für die Vertragsverlängerung oder weitere Empfehlungen in Frage zu kommen. Und so soll auch jeder Trainer seine eigenen Werte kennen, sich positionieren können und dem Sportler beibringen, zu argumentieren.
Trainer in der Vorbildrolle
Eine wichtige Rolle spielt auch das Modelllernen (Bandura, 1963; ich empfehle dazu den Text meines Kollegen Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/05/24/thorsten-loch-geht-fair-vor/). Und so werden häufig Regeln in einem Umfeld gebrochen, in dem andere Menschen dies ebenfalls tun. Somit spielt der Trainer eine entscheidende Rolle, ob Sportler*innen sich an Regeln halten oder nicht. Diese orientieren sich an ihren Vorbildern und an den Einstellungen von Vertrauenspersonen. Kommen sie durch Vereinswechsel oder Kaderzugehörigkeit in ein neues Umfeld, dann kommt dazu, dass dieses Umfeld meist eigene Regeln hat, an die man sich anpasst (man denke zurück an die omertà im Radsport).
Zurück zum Präventionstag, den ich eingangs erwähnte: Zum Ende einer äußerst spannende Diskussion brachte ein Teilnehmer es mit seinem finalen Kommentar auf den Punkt und machte damit plastisch deutlich, wieso es so wichtig ist, sich klar zu positionieren: Stehe ich an einem Sonntag morgen an einer Nebenstraße mit meinem kleinen Sohn an einer roten Ampel und entscheide mich, die Straße zu überqueren, so darf ich mich am Montag Mittag um eins an der Hauptstraße nicht wundern, wenn er mich fragt: „Papa, warum warten wir heute an der roten Ampel?“
Stress kennt jeder. Und zwar aus allen Lebensbereichen. Viele Sportler wissen auch aus eigener Erfahrung, wie leistungsmindernd sich Belastungen im Training und Wettkampf auswirken können. Von besonderer Bedeutung ist aber zudem, dass bei einem “ungesunden” Stresslevel auch die Anfälligkeit für Verletzungen steigt. Sportler, Trainer, Betreuer und Eltern sollten dem Thema Stress also mehr Aufmerksamkeit widmen.
Zum Thema: Stress im Zusammenhang mit Verletzungen
Jeder Mensch wird im Laufe der Zeit mit unterschiedlichen Stressoren konfrontiert. Unter Stressoren versteht man generell mögliche innere und äußere Reize, die Stress auslösen können. Die meisten davon sind ganz normal und gehören einfach zum Leben dazu.
Stressoren im Sport haben verschiedene Nährböden, aus denen heraus sie entstehen können. Dazu zählt beispielsweise die Umwelt des Athleten: Medien, Zuschauer, Sponsoren und andere Faktoren aus der Umgebung des Sportlers wie Kälte, unangenehme Lautstärken usw. Hinzukommen, wie bei jedem Menschen Stressoren aus dem privaten Umfeld, wie zum Beispiel Beziehungsproblematiken, Identitäts- und Sinnkrisen, der Umzug in eine neue Wohnung oder ein Arbeitsplatzwechsel. Innerhalb eines Teams kann es zu Kämpfen um Stamm- oder Kaderplätze, sowie zu Uneinigkeiten oder Problemen mit dem Trainer oder Teamkollegen kommen. Nicht zuletzt kann auch die Leistung des Athleten mögliche Stressoren hervorbringen, denn häufig definieren sich Sportler über jene. Bleibt die Leistung auf Grund eines Formtiefs aus, oder hatte der Sportler in jüngster Vergangenheit mit Niederlagen zu kämpfen, so sind auch dies mögliche Stressreize.
Abbildung 1: Entstehung stressbedingter Sportverletzungen nach Meyer (2019)
Anhand eines Modells möchte ich die Rolle des Stresses in der Entstehung von Verletzungen veranschaulichen und mögliche Interventionsmöglichkeiten, welche die Sportpsychologie bietet, darstellen.
Stressbelastung vs. Stressbeanspruchung
Durch Akkumulation dieser Stressoren, entsteht eine sogenannte Stressbelastung, welche sowohl eine physiologische als auch eine psychologische Last für den Sportler darstellen kann. Eine Stressbelastung ist abzugrenzen von einer Stressbeanspruchung. Die Beanspruchung könnte man als das bezeichnen, was individuell beim Sportler ankommt. Um das etwas deutlicher zu machen, hier ein Beispiel aus der Trainingswissenschaft:
Athlet 1 und Athlet 2 bekommen beim Bankdrücken das gleiche Gewicht (100 kg) aufgelegt. Das bedeutet, dass beide Athleten die gleiche Belastung erfahren! Athlet 1 ist Kraftsportler, wiegt 120 kg und ist gewohnt hohe Gewichte zu stemmen. Athlet 2 hingegen hat gerade mit dem Sport angefangen und wiegt nur 70 kg. Beide Athleten werden sehr unterschiedliche Beanspruchungen erleben, obwohl die Belastung dieselbe ist.
Nicht jede hohe Stressbelastung ist also gleichzeitig auch eine hohe Stressbeanspruchung für den Athleten.
Auswirkungen auf das Handeln
Erfährt der Sportler große Stressbelastungen (sei es durch einzelne einschneidende Erlebnisse (major life event stress) oder durch mehrere kleine Belastungen (daily hassles)) und kann diese nicht gut bewältigen, so entsteht eine große Stressbeanspruchung. Diese zeigt sich dann in Stressreaktionen, welche sich kognitiv, emotional, physiologisch oder auf sein Handeln auswirken können.
Kognitiv kann es zu Aufmerksamkeitsproblemen und zur Beeinflussung von Bewertungsmechanismen kommen. Physiologisch hat eine hohe Stressbeanspruchung Müdigkeit oder eine veränderte Muskelspannung zur Folge. Emotional kommt es zu Zweifeln und Unbehagen und auf der Verhaltensebene greift die beanspruchte Person vermehrt auf ungesunde Lebensweisen wie zum Beispiel überhöhten Alkohol- und Tabakkonsum zurück.
Im Sport sind diese Stressreaktion eng mit dem Verletzungsrisiko verbunden, denn der Sportler trifft aufgrund seiner Müdigkeit und Aufmerksamkeitsproblematik inadäquate Entscheidungen und seine Reaktionszeit verlangsamt sich. Die Wundheilung wird beeinflusst und die Wahrnehmung beeinträchtigt. Außerdem fällt das Filtern von relevanten Informationen für die vor ihm liegende Handlung schwerer und die selektive Aufmerksamkeit sinkt. Das alles führt dazu, dass das Risiko einer Verletzung steigt.
Welche Einflüsse können wir auf diese Prozesse nehmen und somit das Verletzungsrisiko minimieren?
Zunächst einmal bringt jeder Athlet ein gewisses Maß an Einflussfaktoren mit sich. Maßgeblich sind hier seine Persönlichkeitseigenschaften. Ist er eher ein ängstlicher Typ und sieht Belastungen (wie zum Beispiel einen Wettkampf) eher als eine Bedrohung statt als eine Herausforderung? Bringt er ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit mit und vertraut somit darauf, dass er selbst entscheidend Einfluss auf Situationen nehmen kann?
Zudem scheint die grundsätzliche Stimmungslage eine Rolle zu spielen. Athleten die eine negative Grundstimmung haben oder starken Stimmungsschwankungen erliegen, verletzen sich laut Studien öfter als ihre positiv gestimmten Kollegen.
Auch die Stressvergangenheit spielt beim Umgang mit Stressbelastungen eine Rolle. War der Athlet schon einmal von Verletzungen betroffen oder gab es große Stresserlebnisse, die er erfolgreich bewältigen konnte, so steigt seine Selbstwirksamkeit. Andersherum können nicht erfolgreich bewältigte stressige Erlebnisse auch negativ auf den ganzen Prozess einwirken.
Verschiedenste Ressourcen, wie eine gute unterstützende soziale Gemeinschaft mit Familie und Freunden, bereits erlernte Bewältigungsstrategien oder eine gesunde Lebensführung (Schlaf, Ernährung usw.), können ebenfalls einen Einflussfaktor darstellen.
Neben diesen Einflussfaktoren bietet die Sportpsychologie an allen Stellen Möglichkeiten, um auf den Stressprozess einzuwirken. Einige Methoden und deren positiven Einfluss stelle ich im Folgenden kurz vor.
Stressauslösende Reize
Stressauslösende Reize treten überall auf! Man braucht nur einen Schritt vor die Tür zu setzen und schon strömen die Stressoren auf einen zu (Straßenverkehr, Regen usw.). Auch in den eigenen vier Wänden ist man nicht davor gewahrt (unangenehmes Telefonat, Rechnungen usw.). Man kann also nicht allen Stressoren aus dem Weg gehen. Allerdings kann man versuchen die Quellen, welche einen hohen Stressfaktor darstellen, zu minimieren. Das setzt voraus, dass man sich damit auseinandersetzt und sich bewusst macht, mit welche stressigen Situationen man konfrontiert wird und wie diese vermeidbar sind. Daraufhin können gewisse Lebensumstände angepasst, Situationen vermieden und Zeiträume für entspannte oder ausgleichende Phasen strukturiert geschaffen werden.
Ein Stressmonitoring erfasst den Zustand des Athleten und sorgt dafür, dass der Trainer Einfluss auf sein Trainingsprogramm nehmen kann. Ist der Sportler beispielsweise gestresst, weil er nicht gut geschlafen hat und er zudem gerade Probleme mit seiner Partnerin hat, so sollte das Training angepasst werden, um zusätzliche Stressbelastungen zu vermeiden.
Wird der Sportler zwangsläufig mit einer hohen Stressbelastung konfrontiert, so kennt der Sportpsychologe einige Methoden, die vermeiden können, dass aus einer hohen Belastung eine hohe Beanspruchung wird. Beispielsweise durch die Vermittlung von passenden Entspannungsverfahren wie Atementspannung, Progressive Muskelrelaxation oder Autogenes Training. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen eine akzeptierende Grundhaltung gegenüber der aufgekommenen Stressbelastung zu entwickeln und die selektive Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu erhöhen.
Nicht zu vernachlässigen: Die positive Seite des Stress
Außerdem ist es manchmal schon hilfreich den Sportler grundsätzlich aufzuklären, welche Bedeutung Stress generell hat. Das heißt, welche Risiken, aber auch welche Vorteile Stress in gewissen Situationen bietet. Somit muss Stress und Druck generell vom Sportler gar nicht immer gleich als etwas Negatives angesehen werden.
Bewertungsstrategien, beispielsweise nach Niederlagen, nehmen Einfluss darauf, ob die Stressbelastung zu einer Beanspruchung des Athleten führt. So kommt es häufig vor, dass Situationen nicht realistisch eingeschätzt werden und sich falsche Bewertungsmuster (Attributionsstile) einschleichen. Diese gilt es aufzudecken und mit einer neuen, adäquaten Beurteilung zu versehen.
Neben solchen Interventionen, die hauptsächlich auf die Arbeit mit dem Athleten selbst abzielen, hat der Sportpsychologe (nach Rücksprache und Zustimmung des Athleten) auch die Option durch Gespräche mit möglichen Stressoren (Trainer, Kollegen, Familienangehörigen oder Freunden) Einfluss auf den Prozess zu nehmen.
Fazit
Weitere Themen, wie den Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit, den Umgang mit Angst und das gemeinsame Erarbeiten einer zielführenden und motivierten Einstellung sind zusätzliche Ansatzmöglichkeiten in der Sportpsychologie.
Was ich zum Schluss noch einmal festhalten möchte ist Folgendes: Stress ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Verletzungen! Stress erleben alle! Leistungssportler sind in der Regel einigen Stressoren ausgesetzt! Ob und wie stark diese Stressbelastung allerdings zu einer Stressbeanspruchung (und in Folge dessen zu einer Stressreaktion) wird, kann durch viele Dinge beeinflusst werden!
Dr. Hanspeter Gubelmann ist ein versierter Vortragsredner und Keynote-Speaker, der in diesem Vortrag sportpsychologisches Fachwissen in die Lebenswirklichkeit von Athleten, Trainern, Funktionären und Eltern übersetzt. Er räumt mit populärwissenschaftlichem Halbwissen auf und gibt wichtige Impulse, die Hochleistungssportler, Talente, Trainer und Betreuer ohne Vorwissen aufnehmen können.
Zielgruppe
Trainer & Athleten, Eltern, Funktionäre
Inhalt:
Sportpsychologisches Grundlagenwissen zur Anwendung in der Praxis, Praxisbeispiele, Bezug zum Karriere-Entwicklungsmodell, Entwicklung von Leitideen für Sportler, Trainer und Eltern
Buchungsanfrage
„Hanspeter Gubelmann hat die Gabe, wissenschaftliche Aspekte aus der Sportpsychologie und seine langjährigen Erfahrungen als Trainer/Betreuer im Breiten- und Spitzensport verständlich und klar zu formulieren und so einem breiten Publikum zugänglich zu machen.“
Mario Balotelli nahm nach seinem Treffer zum 1:0 für den französischen Erstligisten Olympique Marseille gegen AS Saint-Etienne ein Handy entgegen, filmte sich im Jubel seiner Mitspieler und postete das Video in echt Echtzeit in einer Instagram-Story. Dieses Verhalten sorgte für eine Menge an Diskussionen. Ist das der neue Fußball, den wir uns erhoffen oder brauchen wir neue Ideen, die den Teams mehr Sinn und Verbundenheit verschaffen?
Zum Thema: Über die Bedeutung von Leidenschaft, Begeisterung und Identifikation
https://www.instagram.com/p/Buj_dgdHZj7
Bis zu zweimal am Tag Training und das fünfmal die Woche, regelmäßige Pressetermine und dann am Wochenende Pflichtspiel. Für die Stars der Branche kommen dann noch englische Wochen wegen der Auftritte im Europapokal und im Nationaltrikot hinzu. Die Profis funktionieren bei dauerhaftem Eigen- und Fremddruck wie ein Uhrwerk, automatisiert laufende Ich-Ag`s. Von tieferer Sinnhaftigkeit und Verbundenheit ist dabei wenig zu spüren. Sie funktionieren!
Nach einer lässig sportiven Spritztour in verdunkelten Edelkarossen in Richtung Trainingsgelände besprechen unsere großen Vorbilder ständig ihre sportliche und geschäftliche Situation mit ihren Spielerberatern. Hinzu kommen bei nicht wenigen Profis Experten für das Outfit und die Haare. Dabei wird fleißig fotografiert und vieles im Netz “geshared”. Nach dem Training fasst der Spielanalyst kurz die Leistung der Spieler auf dem Laptop zusammen, während diese in der Chillout-Lounge abhängen, Massagen bekommen und gesundes Essen genießen. So stellen sich manche Fans und Interessierte das Bling-Bling-Leben von „Fußballprofis“ vor. Und das bleibt nicht ohne Folgen: Denn längst übernehmen auch Nachwuchskicker und Spieler in Ligen fernab der Champions League-Melodie den Habitus der Balotellis, Dembélés oder Aubameyangs.
Doch dieses Bild stellt nicht die komplette „Wirklichkeit“ dar und schafft wenig Konstruktives. Aber es sollte uns alle, die wir den Fußball lieben und vielleicht irgendwo in dem System arbeiten, eine Warnung sein und zum Gegensteuern motivieren. Denn aus meiner Sicht geht es nicht darum, Spieler mit unglaublichen Gehältern, Sonderprämien und was weiß ich für Bonifikationen bei Laune zu halten. Vielmehr müssen die Vereine so agieren, dass die Spieler durch kreative Freiheiten eine Verbundenheit zu ihrem Verein und dem Umfeld spüren. Es geht um Leidenschaft und Begeisterung – die kleinen Dinge, wegen denen wohl fast alle Kicker einmal mit dem Fußballspielen begonnen haben.
Wie aber ist das möglich, da der allgegenwärtige Druck, wiederkehrende Vereinswechsel einzelner Spieler und die fehlende Zeit dies kaum zulässt? Aus meiner Sicht brauchen wir eine individualisierte Fußballwelt. Eine Fußballwelt, in der sich jeder als Person erlebt. Es kommt auf jeden an, aber jeder muss etwas anderes können und beitragen. Spinnen wir mal weiter, dann erfüllen diese individualisierten Mannschaften gleichzeitig das Bedürfnis nach Verbundenheit wie nach individuellem Freiraum. Da beide Bedürfnisse erfüllt werden, ist die individualisierte Mannschaft hoch attraktiv, aber – bleiben wir realistisch – eben auch schwierig umzusetzen, in einer hierarchischen und fremdgesteuerten Finanzwelt, wo Erfolg und Profit den Ton angeben. Denn viele Kicker werden auch von den Vereinen als Objekt verwendet. Sie werden zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen und Phantasien gemacht und knallhart als geldwerter Vorteil gesehen. Und wenn der Einzelne diese Rolle annimmt, verliert man das, was den Spieler auszeichnet: Den eigenen Willen, die Individualisierung und das Herz zum Verein. Wir sind mittlerweile so festgefahren, dass wir gar nicht glauben, gemeinsam erfolgreich zu wachsen. Doch das können wir ändern. Jeder Einzelne kann sich zu jederzeit verändern, wenn der- oder diejenige es möchte. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, selbst in den niedrigsten Amateurklassen einen Gestaltungsspielraum zur Entfaltung haben muss und etwas Unvorstellbares freisetzen kann. Wichtig wäre es, wenn man dabei mehrere Teamkollegen oder sogar den gesamten Verein in eine solche Richtung bewegen kann. Wenn man sich ehrlich füreinander interessiert entstehen Spielräume, die sich dann miteinander verbinden lassen. Das Ergebnis ist ein echtes Team.
Co-kreatives Team
Ein co-kreatives Team, ist ein Team, in dem sich jeder beteiligen darf und jeder sich für den anderen interessiert. Nach dem Motto: „ICH – DU – WIR“. Auf diesem Weg können sich folgende teamspezifische Fragestellungen entwickeln:
„Welche Potentiale sind in unserem Team vorhanden?“
„Was wollen wir für eine Mannschaft sein?“
„Was ist für uns Siegermentalität?“
„Was sind unsere konkreten Nah- und Fernziele?“
Die Teamkollegen sollten sich im Anschluss über mögliche Lösungen Gedanken machen. Damit treiben Sie den co-kreativen Teamprozess voran und der Schatz an Wissen und Können, den sie miteinander teilen, entwickelt sich möglichst weitreichend. Wenn alle ihr Wissen und Potential einbringen, entsteht ein Schwall von kreativen Ideen, die auf dem Platz deutlich erkennbar sein werden. Ein solcher Teamprozess lässt sich natürlich schwer delegieren. Ein Verein kann lediglich einen Rahmen schaffen, der die Herausbildung solcher co-kreativer Prozesse wahrscheinlich macht. Dazu ist die Abwesenheit von zeitlichem Druck entscheidend. Denn Kreativität entsteht nur dann, wenn sie sich Zeit nehmen und die Komfortzone mutig verlassen. Die Wahrnehmung braucht Vielschichtigkeit ohne Fremdsteuerung. Zudem sollten die Funktionäre, Spieler und Trainer nicht nur ihre eigene Karriere im Kopf haben. Es muss allen um ein gemeinsames „Wir“ gehen. Dieses muss etwas sein, das Ihnen unter die Haut geht und ihnen wirklich am Herzen liegt.
Welt- und Europameister Juan Mata fällt mir als Beispiel ein, der neben seiner Karriere das Charity-Projekt Common Goal mitgegründet hat. Oder stellen wir uns einen Zeugwart vor, der plötzlich einen ganz neuen Sinn in seiner Arbeit gefunden hat, wie „Ich habe noch nie die Kabine so liebevoll dekoriert und den Sitzplatz unserer Spieler individualisiert. Ich möchte, dass sich jeder Spieler in der heimischen Kabine so wohl fühlt, dass er den Verein überall empfiehlt und mit Leidenschaft verteidigt“. Diese und viele weitere sinnstiftende Ideen könnten den Gedanken eines neuen Fußballs mit reichlich Energie füllen und die langfristige Bindung an den Verein, das Umfeld und die Fans ermöglichen.
Fazit
In unserer schnelllebigen Zeit glauben wir, dass wir durch Fremdsteuerung, Endlosoptimierung und computergesteuerten Vorhersagen erfolgreich sein können. Leistungs- und Ergebnisdruck, zeitliche Begrenzung unabhängig von Sinn und Verbundenheit in Teams schwächen jedoch deren ganzheitliche Entwicklung. Wir wollen Erfolg steuern, doch die Vergangenheit lehrt uns, dass der Fußball nicht kontrollierbar ist. Dieser Prozess benötigt Zeit und Individualisierung. Halten Sie nicht an scheinbar erfolgversprechenden Systemen fest, die uns in der Illusion von dauerhaftem Erfolg und Wachstum in Sicherheit wiegen. Der Fußball stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen, die wir mit bisherigen Strategien nicht lösen können. Es geht vielmehr um co-kreative Prozesse, tiefe Verbindungen und Begegnungen mit uns selbst und anderen. Dann entsteht echter Fußball, echter Erfolg.
Am 18. Dezember 2018 wurde Jose Mourinho nach 17. Spieltagen und dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte als Teammanager von Manchester United freigestellt. Seine knapp dreijährige Amtszeit wurde begleitet von öffentlichen Kontroversen und schwachen Mannschaftsleistungen. Als Interimstrainer benannte Manchester den ehemaligen Spieler Ole Gunnar Solskjaer.
Zur Überraschung aller gelang Solskjaer zum Einstieg eine Serie von 11 ungeschlagenen Spielen mit der Mannschaft. In der Premier League hat Manchester wieder Anschluss an die Champions League Plätze gewonnen, steht im Viertelfinale des FA Cups und hat noch eine Chance auf das Weiterkommen in der Champions League.
Was versteckt sich hinter dem Misserfolg von Mourinho und dem Erfolg von Solskjaer? Was können andere Trainer daraus über Führung lernen? Eine sozialpsychologische Analyse des Führungsverhaltens der beiden Trainer kann uns helfen, Licht ins Dunkel zu bringen.
Zum Thema: Führungsforschung im Fußball
Führung ist ein Prozess sozialer Einflussnahme, welcher nach Ansicht eines sozialpsychologischen Verständnisses, auf einem geteilten Verständnis von „wir“ und „uns“, also einer gemeinsamen sozialen Identität, basiert (Haslam, 2004). Um erfolgreich zu sein, müssen Führungskräfte zu Identitätsmanagern werden (Haslam, Reicher, & Platow, 2011). Ihre Aufgabe ist die Identität der Gruppe zu verkörpern, voranzubringen, zu gestalten und umzusetzen (Steffens et al., 2014).
Wie schneiden Mourinho und Solskjaer im direkten Vergleich auf diesen Dimensionen ab?
Verkörpern: Mourinho ist der Beste, aber Solskjaer ist einer von uns
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In seiner Karriere hat Jose Mourinho mit Mannschaften in Portugal, England, Spanien und Italien fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Auf dem Papier sah Mourinho nach dem perfekten Kandidaten für den Trainerposten bei Manchester United aus. Und unbestritten Jose Mourinho ist einer der erfolgreichsten Trainer der Geschichte und damit augenscheinlich genau der Richtige, um eine neue „Goldene Ära“ bei Manchester United zu prägen.
Während seiner Amtszeit ist es Mourinho jedoch nicht gelungen, sich als Mancunian zu präsentieren. Er fremdelte mit der Stadt und dem Verein. Auch haftete ihm kein Stallgeruch an: Er hatte keine Historie als Spieler oder Trainer bei United. Stattdessen wird Mourinho stark mit einem der Erzrivalen, Chelsea London, und seinen dortigen Erfolgen in Verbindung gebracht. Aus der Sicht vieler Red Devils war Jose Mourinho nie „einer von uns“, sondern blieb „einer von denen“.
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Ganz anders Ole Gunnar Solskjaer: Er ist eine Vereinslegende. Der „Bayern-Schreck“ erzielte 1999 im Finale der Champions League in der Nachspielzeit das Siegtor. Die Fans tauften ihn in seiner Spielerkarriere liebevoll als „Super-Sub“ (engl. Substitution; dt. Einwechselspieler) –ein loyaler und bescheidener Spieler, der sich voll in den Dienst der Mannschaft und des Clubs stellte. Aus Sicht des Vereins und seiner Anhänger mag Mourinho der Beste sein, aber Solskjaer ist einer von ihnen. Dadurch schenken ihm Angestellte, Spieler und Fans ihr Vertrauen und sind bereit, für ihn auf und neben dem Platz an ihre Grenzen zu gehen.
Voranbringen: Mourinho gewinnt Titel, aber Solskjaer gewinnt im United Stil
Für Mourinho zählen ausschließlich Titel. Diesem Ziel ordnet er alles andere unter. Er ist sogar dazu bereit, unattraktiven, destruktiven Fußball spielen zu lassen, wenn es aus seiner Sicht hilft den Gegner zu schlagen. In seiner Zeit bei Chelsea London und Inter Mailand wurde dies als taktische Meisterleistung gepriesen. Doch Manchester United wie auch sein vorheriger Verein Real Madrid, ticken anders. Im Selbstverständnis dieser Vereine spielt die Mannschaft kraftvoll, offensiv und immer selbstbewusst.
Nicht nur diesen Aspekt der Identität Uniteds (und auch Madrids) ignorierte Mourinho. Auch übte er Druck auf die Vereinsführung aus, Geld in neue, teure Spieler wie Paul Pogba und Romelu Lukaku zu investieren. Mourinho sortierte Spieler rigoros aus, wenn er sie für unwichtig für sein System erachtete. Ein Schicksal, das auch Sebastian Schweinsteiger wiederfuhr.
Er machte öffentlich keinen Hehl aus seiner (geringen) Meinung über einzelne Spieler. Insgesamt vermittelte er den Eindruck, dass Spieler entbehrliche Figuren in seinem System statt geschätzter Ressourcen des Vereins sind. Ein weiterer Bruch mit den Werten Manchester Uniteds, das in der Regel langfristige und fördernde Beziehungen zu seinen Spielern pflegt.
Solskjaer hat bisher noch nicht gezeigt, dass er auf der großen Bühne bestehen kann—ganz anders als Mourinho—aber er versteht, was Manchester United ausmacht. Er denkt langfristig an die Entwicklung der Spieler und des Vereins. Unter ihm bekommen die Talente aus der hauseigenen Fußballakademie, zum Beispiel Jesse Lingard und Marcus Rashford, die volle Unterstützung und sie zahlen dies mit Leistung zurück.
Auch neben dem Platz zeigt Solskjaer regelmäßig seine Wertschätzung und seinen Respekt für seine Spieler und andere MitarbeiterInnen des Vereins, wodurch er weitere Unterstützung gewinnt. Solskjaer hat verstanden, dass es nicht nur ums Gewinnen geht, sondern ums Gewinnen im Stil Uniteds.
Gestalten: Mourinho denkt „Ich“, und Solskjaer denkt „Wir“
Effektive Führungskräfte stärken den Zusammenhalt in ihrer Gruppe. Mourinho hingegen spaltete die um ihn. Er zögerte nicht, seine Spieler öffentlich zu kritisieren. Er lag im Streit mit der Vereinsführung. Auch mit der Presse stand er auf Kriegsfuß während seiner Amtszeit. Bei einer berüchtigten Pressekonferenz stürmte er erzürnt aus dem Saal und verlangte mehr Respekt für all die Titel, die er in seiner Karriere gewonnen hat. Mourinhos Fokus konzentrierte sich auf das „Ich“ und nicht das „Wir“.
Für Solskjaer steht das „Wir“ über dem „Ich“. Er demonstriert öffentlich, besonders gegenüber der Presse, seine positive und kooperative Haltung. Es geht um „uns“ und nicht um Einzelpersonen und schon gar nicht ihn. Als er im Januar die Auszeichnung „Barclay Manager of the Month“ bekam, zögerte er nicht, diesen Erfolg dem Trainerstab und den Spielern zu zuschreiben. Nach der ersten Niederlage unter seiner Führung im Hinspiel des Champions Leagues Achtelfinals gegen PSG nannte er dies eine „Lernerfahrung“ und weigerte sich einzelne Spieler zu kritisieren. Er fokussierte darauf, was „wir“, also der Verein, tun kann, um seine Ziele zu erreichen. Auf die Niederlage folgte ein Sieg gegen Chelsea London im FA Cup.
Umsetzen: Mourinho macht sein Ding, aber Solskjaer lässt uns unser Ding machen
Mourinho versprach, Titel zu gewinnen. Hierfür ließ er defensiven, unattraktiven Fußball spielen. Seine Aufstellungen waren für die Mannschaft unberechenbar, die resultierende Verunsicherung wirkte demoralisierend auf die Spieler. Er setzte auf ein starres taktisches Korsett, dass sich an den Stärken des Gegners ausrichtete und unterminierte die Stärken seiner Mannschaft.
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Unter Solskjaer wiederum hat die Mannschaft viele Freiheiten. Bereits im ersten Spiel unter seiner Leitung, einem 5-1- Sieg gegen Cardiff City, zeigte die Mannschaft ein anderes Gesicht: Sie spielte zügig, direkt und angriffsorientiert. Aktuell ist die Mannschaft in 16 von 17 Spielen ungeschlagen. Solskjaer hat Uniteds wahres Gesicht in ihrem Spiel wieder zum Vorschein gebracht.
Für Trainer und die, die Trainer auswählen
Was können TrainerInnen und Vereine vom Erfolg Solskjaers und dem Misserfolgs Mourinhos bei Manchester United lernen? Zunächst einmal, dass Führung eine kontextabhängiger Gruppenprozess ist: Was eines Ortes funktioniert, kann anderenorts hinderlich sein.
TrainerInnen sollten reflektieren, was ihr (zukünftiges) Team und den Verein ausmacht und wofür sie stehen. Basierend auf dieser Reflektion können sie aktiv werden und die gemeinsame Identität fördern und entwickeln (Haslam et al., 2017).
Für Vereine bedeutet dies, dass der passende Trainer nicht unbedingt der, mit den meisten Erfolgen im Lebenslauf ist. Der passende Trainer oder die passende Trainerin ist in der Lage, die Werte, Ziele und Ideale des Teams zu verkörpern und kultivieren.
Der Austausch des falschen Trainers oder der falschen Trainerin könnte den Verein teuer zu stehen kommen—im Fall von United gute 22 Million Euro Abfindung für Jose Mourinho. Die sozialpsychologische Analyse des „Solskjaer Effekts“ zeigt, dass dieser kein bloßer Zufall ist, sondern auf gruppendynamischen Prinzipien beruht.
Haslam, S. A. (2004). Psychology in Organizations: The Social Identity Approach. London: Sage.
Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2011). The New Psychology of Leadership: Identity, Influence and Power. Hove: Psychology Press.
Steffens, N. K., Haslam, S. A., Reicher, S. D., Platow, M. J., Fransen, K., Yang, J.,. . . Boen, F. (2014). Leadership as social identity management: Introducing the Identity Leadership Inventory (ILI) to assess and validate a four-dimensional model. The Leadership Quarterly, 25, 1001–1024. doi:10.1016/j.leaqua.2014.05.002
Haslam, S. A., Steffens, N. K., Peters, K., Boyce, R. A., Mallett, C. J., & Fransen, K. (2017). A social identity approach to leadership development. Journal of Personnel Psychology, 16, 113–124. doi:10.1027/1866-5888/a000176
Die Bilder des österreichischen Langläufers Max Hauke gingen um Welt. Während der Nordischen Ski WM in Seefeld 2019 wurde der Sportler während einer Razzia mit Transfusionsnadel im Arm gefilmt. Für die ermittelnden Behörden ein Volltreffer – dass das Video aber offenkundig durch einen Beamten im Netz gelandet ist, stellt für den Sportler Max Hauke und den Menschen dahinter eine schwere Bürde dar. Nun ist nicht zuletzt die Sportpsychologie gefragt.
Zum Thema: Zwischen realer Verurteilung und digitaler Verfolgung
Meine Intention ist es an dieser Stelle nicht, Doping zu verharmlosen und die Betroffenen – vor allem den gefilmten Athleten Max Hauke – in Schutz zu nehmen. Jedoch möchte ich die „Lawine“ beleuchten, die nun und vor allem durch die Dynamiken sozialer Medien losgetreten wird. Denn das zehn sekündige „Beweisvideo“ macht die ganz große Runde. Zwar ist es mancherorts aufgrund der rechtlich fragwürdigen Entstehungsgeschichte gelöscht worden, kursiert aber weiter. Und wer sich nun schon mal genauer mit Sozialen Medien auseinandergesetzt hat, der weiß, dass die Reichweite des verheerenden Bildmaterials nun erst zunimmt.
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Ganz zu Schweigen von gehässigen Kommentaren, Dislikes und tatsächlichen Androhungen gegen die Sportler, geschürt durch soziale Medien. Wie sollte es sonst sein, sieht man sich schon die Kommentare unter „harmlosen“ Beiträgen an, wie sie täglich auf Facebook Seiten diverser Tageszeitungen veröffentlicht werden. Sport polarisiert, wenn einzelne Athleten für einen Skandal verantwortlich gemacht werden können, der noch dazu von vielerlei Seiten rührt, gibt es genügend Gründe, das Sündenbock-Spiel in den nur vermeintlich „sozialen“ Medien bis aufs Äußerste zu treiben.
Digital „sozial“ zum Suizid
Wo soziale Medien helfen, SportlerInnen zu pushen, mit Fans zu interagieren, Siege und Freudentage zu feiern, dort fördern sie genauso schnell das Gegenteil: Anklage, Verfolgung, Hass. Bis in den Suizid treibt es Menschen, die in den Newsfeeds sozialer Medien angeklagt werden. Noch dazu für ein Verhalten, dass nicht alleine durch den angeklagten Sündenbock erst stattfinden konnte. Schließlich stehen hinter den – in diesem Fall – dopenden Sportlern auch allerhand Unterstützer, die jene Schritte erst ermöglichen konnten. Von vermeintlichen Sportmedizinern ganz zu schweigen…
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Ein gehässiger Post ist schnell geschrieben, eine niederschmetternde Anklage in Sekunden geteilt, ein beweisendes Video rasch gepostet. Was sich diejenigen Poster jedoch bewusst machen sollten, ist die tiefe Verankerung dieses Materials in den Weiten des Internets. Gefiltert von Google und dank intelligenter Algorithmen ausgespielt, braucht es viele positive, digitale Berichte, um den Dopingskandal der noch jungen Athleten Max Hauke und Dominik Baldauf sowie weiterer bis jetzt bekannt gewordener Namen zukünftig überschatten zu können.
Digitale Anklage aus der Sicht der Sportpsychologie
Harte und auch gerechtfertigte Strafen werden auf die betroffenen Athleten und alle Verantwortlichen zukommen, Suspendierungen und frühzeitig beendete Karrieren werden schwer wiegen. Dessen sind sich die betroffenen AthletInnen bereits bewusst. Was danach jedoch bleiben wird, sind die digitalen Spuren, die nun – in der akuten Phase der Skandale rund um Österreichs „Doping-Sünder“ – noch weiter zunehmen werden. Wie können AthletInnen aus sportpsychologischer Sicht nun begleitet werden? Sollten Sportpsychologen die Funktion eines Anwalts der SportlerInnen übernehmen? Verteidigt man derartige Verstöße vor Fans und TeamkollegInnen?
Nachdem es der Justiz obliegt, für Gerechtigkeit zu sorgen und auf alle nun bekannt gewordenen Vergehen Konsequenzen folgen werden, sollte der Fokus der Sportpsychologie auf den Langzeitfolgen liegen: Besonders in Hinblick auf die Hetze im Netz können AthletInnen trotz schlimmer Vergehen weiterhin gut beraten und begleitet werden. Gerade weil sich die Verurteilungen über soziale Netzwerke auch nach gerechtfertigten Strafen nicht so einfach löschen lassen. So werden die AtletInnen noch viele Jahre mit ihren Regelverstößen konfrontiert werden, Hass-Tiraden im Netz könnten zudem jederzeit durch zukünftige Skandale wieder aufflammen. Postings verjähren nicht und Cybermobbing endet oftmals im Suizid. Mit der ständigen Öffentlichkeit kommen schon AthletInnen, die sich keine derartigen Vergehen zu schulden haben kommen lassen, phasenweise schlecht zurecht. Wie wird es also jenen ergehen, die ihre Strafen erst noch absitzen müssen?
Eine Aufgabe für die moderne Sportpsychologie
Dessen muss sich die moderne Sportpsychologie bewusst sein, über Dynamiken wie sie sich in sozialen Netzwerken entwickeln Bescheid wissen und die Sicht der AthletInnen dazu kennen. Die wichtige Aufgabe der sportpsychologischen Arbeit reicht in diesem Fall über jegliche juristische Wiedergutmachung hinaus und zeichnet sich durch genaues Hinschauen – online wie offline – aus.
Alles, was gerade passiert und wovon wir als „Außenstehende” nur einen Bruchteil mitbekommen, mag Zeit brauchen, um sich zu beruhigen. Zeit, die für eine sportliche Karriere der Betroffenen in diesem Leben wohl nicht mehr reichen wird. Doch können wir verhindern, dass daraus lebenslange Strafen werden. Auch über „soziale“ Medien.
Bewegungsvorstellungstraining ist wertvoll. Punkt. Und dies gilt nicht nur für Erwachsene, sondern genauso für das Training mit Kindern und Jugendlichen. Allerdings muss dabei bedacht werden, dass Kinder anders denken. Was Trainer und Übungsleiter wissen sollten und inwiefern Eltern hilfreich sein können, fasse ich in diesem Blog-Beitrag zusammen.
Zum Thema: Was für das Bewegungsvorstellungstraining mit Kindern wichtig ist
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Denn Kinder haben eine andere Wahrnehmung, eine andere Vorstellungskraft und ein anderes Denken. Also sollte sich auch die sportpsychologische Arbeit und das ganze Umfeld anhand dieser eigenen Gesetze orientieren.
Aus Forschung und Praxis wissen wir, dass Kinder im Alter zwischen sieben und elf Jahren die Stufe der konkreten Denkoperationen erreicht haben (Piaget). Hinzu kommt, dass Heranwachsende in dieser Altersspanne einen ausgeprägten Bewegungsdrang aufweisen (Weineck). Und genauso klar ist es, dass sich Kinder mit ambitionierten Training und auch ohne entwickeln, aber ihre Entwicklung verläuft besser, wenn ihre Situation optimal durch Spezialisten wie Trainer, Eltern, Funktionäre und Sportpsychologen gestaltet wird. Wichtig ist dabei, dass die Kinder ein motivierendes Umfeld haben, das viele Erfolgserlebnisse ermöglicht und das alternative Trainingsvarianten einführt.
Rhythmus, Echtzeit und Zeit nehmen
Zu diesen anderen Trainingsvarianten gehört nicht zuletzt das Bewegungsvorstellungstraining (BVT). Aber worauf müssen Trainer und Übungsleiter achten? Aus meiner Erfahrung ist bei Kindern der Rhythmus ein sehr wichtiger Faktor. Für die Implementierung im Training heisst das, dass ich Vorstellungen in “Echtzeit” empfehlen würde. Nehmen wir das Beispiel Eiskunstlauf: Hier bedeutet dies, dass die Kinder ihre Drehungen und Bewegung zu der Original-Musik im Ohr nochmals durchgehen sollten. Wie auch beim reinen Bewegungslernen, welches im Normalfall mehr Wiederholungen als bei älteren Sportlern nach sich zieht, braucht die Wissensvermittlung im Zweifel mehr Zeit.
Wie Kinder denken, haben wir vor einigen Monaten in einer Multi-Media-Story hinsichtlich des Aspekts Motivation versucht, herauszuarbeiten. Ich empfehle Trainern und Übungsleitern gern einen Blick auf unsere Geschichte. Wer darüber hinaus mehr zur Anwendung der Sportpsychologie im Kinder- und Nachwuchssport wissen möchte, kann gern zu den betreffenden Experten unseres Netzwerks (zu den Profilen) oder zu mir persönlich Kontakt (zum Profil von Cristina Baldasarre) aufnehmen:
Weineck, J. (2003). Optimales Training. Ballingen: Spitta Verlag.
Gubelmann, H. (1998). Geistiges Probehandeln motorischer Fertigkeiten: Eine quasi-experimentelle Felduntersuchung zum Mentalen Training mit Jugendlichen im Schulturnen. GFS-Schrift Nr. 18, ETH: Zürich.
Gubelmann, H. & Stoll, O. (im Druck). Optimierung der Bewegungsvorstellung und der Aufmerksamkeitsregulation. In: K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.). Angewandte Sportpsychologie im Leistungssport. 204-220. Göttingen: Hogrefe.
Holmes, P.S., & Collins, D.J. (2001) The PETTLEP Approach to Motor Imagery: A Functional Equivalence Model for Sport
Psychologists. Journal of Applied Sport Psychology, 13 (1), 60-83.
Bewegungsvorstellungstraining sollte längst in aller Munde oder besser Sportlerköpfen sein. Ist es aber noch nicht, zumindest nicht flächendeckend. Dabei bietet die recht einfache Anwendung sowohl für Individual- als auch für Teamsportler grosses Potential.
Zum Thema: Das Potential vom Bewegungsvorstellungstraining
Unter dem Bewegungsvorstellungstraining, kurz: BVT, verstehen wir eine kognitiv akzentuierte Trainingsmethode, welche auf einer planmässigen internen Bewegungsrealisation ohne aktiven Mitvollzug beruht. Es zielt auf das Erlernen, Stabilisieren und Verbessern einer sensomotorischen Fertigkeit ab (Gubelmann, 1998). Dabei geht es nicht nur um Bewegungsabfolgen, sondern auch um strategische Abläufe, sodass nachher automatische Handlungen und programmierte Reaktionen möglich sind. Dies hat im sportlichen Bereich Auswirkungen auf unsere Lernerfolge und Wettkampfleistungen. Das Potential liegt darin, dass die Leistungen gesteigert werden können, indem wir unserer Vorstellung das Endprodukt vorwegnehmen und eine Handlung innerlich simulieren (Gubelmann & Stoll, 2019).
Das Bewegungsvorstellungstraining wirkt sich sogar auf gleich zwei Achsen positiv aus: zum einen auf das Fertigkeitstraining (Bewegungsablauf lernen, Leistungstabilisation und -optimierung) und zum anderen auf das Selbstkontrolltraining (Emotionsregulation, Aktivierungsregulation, Beeinflussung motivationaler Zustände).
Wettkampfnahe Erweiterung
Hinzu kommt, dass sich das Bewegungsvorstellungstraining zum Beispiel mit dem PETTLEP-Ansatz nach Holmes & Collins (2001) sehr gezielt erweitern lässt. Bei dieser Erweiterung steht im Fokus, Emotionen und Umfeld sowie alle Sinne einzubeziehen. Damit wird die Methode nicht zuletzt für die unmittelbare Wettkampfvorbereitung sehr relevant.
An der 11. Jahrestagung der Sportwissenschaftlichen Gesellschaft der Schweiz (SGS) in Fribourg durfte ich das Thema gemeinsam mit Cristina Baldasarre vorstellen. Das Besondere: An unserer Seite hatten wir mit Matthias Hofbauer einen der erfolgreichsten Schweizer Teamsportler, eine lebende Legende des Unihockeys. Mit ihm zeigten wir, hoffentlich recht eindrücklich, die Praxisrelevanz der Methode auf. In folgendem Insiderbericht gewährt uns “Matthü” sehr exklusive und auch von ihm für diese Publikation explizit autorisierte Einblicke auf die Anwendung der Methode an der Unihockey-Weltmeisterschaft 2018 in Prag:
Ich bin im letzten Semester meines Bachelorstudiums für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Seit Oktober 2018 darf ich bei Dr. Hanspeter Gubelmann ein sehr vielseitiges Praktikum machen, bei dem ich u.a. einen Athleten betreuen, ein sportpsychologisches Multimedia-Projekt lancieren, ein Netzwerk zu Sportpsychologen/innen aufbauen, viel Fachliteratur und vor allem Fachwissen aufsaugen darf. Ich arbeite seit rund zehn Jahren auch fürs Schweizer Radio und Fernsehen, davon fünf Jahre beim sportradio SRF und komme nicht nur dort mit der Sportwelt in Kontakt: Ich war 2017 Schweizer Meisterin im Thaiboxen und arbeite zudem nebenbei als Trainerin.
Literatur:
Gubelmann, H. (1998). Geistiges Probehandeln motorischer Fertigkeiten: Eine quasi-experimentelle Felduntersuchung zum Mentalen Training mit Jugendlichen im Schulturnen. GFS-Schrift Nr. 18, ETH: Zürich.
Gubelmann, H. & Stoll, O. (im Druck). Optimierung der Bewegungsvorstellung und der Aufmerksamkeitsregulation. In: K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.). Angewandte Sportpsychologie im Leistungssport. 204-220. Göttingen: Hogrefe.
Holmes, P.S., & Collins, D.J. (2001) The PETTLEP Approach to Motor Imagery: A Functional Equivalence Model for Sport
Psychologists. Journal of Applied Sport Psychology, 13 (1), 60-83.