Dr. Hanspeter Gubelmann: Sportpsychologie „goes public“

Wenn ich meine zahlreichen Interviews mit Medienvertretern in den vergangenen rund 30 Jahren hinsichtlich wiederkehrend nachgefragten Themen durchforste, stehen vor allem zwei Aspekte im Fokus: Was genau macht ein Sportpsychologe und wo findet diese Arbeit im Spitzensport statt? Während die Sportjournalisten nach praxisnahen Fallbeschreibungen mit konkreten und personalisierten Beispielen spechten, muss sich der Sportpsychologe an die berufsethischen Richtlinien halten, die insbesondere seine Schweigepflicht und die Wahrung der Intimsphäre des Athleten tangieren. Welche psychoedukativ-kreativen Möglichkeiten im Umgang mit den Medien vermehrt genutzt werden könnten, beschreibt das folgende Praxisbeispiel.

Zum Thema: Öffentlichkeitsarbeit und Berufsethik

Vertraulichkeit gilt als oberstes Gebot in der Arbeit von Psychologen. Diese impliziert ein hohes Mass an Verschwiegenheit – insbesondere gegenüber einer medialen Öffentlichkeit. Die europäische Vereinigung der Psychologie-Verbände (EFPA) postulieren in ihren Media-Richtlinien (siehe Quellen) einen sorgsamen Umgang mit eigenen Erfahrungen und Fachexpertise in der Öffentlichkeit.

TV, Radio, Internet und Printmedien sind zu wichtigen Quellen von Wissen, Meinungen und Macht geworden. Durch den Einsatz der Medien sollen Psychologen ihr Wissen verbreiten und sich bemühen, zum Wohl der Menschen beizutragen. In den besagten Richtlinien werden u.a. folgende Zielsetzungen eines medialen Auftritts der (Sport-)Psychologie genannt:

  • Austausch von Informationen über verschiedene Bereiche der Psychologie, Forschung und Dienstleistungen;
  • Darlegungen zu Inhalten und Zugänglichkeiten psychologische Dienstleistungen;
  • Verdeutlichung psychologischer Herausforderungen im Umgang mit den Medien;
  • Psychoedukative Hilfestellung für zukünftige Nutzer fachpsychologischer Dienstleistungen
  • Unterstützung von Empowerment-Aktivitäten.
Skispringen hautnah erlebt – die StudentInnen erleben erstmals auch den Sound des Skispringens! (Bild: zvg, Philipp Schmidli)

Prolog: Exkursion in die Welt des Spitzensports – Weltcup-Skispringen in Engelberg

Seit 20 Jahren unterrichte ich an der ETH Zürich das Fach „Sportpsychologie“. In diesen Zeitraum fällt auch meine langjährige Tätigkeit als sportpsychologischer Betreuer der Schweizer Skispringer. Die Angwandte Sportpsychologie ist eines der Kernthemen meiner Vorlesung und am Beispiel „Skispringen“ versuche ich den Studierenden Praxis, Inhalte und Vorgehen eines angewandten Sportpsychologen näher zu bringen. Seit jeher bildet die Exkursion zum Weltcup-Skispringen in Engelberg kurz vor Weihnachten Höhepunkt und Abschluss der Veranstaltung. Dieses Jahr kontaktierte mich der Veranstalter mit der Bitte, unseren ETH-Besuch in Engelberg auch medial zu beleuchten. Die Idee: Ein Journalist der Luzerner Zeitung sollte uns auf Schritt und Tritt begleiten und das Thema „Sportpsychologie“ in Wort und Bild der Leserschaft vorstellen. Vorgängig zum Event führte der beauftragte Journalist Martin Uebelhart ein kurzes Text-Interview mit mir, welches als Basisinformation in sein Feature einfliessen sollte. Der Wortlaut dieses Interviews ist untenstehend wiedergegeben – der schliesslich in der Luzerner Zeitung veröffentlichte Beitrag findet sich auch online unter:

https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/obwalden/das-engelberger-skispringen-aus-sicht-der-sportpsychologie-ld.1078925

Martin Uebelhart (MU) Warum gehen Sie mit Ihren Studierenden ans Skispringen nach Engelberg?

Hanspeter Gubelmann (HG): Es sind Studierende im Fach Sportpsychologie, welches ich an der ETHZ im Herbstsemester unterrichte. Es handelt sich dabei um eine Einführungsveranstaltung, die ausgewählte Themen diese Arbeitsfeldes der Psychologie behandelt. Angewandte Sportpsychologie im Spitzensport ist eines dieser Themen. Die Studierenden sollen im Rahmen dieser Feldexkursion quasi „in vivo“ erleben, was Spitzensportler – „dann wenn’s zählt“ – leisten.

Was schauen Sie sich dabei an?

Es geht vor allem auch um einen Blick „hinter die Kulissen“. Im Rahmen einer geführten Schanzenbegehung bekommen die Studierenden z.B. einen intimen Einblick in die Welt des Skispringens. Nirgends sonst ist dieser hautnahe Kontakt mit der Schanze, den Trainern und Athleten auf diese Art möglich als hier in Engelberg. Der im Theoriesaal dozierte Unterrichtsstoff wird hier quasi lebendig.

Positive Emotionen: die Exkursion nach Engelberg folgt auch erlebnispädagogischen Konzepten. (Bild: zvg, Philipp Schmidli)

Haben Sie auch Kontakt mit den Skispringern?

Ja, das ist auch geplant – aber natürlich nur in Situationen – in welchen die Athleten ansprechbar sind. In den letzten Jahren war es z.B. immer möglich, im Anschluss an die Wettkampf-Pressekonferenz einen der Podestspringer zu interviewen. Zudem wird Andreas Küttel kurz vorbeischauen. Andreas war vor 15 Jahren auch Absolvent des Lehrdiploms Sport an der ETH Zürich und kennt den Inhalt dieser Veranstaltung auch aus Sicht des damaligen Studenten!

Was ist das besondere bei der Sportpsychologie?

Die mentale Stärke ist eine Hauptvoraussetzung, um im Spitzensport im entscheidenden Moment ein Optimum an Leistung zu erzielen. Optimales Training schafft die Grundlage zum Erfolg, inwiefern diese im Wettkampf erfolgreich umgesetzt wird, darüber entscheidet die psychische Verfassung des Athleten. Die angewandte Sportpsychologie kennt Mittel und Wege, wie diese erreicht werden soll. Diese mentale Leistungsoptimierung ist eines von zahlreichen Themen der Sportpsychologie

Können Sie ein paar Beispiele machen?

Ich war 15 Jahre sportpsychologischer Betreuer der Schweizer Skispringer und habe noch heute Kontakt zum Team. Ein grosser Unterschied zwischen Training und Wettkampf liegt unter anderem darin, dass die Aktivierung im Training, z.B. gemessen an der Herzfrequenz, um bis zu 50 Schläge tiefer liegt als im Wettkampf. Diese hohe Aktivierung in Verbindung mit übersteigerter Nervosität kann im Wettkampf zu drastischen Leistungseinbrüchen führen. Der tausendfach geübte Handlungsablauf muss unter dieser hohen mentalen Belastung sprichwörtlich auf den Punkt – beim Absprung – passen.

Ohne gross auf einzelne Skispringer einzugehen, wo oder womit können Sie sie unterstützen?

Jeder Skispringer bringt ein individuelles Set an mentalen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit. Visualisieren hilft zum Beispiel sehr gut im Techniktraining. Jeder Springer geht in der Sprungvorbereitung nochmals seine Checkliste mit geschlossenen Augen durch. Vielleicht hat er im Vorfeld lernen müssen, mit negativen Gedanken besser umzugehen oder sich vom Konkurrenten nicht mehr ablenken zu lassen. Hier helfen Trainingsformen der Gedanken- und Aufmerksamkeitsregulation.

Ist Skispringen eine Sportart, in der Sportpsychologie besonders gebraucht wird, oder kommt es auf die Sportart nicht an?

Jede Sportart zeichnet sich durch ein spezifisches psychologisches Anforderungsprofil aus. Was ein Skispringer zur perfekten Ausübung dieser „Sekundensportart“ benötigt, nützt dem Marathonläufer herzlich wenig. In diesem Sinne ist der Gebrauch der Sportpsychologie im Skispringen tatsächlich besonders – nämlich genau diesen Besonderheiten entsprechend. Die Bedeutung lässt sich leicht an den Aussagen der Athleten bemessen, die einen sehr hohen Prozentsatz eines geglückten Sprungs der Psyche zuschreiben!

Der Drittplatzierte im 1. Weltcup-Skispringens Daniel Huber (AUT) stellt sich den Fragen der StudentInnen (Bild: hpg)

Epilog: Take home messages für angewandte SportpsychologInnen:

Mit Blick auf das Thema – Sportpsychologie goes public – und den im Rahmen des dargestellten Engelberg-Beispiels gemachten Erfahrungen möchte ich zusammenfassend folgende Leitideen für unseren Fachbereich postulieren:

  • Persönliche Ausseinandersetzung mit den geltenden EFPA-Richtlinien – Board of Ethics 2011: Guidelines für psychologists who contribute to the media;
  • Proaktive Zusammenarbeit mit Medienpartnern und Entwicklung eines Netzwerks mit kompetenten Medienfachleuten;
  • Notwendigkeit einer (individuellen) Schulung und Vertiefung im Medienbereich für Angewandte SportpsychologInnen;
  • Entwicklung passender „Praxis-Schaufenster“ (siehe Beispiel) in Verbindung mit langjährigen Projekten/Arbeitsaufträgen.

Quellen:

http://ethics.iit.edu/codes/EFPA%202005.pdf

http://ethics.efpa.eu/guidelines/

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