Elvina Abdullaeva: Perfektionismus im Nachwuchs fördern?

Persönlichkeitsentwicklung dauert ein Leben lang. Jedoch, wenn man bei einem Menschen gewisse Charakterzüge erziehen möchte, dann ist es besser, im Kindesalter damit anzufangen. In dieser Zeit ist die Persönlichkeit eines Kindes noch gut formbar und das Kind nimmt alles schnell auf. Welche persönlichen Eigenschaften sind es aber, die sich als besonders wichtig hinsichtlich einer ausgeprägten Siegermentalität erweisen? Können Sportpsychologen also erfolgreiche Athleten formen? Und an welcher Stelle ist Vorsicht geboten?

Zum Thema: Charakterbildung im Nachwuchssport

In einer Untersuchung wurde ein Versuch unternommen, festzustellen, welche psychologischen Eigenschaften sowie Fertigkeiten einen guten Fußballtorwart ausmachen? (Abdullaeva, 2015). Unter anderen Komponenten haben die Torwarttrainer, die Experten der Studie, über drei Persönlichkeitseigenschaften gesprochen:

  • Bestrebung nach hohen Leistungszielen
  • Durchsetzungsvermögen
  • kontinuierliche Selbstdisziplin

Interessanterweise haben die Experten dies oft an Beispielen von bestimmten Personen (vom prominenten Torwart Oliver Kahn bis hin zu einem hochtalentierten Nachwuchstorhüter) erklärt, die alle diese Eigenschaften idealtypisch verkörpern. Wir können also vermuten, dass ein Menschentyp existiert, der in seiner Persönlichkeit überdurchschnittliche Motivation, Wille und Selbstdisziplin als Dispositionen miteinander verbindet. Also Siegermentalität aufweist.

Siegermentalität wissenschaftlich betrachtet

Wenn wir uns dieser Siegermentalität bedingt wissenschaftlich nähern, landen wir schnell beim „Perfektionistischen Streben“. Als ein Teil des Perfektionismus beinhaltet „Perfektionistisches Streben“ drei Aspekte (Stoll, O. et al, 2010):

  • Leistungsmotivation
  • Volition
  • Selbstdisziplin

Menschen, die das in sich haben, verfolgen hohe persönlichen Standards und zeigen dabei eine „hohe Organisiertheit“.

Was bedeutet das alles für die Praxis? Heißt es, dass in den Augen eines Trainers ein idealer Sportler ein perfektionistisches Streben bzw. einen gesunden Perfektionismus haben sollte? Ich glaube schon. Auch in anderen Untersuchungen sowie in der DFB-Talentförderungskonzeption lässt sich erkennen, dass ähnliche Persönlichkeitseigenschaften psychologische Förderungsziele und -aufgaben bei dem Nachwuchs darstellen (Holt et al., 2006; Drewitz et al., 2009; Milles et al., 2011).

Die Vorbereitung auf das Leben

Sollten Sportpsychologen bei einer systematischen Nachwuchsbetreuung also den Fokus auf Perfektionistisches Streben richten? Oder soll man die Kinder sich natürlich entwickeln lassen, ihren Anlagen und Fähigkeiten vertrauen und dann einfach schauen, wer den ganzen Ausbildungsweg hartnackig absolviert und dementsprechend zu einem Hochleistungssportler werden kann.

Eine langfristige Aufgabe der Sportpsychologen, die systematisch mit Nachwuchs arbeiten, besteht darin, die Kinder psychisch nicht nur auf die professionelle Sportkarriere, sondern auf das Leben allgemein vorzubereiten (Drewitz& Sammer et al., 2009). Ganz konkret heißt das, die Kinder werden kontinuierlich dazu erzogen, zielstrebig, wiederstandfähig, problemresistent und diszipliniert zu sein. Solche Eigenschaften werden keinem in der heutigen schnellen und anforderungsreichen Gesellschaft schaden.

Die Kehrseite des gesunden Perfektionismus

Allerdings darf man es mit der Förderung von Perfektionismus bzw. der Siegermentalität auf keinen Fall übertreiben. Die Sportpsychologen müssen aufpassen, dass sich bei dem Kind keine perfektionistische Besorgnis (Übertriebene Fehlervermeidung und Angst vor der Bewertung) – die Kehrseite der Medaille vom gesunden Perfektionismus – entwickelt. Am Ende gilt: Weniger ist manchmal mehr.

 

Literaturverzeichnis

Abdullaeva, E. (2015). Psychologisches Anforderungsprofil des Torhüters im Fußball. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, unveröffentlichte Masterarbeit.

Becker, B., Schommer, C. (2013). Das Leben ist kein Spiel. München:F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH.

Deutscher Fußball-Bund (DFB), Drewitz, H.-D., Sammer, M., Sandrock, H., Engel, F. & Schott, U. (2009). Talente fordern und fördern! Konzepte und Strukturen vom Kinder- bis zum Spitzenfußball. Münster: Philippka.

Holt, N. L., & Mitchell, T. (2006). Talent development in English professional soccer. Inter-national Journal of Sport Psychology, 37, 77-98.

Milles, D., Harttgen U., Struck H. (2011). Bewältigungsressourcen und Leistungsentwicklung. Empirische Grundlagen zur komplexen Talent- und Gesundheitsförderung Be-wältigungsressourcen und Leistungsentwicklung, in: Leistungssport, 41 (3), S. 41 – 47 S. 41-47

Stoll, O., Pfeffer, I. & Alfermann, D. (2010). Lehrbuch SportpsychologieBern: Hans Huber Verlag.

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1 Kommentar

  1. interessanter Artikel, aber wie schon geschrieben, ist dies auch eine “Gradwanderung”. Das kann auch leicht der “Schuß” nach hinten los gehen, nach meiner Meinung i

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