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Prof. Dr. Oliver Stoll: „Jetzt stehe ich hier, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“ – Erfahrungen aus einem Jahr Streak-Running

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr‘
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!

Johann Wolfgang von Goethe 

Zum Thema: Streakrunning-Serie, Teil 13

Dieser Monolog des Dr. Faust aus Goethes gleichnamigen Dramas kommt mir in den Sinn, wenn ich über das vergangene Jahr nachdenke. Am 31.12.2017 begann ich mit dem Vorsatz, ein Jahr lang, mindestens eine Meile laufen zu wollen. Wir haben, wenn ich diese Zeile schreibe, den 31.12.2018. Ein Jahr ist also vorbei und ich bin tatsächlich jeden Tag gelaufen. Zumeist deutlich mehr als diese eine Meile. In der Tat, die „eine Meile“ musste ich als Minimum niemals ziehen. Die kürzeste Distanz waren drei Kilometer. Die längste 56 Kilometer. Insgesamt waren es 2960 ca. Kilometer.

Ich laufe nun schon seit 1984 – mal mehr, mal weniger, aber an einen Streak hatte ich mich nie herangetraut. Ich habe nun, sportlich betrachtet schon viel erlebt in meinem Leben: das waren sicher so an die 100 Marathonläufe (ich habe irgendwann aufgehört zu zählen), einige Ultras (darunter mein emotionalster mit dem Bieler 100er – Link zu meinem Online-Buch), Etappenläufe über die Alpen, unendlich viele kleine Runden auf einem 24-Stunden Lauf (den ich allerdings nach elf Stunden abbrechen musste), Laufen während unzähligen Triathlon-Wettkämpfen – ich habe es 1988 sogar zum Ironman nach Hawaii geschafft (und gefinished). Aber „Streak-Running“ war nie ein Thema für mich – bis eben zum 31.12.2017. Was hat mich zu diesem Plan inspiriert?

Auf der Suche nach Erkenntnis

Das Streben nach Erkenntnis

Ich bin Wissenschaftler. Ich strebe nach Erkenntnis! Nein, ich habe keine Juristerei, und auch keine Medizin studiert, aber sehr wohl etwas Philosophie, und vor allem eben Sportwissenschaft und Psychologie. Da sollte man meinen, die ich in der Lage sein sollte, Verhalten nicht nur zu beschreiben, sondern auch vorhersagen zu können. Die Frage ist also nun, ob diese akademische Erfahrung ausreicht, um die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten? An dieser Stelle gibt es von mir eine klare Ansage: Nein! Auf welche Erfahrungen könnte man noch zurückgreifen? Vielleicht auf die von Menschen, die das Laufen tagtäglich praktizieren? Zum Beispiel die Erfahrungen von Lutz Balschuweit, der zwar in seinem Buch „Lebenslauf – Kein Wettkampf“ nicht unbedingt einen Ratgeber für das Streak-Running verfasst hat, jedoch in vielen kleinen Geschichten einen wertvollen Einblick in sein Streak-Lauf-Erleben gibt. Oder in ein paar persönlichen Kommunikationen mit Silke Stutzke, einer Läuferin, die lange täglich lief – dies aber heute so nicht mehr macht, und die mich an ihren Erfahrungen teilhaben ließ. Im Zentrum stand für mich also die Erwartung von „Erkenntnis“. Und zwar eine weitergehende Erkenntnis darüber, warum Läufer laufen. Ich kenne natürlich die vielen guten und weniger gute Bücher über das Laufen (ich habe ja selbst eins geschrieben und auch dazu geforscht). Und ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte dass ich die gesamte wissenschaftliche Laufliteratur – zumindest in groben Zügen überblicke. Aber all dieses Wissen hat mir die Frage, warum Läufer laufen, nicht beantworten können. Also blieb mir nur dieses Selbst-Experiment übrig. Wie wird es wohl sein, wenn ich jeden Tag laufen gehe, egal wie weit (Minimum eine Meile) und egal bei welchem Wetter, um welche Uhrzeit, zu welchen Umständen (Stress, Urlaub, lange Reisen, Krankheit, Verletzung, etc., etc.)? Gesagt – getan!

Und habe ich nun eine „weitreichende Erkenntnis“ gewonnen? Ich kann diese Frage auch heute nicht vollkommen zufriedenstellend beantworten. Dennoch habe ich viel gelernt. Ich habe wieder einmal viel über mich, aber auch viel über andere Menschen, und auch über Entwicklungen von Körper und Psyche über die Zeit gelernt. Einige Mythen sind „entzaubert“, andere sind hinzugekommen. Wo fange ich also an? Wohl am besten mit einer „Main-Message“, wie man so schön Neu-Deutsch sagt – also einer zentralen Aussage zum Streak-Running.

Die Main-Message

JA – täglich Laufen ist möglich. Und ich bin ja nicht der erste, der das zeigt. Da gibt es andere, die das schon seit 20 Jahren und mehr machen. Der hier schon angesprochene Lutz praktiziert das auch schon seit mehreren Jahren und das in Umfängen, von denen ich hier weit entfernt bin. Ich bin da eher so in dem Bereich seiner Frau Anja, die das auch macht – aber eben mit einem Jahreskilometer-Pensum von ca. 3000 Kilometern. Interessanter ist da die Erkenntnis, ob täglich Laufen möglich ist, und Körper sowie Psyche dabei keinen Schaden nimmt? JA – täglich Laufen ist möglich und Körper sowie Psyche nehmen keinen Schaden dabei! Und jetzt kommen sicher gleich die ganzen Kritiker und Skeptiker, die ich natürlich auch kennengelernt habe, und die das Gegenteil (teilweise auch sehr plausibel argumentierend) postulieren! Ich entzaubere mal einen Mythos: „Du darfst nicht laufen gehen, wenn Du krank oder verletzt bist“! Meine Erfahrung: UNSINN! Ich bin mit einem gerissenen oder zumindest angerissenen Außenband im Sprunggelenk gelaufen – und zwar auf den höchsten Berg Sardiniens und wieder runter. Nein – nicht schnell, sondern langsam – aber gelaufen (nicht gewandert… sondern über weite Strecken gelaufen; manchmal ging es nicht anders und ich musste wandern. Mehr dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/30/prof-dr-oliver-stoll-das-ende-streakrunning-serie-teil-8/). Das war nicht immer spaßig, aber es ist möglich und machbar. Die Kritiker sagen jetzt sicher: „Nun gut – ist ja etwas Orthopädisches und nicht lebensgefährlich“.

Motto 2018

Liebe Leute, ich bin Ende November und bis weit in den Dezember hinein mit einer hartnäckigen Erkältung gelaufen. „Bist Du wahnsinnig? Herzmuskelentzündung!“ – sagen die Skeptiker. Ich komme jetzt den Kritikern mal ein kleines Stück entgegen – sollte man nicht machen, wenn man nicht lauferfahren ist! Aber das bin ich. Ich habe nach 30-jähriger Lauferfahrung in diesem Jahr meinen Körper noch einmal so viel besser kennen gelernt, als je zuvor. Meine Antennen „nach innen“ waren sehr sensibel. Wenn diese Antennen „Probleme“ registriert haben, dann hat mein Körper, was die Belastungsdosierung anging, sofort reagiert. Das musste ich nicht einmal bewusst regulieren. Ich habe mich da voll und ganz „auf mein Bauchgefühl“ verlassen – und das funktioniert nach jahrelangem Training, schnell, zuverlässig und stabil!

Streak oder Wettkampf?

Ein Mythos kommt jedoch hinzu: Man kann streaken und trotzdem Wettkämpfe laufen und seine Bestzeiten verbessern! Ich sage jetzt mal, dass dieser Mythos „dazu gekommen ist“, obwohl der ja auch schon länger kursiert. Meine Antwort (basierend auf meinen Erfahrungen) darauf ist klar: NEIN – das geht nicht. Bevor mich jetzt die Streaker-Kolleginnen und Kollegen steinigen und mir das Gegenteil aus ihrer Dokumentation dazu zeigen, möchte ich ein paar Fakten klarstellen. Ich bin fast 56 Jahre alt und habe meinen sportlichen Leistungszenit längst überschritten. Ich habe einen mehr als nur Full-Time-Job, was ja bekanntlich auch das „bio-psychosoziale System“ beeinflusst und somit Erholungsprozesse nachhaltig negativ beeinflussen kann und ich habe auch eine Familie, die ich gerne um mich herum habe und die ich dann damit absolut nerven würde, wenn ich nicht nur jeden Tag laufen würde, sondern auch noch eine Leistungssteuerung einbauen würde. Das will ich nicht – ist also kein erstrebenswertes Ziel für mich. Das kann es sein – für andere Menschen, aber nicht für mich! Harte Fakten? 10 Kilometer Bestzeit 2017: 46:15 – selbe Strecke, vergleichbares Wetter 2018: 49:56. Ich bin fast vier Minuten langsamer geworden in diesem einem Jahr. Schlimm? Nein! Ich gebe zu, so was kratzt erst einmal am Ego, aber letzten Endes spielt das keine Rolle! Insofern Lutz, mein Freund: Lebenslauf – kein Wettkampf! Definitiv ja!

Was bleibt ansonsten an „Erkenntnis“? Die Sinne schärfen sich. Das habe ich ja schon angedeutet. Ich bin eigentlich auch schon vorher ein relativ gut strukturierter Mensch gewesen. Ich bin darin noch einmal etwas besser geworden. Gut – das muss jetzt nicht unbedingt erstrebenswert sein, aber es hat sich definitiv auch auf meine berufliche Effektivität positiv ausgewirkt. Ich bin im Job deutlich ausgeglichener geworden, ich verkrafte lange Reisen sehr viel besser, ich gehe früher schlafen, wache früher auf, schlafe insgesamt besser und fühle mich kreativer als vorher. Die täglichen Laufeinheiten helfen mir Projekte anzudenken, weiter zu entwickeln und konkreter werden zu lassen. Streak-Running hat mir geholfen, meine mentalen Werkzeuge zu optimieren. Ich bin besser im „Antizipieren“ von kommenden Herausforderungen geworden und somit auch in der antizipativen Bewältigung dieser Herausforderungen. Ich habe noch einmal dazu gelernt, meine Gedanken zu steuern, Vorhaben in reales Handeln umzusetzen, sich nicht lange mit Herumgrübeln aufzuhalten, sondern einfach zu tun – und das mit einem vorher nie gekannten Selbstbewusstsein.  

Private Flanke

Und privat? Wie sieht das dort aus? Bevor ich das weiter ausführe erst einmal einen großen Dank an meine Frau Frauke, die von dieser Idee nicht unbedingt begeistert war, aber mich letztendlich vorbehaltlos unterstützt hat. Ich weiß, Süße, ich habe dich manchmal über die Maßen hinaus damit strapaziert, weil mein Ziel, eben nicht dein Ziel war – deswegen auch hier in der Öffentlichkeit einen großen „Kniefall“. Ich weiß, es fielen Berge von verschwitzter Wäsche an! Mein Flüssigkeitskonsum ist signifikant gestiegen! Ich werde niemals den Sommerabend vergessen, an dem ich erst gegen 21 Uhr nach Hause kam und völlig erschöpft in das Sofa auf dem Balkon gefallen bin und du mich gefragt hast, ob ich denn schon gelaufen sei? Und ich sage: „Nein – und ich glaube heute endet der Streak“. Und du nichts Besseres zu tun hattest, als dir deine Laufklamotten anzuziehen, mich aus dem Sofa gezogen hast und mit dann mir die drei Kilometer gelaufen bist (Mehr dazu in Folge: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/02/prof-dr-oliver-stoll-krisenmonat-juni-streakrunning-serie-teil-7/). Es gibt einfach keine bessere Methode des „Stress-Pufferns“ als soziale Unterstützung – manchmal ist es eher die emotionale; und manchmal ist es eben mehr die instrumentelle soziale Unterstützung – Hauptsache sie ist da, die soziale Unterstützung, denn ohne die wird es verdammt schwer! Die Läufe zusammen mit Frauke waren selbstverständlich die ganz „besonderen Läufe“, auch wenn die nicht ganz so häufig waren, wie in der Vergangenheit, oder ich leide unter „Wahrnehmungsverzerrung“, weil ich ja nun jeden Tag gelaufen bin, anders als in den Jahren zuvor. So oder so – wenn beim Streak-Running das familiäre Umfeld nicht „mitspielt“, wird es früher oder später zu Problemen kommen. Das war bei uns manchmal, aber nicht oft der Fall und es endete, wenn überhaupt, letztendlich immer sehr konstruktiv.

Ich war natürlich viel öfter alleine unterwegs. Und auch diese Einsamkeit hat eine ganz gewissen Zauber. Unsere Natur ist so wunderschön und hat so wahnsinnig viel zu bieten. Egal, wo auf der Welt, und zu welcher Jahreszeit. Kleinigkeiten drängen in deine Wahrnehmung – der Schnee im Winter, der sich langsam niederlässt und alles leiser werden lässt. Die Frühlingssonne, die morgens um sechs Uhr aufgeht und deren Wucht dir den Atem verschlägt. Der heiße Sommertag, der dich während des Laufens in den See springen lässt und du minutenlang am Ufer liegst und die Kühle der abperlenden Wassertropfen spüren kannst. Die schwebenden Blätter im Herbst, die den Wald in allen Farben glänzen lässt. Jeder Tag da draußen bietet dir eine Neuigkeit! Laufen ist für mich Lebensqualität pur! Ich bin der Natur eindeutig näher gekommen und habe mich zunehmend von unnötiger Technik befreit. Ich bin früher immer mal wieder mit Uhr gelaufen – das mache ich nicht mehr, weil es mich nicht mehr interessiert. Der ganze Technik-Tam-Tam geht mittlerweile völlig an mir vorbei. Frauke und ich sind früher auch viel öfter an Wettkämpfen gestartet. Auch das hat nachgelassen – eigentlich waren wir im Jahr 2018 nur an zwei Wettkämpfen dabei und da spielte auch das Ergebnis eigentlich keine Rolle. Laufen ist Laufen – mit oder ohne Uhr, mit oder ohne High-Tech-Equipment.

Leid der Läufer

„Jetzt stehe ich hier, ich armer Tor……“. Was bleibt nun noch übrig in Sachen „Erkenntnis“? Warum laufen Läufer? Ich nutze jetzt mal den Begriff „Wir“, auch wenn sich diese Erkenntnis lediglich auf meine Erfahrung bezieht. Nein, wir sind nicht süchtig! Wir kompensieren keine Minderwertigkeitskomplexe. Wir kompensieren auch sonst nichts. Wir laufen nicht aus einem unkontrollierbaren Impuls heraus. Nein, wir leiden auch nicht darunter, laufen zu müssen. Wir laufen eben, weil wir es lieben. Wir laufen, weil es unsere ganz große Leidenschaft ist und weil uns das Laufen viel mehr zurück gibt, als wir investieren müssen. Wir sind beim Laufen ganz oft ganz nah bei uns selbst, wir verspüren Lust beim Laufen, wir vergessen Zeit und Raum um uns und genießen den Zustand, der uns dahinfließen lässt – nicht immer, aber doch immer öfter, und wenn das nicht passiert, dann beschäftigen wir uns mit der Welt um uns herum oder denken nach, spielen mit Gedanken und Bildern, hören dem Rhythmus unseres Herzen und unserer Atmung zu oder quatschen miteinander, wenn wir gemeinsam unterwegs sind und teilen unsere gemeinsamen Erlebnisse.

Fehlt mir etwas, wenn ich nicht laufen könnte (Stichwort: Entzugsprobleme)? Definitiv ja! Laufen ist ein integraler Bestandteil meiner Persönlichkeit (vielleicht wirklich erst in diesem Jahr „geworden“). Nennt es meinetwegen Entzugssymptome, aber jeder gut ausgebildete Psychotherapeut weiß, dass es zu einer Suchtdiagnose sehr viel mehr braucht, als lediglich die Erfüllung eines von mindestens fünf weiteren Kriterien. Und die wichtigste davon ist der Leidensdruck. Wir Läufer leiden nicht darunter zu laufen, wir lieben es!

Laufen als Basis der Identität

Ich weiß, was Euch jetzt noch interessiert. Ihr wollt wissen, ob ich weiter mache? Kann ich Euch nicht sagen. Kann sein, aber eben nicht auf Ansage oder auf Zwang! Ich laufe, wenn ich es möchte und wenn mein Bedürfnis danach ist. Und wenn es jeden weiteren Tag nach heute ist, dann ist es so und wenn nicht, dann eben nicht. Ich bin gerade in Tirol in Thiersee und ich habe eine Winterzauber-Welt vor mir. Ich wäre ja bekloppt, wenn ich das nicht ausnutzen würde. Und das Leben eines Bewegungs-Passionisten kann auch aus mehr bestehen, als nur aus Laufen, auch wenn dies für mich die Grundlage, die Basis meiner Identität geworden ist. Aber vielleicht kommt auch mal so ein anstrengender Sommertag mit „erst 21 Uhr nach Hause kommen“ und meine Frauke und ich sitzen  auf dem Balkon und wir belassen es einfach dabei – und genießen ein Glas mit kühlem und fruchtigen Weißwein. Und dann… am nächsten Tag, gehen wir laufen.

Ein paar Worte noch ganz zum Schluss. Dieser Blog ist jedoch der Abschluss der Serie, die ich mit Mathias Liebing (Link), dem Journalisten, der unser Netzwerk Die Sportpsychologen betreut, vereinbart habe. Danke Mathias, für deine wertvolle Unterstützung, die mir beim Schreiben und redigieren der Texte sehr geholfen hat! Danke auch an Euch Leserinnen und Leser. Ich habe viele Rückmeldungen, Fragen und Kommentare zu meinen Blogs bekommen, die ich alle sehr ernst genommen habe, unabhängig davon, ob sie mir gefallen haben oder nicht. Es war eben nicht nur läuferisch ein Experiment, sondern auch journalistisch. Ich höre weder auf mit Laufen, noch mit dem Schreiben darüber. Vorläufig aber nicht mehr in diesem Format. Lassen wir uns überraschen!

Die komplette Serie:

Folge 1: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/01/19/prof-dr-oliver-stoll-streakrunning-ist-mentales-training/

Folge 2: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/02/07/prof-dr-oliver-stoll-grenzenlose-gelassenheit-streakrunning-serie-teil-2/

Folge 3: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/03/02/prof-dr-oliver-stoll-die-sinne-schaerfen-sich-streakrunning-serie-teil-3/

Folge 4: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/03/prof-dr-oliver-stoll-gefangen-zwischen-leistungsorientierung-und-bauchgefuehl-streakrunning-serie-teil-4/

Folge 5: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/02/prof-dr-oliver-stoll-april-der-monat-in-dem-sich-alles-veraendert-streakrunning-serie-teil-5/

Folge 6: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/06/05/prof-dr-oliver-stoll-laufen-im-mai-von-hitze-viel-gruebeln-und-mit-allen-sinnen-geniessen-streakrunning-serie-teil-6/

Folge 7: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/02/prof-dr-oliver-stoll-krisenmonat-juni-streakrunning-serie-teil-7/

Folge 8: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/30/prof-dr-oliver-stoll-das-ende-streakrunning-serie-teil-8/

Folge 9: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/03/prof-dr-oliver-stoll-tierische-instinkte-streakrunning-serie-teil-9/

Folge 10: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/02/prof-dr-oliver-stoll-die-rueckkehr-der-gelassenheit-streakrunning-serie-teil-10/

Folge 11: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/01/prof-dr-oliver-stoll-wenn-die-lust-nachlaesst-streakrunning-serie-teil-11/

Folge 12: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/04/prof-dr-oliver-stoll-grau-kalt-und-ueberraschend-schnell-vorbei-streakrunning-serie-teil-12/

Folge 13: 

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Reingeschaut… mit Robin Köhler

Robin Köhler hat bei “Die rote Couch – Das Sportpsychologie-Barcamp” im Juni 2018 in Bochum auf sich aufmerksam gemacht. Der Student der Universität Paderborn, der selbst Handball auf Leistungssportniveau gespielt hat, war bei unserem Event trotz seines junges Alters einer der aktivsten Teilnehmer. Entstanden ist damals eine Idee, dass Profilinhaber, Freunde und Gäste des Netzwerks ausgewählte Bücher empfehlen.

Zum Thema: Buchrezensionen von Robin Köhler

Die von mir ausgewählten Bücher verfolgen unterschiedliche Ansätze. Während „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ von Dan Millman eine geschichtliche Erzählung ist und den interessierten Leser sicherlich schnell in seinen Bann ziehen wird, kann „The Champions Mind – How Great Athletes Think, Train and Thrive“ von Jim Afremow und „Sportpsychologie im Nachwuchsfußball“ von Jan Mayer und Hans-Dieter Hermann eher fachlich und mit vielen praktischen Beispielen punkten. Dabei strotzt gerade Afremow’s Buch nur so vor Geschichten um beziehungsweise mit Spitzensportlern und seiner sportpsychologischen Arbeit. Wie auch immer – alle Bücher kann ich herzenswarm empfehlen.

Dan Millman: Der Plan des friedvollen Kriegers

Dan Millman’s „Der Pfad des friedvollen Kriegers“ ist ein autobiographisch geschriebenes Buch. Als junger Turner, der an seiner Uni als zukünftige Olympiahoffnung gilt, dreht sich für die Hauptperson alles um Erfolg: Seien es Medaillen, Frauen oder Alkohol. Alles ist ausgerichtet auf Anerkennung. Es ist ein Leben, in dem es an nichts zu fehlen scheint. Eines Nachts macht er die Begegnung mit „Sokrates“. Dieser Mann wird für Millman eine Art Mentor der besonderen Art und er nimmt ihn mit ungewöhnlichen Methoden, die unter anderem an das asiatische Mönchtum erinnern, unter seine Fittiche. Häufig zweifelt Millman an der Wirksamkeit dieser Beziehung, nachdem er sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren soll und allen Verlockungen aus dem Weg gehen soll. Seinen Höhepunkt findet die Beziehung beider nach einem tragischen Motorradunfall Millman’s, bei dem er sich schwer verletzt und die Ärzte ihm sagen, dass er nie wieder Gehen – geschweige denn Turnen – können würde.

Dank Sokrates gelingt es Millman, sich zurück zu kämpfen und trotz einiger Widrigkeiten tatsächlich bei Olympia zu starten. Ob Sokrates wirklich existiert oder ob es nur eine Art eigenes mentales Training ist, kann jeder Leser nach der Lektüre des Buches selbst entscheiden. Sicher ist nur, dass Sokrates Weisheiten auch in der modernen Sportpsychologie Anwendung finden können. Sokrates‘ wichtigster Ratschlag „The time is now“ kann dazu verhelfen, sportliche Höchstleistungen auf den Punkt zu bringen und mit den alltäglichen Schwierigkeiten umzugehen. Nichtdestotrotz werden in dieser geschichtlichen Erzählung, die gut zu lesen ist, viele weitere interessante Ansätze zu finden sein, die in der Arbeit gerade mit jungen Sportlern zum Erfolg führen können.

Jim Afremow: The Champions Mind – How Great Athletes Think, Train and Thrive

Das Buch „The Champions Mind – How Great Athletes Think, Train and Thrive“ von Jim Afremow, einem Mentaltrainer und Berater, der eine feste Größe im amerikanischen Profisport ist, handelt darüber, wie Leistungssportler ihr volles Potenzial ausschöpfen können. In seinem Buch werden sehr viele unterschiedliche Themen behandelt, von der Macht der eigenen Gedanken über Ernährung und Regeneration bis zum Schlaf. Das Buch selbst ist bisher nur auf Englisch verfügbar, allerdings ist es gut verständlich geschrieben und immer in kurze Abschnitte mit klaren Überschriften eingeteilt. Diese Abschnitte kombinieren Alfremov’s Überzeugungen und sportpsychologische Techniken, die er selbst mit seinen Klienten angewandt hat. Daher hat dieses Buch auch einen hohen praktischen Stellenwert und die meisten Techniken können vom Lesenden sofort auf eigene Klienten übertragen werden.

Am beeindruckendsten für mich war jedoch das achte Kapitel „Golden Reflections“. In diesem Abschnitt schildern ehemalige Klienten, darunter etliche Goldmedaillengewinner bei Olympia, ihre persönliche Sichtweise auf ihren Erfolg und die Arbeit mit sportpsychologischen Methoden. Gerade angehende, aber mit Sicherheit auch erfahrene Sportpsychologen, können hier aus den sehr praxisnahen Erzählungen einiges für ihre zukünftige Arbeit mit Athleten mitnehmen.

Jan Mayer und Hans-Dieter Hermann: Sportpsychologie im Nachwuchsfußball

Das dritte Buch im Bunde, welches ich zum Beispiels als perfekte Urlaubslektüre empfehlen kann, heißt „Sportpsychologie im Nachwuchsfußball“. Geschrieben wurde es von Jan Mayer und Hans Dieter Hermann. Beide werden den sportpsychologieinteressierten Menschen in Deutschland ein Begriff sein, können sie doch getrost durch ihre Arbeit beim DFB und DOSB als wichtige Wegbereiter der Sportpsychologie in Deutschland bezeichnet werden. Auf knapp 100 Seiten werden die jungen Sportler in den Grundlagen-, Aufbau- und Leistungsbereich unterteilt (von F- bis A-Junioren). Als Einführung jedoch werden Inhalte eines sportpsychologischen Trainings erläutert, um gewisse Grundlagen zu legen. Es werden unter anderem Begriffe wie Kompetenzerwartung sowie Aktivierungs- und Emotionsregulierung erläutert. Im weiteren Aufbau des Buches finden sich jede Menge praktischer Übungen, welche zum Teil auch direkt beim nächsten Training umgesetzt werden können und einen hohen auffordernden Charakter aufweisen. Die Schwierigkeit der Übungen ist an das jeweilige Alter der Fußballer angepasst und wirkt leicht verständlich und gut umsetzbar. Auch ist zu beobachten, dass jeder Bereich andere Kernkompetenzen als Ziel hat. So muss ein Kind, welches gerade mit dem Fußball anfängt, anders an die Sportart herangeführt werden, als ein junger Erwachsener, welcher während der Pubertät in einer Art Selbstfindung steckt und vielen anderen Verlockungen den Rücken zudrehen muss, wenn er das Ziel einer erfolgreichen Fußballkarriere verwirklichen möchte.

Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass das Buch einen guten ersten Überblick über das Trainieren mentaler Fertigkeiten gibt und Trainer als auch Spieler einige Ratschläge aus diesem ziehen können. Auch wenn das Buch vom Deutschen-Fußball-Bund herausgegeben wurde, kann es auch für andere Sportarten reichlich Handlungsempfehlungen bieten.

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Events: Sportpsychologie zum Anfassen

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Weitere Informationen

Das Interesse am Thema Sportpsychologie wächst. Wir von Die Sportpsychologen empfehlen hier einige bevorstehende Events.

ASP-Tagung 2019

  • Termin: Do., 30. Mai – Sa., 1. Juni 2019
  • Ort: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Mehr Infos: asp2019.de

Tag der Sportpsychologie NRW 2019

  • Termin: 28. Juni 2019
  • Ort: Düsseldorf, Tischtenniszentrum
  • Mehr Infos: wird noch ergänzt

FEPSAC 2019 Congress

  • Termin: Mo., 15. – Sa., 20., 1. Juli 2019
  • Ort: Münster
  • Mehr Infos: www.fepsac2019.eu

Events melden

Haben wir ein Event vergessen? Dann informiert uns bitte per Email über die jeweilige Veranstaltung.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Sportpsychologie „goes public“

Wenn ich meine zahlreichen Interviews mit Medienvertretern in den vergangenen rund 30 Jahren hinsichtlich wiederkehrend nachgefragten Themen durchforste, stehen vor allem zwei Aspekte im Fokus: Was genau macht ein Sportpsychologe und wo findet diese Arbeit im Spitzensport statt? Während die Sportjournalisten nach praxisnahen Fallbeschreibungen mit konkreten und personalisierten Beispielen spechten, muss sich der Sportpsychologe an die berufsethischen Richtlinien halten, die insbesondere seine Schweigepflicht und die Wahrung der Intimsphäre des Athleten tangieren. Welche psychoedukativ-kreativen Möglichkeiten im Umgang mit den Medien vermehrt genutzt werden könnten, beschreibt das folgende Praxisbeispiel.

Zum Thema: Öffentlichkeitsarbeit und Berufsethik

Vertraulichkeit gilt als oberstes Gebot in der Arbeit von Psychologen. Diese impliziert ein hohes Mass an Verschwiegenheit – insbesondere gegenüber einer medialen Öffentlichkeit. Die europäische Vereinigung der Psychologie-Verbände (EFPA) postulieren in ihren Media-Richtlinien (siehe Quellen) einen sorgsamen Umgang mit eigenen Erfahrungen und Fachexpertise in der Öffentlichkeit.

TV, Radio, Internet und Printmedien sind zu wichtigen Quellen von Wissen, Meinungen und Macht geworden. Durch den Einsatz der Medien sollen Psychologen ihr Wissen verbreiten und sich bemühen, zum Wohl der Menschen beizutragen. In den besagten Richtlinien werden u.a. folgende Zielsetzungen eines medialen Auftritts der (Sport-)Psychologie genannt:

  • Austausch von Informationen über verschiedene Bereiche der Psychologie, Forschung und Dienstleistungen;
  • Darlegungen zu Inhalten und Zugänglichkeiten psychologische Dienstleistungen;
  • Verdeutlichung psychologischer Herausforderungen im Umgang mit den Medien;
  • Psychoedukative Hilfestellung für zukünftige Nutzer fachpsychologischer Dienstleistungen
  • Unterstützung von Empowerment-Aktivitäten.
Skispringen hautnah erlebt – die StudentInnen erleben erstmals auch den Sound des Skispringens! (Bild: zvg, Philipp Schmidli)

Prolog: Exkursion in die Welt des Spitzensports – Weltcup-Skispringen in Engelberg

Seit 20 Jahren unterrichte ich an der ETH Zürich das Fach „Sportpsychologie“. In diesen Zeitraum fällt auch meine langjährige Tätigkeit als sportpsychologischer Betreuer der Schweizer Skispringer. Die Angwandte Sportpsychologie ist eines der Kernthemen meiner Vorlesung und am Beispiel „Skispringen“ versuche ich den Studierenden Praxis, Inhalte und Vorgehen eines angewandten Sportpsychologen näher zu bringen. Seit jeher bildet die Exkursion zum Weltcup-Skispringen in Engelberg kurz vor Weihnachten Höhepunkt und Abschluss der Veranstaltung. Dieses Jahr kontaktierte mich der Veranstalter mit der Bitte, unseren ETH-Besuch in Engelberg auch medial zu beleuchten. Die Idee: Ein Journalist der Luzerner Zeitung sollte uns auf Schritt und Tritt begleiten und das Thema „Sportpsychologie“ in Wort und Bild der Leserschaft vorstellen. Vorgängig zum Event führte der beauftragte Journalist Martin Uebelhart ein kurzes Text-Interview mit mir, welches als Basisinformation in sein Feature einfliessen sollte. Der Wortlaut dieses Interviews ist untenstehend wiedergegeben – der schliesslich in der Luzerner Zeitung veröffentlichte Beitrag findet sich auch online unter:

https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/obwalden/das-engelberger-skispringen-aus-sicht-der-sportpsychologie-ld.1078925

Martin Uebelhart (MU) Warum gehen Sie mit Ihren Studierenden ans Skispringen nach Engelberg?

Hanspeter Gubelmann (HG): Es sind Studierende im Fach Sportpsychologie, welches ich an der ETHZ im Herbstsemester unterrichte. Es handelt sich dabei um eine Einführungsveranstaltung, die ausgewählte Themen diese Arbeitsfeldes der Psychologie behandelt. Angewandte Sportpsychologie im Spitzensport ist eines dieser Themen. Die Studierenden sollen im Rahmen dieser Feldexkursion quasi „in vivo“ erleben, was Spitzensportler – „dann wenn’s zählt“ – leisten.

Was schauen Sie sich dabei an?

Es geht vor allem auch um einen Blick „hinter die Kulissen“. Im Rahmen einer geführten Schanzenbegehung bekommen die Studierenden z.B. einen intimen Einblick in die Welt des Skispringens. Nirgends sonst ist dieser hautnahe Kontakt mit der Schanze, den Trainern und Athleten auf diese Art möglich als hier in Engelberg. Der im Theoriesaal dozierte Unterrichtsstoff wird hier quasi lebendig.

Positive Emotionen: die Exkursion nach Engelberg folgt auch erlebnispädagogischen Konzepten. (Bild: zvg, Philipp Schmidli)

Haben Sie auch Kontakt mit den Skispringern?

Ja, das ist auch geplant – aber natürlich nur in Situationen – in welchen die Athleten ansprechbar sind. In den letzten Jahren war es z.B. immer möglich, im Anschluss an die Wettkampf-Pressekonferenz einen der Podestspringer zu interviewen. Zudem wird Andreas Küttel kurz vorbeischauen. Andreas war vor 15 Jahren auch Absolvent des Lehrdiploms Sport an der ETH Zürich und kennt den Inhalt dieser Veranstaltung auch aus Sicht des damaligen Studenten!

Was ist das besondere bei der Sportpsychologie?

Die mentale Stärke ist eine Hauptvoraussetzung, um im Spitzensport im entscheidenden Moment ein Optimum an Leistung zu erzielen. Optimales Training schafft die Grundlage zum Erfolg, inwiefern diese im Wettkampf erfolgreich umgesetzt wird, darüber entscheidet die psychische Verfassung des Athleten. Die angewandte Sportpsychologie kennt Mittel und Wege, wie diese erreicht werden soll. Diese mentale Leistungsoptimierung ist eines von zahlreichen Themen der Sportpsychologie

Können Sie ein paar Beispiele machen?

Ich war 15 Jahre sportpsychologischer Betreuer der Schweizer Skispringer und habe noch heute Kontakt zum Team. Ein grosser Unterschied zwischen Training und Wettkampf liegt unter anderem darin, dass die Aktivierung im Training, z.B. gemessen an der Herzfrequenz, um bis zu 50 Schläge tiefer liegt als im Wettkampf. Diese hohe Aktivierung in Verbindung mit übersteigerter Nervosität kann im Wettkampf zu drastischen Leistungseinbrüchen führen. Der tausendfach geübte Handlungsablauf muss unter dieser hohen mentalen Belastung sprichwörtlich auf den Punkt – beim Absprung – passen.

Ohne gross auf einzelne Skispringer einzugehen, wo oder womit können Sie sie unterstützen?

Jeder Skispringer bringt ein individuelles Set an mentalen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit. Visualisieren hilft zum Beispiel sehr gut im Techniktraining. Jeder Springer geht in der Sprungvorbereitung nochmals seine Checkliste mit geschlossenen Augen durch. Vielleicht hat er im Vorfeld lernen müssen, mit negativen Gedanken besser umzugehen oder sich vom Konkurrenten nicht mehr ablenken zu lassen. Hier helfen Trainingsformen der Gedanken- und Aufmerksamkeitsregulation.

Ist Skispringen eine Sportart, in der Sportpsychologie besonders gebraucht wird, oder kommt es auf die Sportart nicht an?

Jede Sportart zeichnet sich durch ein spezifisches psychologisches Anforderungsprofil aus. Was ein Skispringer zur perfekten Ausübung dieser „Sekundensportart“ benötigt, nützt dem Marathonläufer herzlich wenig. In diesem Sinne ist der Gebrauch der Sportpsychologie im Skispringen tatsächlich besonders – nämlich genau diesen Besonderheiten entsprechend. Die Bedeutung lässt sich leicht an den Aussagen der Athleten bemessen, die einen sehr hohen Prozentsatz eines geglückten Sprungs der Psyche zuschreiben!

Der Drittplatzierte im 1. Weltcup-Skispringens Daniel Huber (AUT) stellt sich den Fragen der StudentInnen (Bild: hpg)

Epilog: Take home messages für angewandte SportpsychologInnen:

Mit Blick auf das Thema – Sportpsychologie goes public – und den im Rahmen des dargestellten Engelberg-Beispiels gemachten Erfahrungen möchte ich zusammenfassend folgende Leitideen für unseren Fachbereich postulieren:

  • Persönliche Ausseinandersetzung mit den geltenden EFPA-Richtlinien – Board of Ethics 2011: Guidelines für psychologists who contribute to the media;
  • Proaktive Zusammenarbeit mit Medienpartnern und Entwicklung eines Netzwerks mit kompetenten Medienfachleuten;
  • Notwendigkeit einer (individuellen) Schulung und Vertiefung im Medienbereich für Angewandte SportpsychologInnen;
  • Entwicklung passender „Praxis-Schaufenster“ (siehe Beispiel) in Verbindung mit langjährigen Projekten/Arbeitsaufträgen.

Quellen:

http://ethics.iit.edu/codes/EFPA%202005.pdf

http://ethics.efpa.eu/guidelines/

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Jan D. Deneke: Surfen – Die Essenz vom Hier und Jetzt

Im Hier und Jetzt sein. Einfach in der Theorie, schwer in der Praxis. Die Schnelllebigkeit, das Leistungsprinzip, die Medienpräsenz und der permanente Informationsfluss beanspruchen unsere ständige Aufmerksamkeit. Momente der Stille sind selten. Wir haben verlernt, nichts zu tun und zuzuhören. Das Gedanken-Karussell kommt selten zur Ruhe. Das sind u.a. Gründe, warum Natursportarten wie Wellenreiten (Surfen) immer mehr Bedeutung zukommt. Beim Surfen kommt es zu einer direkt erlebten Verbindung zur Natur. Wortwörtlich bewegt sich der Surfer auf einer sich durch den Ozean bewegenden Energiewelle, die tausende Kilometer entfernt durch Windbewegungen in Tiefdruckgebieten entstanden ist. Nur in wenigen Sportarten besteht eine so unmittelbare und oft meditative Verbindung zur Natur.

Zum Thema: Sportpsychologische Aspekte der Natursport Surfen

Surfen und insbesondere das Surfen einer Barrel ist der Inbegriff von „im Hier und Jetzt sein“. Das voll und ganz in der Gegenwart und in seinem Element zu sein, wirkt sich positiv auf die Psyche aus und begünstigt das Flow-Erleben.

„The act of the ride is the epitome of „be here now“, and the tube ride is the most acute form of that. Which is: your future is right ahead of you, the past is exploding behind you, your wake is disappearing, your footprints are washed from the sand. Its a non-productive, non-depletive act that is done purely for the value of the dance itself.“  

Timothy Leary

Die Theorie der Transient Hypofrontality (Arne Dietrich) geht davon aus, dass der Vorderstirnlappen oder präfrontale Kortex bei besonders komplexen motorischen Bewegungsabläufen zeitweise herunter reguliert wird, um den rechnerischen Anforderungen einer Bewegungsausführung und Wahrnehmung gerecht zu werden. Dabei ist der präfrontale Kortex der Ort, in dem nicht nur höhere kognitive Prozesse stattfinden, sondern u.a. auch das (reflektierende) Selbst und das abstrakte Denken verortet wird. Fähigkeiten, die das Menschsein ausmachen und uns letzten Endes auch von Tieren unterscheidet. Konkret bedeutet das, dass das Gehirn in solchen Situationen auf Automatismen zurückgreift. Das Gehirn hat dann keine freien Kapazitäten, um sich auf metakognitiver Ebene Sorgen zu machen und der Geist kommt zur Ruhe. So zerfließt das Selbstbild mit steigender sportlicher Anforderungen. Das ist Balsam für die Psyche und macht süchtig. Evolutionär haben sich diese prähistorischen Krisen- und Fluchtmechanismen bewährt und sind daher fest in unserer DNA verankert.

Flow-Erlebnisse nutzen

Heute finden sich diese Flow-Mechanismen in Extremsportarten wieder: So berichten Sportler bei langjährig trainierten Sportarten von Zuständen der Trance. Die sportliche Tätigkeit wird intuitiver, weniger verkopft und mehr vom Gefühl geleitet ausgeführt. Körper und Geist verschmelzen und ermöglichen ein perfektes, unbewusstes Zusammenspiel. In diesem Zustand höchster Konzentration befindet sich der Sportler im Hier und Jetzt, ohne Gedanken an das, was war und sein wird. In Studien wurde festgestellt, dass Flow-Erfahrungen indirekt leistungsfördernd sind, insofern als dass der Sportler das Flow-Erlebnis erneut erfahren möchte und daraus Motivation generiert. Mit steigender Expertise wird die sportliche Handlung automatisiert und das Flow-Erleben wahrscheinlicher.

Das Flow-Erleben und Surfen liegen nah beieinander. Verschiebt sich aber der Fokus von (angehenden) Profi-Surfern hin zu einer konsequenten Leistungsorientierung, birgt dies die Gefahr, dass der Surfer seine Leichtigkeit – die letztendlich den Unterschied ausmachen kann – verliert. Einer der größten Fehler von vielen intermediaten und fortgeschrittenen Surfern ist es, den Fokus auf der Welle zu weit voraus zu setzen, um so frühzeitig kritische „Sections“ der Welle zu erkennen. Das erzeugt wortwörtlich Distanz zwischen dem Jetzt und der Zukunft. Der Surfer fährt der Welle davon, verliert wichtigen Raum und Zeit, anstatt den Fokus auf dem Moment zu halten und direkt nach dem Takeoff das erste Manöver zu fahren. Dieser Fehler passiert vor allem dann, wenn der Surfer zu „verkopft“ ist und wenig Vertrauen in sein intuitives Gefühl und langjährig antrainierte Automatismen hat. Eine einfache Maxime könnte als lauten: Weg vom Denken, hin zum Fühlen.

Nimm Kontakt auf: https://www.die-sportpsychologen.de/jan-d-deneke/

Let go of your expectation

Löse dich (im Wasser) von deinen und vor allem von den Erwartungen anderer, denn sie verschieben deinen Fokus auf das Resultat und somit erneut auf die Zukunft. Der Sportler ist überall anders, nur nicht und im Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt ist jedoch der entscheidende Moment. Wir verändern unsere Zukunft nicht in der Zukunft, sondern immer nur durch Gedanken und Handlungen in der Gegenwart. Das Resultat können wir in den seltensten Fällen kontrollieren, wir können nur Voraussetzungen schaffen: Alles geben und erst im Anschluss schauen, welche Früchte wir dafür bekommen. Ziele und Intentionen sind natürlich unersetzlich, um zu wissen, wohin wir gehen. Doch Erfolge finden im Moment statt. Verfolgen wir Erwartungen anderer, laufen wir hinterher, anstatt den Prozess zu genießen. Des Weiteren sind diese Erwartungen häufig ein Trigger, um nervös zu werden und den Fokus zu verlieren. Wahlweise kannst du versuchen 20-30 min leistungsorientiert und mit ein bis zwei konkreten Zielen zu trainieren, um dann anschließend diese Ziele und Erwartungen aufzulösen und von allem losgelöst und intuitiv zu surfen.

Probier es aus und nimm gern Kontakt auf. Die Kontaktdaten von meinen Kollegen von Die Sportpsychologen findest du hier, zu meiner Seite geht es hier entlang: https://www.die-sportpsychologen.de/jan-d-deneke/

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Johanna Constantini: Wer nicht trackt, ist nie gelaufen! (inkl. Audio)

Bei meinen Recherchen zum Umgang mit sozialen Medien im Sport ist mir bereits des Öfteren das allseits präsente Phänomen des „Trackings“ untergekommen. Egal ob über diverse Fitness-Apps, eine Online-Community oder direkt über soziale Netzwerke wie Facebook: als Leistungsgesellschaft leben wir in einem Zeitalter, das durch die Suche nach Anerkennung geprägt ist. Dabei hilft uns das online Tracking sportlicher Leistungen ungemein.

Zum Thema: Was SportpsychologInnen von sozialen Medien wissen sollten (Teil 11)

Wer kennt das nicht? Die Smartwatch hat keine Akku-Leistung mehr und der Lauf macht schon vorher nur halb so viel Spaß. Wer soll nun meine Leistung im Nachhinein bewerten (außer vielleicht mein tierischer Laufpartner, der mich keuchend an der langen Leine begleitet), wie kann ich meinen virtuellen Freunden meine neu entdeckte Route, die Höhenmeter und vor allem meine Bestzeit präsentieren? Heute gar nicht? Wieso dann laufen?

Hinweis: Du kannst dir Johanna Constantinis Beitrag auch anhören. Unsere Profilinhaberin aus Österreich hat den Text eingelesen. Hier geht es zur Audio-Datei:

Von Online-Bestätigung und digitaler Messbarkeit

Dieses Beispiel soll natürlich als Extremfall dienen, der jedoch einen nicht unwesentlichen Teil der heutigen Leistungsgesellschaft widerspiegelt. Denn wer leistet, der präsentiert dies oftmals auch online. Wie sonst hätten Fitness-Tracking-Apps wie Runtastic es geschafft, nach vier Jahren am Markt rund 70 Millionen Nutzer weltweit zu zählen (dpa, 2015). Das 2009 gegründete Linzer Unternehmen wurde mittlerweile übrigens von Adidas übernommen – Unternehmenswert damals: 220 Millionen Euro.

Du willst mehr über Johanna Constantini erfahren? https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Nicht nur, dass Millionen von Usern ihre ganz persönlichen Erfahrungen mithilfe von Apps teilen, sondern, dass die Fitnessdaten der User selbst den Wert der“ digitalen Helferchen“ ausmachen. Schließlich entscheiden wir als User, welche neuen Features entwickelt werden müssen, und nicht umgekehrt.

Wissen ist macht – vor allem im online Bereich

Weil die Dosis das Gift verursacht, so sollten wir uns bewusst machen, dass wir als User sozialer Netzwerke mitbestimmen, welche Phänomene aufkommen und welche aufgrund von zu geringer Nachfrage keine Rolle spielen. So beschreibt der Psychotherapeut und Buchautor Martin Altmeyer das Streben nach Anerkennung online als ein ständiges Wechselspiel zwischen Effizienz-Maxime & Glücks-Maximen (Altmeyer, 2012). Was macht uns als SportlerInnen, TrainerInnen oder SportpsychologInnen also effizient genug, um unseren Anforderungen nachkommen zu können? Und – wenn nicht viel wichtiger – was macht uns dabei glücklich?

Während Fitness-Apps uns beispielsweise sehr wohl dabei helfen können, Trainingspläne effizient zu gestalten, uns austauschen und neue Erfahrungen mit anderen Usern zu teilen, sollten wir dabei genauso auf die Glücks-Maxime in unserem Training achten.

Fazit

Macht uns oder unsere AthletInnen das Training nur glücklich, wenn wir und sie dieses mit beinahe unbekannten, virtuellen Freunden teilen können? Würden wir oder sie eigentlich lieber abseits jeglichen Online-Trackings trainieren? Lassen sich offline Trainings überhaupt umsetzen und wenn ja, wann macht es Sinn, sich auszuloggen? Wenn wir online sind, wie werden wir mit Leistungseinbußen umgehen? Wollen wir diese ebenfalls in unserer Community teilen? Fragen über Fragen, die wir uns nicht scheuen sollten zu stellen, um die Dosis einzustellen, die dem Gift vorbeugt.

Die komplette Serie:

Quellen

https://www.wort.lu/de/business/70-millionen-user-adidas-kauft-sport-app-runtastic-55c2411a0c88b46a8ce5de62

Altmeyer, Martin. Auf der Suche nach Resonanz: Wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert Taschenbuch. 2016

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Dr. René Paasch: Die Würde der Nachwuchsspieler ist unantastbar

Wir leben in einer sich immer schneller um sich selbst drehenden und komplizierter werdenden Fußballwelt. Viele Eltern und Spieler haben das Gefühl oder es bereits selbst erlebt, dass der Leistungsdruck und die Bewertungen im Vordergrund stehen und demgegenüber die dafür notwendige individuelle Wertschätzung immer mehr verloren geht. Die Sehnsucht nach Nähe, Respekt, Ehrlichkeit, Anstand, Verbundenheit und der Wunsch, im Hier und Jetzt zu leben, sind riesig. Doch was ist die menschliche Würde und wie können wir diese in den Nachwuchsleistungszentren verbessern?  

Zum Thema: Der Nachwuchsfußball und die Würde – ist das miteinander zu vereinbaren?

Eltern und Spieler spüren eine tiefe Sehnsucht in sich, dass noch viel mehr möglich ist als wir gerade im Nachwuchssport erleben. Sie suchen bewusst oder unbewusst nach einer größeren Befriedigung als den Leistungsdruck, die Ergebnisse und die bewertungsorientierten Gegebenheiten. Ich möchte zeigen, dass es auch anders funktionieren kann. Es ist mein Herzensprojekt für das Jahr 2019. Ich will mit dem Thema „Würde im Leistungssport Fußball“ möglichst viele Menschen inspirieren und im Ergebnis Hoffnung und Mut machen, dass es anders geht. Ich bin davon überzeugt, dass wir ohne eine gewisse Umkehr, in unserer immer komplexer werdenden Fußballwelt auf schlechte Zeiten zusteuern.

Wonach wir im Leistungssport gemeinsam suchen sollten, ist ein innerer Kompass, den jeder Spieler im Laufe seiner Karriere entwickelt. Er hilft, sich in der Vielfalt der von außen an den Spieler herangetragenen Anforderungen und Angeboten orientieren zu können. Dazu zählen nicht nur die vielen finanziellen Verlockungen und Konsumgüter, die ihm von Spielerberater oder Vereinen angeboten werden. Es ist auch all das, was jemand als Notwendigkeiten und unabwendbare Gegebenheiten betrachtet, welche er zu akzeptieren hat. Kein Spieler kann die in ihm angelegten Stärken entfalten, wenn er in seiner Würde von anderen verletzt wird.

Würde

Die Würde ist eine Vorstellung, die jeder Heranwachsende anhand seiner im Zusammenleben mit anderen gemachten positiven Erfahrungen entwickelt. Diese Vorstellung ist tief in uns verwurzelt. Sie bringt das gewonnene Wissen zum Ausdruck, wie dieses Zusammenleben gestaltet werden müsste. Diese mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Vorstellung wird dann als inneres Bild genutzt, sodass ein Zusammenleben gelingen kann. Die Vorstellung von der eigenen Würde wird also zu einem wesentlichen Bestandteil des Selbstbildes. Kein heranwachsender Fußballer kann die in ihm angelegten Stärken entfalten, wenn er wie eine „Leistungsmaschine“ behandelt oder benutzt wird. Er entwickelt dann all das, was jemand als notwendig betrachtet (Verlust von Autonomie, hierarchische Strukturen, Athletiktraining, Individualtraining, taktische Vorgaben, Verhaltensweisen, Reisebereitschaft, Verlust von Freizeitaktivitäten u.v.m.).

Damit ein junger Spieler den Mut aufbringt und die notwendigen Kräfte mobilisieren kann, muss es etwas geben, dass ihn kräftiger und handlungsbestimmender wirken lässt. Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich dabei um ein inneres Bild, das sehr eng an die Vorstellungen der eigenen Identität gekoppelt und damit zwangsläufig auch sehr stark mit emotionalen Netzwerken verknüpft ist (Hüther, 2018). Es geht dabei um eine innere Vorstellung, wie man sein möchte. Für diese Orientierung gibt es diese wunderbare Bezeichnung: Würde!

Konstruktiver Individualist

Die ersten Erfahrungen hinsichtlich der Stärkung der Würde machen junge Nachwuchsspieler nach Kita und Grundschule in den Nachwuchsleistungszentren. Aber schon die für diese Vereine inzwischen eingeführte Bezeichnung „Nachwuchsleistungszentrum (NLZ)“ macht ja recht deutlich, worum es dort primär geht. Nicht um die Entfaltung, der in den Kindern und Jugendlichen angelegten menschlichen Potentiale, nicht um Erfahrungen, die ihnen ein Bewusstwerden ihrer Würde ermöglichen, sondern um einen Ort, an dem sie sich aufhalten und nach Leistung bewertet werden. Die Bezeichnung Leistung aber bringt nur zum Ausdruck, dass sie dort fremdbestimmt geführt und bewertet werden. So können Erziehungsberechtigte nur hoffen, dass die Trainer mehr darunter verstehen und es ihnen ein Anliegen ist, das Empfinden der Kinder und Jugendliche für das zu stärken, was ihre Würde ausmacht. Erkennen lässt sich das daran, dass Trainer die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche nicht zu Objekten ihrer Erwartungen und Bewertungen, ihrer Belehrungen und der eigenen Karriere machen. Sie brauchen die Begegnung und den wertschätzenden Austausch mit all jenen im Fußball, die sich ihrer Würde bewusst sind. Nur so kann es gelingen, dass auch diese Trainer allmählich eine zunehmend klare Vorstellung und damit auch ein Bewusstsein ihrer eigenen Würde entwickeln. Dann werden sie das, was sie in den Nachwuchsleistungszentren tun, sehr wahrscheinlich auch nicht länger „Leistung“ nennen.

Denn Kinder und Jugendliche sind keine Leistungsmaschinen. Sie dürfen nicht zurechtgestutzt und nach Belieben verbogen werden, damit sie möglichst viel Ertrag und Leistung bringen. Vielleicht gelingt es den Verantwortlichen, Eltern, Trainern künftig besser als bisher, möglichst vielen Spielern bereits vor dem Eintritt in die Erwachsenenwelt dabei zu helfen, das Empfinden für ihren Wert und für ihre eigene Bedeutsamkeit als Individuum zu stärken. Sie lernen dann von ganz allein, anderen Personen so zu begegnen, dass sie deren Würde nicht verletzen. Weil sie sich selbst als konstruktiven Geist wahrnehmen.   

Herausbildung eines Selbstbildes

Der Prozess der Herausbildung eines Selbstbildes, welches die eigene Eingebundenheit in eine menschliche Gemeinschaft verinnerlicht und als innerer Unterstützer hilft, braucht Zeit und Geduld (Kuhl, Künne, Aufhammer, 2011). Das alles lässt sich nicht erzwingen. Es kann nur durch menschliches Aufeinandertreffen und in sich selbst entwickelt werden. Der damit einhergehende Selbstbildungsprozess lässt sich somit nicht beschleunigen. Gelingen kann er nur in einem geschützten und wertschätzenden Verein oder in dessen Umgebung. Von dieser zur Selbstbestimmung erforderlichen Maßnahmen ist in unseren heutigen Nachwuchsleistungszentren nur wenig zu spüren. Wo finden die Heranwachsenden noch Gelegenheiten, die in ihnen angelegten Talente und Begabungen auf eine spielerische Weise zu erproben und ihrer angeborenen Freude am selbständigen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten nachzugehen? Stattdessen werden sie ausgebildet, belehrt, kontrolliert, geprüft und bewertet, geradeso als seien sie nach den Vorstellungen von Trainern formbare Marionetten.

Kein Wunder, dass nicht wenigen dabei die Lust am Leistungssport vergeht. Wie soll jemand, der von Kindesbeinen an ständig gesagt bekommt, was er zu machen hat, seinen Weg finden? Wo können sie all die vielen eigenen Erfahrungen machen, die sie als Grundlage für diesen komplizierten Selbstfindungsprozess brauchen? Und wo haben sie noch Zeit und Ruhe, um über sich selbst nachzudenken und sich zu fragen, wie sie ihr sportliches und privates Leben gestalten und wie sie mit anderen zusammenleben wollen? Heranwachsende, die im Leistungssport Fußball erfahren müssen, dass sie immer wieder zum Gegenstand der Erwartungen, der Bewertungen, der Belehrungen und Vorgaben ihrer Trainer gemacht und damit unwürdig behandelt werden, müssen sogar versuchen, das in ihnen angelegte Empfinden eigener Würde zu unterdrücken. Die Konsequenz ist verheerend.

Nehmen Sie Kontakt zu René Paasch auf: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Fazit

Dass die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche ihr angelegtes Potential in den Nachwuchsleistungszentren entfalten, ist aus meiner Sicht nur in Ansätzen zu erkennen. Der Grund dafür ist nicht die begrenzte Entwicklungsfähigkeit, sondern unsere Unfähigkeit zur Herausbildung und Einstellung von empathischen und fürsorglichen Trainern. Solche sozial kompetenten Trainer zeichnen sich dadurch aus, dass sie jedem einzelnen Spieler nicht nur größtmögliche Freiräume, sondern auch optimale Möglichkeiten und Anregungen für seine individuelle Entwicklung bieten und gleichzeitig ein Höchstmaß an Verbundenheit und Geborgenheit gewährleisten.

Die Vereine solcher individualisierten Vorgehensweisen machen sich nicht länger zu Trägern ihrer jeweiligen Ergebnisse und Interessen. Stattdessen begegnen sie einander als Mensch. Was wir brauchen sind Entscheider, also Vorstände, Sportdirektoren, Abteilungsleiter und Trainer, die ihre Spieler einladen, ermutigen und inspirieren, über sich hinauszuwachsen und an sich zu glauben.

Mehr zum Thema:

Die dunklen Seiten des Leistungssports:

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Weitere Informationen

Wir empfehlen auch die dazugehörige Multimedia-Story von Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen: http://multimedia.dw.com/depression-im-fussball#321

Literatur

Kuhl, J./Künne, T./Aufhammer, F.: Wer sich angenommen fühlt, lernt besser: Begabungsförderung und Selbstkompetenzen. In: Kuhl, J./Müller-Using, S./Solzbacher, C./Warnecke, W. (Hrsg.): Bildung durch Beziehung. Selbstkompetenz stärken – Begabungen entfalten. Freiburg: Herder 2011

Hüther, Gerald, Hauser, U. (2018) Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Albrecht Knaus Verlag.

Internet: Hüther, Gerald (2009): Die Herausbildung von Ich-Bewusstsein und von Authentizität: Der Vortrag geht der Frage nach, wie Menschen in modernen Gesellschaften ihrer Selbst bewusstwerden und authentisch, aus sich selbst heraus handeln können. https://www.gerald-huether.de/Mediathek/Bewusstsein/Ich_bewusstsein.mp4

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Thorsten Loch: Abstiegskrise – Maßnahmen für den Vorstand

Sportlicher Erfolg ist planbar, oder? Mindestens genauso sollte aber auch der Misserfolgsfall geplant werden. Nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, den Teufel an die Wand zu malen, sondern vorbereitet zu sein. Denn nichts ist schlimmer als in eine krisenhafte Situation hinein zu schlittern. Dann einen Ausweg zu finden, ist für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht brutal. Oft wird es persönlich, teuer oder gleich beides. Der schlaue Manager und Vorstandsvertreter baut also vor…

Zum Thema: Konfliktmanagement für Krisensituationen

Konfliktmanagement hat in der Praxis vor allem damit zu tun, Menschen gemeinsam an einen Tisch zu bringen und zu motivieren, in ent-emotionalisierter Weise vernünftig und problembezogen miteinander zu reden. Aus diesem Grund beziehen sich die im Folgenden beschriebenen Vorschläge in erster Linie auf den Prozess des Krisenmanagements.

Inhaltliche Vorschläge wie „möglichst lange an einem Trainer festzuhalten“, sind aus der Außenperspektive nicht möglich. Jene Ratschläge können nur erteilt werden, wenn eine möglichst genaue Kenntnis der Gesamtsituation innerhalb des Systems vorhanden ist.

Eine Krise ist nicht Unvorhersehbares

Abstiegsgefahr und Abstiegskrisen sind Ereignisse, auf die sich eine sportliche Leistung oder ein Vorstand in einem gewissen Maß einstellen kann. Viel besser als in anderen Lebensbereichen können Kriterien bestimmt werden, ab wann man die Ansicht vertritt, dass die Situation besondere Steuerungsmaßnahmen erfordern. Im Vorlauf einer Saison kann quasi eine Krisenprävention durch einen geeigneten Interventionsplan vorbereitet werden.

Beispielsweise ist es möglich, im Vorlauf einer Saison bestimmte Kriterien zu definieren, deren Erfüllung automatisch einen Plan zur Bündelung der Kräfte für den Ligaverbleib aktiviert. Es ließe sich beispielsweise ein mehrstufiger Krisenplan entwickeln, in welchem in Abhängigkeit von der Bedrohlichkeit der Situation unterschiedliche Maßnahmen definiert werden. So könnte zum Beispiel das Erreichen einer bestimmten Punkteausbeute zur Hälfte der Saison ein Marker darstellen. Der Vorteil eines solchen Interventionsplanes besteht darin, dass der Vorstand frühzeitig beginnt, der Entstehung einer Abstiegskrise gegenzusteuern.

Nehmen Sie Kontakt zu Thorsten Loch auf: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Kommunikation und Transparenz

Ein „runder Tisch“ mit möglichsten vielen Funktionsträgern kann eine gute Idee sein. Er dient im gemeinsamen Problemlöseprozess dazu, herauszufinden, was die Mannschaft braucht und was sich auf allen Ebenen verbessern lässt. Die Leitfrage wäre: Was kann jeder dazu beitragen, seine Arbeit zu verbessern und die Verunsicherung im Team zu reduzieren und/oder den Druck zu nehmen? Es ist wichtig, dass ein solcher Tisch vom Vorstand/Management einberufen und institutionalisiert wird, weil er sonst dem Trainer als Schwäche ausgelegt werden kann und seine Kompetenz in Frage stellen könnte.

Dem Trainer gegenüber sollte mit offenen Karten gespielt werden. Für diesen ist es sonst eine psychologisch sehr ungünstige Situation, wenn sich ein Klima des Misstrauens entfaltet. Dabei scheint es für einen Trainer weniger problematisch zu wissen, dass man ihm noch zwei Chancen (Wettkämpfe) gibt, als völlig „blind“ laufen zu lassen.

Konkrete Hinweise

Versuchen wir es möglichst konkret: Welche Arbeitsbereiche sollten Entscheider in den Fokus nehmen? Wo lohnt es sich, in Krisensituationen Zeit und Energie zu investieren?

1.Zielbereich: Ent-emotionalisierte und konstruktive Situationsanalyse

Nach der Faustregel: „Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen“ sollte ein Interventionsplan vorsehen, dass sich die Mitglieder von Vorstand und Management in kurzen Zeitabständen treffen. Denkbar wäre nach jedem Heimspiel, um gemeinsam die Situation zu analysieren. Getroffene Entscheidungen sollten sie mit klaren Argumenten und gemeinsamer Stimme nach außen vertreten werden. Will man den Trainer halten, ist es wichtig zu sagen, weshalb man dem Trainer das Vertrauen ausspricht. In diesem Fall geht es um die Stärkung der Strukturen, die man aufrechterhält.

2. Zielbereich: Teamgeist

Es kann durchaus hilfreich sein, dass das Management Gelder zur Verfügung stellt, um Teambuildingmaßnahmen zu finanzieren. Darüber hinaus stehen den Entscheidungsträgern durchaus noch weitere Möglichkeiten zu Verfügung, wie es ihnen gelingen kann, den so genannten „Wohlfühlfaktor“ der maßgeblichen Vereinsangestellten zu erhöhen. Die Bandbreite kann von Optimierung der Trainingsbedingungen bis hinzu Verbesserung des Reisekomforts reichen. Es müssen nicht zwangsläufig Interventionen in Verbindung mit finanziellen Ressourcen sein. Auch ohne finanzielle Aufwendungen ist etwas möglich. Das Stichwort in diesem Zusammenhang heißt Aufmerksamkeitszuwendungen.

Beispielsweise kann dies die persönliche Gratulation zum Geburtstag sein, oder eben auch die konstruktive und engagierte Beteiligung an runden Tischen, Lob für diejenigen, die sich einbringen und Trainer plus Mannschaft ihre Unterstützung anbieten. Dies ist durchaus leichter gesagt als getan. Voraussetzung dafür kann die Vereinsführung schaffen, indem sie entsprechend führt (transaktionaler und transformationaler Führungsstil). Nur wenn die Beteiligten nicht die Befürchtung vor Konsequenzen haben müssen, werden sie sich einbringen.

3. Zielbereich: Optimismus/Aufbruchstimmung

Die Vereinsführung kann die Motivation in einem abstiegsbedrohten Verein durch zukunftsbezogene Visionen deutlich beeinflussen. Ein Konzept, aus dem glaubhaft hervorgeht, dass der Verein in Zukunft eine bessere Perspektive hat, wenn der Klassenerhalt gelingt, ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. Insbesondere im Hinblick auf den Faktor Motivation.

Motivation entsteht immer durch die mentale Vorstellung der Zukunft. Dabei sollte ebenfalls mit in Betracht gezogen werden, dass es nicht nur in der Öffentlichkeit als demotivierend wirkt, wenn man ständig zu hören bekommt, was alles nicht möglich ist. Motivierendes Management erfordert realistische Visionen und natürlich auch persönliche Überzeugung und Begeisterung für diese Visionen.

Fazit:

Im zweiten Teil dieser kleinen Serie zu der Thematik Abstiegskrise im System Verein, wurde in dem vorliegenden Beitrag nach dem Trainer die Position des Vorstandes und deren Möglichkeiten näher beleuchtet. Wie wir gesehen haben, steht das Management im Vergleich zu anderen Teilbereichen des Systems, vor einem Wirrwarr von Unvorhersehbarkeiten. Jedoch ist das Management diesem nicht hilflos ausgeliefert. Anders als in anderen Abschnitten des Lebens, ist es möglich, präventiv zu arbeiten. Dazu sollten die Verantwortlichen vor dem Beginn einer Saison ein mehrstufiges Krisenmanagementsystem entwickeln. Damit wird es den Entscheidungsträgern möglich, drohende Krisen früher zu erkennen und entsprechend rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuläuten, bevor es zu spät ist. Die Schwierigkeit besteht darin, realistische Kriterien zu benennen und konstruktiv zu beurteilen, damit sich der Verein nicht – gefühlt – aus heiterem Himmel im Abstiegsgefahr wiederfindet.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/09/thorsten-loch-abstiegskampf-wie-krisen-funktionieren-und-sich-loesen-lassen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/28/thorsten-loch-abstiegskrise-massnahmen-fuer-den-trainer/

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Johannes Wunder: Die Rolle der Sportpsychologie im Recruiting

Kürzlich erwähnte Heiko Schelberg, der Geschäftsführer der Gießen 46ers, in der BIG Basketball wie wichtig es doch gewesen sei, mit so genannten Soft Facts in die Vertragsverhandlung mit dem Top-Spieler John Bryant zu gehen. Soft Facts meint hier den Umgang mit dem Menschen. Der Begriff „Club-Familie“ fällt im gleichen Zusammenhang und der Wohlfühlfaktor steht im Raum. Nicht nur für den Spieler selbst, sondern auch für dessen eigene Familie. Man versuche regelrecht, Wünsche von den Lippen abzulesen und dort zu helfen, wo Bedarf ist.

Zum Thema: Standortfaktor Sportpsychologie für Basketballbvereine

Ein für mich maßgeblicher Soft-Fact ist zweifelsohne das Thema Sportpsychologie. So haben in den vergangenen Wochen gleich mehrere Basketball-Profis über ihre Erfahrungen mit der Sportpsychologie berichtet. Top-Stars wie Kevin Love, aber auch Nationalspieler wie Kostja Mushidi äußerten sich öffentlich zu ihrer ganz eigenen „Wohlfühl-Atmosphäre“, nämlich durch die Arbeit mit einem qualifizierten Berater. Dass das Profi-Business unter erheblichen und oftmals auch einschränkenden Druckbedingungen stattfindet, haben viele meiner Kollegen bereits thematisiert. Auch ein möglicher Umgang mit Problemsituationen wurde sportpsychologisch mehrfach ausgeführt.

Immer noch finden sich im Basketballsport in Deutschland erschreckend wenige Anlaufstellen für Profi-Sportler und noch weniger für die Profis von Morgen. Vorreiter im Thema Sportpsychologie gibt es wenige. Alba Berlin zeigt allerdings positiv, wie das Thema umgesetzt werden kann. So gibt es im Verein eine sportpsychologische Leitung und regelmäßig dürfen qualifizierte Studenten, wie aktuell Lisa König aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen, die Vereinsteams begleiten. Das führt nicht nur zu einer Sensibilisierung für die Wichtigkeit des Themas Sportpsychologie und dem Abbau von Vorurteilen bei Athleten und Eltern, sondern erleichtert später auch den Zugang zu Sportlern im Profibereich.

Direkt zu Johannes Wunder Kontakt aufnehmen: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Fehlt der wirtschaftliche Mehrwert?

Wirtschaftlich sehen viele Clubs noch immer keinen Mehrwert, welchen die Sportpsychologie mit sich bringt – anders als beim Thema Athletiktrainer oder Physiotherapeuten. Wer den Sprung in den Profi-Kader nicht schafft, wird ausgetauscht und für alle Spieler, die an der Drucksituation scheitern, gibt es bereits Ersatz. Natürlich hat jeder Verein auch einen pädagogischen Auftrag, welcher immer größer wird, je länger die Vereinsstrukturen an der Entwicklung des Spielers, sportliche wie menschlich, beteiligt sind. Aber intern wird dieser häufig doch anders definiert, da in vielen Vereinen nach wie vor streng kalkuliert werden muss.

Ein für mich zentraler Mehrwert entsteht aber offensichtlich, wenn man das Beispiel John Bryant auf den Nachwuchs transferiert. Viele talentierte Jugendspieler wagen irgendwann den Schritt aus ihrem Heimatverein in ein Leistungszentrum. Die Angebote sind aber im Kern häufig ähnlich. Vieles dreht sich um die tägliche Förderung, die schulische Ausbildung, Wohnsituation oder aber auch die Durchlässigkeit in den Profi-Bereich. Die meisten Farmteams großer Clubs spielen selbst in der 2. Basketball Bundesliga und die Infrastruktur wird kontinuierlich ausgebaut. Zwar gibt es Unterschiede, ob aber immer der Verein mit den besten Angeboten „gewinnt“, ist zweifelhaft. Die Frage ist, ob eine umfassende Betreuung – auch durch Sportpsychologen des Vereins – den Schritt aus dem behüteten Elternhaus in ein Internat oder eine Gastfamilie erleichtern? Ich finde ja, denn oftmals entscheiden hierbei nicht nur die Spieler selbst, sondern eben auch die Eltern. Eine angepasste, ganzheitliche Betreuung würde für so manchen Club einen Standortfaktor bedeuten, welcher sich maßgeblich im Recruiting auswirken kann. Denn Soft-Facts spielen nicht nur im Profibereich eine entscheidende Rolle.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/04/johannes-wunder-was-basketballer-von-bergsportlern-lernen-koennen

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/04/03/markus-gretz-rituale-im-basketball

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Dr. René Paasch: Fußball-IQ – Kreativität und Spielintelligenz im Fußball

Auf den Bolzplätzen sind sie allgegenwärtig, die “Reus”, “Lewandowski” oder “Messi”.  Zumindest auf den Trikotrücken der Mädchen und Jungen stehen die Namen der größten Stars. Vor allem Kinder und Fans haben meist eine genaue Vorstellung davon, welchen prominenten Spieler sie verehren. Doch was macht diese Spieler so besonders und lässt sie kreativ und spielintelligenter handeln? Dieser Frage möchte ich in dem nun folgenden Beitrag auf den Grund gehen.

Nimm Kontakt zu Dr. René Paasch auf: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Zum Thema: Kreativität und Spielintelligenz im Fußball

Aktuelle Studien zeigen, dass Kreativität von personenbezogenen Faktoren beeinflusst wird. Prof. Dr. Daniel Memmert und sein Team nehmen an, dass Kreativität weniger eine feste Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern aus kontextuellen und persönlichen Variablen besteht. Sie liefern eine theoretische und empirische Basis für die Annahme, dass allein die Vorstellung, Cristiano Ronaldo zu sein, bei einem Amateurkicker Effekte auf die eigene Kreativität habe. Um dies zu überprüfen, führten Memmert und Furley drei separate Experimente mit insgesamt 180 Fußballern durch. Als kreative Vorbilder wurden in einer Vorstudie für das Projekt Lionel Messi und Thiago Alcántara ermittelt. Als weniger kreative Vorbilder Per Mertesacker und John Terry. Im ersten Schritt wurden die Teilnehmer in vier Gruppen à 30 Probanden eingeteilt. Zwei (kreative) Messi/Thiago-Versuchsgruppe und eine (wenig kreative) Mertesacker/Terry-Versuchsgruppe. Jeder Teilnehmer wurde einzeln im Labor getestet. Die Zuordnung zum jeweiligen Spieler und das eigentliche Ziel war dem Zufall überlassen. Über ein experimentelles Priming-Muster (Näheres über Priming finden Sie hier https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/25/dr-rene-paasch-priming-im-fussball/#). sollten sie zunächst die Fähigkeiten und das spezifische Verhalten der Profispieler möglichst genau schriftlich skizzieren. Anschließend mussten sie fußballspezifische Entscheidungsaufgaben erfüllen, die sich aus der Beurteilung von 20 Angriffsszenen zusammensetzten. Nach jeder Szene hatten sie die Aufgabe, alle taktischen Lösungsmöglichkeiten aufzulisten, die sich in ihren Augen aus der Spielszene ergaben. Anschließend wurden alle von den Teilnehmern genannten Lösungsideen in sieben Kategorien eingeteilt und über ein gängiges Punktesystem analysiert. Zwei unabhängige Fußballexperten bewerteten dazu die Originalität der Lösungsvorschläge. Auch beim dritten Experiment bedienten sich die Wissenschaftler der zuvor ermittelten kreativen und weniger kreativen Spieler. Die Testaufgaben waren für die Probanden dieser Gruppe dieselben wie bei den vorherigen beiden Experimenten. Der Unterschied im Untersuchungsdesign lag in der experimentellen Priming-Manipulation: Anstatt die Charakteristika der beobachteten Spieler zu notieren, erhielten die Versuchsteilnehmer unterschiedliche Antwortbögen für ihre Notizen, auf denen Farbbilder und Namen der Fußballer aufgedruckt waren. Die Ergebnisse aller drei Experimente bestätigen, dass die Vorstellung bzw. die Wahrnehmung von kreativen bzw. weniger kreativen Spielern die Kreativität im Fußball beeinflussen kann.

Ein weiteres wichtiges Feld der Exekutivfunktionen ist die Spielintelligenz. Um Kombinationsfußball auf höchstem Niveau zu spielen, bedarf es einer ausgeprägten Kreativität und einer hohen Spielintelligenz, die bereits in jungen Jahren gefördert werden muss. Doch was ist eigentlich die Spielintelligenz?

Spielintelligenz

Was macht einen spielintelligenten Fußballspieler aus? Die Antwort auf diese Frage ist schwer zu beantworten, weil neben den technischen und konditionellen Fähigkeiten auch die Spielintelligenz eine Rolle spielt. Also die Fähigkeit, sich situationsgerecht und kompetent im Spiel einzubringen. Vestberg, Gustafson, Maurex, Ingvar, Petrovic (2012) lieferten eine vielversprechende Erklärung zur Spielintelligenz. Sie stellten die Hypothese auf, dass die kognitiven Funktionsweisen (Näheres dazu: https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/09/dr-rene-paasch-von-wegen-ein-einfacher-pass-exekutivfunktionen-im-fussball/) wichtig sind, um einen Fußballer intelligenter spielen zu lassen. Sie konnten nachweisen, dass die Profispieler bessere Ergebnisse erzielen konnten gegenüber dem Durchschnitt. Und nicht nur das. Zudem konnte anhand der Ergebnisse der Erfolg in der darauffolgenden Saison vorhergesagt werden und die besonders kreativen und spielintelligenten Spieler lieferten mehr Torvorlagen und schossen auch die meisten Tore.

Fazit

Der Fußball wurde schon immer von bestimmten Gegebenheiten geprägt. Während der Fußball in seinen Anfängen in erster Linie technisch geprägt war, wurde in den 70er Jahren immer mehr in den physischen Komponenten trainiert, bevor dann in den 80er und 90er Jahren die Schulung der Taktik vermehrt im Vordergrund stand. Durch den enormen Fortschritt in der Trainingslehre und Athletik ist im modernen Fußball für jeden Spieler eine hervorragende technische, taktische und physische Ausbildung selbstverständlich geworden. 

Nun tritt mit der Spielintelligenz und Kreativität ein weiterer Punkt immer mehr in den Vordergrund, der oftmals den entscheidenden Unterschied ausmacht. Aus diesem Grund sollte die Ausbildung der Exekutivfunktionen im Fussballtraining mehr Beachtung geschenkt werden.

Mehr zum Thema:

Literatur

Furley, P., & Memmert, D. (2018): Can creative role models prime creativity in soccer players? Psychology of Sport and Exercise, 37, 1–9. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2018.03.007

Memmert, D. (2011): Creativity, expertise, and attention: Exploring their development an their relationships. Journal of Sport Science, 29 (1): 93-102.

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